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rn. 165 Erstes Blatt

Donnerstag, 15. Juli 1926

176. Jahrgang

GieMner Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Vrvtk und Verlag: vrühl'fche Univerfitüt5-Vuch- und Lteindruckerei R. Lange in Sietzen. Zchristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.

Das französische Nationalfest. |

staai uno Wirtschaft

Eine Rede des preußischen Finanzministers

die im

ge- zur be-

geweiht ist und geweiht bleiben wird, wird Italiens Denkmal unauslöschlicher Kulturschande sein."

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertag».

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Gießener Familienblatter Heimat im Bild Die Scholle

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Chefredakteur

Dr. Fnedr Wilh. Lange. Berantworllich für Politik Dr Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein; für den An­zeigenteil Hans Füstel, sämtlich in Gießen.

Frankfurt a. 1, 14. 3uli. (WB.) Der preußische Finanzminister Hoepket-Aschosf sprach in der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft vor geladenem Publi­kum über »Wirtschaft und Finanzen". Der Mi­nister erörterte eingehend die Beziehung des Staates zur Wirtschaft und betonte, daß der Staat allein der Wirtschaft nicht über die Krise hinweghelfen könne, in der sie sich heute befände. Er könne ihr wohl die ^leberwindung derselben erleichtern, aber letzten Endes müsse sich die Wirtschaft selbst helfen. Es werde ihr nichts anderes übrigbleiben, als den Weg der Rationalisierung durchzufuhren und dieser Weg müsse unbedingt ähnlich wie bei der Stabili­sierung der Währung zu Ende gegangen werden. Der Minister stellte dann die Frage, inwieweit

der Staat Kreditgeber der Wirtschaft

sein könne. In den letzten drei Jahren habe der Staat notgedrungen der Industrie, wie a. D. bei der Liquidation des Stinnes-Konzerns, des Stumm-Konzerns, den Werften, den Ober- schlesischen Werken usw. mit Krediten beisprin­gen müssen. Ruch bei einigen Zechen im Ruhr­gebiet habe der Staat mit Krediten einspringen müssen. Als letztes Werk in dieser Hinsicht hob der Minister die Aktion für den Eifenerz­bau im Siegerland und an der Dill hervor, welche Gebiete sich in einer außer­ordentlichen Rotlage befänden. Dem Siegerland­bergbau feien die Kredite bewilligt worden unter der Voraussetzung, daß die Preise herab­gesetzt würden und daß die westfälische In­dustrie diese Erze abnimmt. Vielfach feien aber Kreditaktionen vorgenommen, wie z. D. diejenige Augunsten des Mittelstandes und der Landwirt­schaft, die nicht hätten vorgenommen werden dürfen, da sie in ihren Auswirkungen die Be­gehrlichkeit steigerten und die Unzufriedenheit noch größer werden lassen. Der Minister lehnte unter allen Umständen ab. nochmals Kredit­aktionen wie die genannten zu übernehmen.

Der Staat fei nicht dazu da, den Bankier der Wirtschaft zu spielen. Diese Aufgabe müsse den berufenen Vertretern der Wirtschaft und den Bankinstituten obliegen.

In diesem Zusammenhang erörterte der Mi­nister die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn der Staat Institute wie die Deutsche Ren» kenbank und die Realkreditanstalt nicht ins Leben gerufen hätte. Pflicht des Staates sei es jedoch, darauf hinzuwirken, daß die Zinssätze sich in mäßigen Grenzen bewegen.

Der Minister besprach dann die Frage inwie­weit der Staat als Auftraggeber die Wirt­schaft befruchten und ihr über die furchtbare Krise hinweghelfen könne. Don verschiedener Seite werde gefordert, daß Preußen auf diesem Gebiete mehr tun müsse. Preußen habe aber in dieser Hinsicht bereits sehr viel getan. Cs habe zum Dau von Bahnen der Reichsbahn erhebliche Beträge zur Verfügung gestellt, habe eine planmäßige Siedlungspolitik mit sehr starkem Erfolge verfolgt und sei weiter bestrebt, Wohnungen für Landarbeiter zu schaffen, um auf diese Weise das Problem der Entbehrlichmachung von 150 000 Fremden, hauptsächlich östlichen Wanderarbeitern und deren Ersetzung durch deutsche Arbeiter, zu lösen. Wei­ter habe Preußen in diesem Jahre mit einer Ausgabe von rund 100 Millionen Mark für pro­duktive Arbeiten zu rechnen; außerdem stehe ein Extraordinarium von 125 Millionen Mark in Aussicht. Die größte Aktion, die der preu­ßische Staat unternommen habe, sei jedoch

die Förderung der Bautätigkeit.

Aus Mitteln der Hauszinssteuer, die zwar von manchem als hart empfunden werde, aber deren Berechtigung niemand leugnen könne, seien im vergangenen Jahre 400 Millionen Mark für Reubauten zur Verfügung gestellt worden. Für das laufende Jahr könne mit einem noch ver­stärkten Bauprvgramm in Höhe von rund 430 Millionen Mark gerechnet werden. Der Minister kam dann auf die produktive Erwerbslosenfürsorge zu sprechen, wo­bei er betonte, daß manchmal Arbeiten vorge­nommen wurden, die nicht gerade unbedingt not­wendig waren. Künftighin mühten die Objekte der produktiven Crwerbslosenfürsorge viel sorg­fältiger geprüft werden, bevor sie in Angriff ge­nommen werden.

Der Reichskanzler zur Aufwertungssrage.

Berlin, 14. Juli. (TU.) Reichskanzler Marx hat gestern abend anläßlich einer im Krcishaus zu Cleve mit Vertretern der Bürgerschaft und der politischen Parteien abgchaltencn Besprechung eine Rede gehalten, in der er zunächst auf die A nfwe r- t u n g und die jetzigen Bestrebungen zu sprechen kam, die alten Taufen dm arksch eine wieder in Kraft zu fetzen. Cr erklärte dazu, cs seien nach dem Ausweis noch 126 Milliarden in Taufendmarkscheinen nicht an die Reichsbank zu- rürfgegangen. Wenn nur 20 Milliarden präsentiert würden, fei der Bankrott wieder da. Der Kanz­ler erklärte, er fei bekannt als ein Mann, der viel­leicht zu gutmütig fei, aber er habe die Pflicht als Reichskanzler, jedes persönliche Empfinden zurück» zuftellen und daran zu denken, das Volk zu retten. Er habe den Satz ausgesprochen, das deutsche Volk gehe nicht zugrunde, wenn es sich nicht selbst zugrunde richte. Ein Wort müsse man sich immer wieder in feiner ganzen Furchtbar­keit vor Augen halten:Wenn unsere Währung noch einmal ins Gleiten käme, bann ist cs aus mit dem deutschen Volk, bann gibt cs feine Rettung meh r". Darum auch kein Ruf nach Ersatz unb Aufwertung! Der Reichskanzler erklärte, er teile nicht ben Optimismus vieler, die an die Stützung des Franken glauben. Man sollte glauben, die französische Regierung habe von uns gelernt, das Lernen nütze aber nichts, wenn nicht das Gelernte rücksichtslos in die Tat umge­fetzt würde. Dies dem französischen Volk zuzu» muten, habe noch kein französischer Staatsmann den Mut gehabt.

das errichtende Siegeszeichen Italiens abgeben. So will es offenbar lateinische Kultur. Wir überlebenden, nicht Zwange stehenden Kaiserjäger nehmen die plante Tat des neuen Italiens öffentlich Kenntnis. Italiens Siegesdenkmal, das sich vußt auf dem Orte erheben soll, der dem An­denken unserer toten Brüder in Bozen

hat Bayern, und nicht zuletzt auch das Reich selbst viel zu danken. Wenn et schließlich gehen mußte, so sind die Gründe hierfür mehr in den Auswir­kungen der Kohr-Politik auf innerpolitifdjem Ge­biet zu suchen, zum Teil aber auch bei seiner Par­tei, der Bayerischen Volkspartei, selbst. Diese hat sich aber später wieder redliche Mühe gegeben, Lerchenfelds Kräfte nicht brach liegen zu lassen. An maßgebender Reichsstelle war man allerdings nur sehr schwer dafür zu gewinnen, einen Parla­mentarier und dazu noch einen Boyern noch Wien zu schicken. Die Wiener Regierung war aber ver­nünftig genug, nicht auf Gegensätzen zwischen Bayern und Oesterreich, wie sie vor vielen Jahren einmal bestanden, herumzureiten. Sie hat dos Agrement erteilt. Wichtiger waren dagegen die Bedenken, einen Parlamentarier als Ausland­vertreter auszuwählen. Gerade Pfeiffer war hier­

für ein warnendes Beispiel. Aber auch diese Hin- dernisse sind schließlich, wenn auch erst nach hef­tigen Kämpfen, überwunden rooroen, zumal die Bayerische Volksportei als Regierungspartei dar­auf bestand, Lerchenfeld müsse nach Wien. Zu hoffen und zu wünschen ist, daß er, gegen den sonst nicht bas Geringste einzuwenben ist, nicht in bie- selben Fehler, wie fein Amtsvorgänger, verfällt

Das Bozener Siegesdenkmal.

Eine Kundgebung der Tiroler Kaiserjäger.

Innsbruck. 14. Juli. (TTl.) Die Vereini­gung ehemaliger Kaiserjäger des zweiten Regi­ments in Rordtirol hat folgende Kundgebung er­lassen:3cbem Volke ist es unbenommen, seine Siege im Waffengang auf eigene A r t zu verherrlichen und der Rachwelt zu überliefern. Jeder Kulturnation aber sollen Denkzeichen für Tote, gleichgültig welchen Volkes und Stammes, unantastbar sein. So wird es hier­zulande gehalten. Anders südlich des Brenners. Dort in Bozen soll das Denkmal der für ihren Kaiser, für ihr Voll und für ihr Vaterland ge­laßenen Kaiserjäger das Fundament für

Kundgebungen geilen Frankreichs Gäste.

Paris, 14. Juli. ($11.) Bei der heute vom Präsidenten der Republik in Anwesen­heit des Sultans von Marokko und des Generals Primo de Rivera abgehaltenen Truppcn-Revue anläßlich der Rationalfeier des 14. Juli kam es wieder zu Gegenkundgebungen. Einige Gruppen Kommunisten, die sich längs der Avenue des Champs Elysees in der Men­schenmenge verteilt hatten, haben General Primo de Rivera, sowie auch das Automobil, in dem Präsident Doumergue und der Sultan fuhren, mit Schmährufen und lang anhal­tendem Zischen begrüßt. Die Hochrufe konn­ten diese Manifestation fast gar nicht übertönen. Reben dem verärgerten Gesicht des Präsidenten ließ das verblüffte Gesicht des Sultans und die stolz verächtliche Miene Primo de Riveras er kennen, daß diese Schmährufe und Zische auch von den Fremden nicht für Ovationen ge­halten wurden. Es find zahlreiche Ver­haftungen vorgenommen worden. In der Segend des Triumph-Bogens, wo sich das offi­zielle und eingeladene Publikum befand, über­zogen die Beifallskundgebungen. Der Präsident der Republik sprach dem Kriegsminister seine Befriedigung über die glänzende Haltung der Truppen aus. General Primo de Rivera hat seinerseits ebenfalls dem Kriegsminister über die Feier seine Bewunderung ausgesprochen. Starke Polizeikräfte sind sofort in die Rähe der spa­nischen Botschaft entsandt worden, um eine Wie­derholung dieser Vorfälle zu verhindern.

Frankreich und Marokko

Der Sultan in Paris.

Der Präsident der Republik, Doumergue, veranstaltete zu Ehren des Sultans von Marokko ein Frühstück, an dem auch General Primo de Rivera, Mi­nisterpräsident Bri.and, mehrere Minister, die Marschälle Frankreichs, viele Generäle und eine Reihe weiterer Politiker und militäri­scher Persönlichkeiten, sowie Mitglieder der musel­manischen Abordnungen aus Marokko, Algier, Tunis und Syrien, die hier eingetroffen sind, um der Einweihung der Moschee beizuwohnen, leilnahmen. In einem Trinkspruch auf den Sultan betonte Präsident Doumergue, daß Sultan Mulay Iussus in seinem Wunsche, Frankreich kennen zu lernen, nicht gezögert habe, mit einer jahr­hundertalten Tradition zu brechen und sein Gebiet zu verlassen, um sich hierher zu begeben. Wenn Frankreich, um den jüngsten Aufstand gegen den Sultan und seine Staaten niederzuschlagen, feine Macht bekunden und habe zeigen müssen, daß es sich auch nötigenfalls mit Waffen­gewalt Respekt verschaffen könne, so wisse der Sultan auch, daß Frankreich vor allem eine Macht des Friedens, der Gerechtigkeit und des Fortschritts sei. Frankreich bemühe sich in Marokko die wirtschaftliche, politische und soziale Entwicklung zu fördern. Cs werde sich nicht nur jedem Versuch, die Integrität des Scherifen- teiches zu verletzen, widersehen, .sondern auch ganz besonders alle Bekenntnisse, die Bräuche und Traditionen erhalten und respektieren.

In seiner Erwiderung zollte der Sultan Mulay I u s s u f dem Waffenerfolg der fran­zösischen und marokkanischen Truppen Anerken­nung, die einen den Bestand des Scherifenreiches bedrohenden Aufstand niedergeworfen und Ord­nung und Frieden wiederhergestellt hätten. Er lege Wert darauf, feine Gefühle der Da nkb ar- f e i t f ü r Frankreich, der Schüherin Marokkos, zum Ausdruck zu bringen. Dieser iteue ihm vorliegende Beweis für den Willen Frankreichs, das für die politische, wirtschaft­liche und soziale Entwicklung Marokkos ausge­arbeitete Aktionsprogramm durchzusühren, hätte leine Sympathie für Frankreich gefestigt und ein enges und unlösliches Band der Freund­schaft und Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern geschaffen. Marokko sei Frank­reich dafür dankbar, daß es loyal seine Integrität wahren und seine guten Traditionen und Reli­gionsbekenntnisse achten wolle.

Im weiteren Verlaufe feiner Ausführungen betonte der Finanzminister, daß unbedingt eine Reform der Erwerbslosenfürsorge anzustreben sei, die der Lohnhöhe Rechnung tra­gen müsse. Die heutigen Sähe der Crwerbslosen­fürsorge seien vielfach so, daß der Wille zur Arbeit fehlen müsse. Das Problem könne nur gelöst werden durch Schaffung einer Reichs- ausgleichskasse. Der Minister ging dann über zur Frage, inwieweit der Staat als Unter­nehmer in die Wirtschaft eindringen dürfe. Hier müsse zu denken geben, was man mit der Reichs­bahn erlebt habe. Der Minister erinnerte an die Haltung des Verwaltungsrates der Reichsbahn in der Frage der Ernennung des neuen Reichs- bahndireilors. Auf keinen Fall dürfe die Reichs­bahn einen reinen Unternehmerstandpunkt ver­treten. Der Minister hofft, daß sich

auf dem Gebiete der Elektrizitätswirtschaft, wo der Staat sich ein gewisses Einflußgebiet ver­schafft hat, sich nicht ähnliche Verhältnisse ent­wickeln werden, wie bei der Reichsbahn. Auf dem Gebiete der Clektrizitätswirtschaft müsse man au einer gewissen Planwirtschaft kommen. Denn cs könne nicht so weiter gehen, daß ein paar große Gesellschaften die ganze Wirtschaft beherr­schen und dadurch gewissermaßen eine Monopol- Herrschaft ausüben. In bezug auf die Elektri­zitätsversorgung entferntliegender und dünn be­völkerter Landstriche, wie z. B. Ostpreußen, hätte die Privatwirtschaft kein Interesse. Diese Frage könne befriedigend nur von der öffentlichen Hand gelöst werden. Der QHiniftA betonte in diesem Zusammenhang, daß die Regierung ein Zusam­mengehen in dieser Beziehung mit der Wirt­schaft wünsche. Was die Verflechtungen des Staates mit der Wirtschaft betreffe, so sei es die große Aufgabe des Staates, gewisse Voraus­setzungen für eine gesunde Wirtschaft zu schaffen. Diese Voraussetzungen seien: Der Staat müsse für Ordnung und Sicherheit sorgen, wei­ter dafür, daß die Wirtschaft in den lebendigen Austausch der Völker der Welt wieder eingeschal­tet wird, damit die Verflechtungen mit der Weltwirtschaft immer enger und enger werden. Das Reich seinerseits müsse für gute und an­ständige Handelsverträge sorgen und die Verträge den Erfordernissen der Gesamtwirt­schaft anpassen. Schließlich seien geordnete Finanzen erforderlich. Zusammen mit dem Reiche müsse

ein vernünftiger Ausbau des Steuersystems geschaffen werden. Preußen stehe gegenwärtig vor einer Reform verschiedener Steuern, u. a. der Grundvermögenssteuer und der Gewerbe­steuer, die sich, wenn sie auch noch mit einigen Schönheitsfehlern behaftet sei, immerhin bewährt habe.

Bei dieser Gelegenheit streifte der Minister auch die Frage der Großen Koalition und betonte, daß eine Regierung, die auf einer so schwachen Koalition aufgebaut sei, wie die preu­ßische Regierung, nicht immer diejenigen Maß­nahmen durchführen könne, die zum Wohle des Staates notwendig seien. Man brauche eine breitere Grundlage, um alle Maßnahmen mit Rachdruck durchführen zu können. In steuer­licher Hinsicht sei es ein Fortschritt, daß die Ver­anlagung für 1926 auf Grund der Veranlagung des Vorjahres erfolge. In dieser Hinsicht müsse man aber noch weiter gehen und den Durchschnitt des Steueraufkommens der drei Vorjahre zu Grunde legen. Auf dem Gebiete der gewerblichen Kapitalsteuer bestehe gegenwärtig eine Doppel­besteuerung. Hier müsse unbedingt eine Aende- rung geschaffen werden. Das Grundvermögen dürfe nur zur Grundsteuer herangezogen und müsse von der gewerblichen Steuer befreit wer­den. Das entscheidende Problem für die Steuer­reform in Preußen hänge jedoch eng mit den Maßnahmen des Reiches zusammen, das hof­fentlich den Ländern ein Zuschlagsrecht ge­währen werde. In den Kreisen der Wirtschaft seien in dieser Hinsicht die Auffassungen geteilt, nach Ansicht des Minister jedoch zu Unrecht, da die Zuschläge nur einen verhältnismäßig kleinen Kreis träfen. Schließlich kam der Minister noch auf die dringend notwendige Verwaltungs­reform in Preußen zu sprechen und trat warm für die Zusammenlegung verschiedener Verwal­tungsbehörden, erhöhte Zuweisungen von Auf­gaben an die Selbstverwaltung und andere Ver- waltungsmahnahmen ein. Man dürfe nicht rück­wärts sehen, sondern müsse vorwärts schauen.

König Boris auf der Brautfchau.

Sofia, 14. Juli. (WB. Tschechoslowakisches Pressebureau.) Die Auslandreise des Kö­nigs Boris wird von der Presse lebhaft kom­mentiert. Die Blätter stimmen darin überein, daß die Reise mit der bevorstehenden Vermählung des Königs in Zusammenhang stehe. Die offi­ziellen Kreise bewahren noch Stillschweigen. In der

Der neue wiener Gesandte.

Graf Lerchenfeld, deutscher Gesandter in Wien.

Der verstorbene Vertreter Deutschlands in Oesterreich, Dr. Maximilian Pfeiffer, hat end­lich einen Nachfolger gefunden: den früheren baye­rischen Ministerpräsidenten Graf Hugo Ler­chenfeld. Seine Ernennung, die schon vor einiger Zeit als feststehend betrachtet werden konnte, dürfte insofern allseitige Befriedigung aus- lösen, als Lerchenfeld gewiß ein Mann von hohen diplomatischen Fähigkeiten ist, der es nach der Kahr-Periode als Ministerpräsident in München verstand, das Verhältnis zwischen Bayern und dem Reich nicht nur wieder in normale Bahnen zu lenken, sondern auch wesentlich zu bessern. Ihm

Der deutsch-schweizerische Handelsvertrag.

Berlin, 14. Juli. (Wolff.) Heute mittag wurde in Bern der deutsch-schweizerische Handels­vertrag von den Bevollmächtigten der beiden Staa­ten unter Ratifikationsvorbehalt unterzeich » n e t. Die deutsch-schweizerischen Handelsbeziehun­gen waren bisher geregelt durch den Handels- und Zollvertrag zwischen dem Deutschen Reich und bet Schweiz vom 10. November 1891 und in der durch den Zusatzvertrag vom 12. November 1904 abgc» änderten Fassung. 1925 wurden die Tarifabreden ersetzt durch das vorläufige Zollabkommen zwischen dem Deutschen Reich und der Schweiz vom 6. Nov. 1925. Alsbald nach dem Inkrafttreten dieses vor­läufigen Zollabkommens wurden Verhandlungen über einen endgültigen Handelsvertrag eingeleitet, die am 14. Jufi 1926 zum Abschluß eines neuen Handels- und Zollvertrages geführt haben. Der neue Handelsvertrag lehnt seine Tertbestimmungen im wesentlichen an ben alten Hanbelsvertrag an. Insbesondre finb Vereinbarungen über eine gegen­seitige Meistbegünstigung getroffen. Bei den gegenseitigen Tarifabreden hat auf deutscher Seite der abgeänderte, jetzt gültige Zolltarif als Grundlage gedient, auf schweizerischer Seite der Gebrauchstarif vom 8. Juni 1921 und der zwar veröffentlichte, aber noch nicht in Kraft gesetzte vor­läufige Generalzolltarif vom 5. November 1925.

Der deutsch-schweizerische Handelsvertrag wird dem Parlament bei Wiederzusammenlritt vorgelegt, so daß cr wahrscheinlich erst am 1. Januar 1 927 in Kraft treten wird. Er ist vorläufig für ein halbes Jahr abgeschlos­sen worden und verlängert sich automatisch im Falle der Richtkündigung. Der Vertrag wird wesentlich dazu beitragen, die Handelsbeziehun­gen zwischen Deutschland und der Schweiz zu festigen. Er bildet damit den vorläufigen Schluß­stein in der Kette der wirtschaftlichen Abkom­men mit der Schweiz, die mit dem Rooember- abkommen 1924 über die Aufhebung der gegen­seitigen Einfuhrbeschränkungen begannen. Der Vertrag sieht zwar eine Reihe von Zollheräb- sehungen für den deutschen Zolltarif für wich­tige Schweizer Exportwaren vor, cr eröffnet aber insbesondere auch dem deutschen Export­handel die Möglichkeit zu nichtigeren Zöllen als bisher und unter der Gewähr, daß der deutsche Export von Zollerhöhungen des vorläu­figen schweizerischen Generalzolltarifs nicht ge­troffen wird, Geschäfte zu machen. Damit wird eine wesentliche Förderung der süd­deutschen Exportindustrie verbunden sein, die von jeher die Schweiz als ihr beson­deres Absatzgebiet betrachtet hat.

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