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Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Dienstag, (5. Juni 1926

Nr. 13? Zweites Blatt

Der deutsche Unterricht in Elsaß-Lothringen.

Don unserem x-Derichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Straßburg, 3uni 1926.

Die elsaß-lothringische Volksschule hat einen neuen Lehrplan für den deutschen Sprachunterricht bekommen. Bestehen blei­ben aber auch fernerhin die teilenden Grund­sätze für die Behandlung der beiden Sprachen, die die elsaß-lothringische Volksschule wohl oder übel nebeneinander pflegen muß. wie sie der grundlegende Erlaß der französischen Unterrichts­verwaltung vom 15. Februar 1920 aufgestellt hatte. Dem Deutschen, hieß es damals, muß «in Platz im Unterricht eingeräumt werden, aber das Französische muß die Sprache der geistigen Schulung werden und als solche über­wiegen. Bestehen bleibt infolgedessen die Be­stimmung, daß das deutschsprachige Kind.beim Eintritt in die Volksschule zuerst zweiIahre lang ausschließlich auf Französisch unterrichtet oder wenigstens in Französisch obgerichtet wird. Dann beginnt der deutsche Sprachunterricht mit drei Stunden in der Woche. Bestehen bleibt ferner der ganze französische Lehrplan, der unverändert, ohne stoffliche Entlastung aus der cinsprachigen Schule des französischen Sprachgebiets auf die zweisprachige elsaß-lothringische Volksschule und ihre deutsch­sprachigen Kinder übertragen wurde. Bestehen bleibt auch der von den Schulinspeltoren stets ausgeübte Druck auf die Lehrer, den in der Sprache,die am besten zu den Herzen der Kinder spricht" vorgesehenen Religions­unterricht aus französisch zu geben. Denn die Schulverwaltung hat immer erklärt, von diesem Druck nichts zu wissen, und was sie nicht weiß, kann sie natürlich nicht abstellen. Das also ist die Umwelt, in welche der neue Lehrplan für das Deutsche hineingestellt wird.

An sich betrachtet sieht der Lehrplan gar nicht übel aus. Wie sollte er auch: gibt er sich doch selbst als einfache Erneuerung des Rormallehrplans von 1910, in dem sich die Erfahrungen von mehr als vierzig Jahren der deutschen Schulverwaltung in Elsah-Loth- ringen kristallisiert hatten. Unterrichrsziel ist, die Schüler zu befähigen, daß sie, wie früher, sich mündlich und schriftlich möglichst korrekt ausdrücken lernen, und daß sie, wie neu binzugesügt wird, einen leichten Text r-erstehen lernen. Ein Drittel der dem Deutschen bewillig­ten Zeit muß auf Grammatik und Rechtschrei­bung verwendet werden, ein zweites Drittel auf Leseübungen, das letzte auf Einübung des Wortschatzes. Aufsagen von Texten und schrift­lichen Aufsätzen. Zugleich soll der deutsche Unter­richt wie der französische der Entwicklung des Denkens dienen. Die Grammatik soll dazu dienen, den Mechanismus (I) der Sprache zu analy­sieren", sie soll im selben Geiste wie die fran­zösisch« und möglichst parallel zu dieser gelehrt loerden, mit Vergleichungen zwischen beiden, so daß also der deutsche Unterricht in seinen arm­seligen drei Wochenstunden zu allen anderen Aufgaben noch die der Ergänzung und Ver­tiefung deS französischen Sprachunterrichts auf­geladen bekommen hat.

Richt erfüllt bleibt die Forderung, für die mit der bodenständigen Lehrerschaft die am deut­schen Unterricht mit interessierten Kirchen ohne Unterschied der Konfession und die ganze Be­völkerung eintreten, daß der deutsche Sprach­unterricht die ihm gebührende Stelle unter den Prüfungsfächern der Abschlußprüfung, des sogenanntenCerficat ddtudes primaires", er­halten soll. Es bleibt, wie es bisher war. daß kein Schulinspektor nach den Fortschritten der Schüler im Deutschen fragt, daß keine Prüfung den Eifer und die Gewissenhaftigkeit der Lehrer und Schüler anspornt. Der deutsche Sprachunter­richt bleibt, wie bisher, dem Lehrer auf Treu und Glauben ausgeliefert. Er wird, wenn diese Verordnung lange genug bestehen bleibt, je mehr die alte, noch durch das deutsche Seminar ge­gangene Lehrergeneration ausstirbt, um so mehr der allmählichen Verkümmerung in seiner Aschenbrödelrolle ausgeliefert sein.

So besteht ein klaffender Widerspruch zwi­schen den hohen Zielen, die der neue Lehrplan «ich auf dem Papier gesteckt hat. und den kärg­lichen Mitteln, mit denen der Unterricht nach diesem Lehrplan in der Wirklichkeit ausgestattet.

Die Mütze des Aldmarschalis.

Bon Friedrich Freksa.

General, ein Entschluß ist zu fassen. Aus jeder Stunde des Zögerns erwachsen neue Gefahren!"

Lief keine Nachricht vom Feldmarschall ein, Reinach?"

Blücher ging mit seinem Nostiz spurlos ver­loren."

Sie kennen ihn, Reinach! Immer ist er eifer- süchtig, ewig bedacht aus Wahrung seiner Autorität. Seine Reizbarkeit wird durch die jämmerlichen Er- iahrungen mit den sächsischen Soldaten, die Raoo- leon mehr lieben als das Vaterland, aufs höchste Oert. Die Schlacht gina verloren. Alle unsere men waren Nieten. Nie schnitt der General- itab so schlecht ab wie heute. In diesem Augenblick einen Streit mit Blücher haben, wäre schlimmer noch als die verlorene Schlacht."

Wenn Sie das Kühnste wollen, General Gnei- senau, werden Sie es dem Alten sicher recht nachen."

Meine Ueberlegungen sind beendet. Sammel­punkte, Marschrichtungen und Marschzeiten be- zeichnet."

So stelle ich für jeden Fall doppelte Ordon- lanzen bereit, denn in der flämischen Nacht schmel­zen Luft, Erde und Wasser zu einem einziaen Brei zusammen. Da wird das Reiten zum Hasard."

Sporen flirrten. Eine Gestalt im Mantel richtete sich auf. Sie erschien fast schwarz in dem Lichtschein, der von fünf Kerzen ausging, die auf einen Nottisch qeklebt waren: drei schmale Bretter über zwei dicken Bierfässern.

Papiere knisterten. Eine Hand streckte sich aus: ein umbuschter Kopf neigte sich vor.Mit Gott, lleinach!" Ein Reitersäbel rasselte Männerttitten nach. Einige Augenblicke herrschte Gedankenruhe, imb lebendig wurde die niedrige flämische Bauern- Itube. In den Ecken lagen Gestatten in Uniformen,

der Mißachtung und behördlichen Vernachlässi­gung. mit der er von Anfang an belastet wird. Es ist so leicht, den alten Lehrplan der deut­schen Volksschule von ehemals abzuschreiben und zu erweitern. 3n der praktischen Verwirklichung und Durchführung aber zeigt sich allein das pädagogische Wollen, in diesem Falle leider viel­mehr das Richtwollen. Ueber dieser Pseudo­reform steht unverändert der Grundsatz des fran­zösischen Sprachimperialismus aus der Verfügung von 1920:Gibt man den Kindern die Schulung auf Deutsch, fo gefährdet man die Zukunft und man verurteilt vielleicht das Denken des Kindes, sich nach den Sonnen der deutschen Sprache und des deutschen Denkens zu entwickeln". Das ist es, was die französische Schulverwaltung um jeden Preis verhüten will, und eine Deckung zur besse­ren Durchführung dieser Verwelschung, das ist der neue Lehrplan für den deutschen Sprach­unterricht: nichts anderes.

Der Bergarbeiterstreik und die englisch-russischen Beziehungen.

Don unserem I.-Korrespondenten.

London, Mitte 3unL

Die auf die Zusammenkunft zwischen den Grubenbesitzern und den Bergarbeitern ge­setzten Hoffnungen wurden schmählich enttäuscht. Die persönliche Fühlungnahme beider Parteien scheint die Kluft noch vergrößert zu haben, und es erheben sich nunmehr wieder Stimmen, die eine Regelung der Kohlenkrise auf gesetzlichem Wege fordern. Inzwischen nimmt die Rotlage der Industrie infolge der Einstellung der Kohlen­förderung zu. und die Zahl der Arbeitslosen hat P 2 Millionen (ausschließlich der feiernden Bergarbeiter) bereits überschritten. Große Be­sorgnis wird über die Möglichkeit des Uebergangs des englischen Auslandkohlenmarktes in aus­wärtige, auch deutsche Hände ausgedrückt.

Der Kampf im liberalen Lager geht un­entwegt fort. Lloyd George hat an seiner Haupt- front, in der liberalen Parlamentspartei, die mit 20 gegen 10 Stimmen eine Entschließung an­nahm. die als ein Misttrauensvotum gegen Lord Oxford gedeutet werden kann, einen taktischen Erfolg davongetragen, der die Spaltung der libe­ralen'Partei in zwei Gruppen endgültig machte. Das nächste Treffen findet in Weston-super- mare statt, wo der Rationalliberale Verband zu dem Konflikt Stellung nehmen wird, und wo Lord Oxford hofft, unterstützt vom Gros der liberalen Partei, die letzte Scharte wieder aus­zuwetzen.

Inzwischen ist eine neue Frage in den Vor­dergrund des innerpolitischen Interesses getre­ten: die Unterstützung der britischen Bergar­beiter durch russische Gelder. Die Entwicklung dieser Angelegenheit beansprucht auch großes außenpolitisches Interesse, da sie zugleich das Problem der britischen Beziehungen zu Rußland akut macht. Bekanntlich sind in der konservativen Partei und Regierung zwei Strömungen mit Be­zug auf Rußland vorhanden. Die Gemäßigten glauben an eine Besserung der englisch-russischen Beziehungen auf der Grundlage eines größeren politischen Entgegenkommens von Seiten Groß­britanniens, während die Gruppe, die der Sowjet­regierung vollkommen ablehnend gegenüber steht (und zu ihr gehören einige sehr einflußreiche Mitglieder des Kabinetts), Moskau als das enfant terrible Europas ansieht, mit dem man nichts zu tun haben darf. Die Unterstützung der britischen Bergarbeiter mit hunderttausenden Pfunden russischen Goldes, die. wie hier allge­mein angenommen wird, nicht von den russischen Bergarbeitern aufgebracht werden können, ist natürlich Wasser auf die Mühle der Politiker und der Presseorgane, die das Handelsabkommen mit Rußland kündigen und die hiesige Sowjetvertretung nach Hause schicken wollen. Bemerkenswert ist. daß jetzt auch der Rat der Londoner Handelskammer gefordert hat, daß das Handelsabkommen mit Rußland gekün­digt werden solle, wenn Rußland sich nicht zur Regelung seiner Schulden an Großbritannien bereit erklärt. Die Regierung stellte für nächsten Donnerstag eine ausführliche Erklärung in Aus­sicht. der naturgemäß mit dem größten Interesse entgegengesehen wird. Ein Protestschritt der britischen Regierung bei der Sowjetregierung in dieser Frage ist bereits erfolgt. Die britische Politik gegenüber Rußland ist gestärkt worden durch den Abschluß be8 Mossulabkommens, das unzweifelhaft einen großen außenpolitischen Er­

bte von Lehm unkenntlich waren. Schmutzige Tücher waren um verletzte Glieder gewickelt. Einige streckten sich starr im Schlafe oder Tode. Wer wußte es? Andere fanden nicht die Lage, die Erlösung vorn Leiden bringt; sie wimmerten leise. Kinnbacken klapperten im Schüttelfrost. Große, erschrockene Augen sprangen aus bleichen Gesichtern.

Mit dem Rücken gegen den erloschenen Kamin saß auf einer Pauke Gneisenau. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt. Heute hatte er mehr als die Schlacht zu denken. Die Stunde war da, auf die er wartete: Er selbst würde Verantwortung für seine Plane tragen! Unter den Befehlen, die er schrieb, würde fein Name stehen, nicht der Blüchers.

Wie war doch das Schreiben, das ihm der Kanzler Hardenberg vor dem Beginn der Kampagne schickte? Es war schmeichelhaft. Er wurde von dem klugen Diplomaten als der überlegene Kopf ange­redet: Der Alte, der nicht vom Kriegführen ließ, mußte in den Kauf genommen werden. Aber Gnei­senau hatte ja gelernt, diesen Mann zu gebrauchen. Der Kanzler vertraute auf das Geschick des General- stabschefs, auf feine Kühnheit, auf seine Pläne. Und jetzt diese Stunde, da er wußte, es handelte sich nicht um den Rückzug nach einer verlorenen Schlacht, sondern um einen Feldzug, der die Geschicke Euro­pas entscheiden konnte, fehlte ihm das alte, listige Husarengesicht. Er liebte den Feldmarschall, so un­gerecht er sein konnte, so grob, so ungeschminkt.

Herrlich war doch der Alte noch neulich in Lüt­tich, als er sich mit der blanken Faust auf die meuternden sächsischen Soldaten stürzen wollte, und es dem Generalstabschef, dem treuen Nostiz, nur mit Mühe gelang, den von Manneszorn lieber« mältigten davon zu ziehen. Ja, Furcht und 2Intjft waren diesem Husarenkönige fremd. Sein Geist lebte in dieser geschlagenen Armee. Ihr Gefüge war fest genug. Das hatte der unglückliche Tag heute bewiesen. Es hätte ein schlimmeres Jena werden können. Wie im Traume sah sich Gneisenau selbst durch Gebüsche und Wiesen von dem Thüringer Oktoberschlachtfelde des Jahres 1806 als Flüchtling

folg Der britischen Regierung Darstellt. 2Iuf- tallcnD ist. Daß Dieser bedeutende Erfolg der britischen Außenpolitik sogar in der Regierungs­presse zum Teil auf die Cxpansionsreden Musso­linis zurückgeführt wird. Unter diesen Um­ständen muß sich naturgemäß in Erinnerung an die Rapallo Konferenz zwischen Chamberlain und Mussolini die Frage aufDrängen. wie weit die italienischen Drohungen gegen Kleinasien, die. wie bekannt, eine große Rolle bei der Beschleuni­gung der englisch-türiischen Verhandlungen fpicl- ten. die britische Haltung gegenüber Den ita­lienischen Wünschen in Der abessinischen sowie der Tangerfrage beeinflußt haben, beziehungs­weise beeinflussen werden.

Die Lage in Deutsch-Gstaftifa.

Byatt, der frühere englische Gouverneur Deutsch-Ostafrikas. hatte die deutschen Pflan­zungen verloddern und Den Eisenbahnbau ein- schlafen lassen. Die europäische Siedlung auf den Rullpunkt gebracht und auf Der anderen Seite in der Pflege der Eingeborenenkulturen, die er auf fein Programm gesetzt hatte, nicht mehr er­reicht als notdürftige Erhaltung der 1914 bereits geschaffenen Anlagen. Unter ihm konnte sich Die Schlafkrankheit unbemerkt unD ungehemmt über Den ganzen Westen des Mandatsgebiets aus- dehnen.

Daß Deutsche Kolonialarbeit vorbildlich war, zeigten die späteren Gouverneure, indem sie zu dem System zurückkehrten, welches Deutschland zwischen 1910 und 1914 eingeführt hatte, und das einen Gleichgewichtszustand zwischen europäischen Lohnunternehmungen (Plantagen- und Bergbau) und Eingeborenen-Kulturen erstrebt.

Die Ausfuhr ist gegen das vorhergehende Jahr quantitativ gesunken. Der Wert Dagegen um etwa 9 Prozent auf zirka 60 Mill. Mark (1913 36,3) gestiegen. Die Hauptausfuhrzahlen waren in Mengen: Hanf 18 300 Tonnen (1913 21 000 Tonnen), Baumwolle 5000 Tonnen (2200), Kaffee 6000 Tonnen (1000), Kopra 7400 Tonnen (5500), Erdnüsse 9000 Tonnen (9000), Gummi 460 Ton­nen (1400). Gegenüber dem Vorjahr stärker ge­stiegen ist die Einsuhr (infolge des Eisenbahn­baues), Die sich 1925 auf 59 Mill. Mark gegen­über 43 im Vorjahre und 67 im Jahre 1914 belief.

Die finanzielle Lage des Tanganhika-Terri- toriums hat sich mit Der steigenDen Wirtschafts- konjunktur gebessert. 3ni Jahre 1925 beträgt Der Gesamtvoranschlag Des Haushalts 48 Millionen Mark, Die eigenen Einnahmen 33 Mill. Mark, Das von Großbritannien zu deckende Defizit 15 Mill. Mark, im vorhergehenden Jahre 121'» Will. Mark). Die Schuldenlast des Territoriums gegenüber Groß-Britannien würde damit auf 75 Mill. Mark anwachsen. Die Kopfsteuer der Eingeborenen ist int laufenden Jahre von 6 auf 10 Schilling (gegenüber 4 Schilling im Jahre 1914) gesteigert worden.

Im Juni des Jahres 1925 erlosch das seit dem Kriege gehandhabte Cinwanderungsverbot für Deutsche: bald Darauf auch Die Beschränkun­gen, welche ihnen hinsichtlich des Landerwerbs, Gewerbebetriebs usw. auferlegt waren. Seitdem hat eine nicht unbedeutende Rückwanderung Deutscher stattgefunden, von denen die meisten Anstellung als Pftanzungsassistettten, Maschi­nisten usw. gefunden, einige wenige auch ehe­mals deutsche Pflanzungen und Farmen er­worben bzw. neue belegt haben. Fast alle deut­schen Rückwanderer fanden in den Rordbezirken Aufnahme. Ein Rest der ehemals deutschen Pflanzungen ist im Februar 1926 unter Beteili­gung deutscher Interessenten versteigert worden. In der Hand des Custodian dürsten nur wenige Objekte zurückgeblieben fein. Das bisherige Ge­samtliquidationsergebnis zeigt, wie schamlos deutsches Eigentum verschleudert wurde: 304 000 Hektar (davon 120000 Hektar unter Kultur), vom Reichsentschädi­gungsamt mit 3 2 6 Mill. Goldmark be­wertet, wurden für 1,2 Millionen ver­kauft.

Eine deutsche Delegation zur Auszahlung Der rückständigen Askarilöhne hat an Ort und Stelle mit der Arbeit begonnen.

Wichtige Reuerungen auf dem Gebiete der Verwaltung Dürften mit Den großen Organi- sationsplänen zusammenhängen, welche Die bri­tische Regierung hinsichtlich ihrer gesamten ost­afrikanischen Einfluhgebiete hegt, und welche, wie bekannt, auf einer Union von Kenya, Uganda, Rhassa. Zanzibar, evtl, auch Rord-Rhodesien

davonstehlen gleich einer feigen Ratte. Er wurde heiß vor Scham.

Ungefüge Schritte polterten über die Schwelle; eine breite märkische Stimme fragte laut:Ist unser Vater Blücher hier?"

Der löwenmähnige Kopf des Mannes am Kamin ging in den Nacken; die hohe, schlanke Gestalt reckte sich. Hell beleuchtete bas Licht die adlige, feine Nase, die phantasiereiche breite Stirn, die grauen großen Augen.

Was will Er?"

Eine mächtige braune Bauerntatze legte eine schmutzige Feldmütze zwischen die Papiere auf den Tisch; die breite, märkische Stimme sagte gemütlich:

Ick wollte dem Vater Blücher die Mütze brin­gen! Ick fing sie bei der Attacke uff, als sie ihm vom Kopp rutschte."

.Hat Er den Feldmarschall danach noch einmal gesehen?"

Nee, Herr General!"

Bei Den letzten Worten straffte sich der Land­wehrulan. Er nahm die Füße zusammen, die Hände an die Hosennaht. Der treuherzige Mensch wandelte sich in den strammen preußischen Soldaten.

Gneisenau lächelte. Er sagte:Gut, mein Sohn!" Dann winkte er ab und fügte hinzu: ,Laß dir draußen ein Stück Speck und einen Schnaps reichen zum Botenbrot!"

Der Ulan blieb starr stehen.

Was willst du noch, mein Sohn?" fragte Gnei­senau.

.Herr General, iffs wahr, daß unser Vatter Blücher verloren iejangen is?" fragte die Sauern« stimme.

Nur Geduld; Gott verläßt die Preußen nicht", antwortete Gneisenau. Ihm fuhr es durch den Kopf, so hätte auch Blücher gesprochen.

Der Ulan raffelte hinaus.

Dor Gneisenau lag Blüchers Mütze. Er sah bas große Kreuz über ber Kokarde, und unter der runden Schirmmütze formte sich das kräftige Gesicht

mit Dem Mandatsgebiet Tanganyika hinauslau- fen. dessen Kernstück das letztere Gebiet dank seiner zentralen Lage und Dem Besitz der Haupt­verbindungsbahnen bilden würde. Vorbereitende Besprechungen haben unter den Wirtschaftlern, deren Führer der Kcnya-Latifundien-Besiycr Lord Demalere ist. in Tukuju und kürzlich unter den Gouverneuren in Rairobi stattgefunden, bei welch' letzterer Gelegenheit der Vertreter Tanganvilas bereits gezwungen war. der wirtschaftlichen Ver- gewalttgung des Mandatsgebiets durch daS mäch­tigere Kerum cntgegenzutreten. Interessant war Dabei Die Enthüllung, daß Der Einfluß Kenyas mit zeitweisem Erfolg Darauf gerichtet war. Die Tabora-Mwanza-Dahn in Kahawa versacken zu lassen.

Auch die Belgier haben siir ihr Mandats­gebiet Ruanda-Urundi Pläne verwirklicht, welche einer praktischen Annexion gleichkommen oder wenigstens Vorarbeiten sollen. Das Mandats­gebiet wurde durch belgisches Gesetz vom 9. Sep­tember 1925 zu einer Provinz der Kongo-Kolonie gemacht, eine Maßnahme. Die der Völkerbund trotz erheblicher, durch ein deutsches Memoran­dum bestärkter Bedenken nicht verhinderte.

In beiden Mandatsgebieten liegt Die ge­sundheitliche Versorgung besonders Der Eingeborenen nach wie vor im argen. Der wiederholt beklagte Aerztemangel ist ein an­dauernder. Mangelnde Aufsicht und gewohn­heitsmäßige Schönfärberei dürsten daran schuld sein, daß Die Schlafkrankheit, die zu deut­scher Zeit infolge energischer Bekämpfung fast erloschen war und deren Wiederaufleben Die Mandatsmächte 5 Jahre lang geleugnet hat­ten. nunmehr an vielen Stellen gleichzeitig zum Ausdruck kommt und die Zukunft des ganzen Gebietes ernsthaft bedroht. Eine vor kurzem aufgebrochene Sonderlommission des Völker­bundes, an welcher auch ein deutscher Experte teilnimmt, soll der furchtbaren Seuche entgegen­treten.

(Ein neues Pachtsystem in Argentinien.

Don unserem P. ll.-Korrespondenten.

Buenos Aires, Mai 1926.

Dor kurzer Zeit wurde hier in Argentinien zum ersten Male ein System in Anwendung gebracht, durch welches Der Besitzer seinen Grund und Boden dirett an eine Vereinigung von Kolonisten mit gegenseitiger unbeschränkter Haftpflicht verpachtete, eine Methode, Die bisher hier unbekannt geblieben war.

Diese Reuerung verDient vom Standpunkt Der Allgemeininleressen um so mehr einer nä­heren Betrachtung unterzogen zu werden, als man gerade in diesem Augenblick den Einfluß des FaktorsBoden" auf Die ungesunde Lage Der Landwirte zu ergründen sucht.

Bevor auf Die Vorteile dieses neuen Sy­stems eingegangen sei. soll hier noch kurz das heute allgemein übliche Pachtsystem gestreift werden.

Gegenwärtig übertragen Die Großgrund­besitzer ihren Boden einem einzigen, meist sehr bemittelten Pächter, Der ihn seinerseits in klei­nen Loten an Die Kolonisten weiter vermietet, also lediglich Die Rolle eines Vermittlers resp. Zwischenhändlers spielt. Der Eigentümer hat dabei Den Vorteil, es nur mit einer einzigen Person zu hm zu haben, einen Pauschalpreis zu erzielen und alle ihm notwendig erscheinen­den Garantien zu erhalten, Die er schwerlich von Den zerstreuten, ärmeren Kolonisten er­langen würde. Der Vermittler oder Pächter seinerseits glaubt sich berechtigt, ungeheure Ge­winne einzustecken, indem er Die Pachtpreife für Die Kolonisten mit einem enormen Aufschlag belegt.

In der Praxis hat sich Dieses System dahin ausgewirst, daß der Pächter aus guten Grün­den mit Den Ansiedlern nur einen ganz kur - fristigen Kontrakt, meist auf ein Jahr, ab­schließt, und die Erfahrung hat gelehrt, daß solch ein Vertrag sich bald genug in eine Daumenschraube verwandeln läßt, insofern als über Dem Haupte des Produzenten dauernd Die Gefahr einer Steigerung Der nächsten Jahres- Pacht schwebt, resp. mit der Verweigerung der Kontraktverlängerung gedroht werden kann, falls er sich weigert, die egoiftifdjen Forde­rungen des Vermittler-Spekulanten zu erfüllen, was ja in den meisten Fällen nicht der Fall

mit der rötlichen Nase, den weißumbuschten blauen Augen, dem starken Schnurrbarte. Die kühnen, listi­gen, übermütigen Züge regten sich vor ihm in ihrer Lebendigkeit. Die Augen zwinkerten ihn spöttisch an.

Alle Stunden, da er Pläne abgewogen und Ent­schlüsse vorbereitet hatte, wurden vor dem General- stabschef wieder lebendig. Nie hatte der Alte zu einer kühnen Unternehmung Nein gesagt. Seinen Haß sparte er für vorsichtige Erwägungen, für lang­same Handlungen auf.

Ohne sein kluges Planen, das wußte Gneisenau, hätte der Alte keine seiner kühnen Taten vollbracht. Und doch, der Entschluß war dem Kopfe entsprun­gen, den diese Mütze bedeckt hatte! Gneisenau sah, wie die Mundwinkel des Feldmarschalls sich zu­sammenpreßten und die weißen Schnurrbartenden herausfordernd wippten.

Geschlagen glaubt uns der Korse! Aber alle Meldungen besagen, daß unsere Regimenter gut sind. Die Leute haben den alten Preußenmut. Wir wollen ihnen das Höchste zumuten. Morgen reite ich an die Kolonnen und sage ihnen:Einen Schlag haben wir empfangen; einen stärkeren geben wir zurück!"

Gneisenau schaute in die zuckenden Lichter. Das wollte er selbst: Nicht zurück nach Osten! Eine neue schlacht war das Gebot, Denn auch der Feind war geschwächt, und zusammen mit den Engländern, die heute im Schlamme der Marnestraße versagt hatten, sind wir stärker als er. Darum: Der Rückzug wirb Disponiert auf Wavre! Denn wie wir Napoleon kennen, wirD er sich auf Wellington stürzen. Und von Der Mütze klang Dem also Erwägenden traum­haft die Stimme des unverwüstlichen Mannes:Der Korse wird sich wieder einmal in uns irren!"

Eine starke, willensgesättiate Stimme scholl aus der Bauernstube hinaus auf die Straße.

Kleist! Reinach! Ich lasse die Herren bitten!"

Die Stube füllte sich mit einem Kreis von Offizieren. Gneisenau ragte in ihrer Mitte. Papier­streifen lagen vor ihm. Er erklärte:Der Rückzug geht auf Wavre. Zielens Korps ist intakt und nimmt