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Nr. U2 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefftn)Samstag, 15. Mai 192b

Außenpolitische Umschau.

CDon Professor Dr. Otto Hoey sch, M. d. L.

Wieder einmal sind die hauptsächlichsten Staaten mit inneren Auseinandersetzungen be­schäftigt England lämpft mit einer Krise, wie es sie noch niemals durchgemacht hat, (Belgien und Frankreich, deren Währun- gen in unaufhaltsamen Abgleiten sind, ringen damit. In Belgien hat die Reaierung deshalb schon gewechselt. Deutschland ist mit seiner Regierungskrise beschäftigt. Polen desgleichen. Kurz, die Aufmerksamleit in Europa auf die Arbeiten der Studienkommission in Genf ist nicht übermäßig groß. Und doch soll sich mit ihr die Lösung der Dölkerbundkrise vorbereiten. Das Völkerbunds eiretariat hat fatzungsaemäß, vier Monate vorher, für Montag, den 6. September, zur Dundesverfammlung ein- geladen, auf deren Tagesordnung unter Ar 10 die Aufnahme Deutschlands, unter Ar. 11 die Vorschläge betreffend die Aatssihe stehen. Aoch aber zeichnet sich in keiner Weise erkennbar ab. wie die Lage im September in Genf fein wird.

Für die Studienkommission lagen amtliche Vorschläge überhaupt nicht und in der Presse nur gewissermaßen VorschlagSideen vor. Die eine bewegt sich in der Richtung, daß man den Völkerbund nach Gruppen, regional, teile und innerhalb jeder Gruppe dann eine wech­selnde Vertretung einführe. Das klingt gut, das ist auch grundsätzlich klar, aber das berührt ja so direkt daS ganze Wesen des Bundes, das führt ja doch wieder in das Aatsshstem von Mächtegruppierungen zurück, daß ist so weit­tragend. daß sicherlick' aeringc Aeigung in der Leitung des Bundes be'teht. nach der Richtung vorzugehen. Der andere Vorschlag will die Zahl der ständigen Ratssihe mit Ausnahme des Hinzutritts von Deutschland nicht vermehren. Dagegen foffen die nichtständigen Sitze in qwei Teile geteilt werden, eine Gruppe auf sechs Jahre zu wählen mit dem Recht her Wiederwahl, wobei man an Polen, Brasilien. Spanien usw. benft. die andere Gruppe auf zwei Jahre zu wählen und mit dem Verbot der Wiederwahl.

Diesem Gedanken steht Deutschland an sich neutral gegenüber. Aber er differenziert die Dölkerbundstaaten außerhalb der ständigen Rats- fihe sozusagen in feinerer oder weniger feinen oder bedeutenderer oder weniger bedeutenden Weise, und den Unterschied läßt sich ein Klein­staat. der doch auch seine Bedeutung hat. nicht gern gefallen Auch sieht man noch nicht, wo Die Tschechoslowakei, die doch immer sehr ge­schäftig im Völkerbund gewesen ist. eingeordnet werden soll.

Die ersten Sitzungen haben noch keine Eini­gung gebracht. Man sieht, bah Tecil eine solche wünscht und anstrebt, daß Doncour gewisser­maßen sich zurückhaltend verhält und baß Bra­silien nickst gewillt ist, von seinem Standpunkt zurückzugehen, wobei manche- wieder an einen Zusammenhang mit Italien hinter den Kulissen erinnert.

Deutschland arbeitet hier loyal und aktiv mit Die Linie, bi- zu der eS gehen kann, ist wohl deutlich und klar gegeben. ES verlangt, daß sein Recht al- da- eine- gleichberechtigten Großstaates vorbehaltlos anerkannt sei und bleibe und e- lehnt Aenderungen der Statuten oder Zusammensetzungen rundweg ab, die sich offen­sichtlich gegen unS richten sollen, die in ver­schleierter Weife das französische Liebergewicht in Genf nur befestigen sollen. Mehr ist einst­weilen nicht zu sagen.

Jene inneren Krisen, von denen wir sprachen, haben vorläufig eine Rückwirkung auf diese Außenpolitik, die man also in Gens weiter vor» wärtszubringen. sich bemüht, nicht Auch nicht der inzwischen abgebrochene englische Generalstreik. Denn Ehamberlains Schick­sal als Außenminister hängt davon nicht ab, sondern das dürste sich Wohl erst entscheiden, wenn die Genier Frage ihren Ausgang so oder so erkennen läßt. Daß aber das konservative Kabinett darüber stürzt, ist nicht wahrscheinlich Der Streik ist so eine innere Angelegenheit Eng­lands. die aber natürlich nach außen weite Kreise zieht. Selbstverständlich interessiert uns aufs höchste, wie dort der Kampf zwischen der ver­fassungsmäßigen Regierung und den Gewerk- schasten denn der Streik ist ein derartiger Kampf nach der politischen Seite ausläuft. Dann interessieren uns natürlich aufs höchste, die Folgen für den Kohlenmarkt und den Bergbau überhaupt. Wird man in England daran gehen, den Bergbau, der im Kriege und danach mit staatlichen Unterstützungen unterhalten worden ist, der vielfach technisch rückständig, und wirtschaft­lich planlos ist, in dem eine Reihe Zechen streng wirtschaftlich genommen nicht mehr rentabel sind, umzustellen, oder wie der Ausdruck heute lautet, zu rationalisieren? Wird diese tiefgreifende Aus­einandersetzung dann weitere Folgen ziehen in die Behandlung der internationalenKoh- lenkrise hinein, von der der englische Streik doch nur ein Teil ist? Wird man so verständig sein, auf der anderen Seite dabei auch die Frage der Reparationskohle aus Deutschland in einer für Deutschland richtigen und zweckmäßigen Weise zu behandeln? Wird man überhaupt darin zu einer internationalen Verständigung kommen, nach der die Lage im Bergbau und auf dem internationalen Kohlemnarst geradezu schreit?

Schon diese Fragen weisen in die große Po­litik herüber. Sie berühren dann überall die Frage der Handelspolitik, die internationale F i- nanzpolitik. Sie rühren an Dawesplan und Schulde-nabmachungen in einem Zusammenhang, der sich wahrhaftig noch jedem unbefangenen Be­schauer aufdrängt, den man aber auf der an­deren Seite in Frankreich, aber auch in England einfach nicht sehen will. Das Budget, das Churchill im Lftnnl eingebrachl hat, ist das erste normale Aachkriegsbudget. Dein Desizit soll durch Luxussteuer aufgebracht werden. Das sind in­nere englische Angelegenheiten. Aber es hüll zugleich den bisherigen englischen Schutzzoll- charakter aufrecht und wenn Churchill auch nicht alle Wünsche der englischen Schuhzöllner befrie- bigt hat, so geht doch fein Budget in derselben Linie, auf der England sich langsam und ständig in dem Schutzzoll und in die Abschließung gegen die anderen hineinbewegt. Das berührt wieder die große Politik. Es zeigt an einer anderen Stelle, daß die Voraussetzungen und Grund­lagen des Dawes-Planes für Deutschland sich verschieben. Er ist aufgebaut auf der Mög­lichkeit, große Exportüberschüsse heraus-

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Falle befürchten zu müssen. Zusammenrottungen

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Das große Heimatblatt

Oberhesten.

mannte" betonende Haltung der Regierung trägt deshalb das ihrige dazu bei, um Ausschreitungen zu verbinden. Wo man von solchen hört, handelt es sich

deren Arbeiter im Lande geht, ist nicht geeignet, allzu großen Enthusiasmus bei i wecken. Die maßvolle, und geschickt das

der eingesessenen Bevölkerung Gießens, der ganzen Provinz Oberhessen und des benachbarten preußischen Lahngebiets ist der im 176. Jahrgang erscheinende Gießener Anzeiger

mit seinen drei in eigener Redaktion bearbeiteten und in eigenem Betriebe gedruckten regelmäßigen Beilagen Gießener Familien blätter

der Unterhaltung und Belehrung dienend durch Sorg­fältig ausgewahtten, gediegenen literarischen Lesestoff

Heimat im Bild

der heimatlichen Landschaft, ihren besonderen Eigentüm­lichkeiten und ihrer Kultur in Bild und Wort gewidmet

Die Scholle

von Fachleuten und Kennern der Heimaterde für dieLand* wirtschaft und Gartenbau treibende Leserschaft bearbeitet Für die Geschäftswelt, Behörde und Familie, für Wirt­schaft, Handel und Verkehr ist der Gießener Anzeiger

meist um Vorkommnisse unbedeutender Art, die obendrein durch lokale Verhältnisse bedingt find, du sie ausschließlich in Orten oder Gegenden ftattfan den, an denen auch sonst der Pöbel bei passender Gelegenheit zu randalieren pflegt.

Dennoch wäre es verkehrt, von einer ergebms losen ersten Generalstreikwoche zu sprechen. Zn. Gegenteil, diese Woche ist, wenn nicht alles täusch«, die wichtigste der ganzen Streikperiode gewesen. Be reite diese kurze Zeitspanne hat genügt, um zu zei­gen, daß die Regierung durch den Generalstreik nicht einzuschüchtern ist, und seiner Herr werden wird. Denn der Generalstreik ist, das ist die einstimmige Ansich, aller maßgeblichen Beurteiler hier an Ort und Stelle, durch die Regierungsmaßnahrnen wir­kungslos gemacht worden. Nicht die Gewerk­schaft, sondern die Regierung hat die Lebens­mitteloerteilung und den Verkehr in der Hand und

wenn nicht ganz, ganz ausnahmswelje Militär eingesetzt wirdja immer nur für die Klei­der gefährlich, weil stets nur der Schlauch der Feuerwehr aber nie Maschinengewehre als Symbol

ÄUtmxtfdjaften. Seft er angenommen wurde, ist biefe Möglichkeit immer mehr etngeschränkt wor­den: Hier durch Schutzzollpolitik der anderen, wie namentlich also Englands, dort durch die schlechten Währungen, die. wie bekannt, als ein Dumping gegen Industrien in Ländern guter Währung wirken. Kurz, alles das läuft inein­ander und fordert nun in absehbarer Zeit die Regelung. Aber gerade hier kann man nicht sagen, daß der Völkerbund eine besondere Kraft bewiesen hatte.

Die Idee Loucheurs. eine We 1 twirt - schaftskonferenz vorzubereiten, war wirk­lich gut. Jetzt hat die vorbereitende Konferenz dazu stattgefunden, die wenig Beachtung gefunden hat. und das mit einem gewissen Recht. Denn es war wirklich nur Vorbereitung. Entwurf eines riesigen Arbeitsprogrammes, in drei große Par­teien, dessen Erledigung große Schwierigkeiten und bestimmt viel Zeit erforderte. Kam es denn darauf an. in einem solchen Programm die Wift- schaftsprobleme der Gegenwart vollständig auf­zustellen und zur Bearbeitung zu verteilen? Schließlich so kompliziert die wirtschaftlichen Dor­

siaatticher Gewalt verwandt werden. Die Londoner Polizei ist bis zum heutigen Tage nur mit Gummi knüppeln, aber nicht mit Schießgewehren bewaffnet. Militär steht nur an den gefährdetsten Posten, bei Nahrungsmitteldepots usw.

Erleichtert dies die Ausgabe der Regierung be­reits sehr wesentlich, so muß umgekehrt die Art und Weise, wie sie die Lebensmittelversor­gung angegriffen hat, höchste Anerkennung ver­dienen. Während man bei uns während des Krieges den groben Fehler beging, daß man den Nahrungs­mittelverbrauch an einer Stelle zu erfassen ver­suchte, wo das praktisch nicht möglich war, beim Einzelverbrauch, und daher die Rationie­rung des Bedarfs des einzelnen nach einem sehr groben Schema zum Auegangsvunkt aller Verord­nungen machte, geht die englische Regierung von der sehr vernünftigen Erwägung aus, daß die» nicht möglich sei, sondern daß es nur auf die B c - schaffu n g der nötigen Nahrungsmittelmengen ankomme. Man kontrolliert also die Einfuhr und die Produktton und kommt von da aus zum Ver­braucher. Das erleichtert natürlich nicht nur die Durchführung der Aufgabe überhaupt, sondern gibt überdies der Regierung die Macht in die Hand. Denn wenn schon Regierungsleute überall den Transport, das Aus-, Ein- und Umtoben der Nah- rungsmittel besorgen, dann ist es eben praktisch für die Arbeiter unmöglich, auf die Verteilung der Lebensmittel irgendwelchen Einfluß auszuüben ...

Die Einsetzung der ,D-M. S." (ber Tech­nischen Nothilfe) unb bie straffe Organisation ber Nahrungsmittelverteilung sowie bas große Trup­penaufgebot stnb es aber nicht allein, bie der Re­gierung die Macht in die Hand gegeben haben, sondern es ist die kluge Behandlung der pfycho - logischen Faktoren, die ausschlaggebend gewesen ist. Die Vermeidung jeder Gewalt, eine scheinbare Objektivität in der Verbreitung von Nach­richten, gleiche Behandlung von Streikenden und Nlchtstreikenden an den Nahrungsmlttelausgabc- stellen und eben die ständige Unterstreichung des Freiwilligen" bei allen Ordnungsmaßnah­men der Regierung haben tatsächlich jeder Aktion der Bergarbeiter ihren propagandistischen Wert ge­nommen. Der Bürger ist für die Regierung, Ne ihm einbeizt, mit elektrischem Licht Deriorgt, ihm Brot, Fleisch und Milch verkauft und nicht für den Arbeiterrat, der ihm dies alles nur verspricht. Trotzdem wäre es oerkehtt, in diesen Handlungen der Regirung, die aus egoistischen Motivsn er­folgen, eine Schwäche ihres Standpunktes sehen zu wollen. Nein, sie will bis zum bitteren Ende weiter kämpfen. Wie weit, das zeigen die Erwä­gungen, daß man die Gewerkschaften für die ent- (tanbenen Schöbenzivilrechtlich" haftbar machen will!

Das große Anzeigenblatt

gärige heute frnd. der große Zusammenhang, in dem fie alle, stehen, anders ausgedruckt, die große Rot. unter der sie in allen Ländern der Besiegten, wie der Sieger des Weltkrieges leiben, das läßt sich auf verhältnismäßig einfache und bestimmte Formeln zurück,ühren. So tote 1921 die Brüsseler Konferenz die die eine Frage: Rückkehr zum Golde ins Ange faßte, behandelte und programmatisch löste. In gleicher Weise mußte jetzt an die Arbeit gegangen werden. In dem Stile, in dem die Völkerbundsleitung diese vorbereitende Konferenz angelegt hat, kommt man eben nicht weiter und danach sind die Hoffnungen gering, daß wirklich positive, durchschlagende prak­tische Vorschläge zu den zwei bis drei springenden Punkten einheitlich herauskommen. Ja, was hat der Völkerbund denn eigentlich für einen Sinn, wenn er mühselig schon um die Zusammensetzung seines Rates ringt, wenn er den immerhin großen Gedanken der Abrüstung nicht vorwärts bringt, wenn er die wirllich mindestens Europa gemein­samen Fragen und Röte der Wirtschaft so aka­demisch behandelt? Man hat nach allen diesen Erfahrungen nicht den Eindruck, daß das Dölker- bundssekretariat feiner Aufgabe gewachsen ist. -und man hat auch nicht den Eindruck, daß die Kreise, denen in England oder Frankreich oder sonst am Völkerbund wirllich etwas liegt, sich dieser Rotwendigkeil besonders bewußt wären, sich besonder- anstrengten dafür, daß etwas Prak­tisches zustande käme. Unb bann soll sich Deutsch- lanb, wie manche Kreise bei uns wollen, mit voller Begeisterung in eine Sache btneinbeaeben, bie bisher Deutschland nur Rachteile gebracht hat unb in beren wirklicher Vertretung bie eigent­lichen Interessenten so lau unb schwächlich ftnb?

Baldwins Kampf gegen den Generalstreik.

Don unserem K.-Korrespondenten.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) London, 12. Mai 1926.

Amn. b. Red. Der folgende Brief unseres Londoner Korrespondenten gelangte infolge der schlechten Verlehrsverhältnisse erst jetzt in unsere Hände, dürfte aber als Schilderung ber Ursachen bes Regierungssieges unseren Lesern auch heute noch willkommen sein.

Ein Vergleich zwischen ben Zuftänben während eines Generalstreiks in Deutschland und einem in England fällt unbedingt zugunsten des letzteren aus. Obgleich es im Augenblick um größere Singe geht, als nur um die Forderungen der Bergarbeiter, und alle Leute ohne Unterschied der Partei von den Aus­wirkungen des Generalstreiks betroffen werden, ist die allgemeine Stimmung hier im Lande weiter äußerst friedlich. Keinerlei Demonstrationen, keine Prügeleien zwischen Arbeitswilligen und Streik­posten, ja eine gewisse Neutralität des Publikums machen es leicht, von einem ruhigen Verlauf der Dinge zu sprechen. Der Kampseseiier der Arbeiter ist denn auch nicht allzu groß. Ein Kamps, der so aus­schließlich für dengrößeren Bruder" denn der Bergarbeiter verdient gut doppelt soviel wie bie an=

besitzt damit das Mittel, um die Angelegenheit so­lange fortzuführen, bis bie Arbeiter zur Vernunft getemmen sink), oder was wahrscheinlicher ist, d i e Streikfonds erschöpft sind. Und das ist, wenn man sich nur richtig vorstelle, daß fünf Mil­lionen Arbeiter unterstützt werden müssen, wohl kein allzuweit entfernter Zeitpunkt. Die Geste, mit der die sozialistischen" Streikführer die angebotene Hilfe der Moskauer Kommunisten ablehnten, war daher wohl typisch englisch und politisch richtig aber finanziell klug war sie sicher nicht.

In Deutschland, wo man sich der schlimmen Nach­kriegszeiten, in denen Generalstreiks oft das Leben des ganzen Reiches lahmlegten, sicher noch sehr gut erinnert, mag bie Tatsache einer so völligen Neutrali­sierung der Wirkung des Generalstreiks überraschend wirken und zu der Frage Anlaß geben, w i e das denn möglich sei. Daher mag hier kurz auf die Kampfesweise im englischen Streik ein Streiflicht ge­worfen werben.

Zunächst ist bie Einstellung bes englischen P u b11kums eine ganz anbere, als bei uns. Man ver- langt nicht gleich unvernünftigerweise, daß in einer Zeit eines Generalstreiks alles normal verläuft und jeder seinen Geschäften wie gewöhnlich nachgehen kann. Man stellt sich vielmehr bewußt auf die Außergewöhnlichkeit der Dinge ein, und ist damit zufrieden, wenn nur die gewöhnlichen Bequemlich­keiten des Lebens, wie elektrisches Licht, warmes Wasser, Nahrungsmittel unb allenfalls auch Ver­gnügungen zu haben finb unb freut sich im übrigen, wenn man darüber hinaus das eine oder andere haben kann, was man eigentlich während der Dauer eines Generalstreiks nicht erhalten sollte. Jeder Untergrundbahnzug, jeder Autobus, jedes Flugzeug unb jebes Schiff, basproarannnäßig" ab- gelassen werben kann, werben deshalb nicht als Zel- chen ber Verminderung des Verkehrs, sondern als solches der Tüchtigkeit des Durchschnittsengländers unb feiner Regierung gewertet.Was für Kerle wir finb,"wir schaffens auch ohne sie" bas sinb nicht nur Rebensäften, sondern Ausdrücke des Selbstbewußtseins und des Selbstvertrauens einer Natton, die ohne Murren Improvisationen mit äußerster Bedürfnislosigkeit zu vereinigen weiß, weil sie eine interesiante 'Abwechslung in ihrem sonst langweiligen Dasein darstellen.

Die allgemeine Hilfsbereitschaft, die sich sogar aus Mitglieder der Gegenpartei erstreckt, ist daher eine ebenso weftvolle Alliierte der Regierung, wie es bie zweckmäßige Organisation des Frei- williqenbienstes und der Lebensmitteloefteilung ist. In England, wo man seit langem gewöhnt ist, wich­tige Bewegungen sich völlig frei entwickeln zu lasten, ist bie Anwerbung von Freiwilligen bei jeber Aktton geradezu bas gebotene. Wie vielmehr erst bei einem Generalstreik, bei dem man mit gro­ßen Worten wieDolkswohl" (ein Lieblingswoft der Regierung) jedermann einfangen könnte. Und dann ist man so Hua, diese Freiwilligen nicht zur Brechung ber Streikbeweaung, sondern ausschließ­lich fiir die Dienste der Oessentlichkeit einzustellen. Freiwillige Milchkannenbesörberer, Brotvefteiler, Schiftsablader, bas stnb bie Dosten, in benen auch ein Hasenherz seinem Gemeinsinn Luft machen kann, ohne mehr rüs eine Tracht Prügel im schlimmsten

Landkreis Gießen

n. Großen.Linden, 14. Mat, Hier sind die Gsmeinde-Bullen an Maul unb Klauen- s e u ch y erkrankt.

xAllenborf a. b. Lohn, 14. Mat. Di« vor einigen Jahren angelegte Ööft plantag« Rttt Birnen» unb Mepfelbaumen an ber Kreisstraße ®Ö- feenEkWar hat sich gut entwickelt unb zeigt ein üppiges Wachstum.

!I Dollar, 14. Mai. Dieser Tage veran­staltete in unserer Schule Lehrer P l o ch einen überaus gut besuchten Elternabend. Der Zweck war, den Eltern seine Schreiblese» methode klar zu mach'-n. Zn einem einftünbinen, mit epibiafkopischen Lichtbildern veranschaulichten Voftrage, dem eine Einleitung des Rektors Da ab vorausging, entwickelte er seine Methode: Herr P l o ch stützt sich aus experimentelle Untersuchungen neuerer Psychologen, denen zufolge bas Kind bie Frakturfchrift-eichen spielenb nachcchmen kann. Er wirb daher nicht in der gewohnten Weise mit dem kleinen i anfangen, sondern den Schreibleseunter­richt sofort mit den großen Frakttcra beginnen, um dann von Herbst ab allmählich zu ben gewohnten Schriftzeichen überzugehen. Seine Ausführungen erhielten den ungeteilten Beifall der Anwesenden.

Treis a. d. Lda., 14. Mai. Der Turn­vereinGut Heil" unternahm am Himmel- fahrttag feine Goetz-Wanderung, bie über Großen-Du seck, Oppenrod und ADach in vier- ftünbigem, lohnendem Marsch nach Lich führte. Die Stadt und besonders die dortige neue Turn­halle wurden eingehend besichtigt, und im Kreise Licher und anderer befreundeter Turner, die ebenfalls Lich als Wanderziel gewählt halten, verlebte man einige frohe Stunden. Die Betei­ligung war vorzüglich.

z. Allendorf a. d. Lda., 14. Mai. Auf der Weide bei Londorf übersprangen dieser Tage neun Fohlen die Umzäunung und liefen querfeld­ein durch Wald und Feld bis kurz vor ben Allenborfer Bahnhof. Hier rannten sie zuerst ein Stück mit bem 7.35 Uhr vorrn. einfahrenden Zug und kreuzten den Bahnübergang kurz vor der- schine, so daß der Zug halten mußte. Sieben Pferde konnten nach der Staatsstraße abgetrieben werden, während zwei später auf dem Ziegenberg und im Elimbacher Wald gesichtet wurden.

t. Aus dem Busecker Tal. 14. Mai. Jetzt erst laßt sich der Schaden erkennen, der durch den st a r l e n Frost in der Rächt vom Sonntag zum Montag entstanden ist. Saä O b st hat staft gelitten, besonders Sie Arpsel, die ge­rade in der Blüte standen. Die Blüten sehen dunkel aus und fallen zu Boden. Besser sind die Dirnen durchgekommen. Dei den Kirschen haben die späten Sorten ebenfalls stark gelitten. Schlecht sieht es bei dem Deerenobst aus. Die Stachel­beeren sind zum größte^ Teil erfroren, und auch bei den Johannisbeeren weisen die Trauben große Lücken auf. An den Rußbäumen, die nicht geschützt standen, lind die Müten ebenfalls er­froren. Die Aus sichren auf eine gute Obsternte sind stark herabgemindert worden.

: Beuern, 14. Mai. Der m den letzten Monaten gegründete TurnvereinGutHeil" (Vorsitzender Schreinermeister Wilhelm Arnold) beschloß, sich dem Lahn-Dunsberabunb unb damit dem Südwe st deutschen Turnver» band (Allgemeiner Deutscher Turnerbund) anzu- schließen. Die hiesige Schulsparkasse, eine Filiale des Spar- unb Vorschußvereins II zu Beuern, kann im laufenden Monat auf ihr einjähri­ges Bestehen zurückblicken. Es beteiligen sich etwa 80 Schulkinder an dem Sparen. Die Einlagen haben bis jetzt die Summe von rund 1000 Mk. er-