Nr. 12 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Zrettag, 15. Januar W
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und Geschichte in Berlin
der einzige Freund und Vertraute seines kurzen Oval-, Eier- EDelpflaumen(Ren^lauDm).Wa^-
Qnetten kannte". Wenn er sich trotzdem von ben Erzherzogen in seinem Wesen sehr deutlich unterschied, so lag das eben in dem Abglanz des Ruhmes, der von seinem Vater her ans ihn fiel, in dem Schicksal, in DaS er sich verflochten fühlte, in den Konflikten, die die leidenschaftliche Verehrung des Vaters und die Anhänglichkeit an Oesterreich in ihm herauf beschworen. Er hatte sich ganz die demokratischen 3been angeeignet, die Rapolion im ^Memorial von St. Helena" ausgesprochen bat und wollte nach ihnen handeln, ein Beginnen, das in dem Herrschbereich Metternichs allerdings sehr schwierig war.
Schon rn den kindlichen Ausarbeitungen taucht hin und wieder die Erinnerung an den Vater aus. Er schreibt einige Ansprachen an Soldaten, darunter eine Rede Hannibals an sein Kriegsheer, nieder, die an die Heeresvefehle Napoleons gemahnen, besonders an die Ansprache Bonapartes, mit der er den italienischen Feldzug
Die „Entrevue von Potsdam".
Aus den diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes.
Pflaumen oder grvetsDen.
Während des Krieges suchte die Reiche - tanzlei durch Festsetzung von Höchstpreisenvm Klagen über die teuren Pflaumen abzuhelft-n. Die Betanntmachungen sprachen aber nicht von Pflaumen, sondern von Zwetschen nur in Klammern stand die Erklärung Hauspflaumen. Mehr Klarhcit brachte der Rat zu Dresden in die Sache durch Gleichsetzung von blauen Haus- pflaumen. Zwetschen ooer Bauernpflaumen. Wer noch zweifelte, daß wirklich P,lanmen gemeint waren konnte sich von Brockhaus belehren lassen, der bei dem Worte Zwetsche auf Pflaumenbau verweist und dort zehn Familien anführt mach dem „PomologeiV Lukas): Rund--,
pflaumen (Mirabellen). Zwetschen. Halb- und Dattelzwetschen, Haferpflaumen und Spillinge. Also nur drei Arten heißen Zwetschen, sechs aber Pflaumen Daß die Reichskanzlei, die Pflaumen schlechtweg Zwetschen nannte, so daß mancher Obsthändler denken konnte, die Höchst- preise gingen seine Pflaumen nichts an, erklärt sich nur aus der mehrfach beobachteten Tatsache, daß die Rorddeutschen (die „Balina") sich einbilden. das einzig richtige Deutsch zu reden, und nicht darnach fragen, was un„übrigen Deutschland Brauch ist. 3m Niederländischen spricht man von Kwets, im Dänischen von Svedske in Bayern und Obethesfen hat man Quetschen, Zweschen und Zwetschpen (diese auch in Wien), in Thüringen auch Zwetschken, in der Schweiz Zwätschken, im Rhe infränkisch en Queckscht, im Koburgischen Quackschte, anderwärts Quatschge usw. 3m älteren Deutsch erscheint die Form Quetzig. Wie kommt die Pflaume zu solchen Namen? Niemand kann noch darin das Wort Pflaume wirdererkenneu. Der lateinische Name ist prunurn, Wohl nad) dem griechischen prümnon, Mehrzahl Pru(m)na. Dar-- aus wurde nach dem Gesetz der Lautverschie^ bung die Form pfruma (daher in Tiro! die Pfraum, wie schon 1540 bei Alberns) und unter Wandlung des r in l pflümo. Pslamnenbaum <pgl. Maulbeer aus morus, Pilgrim aus pero g rin ns fremd, Balwier aus Barbier u. a.j. Das erhielt sich in der Verkleinerung Prunelle und im Priemchen (Präumchen) =- Stückchen Kau^ tabak. niederländisch pruimpje, pNaumengrohes Stück. Woher aber Zwetsche? Wahrscheinlich vom lateinischen' Bestimmungsworte (prunum) damascenurn: 1534 spricht Seb. Franck von den Pflomeu zu Damasco. Um 1600 findet sich auch die Bezeichnung Damaskin. Damastpflaume
Zwetschken, im Siebenbürgischen aber Märchen (Wietsche), woraus sich eine Zwifchenfvrm d(a)maskin. dwaskin erschließen läßt. Die Zwei" scheu halten also noch den morgenlandischeu Ursprung der Frucht fest, der ia. auch bei an- ' deren Obstforten gegeben ist (Kirsche, Pfirsich usw). Dadurch braucht sich aber niemand bc - stimmen zu lassen, statt der Pflaumen Zwetschen in den Mund zu nehmeii. die schwieriger aus- zusprechen und zu schreiben sind.
Die Zerstörung der „Aiglon"-Legende.
Die Gestalt des SohneS Napoleons 1.. des kleinen „Königs von Rom", der dann als Herzog von Reichstadt am Hofe seine« kaiserlichen Groh- vaterS Franz I. von Oesterreich erzogen wurde, ist vom Schimmer einer romantischen Legende umgeben: sie findet ihren stärksten dichterischen Ausdruck in Rostands bekanntem Drama -L'Aiglvn". das jetzt wieder unter dem Titel .Der junge Aar" auch auf dem deutschen Theater einen starken ®rfo(g errungen Hai. Der sentimentale 3üngling. der uns hier zwischen allerlei Putz und der Tänzerin Fanny Elsler vorgefühtt toirb, hat aber mit der geschichtlichen Figur nicht daS Geringste zu tun, und überhaupt ist bisher trotz mannigfacher Veröffentlichungen die Seele dieses 3ünglings. die sich unter der Wucht eines tragischen Schicksals so fest verschlossen hatte, unbekannt geblieben, zumal nur Briese von ihm veröffentlicht waren, die er unter der Aufsicht feiner Erzieher geschrieben hatte. Zum erstenmal gestatten uns einen Einblick in feine innersten Empfindungen Die undeka nn-- i c n Originalhandschriften, die 3ean Oe Bourgoing in feinem soeben im Verlag Tiic Kulturpolitik zu Berlin erschienen Buch ..Aus den Papieren des Herzogs von Reichstadt" veröffentlicht (860). Es ist dem Verfasser gelungen, aus dem Nachlaß seines Erziehers, des Grafen Olivritz Dietrichstein, zahlreiche Aufzeichnungen des Herzogs ans Licht zu ziehen, neben Aufsätzen und Schulübungen Tagebuchaufzeichnungen, die die Art seines Lebens und seines Empfindens <raratterifieren, Skizzen, Aphorismen usw. Durch diese Zeugnisse wird nun auch die Legende zerstört, nach der der „junge Aar" am Hofe feines isGrohvaterS mißhandelt und unterdrückt worden sei. „Möge eS den zahlreichen Verehrern Napoleons und seines Sohnes zum Tröste gereichen." sagt der Verfasser, „wenn endlich der Wahrheit zum Durchbruche verholfen wird, daß der Herzog von R»ichstadt in seinem Adoptiv-Vaterlande nicht anders cck« die Prinzen des Hauses Habsburg behandelt wurde, und daß ec niemals in der Verehrung seines VaterS behindert wurde, dessen Lebenslauf er auS fast allen damals erreichbaren
Lebens, dem er sich allein ganz offenbart hat. Wie Prokesch erzählt, traten sie sich beim ersten Gespräch sofort ganz nahe. „Der Herzog schien entzückt wie ein Jüngling, Der zum erstenmal liebt: ich war bis in meine tiefste Seele überrascht." Reichstadt hatte Prokeschs Schrift über Lignv und Waterloo gelesen und äußerte sich Darüber. „3ch war erstaunt", schreibt Prokesch, .über das strategische Urteil des Prinzen und über die Bestimmtheit seines Auftretens. . . . Seine Seele glühte für Ruhm, für große Leistungen. Dann ließ er sich über seinen Vater ans, wie ihn niemand verstanden habe: wie es erbärmlich und eine Lüge seiner Feinde sei: feinen Hand langen kein anderes Ziel als Ehrgeiz zuzutrauen: wie sein ganzes Leben und Wirken nach einem großen, erhabenen, Europa heilsamen Plan geregelt gewesen fei; wie insbesondere Oesterreich ihn und feine eigenen Interessen verkannt un£> den Russen in die Hände gearbeitet habe; wie er nichts sehnlicher wünsche, als gegen Die Russen feine Sporen za verdienen usw. Er sprach mit aller Glut, aber auch mit dem tiefsten Ernst der Jugend." Sein Leben wollte er ganz Oesterreich widmen und „Der Prinz Eugen von Oesterreich werden. Frankreich gebe er auf. er krnme rein Abenteurer werden. Das vertraute er P^kesch. Osten, Den er seinen „Posa" nannte, an „ Aus dem allgemeinen Ehaos möchte ich mir Polen zn sammenstellen und für mich haben' Aber das Geschick hatte für ihn nur einen frühen Tod.
bemerkbar geworden ist.
Vom deutschen Standpunkte verdient es jedenfalls Anerkennung, daß es .Herrn Sasonows erste Sorge gewesen ist. die Beziehungen zu D e u t f ch « land wieder intimer und vertrauensvoller zu gestalten. Die offene und eingehende Aussprache an« läßlich der Potsdamer Monarchenbegegnung wurde von ihm, wie ich schon bei Gesprächen im nergam genen Sommer bemerken konnte, dringend gewünscht, und wenn von russischer Seite zu einer solchen Aussprache bereitwilligst die Hand geboten wurde, so ist dies jedenfalls zum großen Teil auf seine Anregung zurückzusühren. Ich glaube auch, daß wir der guten Absicht des Herrn Sasonow, in einem möglichst vertrauensvollen Verhältnis mit Deutschland zu bleiben, vorderhand volles Vertrauen entgegenbringen können.
Wenn Herrn Safonow ober hie und da ausge- gesprochene Sympathien für Deutschland nachgesagt worden sind, welche eine deutschfreundliche Richtung seiner Politik erwarten lassen, so muß es schon oer dächtig erscheinen, daß es vorwiegend uns nicht wohlgesinnte Kreise waren, die sich bestrebt zeigten, den neuen Minister als Deutschenfreund zu stempeln. Herr Sasonow mag ein gewisses sympathisches Verständnis für deutsche Kultur besitzen, er ist aber durch und durch Russe, und sein Wunsch, mit Deutschland gut zu stehen, beruht lediglich auf der
*) „Die Große Politik der Europäischen Stubb nette 1871—1914.“ Sammlung der Diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes. 3m Auftrage des Auswärtigen Amtes herausgegeben von Johannes Lepsius. ALrecht Mendelssohn Bartholdy, Friedrich Thimme. 5. Reihe. Erste Aoteilung: „Weltpolitische Komplikationen". Band 26—29 (6 Teile). 3m Berlage der Deutschen Derla^sgeseuschaft für Politik
esse eulgegensähen, zumal wir bereits im 3abre 1907 unsererseits eine Verständigung über Persien angeregt, bislang aber keine Antwort Rußlands erhalten hätten. Politische Interessen hätten wir in Persien nicht, wohl aber kommerzielle, ebenso dort wie sonst in der Welt, und ein Land wie Deutschland würde es niemals ertragen können, sich an irgendeinem Orte von der Bosts der Gleichberechtigung abdrängen zu lassen.
Irgend etwas Positiveres über die zu erwarten len russischen Vorschläge herauszubekommen, war mir unmöglich, da der russische Minister offensichtlich nicht mehr sagen wollte, übrigens auch unser Gespräch wegen seiner Abreise plötzlich abgebrochen werden mußte.
Unsere gesamte llntetrcbimfi, die in deutscher Sprache geführt wurde, deren Sasonow vollkommen mächtig ist, verlief in den angenehmsten Formen.
v. Lethmann Hollweg.
Es hatte zunächst den Anschein, als ob diese deutsch-russische Annäherung von längerer Dauer sein und auch ihren vertraglichen Ausdruck finden sollte. Das Retz der Allianzen hatte sich hv dessen auf der Seite des Dreiverbandes bereits so verfestigt, daß es keinem Partner mehr möglich war, auch nur den Schein eines Ausbruchs aus demselben auf sich zu nehmen. Sasonow erlog, nach Petersburg zurückgekehrt, sehr bald diesem Zwang: der englische Druck hätte wohl auch einem stärkeren Staatsmann in feiner Situation den Kurs auf^ gezwungen.
Der folgende Brief illustriert diese Situation aufs deutlichste: er gibt zugleich ein Bild jenes Außenministers, unter dem Rußland in den Weltkrieg gezogen ist, dos die wesentlichsten 3üc,c Sasonows enthält, sein imbedingtes Bestreben, die enge Entente mit den West möchten um jeden P reis au f rechtzuerho l ten , und den Mangel eines entschlossenen Willens, Der sich auch gegen die herrschenden Strömungen am Petersburger Hose hätte durchsetzen können. Der Botschafter in Petersburg Graf non P nur- talös an Den Reichskanzler von Bethmonn
H o l l w e g.
St. Petersburg, den 2.3anunr 1911.
Die russische auswärtige Politik wird gegenwärtig hauptsächlich von Dem Wunsche beeinflußt, möglichst allen auswärtigen Komplikationen für die nächsten Jahre vorzubeugen und den Frieden zu erhalten, dessen Rußland dringend bedarf, um sich von den durch den japanischen Krieg und die Revolution erlittenen Schlägen zu erholen. Von diesem Gesichts- punkte aus ist auch das wichtigste Ereignis der russischen auswärtigen Politik in dem eben zu Ende gegangenen Jahre, der Wechsel der Lettung des Ministeriums des Aeußern und die Wohl Der Persönlichkeit des neuen Ministers, zu beurteilen. 3m Gegensatz zu seinem Vorgänger, dessen Charaktereigenschaften der russischen Politik ein unruhiges Gepräge gaben, zeichnet sich Herr Sasonow durch ein fachlich abwägendes, ruhiges Wesen aus, dessen wohltätiger Einfluß auf Rußlands auswärtige Beziehungen mich bereits deutlich
jetzt ein Ende hoben werde. 3ch Hobe diese Versiche- ruug mit Dank entgegengenommen und meinet Erwartung Ausdruck gegeben, daß, wenn die Russen so handelten, es mit der Zeit gelingen werde, Mißverständnissen vorzubeugen, die eine notmenDipc Folge der bisherigen Politik Rußlands hätte sein müssen. 3n dieser Beziehung sei noch meiner Ansicht Die bevorstehende Entrevue Euerer Majestät mit dem Zaren mit besonderer Freude zu begrüßen. Sie werde zweifellos Gelegenheit dazu geben, daß Die beiden hohen Souveräne, ohne etwa Details der laufenden Politik zu berühren, sich über die all" gemeinen Gesichtspunkte der politischen Lage aussprächen in Bekräftigung Der alten Deutsch-russischen Beziehungen, Deren Grundlage stets die in beiden Ländern bestehende kräftige, tatsächliche und wesenhafte Monarchie gewesen lei und sein werde. Gewiß ermatten wir keine grundsätzliche Aenderung Der russischen Politik, ebensowenig wie Rußland eine neue Orientierung Der deutschen Politik erwarten werde. Wir hotten auch volles Verständnis bafür, Daß sich Rußland bei seinen zahlreichen, zum -eil recht delikaten Berührungspunkten mit England mit Diesem auf gemeinschaftlicher Basis zu verständigen suche, und Daß cs mit dem ibin verbündeten Frankreich überall die beiden Ländern gemeinsamen 3nler- effen vertrete. Dos hindere aber nicht, gute und vertrauensvolle Beziehungen zwischen uns und Ruß- ~ *' es vermiede, sich in
„ .ungen 3i land, wofern nur Rußland .
Gegensatz zu Deutschland zu stellen, ohne durch eigene vitalste Interessen dazu gezwungen zu iem.
' Sosonow stimmte dem zu und setzte auch seinerseits ganz besondere.Hoffnungen auf Die bevorstehenden Tage, wobei er in merkbarer Weise Durchblicken ließ, daß der Zar, so befriedigt und beglückt er auch von den letztjährigen Entrevuen mit Euerer Maie- ftät gewesen sei, doch den lebhaften Wunsch hege, frei und offen mit Euerer Majestät über politische Angelegenherten zu sprechen. Das Verhältnis Rußlands zu Deutschland fei allerdings in letzter Zeit, namentlich durch die Ereignisse der Jahre 1907 ms 1908 erschwert gewesen. Man habe in Rußland nicht geglaubt, daß Deutschland ein solches Interesse an der bosnisch-herzegowinischen Ange [egcnf)eit zeigen werde, wie es tatsächlich getan Hobe. Darauf habe ich mir die sofortige Zwischen bemerfung gestaltet, daß die Haltung Deulschlands eine selbstverständliche Folge unseres Bündnisses mit Oesterreich gewesen sei. Wenn wir Dabei zu einer besonderen intensiven Solidarisierung unserer Politit mir Den österreichischen Interessen gekommen wären, so seien wir dazu geradezu gezwungen worden, in Dem die Drei Mächte England, Frankreich und Rußland ihre politischen Entschließungen mit ostentativer Ai'sschließimg Deutschlands gefasst hätten. Hierzu bemerkte Sasonow, daß Die bosnisch-herzego winische Krisis als ein Stück der Geschichte der Ver- gangenheit angehöre und für die zukünftigen Richtlinien der russischen Politik keine Bedeutung mehr habe. Was England anlange, so seien die russisch- englischen Beziehungen lange Zeit ebenso durch den hartnäckigen wie gnmhlofen Verdacht Englands vergiftet gewesen, daß Rußland Aspirationen aut In- dien habe. Diesem Verdacht habe ein Ende gemacht werden muffen. Die Zeiten der Expansionspolitik seien für Rußland ein für allemal abgeschlossen. Seine einzige Aufgabe sei die eigene innere Konsolidation. Aus diesem Gnmde sei Rußland eine Verständigung mit England eingegangen, die jenen Velleitäten für immer ein Ende mache. Aber einzig und allein hierauf erstrecke sich die Verständigung. „Wir haben einen festen und dicken Punkt gemacht, über den es nicht hinausgeht. Will England im übrigen eine deutschlandfeindfiche Politik treiben, so wird es uns nicht auf feiner Seite finden." Rußland habe schon vermöge seiner unmittelbaren Nachbarschaft mit Deutschland und vermöge seiner weitreichenden kommerziellen Interessengemeinschaft mit uns das lebhafte Bedürfnis, mit uns auf gutem Fuße zu stehen. Jetzt werde er uns, nachdem er morgen dem Zaren Vortrag gehalten haben werde, bestimmte Vorschläge in betreff des Orients — fo sagte der Minister, er meinte aber ersichtlich Persien — machen. Er hoffe, daß unsere orientalische Politik kein Hindernis bieten werde, vitalen Interessen Rußlands Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ich erwiderte, daß mir diesen Vorschlägen mit Iuier-
DBG. Am 28. September 1910 wurde Alexander Iswolski seines Amteq als russischer Außenminister enthoben und zum Botschafter in Paris ernannt. Damit wurde nun auch vor aller Welt ein deutlicher Strich gezogen unter eine gefährliche Prestigepotttik, die, zumal in den kritischen Wochen des bosnischen Streites, Europa bis hart an Den Rand der Katastrophe geführt hatte. Unter dem Eindruck der allgemeinen Cntspannuna konnte der Nachfolger Jswolstis, Sasonow, dessen cin-- fadjc, von sachlichem Eifer und ehrlichem Patriotismus erfüllte Persönlichkeit auch bei den Gegnern zunächst Vertrauen erweckte, es unternehmen, die i'urd) vanslawistifche Hetzereien arg kompromittier- len deutsch-russischen Beziehungen in eine freund- nd)crc Bahn zu lenken. Derartige Andeutungen , urteil m Berlin, zumal von Herrn von Beth- ii .in n Hollweg, mit großer Freundlichkeit aus- V momernn und führten bei dem Besuch des Zaren- p-nares in Potsdam Anfang November 1910, das t on Sasonow begleitet war, zu einer Annähe - null] her beiden Kaiserreiche, die nach < imnal an die alten Tage der deutsch-russischen FreunDschaft erinnerte und einen Ausweg aus der sich immer mehr oersestigenden Mächtegruppierung des Dreibundes und Dreiverbands zu eröffnen schien.
Der folgende Bettcht des Reichskanzlers non Bethniann Hollweg über sein erstes Zusammenttes- sen mit dem russischen Außenminister, den mir dem in Kürze erscheinenden 27. Bande der Großen Aktenpublikation des Auswättigen Amtes*) entnehmen, zeigt die freundliche, ruhige und entgegenfommenDc Stimmung, die die „Entrevue von Potsdam" zu einem Ausgangspunkt deutsch-russischer Versöhnung zu machen schien:
Der Reichskanzler von Betbmann Hollweg an Kaiser Wilhelm II.
Berlin, den 1. November 1910.
Euerer Kaiserlichen und Königlichen Majestät meide ich alleruntertänigst, daß der russische Botschafter Graf Osten-Sacken soeben mir und dem Staatssekretär von Ktderlen durch eine Einladung zum Frühstück Gelegenheit gegeben hat, die Bekanntschaft von Herrn Sasonow zu machen.
Der neue russische Minister der Auswärtigen Angelegenheiten macht im Gegensatz zu Herrn Iswolsky Den Endruck eines nüchternen, überlegten Mannes, der, ohne geistreiche Pointen brillieren zu wollen, genau weiß, was er will. Und was er will, ist zunächst nur die innere Konsolidation Rußlands, ohne diese Gegenwattsaufgabe mit irgendwelchen phantastischen Zukunftsproblemen zu verquicken. Er wird damit seinem Vaterlande größere Dienste leisten, als es Iswolsky mit seiner Politik der Unruhe und der Umwege getan hot. Im Endeffekt wird das allerdings kein Posten fein, den wir auf unserer Gutfeite zu buchen haben, aber ich habe den Eindruck, daß es uns, solange die auswärtigen Geschäfte Rußlands von Herrn Sasonow geleitet werden, möglich sein wird, im Wege offener Aussprache ben- icniqcn praktischen Kontakt mit der rulsischeu Politik iviederzugewinnen. der unter Henn Iswolsky ner- loren gegangen ist und unter ihm nicht wieder her- gestellt werden konnte. Wahrend mir dieser vor .t’.icni Jahre in überschwenglin-pn Ausdrücken die 'leundschastlichen Gesinnungen lllußlands anpneß, hat es Safonow vermieden, sich einen ähnlichen Ton or.ineignen. Dafür hat er, als ich ihn darauf aufmerksam machte, daß die russische Politik jeder Aussprache mit uns auch in solchen Fällen aeflissentlich aus Dem Wege geaangen sei, wo Die russischen Interessen mit Den unseren parallel liefen, und daß die enge Fühlung, Die unsere Vertreter im Auslande früher miteinander tzehabt hätten, russischerseits einer offLnsichtlichen Zurückhaltung Platz gemacht hätten, mich kategorisch versichett, daß es mit diesen Usancen
Üirkenntnis bee Rügen», den gute Bezie h u n gen mit dem westlichen Nachbarn dem russischen Interesse bringen können. Der Minister ist überzeugt davon, daß die Mm erfolge dec russischen Politik der letzten Jahre zum Teil auf die Vernachlässigung der Beziehungen zum Deutschen Reiche zuruckzuführen sind, und hat Durum Wert Darauf gelegt gleich bei seinem Amtsantritt nähere Fühlung mit Berlin zu suchen. Wenn fidi das Gefühl, daß Rußland uns braucht, bei ihm mit der Zeit mehr ausbildet, werden wir dies nur mit Genugtuung begrüßen können. 3e mehr sich hier die Erkenntnis Bahn bricht, daß wir gern bereit sind, die traditionellen freundschaftlichen Beziehuv gen mit Rußland wieder aufzunehmen und zu pfle gen, daß wir aber auch ohne dieselben auskommen können, um fo günstiger werden sich die Älnssichieu für gute deutsch-russische Beziehungen gestatten. Denn darüber, daß bei der kürzlich vollzogenen und von der nüsischen össentlichen Meinung im allge meinen gebilligten Annnäherung an Deutschland Sympathiegefühle für Deutschland nicht mitgewirk: haben, Dürfen mir uns nicht den geringsten Tön schungen hingeben. Deutschland und die Deutsche,» erfreuen sich vielmehr nach wie vor sehr geringer Beliebtheit.
Für die fernere Haltung Dee Hernr Sasonow Deutschland gegenüber wird jedensalls entscheidend sein, inwieweit ihm von sran,zösisd;er und von eng Uscher Seite die Pflege eines guten Verhältnisses zu Deutschland erleichtert oder erschwett werden wird Der neue Minister hat bereits gezeigt, daß er weit davon entfernt ist, eine Schwenkung Der russischen Politik etwa Im Sinne einer Abkühlung des Verhältnisses zu dein verbündeten Front- veid) und zu England vollsuhren zu rooUen.
Vorgänge der letzten Zelt scheinen sogar auf eine beinahe ängstliche Besorgnis des Herrn Sasonow hinzudeuten, durch eine zu große Intimität mit Deutschland bei den Mächten der entente cordialu zu verstimmen. Alles, was er über den Potsdamer Gedankenaustausch bis fetzt in die Presse hat gelangen lassen, weist auf diese Besorgnis sehr deutlich hin'. . F- Pourtales.
cinTeitctc. Die Erzieher hatten ja in Der Ve- handlrma Des Itapolwn-Theinas «roße Schwierigkeiten zil überwinden. Man sagte zunächst Dem Prinzen möglichst wenig von seinem ^Vater, hielt aber alles VeranglimpfenDe streng von ihm fern. Aus seiner frühes!en Kindheit Cii.uierte er sich noch an so nurnches. Mc französische Umgebung hatte ihm, bevor er an Den österreichischen Hof kam, viel erzählt, und so fragte er gradezu, vb Denn sein Vater ein Verbrecher sei, weil man ihn gefangen halte. Als er Die nötige Reife hatte, wurde Reichstädt in der Weltgeschichte unterrichtet, auch in Der der Gegenwart, deren Held Napoleon war, und man gestattete ihm alles zu lesen, worin er sich über Die Schicksale Des Vaters unterrichten konnte. Ein merkwürdiges Dokument Dieser Beschäftigung mit der napoleonischen Kriegsgeschichte ist des Herzogs Biographie des Fürsten von Schwarzenberg, des Gegners seines Vaters. Die nttlitarischLn Operationen sind hier sehr objettiv behandelt, verraten aber eine gute Kenntnis Der Strategie. Der militärische Beruf erschien chm als bas Höchste, unh Feldhei-r-n- ruhm fDielte in feinen Zutunftshoffnungen die Hauptrolle. Das zeigt sich am deutlichsten tu Den bisher unveröffentlichten Aufzeichnungen Des Grafen Prokesch-Oslen. die von Bourgoing mitgeteilt toerDcn. Der Graf, Den der Prinz bei seinem Grazer Aufenthalt 1830 kennenlernte, wurde rasch 1
Sitzung der Stadtverordneten.
" Gießen. 14. 3anuae 1926.
Das am 15. November v. 3. neugewählte Stadtparlament hat sich heute tonftltmetl. Ohne besondere Almftänbe, ohne programmatische Reden. Kurz und bündig, schlicht. Schließlich sind ja auch große Reden bei solchem Anlaß in Der heutigen Zeit herzlich überflügel. Denn was uns in nächster Zeit drückt und auf oeit Nägeln brennt, weiß jeder, der sich ernstlich unö aufmerksam mit öffentlichen Dingen beschäftigt. Und was in wei° lerer Ferne der vier-jählngen Amtsperdode dieses Parlanrents liegen wird, wer tarnt das heute bestimmt formuliert sagen, überschen und dazu Stellung nehmen? Gs genügte vollkommen, was man jetzt beim Arbeitsbeginn der neuen Stadt- verordneten-Detsammlung als Ginführung zu hören bekam. Nur aus die Taten kommt es an. und hoffetrttvch werden diese st> Ausfallen, datz man Damit zufrieden sein kann.
Die politische Neuorientterung eine» grollen Teils der Wählerschaft kommt natürlich in dem äußeren Biltt des neuen Hauses kräftig zum 2Ii£ druck. Hinter Den beiden Rechtsgruppen, die z.T. naher an den Magistrats tisch gezogen sind, baut sich die Mittelstandsvereinrgung recht ftattltch cius bei den Demokraten sieht man ehr neues erhebliche 'Personalveränderungen sind auch bei den DozialDenrokoateit zu bemerken, und schließlich hat bas bisherige kommunistische Trio einer im wahren Sinne des Wortes nur einstimmigen Vertretung des Kommunismus Platz gemacht.
Sitzungsbericht.
Anwesend Oberbürgermeister Keller, die Beigeordneten Dr. Seib, Dr. Fr eh, Dr. Hamm, 3ustizrat Dr. Rosenberg. Kommet- flienrat Kltngspor und 42 Stadtverordnete. Der Zuhöverraum ist stark besucht.
Oberbürgermeister Keller nimmt zunächst Die
Einführung und Verpflichtung der neu gewählten Stadtverordneten por. Zuerst begrüßt er die alten Stadtverordneten, die auf Grund ihrer Wiederwahl berufen


