'Jion (>u verwerten. Dieser Mitarbeit wird sich Deutschland um so weniger entziehen, als •i erfahrungsgemäß und nachweislich die soziale, moralische und materiell« Wohlfahrt der eingeborenen Bevölkerung stets als höchste koloniale Ausgabe betrachtet hat. Koloni ierung ist Missimrierung: das war und bleibt Kern und Stern unseres Kolonialprogramms. Selbstverständlich müssen wir aber auch inzwischen, bevor sich unsere Kolonialansprüche verwirklichen, darauf bestehen, daß die Mandatsgebiete, soweit dies jetzt nod) nicht der Fall ist, deutschen Staatsangehörigen wieder voll und ganz geösfnet werden. Sonst würde der fundamentale Grundsatz der Gleichberechtigung der Mitglieder des Völkerbundes zur leeren Phrase und zum bloßen Schein herab- gewürbigt werden.
3m Dunkel der europäischen Geheimdiplomatie.
Don Prof. Ferdinand Dreher. Friedberg i. H.
Wer aus Unkenntnis oder wider besseres Wissen der deutschen Regierung von 1914 Kriegswillen oder EroberungSplane zuschvellrt, versündigt sich an der Wahrheit und an unserem armen Dolk. Während Frankreich und Rußland schon 1913 über eine Verteilung der Beute verhandelt hatten, zog Deutschland ohne irgendein Kriegs-,, Ziel" das Schwert, nur zur Verteidigung des nackten Lebens. Kriegs-,Ziele" wurden in Deutschland erst später, inti> zwar von privater Seite, aufgestellt.
Einser heutiges Elend rührt nicht daher, baß wir den Krieg verloren haben, sondern ist auf den Artikel 231 des Versailler „Vertrages" und die in der Mantel-Rote und dem Ultimatum vom 16. Juni 1919 enthaltene Lüge zurückzuführen, daß wir den Weltkrieg zwecks Erlangung der Weltherrschaft jahrzehntelang vlamnähig vorbereitet hätten und also für alle Schäden ouf- kommen müssen. Die Beraubung Deutschlands, die f'nanzielle Versklavung unseres Voltes durch die sog. „Reparationen" und den „Dawesplan" wird von den 27 „Siegern" ausschließlich mit der alleinigen und verbrecherischen Schuld Deutsch- lands am Weltkrieg begründet.
Deutschland nun hat durch die restlose Oeff- nurtfl seiner Archive ein in der diplomatischen Geschichte unerhörtes Beispiel von Freimut gegeben und damit bewiesen, daß es bei einer unparteiischen Untersuchung der Kriegsschuld- frage die Wahrheit nicht zu scheuen braucht.
Deutschland hat den Krieg nicht gewollt, sondern gefürchtet.
An diesem jetzt schon in seinen Hauptzügen klar unvrissenen Bild wird sich la um etwas Wesentliches ändern, tocrtn auch die Feindmächte eines schönen Tages notgedrungen in den sauren Apfel beißen und ihre sorglich versteckten Vor- kriegsakten auf den Tisch legen. Denn es gibt bereits Zeugnisse ohne Zahl, die nicht erlogen fein tonnen, weil sie mernals zur Veröffentlichung bestimmt waren.
Hierher gehören die von der russischen Räte- vegier.'Ng preisgegebenen berghohen Telegramme und Dericyte Iswolskys, der von 1907—10 als Außenminister und dann als Botschafter Rußlands in Paris wirkte. Der zu den brenzligsten Geheimakten der russischen Staatsarchive zählende diplomatische Schriftwechsel Iswolskys brandmarkt den Weltkrieg als einen längst geplanten Aeber- fall auf die Mittelmächte. Iswolsky und Poin- car6 haben nämlich seit Januar 1912 mit teuflischem Geschick ganz Europa unterminiert und sich 1914 Serbiens als Brandfackel bedient, um die morschc» Donaumonarchie und das Deutsche Reich in die Luft zu sprengen, dessen Vormachtstellung in Handel, Industrie, Kunst, Wissenschaft und auf sozialem Gebiet den Entente- gesellen ein Dorn im Auge war.
„DaS ist mein Kriegs 4 Jahre auf meinem Posten in Paris haben mir genügt, um mein Ziel zu erreichen!"
So und nicht anders klingt eS im August und September 1914 wie ein triumphierendes Geständnis aus dem Munde Iswolskys.
Wine auch dem Laien verständliche, treffliche Darstellung der von Iswolsky und Poincar6 gegen - den Weltfrieden angezettelten Intriguen gibt cm . soeben bei der Deutschen Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte (Berlin) erschienenes zweibändiges Prachtwerk des bekannten Historikers
Das große Würfelspiel.
(Martina ÖUemar.)
Roman von Franz Inner Kappus.
15 Fortsetzung Nachdruck verboten.
Stockend erzählte Carsten von Doktor Morell.
„Warum machen Sie sich das Leben so schwer?" K Julie. „Man muß sich nicht in Extremen jen. Es gibt auch Kompromisse."
Carsten verkürzte die Schritte.
„Kompromisse taugen nichts. Entweder — oder."
„Und wir beide?" fragte Julie tastend. Voll wandte sie dem Manne das Antlitz zu. Ihre Augen strahlten. Längst hatte die Leidenschaft Carstens sie mitgerisscn. Wieder blühte die Welt. Noch ein Sommer stand auf der Schwelle. Wieoiele würden noch kommen? War es der vorletzte, der letzte? Stärker betonte Julie: „Und wir beide — ist das kein Kompromiß?"
„Es sollte keiner sein", antwortete Carsten bedrückt.
„Auch der goldene Mittelweg ist schön."
„Nie, Julie, nie." Ohne Uebergang begann Carsten von Martina zu sprechen. Schon wiederholt hatte Julie von den Töchtern erzählt. „Ich möchte Martina kennen lernen. Sie muß ein kluges, zielbewußtes Mädchen sein."
„Nur eigensinnig."
„Geht sie noch immer in ihr Bureau?"
„Es ist eine Art fixe Idee", erwiderte Julie leickthln. Die Wendung paßte ihr nicht. Eine leise Gefahr schien aufzusteigen. So lange es sich vermeiden ließ, sollte Carsten Martina nicht kennen lernen. Julie drehte den Kops nach rechts und links. „Die vielen Menschen aus einmal —"
In der Tat: plötzlich wimmelte der Weg zum Bayerischen Häuschen von Ausslüglern. Die ersten Berliner „Blütenzüge" mußten eingetroffen sein. Lachend und lärmend tollten die Kinder. Die weißen Schillerkragen der Männer leuchteten. Breit schau- feiten die Hüften der Frauen. Gruppen um Gruppen armer, sonnendursttger Großstadtmenschen zogen vorüber.
„Es wird ungemütlich", sprach Julie, die Unter« tippe zwischen den Zähnen. „Vielleicht kehren wir um."
Friedrich Dtieve: „3 in Dunkel der Europäischen Geheimdiplomatie. Iswolskys Kriegspolitik in Paris 1911 b i s 1917. Volksausgabe der im Auftrage des Auswärtigen Amtes veröffentlichten Iswolsly- Dokumente".
Für die klare und eindeutige Ausdrucksfähigkeit Iswolskys spricht es, daß seine Berichte sich, dank Stieves Einordnung, gleichsam wie eine geschichtliche Erzählung, stellenweise wie ein spannender Kriminalroman lesen.
Iswolsky und Poincar^ haben bewußt, mit kühlem Verstände und kalter Berechnung die möglichst lückenlose Vorbereitung des Kampfes gegen die Mittelmächte zum Abschluß gebracht, um im geeigneten Augenblick den Weltkrieg, „die heilsame Krisis, auszulösen: um die europäische Politik zum Punkte des Bruches zu führen".
Mit diesen Worten kennzeichnete der ehemalige russische Außenminister Graf Murawiew die Sendung Iswolskys nach Paris Ende 1910.
Wie lange aber noch wird die goldverblendete Majestät des sogenannten Weltgewifsens in Genf mit gefalteten Händen und frommem Augen- auffchlag vom ewigen Frieden und von Recht und Billigkeit predigen, während Deutschland unter den Strafmaßnahmen des Fchlspruches von Versailles fangfam verblutet?
Im Kampfe gegen die Kriegsschuldlüge muß das gesamte deutsche Dolk ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit geschlossen zusammenftehen. Hier gilt es nicht, die Monarchie oder Republik zu verteidigen oder anzuklagen, sondern der Wahrheit, die uns allein frei machen kann, eine Gasse zu bahnen. Von der baldigen Bereinigung der Kriegsschuldfrage hängt daö künftige Schicksal unseres Vaterlandes, dos Wohl und Wehe von Kind und KindeSkinb, ab.
Oberhessen.
Landkreis Gietzen.
f. K l e i n »ß t n b e n, 13. Oft. In Gegenwart weniger Interessenten fand gestern eine Neuner- Pachtung von Grundstücken in hiesiger und der anschließenden Gießener Gemarkung des Fabrikanten Wilhelm Volk ans Großen-Linden auf weitere sechs Jahre statt. Die erzielten Pachtpreise bewegten sich je nach Güte des Geländes zwischen einem und zwei Pfennig pro Quadratmeter Der Umstand, daß Interessenten genügend Pachtland au-, freier Hand zur Verfügung steht, läßt ein größeres Interesse an solchen Verpachtungen immer mehr schwinden.
n. Großen-Linden, 13. Oft. Eine hiesige Frau verletzte sich beim Stro h schneiden ein Auge an der Spitze des Strvhmessars so schlimm, daß sie Aufnahme in der Gießener Klinik finden mußte. Zum Strohschneiden befestigt man hier in der Scheune oder in dem Viehstalle abgelegte Sensen. Zur Vermeidung von derartigen Verletzungen sollte man die Spitzen der Sensen um 10 Zentimeter abhauen und dann die Ecken abrunden lassen.
v Lich, 13. Oft. Der vor etwa fünf Jahren gegründete Arbeiter - Gesangverein „Einigkeit" dahier plant am 4. und 5. Juli nächsten Jahres ein Sängerfest mit Fahnenweihe abzuhalten. Aus diesem Anlaß fand vor einigen Tagen auf Einladung des festgebenden Vereins eine Besprechung der Vorstände der OrtSvereine statt. 50 Vorstandsmitglieder hiesiger Vereine einschl. ihrer Vorsitzenden hatten der Einladung Folge geleistet. Rach den gegebenen Erläuterungen über die Art und den Umfang des in Aussicht genommenen Festes er- flärten sich alle Anwesenden ohne Ausnahme zur gemeinsamen Mitarbeit bereit. Anschließend hieran schritt man zur Bildung eines Finanz-, Presse-, Wohnungs-, Wirtschafts-, Emfangs-, Dau- und Schmückungs-, Dergnügungs- und Ordnungs-Ausschusses. Den Ausschüssen ist die Vorbereitung und Durchführung des Festes in die Hand gelegt. Sie sollen sich ihre Vorsitzenden und Schriftführer selbst wählen. Der Bürger- m e i st e r der Stadt wurde von der Versammlung einstimmig zum Fe st Präsidenten gewählt. Der Vorstand deS Arbeitergesangvereins „Einigkeit" dankte den Dereinsvertretern für die bereitwillige Mitarbeit und gab der Erwartung Ausdruck, daß das geplante Fest einen vollen Erfolg bringen werde. Weiterhin wurde mitge- teilt, daß in den nächsten Tagen mit der Sammlung freiwilliger Beiträge für die Anschaffung
„Bitte."
Den Kopf gesenkt, ging Carsten neben ihr her. Zwiespältig war ihm zumute. Immer offenbarer wurden die zwei Welten: seine unb Julies Welt. Bei den ärmlichen, bürftigen Menschen, denen man hier begegnete, war sein Platz. An ihnen hatte er gutzumachen, was gesündigt worden war. Die hatte er bestohlen, beraubt. Keinem wagte er in die Augen zu sehen. Und Julie? Mißgelaunt drängte sie von seinen Opsrn fort Ungemütlich nannte sie die Berührung mit ihnen. Nur nach Wohlleben und Luxus stand ihr Sinn. Eine andere Welt. Nie noch hatte Carsten das so deutlich empfunden wie in diesen Minuten.
Aber gleich darauf, als sie wieder im Auto saßen, wankte die Scheidewand.
Wie verwandelt war Julie.
„Wohin mir fahren? Wie schön bas Leben ist, wie herrlich schön! Bis in die Unendlichkeit so zu fahren: immer weiter, in den ewigen Sommer hinein! Alles liegt da am Wege, was das Herz begehrt: Sonne, Gold, Glück, Seligkeit. Ist es Lüge, ist es Wirklichkeit? Warum fragen wir immerfort danach? Plump greifen wir nach den Dingen und reißen uns die Finger blutig. Warum können wir die Hände voh den Dingen nicht lassen? Alles ist schön, wenn es im Fluge oorüderweht: jedes Sandkorn glitzert, jeder Baum trägt goldene Früchte, jedes Kind am Wiesenrain ist ein Engel. Wozu sich mit Gedanken beschweren, wozu grübeln, wozu sich quälen. Bernhard Carsten?" Wie im Rausch sprach Julie.
Kühl lag ihr Hand an Carstens Wange. Hatte er nach dieser Hand gefaßt oder war sie von selbst aefommen? Wie ging das zu, daß olötzlich alle Zweifel schwiegen? Wo waren die ätzenden Fragen geblieben? Wunderbar leicht fühlte sich Carsten auf einmal. Friede war allenthalben, kein Sümmchen raunte in der Brust. Das leise Sausen in den Schläfen tat wohl. Wie durch den Aether ging die Fahrt, unfaßbar, märchenhaft.
„Wohin?" fragte Julie noch einmal.
Carsten streckte die Linke aus, ergriff die Sprech- muschel und ries ein Wort hinein. Lorenz nickte auf feinem Chauffeurfitz.
Wieder redete Julie. Carsten verstand den Sinn ihrer Worte nicht. Nur ihre Stimme wühlte in feinem Blut. „Das Jagdschloß da —" Mit beiden
e.uer Fahne begonnen Anfeh reiche Mittet seien erforderlich, und der Verein fei genötigt, an den Opfepsinn der Einwohnerschaft zu appellieren. Die Ausschüsse werden zum Teil bereits in den nächsten Tagen mit den Vorarbeiten beginnen. Die Harmonie im Der- einsleben der Stadt zeigt sich hier in Vorbild- lichster Weise, und wenn der Wettergott ein Einsehen hat, wird in den Mauern unseres Städtchens ein schönes Fest gefeiert werden können.
bs. Steinheim bei Hungen, 13. Oft Der Gemeinderat beschloß in seiner letzten Sitzung mit 9 gegen 1 Stimme bei einer Stimmenthaltung die Erbauung einer Wasserleitung. Das Kulturbauamt Gießen ist mit der Anfertigung der Pläne und der Aufstellung des Voranschlages beauftragt worden. Im kommenden Frühjahr foll mit den Arbeiten begonnen werden. Man hofft, Zuschüsfe aus den Mitteln der Erwerbssosenfürsvrge zu erhalten. Da Bohrungen nach den Angaben des Wünschelrutengängers Oberstleutnant Heinemann nicht von Erfolg begleitet waren, beschloß man, das Wasser des hiesigen Trinkbrunnens zu benutzen. Mtt dem Bau bet- Wasserleitung soll gleichzeitig auch die Kanalisation angelegt werden. — Die Mc»ul- und Klauenseuche greift hier erschreckend um fich. Bereits find ihr 2 Stuck Großvieh unf> 8 Rinder und Kälber zum Opfer gefallen.
bs. Aus her Sßetterau, 13. Okt. Die Iagdpächter klagen sehr über trexx geringen Bestand an Wild. Bon Feldhühnern find nur vereinzelt Ketten anzutreffen, und auch die Hasen haben unter der naßkalten Witterung drs Vorsommers gelitten. Am besten ist der Bestand an Fasanen.
Kreis Friedberg
CO Friedberg, 13. Okt. Die Walzarbeiten an der Straße Friedberg — Florstadt sind beendet. Vom Zweckoerbanb Wetterau unb allen Fahrgästen wird bies begrüßt, ba nun bie zeit- raubenben Umwege nicht mehr gemacht zu werben brauchen. Nun haben die Reisenden der Kraftwagen- linie nicht nur den alten pünktlichen Fahrplan, sondern auch fast auf der ganzen Strecke gute Straße.
4 Bad-Aauheim, 14. Okt. Die hiesigen Politischen Parteien hatten ihre Parteifreunde im Landtag für gestern zu einer Besprechung über lokale Verhältnisse eingeladen, die im engsten Zusammenhänge mit dem staatlichen Bade stehen. Die Aussprache, an der Landtagsabgeordnete in größerer Zahl, die Stadtverwaltung und die Mehrzahl der Stadtverordneten teilnahmen, war internet Art. lieber Cittzelheiten ist zunächst nichts bekannt geworden. Es hat sich lediglich darum gedreht, über die tatsächlichen Verhältnisse am Platze zu unterrichten, wobei natürlich auch ein Teil des Fragekomplexes gestreift werden mußte, der für unsere Dadestadt aus der Rotwendigteit des Zusammenarbeitens zwischen Stadt und Staat gegeben ist. und der in keinem anderen hessischen Gemeinwesen vorliegt. Gegenstand der Besprechung waren in erster Linie diejenigen städtischen Ausgaben, die gleichzeitig auch dem Bade und damit dem Lands zugute kommen, wie beispielsweise die Frage des Krantenhausneubaues, die in ein «akutes Stadium getreten ist, nachdem sich alle beteiligten Kreise, auch die gestern hier anwesenden Abgeordneten, von der llnzulänglich- keit des jetz-gen Krankenhauses überzeugt haben. Wie wir hören, verlies die Zufammenkunft in bester Harmonie. Die Abgeordneten zeigten weitgehendes Verständnis für d'e Aufgaben, die der Stadt in ihrer besonderen Eigenschaft als Dade- sbadt dauernd erwachsen. An der Besprechung beteiligten sich u. a. von der Deutschen Volkspartei die Abgg. Frau Birnbaum und Dr. R i e p o t h.
I— Butzbach, 13. Okt. Der bei her Bamag- Meguin A. G. beschäftigte Richtmeister Ger- l o ch von hier stürzte auf einer auswärtigen Baustelle so unglücklich ab, daß der Tob aus b e r Stelle eintrat. Die Beisetzung ber Leiche erfolgte unter großer ^Beteiligung ber Beamten- unb Arbeiterschaft ber Firma auf bem hiesigen Friebhofe.
— Steinfurth, 13. Oft. M t der k.rch- lichen Feier des Erntedankfestes am Sonntag verbunden war die Abschiedsfeier für unfern Pfarrer Weck, der zwei Jahrzehnte segensreich in unserer Gemeinde gewirft hat und nun seine neue Stelle in Ober-Eschbach antreten wird. Die Kirche trug festlichen Schmuck, und andächtig
Händen drehte sie sein Antlitz aur Seite. „Wie verzaubert —" Schon war bas Jagdschloß versunken.
Jrgenbwo bog bas Auto ein, ratterte kurz unb stand still.
„Da?" Leuchtend fragten Julies Augen.
Earsten schritt voran. Die dicken Teppiche schluckten jeden Laut. Ueppiges Behagen entströmte den weiten Räumen. Kostbares Kristall funkelte in Vitrinen. Feierlich blickten düstere Gemälde aus schweren Goldrahmen. Eine Uhr schlug mit tiefer, tiefer Stimme.
„Wie wunderbar Sie wohnen", sprach Julie gepreßt.
„Nicht mehr lange.“
Carsten klingelte um Tee. Derselbe Diener, ber geöffnet hatte, machte sich lautlos zu schaffen. Ein Tischchen rollte herbei. Ein kleiner Schrank mit Likören tat sich auf. Bunt schimmerte es auf ben geschliffenen Glasplatten. Silbern blitzten Tabletten unb Karaffen.
„Wie soll ich bas verstehen, Bernharb Carsten: nicht mehr lange?"
„Die Villa ist verkauft." Carsten zögerte. „Ober so gut wie verkauft."
„Unb Sie?" fragte Julie.
„Zwei ober drei Zimmer irgendwo. Es wirb nicht schwer fein, bie zwei oder drei Zimmer zu finben.
„Verrückt!" rief Julie.
„Vielleicht", lächelte Carsten schmerzlich. „Manchmal glaube ich es selbst."
„Welchen Sinn soll bas haben? Wem soll bas nützen?"
„Mir selbst."
„Julie stieß ein kurzes, brenneubes Lachen aus.
,A>as haften toie?"
„Man muß konsequent fein. Man muß alles versuchen."
„Unb bas Leben?" Nahe rückte Julie an Carsten heran. Heiß wehte ihr Atem. „Unb Ihr Leben? Ihr armes, zermartertes Leben, Bernharb Carsten? Wie oft haben Sie mir davon erzählt! Es wird sich nicht ändern, dieses Leben. Cs wird weitergehen wie in diesen Monaten. Ober sich noch tiefer verlieren im Geröll." Julie schürzte bie Lippen. „Wie haben Sie gesaat: zwei ober brei Zimmer jrgenbwo? Unb weiter? Die zwei ober brei Zimmer sollen Ihnen ben Frieben bringen? Ich staune."
lauschte jung und alt Den Abschiedsworten beg scheidenden Seelsorgers, der in Anlehnung an den 36. Psalm sprach. Die Geschäfte ber Pfarrei wird zunächst Pfarrassistent H o s m e y e r (Dad- Rauheim) vertretungsweise versehen, da der Rachfolger Pfarrer Wecks noch nicht ernannt ist.
4 Ober-Mörlen, 13. Okt. Der hiesige Turnverein, der in diesem Jahre auf eine 25jährige Zugehörigkeit zum Turngau Hessen zurückblicken kann, hat unter dem günstigen Einfluß des im Sommer hier abgehaltenen Bezkrks- ttrrnfestes einen neuen A uf s chw una genommen. Das zeigte sich deutlich beim Abturnen des Vereins am Sonntag, wobei in bezug auf Beteiligung und Leistungen erfreuliche Fort- fchrttte zu beobachten waren. Im Zwölfkampf bet Oberstufe erreichte der erft? Sieger 195 Punkte.
OO Nieder-Flor stabt, 13. Okt. Bei Gastwirt Musch fanb eine Versammlung der Handwerker und Gewerbetreibenden statt, zu der etwa 40 Handwerksmeister aus Rieder- und Ober-Florstadt, Staden und Stammheim erschienen waren. Dr. Reif sprach über Steuerfragen, die Rovelle zur Gewerbeordnung. Submi fio. e i und B k >mp ung te: Sch arzarkx it. Der Plan, einen Gewerbeverein zu gründen, scheiterte zunächst noch, soll aber in einer demnächstigen Versammlung verwirklicht werden.
§§ Ober-Florstadt, 13. Oft. Der Gemeinderat beschäftigte sich in feiner jüngften Sitzung wieder mit dem Projekt einer Wasserleitung. Der Kostenvoran'chlag hierfür beläuft sich auf 65 bis 70 000 Mark. Da die Gemeinde nicht über genügend Mittel verfügt, soll ein größerer Betrag als Darlehen ausgenommen werden, in welcher Hohe konnte noch—nicht bestimmt werden, da man noch mit einem^gEeren Zuschuß seitens des Staates rechnet. Mit Hilfe der produktiven SrwerbSlofen'ürsorge hofft man die Anlage bewerkstelligen zu können. Die Entscheidung darüber dürfte In aller Kürze zu erwarten sein.
Kreis Büdingen.
11 Büdingen, 13. Okt. Aus der jüngsten Gemeinderatssihung ist zu berichten: Die Arbeiten zur Verbesserung ber QBa ff er- Versorgung wurden vorgenommen. Den Tief- bauunternehmern Faßbinder & Mörschel, (Büdingen) wurde die Fassung der Quelle übertragen. Den Zuschlag zur Legung der Rohrleitung bis zum Hochbehälter erhielten die Vereinigung der Installateure und die Schlosser- meister Wagner und Appel (Büdingen). Zur Finanzierung der Arbeiten soll aus Reichsund Landesmittel ein Darlehen aufgenommen werden, verzinslich zu 5 Prozent und rückzahlbar in zehn Raten. — Die Pflasterung der Hindenburg st raße und des „Reuen Wegs" ist jetzt fertiggeftellt. Leider konnte die Pflasterung der Hindenburgstraße noch nicht ganz durchgeführt werden, da die Reichsbahn sich bisher weigerte, das Stückchen Straße unter der Bahnüberführung pflastern zu lassen. Durch Verhandlungen wurde nun erreicht, das die Reichsbahn der Pflasterung zustimmte unter der Bedingung, daß die Stadt die Unterhaltung des Kanals an dieser Stelle übernimmt. Der Gemeinderat stimmte dieser Regelung zu. Wer die Verhältnisse kennt, wird sich sagen müssen, daß die Stadt sich hier eine große Arbeit aufgeladen hat. Bei jedem stärkeren Regenguß verstopfte sich seither der Einfallschacht des dortigen Kanals, und die ganze Straße war überschwemmt. Dies kommt in der Hauptsache durch die Regenwassermengen. die von dem Feldweg nach dem Schafsfeld herunterfliehen.
1h. Leidhecken, 13. Okt. Am Montagabend fand in der Kirche unserer Rachbargemeinde Staden bei überaus zahlreicher Beteiligung der Gemeinde und der umliegenden Gemeinden eine Filmvorführung statt: Die Pasfionsfpiele Christus'", ein Filmwerk in sechs Kapiteln. Die Vorführung war eine Wechestunde für die Besucher.
]:[ Usenborn, 13. Okt. Auf Beschluß deS Vorstandes hielt der in diesem Jahre neu erstandene Turnverein sein diesjähriges Ab- 1 utnen. Von ben 12 zum Wetturnen angetretenen Turnern erhielt jeber ebnen Preis. Das Kampfgericht bestand aus Hirzenha ner Preisrichtern, die außerordentlich scharf urteilten. Abends war die Preisvertellung, anfchlleßend gemütliches Zusammensein. — Bei der hiesigen Ob st Versteigerung kam der Zentner Aepf el auf dem Baum zwifcb i 8 b's 10 Mk., Birnen
„Warum staunen Sie, Julie?"
„Es gibt auch Menschen, bie in Kellern wohnen. Unb anbere, bie bie Nächte auf einer Bank im Tiergarten zubringen. Begreifen Sie? Diesen Unglücklichen gegenüber werben Sie in Ihren zwei ober drei Zimmern ein Krösus fein. Wie ich Sie kenne, wirb biefer Gebanke Sie schon am ersten Tage beim Genick haben. Unb bann?"
Carsten stöhnte.
Julie war aufgeftanben. Unmutig ging sie auf unb ab. Die Stimmung von früher mar verraucht. Fahle Alltagsfarbon lagen auf den Dingen. Herbstliche Kühle strich plötzlich burch die weiten Räume. Feindselig glitzerten die Kristallüster an ber Decke.
Mit schweren Schritten trat Carsten auf sie zu.
„Soll ich die Villa nicht verkaufen?" fragte er gezogen. „Ich habe Bedenkzeit bis morgen.' Ich könnte auch gleich jetzt telephonieren. Nur müßte ich wissen —" Er stockte.
„Was müßten Sie wissen, Bernhard Carsten?"
Seine Blicke wanderten durch die Flucht der Zimmer. „Wie in einem großen, prunkvollen Sarg komme ich mir da manchmal vor. So schrecklich ver» lasten, so mutterseelenallein."
„Was müßten Sie wissen?"
„Daß da irgend jemand — baß ba Sie--
wenigstens dann unb wann--so wie bamals,
Dor zweiundzwanzig Jahren, in bem billig möblier« ten Zimmer--es wäre ein neues Leven--
ein Glück ohne Namen--*
3ulie fühlte, baß sie gewonnen hatte.
„Ich bin ja dein", sprach sie leise. Der Sommer, jubelte es in ihr, ber Sommer!
XIII.
Gin Wunber war geschehen.
Mit Hedwig Reimke, der blutarmen Kollegin aus dem Bureau, saß Martina Wilernar im Wintergarten. Immer war der Samstag der einzige Tag, an dem bas stille, altembe Mäbchen seltener seufzte als sonst. Heute war sie sogar aufgeräumt gewesen. Nach Bureauschluß um zwei Uhr hatte sie Martina unterm Arm gefaßt. „Gehen wir doch am Abenb irgendwo hin! Wie denken Sie über den Wintergarten? Früher war ich öfter dort. Das Programm ist immer gut. Warum sollen wir nicht ein< mal in ben Wintergatten gehen?"
(Fortsetzung folgt.) >


