Nr. 241 Zweites Statt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
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Donnerstag, 4. Gttoder (926
Diplomat Mussolini.
Don unserem römischen ^.-Korrespondenten.
Als Poincare den Zaren umarmte, sagte man in Ser damals beliebten Diplomatensprache, damit sei nun der Friede Europas gesichert. Einige Furstcn- degegnungen waren schon vorausgegangen. Die Dinge gingen dann auch ihren Gang und als nach vierjährigen Wehen in Versailles das bessere Zeitalter aus der Taufe gehoben wurde, beschloß man mit einem Heroismus ohnegleichen, die gemeine Gcheimdiplomatie als die Mutter des Krieges im gleichen Weihwasser flu ersäufen. Und den Vater dazu, den Bündnisgeist. Es geschah also.
Als Briand den Stresemann umarmte, sagte man in der heute beliebten Diplomatensprache, damit sei nun der Friede Europas gesichert. Einige Fürstenbegegnungen waren schon vorausgegangen. Und da Bündnisgeist und Geheimdiplomatie das Zeitliche gesegnet haben, gehen denn auch die Dinge ihren Gang. Auf Ascona folgte Rapallo, auf Thoiry Livorno. Die Völker sind unterrichtet.
Run werden manche, wie immer in solchen Fällen, einwenden, der Vergleich sei unzulässig, denn inzwischen sei doch die Zeit fortgeschritten, und es ist wahr: PoincarL zahlte damals mit vulgärem Geld die nach Drestlitowsk zurückverlangtcn Milliarden, während man heute, modern, wie man ist, dafür Eisenkartell sagt. Für den unbeteiligten Dritten aber ist das gehupft wie gesprungen. Italien saß nicht am geheimnisvollen Tischchen von Ascona, nicht am Tischleindeckdich von Thoiry. Es spielt durchaus — oder glaubt das wenigstens — die Rolle, die Deutschland bei der Zarenumarmung innehatte. Es fühlt sich verraten, verkauft, isoliert, eingekreist. Und handelt dementsprechend. Die Dinge gehen ihren Gang.
Ridmals ist die Geheimdiplomatie so finster gewesen wie heute, niemals unter so anmaßend demokratischer Maske betrieben worden. Wer wollie im Ernste abstreiten, daß der deutsche Kaiser oder der Zar weit weniger Gelegenheit hatten, von geheimen Zusammenkünften Gebrauch zu machen, als unsere modernen Diplomaten 7 Abgeordnete von seinem durchgehenden Temperament, das sich in den berühmten Randglossen entlud, konnte der Kaiser vor seinen Ratgebern nichts aus den Fürstenbegegnun- gen verheimlichen, wenn er darauf einen Plan stützte, der Außenminister der deutschen Republik dagegen braucht dem Kabinett nur so viel klaren Wein einzuschenken, als er für dessen Wohlbefinden zuträglich hält. König Eduards Gedanken kannte die ganze Welt als offenes Geheimnis, Chamberlain dagegen ist ein wirkliches Buch mit fieben Siegeln, und Mussolini eine Sphinr. Wir dürfen heule eine Höflichkeitsvisite darin sehen, wenn der spanische Herrscher den italienischen besucht, nicht aber eine Harmlosigkeit in Thoiry oder Livorno. Der Reichstag, der dem Kaiser noch so höllisch zu schassen machte, ist zur geschwätzigen Domestikentreppe herabgesunken. Beschlüsse werden nur noch in geheimen Sitzungen gefaßt, Völkerbündnisse unter vier Äugen in unbekannten Kneipen beredet und begossen. Und dann deutet man pharisäerhaft auf das verfluchte ancien r^gime.
So kommt es, wie es kommen muß. Der Völkerbund dient den ernsthaften Diplomaten nur noch als Festbühne für die politischen Kinder, wo sie ihre zierlichen Menuettschritte machen und mit silberner Stimme reden. Hinter den Kulissen aber wird gefeilscht und gerungen mit allen Listen und Künsten der Jahrhunderte. Italien sand das letzte Theaterstück in Genf gerade passend, um sein militärisches Bündnis mit Rumänien unter Dach zu bringen. Man muß es dem „Draufgänger" Mussolini lassen, daß er der Zunft des glatten Parketts die Schliche abgefchaut hat und im Begriffe ist, feine Lehrmeister zu übertreffen. Dabei kommt ihm die klare Erkenntnis der fchickfalshaften Entwicklung seiner Ration zugute, aoer auch noch etwas anderes, was einigen feiner Kollegen verschlossen bleibt: die Lehre aus dem Weltkrieg.
Italien sicht sich heute tatsächlich in einer Lage verblüffend ähnlich derjenigen, die Deutschland zum Verhängnis wurde. Es sieht feinen Zweifrontenkrieg Heraufziehen, im Westen und Offen, und steht vor der bangen Frage: Wie wird sich wohl England im entscheidenden Augenblick verhalten? mm»,«'Mnatnrn
(Biebener Stadttheater.
Hans Jos6 Rehfisch:
„Wer weint um Juckenack?"
Seltsam find die Masken, hinter denen die jungen Dichter der Zeit sich verbergen. Werk und Gestalten tragen oft so wunderliche Namen, daß man befremdet auf horcht, ehe man sich besinnt, wieviel nrehr Gewicht man heute — mit Recht — auf scheinbar so äußere Dinge legt, als man früher gewohnt war. Ein Rame, ein Klang, ein Rhythmus kann schon die Phantasie beflügeln, Gedanken anregen und lockern, schwebende Stimmungen vorzaubern, über die man sich nicht Rechenschaft zu geben vermag. Freilich ist auch gerade mit diesen (allerdings beziehungsvollen und nicht unwichtigen) Dingen in der modernen' Literatur viel Mißbrauch und Bluff getrieben worden. Es war, einfach gesagt, oft genug nichts dahinter. Aber man darf sich nicht tauschen lassen.
1913 erschien Rehfischs erstes Werk: „Die goldenen Waffen"; es hat kein Hahn darnach gekräht. Sieben Jahre später kam ein Drama, „Der Chauffeur Martin"; ein kleiner Kreis horchte auf; ein Kritiker bemerkte zur Auffüh- rung, auch Strindberg habe diese Tragödie geschrieben (es kann hohes Lob oder böse Ironie ge- topfen fein) — und überdies wußte man inzwi- schen, daß der Autor, 1891 geboren, in Char- lottenburg lebe und Dr. jur. et rer, pol. sei, wo- rii&er man sich einigermaßen verwunderte. Aber- mals zwei Jahre weiter die Komödie „Erziehung durch Kvttbrr'; der sonderbare Titel verhieß Sensation, und die Wiener Ausführung erzielte prompt einen Theaterskandal, wozu hinwiederum kein Anlaß vorlag. Dann folgten schnell nachein- ander die Dramen „Wer weint um Juckenack?", „Die Libelle", „Nickel und die 32 Gerechten", „Jakob und der Teufel" und „Duell am Lido".
„Juckenack", Tragikomödie von 1924, eines der wertvollsten Dramen Rehsischs, könnte formal und gehaltlich von dem größten Könner einer älteren Generation Herkommen: von Georg Kaiser. Der Mensch im Mittelpunkt wirkt oft wie ein geistiger Bruder der Kaiserschen Spazierer und Pfandleiher. Die seltsame Mischung von zeitgebundener Realistik und einer ins Geheimnisvolle und Jenseitige alarmierend vorstohenden Idee ist ebenso romantisches, wie dichterisches Merkmal, das gerade für Kaiser (der überhaupt schwer zu erfassen ist) Geltung hat. Und endlich
Das ist die rote Schnur, die Roms politische Taue durchzieht und von dieser Erkenntnis wird fein Tun und Lassen beherrscht. Gegenüber dieser klaren und bedeutsamen Tatsache, die nicht treffender bezeichnet werden kann als mit dem italienischen Wort fatale, das nicht übersetzbar ist, ungefähr so viel bedeutet wie vorbestimmt, schicksals- haft, rücken die sog. Probleme des Tages — Abessinien, Tanger usw. — in den Hintergrund. Damit ergibt sich schon, worüber Mussolini mit Chamberlain verhandelte, in Rapallo wie in Livorno.
Statt Diplomat Mussolini möchte man am liebsten sagen Stratege Mussolini, denn er denkt in Ländern und Verträgen wie der Feldherr in Armeen und Manövern. Er weiß, daß die diplomatische Front Deutschlands, wie sie noch dessen erster Kriegskanzler als gegeben annahm, mit dem (für Bethmann Hollweg) unerwarteten Eingreifen Englands verhängnisvoll durchbrochen wurde, weiß, wie sehr das Auftauchen neuer Feinde, und handle es sich auch bloß um den Balkan, ins Gewicht fällt, weiß als Italiener schließlich auch, daß es nicht ratsam ist, immer auf Bündnisverträge zu bauen. Er handelt also, indem er Deutschlands Fehler zu vermeiden sucht. Er ist Kaiser Wilhelm in feinem Temperament, seiner Photographenpose und seinen Zerschmetterungsreden, hat aber auch die Bismarckstiefel an und den Napoleonshut auf dem Kopfe. Fragt sich nur, ob ein einziger Mensch so viele Requisitenstücke auf die Dauer tragen kann und im entscheidenden Augenblick zu verwenden weiß. Doch interessiert das an dieser Stelle nicht; halten was uns an das Pofitivum, das Italien sich für diesen Augenblick vorbereitet.
So gedacht oder nicht, jedenfalls empfindet Rom die deutsch-französische Verbrüderung so wie seinerzeit Berlin die französisch-russische. Besonders erbittert hat dabei die eiserne und goldmarkklingende Begleitmusik, das E i s e n f a r t e 11. Begreiflich, denn Italiens Achillesferse ist der Mangel an Rohmaterialien. Wenn die Regierungspresse von einer Verletzung der Meistbegünstigungsklausel, von einem Werk der internationalen Plutokratie und Entartung des kapitalistischen Regimes spricht, so meint sie bei allem Schelten natürlich doch nur die furchtbare Gefahr der wirtschaftlichen Isolie
rung I t a l i n s. Gesetzt den Fall, Deutschland bewahrt bei dem Kampfe ums Mittelmeer eine „wohlwollende Neutralität" zugunsten Frankreichs, jo wiegt das mehr als die ©ranatcnlieferunq Amerikas im Weltkriege. Italien braucht also durchaus nicht mit einer militärischen Unterstützung Frankreichs durch Deutschland zu rechnen, um schon genügend Grund für eine scheele Betrachtung des Techtelmechtels von Thoiry zu haben.
Es nimmt also seine Zuflucht zu England. Unnötig zu betonen, daß und warum England wie ein deus ex machina in den Mittelmeerkrieg eingreifen kann. Italiens Schicksal wäre schon in dem Augenblick besiegelt, wo der britische Schleusenwärter in Gibraltar und Suez zuschließt. Rom kann nicht einmal die Neutralität Englands vertragen, wenn sie frankophil gefärbt ist. Da aber der Brite nichts umsonst tut, so heißt es für Mussolini: Was kann ich bieten? Nun, vor allem die Unterstützung Italiens in der unveränderten britischen Politik, die immer den Stärfftcn auf dem Fesi- lande aufs Korn nimmt. Hier würden sich also auf der in Livorno betonten „gleichen Richtlinie" Rom und London treffen. Von einer Seemacht verlangt aber England stets als erstes Bündnisfäyig- k e i t. Ist die italienische Flotte bündnisfähig? Soweit sie es noch nicht ist, verspricht Mussolini, wird sie es werden. Er hält sofort nach Livorno seine programmatische Vorlesung über die Seebeherr- schung des altrömischen Imperiums an der Frcm- denunioersität von Perugia. So war es, so soll es wieder sein!
Gleichzeitig erfolgen die Manöver gegen den Feind im Osten. Schon heute erweist sich der Adrw- pakt als das, was er immer nur war: ein zeitliches Sicherheitsventil gegen das frühzeitige Losaehen der jugoslawischen Flinten. Ernstlich in Schach gehalten kann der Gegner aber nur durch jene Politik werden, die man als Beruhigung des Balkans zu bezeichnen pflegt. Dem zu stark gewordenen Jugoslawien wird also das berühmte „Gleich g e - wicht" entgegengesetzt, Rom sichert sich Bukarest und Sofia. Und noch weitere Maschen werden an das Netz der Verträge angewebt werden.
Wie vor 1914. Die Dinge gehen ihren ehernen Gang.
Die Kolomalfrage
und DeutWandsCintritt in denVölkerdund
Von Dr. Johannes Bell, Reichsjustizminister und Reichsminister für die besetzten Gebiete, Vorsitzender d. interfraktionellen Kolonialvereinigung des Deutschen Reichstags.
Deutschlands Eintritt in den Völkerbund, von der größeren Mehrheit des deutschen Volkes ersehnt und begrüßt, muß auch für die berechtigten kolonialen Wünsche und Foredrungen Dertschlands besondere Bedeutung gewinnen.
Bekanntlich ist die unter Verletzung ausdrücklicher Zusagen in den Wilsonschen 14 Punkten erfolgte Wegnahme unseres gesamten Kolonialbesitzes gegründet worden auf die Behauptung, daß Deutschland sich als unfähig erwiesen habe, unentwickelte Volker zu leiten, und daß es daher in dieser zivilisatorischen Kulturarbeit durch fortge- schrittene Nationen ersetzt werden müffe. Als damaliger Reichskolonialmini st er habe ich es als meine Hauptaufgabe und vornehmste Ehrenpflicht betrachtet, vor der gesamten Kulturwelt diese für Deutschland tiefträntenoe koloniale Schuld- lüge mit allem Nachdruck zu bekämpfen. In dem meiner Leitung anvertrauten Reichskolonial, minifterium, das zu unserem tiefen Schmerze damals auf die Propagandaarbcit und die Liquidation beschränkt bleiben mußte, wurde ein für die historische Forschung dauernd wertvolles Material hierüber gesammelt und veröffentlicht. Zu verweisen ist insbesondere auf die von uns ausgearbeiteten und auch der Entente vorgelegten Denkschriften über unsere und der anderen Kulturstaaten kolonisatorische und zivilisatorische Befähigung und Bc- tätigung. Dieses Material, gestützt fast ausschließlich auf einwandfreie Zeugnisie sachkundiger Gegner Deutschlands, war derart erdrückend und beweiskräftig, daß eine gerechte Beurteilung hieran unmöglich vorüber gehen konnte. Unter Ueberreidjung dieses durchschlagenden Beweismateirals an unsere
damaligen Kriegsgegner hatte ich mich ausdrücklich erboten, vor einem frei auszuwählenden Forum die deutsche Kolonialverwaltung gegen alle Angriffs und Vorwürfe zu rechtfertigen. Unter der Einwirkung der damaligen Kriegspsychose ging man über meinen sicherlich durchaus beachtlichen Vorschlag ebenso zur Tagesordnung über, wie über unser vorgelegtes Beweismaterial. Gegenüber dieser offensichtlichen Mißachtung habe ich damals schon vor der breitesten Oeftentlichkeit in Wort und Schrift darauf hingewiesen, daß unser unerschütterliches Vertrauen auf unser Recht uns nicht im Stich lassen werde. Die Zeit werde kommen, wo sich bewahrheite, daß die Sprache des Siegers nicht die Sprache der Vernunft und der Gerechtigkeit sei.
Inzwischen hat sich in dem Gesamturteil unserer ehemaligen Gegner ein unverkennbarer Wandel vollzogen. Je mehr die Kriegspsychose unter der Einwirkung der politischen Gesamtverhältnisse einer ruhigeren und gerechteren Beurteilung und vor allem der Erkenntnis von der Notwendigkeit des Wiederaufbaus Europas unter gleichmäßiger Mitwirkung von Siegern und Besiegten den Platz räumten, um so mehr drang auch allmählich die Tieberzeugung durch, daß es nicht nur eine schwere Ungerechtigkeit, sondern zugleich ein verhängnisvoller politischer Fehler war, Deutschland seinen gesamten Kolonialbesitz gewaltsam wegzunehmen. Diese Erkenntnis führte unwillkürlich unsere ehemaligen Kriegsgegner zu einer Nachprüfung des in Versailles gegen Deutschland geschleuder-
scheint die sich durchdringende Verbindung von kühler Verstandesschärfe und überströmender Phantasie wiederum auf den „Denkspieler" hinzuweisen, dessen breiten und wohl immer noch unterschätzten Einfluß man erst später vollkommen überschauen und würdigen wird.
.. Aus dem Elend und dem trostlosen Dunkel der Zeit nach dem Kriege, aus den Monaten, wo es am schlimmsten war, als der Kampf um Dasein oder Uniergehen am erbarmungslosesten tobte, als brutale, materielle NotwendiAeit, das Geschäft um jeden Preis, der Wechsel mit oder ohne Deckung alles Feine, Geistige und Innerliche in der Gemeinschaft der Menschen an die Wand gedrückt hatte . . . aus solcher miterlebten Vergangenheit nimmt Rehfisch den Stoff zu diesem Stück, greift er ein Menschenschicksal, ein kleines, kaum belangvolles, heraus und baut es vor uns hin. Rehfisch, der Dichter — seinen geistigen Umriß, seine künstlerischen Komponenten versuchten wir oben in einer Parallele zu markieren — und der Dramatiker; denn die Tragikomödie ist mit sicherem Instinkt fürs Theater hingeworfen. Ihre drei Akte zittern vor innerer Spannung.
Da steht ein kleiner Justizbeamter, Juckenack, eines Tages zwischen Tod und Leben, zwischen Himmel und Erde. Er ist gestorben, oder sagen wir: er lag ein paar Stunden in totenstarrer Ohnmacht. Dann kommt er wieder zu sich, steht auf, wandelt und beginnt sein Leben von neuem, oder ein neues Leben überhaupt. Er hat den alten Adam aus gezogen und von sich getan. Demi, während er so dalag zwischen Leben und Tod, zwischen hüben und drüben, flog seine Seele zum Himmel (träumte er vielleicht) und begehrte Einlaß. Aber der armen Seele ward nicht aufgetan. Und eine Stimme tönte, wie Sphären« Hang: Wer weint um Juckenack? — Niemand! Er ist ausgelöscht. Keine Spur, keine Träne. Wer aber so erlischt, der hat kein Anrecht auf das.... da drüben, oder dort oben. Dem wird nicht aufgetan.
Er erwacht verstört und verzweifelt. Dreißigjähriges Beamtentum fällt von ihm ab, wie eine verstaubte, zerknitterte Hülle, die Diensthaltung des alten Feldwebels knickt ein. Dinge tun sich ihm auf, wie jenen sieben blinden Passagieren der englischen „Ueberfahrt". Fragen gähnen ihn an wie Abgründe: wo blieb die Seele, das Herz, das „Jnn^liche", mit welchem Sinn lebte er
zrivor, warum weint ihm niemand eine Träne nach, wenn er nicht mehr da ist? Juckenack, in den zwei visionären Stunden, fand einen neuen Sinn und entdeckt ein warmes und gütiges Herz in sich. Er will die Menschen liebhaben, die um ihn sind, will gute Werke tun und Wohltaten erweisen. Damit jemand an ihn denkt, mit einer stillen Träne, wenn er wirklich tot ist.
Aber er ist ein Pechvogel. Er lebt nicht in der Zeit des gütigen Herzens, sondern in der Zeit der starken Ellenbogen und der devisengefüllten Brieftasche. Er gerät an die Unrechten, einen skrupellosen Geldverdiener und ein verwahrlostes Mädel. Beiden gibt er Geld; ihn, dessen Wechsel leider ohne Deckung sind, rettet er, indem er die Akten verbrennt. Dank dafür? O nein — Roheiten und bare Rückzahlung, als es „gut" gegangen war. Tränen gar? Bewahre, nur keine Gefühlsduselei, nur keine Sentiments, wenn der Dollar springt.
Der arme Juckenack hat eine unglückliche Hand. Menschengüte — ist gegen das Gesetz. Sein vorgesetzter Staatsanwalt macht ihm das klar. So klar, daß er innerlich durch Menschengüte zur Anarchie gelangt, daß er am Ende den Verstand verliert. Er ist nicht mit dem Herzen und nicht mit dem Kopf seiner harten Zeit gewachsen. Ihm hilft es nicht mehr, daß ein Versicherungsagent, der auch nicht besonders von Gemüt beschwert ist, seinen Wunsch erfüllt; daß schließlich doch jemand an Juckenack denkt und um ihn weint, irgendein kleines, „romantisches" Mädchen; die „Versicherungsgesellschaft" arrangiert das kulant und trägt die geringen Spesen... Juckenack stirbt, indes der Dezemberwiiid durchs offene Fenster heult, und dec liebe Gott die Drehorgel spielt. (In Wahr- hett ist es der Leierkastenmann unten im Hof.) Und diesmal ist Juckenack wirklich tot. Deshalb wissen wir nicht, ob ihm diesmal aufgetan wurde, als feine arme Seele abermals anklopfte da oben ... zwischen dem Großen Bären und der Kassiopeia.
Aber das wissen wir: die „Lösung", die Rehfisch gab, kann so sein, oder anders. (Es ist im Grunde nicht wichtig.) Auch wer, abgesehen vom zweifellos originellen Einfall, das Gedankliche in Thema und Aufbau diefes Stückes überwiegen sieht, wer den Konsequenzen der beiden letzten Qlfte nicht folgen will, wer nur abgedroschene Sprichwörterweisheit aus alledem dozieren hört (vom Undank, der der Welt Lohn
ten Vorwurfs der Kolonialunfähigkeit. Mit Genugtuung und Freude darf die Tatfache begrüßt werden, daß auf Grund diefer Nachprüfung, die sich insbesondere auch auf die Zeugnisse der Eingeborenen und den Zustand un'ercr Kolonien vor und nach Wegnahme erstreckte, die Unrichtigkeit jener Vorwürfe rückhaltlos anerkannt wurde. Die jüngsten Erklärungen der südwestafrikanischen Mandatsverwalttng springen in dieser Hinsicht besonders in die Augen und verdienen für die historische Wertung besondere Beachtung. Jetzt muß die Tatsache festgestellt werden, daß durch Deutschlands Eintritt in den Völkerbund die unberechtigten Vorwürfe auch offiziell zurückgenommen sind.
Dieser Erfolg darf aber nur eine Etappe sein zum Wege eigener kolonialer Betätigung. Berücksichtigt man, daß die Wegnahme unseres KolonialbeüheS und b'c Verletzung der 14 Punkte Wilsons lediglich und allein gegründet worden ist auf Deutschlands kolonisatorische Unfähigkeit, so müssen sich vom Standpunkte der Gerechtigleit und Billigkeit, ja sogar vom Standpunkte der gesunden Vernunft und Logik die Konsequenzen der rückhaltlosen Zurücknahme des Vorwurfs der kolonisatorischen Unfähigkeit von selbst ergeben. Deutschland kann sich aber, so überragend sicherlich der nationale Ehrenstondpunkt ist und bleibt, mit dem theoretischen Erfolg der Anerkennung seiner Mandatsfähigkeit nicht begnügen. Als Kulturstaat, der auf eine tausendjährige Vergangenheit zurückblickt und der gefamten zivilisierten Welt so reiche Kulturschätze gegeben hat, muß Deutschland seinen Anspruch aus Mitwirkung an der Zivilisation unentwickelter Völker und an der Koloni- fationd arbeit nachdrücklich auch in Zukunft aufrechterhalten. Dazu treten die unabweisbaren Bevölkerungsprobleme. Deutschland muh ein Abfluhgebiet für seine gewaltig überschießende Bevölkerung haben und dazu können nur eigene Kolonien auf die Dauer zweckentsprechend dienen. Nicht an letzter Stelle verdienen die wirtschaftächen Erwägungen tiefgründige Beachtung. Deutschland ist bei seinem riesigen Bedarf an kolonialen Rohstoffen daraus angewiesen, wenigstens einen beträchtlichen Teil hiervon aus eigenem Kolonialbe ih zu erträglichen Dreisen zu beziehen. Umgekehrt muß Deutschland, auch um seine schweren Reparativnsver- pflichtungen zu erfüllen, in eigenem Kolonialbesitz ein geeignetes Absatzgebiet für industrielle und wirtschaftliche Erzeugnis'e haben. Alle diese Erwägungen, denen sich im Inlands und Aus Ian de eine sachgemäße und gerechte Beurteilung unmöglich entziehen kann, zwingen Deutschland dazu, seinen berechtigten und unverzichtbaren Anspruch auf Wiedererlangung eines seiner Bedeutung, Ausdehnung und Bevölkerungszahl entsprechenden Kolonialbesitzes immer wieder von neuem zu erheben, bis endlich unsere Ansprüche ihre Befriedigung gefunden haben.
Deutschland hat in dem Memorandum über seinen Eintritt in den Völkerbund die Erwartung ausgesprochen, an der Mandatsverwaltung seiner früheren Kolonien beteiligt zu werden. Nachdem nunmehr die Begründung für die Wegnahme seiner Kolonien als nicht stichhalttg anerkennt ist, muß bei der erforderlichen neuen Verteilung der Mandate Deutschlands kolonialen Dedürfnissen in dem Maße Rechnung getragen werden, wie es im 5. Wilsonschen Punkte damals Deutschland ausdrücklich zugesichert worden ist. In dem unerschütterlichen Vertrauen, daß Recht und Gerechtigkeit schließlich oben bleiben werden, gebe ich der Erwartung Ausdruck, daß der Tag nicht mehr fern sein werde, an dem sich auch Deutschlands berechtigte Kolonialsorderungen verwirklichen werden. Bis zu diesem Zeitpunkt muh Deutschland Gelegenheit gegeben werden, seine mehr als 30jährigen kolonialen Erfahrungen und seine inzwischen allseitig anerkannte tiefgreifende Kenntnis der Mandatsgebiete, die früher deutsche Kolonien waren, 5um Segen der Eingeborenen und zur Förderung der Kultur in der Mandats- ist) — die Herztöne und das dichterisch ^eine dieses Dramas werden keinem ungehört vei allt sein, der hier eine Seelenwandlung erlebte ntcr der Erkenntnis des einfachen und alten Gei. tzes: daß Liebe und Güte „wertbeständige" und un- käufliche Dinge sind, ohne die ein Menschenleben Sinn und Würde verliert.
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Die Aufführung (Telekh) war ausgezeichnet: sie traf dem aus harter Alltäglichkeit und aufblihender üleoersinnlichkeit schroff und unvermittelt gemischten Stil dieses wunderlichen und ergreifenden Theaterspiels mit großer Sicherheit, vermied auch klug das naheliegende Timschlagen und Abgleiten in die Platte Groteske. Die sechs Personen der Begebenheit auf einer einheitlichen Höi e der Darstellung; die Szenenfuhrung geradlinig und ausdrucksvoll. (Besonders der zweite Akt brachte tadellos gesprochene Dialogpartien.) Auch der äußere Rahmen (Karl Löffler) war auf Milieu und Stimmung des Ganzen abgestimmt und zugeschnitten.
Adolf Teleky hatte die übrigens sehr dankbare Rolle im Mittelpunkt. Sein Juckenack war eine liebevoll nachgedachte und nachempfundene, scharf profilierte Figur, mit all den rührenden, lächerlichen und auch erschütternden Lichtern, die der Dichter darübergebreitet hat. Pointiert herausgearbeitet die unaufhaltbare Entwickelung, der langsam fortschreitende, aus visionärem Alpdruck entfesselte Verfall einer im Grunde kindlichen Seele, und der Untergang eines trägen Herzens. — Die Hausbesorgerin, Frau Nagel, wurde von Luise Jüngling in gut beobachtete Realistik gekleidet: ein armes, einfältiges, ehrbares Geschöpf, mit kleinen Schwächen und liebenswerten Haustiereigenschaften; eine ungeschminkte und selbstverständliche Erscheinung. Geffers: der Staatsanwalt; innen und außen korrekt, gute alte Schule, makelloses Beamtentum, unerschütterlich in Cwundsähen, Anschauungen und Begriffen, die freilich über gewisse, wohlgezogene Grenzen nicht hinausgehen Eine runde, saubere Leitung. Paul Lenau und Alix Krahmer (von der man diese Rolle kaum erwarten konnte), die beiden Zeitgenossen, die das Geschäft machen, von fataler Echtheit: gierig, minderwertig, typisch. Gehres Agent endlich als phantastische Marionette und epilogsprechender Totengräber, der irgendwie aus Wedekinds Bezirken entlaufen schien.
Gs war ein starker Erfolg. v Dr. Th. j


