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Nr. N Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen) Donnerstag, H. Januar (926
Als Werkstudent nach Indien.
{ von Dipl. agr. 2t Kelch, München.
Die Ersparnisse meiner Ferientätigkeit als Erntehelfer auf 3nfel Rügen reichten nicht aus, •um die Kosten des kommenden Semesters zu bestreiten. Ich mühte neue Mittel und Wege finden, die mich zum Ziele führten. Mit der Hoffnung, in einem größeren Seehafen wie manch anderer Student Arbeit aus einem ileberseedamp- 1er zu finden, fuhr ich kurz entschlossen von der 'chonen Ostseeinsel nach Hamburg. Tag für Tag lief ich nun von einem Heuerbureau zum andern, versuchte, verschiedene Personaldirektoren, natürlich in einer rein privaten Angelegenheit, zu sprechen und immer wieder mit dem gleichen negativen Resultat. Endlich — ich hatte bereits die Fahrkarte für die Heimreise gelöst — gelang es mir, durch die Empfehlung eines Hamburger Professors, Arbeit zu finden und zwar als Kontrollbeamter bei der Bremer Hcmsalinie für eine Reise nach Indien. Der Kontrolldienst, der in der Hauptsache darin bestand, in den Auslands" Häfen das Ein- und Ausladen des Frachtgutes zu überwachen, wurde auf jedem Dampfer von zwei Beamten ausgeübt. Vorerst mußte ich noch einen Junkerkurs^s bei der Oberpostdirektion in Bremen mitmachen, um in den indischen Gewässern nachts als Hörmann die Bordstation besehen zu können.
Frohgemut und gespannt auf die kommenden Dinge verließ ich Ende September 1924 auf einem modernen 12000 Tonnen-Frachtdampfer den Heimathafen Hamburg, Indien entgegen. Das Leben an Bord gefiel mir schon in den rrsten Tagen vorzüglich. Offiziere wie Mannschaft zeigten sich dem neugebackenen Seemann gegenüber recht freundlich und entgegenkommend, wenn man auch ab und zu Schnurren von einer bayerischen ßanbratte hören konnte.
Als ersten Hafen liefen wir Antwerpen an. Wir bekamen hier unsere Hauptladung, bestehend aus deutschein und belgischem Eisen. Vollbeladen verlassen wir nach lOtägigem Aufenthalt die alte belgische Seestadt und nun geht es in guter Fährt weiter: durch den Kanal, durch die berüchtigte Biskaia, die uns aber ungerupft läßt, und an Gibraltar vorbei ins Mittelmeer. War das Wetter bis jetzt nicht ungünstig, so hatten wir nunmehr immer herrlichen Sonnenschein, klaren blauen Himmel. Unangenehm war die Fahrt im Roten Meere, dem „Backofen Israel»". Glühendheiß brannte die Sonne herunter, und Zein Lüftchen regte sich. Wir haken in der Kajüte über 40 Grad Celsius. Besser wurde es, als wir durch die Straße von Dab el Mandeb in den indischen Ozean kamen. Hier begann mein Nachtdienst an der Funkenstation. Mit dem Hörer am Kopfe saß ich jede Rächt draußen vor der Kabine unter dem herrlichen südlichen Sternhimmel. Rings um mich stille Einsamkeit und Ruhe. Und doch stehe ich in enger Verbindung mit dem Verkehr der modernen Welt und höre bald von diesem oder jenem Dampfer, von Wetter-- und sonstigen Berichten.
Wir haben Bombay, den ersten indischen Hafen, erreicht. Kaum liegen wir fest, als auch Ichon ein Kommando von englischen Zollbeamten an Bord kommt und sämtliche Räume: Kajüten, Proviant-, Maschinen-, Kesselraum, kurzum das ganfle Schiff, peinlichst genau nach Waffen und Schmuggelwaren durchsucht. Mein Hirschfänger wurde als Waffe beschlagnahmt und blieb für Die Zeit unseres Aufenthalts unter Zollverschluß. Meine Tätigkeit bestand hier vor allem darin, Die in den einzelnen Schiffsladeluken aufgestellten -eingeborenen Wachleute zu kontrollieren und vorkommende Schäden meiner Gesellschaft zu melden. 3m allgemeinen wickelte sich der Dienst störungs- 'los ab, wenn es auch ab und zu schwer war. mit Den eingeborenen Wächtern eine Verständigung herbeizuführen. Trotz des anspruchsvollen Dienstes Dlieb immer noch genügend Zeit, um Land und Leute kennen zu lernen.
Es ist eine Fülle von seltsamen Eindrücken, .die auf den Europäer einstürmen, wenn er zum ersten Male diese indische Weltstadt betritt. Das E^lrakteristtsche ist die ungeheure Lebendigkeit
und Mannigfaltigleit deS Städtebildes, hervorgerufen durch die eigenartige Mischung der europäischen mit der bodenständigen indischen Kultur. Monumentale Prachtbauten, wie sie das 19. Jahrhundert überall geschaffen hat, überragen mit ihren mächtigen Kuppeln und Türmen die unscheinbaren, schlecht gebauten Geschäfts- und Wohnhäuser der Eingeborenen, die weiter draußen in der Hauptsache nur mehr mit Bambusrohr und Kuhmist gedeckte Hütten darstellen. Durch die Straßen flutet ein ungeheurer Verkehr, wie bei uns am Jahrmarkt. Autos und Straßenbahn wechseln ab mit den primitiven zweirädrigen Lastwagen, gezogen von Ducke! - ochsen und mitten in diesem Großstadtgewühi tummeln sich heilige Rinder, die frei nmher- laufen und denen jedermann mit Ehrfurcht Platz macht. Roch mehr belebt wird das Bild durch die vielen Gelegenheiisverkäufer, die auf den Gehsteigen in singendem Tone ihre Waren anpreisen.
Ein ganz anderes Bild aber bieten die Straßen^ wenn man bei vorgerückter Abendstunde den Heimweg sucht. Wo einige Stunden vorher lärmender Verkehr dahinwogte, da schlafen jetzt, dicht aneinander gedrängt die Eingeborenen, eingewickelt in ihren Lapi-Lap, den sie am Tage zusammelgefaltet als Turban auf dem Kopf trugen, groß und klein, Männer, Frauen und Kinder. Mitten unter ihnen haben sich auch die heiligen Rinder zur Ruhe gelegt. Hier flackert noch ein Tranlämpchen und die Mutter röstet daran noch einige Bananenschniten für die immer noch munteren Kleinen. Tausende schlafen so ancünander mit dem Himmel als Hausdach, glücklich und zufrieden.
Unvergeßlich bleibt mir ein Ausflug nach den „Türmen des Schweigens", die auf dem erhabensten Punkte Bombays, auf Malabar Hill, inmitten eines herrlichen Palmengartens als das Wahrzeichen des Parsismus errichtet sind. An der Eingangspforte empfängt mich ein junger Parse und führt mich in einiger Entfernung an den fünf Türmen vorbei. Eine Schar von Aasgeiern sitzt auf dem Rande des größten oben offenen Turmes und auf den benachbarten Palmen. Plötzlich kommt Leben in diese schwarze Schar und mit furchtbarem Gekrächze künden sie das Kommen eines neuen Opfers an. Zwischen den Palmen sehe ich den Leichenzug her- aufkommen. Vier mit weihen Schleiern vermummte Wärter tragen auf einer Bambusbahre den ebenfalls mit weißen Schleiern verhüllten Leichnam. Kaum haben die Läger denselben in den Turm gelegt, als auch schon kreischend die Aasgeier darin verschwinden. Unterdessen erklärt mir der junge Parse an einem Gyps- Modell das Innere der Türme. Drei Kreise niit ausgehauenen Mulden nehmen die Toten auf, oben die Männer, dann die Frauen, und im irmersten, kleinsten Ring, die Kinder. Aus jeder Mulde führt eine Rinne nach dem in der Mitte gelegenen Sammelbecken, und von diesem geht ein Kanal in die neuzeitliche Filteranlage. Was von dem Totenmahle der Aasgeier übrig bleibt, fällt durch die starke Hitze und dem Regen der Verwitterung anheim. Der aufmerksame Führer zeigt mir noch einige Rebengebäude. In dem einen sitzen bedeutende Priester, welche das heilige Feuer unterhalten, in dem anderen sehe ich Regale mit Büchern, welche die Ramen der eingelieferten Toten aufnehmen.
Dann verlasse ich wieder diesen seltsamen Friedhof und atme erleichtert auf, als sich die Pforte hinter mir schließt. Der Wagen bringt mich schnell in eine andere Umgebung, hinunter an den herrlichen Strand mit den großen Strandbotels, wo die vornehme englische Gesellschaft beim Dee sitzt. Der laue Abendwind trägt die Klänge einer niederländischen Weise herüber — mir aber klingt im Ohr noch das grausame Gekrächze der Totengräber auf Malabar Hill.
Unsere weitere Reise führt nach dem 600 Seemeilen nördlicher gelegenen Karachi, einem Hauptausfuhrhafen für Getreide und sonstige Landesprodutte. Karachi zeigt nicht den weltstädtischen Charakter wie Bombay. Manchen Ausflug verleiden mir hier die sehr oft und ungestüm wehenden Stürme, die dicke Wolken Staub und
seinen Sand über das Land wälzen. Und doch hatte ich in Karachi Glück. Hier gelang es mir endlich, eine Hindufrau in einem gelungenen Bilde festzuhalten. Schon in Bombay hatte ich mir Mühe gegeben, einige indische Schönheiten auf die Platte zu bannen. Kaum aber sahen sie meine geöffnete Kamera auf sich gerichtet, als sie auch schon ihren Lapi-Lap übers Gesicht zogen und schleunigst davoneilten.
Don Karachi geht es bann um Ceylon herum nach Kalkutta, wo wir unsere Labung, bestehenb aus Jute, Baumwolle, Fellen, Reis und Schellack nehmen. Bombay ist Indiens reichste Welthandels- stabt, Kalkutta mit bem Sitz des Vizekönigs, offiziell, die Stadt der Verwaltung. — Müde vom Umherstreifen im besonders interessanten Chinesenviertel, sitze ich eines Abends in einem Cafs an der Esplanade, um bei einem Glas Eislimonade etwas auszuruhen. Aergerlich über die klägliche Wiedergabe eines chaydnquartetts, zahle ich nach kurzer Rast und will eben davongehen, als hinter mir jemand im unverfälschten heimatlichen Dialekt ruft: „Geh zua, Iiwerl, bleib no a wem do!" Ich wende mich sprachlos und sehe in das lachende Gesicht eines alten Seebären, dessen odjiff eben auch in Kalkutta liegt. Ich blieb und verlebte mit meinem Landsmann noch einige vergnügte Stunden.
Bald hat unser Schiff seine Ladung geborgen und nun geht es wieder der Heimat zu. Kurzen Aufenthalt nehmen wir noch in Kolombo, auf der Paradiesinsel Ceylon. Bis jetzt hatten wir immer herrliches Wetter, Sonnenschein und spiegelglatte See. Auch die Heimreise verlief ruhig, bis wir im Mittelmeer auf der Höhe von Malaga und noch dazu an meinem ©ebutstag einen starken Sturm mitmachen mußten. Gegen Morgen meines Ehrentages war der Schlaf unruhiger geworden, und als ich nach einiger Zeit erwache, merke ich, bah unser Schiff bereits in eine ganz bedenkliche Pendel- beroegung gekommen ist. Draußen steht hohe See und der Wind entfacht sich aus Nordost mit immer stärkerer Macht. Unser Schiff wirb hin- und her- gemorfen, von den Wellenbergen hoch empor« gehoben und gleich daraus versinkt es wieder in einem tiefen Wellentale. Die Windstärke ist bis auf 10 gestiegen, ein regelrechter Sturm wühlt im Meer. Mit einem herzhaften Sprung verlasse ich meine obere Koje und liege auch schon auf allen Vieren vor der Kammertür, deren Härte mein Kopf unliebsam verspürt. Und nun fängt es in mir selber zu rumoren an. Sollte mich zu guter Letzt und noch dazu an meinem Geburtstage das Schicksal der Seekrankheit erreichen? Nein! Mit einem furchtbaren Aerger kämpfe ich gegen den heimtückischen Feind an. Es hilft aber nichts: es wirb mir immer übler und elender. Ich glaube aber, gemerkt haben die anderen trotzdem nichts, sonst würde ich wieder Schnurren von der bayerischen Landratte gehört Haven.
Nach einem weiteren kurzen Aufenthalt in Antwerpen und Rotterdam gelange ich nach fünfmonatlicher Reise wohlbehalten wieder in Hamburg an. Einige Tage später war ich wieder daheim, im schönsten aller Länder, im Heimatland.
Jur Förderung des Wohnungsbaues in Hessen.
Die Fraktton der Deutschen Volksoartei hat im Hessischen Landtag nachstehenden Antrag eingebracht: Wir beantragen, der Landtag wolle beschließen, die Regierung zu ersuchen, auf der Grundlage des Gelbentwertungsausgleichs
1. von bem Ertrag ber Sonberabaabe vom bebauten Grundbesitz 20 Proz. der Friedensmiete zur Förderung des Wohnungsbaues zu verwenden.
2. Die Erhebung und Verwendung ausschließlich den Städten und Gemeinden zu überlassen, die alljährlich der Regierung einen Nachweis über die Verwendung vorzulegen haben.
3. Die Verzinsung darf einschließlich Amortisation 3 Proz. nicht übersteigen. Zins- und Tilgungsbeträge verbleiben in voller Höhe den Gemeinden.
4. Für alle mit Hilfe dieser Darlehen erbauten Häuser tritt für Gebäude- und Grundbesitz (An- liegerbeiträge tifro.) für zehn Jahre Steuerfreiheit ein.
5. Das selbständige Bauen von Staat und Gemeinden ist soweit wie möglich zu unterlassen.
6. Den Städten und (Semeinbcn ist bi? Auflage zu machen, sobald es die Verhältnisse erlaub.n, em streng umgrenztes Bauprogramm der Regierung vorzulegen.
7. Mit den zur Verfügung stehenden Mitteln sind in erster Linie die im Rechnungsjahr 1925 angefangenen Bauten zu finanzieren.
8. Ein Teilbetrag ist zur Erhaltung der Altwohnungen zur Verfügung zu stellen.
9. Die von Den Gemeinden zur Förderung der Neubautätigkeit nicht verwendeten Gelder sind dem Staate als Ausgleichsfonds für besonders notleidende Gemeinden zur Verfügung zu stellen.
10. Schaffung neuer Beamtenstellen zum Zwecke der Ausführung dieses Antrages haben unter allen Umständen zu unterbleiben, ebenso ist im Einvernehmen mit den Gemeinden den Bauenden ein wirtschaftliches Bauen zur unbedingten Pflicht zu machen.
Parlamentarisches aus Hessen.
Die Abgeordneten Birnbaum (D. V.) und Heraus (Dn. V.) beantragen: Der Landtag wolle beschließen, daß 1. die Aufbauschulen in Alzey, Bensheim und Friedberg auch den Mädchen geöffnet werden, um ihnen Ausbildungserleichterungen zu gewähren und den Lehrerinnennachwuchs sicherzustellen; 2. an den genannten Anstalten, soweit es die räumlichen Verhältnisse gestatten, ein Internat für Mäd dien eingerichtet werde und außerdem die Regierung der Frage der Errichtung eines Internats in der Aufbauschule in Darmstadt erneut nähertrete.
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Die sozialdemokratische Fraktion beantragt, der Landtag wolle beschließen:
1. die hessische Regierung wolle dem Landtag alsbald beim Zusammentritt desselben eine genaue Uebersicht über den Stand der Re gulierung der Nidda und der Nidder geben. 2. Für die durch das Hochwasser Geschädigten alsbald eine Hilfsaktion einzuleiten und die hierzu erforderlichen Mittel im Wege des Staatskredits flüssig zu machen. 3. Die jetzige Hochwasserkatastrophe zeigt, daß durch die Nidda- und 'Jlibberregulierung die im Ueberschwernmungsgebiet wohnende Bevölkerung nicht hinreichend gegen Hochwasserschäden geschützt wird. Es ist deshalb die Errichtung von Stauanlagen zur Sammlung der Gewässer des Vogelsbergs in Erwägung zu ziehen, und die Regierung wird ersucht, tn eine Prüfung dieser Maßnahme einzutreten und dem Hessischen Landtag baldmöglichst eine Vorlage zu machen.
Die Z e n t r u m s f r a f t i o n beantragt, die Regierung zu ersuchen, 1. die Hochwasserschäden unverzüglich unter Zuziehung der Kul turbauämter, Landwirtschaftsämter und Forstämter feststellen zu lassen; 2. ausreichende Mittel für die Behebung der Schäden an Haus, Hof, Vieh ufw. bereitzustellen; 3. den Landwirten durch Vermittlung von Saatgut und Düngemitteln eine neue Aussaat zu ermöglichen; 4. den geschädigten Landwirten weitestgehend bei Pachtregulierungen und Pachtzahlungen entgegenzukommen, insbeson- dere aber bei Durchführung von Pfändungen und Beitreibungen Rücksicht auf die tatsächlichen Verhältnisse zu nehmen; 5. einer Wiederholung solcher Wasfergefahren durch fofortige Inangriffnahme Der Regulierungen der Flußläufe unter Mitwirkung der Nachbarländer vorzubeugen, um so mehr als die große Erwerbslosigkeit die Durchfüh- runa solcher produktiven Maßnahmen erforderlich macht.
Eine Regierungsvorlage betrifft das Strafverfahren und Ehrengerichtsverfahren gegen Rechtsanwalt Sturmfels in Groß-Umstadt. Am 10. v. M. fand vor dem Amtsgericht Groß-Umstadt die Verhandlung der Klagesache der Witwe Wahl in Groß-Umstadt gegen die Eheleute Johann Nikolaus Borgmann wegen Räumung statt. Bei seinen Ausführungen erging sich der beklagte Ehemann Bargmann in verletzenden Vorwürfen gegen das Mieteinigungsamt, das er des Mißbrauchs feiner Befugnisse zu selbstsüchtigen Zwecken beschuldigte. Ehe der Amtsrichter zur Der-
Was gritzchen m St Moritz sah.
6t. Moritz, 31. Dezember 1925.
Lieber Onkel Julius!
Ich danke Dir schön für den Rodel, den «Du mir zu Weihnachten geschenkt hast. Des- Halb tolll ich Dir auch von hier einen Brief chreiben, weil es eben auch draus schneit und ich nicht hinarcS darf.
Daß Papa, ich und Onkel Fritz vor acht Tagen von Darmstadt fvrtgefahren sind, weißt Du, weil Du unS ja an die Bahn gebracht hast. Die Fahrt nach Basel in der Rächt ist aber nicht schön gewesen. Es war eine Menge junger Russen in dem Wagen, die haben biS Karlsruhe immer gesungen, daß man nicht schlafen konnte. Ich wollte auch einmal singen, daß die Zeit schneller vergeht, da hat aber Papa gesagt, ich bekäme eine auf den Mund. Ich verstehe nicht, warum die Russen im Zug singen dürfen und ich md>t
Der Papa hat einen Siestasih gemietet. Er hat aber dann gesagt, eS wäre ein Marterinstrument und hat sich daneben gesetzt. Aber die Dame gegenüber hat gesagt, sie säße sehr gut auf der Siesta und Onkel Fritz hat gesagt: Jedem Tierchen sein Pläsierchen.
Die Dame gegenüber hat eine Rundreisekarte für die ganze Schweiz gehabt. Da darf sie, glaube ich, einen ganzen Monat als fort in der Eisenbahn rund um die Schweiz rumfahren, das denke ich mir sehr fein. Aber wenn sie auf die Berge fahren will, dann kostet es noch etwas extra. Aus die Jungfrau 40 Franken, hat der Herr gesagt, der noch im Abteil und im letzten Jahr mit seiner Familie auf der Jungfrau war. Papa hat nachher zu Onkel Fritz gesagt, daß er sich doch wundert, daß es noch in Deutschland Leute gibt, die solche Reisen machen tonnen, wenn sie nicht «ingeladen sind, wie wir von Onkel Hermann und Tante Walli.
In Basel sind wir umgestiegen und da hat «ine Dame einer anderen zugerufen: Allee Witt, laber g'schwind (lies: allez vite, aber geschwind H. Red.), und Papa hat gesagt, man merkt gleich, daß man in einem zweisprachigen Land ist. Aus der Fahrt nach Zürich hat Papa sich mit einem lehr netten Schweizer Herrn unterhalten. Der hat erzählt, daß die Franzosen mit ihrer Ehrenlegion große Propaganda in der Schweiz machen, «und daß sie auch eine französische Schule in Basel tzrusgemacht haben, und es gäb doch schon genug
Schulen in der Schweiz, was ich auch glaube, ilnd geärgert habe ich mich, daß der Schweizer gesagt hat, daß ein deutscher Diplomat in der Schweiz ein Monokel trage und daß alle darüber lächelten. Aber bann habe ich mich gefreut, wie er Hindenburg fo gelobt hat und ich habe ihm zum Abschied die Hand gegeben.
In Zürich war grab so ein Dreckwetter wie zu Haus ugb Tante Walli war an ber Dahn und hat gesagt, wir sollten gleich mit ihr und Onkel Hermann nach St. Moritz fahren, dort wäre Schnee. Du kannst Dir denken, wie ich mich da gefreut habe.
In Chur sind wir bann in die Albula-Bahn gestiegen. Das war sehr interessant, weil immer daneben ein tiefes Tal ist und weil es viele Drücken und Tunnels gibt und die Bahn sich um sich selbst dreht und auf den Dergen war der erste Schnee. Es war aber auch eine Familie in dem Abteil, die aber gar nicht gesehen hat, wie schön es draus war. weil der Vater und die Mutter und die eine Tochter immer Silbenrätsel geraten haben und die zwei. anderen Tochter haben die Woche und die iUustrierte Zeitung gelesen und die Söhne Sport im Dild. Onkel Fritz hat gesagt, sie wären blassiert, was ich nicht weiß, was es ist. Wie wir dann immer höher gekommen sind, da waren wir mitten im Schnee drin. ilnb wir sind ausgestiegen, so lange der Zug gehalten hat und haben Schneeballen geworfen. Das war fein. Lind wie ich nach Onkel Fritz geworfen habe, habe ich einen alten Herrn in das Gesicht getroffen, der hat mit den Deinen gestrampelt, und gemeint, es wäre seine Frau unb hat geschimpft: lab die dumme Kinderei, und dann sind wir weiter gefahren. -Und neben an der Dahn, da waren lauter ganz kleine Lawinen, da hat man ganz genau sehen können, wie die großen Lawinen entstehen, und es war auch drüben auf der anderen Seite eine größere.
ilnb bann sind wir nach St. Rio ritz gekommen, ba hat die Sonne geschienen unb liberal! war hoher Schnee, unb ich konnte mir gar nicht denken, baß weiter unten so ein Dreckwetter ist. Man sagt aber hier nicht Moritz, wie in Max und Moritz, sondern Mo-ritz und das ist eigentlich romanisch. Es ist so warm, daß man keinen Mantel und keinen Hut und sonst nicht anzuziehen braucht. Aber Tante Walli sagt, es. wäre eigentlich schöner, wenn es 10 Grad unter Rull wäre. Das finde ich nun nicht, aber Papa hat
gesagt, Tante Walli müsse das besser wissen, weil sie eine Eingeborene wäre.
Man faim hier fein Schneeball werfen und Schneemänner machen, weil der Schnee doch ganz hoch liegt. And viele Leute laufen Ski oben rodeln von den Dergen herunter, oder sie laufen Schlittschuh auf den vielen, glatten Eisbahnen und dazu wird Musik gemacht; das sieht sehr schön aus, wenn sie auf dem Eis tanzten. Sie spielen auch Hockey auf dem Eis, das geht sehr flott. Am drolligsten ist aber ein Spiel auf dem Eis, das Curling heißt, was ich weiß, wie es geschrieben wird, weil es angeschrieben steht. Da schie- toeln sie so Dettwärmf laschen über das Eis, und manche laufen vor den Dettflaschen her und kehren mit großen Desen wie wild, ilnb es find ganz dicke Herrn und Damen dabei, die da mit dem Desen herumhopsen. Ich habe Papa gefragt, ob das die Hausknechte und Zimmermädchen aus den Hotels wären, aber er hat gesagt, das wären Engländer. Jedem Tierchen fein Pläsierchen hat Onkel Fritz wieder gesagt.
Ich möchte gar zu gern einmal auf einem Bob fahren, weil die Bahnen so wunderschön glatt sind und eisig unb man so doll hinuntersaußt, aber Papa läßt mich nur rodeln, weil er sagt, es könnte sonst etwas passieren. -Und er hat mir auch schon drei Leute gezeigt, die haben ihren Arm in der Binde getragen, und vorhin ist ein Mädchen an uns vorbei gehumpelt, die hat ihr Dein verbunden gehabt. Aber Tante Walli hat mir versprochen, daß wir eine Schlittenpartie nach Silvaplana machen — Hurra, das wird fein! Hier haben die Pferde vor den Schlitten alle Glocken unb das ist so lustig und bimmelt den ganzen Tag. Aber es muh ein Schlitten sein, wo vier Pferde davor sind. So gibt es hier auch viele. Onkel Fritz will aber neben her reiten, weil hier so Viele Leute reiten, weil es auf dem Schnee so schön weich ist. Unb oft läßt sich ein Skifahrer von bem Pferd, wo ber Reiter draufsiht, an einer Leine hinten nachziehen unb das heißt man Ski- kjöring. Es reiten aber viele Damen und Herren und sie sehen fast gcmz egal aus, daß man gar nicht weiß, ob es ein Herr ober eine Dame ist. überhaupt finb die Damen fast alle gerade so angezogen wie die Herrn, weil sie auch Hosen anhaben, ilnb ich weih gar nicht, wie bas kleine, französische Mädchen seinen Vater unb feine Mutter unterfd)eiben kann, weil sie alle zwei so lange, blaue Stihosen anhaben unb Mühen aufhaben unb eine aussieht, wie das andere. Am öftesten
haben aber die Damen kurze Hofen und da habe ich eine gesehen, ba habe ich ganz arg lachen müssen. Das war eine kleine Frau, die war ganz dick, hauptsächlich in der Mitte, weißt Du, aber sie hat auch ganz dicke Deine gehabt. Die hat ein weißes Kostüm angehabt und ba waren lauter große, grüne und rote Quadrate drauf unb und sie hat Kniehosen angehabt, ilnb auf bem Kops hat sie einen Hut gehabt, davon hat Onkel Fritz gesagt, das wäre eine Rachbildung von einem mittelalterlichen Landsknechts heim und vorne drauf war auch ein Visier. Aber Onkel Fritz hat gesagt, die Rachbildung wäre doch falsch, weil das Visier nicht zum Herunterklappen wäre. Aber ich glaube, die dicke Dame hätte das Visier nicht heruntergeklappt, auch wenn eS zum Herunterklappen wäre, weil sie sich immer fo umsieht und man gemerkt hat. wie schön sie sich vorkommt. Papa hat gesagt: Wenn die Srauen- zimmer wüßten, wie sie aussehen, würden sie dem Erfinder des Rockes ewig danken /unb dies so vorteilhafte Kleidungsstück wieder anlegen. Aber Onkel Fritz hat gesagt: ein paar können so bleiben.
Alle Damen sind sehr buntig angezogen, grün, lila, blau unb gelb — aber auch Herrn. Es ist gerade so buntig wie die neuangestrichenen Häuser bei uns zu Hause unb Papa hat gesagt, bas entspricht dem Geist der Zeit, was ich nicht verstehe. Aber Onkel Fritz hat gesagt: alten Häusern unb jungen Mädchen stehen leuchtende Farben gut. Man kann aber gar nicht immer wissen, ob eine Dame jung ist ober alt, weil so viele sich auch im Gesicht bunt anmalen, ilnb Papa hat gesagt, er möchte keinen Kuß vvn so einem rot angemalten Lippenpaar haben; aber Onkel Fritz hat gesagt: das küßt sich schnell ab unb schmeckt doch gut. Aber Onkel Hermann hat gesagt, ob nicht bad Rot abfärbt, daß man's dran merkt, ilnb da hat Tante Walli ganz bös gesagt, so Reden schickten sich nicht für einen Ehemann und noch dazu vor einem Knaben Da hat Onkel Fritz gesagt, Tante Walli hätte wohl doch die Hosen an, wenn sie auch noch altmodische Röcke trüge. Aber Papa hat Tante Walli unter den Arm genommen und hat gesagt: weißt du, Schwägerin, du gefällst mir In deinem Rock tausendmal besser als diese vermännlichten Hosenfrauenzim- mer. ilnb bann haben wir in der Meierei Schlagsahne gegessen. Nächstens mehr! Eben hat es aufgehört zu schneien. Es grüßt dich vielmals
Dein lieber Reffe Fritzchen.


