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sucht, daß sie durch ihre Zustimmung zu den sozial­demokratischen Anschlägendie verlogene Agitation der Sozialdemokraten entlarven" wollten. Das ist natürlich nur insoweit richtig, als, wie schon oben ge­sagt, die Sozialdemokraten ganz genau wissen, daß die von ihnen gewünschte Erhöhung der Erwerbslosen­sätze für das Reich eine finanzielle Un­möglichkeit ist, daß sie aber diese Anträge den­noch stellten, um hinter den Kommunisten nicht allzu weit zurückzubleiben. In der Hauptsache aber ent­springt die Zustimmung der Deutschnationalen doch einem taktischen Bedürfnis. Sie wollten der Regierung Schwierigkeiten bereiten und ihr bei der ersten besten Gelegenheit demonstrieren, daß es ohne ihre Unterstützung nicht weitergehe, daß man nun also auf seilen der Regierungsparteien ener­gische Anstalten treffen solle, sie zur Mitregierung heranzuziehen. Wenn diese Gedankengänge bei den Deutschnationalen maßgebend gewesen sind, so hat es sich bald erwiesen, daß ihre Taktik falsch war. Unter Führung des Zentrums wurden Ver­handlungen mit den S o z i a l d e m o k r a - t e n angebahnt, in die auch der Reichskanzler per­sönlich eingriff, mit dem Ergebnis, daß nach erheb­lichen Zugeständnissen der Mittelparteien die So­zialdemokraten ihre Zustimmung zu den Regie- rungsvorschlägen erklären werden.

bedenklicher als dieser augenblickliche Miß­erfolg der Deutschnationalen ist di« psycho­logische Wirkung ihrer Taktik. Nachdem sie tauf ihrem Kölner Parteitag und auch später noch mehrfach durch den Mund ihrer Führer ihre Bereitwilligkeit erklärt hatten, in die Re­gierung einzutreten und an der Außenpolitik Stresemanns verantwortlich mitzu arbeit en, kam es doch für sie darauf an, diese von ihnen ge­wünschte Mitarbeit psychologisch vorzubereiten. Das starke Mißtrauen, das seit den Lagen von Locarno bei den Demokraten, namentlich aber auch in weiten Kreisen des Zentrums gegen die Beständigkeit der Deutschnationalen herrscht, muffte beseitigt werden. In diesen Kreisen arg­wöhnt man auch heute noch, daß die verschie­denen Strömungen innerhalb der deutschnatio­nalen Partei noch nicht zu einem Ausgleich ge­kommen sind, und daß diese Richtungskämpfe bald das Zusammenarbeiten mit den Deutschnat!onalen sehr schwierig gestalten würden. Die Politik des Grafen Westarp bei der Erwecbslosendebatte hat nun diesen Gegnern einer Koalitionserweiterung nach rechts Oberwasser gegeben. Auch in Kreisen der Deutschen Volkspattei machen sich in den letzten Tagen Zweifel an derBündnisfähigkeit" dec Deutschnationalen geltend. Sin bedenkliches Zeichen dieser Verbitterung ist es, wenn der volksparteiliche Abgeordnete Professor Mol­denhauer unter der TleberschriftVerantwor­tungsvolle Politik" in der ..Köln. Ztg." schreibt: r. . . So kommt es, daß in den anderen bürgerlichen Parteien mehr und mehr die Auffassung Raum gewinnt, die Taktik der Deutschnationalen lause auf etwas ganz an­deres hinaus, nämlich daraus, die große Koalition mit der Sozialdemokratie zustande zu bringen in der Hoffnung, nunmehr in der glücklichen Stellung einer hemmungslosen Op­position die in den letzten Monaten ver­lorene Stellung im Lande wieder zu gewinnen, um bei den Neuwahlen, die man, überzeugt von der Unmöglichkeit längerer Dauer der großen Koalition, im Frühjahr erwartet, toieber gut ab^chneiden zu können." Wir können nicht glau­ben, daß dies die letzten Ziel« der deutschnatio­nalen Taktik sind. Aber daß sie in der Praxis diese, ob gewollt oder ungewollt, erreichen, dafür liegen heute schon die ersten Beweise vor. In den Verhandlungen mit den Sozialdemokraten haben dies« den Wunsch nach engerer Fühlung­nahme mit den Mittelparteien in der Regie­rung geäußert und der Reichskanzler hat bereits Erfüllung zugesagt. Nach einem Wort derGer­mania" bedeutet das zwarim Augenblick nicht die große Koalition, sondern nur ein loses Verhältnis zwischen den Regierungsparteien und der Sozialdemokratie". Diese geringe Ge­bundenheit entspreche anscheinend sowohl ken der­zeitigen Wünschen der Regierungsparteien wie der Sozialdemokraten. Die Methode des schritt­weisen Vorgehens auf dem Wege der Herstel­lung festerer Mehrheitsverhältnisse, scheint der ^.Germania" praktisch der richttge Weg zu sein, Hessen letztes Ziel für sienatürlich eine festere ^Verbindung der Regierungsparteien und der ^Sozialdemokratie" ist. Das bedeutet also vorläufig «inestille Koalition". Die Sozialdemo­kraten übernehmen auch weiter keine Verant­wortung. halten sich also jederzeit den Rückweg zu den Kommunisten offen, sie sind aber in der Lage, durch ihre von Fall zu Fall gewährte Unterstützung die Regierung stets unter Druck zu holten und ihren Wünschen gefügig zu machen. Das ist eine Entwicklung, die deshalb besonders unerfreulich ist. weil die Sozialdemokraten natür­lich kaum Verlangen tragen werden, aus dieser für sie so außerordentlich bequemen Zwitter- ftellung herauszugehen, um sich dafür mit der vollen Reaierungsverantwortung beladen zu lassen. Diese verschleierte große Koalition bedeutet auch keineswegs die notwend g- Klärung unserer innerpolitischen Lage, da die Regierung in Ab­hängigkeit von einer Partei gerät, die keinerlei Pflichten mit ihr teilt.

Die Krifenfürsorge.

Annahme im Ausschuß

M?t den stimmen der Sozialdemokraten

Berlin, 12. Noo. (TU.) Der S o z i a l p o l i- tische Ausschuß des Reichstages nahm den Entwurf über die KrisenfürforHe für die Er- werbslosen mit den Aenderungsantragen der Re- gierungcparleien und der Sozialdemokraten gegen die Stimmen der Deutschnationalen, der Kommu­nisten und Völkischen an. Die Aenderungsanträge der Deutschnationalen, der Kommunisten und Völki­schen wurden abgelehnt. Der entscheidende Para­graph lautet nunmehr:Die Errichtungsgemeinden der öffentlichen Arbeitsnachweise sind verpflichtet, eine Krisenfürsorge für Erwerbslose, die Erwerbs­losenunterstützung bezogen haben und a u s g e - ft e u e r t sind, einzurichten. Die Krisenfürsorge ist noch Maßgabe der folgenden Bestimmungen auch solck-en Erwerbslosen au gewähren, die schon in der Zeit vom L April 1926 bis zum Inkrafttreten des Gesetzes wegen Ablaufs der gesetzlichen Unter- stützungsdauer aus der Erwerbslosenfürsorge a u s- geschieden find. Auch solche nach dem 1. April 1926 ausgesteuerten Erwerbslosen, die seitdem nicht laufend von der öffentlichen Fürsorge unterstützt worden sind, können auf Antrag in die Krisenfür­sorge ausgenommen werden." Weiter bestimmt die Vorlage in der jetzigen Fassung:Für Erwerbs­lose, die aus der Erwerbslosenfürsorge oder der öffentlichen Fürsorge in die Krifenfürsorge über­nommen werden, besteht keine Wattezeit." Das Ge-

( Jeg soll bis zum 31. März 1927 gelten. Die ' meichsregierung kann mit Zustimmung des Reichs­rats die Geltungsdauer verlängern, kann dabei ein­zelne Berufe oder Bezirke von der Krisenfürsorge ausnehmen oder die Krifenfürsorge auf einzelne Bezirke ober Berufe beschranken und die Für­sorge zeitlich begrenzen. Zu der Vorlage wurden Entschließungen der Sozialdemokraten und der Re­gierungsparteien angenommen, in denen die Reichs- regierung ersucht wird, den durch die Fürsorge be« sonders belasteten leistungsschwachen Gemeinden an­gemessene Beihilfen zu gewähren.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 12. Nov. (VDZ.) Der Reichstag setzt die allgemeine Aussprache über den Nach­tragsetat für 1926 fort.

Abg. Paeth (Sn.) klagt über die Steuer- belast ung des Mittelstandes. Die Lasten für Handel unb Gewerbe würden weiter ge­steigert durch di« jüngste Gesetzgebung auf sozial­politischem Gebiet. Die Not der beschästigungs- losen selbständigen Handwerker fei ebenso groß wie die der Erweröslosen. Angesichts dieser Notlage sei die übermäßig hohe G e - werbe st euer nicht zu recht fettigen.

Abg. Dr. Schreiber (Ztr.) In der deutsch- nationalen Presse werden seit Monaten Vorhal­tungen und Anklagen auf kulturpolitischem Ge­biet gegen das Zentrum gerichtet, die wir mit aller Deutlichkeit zurückweisen müssen. (Beifall im Zentrum.) Das deutschnationale Interesse für kulturpolitische Fragen der Katholiken ist so jung, daß man immer das Schild zu sehen glaubt: Vorsicht, fttsch gestrichen! (Heiterkeit und Bei­fall im Zentrum.) Die Deutschnationalen haben nicht einmal den Mut gesunden, den Geist dev Verlautbarungen des Hofpredigers Dr. Dö­ring abzuschütteln. lSehr wahr im Zentrum.) Das von diesem Mann geprägte falsche Schlag­wortAn Rom sterben die Völker" sei ein Schlag ins Gesicht für alle Katholiken gewesen. (Beifall im Zentrum.) Dieses Schlagwort fei auch eine außenpolitisch« Torheit. Eine kulturpolitische Ge­meinschaft der Deutschnationalen mit dem Zen­trum wird unmöglich fein, solang« die deutsch- nationale Presse so ungerechte Angriffe gegen den Reichskanzler und andere kulturpolitisch« Führer des Zentrums richtet.

Reichsinnenminister Dr. Külz: Das Reichs- s chu l g e s e h bedürfe gründlichster Vorbereitung, aber, so ettlärt der Minister, ich hoffe zuversicht­lich, die Vorlage Ende dieses Monats, fräteftens Anfang des nächsten Monats im Kabinett zu verabschieden. Ich hoffe, daß dann die Vorlage, im Plenum auf breitester Grundlage angenom­men wird mit einer Mehrheit, die nach rechts unb links hinausgreift.

Abg. Koen en (Komm.): Die Art der Be­handlung der Erwerbslosenfrage in Plenum und Ausschuß sei eine einzige große Blamage der Regierungsparteien und der Deutschnationalen. Die Deutschnationalen hätten zur Erlangung von Ministerposten di« schlimmsten Erpressermethoden angewandt auf Kosten der Erwerbslosen. Diese Regierung sei reif zum Rücktritt. Der Reichstag müsse aufgelöst werden.

Abg. Dr. Meyer-Berlin (Dem.) behan­delt das Arbeitsbefchaffungsprogramm der Re­gierung und die für Siedlungsarbeit eingesetzten Mittel. Dec Plan des Ankaufs des Kaiser- Hofs bedürfe gründlicher Prüfung. Eine Wieder­erhöhung der B ö r s en u m sa tz st eu e r sei ab- ^ulehnen. Die jetzige Steuerlast übersteige noch immer die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft.'Die Schaffung eines internationalen Kar­tellrechts sei eine bedeutsame Aufgabe des Völkerbundes. Die geschäftliche Betätigung des Reichs, der Länder und Gemeinden müsse auf- hören, ebenso die wahllose Bevorzugung der so­genannten gemeinnützigen Baugesellschaften bei Der Vergebung der Hauszinssteuerhypotheken. Das große Reklamegeschäft der Post sei nicht zu billigen.

Weiterberatung Samstag.

vor -em Ende des englischen Bergarbeiterstreiks.

Dasletzte Wort" der Regierung.

London, 12. Nov. (Wolff.) In der Er­örterung zwischen Regierung und Vollzugsaus­schuß der Bergarbeiter überreichte di« Regierung dem Vollzugsausschuß vollständige Vorschläge über eine Regelung, die im wesentlichen das letzte Wort der Regierung darstellen.

Das Memorandum besagt u. a.: Der Berg­arbeiterverband verpflichtet sich, alles zu tun, was in feiner Macht liegt, um eine sofortige Wiederaufnahme der Arbeit mit­tels Bezirksregelung zu fördern, wobei die Frage der Arbeitsstunden nicht aus den De- zirksverhandlungen ausgeschlossen werde. Was die Löhne betrifft, so soll In jedem Bezirk, aus­genommen Northumberland, Durham, Cumber­land und North-Wales, nach der Wiederauf­nahme der Arbeit ein allgemeiner Bezirks- Prozentsatz auf die Grundlöhne ge­zahlt werden, der nicht geringer ist als der am 13. April gezahlte, und in den Bezirken aus­genommen die oben genannten, wo ein Min­destlohn auf Grund des Abkommens vom Jahre 1924 bestand, derselbe Mindestlohn. Ein weiterer Punkt des Memorandums besagt, daß Arbeiter eingestellt werden sollen, wie sich die Gelegen­heit bietet, ohne Beeinträchtigung der augenblicklich in Arbeit stehenden. Es soll ein Distriktsamt mit einem unab­hängigen Vorsitzenden eingesetzt werden. Eine periodische Regelung des Tezirksprozenlsatzes soll stattsinden. Die Regierung verpflichtet sich, wenn sie überzeugt ist, daß die zuerst angeführten Be­dingungen erfüllt sind, ein Gesetz einzuführen, durch das jedes Bezirlsabkommen, wenn es auf ter Grundlage eines längeren Arbeitstages unter der Erde abgeschlossen ist, als er in dem Bezirk im April 1926 galt, zum Gegenstand eines Appells an eine na.ior.ale schiedsgericht­liche Autorität von feiten jedes der Teil­nehmer an dem Abkommen zu machen ist.

Di« Grubenbesitzer haben eine Erklä­rung veröffentlicht, in welcher eine kritische Stellungnahme zu der in Vorschlag ge­brachten Regelung im Kohlenkonflikt zum Aus­druck kommt. Die Regierung hat hierauf eine Erklärung herausgegeben, in welcher sie zugibt, daß die in Vorschlag gebrachten Bestimmungen zwar keine Vereinbarung mit den Grubenbesitzern darstellen, in der sie jedoch hinzufugt, daß die Regierung, wenn die Bestim­mungen von den Bergarbeitern angmommen und durchgeführt werden, ein mit den Bestimmungen in Einklang stehendes Gesetz einbringen werde. I

Unter den Bergarbeiterführern herrschen Mei­nungsverschiedenheiten über die Annahme der Bedingungen der Regierung. Angesichts des Ver­sprechens der Regierung ertoartet man j^wch, daß die Konferenz der delegierten der Berg­arbeiter einen entscheidenden Schritt zur Be­endigung des Konfliktes tun werde. Lord Birkenhead erklärte in einer Red«:Wir haben die Höchstbedingungen angenommen, und wenn die Bergarbeiter dieses Angebot annehmen, werden wir nicht zögern, diese Bedingungen durch Gesetzgebung auszuführen, selbst wenn sie sich dem Grubenkonzern als un- willkommmen erweisen."

parlamentsbcgintt in Frankreich.

Vertrauensvotum für Poinears.

Paris, 12.Nov. (WB.) Kammer und Senat haben ihre Sitzungen wieder eröffnet. Kammer­präsident Peret teilte mit, daß im ganzen 60 Interpellationen eingegangen seien, bie er zur Verlesung brachte. Ministerpräsident P o i n - c a r 6 fordert die Zurückstellung der Dis­kussion der Interpellationen bis nach Verabschie­dung des Budgets und begründet diese Maßnahme mit der Notwendigkeit, vor allem das Budget zu verabschieden, da die wittschaftliche, finanzielle und Währungslage, die sich in den letzten Wochen wesentlich gebessert habe, auch in Zukunft zum Teil vom Ausgleich des Budgets abbinge. Der Ministerpräsident stellte für seinen Antrag die Vertrauensfrage. Der Sozialist F a u r e beklagt sich über die verspätete Einberufung des Parlaments und ttchtet heftige Angttffe gegen die Regierung, die anscheinend eine faszistische Diktatur in Frankreich aufrichten wolle. Seine Freunde, sowohl die Sozialisten als auch die Kommunisten müßten der Regierung das Ver­trauen verweigern. In der Abstimmung sprach sich die Kammer, mit 365 gegen 20? Stimmen für die sofortige Aussprache über das Finanz­budget und die Vertagung der Inter­pellationen aus.

Slowaken

und Prager Regierung.

Prag, 13. Nov. (Priv.-Tel.) 3n einer Ver­sammlung von führenden Mitgliedern der slo­wakischen Volkspartei in Prehburg wurde ein Beschluß gefaßt, daß die Dolkspattei mit dem Angebot der Regierung, das Mini­sterium für die Slowakei aufzulösen und durch ein Ministerium für Lands mann- schaftliche Angelegenheiten in Prag zu ersetzen, sich nicht zufrieden geben könne, da sie unter allen Umständen den Anspruch auf ein freies und unabhängiges Mi­nisterium erheben müsse. Die Partei, die nach der A u t o n o m i e strebe, fordere, daß das Mini­sterium für die Slowakei in seiner heutigen Form tositer erhalten bleibe und mit einem Mitglied der VolksPartei besetzt werde. Die Pattei lehnt es vorläufig ab, in die Regierung einzutreten. Di« Verhandlungen mit Prag sollen solange fortgesetzt werden, bis die Regierung Bedingungen stellt, die die Dolks- vartei mit gutem Gewissen annehmen kann. Die Annahme des Budgets, die bis zum 27. Nov. erfolgen muß, scheint infolgedessen in Frage gestellt zu sein.

Kunst und Wissenschaft.

Die Dichter in der Preußischen Akademie.

Wie der amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, hat die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste zu Berliner Mitgliedern gewählt: Georg Kaiser, Bernhard Kollermann. Oskar Lörke, Walter von Molo, Dr. Wilhelm von Scholz und Eduard Skukken, zu auswärtigen Mitgliedern: Her­mann Bahr, Dr. Max Halbe, Hermann Hesse, Dr. Ricarda Huch, Dr. Erwin Kol- benheher, Heinrich Mann, Dr. Jos. Pon­ten, Atthur Schnitzler, Karl Schönherr, Dr. Emil Strauß, Jakob Wassermann und Franz Werfel. Der preußische Kultus­minister Dr. Decker hat die Wahlen soeben bestätigt.

Berufung.

Der ordentliche Professor her Rech'tswissenschaft- lichen Fakultät der Universität Frankfurt, Pros. Dr, K l a u s i n g , erhielt einen Ruf an die deutsche Uni­versität Prag.

Ans aller Welt.

Tragödie eines Vierundachlzigjährtgen.

Am 6. ds. Mts. wurde in dem märkischen Dorfe R o 11 st a ck bei Prück der vierundachtzig­jährige Altsitzer Schmidt tot a u f g e f u n - den. Cs gingen Gerüchte um, daß der Greis keines natürlichen Todes gestorben sei. Die Er­mittelungen ergaben, daß der Greis an den Folgen fortgesetzter Mißhandlun­gen gestorben war. Seine verheiratete sechs- undvierzigjährige Tochter gab bei der Ver­nehmung die Mißhandlung zu, behauptete aber, daß sie ihren Vater durch drei Wanderburschen habe verprügeln lassen. Nach den Ermitte­lungen hat sie aber zweifellos von vornherein die Absicht gehabt, ihren Vater zu erschla­gen, und hat allein gehandell. Sie wurde fest­genommen. Auf dem Wege zum Gefängnis In Potsdam machte sie einen erfolglosen Flucht­versuch. Im Gefängnis erhängte sie sich.

verhängnisvoller Zusammenstoß.

Als in Neuwied gegen Abend ein Mann aus Irlich auf seinem Fahrrad, auf dem er vorne fein Kind, hinten seine Frau sitzen hatte, die Kurve einer Bahnüberführung ohne Be­leuchtung auf der linken Seite durchfuhr, wurde er von einem entgegenkommenden Auto erfaßt und auf die Seite geschleudert. Er erlitt dabei so schwere innere Verletzungen, daß er bald darauf starb. Das Kind erlitt leichtere Verletzungen, die Frau hatte sich durch Ab- springen gerettet.

Jubiläum des Hunsrückpfarrers Ocriel.

In Neuerkirch beging der bekannte Huns- rückpfarrer O e r t e [, der auch mehrere Jahre lang dem Reichstag alstzMitMed der Deutschen Volkspartei angehötte, die Feier seines 40fähttgen Dienstjubiläums. Aus diesem Aniah wurden dem eifrigen Seelsorger zahlreiche Glückwünsche und Ehrungen von nah und fern zuteil.

Wettervoraussage.

Nachttemperaturen wenig nichtiger, nach Aufklaren Eintrübung und Regenneigung, südliche bis westliche Winde.

Aus der Provinzialhaupista-t.

Gießen, den 13. November 1926.

Gietzer Windersemesder - A'sang.

(Nachdruck verboten.)

Ihr fpi-ett's, ihr Leut', der Windet kimmt. Die Schneegäns sinn geschiede Der Mensch duhd's wolle -che a*. Zeeg selbst gern mit nach Siede.

Der Herbst in Gieße war net schee, Ihr wißt's, btaucht's net je I?fe: Die Gasse, die tixrrn ausgekehtt Wie mit 'em ftumbe Des«.

So is eshäi" zer Fetiezett: Es fehle die Stiftende!

C' jeder spiett's ja, was da- heißt Ietz is die Zeit -e Ende.

Se zöge vor drei Monat grab Nach Haarn mit leere Hefte, ihm sammelte im Vatter Haus For'n Winter neue Kräfte.

Drei Monat lang war Feriezeit, Mit dahd« se vermisse Unn hädde se wahrhaftig hier Ni« net 'enaus geschmisfe.

Die Gass«, die wat'n öd und leer.

Mer sah fei bonte Kapp«, ihm hinne unsre Maderncher Dahd kein Verehrer dappe.

Zwar hawwe mir noch's Milidär, Di« Grenadier urm Sch tze,__

Doch gucke unser' Mädcher hier Zemeist nach flotte Mihe.

Dem Backfisch, sinn am liebst' bie Ftchz, Die. wo noch danze lerne!

Nach Adere Semesder guckt Er vorerst nor von ferne!

Wird aus dem Fichs'che erst 'en Dorsch Ann der is garverschmisse". Dann wird son schneid'ger Studio In Gieße halb verriss«.

Da könne dann die aui dem KohrPS Umt Dorsche-, Lannsmannschafde, Die TornerKlosderbtteder" gtxrc, Manch' Mädcheherz verhafte.

Wann dann mer uff dem SälderSwägk So sieht den Völkerwannel, Dann fliege Blicke hin un her Un 's giebt manch A'gebannel.

Ka' amtrer Mensch liinint kann mehr dorch, Not bleeßlich die Starrende.

Ans' Hauptgah is und bleibt ze emg! Ob's aner ännern könnte?

Doch man ich,*boas wär 's scheinst» noch For d« Sturrend in Gi:ß«: Er hat aa Straß', da kann er stets Sei' Schätzche froh bsgriefte.

Doas ärjert jo mer wisse'- Wohl Die Dädder unn Phikisder, Wann se so seh' die junge Leut' Vertraulich wie Geschwisderk

Doch, woaS e richd ger Derjer iS.

Is froh aus annern Grinde: Der denkt an sei' Geschäft zeniMist, Nett an Starren befinde.

Der steht an seiner Ladethek Betracht' fei viele Kund« Die mit dem Studio stelle sich Fast ei zur selb« Stunde.

Denn der bringt'S volle P ottmonnäh Vom Aid« mit nach Gieß«

Ann läßt, was brirm is. schon recht bald In annre Kasse fliehe.

Der Studio ißt unn raucht unn trinkt Urm duhd's aach all' berappe, Sei' Batze sinn doch nach kein Dreck, Willkomme sinn fei Lappe!!

Es tourt schon uff ihn fei' kalt' Bud» Die so lang leer gestünde Es segnet seinen Inzug froh Die lieb' gut Stuwwedande.

Die Metzger- unn die Bäckersleut' Werr'n irr. Verdienst gehowe, Die Witt sinn voll besondrer Freud' Unn bub'n ihr Stösfche lowe.

Aach der Profefser zählt die Köpp, Wo sei' Kolleg besuchhe, Ann sinn's recht viel, so backt fei Fraa Vor lauter Freud' en Kuchche.

Sv freut mer sich halt iwwerall. Wann die Sturrend- komm« -r Froh wer'n se, wie in ahlder Zeit, »Häi" in Empfang genomme.

Woas se studiern is einerlei Der Philisder nimmt die Batze Ann bahld iS drum des Studios Geld Ze allermeist de Katze.

Doch weih ich aach das eine noch: Verlorn wer'n hier aach Herz«, Unn doas macht der Vttahrung nvach Die allergreehte Schmerze.

Ich hoff', daß alles gut abgeht Gefährlich sinn Sturrend«!

Du, Gießer Mädche, denk da dran: Ied' Dingk, doas hat zwaa Ende!

Wann aner gar viel Schul!« macht Unn duhd g-.beerig lumpe, Dann muß bei armer Dadder gar Demliewe Kerl" noch burnpe!! Doch ach. da denkt bei Seel net dra'. Wann erst bie Herze brenne, Dann wird gelacht, gedanzt. gekisst Unn niemand denkt an's Flenne.

Vielleicht trägst be, du goldig' Ting. Was hier ward a'gehimmelt, Erna! 'en golbne Fingerring In Lieb, bie nie net schimmelt.

Tu werft Frau Doktern, Parrern gar, Im Vogelsberg, dem scheene, Unn schickst nach Gieße, arm doch froh, Lei' halwes Dutzend Söhne.

Doch aans, bas steht mir bickelfest, Muh weiter sich vererwe: Werhäi" hat einst gezecht, geliebt, Ter kann einst selig ftertoe.

Unn macht er's Testament zeletzt Soll s mit be Worte schließe: Du Jugendzeit, du goldig' Zeit, Du warst am schennst in Gieß«.

Franz Gros.