tut. wo unseres Volkes Schicksal liegt, lehrt der Dichter aus eigener, schwerer Erkenntnis. 369
- Von Zauberern und Soldaten, beschichten von Wolfgang Goetz. Verlag von Adolf Bonz & Comp., Stuttgart. Inhalt: Der Vater. Erfüllung. Meteor. Der Held. Summa. Marengo. Der Marschall und die Eva. Das Lebendige. — Ein Vand Erzählungen von dem Verfasser des Dramas „Gneisenau". , Sie behandeln Fragen, die die Welt von jeher beschäftigt haben, das Problem von Vater zu Sohn, von Weisheit und Aberglauben und das des unfreiwilligen Heldentums. Die Vorbilder sind der Geschichte entnommen (Goethe, Napoleon, Luther) und verraten eine genaue Kenntnis der Zeit und der Menschen. Der Stil ist ganz modern, die Darstellung voll Phantasie und Lebendigkeit. 524
— „Fe me", Roman von DickiVaum. (Verlag Ullstein, Berlin, Preis 3 Wk.) Vicki Vaum, deren Bücher durch das große Können und die tiefe Menschlichkeit ihrer Verfasserin immer stärker aus den Tagese^cheinungen her- ousragen, gibt hier mit unheimlicher Gewalt • einen packenden Roman unserer Tage. Die dunklen Vorgänge in den Seelen fanatischer Menschen, mit den Augen eines Dichters gesehen, mit dem verstehenden Herzen einer Frau erzählt, erleben wir mit. Frei von jeder Parteitendenz ist hier mit dem Schicksal eines jungen Menschen die Tragik jener unbefriedigten Jugend unserer Tage gestaltet, die von den Irrungen und Wirrungen unserer Zeit erschüttert und aus der Bahn geworfen wird. Erst die härteste Lebenserfahrung einer gehetzten Flucht führt den jungen Menschen zur Erlenntnis seiner Schuld und zur Sühne, der versöhnende Ausklang des Buches ist Dort tiefer, erschütternder Menschlichkeit. 467
- Elisabeth, dos tolle Jahr 1 848. Roman von Frieda von Oppeln (Verlag K. F. Kochler, Berlin W. 9, Ganzleinen 8 Mk.) Die Wittelsbacherin auf dem preußischen Königsthron, die Gemahlin Friedrich Wilhelm IV., ist vielleicht am wenigsten von den preußischen Königinnen des letzten Jahrhunderts über einen kleinen Kreis Eingeweihter hinaus bekannt geworden, nie eigentlich populär geworden. Daß cs sich lohnt, sich mit ihrer Persönlichkeit zu befassen, zeigt dieser Roman, der bei der Schilderung ihrer Jugend- und Brautzeit leider allzu serrtimental wird, jedoch die Revolutionsjahre, besonders auch die verhängnisvollen Märztage des Jahres 1848, sehr lebendig zu machen weiß. Der Hamletcharakter Friedrich Wilhelms IV. wird gut gezeichnet und auch die Rolle Elisabeths an der Seite gerade dieses Gatten mit sehr feinem, warmem Empfinden geschildert. 480
— Helene Chri st aller: „Das Tagebuch der Annette", Basel, Friedrich Reinhardt. — Schon die ersten Seilen des Tagebuchs der Annette v. Droste-Hülshoff versehen empfängliche Leser in eine erhöhte Stimmung. Die eigenartige Melodie der Reflexionen überrascht das Liebenswerte einer großen Persönlichkeit, die Tiefe ihrer Innerlichkeit und nicht zuletzt die wundersame Art ihrer Naturbeobachtung werden offenbar. Man begleitet Annette auf ihrem Weg zur künstlerischen Vollendung. Rie reißt Leidenschaft, äleberspannung der Gefühle sie fort. Ihre Liebe zu Levin Schücking verleiht, so scheint es, ihrem Dasein den höchsten Wert und doch wachsen die Urkraft ihres Genies, ihre Verbundenheit mit dem Ewigen darüber hinaus. Die Sprache des Tagebuchs entwächst poetischem Boden. Den Charakter der Annette, die Harmonie ihres Wesens zu schildern, erschien Helene Christaller als höchstes künstlerisches Gebot. Bei aller Feinheit der Analyse gelangt sie zum Schluß zu vollkommener Synthese. Das Tagebuch, vom Geist echter Religiosität erfüllt, schaut weit über die Beschränkung des Alltags hinaus, hat im Metaphysischen seinen tiefsten Grund. Es kann, ganz abgesehen von seiner ästhetischen Formung, noch eine besondere Mission erfüllen, wenn es den Leser anregt, sich in die Dichtungen der Annette . v. Droste-Hülshoff zu versenken und dabei Stunden der Weche und Erhebung zu erleben. Helene Christallers Gabe, sich in die Atmosphäre der Droste einzufühlen, ist geradezu bewunderswert.
A. D.
— Insel-Almanach auf das Jahr - 1 92 7. Einen besonders gewichtigen Almanach legt der Insel-Verlag in diesem Jahr seinen , Freunden vor: es ist ein Almanach, in dem die Novelle die Führung hak: nicht weniger als fünf
Vas grotze Würfelspiel.
Martina Dilemar.)
Roman von Franz Laver Kappus.
14. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Die wenigen Zeilen teilten die Adresse Doktor Georg Morells mit: Kassel. Landkrankenhaus. Ein Zeitungsausschnitt war beigefügt. Ausführlich berichtete das Prooinzialblatt über einen Streit Morells mit der Aerztekammer. Darin war von einem Vortrag die Rede, in dem die Kunst der Internisten in Zweifel gezogen wurde. Achtzig Prozent aller inneren Diagnosen wären falsch, sollte Morell behauptet haben. Nicht recht klug wurde Carsten aus den langatmigen Ausführungen.
Immerhin: nun wußte er, wer Doktor Morell war.
Carsten stützte den Kopf in die Hand.
Wohin steuerte er? Wieder war eine Stunde da, in der alles schwankte. Einen dicken Strich hatte man unter sein früheres Leben gezogen und ein neues begonnen. Dennoch blieb die innere Befriedigung aus. Dennoch regten sich Zweifel auf Schritt und Tritt. Dennoch grollten die Menschen. War es nicht ein wenig gleiches Auf und Nieder? Das Brot, das man dem einen entzog, reichte man dem anderen. Sicherlich hatten während der letzten Monate viele Leute Geld verloren. Der plötzliche Kurssturz der Terag- und Baugesellfchafts-Aktien, der Abbau seiner Bureaus in Berlin, Hamburg und Frankfurt, die Schwierigkeiten, in die die Bodenbank nach seinem Ausscheiten geraten war: all das belastete Carstens Gewissen. Was frommte es dagegen, daß er billige Wohnungen schuf, daß er ein Krankenhaus für Arme baute, daß er jeden Augenblick in die Tasche griff, um Bedürftigen zu geben? Konnte man überhaupt gut sein in dieser Zeit? War es nicht gleich, was man tat? Wie hatte doch Julie gesagt: „Keiner ist schlechter als der andere, Wir alle wehren uns nur."
Stürmisch rumorte Carstens krankes Herz. Alle Gedanken mündeten bei Julie. Am Ende jeder Erwägung, jedes Gefühls, jeder Pein klang ihr Name. Bestand sie ihn, verstand sie ihn nicht? Er konnte es nicht sagen. Nur sein Blut rauschte, wenn er ihrer gedachte. Perworren wurden seine Worte, wenn er
Rovellen der verschiedensten Art sind darin enthalten. Die Tragödie der Liebe könnte man die Novelle von Ricarda Huch „Graf Mark und div Prinzessin von Nassau-^lsingen" überschrei- besi; aus einem noch nicht abgeschlossenen Werk stammen die Episoden „Grünes Tischchen und verlorner Schlüssel" von Hans Carosfa: „Die Tür der Falle" ist dem neuen Novellenbande von Sherwood Anderson „Das Ei triumphiert" entnommen; in der Novelle „Die unsicht- bave Sammlung" behandelt Stefan Zweig ein tragisches Sammlerschicksal; tiefgründiger Humor zeichnet Otto von Taubes Novelle „Asna Papiria" aus. Daneben stehen Beiträge in Vers und Prosa von Rainer Maria Ribke (neue Gedichte). Rudolf Alcxand er Schi öder (eine üefccrtra.gung aus der „Ilias"), Albrecht Schaeffer (eine Ballade), Theodor D äubler (Gedichte), Alfred Mom- bert (eine kosmische Phantasie), sowie Proben aus Büchern des Verlags. Acht Bilder, darunter eine Aufnahme Eleonora Duses aus den letzten Jahren sind dem Almanach beigegeben. 547
— Nach einer Pause von mehr als zehn Jahren tritt der Insel-Verlag in Leipzig mit der Vollendung eines Unternehmend hervor, dessen Begin» bereits vom schönsten Erfolg begleitet war: die Sammlung „Alte und neue Lieder mit Bildern und Weisen", zu deren ersten vier Heften, die in dieser neuen Auflage im 76. bis 80. Taufend vorliegen, weitere vier getreten sind. Mit vielem Glück ist hier eine schöne alte Tradition wieder aufgenommen und in moderner Weise fortentwickelt worden. Den zweistinvnig mit Lautenbegleitung gesetzten Text zieren "Alder von Meistern der Illustrationskunst des 19. und 20. Jahrhunderts: Ludwig Richter, Adolf Menzel, Moritz von Schwind, Alfred Re- thel, Adolf Schrodter, Max Slevogt, Hans Meid, Leopold Graf von Kalckreuth und anderen. Die Sammlung ist im Auftrage des Verbandes Deutscher Vereine für Volkskunde und der Preußischen Volkslied-Kommission herausgegeben von Johannes Bolte, Max Friedlaender, John Meier, Friedrich Panzer und Max Rödiger. Mit dieser Vereinigung von Text, Bild und Weise ist ein echtes Vvlksliederbuch entstanden, das fürs Haus und zum Wandern gewiß bald seine LInentbehvlichkeit erweisen wird. Jedes der acht Hefte tüfteit broschiert 80 Pf., die Sammlung in einem schönen Leinenband 6,80 Mk. (526)
Verschiedenes.
— Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts begründete Wilhelm Häring (der als Willibald Alexis und mit den „Hosen des Herrn von Bredow" bekannt wurde) zusammen mit dem Hoffmannbiographen Hitzig den „Neuen Pitaoal" eine auf viele Bände angewachsene Sammlung merkwürdiger und berühmter Kriminalfälle aus alter und neuer Zeit. Im Berliner Verlag Die Schmiede gibt Rudolf Leonhard jetzt eine Sammlung heraus, die als Weiterführung und Ergänzung für die neueste Zeit und jüngste Gegenwart angesprochen werden kann. Die RÄhe heißt: Außenseiter der Gesellschaft (Die Verbrechen der Gegenwart), umfaßt bereits zahlreiche Nummern und wird fortgesetzt. Literarisch sehr namhafte Autoren findet man unter den Mitarbeitern. Das Ganze vermittelt zweifellos eine nicht uninteressante Lektüre; hier liest man den Kriminalroman sozusagen im Urtext; als aktenmäßiges document humain, der romanhaften Phantasie entzogen, wiewohl psychologisch- kritisch gewürdigt. Daß eine solche Sammlung stets auch bedenkliche Schattenseiten hat, steht im Hinblick auf Fälle wie Haarmann und Angerstein wohl außer Zweifel. — Uns liegen die folgenden Bände vor. „Germaine Berwn (von Iwan Goll) und „Der Fall Rcwachol" (von H o l i t s ch e r), beides anarchistische Mordaffären, können als Komplemente gelten. Die ebenfalls politische Affäre Blau wird von Traut- n e r reichlich breit und unnötig sensationell aufgezogen. Ein sehr finsteres Kapitel behandelt Ernst Weiß mit dem Prozeß der Giftmischerin Vuko- brankovicz. Am interessantesten ist wohl der berühmte „Fall Strauß" von Karl Otten ; eine gut geschriebene Monographie. Der aus seinem Streit mit der hannoverschen Studentenschaft her in der breitesten Öffentlichkeit bekanntgewordene Professor Theodor Lessing untersucht in einer sich bei aller angestrebten Sachlichkeit wie ein erschütternder Roman lesenden Schrift den Fall Haarmann („Die Geschichte eines Werwolfs"). Scharfes Licht fällt dabei auf die sittlichen Zustände in den deutschen Großstädten in der Revolutions- und Infla-
zu ihr sprach. Einmal, ein einziges Mal, hatte er sie in diesen Wochen geküßt. Die Schwäche durfte nicht wiederkommen. Noch tagelang hatte es ihm wie Blei in den Gliedern gelegen. Alle (Energien waren verpufft. Sein neues Werk wankte.
Man mußte Sicherheit haben. Doktor Morell mußte helfen.
Bernhard Carsten fuhr nach Kassel.
Die hügelige Stadt lag sonnenüberglänzt in ihrem Talbecken. Das Land-Krankenhaus auf dem Müncheberg war nach dem Pavillon-System gebaut. Eine Schwester wies Carsten den Weg zum Leichenhaus. Dicht daneben befände sich die Prosektur, hatte der Pförtner erklärt.
Carsten wartete eine Weile. Seine Blicke strichen die kahlen Wände entlang. Eine Kastanie schaukelte ihr breites Laub vor Dem einzigen Fenster. Scharf und sonderbar fremd roch die Luft.
Doktor Morell erschien, die Visitenkarte Carstens in der Hand.
„Sie werden sich vielleicht noch erinnern", sagte Carsten.
Morell nickte.
„London—Berlin." Die Hände im Schoß seines weißen Kittels, fragte er nicht ohne Ironie: „Womit kann ich heute dienen?"
Carsten rang nach Worten. Morell kam ihm zu Hilfe.
„Ich habe mancherlei über Sie gelesen."
„Das meiste ist entstellt, geradezu tendenziös wiedergegeben", versicherte (Earften. „Die Freunde von einst haben sich in Feinde verwandelt. Wenn es überhaupt Freunde waren." Langsam wurde er warm. Zug um Zug schloß er fein Herz auf. Und schilderte seine Not, seine Zweifel, seine Einsamkeit.
„Und da soll ich raten?"
„Mehr als raten."
Morells graue Augen schloffen sich für einen Vko- ment. „Also helfen? Kein Mensch kann dem anderen helfen. In solchen Dinaen schon gar nicht."
Carsten widersprach.
„Und auf dem Flug über den Kanal — wer hat mir da geholfen?"
„Doch nicht ich?"
„Sie haben mich zur Sefinnung gebracht", stieß Carsten beinahe schroff hervor. „Sie haben mir die Wahrheit in das Gesicht gesagt. Ihnen danke ich meine Wandlung."
ttonszeit, nicht minder grell beleuchtet wird aber auch das kriminalpolizeiliche Spitzelunwesen. Alfred Däblin gibt in dem Band „Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord" zum Nachdenken anregende Blicke in die weibliche Psyche, E. E. Kisch bringt den Fall des Generalftabschess Redl, der seinerzeit einmal viel Staub aufwirbelte. Alles in allem eine Sammlung, die auf die tiefste Sohle des menschlichen Jammertals führt. 449/56
— Hessischer Landkalcnder für das Jahr 1 927. Herausgegeben im Auftrage der Zentralstelle zur Förderung der Volksbildung und Jugendpflege in Hessen von Karl Esselborn. Darmstadt, C. F. Wintersche Buchdruckerei 1926. Preis 70 Pfennig. — In dem soeben erschienenen neuen Jahrgang des Landkalenders vereinigen sich Wort und Bild aufs glücklichste, uns Schönheit und Eigenart unserer hessischen Heimat vor Augen zu fuhren. Dazu tritt eine Reihe gut ausgewählter. Herz und Gemüt erfreuender kleinerer und größerer Erzählungen, von denen als besonders zum Nachdenken anregend Alfred Bocks Lumpenmannsgritt und R. Kissingers Gute Lehre angeführt feien. Dankenswert ist auch, daß Kissinger zwei Beispiele von Hessen- treue aus dem Weltkrieg der Vergessenheit entrissen hat. Auch diesmal stammen alle Beiträge von geborenen Hessen ober solchen, die engere Beziehungen mit Hessen verbunden haben. Daß jedem Monat ein Gedicht eines unserer Besten beigegeben ist, ist ein weiterer glücklicher Gedanke des Herausgebers. Jedenfalls ist sicher, daß der neue Jahrgang zu den vielen alten Freunden des Kalenders noch eine stattliche Anzahl neuer werben wird. 481
— Die Heimat als Quelle der Bildung. Don Ernst Wachler. Mit 15 Abbildungen. (Bios-Bücherei, herausgegeben von R. H. France.) R. Voigtländers Verlag, Leipzig. — Wachler greift hier den alten, vielfältig zu belegenden Gedanken auf, daß der wahre Kern, aus dem allein jegliches Bildungsgut für eine Nation sich entwickeln könne, die Heimat fei. Der Verfasser erhebt den Satz zur kategorischen Dil- dungsforderung einer völkischen (oder volkheit- lichen) Erziehung und Eigenkultur. Die Schrift bringt manchen guten und gesunden Gedanken- gang, erscheint aber gleichwohl von einer gewissen Einseitigkeit ihrer Grundeinstellung nicht freizusprechen. Die rigorose Ablehnung der „falschen Dildungsziele" (des lateinischen, humanistischen, französischen usw.) erscheint immerhin bedenklich. 476
Spanische Eindrücke.
Don unserem nach Spanien entsandten Z.- Sonderberichterstatter.
Madrid, Oktober 1926.
(Dgl. Nr. 235 des G. A. vom 7. Oktober.)
Wir wiesen in unserem ersten Artikel bereits hin auf die schwere Wirtschaftskrisis, die Spanien bedroht. Diese Krisis besteht schon lange. Die schlimmsten Pessimisten behaupten sogar, sie bestände bereits feit dem Tode Kaiser Karls V. Dorherrschend ist in ganz Spanien die Meinung, daß die Katastrophe von 189 8, der Krieg mit den Vereinigten Staaten, diese Krisis sehr verschärft habe. Es fehlt nicht an Stimmen, die behaupten, Königtum und Geistlichkeit hätten in Spanien lange viel zu starke Eigenpolitik betrieben, die weit über die Kräfte des Landes hinausging. Diese Frage bleibe hier unerörtert. Weit sinnfälliger ist die Tatsache, daß der Gegensatz der einzelnen Provinzen in Spanien auch heute noch ungeheuer groß ist. Der Katalane haßt den Andalusier. Beide blicken mit Verachtung auf den Bewohner von Madrid herab. Das einzige, alle einigende Band ist und bleibt eigentlich nur die Religion.
Selbstverständlich liegt in dieser Uneinigfeit allein ein außerordentlich erschwerendes Moment für eine gedeihliche Entwicklung des ganzen Landes. Noch ungünstiger sind geographische Schwierigkeiten, großer Wassermangel in weiten Teilen der Halbinsel, schlechte Straßen usw. Von 47 spanischen Provinzialhauptstädten liegen 17 in einer Höhe von 528 Meter (Toledo) bis 1132 Meter (Segovia). Man muh sich diese Tatsache vergegenwärtigen bei der Beurteilung der landwirtschaftlichen Lage Spaniens (Regulierung der Wasserläufe usw.). Bereits Ende des 18. Jahrhunderts waren 1 67? 172 Menschen in Spanien in der Landwirtschaft tätig. Die Aufhebung der Majorate brachte große Desihver-
„Oder dem Zyklon", lächelte Morell.
„Wenn Sie nicht so deutlich gewesen wären: weiß Gott, vielleicht handelte ich heute ebenso mit Grundstücken. Sehr wahrscheinlich sogar. Aber Sie haben mich einen Schurken genannt Das hat mich aufgerüttelt. Das hat mir die Augen geöffnet."
„Das Licht scheint Ihnen nicht sonderlich zu bekommen Sie nach Berlin! Zufällig weiß ich, daß spitze. „Allen Blinden, die plötzlich sehend werden, geht es am Anfang so." Nach einer Pause fragte er beyutsarn: „Wie könnte ich Ihnen also helfen, Herr Carsten?"
„Sie können es, nur Sie!"
„Sehr schmeichelhaft. Aber Sie müssen deutlicher sein." _ •
Die Schultern hochgezogen, blickte Carsten den Arzt an. Sein voller Mund bewegte sich, ohne daß ein Laut hervorkam. Plötzlich sprang er auf und faßte Morell beim Handgelenk. „Kommen Sie mit mir, Herr Doktor Morell! Lassen Sic das da und körnen Sie nach Berlin! Zufällig weiß ich, daß auch Sie gegen den Strom schwimmen. Sparen Sie Ihre Kräfte. In Berlin haben Sie freie Bahn. Wir brauchen einen tüchtigen Direktor für unser Krankenhaus — werden Sie der Direktor unseres Krankenhauses!" Die Stimme Carstens fiel herab. „Vielleicht können Sie dann später einmal auch mein Freund werden." Kleinlaut fügte er hinzu: „Wenn es Ihnen nicht allzu schwer fällt." Er setzte sich wieder.
Morell lehnte an der Wand. Lange schaute er zur weißgetünchten Zimmerdecke empor. Erwartungsvoll hing Carsten an seinen Mienen. Leise arbeiteten die Kiefer des jungen Menschen. Erst jetzt bemertete Carsten, daß Morell höchstens fünfunddreißig Jahre zählen konnte. Nur wenn er redete, sah er älter aus.
Endlich sprach Morell: „Es ist ein Unterschied zwischen Arzt und Arzt. Was mich betrifft: feit vielen Jahren arbeite ich nur als pathologischer Anatom. Mein täglicher Umgang sind Leichen, immer wieder nur Leichen. Ich prüfe die Diagnosen nach. Darum bin ich in der Praxis ziemlich unerfahren. Don der Spitalpraxis ganz zu schweigen; die erfordert ja auch besondere Erfahrungen in der Verwaltung. Ich habe diese Erfahrungen nicht."
Schon stand Carsten auf den Beinen, „Sie lehnen ab?"
änberungen mit sich. Wohl ergaben sich hieraus neue Anreize für die Landwirtschaft, aber Spanien vermochte sich doch nicht mehr selbst zu ernähren. Seit 1850 beginnt das Land sich zu entvölkern. Cs fehlt an dem nötigen Getreide. Politische Unruhen, Mangel an Straßen sowie die Plnsicherheit auf dem Lande hemmten die Entwicklung der Landwirtschaft fortgesetzt. Man wirft sich auf den Weinbau. Die Wein- ansfuhr nahm rasch zu. Sie betrug 1867: 940943 Hektoliter, 1873: 2 047191 Hektoliter und 1891 bereits 11 081 540 Hektoliter. 1892 sank die spanische Weinausfuhr wegen der starken französischen Konlurrenz um über 50 Proz. Dafür nahm die Ausfuhr von Gemüse und Früchten stark zu. Die Ausfuhr landwirtschaftlicher Produkte (außer Olivenöl) betrug 1900: 211 000 Tonnen. Sie stieg bis 1913 über 70 Proz., nämlich auf 345 000 Tonnen. Im Kriege litt der Weinbau in Spanien stark unter Thhllosera.
Wir erwähnen diese Ziffern im einzelnen, um damit darzutun, welche große Bedeutung man hier den deutsch-spanischen Handelsvertragsverhandlungen beimißt. Man setzt hierauf große Hoffnungen. Das Ergebnis dieser Verhandlungen wird ausschlaggebend bleiben für die Stimmung gegenüber Deutschland. Selbstverständlich bleibt dre Weinfrage bei diesen Verhandlungen nicht allein ausschlaggebend, denn die Weinanbaufläche hat sich in den letzten Jahren um 10 Proz. vermindert. Dafür entwickelte sich die Oelbaumkultur um fo stärker. Es gibt Gegenden, in denen ein einziger Oelbaum ein Iahreserträgnis von 2 -300 Peseten abwerfen kann. Ein einzelner Dauer kann daher in der Tat von 10 bis 20 guten Oelbäumen zur Not leben.
Ein volles Viertel der gesamten "spanischen Fruchtausfuhr entfällt allein auf Apfelsinen, davon kommen nicht weniger als 75 Proz. aus Valencia und plmgebung. Stärker angebaut wird in den letzten Jahren auch Zucker. Bis 1896 stammte 3/s des im Lande verbrauchten Zuckers aus den Kolonien, 2/ö aus Spanien selbst. Durch neue Zollgesetze wird der Zuckerrübenanbau nunmehr gefördert. Er beträgt jetzt rund 60 OOOHektar, man will ihn jedoch bald auf 100 000 Hektar erweitern. Von den vorhandenen 50 000 Millionen Hektar Land sind augenblicklich etwa 20 000 bebaut, 25 000 sind Wälder und Wiesen, 4000 unbebaut und 2000 entfallen auf Ortschaften, Wasserläufe und Straßen. Don den Wäldern gehören rund 41/2 Millionen Hektar den Gemeinden, 175 000 Hektar dem Staat, 3000 Hektar Privaten und 6000 Hektar landwirtschaftlichen Genossenschaften. Kleinbesitz ist in Spanien nicht unbekannt, hauptsächlich jedoch findet man Mittel- und Groß- befih.
Von dem vorhandenen Viehbestand sind über 20 Millionen Stück Hammel, 5 Millionen Schweine, 4 Millionen Ziegen, 3,7 Millionen Rinder, 2,4 Millionen Esel und Maultiere und 0,7 Millibnen Pferde. Jahrhundertelang genossen besondere Viehzüchtervereinigungen sämtliche Privilegien, die damit oftmals starken Mißbrauch trieben. Das ist in der letzten Zeit besser geworden.
Die wirklich bewässerte Oberfläche des Lan- des ist im Verhältnis zur Anbaufläche sehr flein. Der Bau von Bewässerungsanlagen schreitet jetzt rüstiger vorwärts. Es fehlt nicht immer an Wasser, aber man versteht es nicht recht auszunutzen. Der Staat hat ein großes Bewässerungsprogramm (Talsperren usw.) ausgearbeitet, das die regelmäßige Bewässerung von P/2 Millionen Hektar Vorsicht, doch ist davon bisher erst ein geringer Teil ausgeführt worden.
Es fehlt dafür an Geld. Alle Barmittel verschlang der Marokkokrieg. Die Finanzkrisis des Landes wird durch diesen Feldzug immer bedrohlicher. Auch Primo de Rivera vermochte diese Krisis nicht zu lösen.
Rundfunk-Programm
des Frankfurter Senders.
(Aus der „Radio-Amschau".)
Donnerstag, 14. Oktober.
3.30 dis 4 Uhr: Die Stunde der Jugend. 4.30 bis 5.45: Konzert des Hausorchesters: Operettenmusik. 5.45 bis 6.05: Die Lesestunde. 7: Uebertro- qung aus dem Frankfurter Opernhaus: „Manon". Oper in 4 Akten von Jules Massenet. Anschließend bis 12: Uebertragung von Berlin: Tanzmusik.
„Ich muß ablehnen." Morell reichte Carsten die Hand. „Mein Dank ist deshalb nicht weniger herzlich."
Es war, als sänke Carsten in sich zusammen.
„Und später auch nicht?" fragte er nach einer Pause. Als befände er sich in einer Wüste, so verlassen kam er sich plötzlich vor. „Später auch nicht? Nach einem Jahr, nach zwei Jahren? In der Zeit könnten Sic sich irgendwo einarbeiten, im Virchow- Krankenhaus ober sonstwo in Berlin. Auch dann nicht, Herr Doktor?"
„Auch dann nicht."
„Ja, warum beim?" fragte Carsten hilflos.
Morell deutete auf die Tür, die zum Nebenzimmer führte. ,
„Das da hält mich zurück. Erschrecken Sie nicht, Herr Carsten: ich kann meine Leichen nicht mehr missen. Ich habe mich an sie gewöhnt. Sie sind zwar stumm und tot: aber was ich vom Leben weiß, habe ich von meinen Leichen gelernt."
XII.
Enttäuscht, müde, verzagt traf Bernhard Carsten wieder in Berlin ein. Was sollte er tun? Trotz der frühen Stunde klingelte er Julie an. Obwohl er seinen Namen nicht genannt hatte, fragte eine Stimme: „Herr Carsten?" Die weibliche Stimme gehörte nicht Julie; sie schwang in einer dunkleren Lage. Sofort legte Carsten den Hörer nieder.
Zwei Stunden später rief Julie an. Ob er schon wieder daheim sei? Und wie es märe, wenn man nachmittag irgendwohin ins Freie führe? Je näher der Sommer kam, um so öfter wollte Julie aus der Stadt. Seit der Abreise Lilys war es still geworden. Von früh bis in die Nacht verweilte Ernst bei seinem Bau. Verlassen lagen die zehn Zimmer. Bescheiden war alles wieder in ein regelmäßiges Gleise gekommen. Bei dem einen Mädchen mußte es bleiben und bei den Kleidern und Hüten vom vorigen Jahr. Doch alle Schulden waren be,zahlt.
„Nach dem Werder, Wildpark?" fragte Julie.
Carsten bejahte.
Man fuhr also hinaus. In voller Blüte standen die Obstbäume. Weiße und rosenrote Schleier hingen über den Gärten an der Havel. Gläsern schillerte die Luft. Voll Sonne, Erdgeruch und Blumenduft war jeder Atemzug.
(Fortsetzung folgt.)


