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auch Frankreich seine Politik Rußland gegen- über ändern werde. 3m polnischen Außen­ministerium haben in den letzten Tagen unter Teilnahme P i l s u d s k i s und anderer Minister eingehende Verhandlungen mit dem estlän bi­schen, litauischen und finnischen Ge­sandten in Warschau stattgefunden über den russisch-litauischen Vertrag und über die bevor­stehende baltische Konferenz. Man mißt ihnen große Bedeutung bei.

Die britisch-russischen Beziehungen.

Der Sowjetbotschafter Krassin bei Chamberlain.

London, 12. Oft. (WTD.) Der gestrigen Unterredung zwischen Sir Austen Chamber­lain und dem Sowjetbotschaster Krassin wird in hiesigen politischen Kreisen keine große Be­deutung beigemessen, da es sich hierbei in erster Linie um einen Höflichkeitsbesuch Krassins handelt. Der Meldung, daß Krassin dabei Chamberlain einen Plan für die Neugestaltung der englisch-russischen Beziehungen unter­breitet habe, wird nachdrücklichst entgeg -ngetreten. Es wird betont, daß sich die Lage seit der letzter Zusammenkunst zwischen Chamberlain und Ra­kowski, als der britische Staatssekretär des Aeußeren den englischen Standpunkt in der Frage der Beziehungen zu Svwjetruhland auseinander­setzte, nicht geändert habe. Es sei anzu­nehmen, daß Chamberlain erneut die Haltung der Regierung dahin desinierte, daß sie von keinerlei Animosität gegen die Sowjetregierung als solche erfüllt sei und auch keine Abfickti habe, sich in die inneren Angelegenheiten Sowjetruß­lands einzumischen, daß jedoch an ein ersprieß­liches Verhältnis kaum gedacht werden könne, so­lange keine Gewähr für die Einstellung der antibritischen Propaganda besonders in England selbst und in China vorhanden seien und von russischer Seite keine, wenigstens prin­zipielle Anerkennung der russischen Schulden erfolge. Es wird in politischen Krisen im Zusammenhang damit hervorgehoben, daß in den letzten Monaten eine Versteifung der öffentlichen Meinung gegenüber der Sowjetrcgierung stattgefunden habe, was z. B. in der auf der konservativen Parteikonferenz in Scarborough einstimmig angenommenen Ent­schließung sowie in der Zurückweisung des Tomski- briefes auf der Konferenz der Arbeiterpartei in Bournemouth zum Ausdruck komme.

Entgegen diesen Verlautbarungen ist man in Sowjetkreisen über die Verhandlungen zwischen Chamberlain und Krassin zunächst opti­mistisch. Man erklärt, daß alle bedeutsamen politischen und wirtschaftlichen Fragen erörtert worden seien. Es sei die Einsetzung einer unter Teilnahme Chamberlains tagenden Wirt­schaftskommission beschlossen wordsn. 3n der nächsten Woche werde Krassin nochmals mit Chamberlain verbandeln. Die Sowjetregierung sei bereit, mit England ein Abkommen über Kon­zessionen in Svwjetruhland abzuschlie- hen. Man glaubt, daß es bald unter Vermittlung der Beniner Handelsvertretung mit der Sowjet­regierung zu einer Verständigung zwischen der Moskauer Regierung und einer großen englischen Industriegruppe kommen wird. 3*n der Frage der russischen Politik in Asien sei dagegen bisher keine Einigung erzielt worden.

Die Verhandlungen von Broadlands.

Geheimrat Kaftl über die deutsch- englische Jnduftriellenzusammenkunft.

London, 12. Oft. (TU.) Das Präsidialmitglied des Reichsverbandes der deutschen Industrie Ge­heimrat Kaftl gab deutschen Pressevertretern einen Üeberblick über den Verlauf der deutsch-englischen Industriellenverhandlungen. Geheimrat Kaftl be- . tonte, daß vor einigen Monaten die deutsch-fran- ^zösischen Besprechungen in Luxemburg den eigent- »lichen Anlaß zu . diesen Besprechungen gegeben hätten. Die deutschen Delegierten seien nicht Ver- . tretet des Reichsverbandes der deutschen Industrie, sondern hätten als privates Komitee ge­tagt. Dasselbe sei auf englischer Seite der Fall ge­wesen. Bei der außerordentlichen Schwierigkeit der Materie und bei der Art der Besprechungen, die sich vielfach in Hypothesen bewegt hätten, sei von vorn­herein nichts anderes als eine erste Fühlung­nahme zu erwarten gewesen. Ob und wann die Möglichkeit von Einzelbesprechungen, die in dem offiziellen Kommunique erwähnt seien, praktische Gestalt annehmen würde, ließe sich heute noch nicht übersehen.

Man habe sich mit den gegenwärtigen Zoll­schranken in Europa beschäftigt und die Not­wendigkeit erkannt, zunächst einmal rein theoretisch zu erörtern, wie sich die Lage für beide Teile unter bestimmten anderen Voraussetzungen gestalten würde.

Die Frage der Nützlichkeit dec Schutzzölle fei vor der Erwägung zurückgetreten, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen beide Länder sich auf gemeinsamen Märkten unterböten, und daß dabei dem eigenen Lande der Auftrag ent­gehe und die Industrie des anderen Landes diesen unter Bedingungen aussühren müsse, die eine finanzielle Zufchußleistung der aussühren- den Industrie erforderlich mache. Ls sei klar, daß eine Verständigung aus diesem Gebiet zu einer Stärkung der Produktion und zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit in bei­den Ländern führen würde.

Praktisch lägen die Dinge in bezug auf das russische Geschäft so, daß von dem ersten Teil des von der Reichsregierung garantierten 300-Millionen-Kredits in Höhe von 120 Mil­lionen Mark erst 70 Millionen verausgabt wor­den seien, so daß bis zum 31. Dezmnber des Jahres noch ein ansehnlicher Rest ver­blieben sei. Der zweite Teil des Kredits in Höhe von 90 bis 100 Millionen Mark, der von einem ausländischen Bankenkonsorttum unter Teilnahme großer deutscher Banken gegeben werde, sei mehr als ausreichend. Eine Vermeh­rung des Kredits komme daher nach der Auf­fassung Geheimrats Kastl ebensowenig in Frage, wie eine Ausdehnung des anderen Teils der' Anleihe. Alle anderen Kombinationen seien falsch. Was den Anschluß der englischen Eisen- und Stahlindustrie an den kontinentalen euro­päischen Stahltrust betreffe, so würden sich hier nur besondere Schwierigketten aus der Kon­struktion der englischen Industrie ergeben, be­sonders auch aus der Tatsache, daß England

unter den besonderen wirtschaftlichen Verhält­nissen aus Frankreich und Belgien 2,7 Mil­lionen Tonnen Eisen, also nahezu ein Drittel seiner eigenen Produktton ein führe. Für England wäre die Ermittelung einer seinen Pro­duktionsverhältnissen entsprechenden Beteili­gungsquote außerordentlich schwierig. Notwendig sei auch, daß der Anschluß Englands an den Eisenpakt ein gewisses Maß von Organisation und damit eine gewisse Unterordnung des einzelnen unter die Gesamtorganisation vor- auSsehe, eine Frage, die jedoch bei dem aus­geprägten englischen Individualismus große Schwierigkeiten bereiten würde. Geheimrat Kastl bestritt aufs entschiedenste, daß sich der Eisentrust gegen Amerika richte. Geheimrat Kastl und die beiden anderen Delegationsmitglieder haben heute abend England verlassen.

Deutschland

und Latem-Amsrika.

D;e Büste Bol Vars im Hamburger Rathaus.

Hamburg. 12. Okt. (Wolff.) Im großen Fest­saal des Rathauses fand in Anwesenheit zahlreicher Mitglieder des Senats und der Bürgerschaft sowie Vertreter der Behörden, wissenschaftlichen Institute, Kaufmannschaft, Banken und Reedereien, sowie der diplomatischen Vertreter der Staaten Venezuela, Columbia, Ecuador, Peru und Bolivien in Berlin und der Konsularver­treter sämtlicher ibero-amerikanischen Staaten in Hamburg mit ihren Damen die feier­liche Uebergabe einer Büste des südamerikanischen Befreiers Simon Bolivar an den Senat der Hansestadt Hamburg statt. Der Generalkonsul von Venezuela, Rafael Parcedes Urdoneta, wür­digte dabei in einer längeren Ansprache die Bedeu­tung Bolivars und führte u.a. aus: Durch die heu­tige Huldigung für Bolivar soll der gastlichen Hanse­stadt Hamburg, die im wirtschaftlichen Mittelpunkt Deutschlands und seiner in vorbildlicher Weise wal­tenden Regierung steht, die Bewunderung und herzliche Sympathie zum Ausdruck «wurden. Die Gabe soll aber auch vor aller ne Huldigung vor d e m Vaterland Friedrichs des Großen, Humboldts und Bismarcks sein und daran erinnern, daß man in den sechs ibero-amerikanischen Ländern in Liebe und Dankbarkeit der Opfer gedenke, die ein Braun, Ußlar, Meyer und Tausende von Deutschen an Bolivars Seite der heiligen Sache dargebracht hätten. Der Generalkonsul bat schließlich zugleich namens seiner Kollegen, das Denkmal als Ausdruck für die Gefühle der von ihnen vertretenen Regie­rungen und als Gabe ihrer Landsleute entgegen­nehmen zu wollen.

Nachdem die Hülle von der Büste gefallen war, erwiderte der regierende Bürgermeister Petersen mit herzlichen Worten des Dankes. Irn Anschluß an die Feier gab die Stadt Ham­burg im Rathaus ein Essen, bei dem der Bür­germeister ein Hoch auf die diplomatischen und konsularischen Vertreter Iberoamerikas aus­brachte, worauf der Gesatrdte Kolumbiens herz­lich erwiderte und ein Hoch auf die Hanse­fl adt Hamburg ausbrachte.

Auch in Berlin fand in der Aula der Universität

eine Feier des Festes der spanischen Rasse statt, an welcher neben den betelligten Gesandten Portugals, Brasiliens, Argentiniens und Chiles die spanischen und mexikanischen Geschäftsträger, der russische Botschafter, der Präsident des Athenaeums, Legalionsvat Achaval, Geheimrat Dobrick, Geheimrat v. Kaufmann vom Auswär­tigen Amt, der Dirigent der Presseab-bLilung Geheimrat Zechlin und zahlreiche Vertreter der Wissenschaft, Wirtschaft und der Presse teil- nahmen. Der Vorsitzende des Deutschen Wirt­schaftsverbandes für Süd- und Mittelamerika, Freiherr von dem Bussche-Haddenhau­sen, feierte in einer Ansprache den Sinn dieses Festes der spanischen Rasse, das 1911 zuerst in Chile eingesührt wurde. Zu allen Zeiten hätten enge Beziehungen der südamerikanischen Länder zu Deutschland bestanden. Zahlreiche Deutsche wären als Gelehrte, Techniker und Kaufleute in den süd- und mittelamerikanischen Staaten tätig gewesen. Wenn auch der Weltkrieg diese Be­ziehungen unterbrochen hätte, wären sie doch heute wieder in regem Maße ausgenom­men worden. Deutsche Professoren hielten Vor­träge in den füdamerikcrnischen Staaten und deutsche Kaufleute hätten ihre alten Handels­beziehungen wieder aufgenommen. Nicht wenig aber trügen solche Reisen, wir die des früheren deutschen R e i ch s k a nz l e r s D r. Luther und des Reichsgerichtspräsidenten Simons, bei, die Beziehungen dieser Länder iwch enger zu ver­knüpfen. Der argentinische Gesandte Dr. Quintana feierte die Tat von Columbus, durch die Spanien in Amerika ein reiches Ar­beitsfeld gefunden habe.

Der portugiesische Gesandte de Freitas führte in der Sprache seines Landes aus, Deutsch­land ehre das Recht, wo immer es sei, selbst weit ab von feinem Territorium, selbst weit ab von seiner Rasse, weit ab von seinem historischen Geschick, von der Gefühlsart seines Geistes. Deutschland bewundere Christoph Columbus und kenne fein Werk genau und setze es in der Weise fort, die zu den Vorzügen seines Charakters und seinen Fähigkeiten passe. Seien früher aus Zu­sammenstößen der Rassen tragische Konflikte ent­standen, wo der Ruhm blutige Spuren hinter­lasse, so breche sich jetzt allmählich der Geist friedlichen Zusammenlebens Dahn. Den Weg dazu biete die Mitarbeit aller Temperamente die, so verschieden sie seien, sich dennoch mehr ergänzen als widersprechen würden. Die uni­verselle Harmonie der Völker sei das letzte Ziel. Zum Schluß sprach der spanische Geschäftsträger AgramonteyCortijoin begeisterten Aus­führungen an Deutschland und die anderen Staw- ten den Dank Spaniens aus. Abends fand im Rheingold" ein Bankett statt und daran an­schließend ein Ball.

Weiterer Rückgang der Erwerbslosigkeit.

Berlin, 12. Okt. (WTB.) Der Rückgang in der Zahl der Hauvtunterstützunasempsänger in der Erwerbslosenfürsorge hat sich auch in der zweiten Septemberhälfte weiter fortgesetzt. In der Zeit vom 15. September bis 1. Oktober ist die Zahl der männlichen Hauvtunterstützungsempfän- aer von 1 194 000 auf 1 128 000 zurückgegangen die der weiblichen von 289 000 auf 267 000, die Gesamtzahl also um 88 000, oder um 5,9 Pro­zent. Die Zahl der Zuschlagsempfänger hat sich

von 1 481 000 auf 1 410 000 vermindert. Während des ganzen Monats September ist die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger um 173 000, d. h. um 9,8 Prozent zurückgegangen gegen­über einem Rückgang von 103 000, d. h. 6,3 Pro­zent im August und 89 000, d. h. 5 Prozent im Juli. Gegenüber dem Höchststände dec Erwerbs­losenzahlen im Februar, die 2 058 000 betragen hatte, ergibt sich ein Rückgang um 663 000, oder um 32,2 Prozent.

Das französische Budget«

Paris, 12. Oki. <WTD.) Dem Finanzaus­schuß der Kammer ist heute nachmittag der Dudgetentwurf für das Rechnungsjahr 1927 zugestellt worden. In der Begründung wird auf die Notwendigkeit eines Franken-Budget- gleichgewichts hingewiesen. Der plrsprung der finanziellen Schwierigkeiten ergebe sich zu einem großen Teil aus der gegenwärtigen Be­lastung durch die Anleihen, die Frankreich im Verlaufe früherer Jahre habe auf­nehmen müssen, da Deutschland seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nach­gekommen wäre. Niemand würde auf eine endgültige Sanierung oder sogar Stabilisierung der Währung rechnen können, bevor nicht Frank­reichs jährliche Lasten durch normale und ständige Einnahmen gedeckt seien. Es wird in der Begründung darauf hingewiesen, daß man für die Amortisierung der schwebenden Schuld drei Hilfsquellen nutzbar machen wolle: Die budgetären Einnahmen, die Vorauszah­lungen auf die Zahlungen D^utsch- lands und die Dispositionsmittel der Amortisa­tionskasse. Die für die Amortisationskaffe vor­gesehenen Mittel werden mit rund 3,25 Milliar­den Franken angegeben, während rund 1,5 Mil­liarden auf die deutschen Zahlungen entfallen. Alle diese Maßnahmen würden jedoch wirkungs­los bleiben, wenn nicht der Kapitalflucht Einhalt geboten und die ins Ausland ge­flüchteten Kapitalien nach Frankreich zurückge­führt werden. Das Gleichgewicht könne nur er­halten bleiben, wenn eine Politik der Ersparnisse betrieben würde.

Kunst und Wissenschaft-

Pädagogischer Kongreß in Weimar.

Der zweite Tag des Pädagogifchen Kongresses brachte den Vortrag des bekannten Münchener Pädagogen Geheimrat Professor Dr. Kerfchen- ft e i n e r überDen pädagogischen Begriff der geistigen Arbeit und feine Auswirkung auf das deutsche Bildungsgut". In eingehender philo- fophifch-psychologischer Untersuchung zeigte er, wie die Arbeit, die immer nach Vollendung des Wer­kes strebe, den Arbeitenden immer neue Werte erleben lasse. Er wandte sich am Schlüsse besonders noch gegen den überhand- nehmenden Enzhklopädismus und den daraus resultierenden Dilletantismus unserer Tage. Pro­fessor Götz, Leipzig, derDie polittsche Lage und ihre Einwirkung auf das deutsche Bildungs­gut" behandelte. warnte vor allzugroßem Einfluß der Politik auf die Erziehung zum Deutschtum, da sich überhaupt nicht bestimmen lasse, worin der deutsche Mensch seinen eigentlichen Ausdruck finde. Der letzte Redner, Professor Mat schoß, Berlin, will nicht durch Aufnahme der Technik in den Schulunterricht den Wissensbalast noch vermehren. Die Schule soll aber versuchen, zu der Technik in ein inneres Verhältnis zu ge­langen. Damit fand die Tagung ihr Ende.

(Ein Ehrensenator der Darmstädter Hochschule.

Rektor und Senat der Technischen Hochschule Darmstadt haben den Geh. Regierungsrat Professor Dr. pnil. und Dr.-Jng. h. c. Ludwig Kicpert in Hannover in Anerkennung seiner Verdienste und seiner hervorragenden Tätigkeit als früherer Lehrer der Technischen Hochschule Darmstadt sowie seiner wissenschaftlichen Arbeiten, von denen einige beson­ders wertvolle in Darmstadt entstanden sind, die Würde eines Senators ehrenhalber erteilt.

Otto Stockhausen t-

In Darmstadt starb Hofrat Otto Stock­hausen, der im literarischen Leben Darmstadts vielfach heroorgetreten ist. Er hat in früheren Jah­ren mehrfach Schauspiele verfaßt, die auch erfolg­reich aufgeführt wurden. Sein stärkster Bühnen­erfolg war aber feine Bearbeitung des Lustspiels von ScribeEin Glas Wasser", das in dieser Bearbeitung an zahlreichen Theatern ausgeführt wurde. Roch in der letzten Spielzeit erlebte seine Bearbeitung von Moliöres LustspielDer Herr von Pourceaugnac" am hessischen Landestheater sieben Aufführungen.

Aus aller Welt.

Der Mordprozeß Boehme.

Revierförster Winter wurde nochmals auf­gerufen und gefragt, ob es außer der Stelle am Rabenstein noch andere Möglichkeiten gebe, wo man von steilen Felswänden 100 bis 200 Meter tief hätte hinab Kürzen können. Der Zeuge bejaht dies, jedoch lägen diese Stellen weiter entfernt. Eine Schwägerin der Erschossenen bekundet, daß vierzehn Tage vor dem Todestag ihrer Schwägerin der Sa- nitätsrat im Landhaus zu Groß-Röhrsdorf erklärt habe, er habe an einer bestimmten Stelle einen Rehbock gesehen. Er wollte wieder dorthin gehen und versuchen, das Tier zu erlegen. Ihre Schwä­gerin sei ahnungslos mitgegangen. Rach kurzer Zeit fei sie plötzli challein und ganz aufgeregt zu­rückgekommen und habe gesagt, daß ihr Mann sic an einer Stelle von einem Felsen in die Tiefe habe' stürzen wollen. Staatsanwalt Hartmann stellte fest, daß Dr. Böhme in seiner Zelle sich aus Papier eine Gcwehrattrappe gemacht habe, mit der erS t o l p e r ü b u n g e n" vorgenommen habe. Dr. Böhme gab nach anfänglichem Ausweichen zu, daß er solche Hebungen tatsächlich gemacht habe, um dem Verteidiger die damalige Situation recht an­schaulich zu machen. Am Mittwochvormittag be­ginnen die Plädoyers.

Dreifacher Mord.

In Oranienburg wurden der Postsekretär a. D. Dobrindt, seine Ehefrau und die erwachsene Tochter in ihrer Wohnung er» schosse n aufgefunden. Der des drÄfachen Raubmordes verdächtige 22jährige Karl Ernst Müller ist durch die sofort alarmierte Gendar­merie und Ortspolizei in Teerofen bei Naf- senheide durch den Ooerlandjäger fest genom­men worden. Er gab an, daß er den Mord be­gangen habe, weil die Eheleute ihn wegen fei­ner Flucht aus der Fürsorgeanstalt an zei­gen wollten.

Wettervoraussage.

Bei lebhafter Luftbewegung noch unbeständig mit Regenfällen, allmählich kühler. 1

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den.13. Oktober 1928.

Die Wohnungsbauläligkeit em Kreise Wietzen.

Neben dem regen Wohnungsbau in der Provinzialhauptstadt, über den wir schm wieder­holt berichteten, ist auch im Landkreise ©ie- tzendie Wohnungsbautätigkeit in Me­tern Jähre recht beträchtlich gewesen. Im Laufe des Jahres 1926 wurden hier 252 Woh­nungen erstellt: ein Teil davon wird in den rest­lichen Wochen dieses Jahres erst noch vollendet. Im vorigen Jahre wurden 245 Wohnungen ge­schaffen, während man im Jahre 1924 insgesamt 230 neugebaute Wohnwagen zählte. Leider ist nach den heutigen Unterlagen für das nächste Jahr ein Abflauen der Wohnungs bautätig- keit zu erwarten.

An Staatsdarlehen wurden zu den Wohnungsbauten dieses Jahres insgesamt 188 000 Mark gegeben. Hiervon entfielen 148 003 Mark auf 108 Wohnungsneubauten mit 175 Wohirun- gen, 40 000 Mark wurden als Crgänzun^d'ar-- tehen für im Jahre 1925 bereits belfehene Bauten gewährt. I.n Jahre 1925 wurden an Staats- dariehen IC3 000 Mark für 66 Wohnungsneu- bauten mit 104 Wohnungen bewilligt' außerdem erhielten 14 Gefuchsteller noch insgesamt 6000 Mark Beihilfe aus Mitteln des Kreises Gi:ßen.

Von den Gemeinden des Kreises haben sich die Orte Großen-Buseck, Grünberg, Heuchelheim, Grü- ningen, Hungen, Klein-Linden, Lang-GMs, Leih­gestern, Lich, Lollar, Mainzlar, Queckborn, Rutters­hausen, Staufenberg, Watzenborn-Steinberg und Wieseck besonders rege im Wohnungsbau betätigt. In der Hauptsache handelt es sich dabei um Bauten privater Bauherren, jedoch ist in mehreren Orten auch die gemeindliche Bautätigkeit recht ansehnlich gewesen.

So erfreulich das Gesamtergebnis des diesjäh­rigen Woynungsbaues auch ist, so muß doch hervor­gehoben werden, daß noch starke Anstrengungen notwendig sind, bis man die Wohnungsfrage als gelöst ansehen kann.

Bornotizen.

Tageskalender für Mittwoch. Stadttheater. 7Vs älhr.Wer weint um Iucke- nad? (Ende gegen 10 älhr). Deutschn-atio- naler Handlungsgehilfen--Verband, 8 Vs älhr. Kaufmännisches Ver eins Haus: Vortrag. Licht­spielhaus Bahnhofstraße:Die elf Sch'.llschen Offiziere". Astvria-Lichtspiele:Unter der Sonne der Südfee".

Radioklub Gießen. Man schreibt uns: Das Winterhalbjahr wird eröffnet durch einen Lichtbildervortrag überStörungen beim Rund- sunkempsang", den Privatdozent Dr. Bergmann aus Marburg halten wird. Dr. Bergmann ist in Gießen kein Fremder, da er längere Zeit Assistent am hiesigen physikalischen Institut war. Seine jahrelange Tätigkeit im Empfangslaboratorium der Telefunkengesellschaft in Berlin setzt ihn in den Stand, das Thema erschöpfend zu behandeln. Er ist der Verfasser des gleichnamigen Bandes aus der bekanntenBibliothek des Radio-Amateurs". (Siehe Anzeige.)

Dis Verkaufszeiten für Kon­ditoreien sind vorn Kreisamt Gießen fetzt wie folgt ab geändert worden: am ersten Oster-, ersten Psingst- und ersten Weihnachtsfeiertag von 12 bis 2 älhr nachmittags: an den, übri­gen Sonn- und Festtagen von 9 bis 12 älhr vormittags und von 2 bis 4 älhr nachmittags. Das Austragen von Waren regelt sich nach den Bestimmungen über die Arbeitszeit in den Bäckereien und Konditoreien.

+ Schutz d e n I n s e k te n f a n g g ü r t e l n! Kaum haben Kreis, Gemeinden und Private den Kampf gegen die Obstbaumschädlinge mittels An- bringens von Fanggürteln an den Bäumen be­gonnen, so sind auch schon vielfach unvernünftige Menschen am Werke, die Fanggürtel zu be­schädigen und herabzureihen. Meist sind es Jugendliche, die in ihrem Unverstand nicht ahnen, wie sehr sie der Allgemeinheit und damit sich selber schaden. Es wäre am Platze, mit aller Strenge gegen diesen Unfug vorzugehen und die Beschädiger der Fanggürtel zur Anzeige zu bringen.

* * Die hessischen landwirtschaft­lichen Schulen werden am 8. November mit dem ordentlichen Lehrgang 1926/27 beginnen.

* * Der neue Kindergarten des FrÜ - belseminars wird am nächsten Montag er­öffnet. Wie man uns mitteilt, sind die Anmeldungen recht zahlreich erfolgt. Die Leitung des Fröoel- seminars beabsichtigt, bei genügender Beteiligung noch einen Kinderhort für Schulkinder im Alter von 6 bis 14 Jahren ins Leben zu rufen, in dem die Kinder nachmittags ihre Schulaufgaben erledigen und daneben sich noch mit Handarbeiten, Turnen, Schwimmen ujw. beschäftigen können.

= Treue Tierschützer und Tierpfle­ger in Oberbe ssen. Wie wir in unserem Be­richt über die diesjährige Hauptversammlung des Hessischen Tierschutzvereins (Gieß. Änz." Nr. 225 vom 25. Sept.) schon kurz mitteilen konnten, sollen vom Hauptvorstand des Tierschutzvereins 28 hessi­sche Polizeiaufsichtsbeamte, die sich im Tierschutz be­sonders eifrig betätigt, sowie an 51 weitere Per­sonen, die sich als treue, liebevolle Tierpfleger seit Jahren bewährt haben, Anerkennungen in Gestalt einer Urkunde und eines Geldgeschenks ausgehän­digt werden. Wir sind In der Lage, nachfolgend die Ausgezeichneten aus der Provinz O b e r h e s f e n zu nennen, und hoffen, damit weitere Kreise für die Bestrebungen zu interessieren, die der Tierschutzver­ein auf feine Fahne geschrieben hat. AZir nennen: die Gendarmeriewachtmeister Weihert - Hom­berg a. d. O., Knaus» Nidda, die Gendarmerie- Oberwachtmeister Lehr- Drtenberg, Glaub- Reiskirchen, Polizeiwachtmeifter Leonhardt- Bad-Nauheim, R e utz e l - Friedberg, Kögel- Gießen, Kuhn-Gießen, Nordmann- Gießen, Saum-Gießen: ferner von treuen Tierpflegern: Fuhrmann Hrch. M o g k - Bloefeld, Dienstmädchen Elise Rudel- Steinheim, Tierpfle­ger Gg. Berk- Bermutshain, Tierpfleger Hrch. Sebastian Götz- Bermutshain, Dienstknecht Peter Hahn- Bad-Nauheim, Dienstmädchen Marie I o ft- Bad-Nauheim, Fuhrmann I. K l e e - Bad-Nau- Heim, Fuhrmann Hermann Mahr- Bad-Nauheim, Dienstknecht R. Wassermann-Gedern, Dienst- knecht Jakob Adolph- Schotten, Dienstknecht Hch. Becker IX.-Schotten: Dienstknecht Joh. Köhl- Rudlos, Schweinemeister Konrad Köhl- Rudlos, Faselwärter Peter Seim- Windhausen.

* * Neue Schlafwagen 1. 3. Klasse. Bisher liefen im Bereiche der Deutschen Reichsbahn neben den Schlafwagen mit 1. und 2. Klasse eine Anzahl Liegewagen 3. Klasse, die sich beim reisenden