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ITr. 161 Zweiter Blatt ätb 71», i tu « iiiiiw

Vas Arbeitsbeschaffungs- Programm der Reichsregierung. Dorr Recchewirtschaftsministcr Dr. Curtius.

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Zu den Kreisen, die Don der Krise besonders hart betroffen werden, gehört vor allem das große Heer der Arbeitslosen. Rachdem die von mir genannten Aufträge zum Leit vergeben unö durchgeluhrt worden sind und die bisherigen Eisenbahnaufträge die Walzwerke nur noch bis Ende des Monats beschäftigen werden, müssen neue Mittel und Wege gesunden werden, um Arbeit zu beschossen. Der Winter bringt uns an sich schon saisonmähig bedingt eine Steigerung der Grwerbslosenzifser. Wir müssen daher recht­zeitig Arbeitsbeschaffungsmahnahmen ergreifen, wissen wir doch. das), ganz abgesehen von allen besonderen geographischen Hemmnissen olle diese Pläne einer gewissen Ablauszeit bedürfen. Diese Erwägungen haben zur beschleunigten Aufstellung eines neuen Arbeitsbeschaffungsprogramms ge­führt, dessen Grundsätze ich kurz darlegen möchte. Die Reichsregierung geht davon aus. däß bei langandauernder Erwerbslosigkeit selbst bei einer neuen wirtschaftlichen Belebung noch keine er­hebliche Abschwächung erfolgen durfte und nicht mit der reinen Erwerbslosenunterstühung auszu­kommen tft. Richt nur soziale, sondern wesentliche wirtschaftliche Momente machen es er­forderlich. Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, die wenigstens einem Teil der sreigesehten Arbeits­kräfte Beschäftigung geben kann. Es ist nicht richtig, wenn gesagt wird, dah bei einer länge­ren Arbeitslosigkeit die billigste und wirtschaft­lichste Lösung des Arbeitslosenproblems einfach die Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung ist. Danz abgesehen davon, dah durch die ruhenden Hände keine neuen Werte geschaffen werden, verliert in der langandauernden Stillegung die Arbeitskraft an Intensität und damit an wirt­schaftlichem Wert, wobei noch überdies zu be­achten ist, dah gerade wertvolle, höchstqualifizierte Arbeitskräfte durch Auswanderung verloren gehen können.

Das Regierungsprogramm geht daher zu­nächst auf die Dorschläge des volkswirtschaftlichen Ausschusses des Reichstages ein. die R o t - standsarbeiten wenigstens in einem Um­fange zu fördern, dah für längere Zeit die Er­werbslosen abwechselnd eine Zeit lang Beschäf- tigung finden. Um diesem Ziele näher zu kom­men, sollen die Mittel für die produktive Erwerbslosensürsorge erhöht werden, wobei Doraussehung ist. dah diese Mittel nur zu wirtschaftlich notwendigen Arbeiten verwendet werden können. Der Reichsfinanzminister hat sich bereit erklärt, neue Mittel der Crwerbslosen- fürsorge von Reichswegen zur Verfügung zu stellen, nachdeni der Haushaltsausschuh des Reichstages noch in einer seiner letzten Sitzungen die Ermächtigung erteilt hat, die etatSmähig vor­gesehenen 100 Millionen zu überschreiten in der Erwartung, dah die Länder eine gleiche An­strengung machen. Diese neuen Mittel sollen in erster Linie zu Meliorationen, Fluhregulieruagen, Talsperren. Wafserkraftanlagen usw. verwandt werden. Auch der Strahenbau soll Berücksichti­gung finden, insbesondere, wo es sich darum handelt, dem wachsenden Autoverkehr entsprechend ein umfassendes Autoverkehrs st rahen- neh zu schaffen. Es wird Ausgabe der einge­setzten Ministerialkommission sein, mit den Län­dern und Gemeinden Vereinbarungen zu treffen, die eine einheitliche Durchführung sichern Auher diesen neuen Mitteln hat sich das Reichsfinanz­ministerium bereit gefunden, weitere 30 Mil­lionen der produktiven Erwerbslosenfürsorge zum Wohnungsbau für landwirtschaft­liche Arbeiter zur Verfügung zu stellen, wodurch die ausländischen Arbeitskräfte, die sich in einer landwirtschaftlichen Dauerbeschäftigung befinden, durch deutsche Arbeiter ersetzt werden sollen. Man hofft, mit dieser Summe, wenn der gleiche Betrag von den Ländern erbracht wird, 10 000 neue Wohnungen schaffen zu können.

*) Vgl. Rr. 160 des ..Gieh. Anz." vom 12. Juli 1926.

3n Tunis.

Von Hans B e t h g e.

(Rachdruck verboten.)

Ehe man in die Bucht von Tunis einfährt, erblickt man rechts auf einer Höhe die spärlichen Ruinen von Karthago, seltsam gekrönt von einer modernen Kathedrale. Don dort oben beherrsch- fen die gefürchteten Phönizier weite Gebiete des Mittelmeeres, von dort ging Hannibal aus. Das Mittelalter zerstörte die Ruinen der Stadt 'ast ganz. Araber und Italiener holten die Säulen für ihre Moscheen und Kirche i von hier, und die Mauerreste wurden als Stein­brüche benutzt. Die neueren Ausgrabungen haben eine Reihe schöner Dinge ans Licht gefördert, die man jetzt im Museum zu Tunis sieht. Da .st eine holde Demeter in halber Lebensgröße, mit Spuren antiker Bemalung, und ein paar andere weibliche Figuren graziler Art. die den Schimmer Griechenlands auf ihrem gelblichen Marmor tragen.

Ehe das Schiss in den Hafen von Tunis ein» läuft, durchschneidet den großen Salzsee Da- )tra, in dem man rosarote Scharen hockender Flamingos erblickt. Beim Rahen des Schiffes zehen sie auf, mit weitgebreiteten Flügeln, in :osa Wolken, gleich der Morgenröte.

Dann schreitet man nach Tunis hinein, kommt mnächst durch eine wenig interessante Europäer- Stadt und hinter ihr in das weiße, reizvolle rrabische Viertel, das man ganz in seiner ur- prünglichen Bauart belassen hat. Lauter nie» trige, weihgetünchte Häuser mit flachen Dächern, mb in den Türen hocken die dicken Frauen, die luf außerordentlich unkleidsame Art mit schwar­ten Gazetüchern verschleiert sind, so daß sie, ieht man sie aus einiger Entfernung, wie Rege- itmen erscheinen. Sie sind immer klein und eigen zur Korpulenz, und die Dicksten unter fjnen sind von wirklichen Kugeln nicht allzusehr mterschieden. Sie haben auffallend schmale Augen, und die Alten, die man nicht selten ent» ühleiert sieht, zeigen runzlige, ganz verblühte pnd vergrämte Gesichter: die Farbe ihrer Haut häufig weiß, im Gegensatz zu den gebräunten Männern. Die Frauen färben sich die Rägel mb Spitzen ihre Finger mit einem roten Pulver,

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, 13. Juli 1926

Schwieriger gestalten sich die Verhandlungen über neue Mittel, die dem Wohnungs­markte zuzufuhren sind Der preußische Wohl- sahrtsrninister teilte uns in den letzten Tagen m.t, daß für Preußen, bei den anderen Ländern liegt es anders, die Stockung des Wohnungs­baues nicht auf den Mangel an erststelligen Hypotheken zurückzusühren sei. sondern auf die Schwierigkeit, die zweite Hypothek zu bescha'sen. Die bereitgestellten Mittel der Hauszinssteuer reichten nicht aus. um 100 000 Bauarbeiter in Preußen zu beschäftigen. Es müssen deshalb z u - sähliche Mitte! für den Wohnungsbau auf­gebracht werden. Die Reichsregierung ist bereit, auch für diese Zwecke mit den Ländern zusammen neue Mittel bereitzustellen. Es darf erwartet werden, daß die Bautätigkeit in der zweien Hälfte der Bauper.ode in stärkerem Maße als bisher einsetzt, zumal auch die Industrie, die bisher mit Bauten zurückgehalten hat. nach Jm» Organisationen Bauaufträge herausgeben wird. Darüber ist die Reichsregierung einig, daß wir schon jetzt in diesem Jahre Vorsorge für die Ausstellung eines einheitlichen Baupro.gramms für die kommenden Jahre treffen müssen. Bei den weiteren Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung handelt es sich zweitens darum, nicht nur der gegenwärtigen Rot der Arbeitslcsigkeit zu steuern, sondern den Arbeits­markt auf die Dauer zu stützen. Es werden daher jetzt ir. der arbeitsarmen Zeit Projekte in An­griff genommen, deren Durchführung zwischen Reich und Ländern zwar vereinbart, die aber teilweise aus eine spätere Zeit zurückgestellt wur­den. weil man angesichts der allgemeinen Ka­pitalknappheit nicht an den in- und ausländischen Kapitalmarkt herantreten konnte. In dieser Rich­tung ist zunächst der weitere Ausbau der Wasserstraßen geplant worden. Das Reichs- labinett hat sich entschlossen, diejenigen Wasser­straßen, die bereits die Genehmigung des Reichs­tags erhalten haben, sofern dies technisch nach den vorliegenden Bauplänen ausführbar ist. be­schleunigt weiterzufördern. Dazu sollen die Bau- arbeiten, die für 1927 vorgesehen waren, soweit wie nur irgend möglich schon in diesem Jahre vorweg in Angriff genommen werden.

Don der Reichsbahn sollen Linien fertig» gestellt werden, deren Bau die Länder begonnen hatten und deren Beendigung durch das Reich auf Grund des Staatsvertrages über den ilebergang der Staatsbahnen auf das Reich von den Ländern verlangt wird. Dazu hat die Reichsfinanzverwal­tung der Reichsbahngesellschaft rund 50 Millionen Reichsmark unter besonders günstigen Zins- bedingungen zur Verfügung gestellt. Es handelt sich bei diesem Eisenbahnbauprogramm um rund 280 Kilometer Gleisbau, um Tunnelbau, Schienen­verlegungen sowie Hochbauten. In den Bespre­chungen ist erzielt worden, daß entgegen der ur­sprünglichen Absicht die Reichsbahn schon in diesem Jahre eine größere Summe ver­wenden wird. Die Hauptsumme wird fobarm im Jahre 1927 verwenbet werden. In gleicher Weise wie dieses 50-Millionen-Projekt durch Zins» ermäßigung ermöglicht wurde, soll durch Zins­verbilligung die Reichsbahn zur Hergabe weiterer Aufträge im Gesamtbeträge von 100 Millionen Reichsmark veranlaßt werden. Die neuen Auf­träge treffen vor allen Dingen die Eisenindustrie und Steinindustrie. Bei den vorgesehenen Drücken­umbauten, Bahnhofserweiterungen, Werkstätten­anlagen und Wohnbauten wird die Bauindustrie Aufträge erhalten. Auch für die technische Aus­rüstung des Fahrzeugparks ist ein größerer An­teil dieser Summe vorgesehen. Die Elektrifi­zierung unserer Dahnen wird ebenfalls durch diese finanzielle Hilfe des Reiches gefördert werden.

Die Po st Verwaltung hat sich im Rah­men des Arbeitsbeschaffungsprogrammes ent­schlossen, außer Aufträgen, die im Etat vorgesehen sind, weitere für die Post dringende Anschaffun­gen in diesem Etatsjahr vorzunehmen. Bei der Durchführung des gesamten Dauprogramms wird versucht werden, im Rahmen der verfügbaren Mittel und technischen Möglichkeiten besonders den Arbeitsmarkt durch Llmstelftmgen in der zeit­lichen Vergebung der Aufträge zu berücksichtigen, d. h. notleidenden Industrien beschleunigte Auf­träge zukommen zu lassen und Bezirke mit beson-

das sie Henna nennen, und zeigen bläuliche Tätowierungen am Kinn und über der Rasen- Wurzel. Sie kleiden sich vielfach in europäische Tücher von grellem, unangenehmen Rosa.

Es war gerade Aschora, das Fest der Toten, als ich in Tunis war. Die Friedhöfe waren voll von klagenden Frauen, und auch an den Mauern der Friedhöfe wurden Gebete verrichtet. Zugleich gab sich das Volk allerlei harmlosen Belustigungen hin. .Aus einem Platz führte ein marokkanischer Schlangenbeschwörer seine Kunst­stücke vor, die Kinder fuhren in dem primitivsten Karussell, das Europäeraugen je gesehen haben, man ah süße, rosa Kuchen, und die arabischen Cafes waren angefüllt mit faulen, lungernden Gestalten, die rauchten, schliefen ober Dame spielten. Ein Jüngling führte zu den monotonen Klängen einer langen Trommel einen unschönen Bauchtanz auf, die ilmfi^enben klatschten zu dem Rhythmus der primitiven Musik in die Hände.

Tunis hat hübsche Basare. Es ist ein Viertel enger Straßen, die mit Mauerwerk gaiy über­wölbt find (ähnlich wie in Konstantinopel, nur alles viel bescheidener) und ihr mangelhaftes Licht durch Luken erhalten. Hier reiht sich Laden an Laden, die Händler hocken anpreisend bei ihrem bunten Kram, die ausgezogenen Pantof­feln neben sich, und das Volk drängt sich in Scharen durch die Gassen. Man sieht hübsche Stickereien, die aber zumeist aus Indien kom­men, Waffen, Lederwaren, geknüpfte Teppiche aus Kleinasien und viele Parfüms, die im Lande bereitet werden. Berühmt ist das tune­sische Rosenöl, ich versuchte es. aber ich muß ge­stehen. dieser betäubend süße Geruch ist un­erträglich.

Die Moscheen in Tunis dürfen von Christen nicht betreten werben. Ich bedauerte, bas Innere der Moschee es-Zituna nicht sehen zu dürscn. Es ist ein Dau von den edelsten Verhältnissen, zu dem 150 antike Säulen aus Karthago ver­wendet worden sind. Man kann, wenn das Tor sich öffnet, einen flüchtigen Blick in Öen schönen Arkadenhos erhaschen, nichts weiter.

Vor der Stabt sah ich ein Dors, in dem ärmliche Kabhlen Hausen. Man kann sich nichts Traurigeres vorstellen. Die niedrigen Lehm­hütten sind ganz eingebettet in wuchernde Mcm» renfeigen, jenes Stachelgewächs, das man im

ders großer Arbeitslosigkeit bei Vergebung der Arbeiten in erster Linie zu berücksichtigen.

Bei diesem großen Arixitsbeschaffungspro- gramm bandelt es sich also nicht nur darum, durch vermehrte Rotstandsarbeiten Erwerbslosen auch außerhalb ihres gelernten Berufes vorüber gehende Beschäftigung zu geben, sondern vor allem um d i e Schaffung neuer Befchas - tigungsmöglichkeiten für Arbeiter inner­halb ihres gelernten Berufes und für längere Zeit. Die Grundlage für die Durchführung dieses großen Arbeitsbefchafsungsplanes ist aber nur dadurch gegeben, dah sich das Reich oder die beteiligten Verwaltungen für diese werdenden Anlagen an den Anlage markt wenden können. Roch vor einem halben Jahre konnte dieser Weg nicht ober nur mit Gefahren für die Wirtschaft beschritten werden. Heute glaubt es die Reichsregierung verantworten zu können.

Das Attenlat gegen Kemal.

Don unserem Berichterstatter (Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Konstantinopel, Anfang Juli 1926.

Amtliche türkische Mitteilungen über die Ver­schwörung von Smyrna sind recht spärlich nur gegeben worden, aber man kann sich aus Infor­mationen und aus der Kenntnis der bisherigen politischen Strömungen doch bereits ein recht klares Bild von diesem verbrecherischen Anschläge machen. Die beiden, später als erste verhafteten Verschwörer Ismail und Iussus sollten am 16. Juni, dem Tage des Eintreffens Kemal Paschas in Smyrna, auf ihn und seine Be­gleitung jeder zwei Bomben werfen und Re- volvcrschüsse abgeben. Der Ort war mit Bedacht ausgewählt: er liegt an der Kreuzung zweier Wege, wo sich die Straße unter Arkaden so verengt, daß das Auto Kemal Paschas hier nur ganz langsam hatte fahren können. Für den Fall des ersten Mißlingens sollten an dieser Stelle zwei andere Verschwörer, als Reserve eingreifen. Außerdem sollten noch zwei weitere Attentäter mit Revolver und Bomben das Opfer am Bahnhose Baschmakhand erwarten, um den Erfolg ganz sicherzustellen.

Dieser ganze Plan erinnert auffallend an die ganz in gleicher Weise getroffenen Vorbe­reitungen des Attentates, dem 1881 der Zar Alexander II. zum Opfer fiel, Unö es ist schließ­lich doch nur einem glücklichen Zufall zu ver­danken, daß der hier unternommene Anschlag nicht den gleichen traurigen Erfolg gehabt hat. Rach vollführtem Attentat wollten die Ver­schwörer auf einem bereitgehaltenen Motorboot nach der Insel KioS entkommen. Rach einer Behauptung soll der Führer dieses Motorbootes den ganzen Plan der Polizei verraten haben. Cs ist wohl möglich, daß dies zutrifft, doch scheint der hauptsächlich in Betracht kom­mende Verräter des Planes Schewki Dey gewesen zu sein, der anfangs als Mitverschwörer mit dem Attentatsplan einverstanden war. Er wurde jedoch erst am 13. Juni durch einen der Hauptverschwörer, dem abgesehten Chef der Gendarmerie in Konstantinopel, Edi Dey, in den Plan eingeweiht, verriet ihn aber noch zu rechter Zeit dem Wali von Smyrna.

Der in Angora von Ismed Pascha so­fort einberufene Ministerrat setzte ein unab­hängiges Gericht mit der Funktion eines Standgerichtes ein und entsandte es sogleich nach Smyrna. Die daselbst vom Innenminister geleitete älntersuchung ergab, daß der eigentliche Sitz der Verschwörung in Konstantinopel zu suchen war, wo sich mehrere frühere Mini­ster, Abgeordnete der Opposition, pensionierte Staatsbeamte und Offiziere an ihr beteiligt hatten. Unter den Ministern erschienen schwer­belastet der frühere Freund und Mitkämpfer Kemals, R e f e d Pascha, ferner Imail Dj a m- b u l a t Bey und der frühere Unterrichtsmini­ster S ch ü k r i Bey. der eine Hauptrolle dabei gespielt zu haben scheint. Außerdem waren 14 Abgeordnete, zahlreiche Offiziere und verschie­dene bekannte Persönlichkeiten in die Verschwö­rung verwickelt. Sie wurden sämtlich verhaf» t e t und sofort zur Aburteilung nach Smyrna geschafft.

Süden am Rande aller Wege trifft. Sonst Sand und Einöde. Die Frauen hielten sich in ihren Hütten versteckt, ich sah nur einige Männer von schlankem Wuchs und unter den Kindern ein Mädchen von holder Schönheit, ein schlankes, seines Geschöpf von scheuen Bewegungen und scheuem Auge. Die bräunlich-blassen Glieder steckten in einem kurzen Röckchen und einer hell­blauen Jacke, und als ich mich ihr nähern wollte, entfloh sie, abwehrend, mit hurtigen Schritten, die den Boden kaum berührten. Ich bewahre die Schönheit und die hurtige Anmut ihrer Jugend als ein Bild gazellenhafter Grazie.

Als ich Tunis zu Schiss verließ, zur Zeit des Sonnenuntergangs, stand der Himmel blut­rot. mit phantastischen grauen Wolken, über Afrika, lieber dem See Bahira schwebten ein paar Flamingos, und als wir an Karthago vor- überfamen, sahen wir nichts mehr von den panischen Ruinen, sondern nur noch den Schimmer der weihen christlichen Kirche, die dort wie ein Symbol thront über der versunkenen Heidenstadt.

Blitzschlag-Verletzungen.

Die schweren Gewitter der letzten Tage haben furchtbare Menschenopfer gefordert und uns die Gefahren, die mit solchen Raturerscheinungen verbunden sind, deutlich vor Augen geführt. Am meisten ist natürlich beim Gewitter der Blitz zu fürchten, von dem durchschnittlich alljährlich etwa 1000 Menschen getötet oder beschädigt wer­den. Diese Verletzungen durch Blitzschlag haben sehr merkwürdige Eigenheiten, über die Dr. Max Grünewald in der ZeitschriftDer Ratursorscher" eingehend berichtet. Die menschliche Haut ver­mag zwar Elektrizität bis zu einem gewissen Grade zu leiten, aber wenn ihr durch Öen Blitz gewaltige Elektrizitätsmengen zugeführt werden, so verwandelt sich die Elektrizität innerhalb der Haut und der Zellen in Wärme, und durch die Erhitzung werden ganze Reihen von Zellen und Gewebeteilen zerstört. Cs entstehen keine eigent­lichen Brandwunden, sondern branötounöartige Schäden, durch die das Gewebe oft wie gekocht aussieht, manchmal wachsartig und ähnlich den Verletzungen bei Schüssen. Durch diese Eigenart der Verwundung ist es möglich, daß die Klei­dung ganz unversehrt bleibt, während die Haut

Wenn in einer der ersten Meldungen be­richtet wurde, daß auch zwei dec hervorragend­sten Männer der neuen Türkei, nämlich der Gene­ral K > a f i in Kara Bekir Pascha und 3t e u f Bey. die bei der Wiedergeburt der Türkei, mit in erster Linie gestanden hatten, auch zu den Verschwörern zählten, so ist diese Falschmeldung eine Verleumdung. Was Karo Bekir Pascha betrifft, so konnte diese irrige Annahme wohl nur dadurch entstehen, daß die Verschwörer nach der Ermordung Kemal Paschas ihn zum Präsi­denten der Republik ausrufen wollten. Aber es ist sicher, daß er vom Attentatsplan keine Ahnung gehabt hat.

Es hat sich also bei dieser Verschwörung sicher nicht um eine monarchistische Bewegung gehandelt, unö wenn Kemal Pascha nach der Verhaftung der Schuldigen in einem nach Smyrna gerichteten Telegramm öle Ansicht ausfvrach. das Attentat fei weniger gegen ihn als gegen öie Republik und 'hre Prinzipien gerichtet gewesen, so war daS gewiß taktisch recht geschickt, entspricht aber nicht dem wirklichen Tatbestände. Denn es ist kein Zweifel, daß die Schuldigen durch Kemal Paschi, kaltgestellte Minister. Beamte und Offiziere sich nur von den niedrigsten Motiven persönlicher Rachsucht haben leiten lassen, wenn sie nicht außerdem von einer Seite, öie noch nicht feft- fleftellt werden kann, bestochen worden sind. Ganz unverständlich erscheint es. daß die Verschwörer, wie die ilnterfdjung behauptet, glauben könnten, durch die Ermordung Kemal Paschas eine all­gemeine Revolution in der Türkei Hervor­zuruf en. Aus welchem Grunde, zu welchen, Zweck sollte der vielgeplagte, in 11jährigen Kriegen erschöpfte anatolische Bauer wohl jetzt reoel- lieren. wenn das Attentat geglückt wäre? ES ist vielleicht richtig, daß der anfangs vom ana- tolischen Volke durchweg als Rationalheros ver­götterte Kemal Pascha in den letzten Jahren durch seine, der alten Tradition widersprechenden modernen Reformen an Popularität et­was verloren hat, in der außer türkischen islamitischen Welt noch mehr als in seiner Heimat. Aber seine großen historischen Verdienste um die Wiedergeburt der zu Boden geschmetterten Tür­ke, blieben im Volke doch ungeschmälert und unvergessen. Man schätzt ihn immer noch in Öen weitesten Kreisen als tapferen Kriegeshelden, als warmen Patrioten, der von heißer Liebe zumTürk äldshagi". dem alltürkifchen Herd, er­füllt ist, und nicht zuletzt als das geistige Haupt der pantürkischen Bewegung, die in Zukunft vielleicht noch eine große Rolle spielen kann. Alle diese Imponderabilien fallen bei der Stel­lungnahme zu ihm doch weit schwerer ins Ge­wicht, als die im niederen Volke verbreitete Miß­stimmung wegen der Reformtätigkeit. So hatte Kemal Pascha gewiß die Berechtigung, in seinem nach Smyrna gesandten Telegramm zu bemerken, die Leute, die durch dieses Attentat mit ihm das ganze Regime hatten stürzen wollen, seienarm an Geist".

Es fragt sich jetzt natürlich vor allem, in welcher Weise die Stimmung deS türkischen Volkes auf die glückliche Vereitelung des Atten­tats reagiert. Aeußert sich bei den ruhigen Türken der Jubel über das abgetoenöete Un­glück auch nicht in fo stürmischen Formen wie bei den temperamentvolleren Italienern nach dem Attentat auf Mussolini, so ist öie Freude doch eine völlig allgemeine. Das tritt auch in allen Kommentaren der türkischen Presse hervor. Man darf daher als sicher annehmen, daß die Popularität Kemal Paschas jetzt wieder be­deutend steigen wird. Das würde sich ganz be­sonders dann erweisen, wenn er bei Der Ab­urteilung der Schuldigen, soweit es möglich er­scheint, Milde walten läßt.

Aus dcm Amtsverkundigungsblatt.

* Das Amtsverkündigungsblatt Rr. 55 vom 9. Juli enthält: Umlagen und öie ©onöecgebäuöefteuer des Kreises Gießen. Ferien des Kreisausschusses. Ausführung von Walzarbeiten. - Verkehr mit Giften und Arznei­mitteln. Verzeichnis über Personen, die durch Einbürgerung im Ausland ihre deutsche Staats­angehörigkeit verloren haben. Maul- und Klauenseuche in Grünberg. - Straßensperren.

stark zerstört ist. Andererseits können durch den Blitzschlag auch die Kleidungsstücke sehr heiß werden und dann echte Brandwunden auf der darunterliegenden Haut Hervorrufen. Die elek­trische Entladung, die in einer Reihe rasch auf­einanderfolgender. hin und her gehender Funken beim Blitzschlag erfolgt, ruft auf der Haut die sogenannten Blihfiguren hervor, die manchmal sehr seltsame Formen haben, zunächst scharlach­rot sind und allmählich blasser werden. Man hat im direkten Anschluß an eine Dlihschlagverlehung nicht selten Geistesstörungen beobachtet. Viele vom Blitz Getroffene wissen überhaupt nicht, wie sie zu den Verletzungen gekommen sind, und machen ganz falsche Angaben. Daß die Lähmung einzelner Körperteile nach Stunden oder Tagen Tagen sich vollkommen bessert, wird nicht selten beobachtet. Liegt keine Verletzung eines Organes vor, so gehen die nervösen Erscheinungen nach einigen Tagen oder Wochen vollkommen zurück. Die einmal vom Blitz Getroffenen zeigen aber später meist beim Auftreten eines Gewitters große Erregung und Aengstlichkeit. Kräftige Männer, die vorher keine Furcht kannten, be­ginnen dann heftig zu jammern und suchen wie Kinder dunkle Verstecke auf. An den Augen kommt es durch Blitzschlag zu Trübungen der Linse, an den Ohren zu vorübergehender Schwer­hörigkeit oder Taubheit. Zahlreiche innere Stö­rungen können auftreten. Der Tod kann durch öie Verletzung lebenswichtiger Organe oder Öurch einen besonders heftigen Chock hervorgerufen werden. Die Kleidung eines vom Blitzschlag Getöteten zeigt meist unregelmäßige Zerrei­ßungen. Dabei kommen die merkwürdigsten Zufälle vor. So wurde z. B. einem Bauernburschen ein neuer Schaftstiefel vom Blitz vollkommen zer­fetzt vom Fuß gettffen, während der Fuß selbst unverletzt blieb. Zur Rettung der vom Blitz­schlag Getroffenen muh der Verletzte zunächst an die frische Luft gebracht werden, und bei At- mungsftillstand ist sofort mit künstlicher Atmung zu beginnen. Bei Öen WieÖerbelebungsversuchen muß der Kopf Öes Verunglückten hochgelagerl weröen. damit nicht kleine Gefähzerreihungen im Gehirn öurch das sich senkenöe Blut große Blutergüsse veranlassen Bettruhe unö eine mehrwöchige Crholungszeit werden in Öen mei­sten Fällen notwendig sein.