Dienstag, 13. April 1926
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
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leichtern, einmal übernommene Pflichten abzuschütteln. Ohne sachliche, richterliche Deweis- Bvürdigung kann eine Ehe nicht geschieden werden: kenn sie ist für uns kein Detrag, den die Unter» zeichner nach freiem Ermessen schließen und tun» Ligen können. Die Ehe ist eine geheiligte Sn» flitution, an deren innerlicher Begründung wir nicht rütteln lassen: eine solche rein materielle Auffassung der Ehe widerspricht dem deutschen Sittlichkeits» und Rechtsgefühl, unserer gesamten Weltanschauung.
Also eine leichtfertige auf der sogenannten „beiderseitigen Abneigung und gegenseitigen Einwilligung" begründete Scheidungsrefvrm lehnen wir ab: aber Wohl stimmen wir einem Reform»
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schulden als sehr schwierig anlassen, und zum anderen darin, daß die kurzfristigen Schatzbons im Mai ebenfalls erneuert werden müssen. Die Kammer hat eine ganze Reihe von neuen Steuern lediglich aus rein parteipolitischen Gründen bewilligt, ohne sich dabei irgendwie von weitschaucndercn Erwägungen leiten zu lassen. Wenn damit aus dein Papier das budgetäre Gleichgewicht auch teilweise erreicht wurde, so ist das gesamte Finanzproblem dadurch keineswegs getost. Frankreich hatte vor allen Dingen gehofft, daß ihm wenigstens England ein Moratorium und Amerika ihm das Zugeständnis machen würde, seine Rückzahlungen unterbrechen zu dürfeit, wenn etwa Deutschland seinen Verpflichtungen aus dem Dawes-Plan nicht mehr würde nachkommen können. Der Finanzminister Perct hatte bestimmt gehofft, wenigstens diese beiden Zugeständnisse zu erlangen, doch sieht er sich darin enttäuscht. Zusammen mit den kommunalen und Departements-Abgaben sind im neuen Budgetjahr insgesamt mindestens 46 Milliarden Franks an Steuern und Abgaben auszubringen. Hiervon ist wohlgemerkt auch noch nicht ein Centime bestimmt sür die Ablösung der Staatsschulden, vielmehr müssen dafür neue Einnahmequellen erschlossen werden.
Die mittelbaren und unmittelbaren Folgen der neuen Steuern werden sich sehr bald fühlbar machen. Die Tarife für Post und Eisenbahnen werden erhöht, die Preise für Kohlen und Koks ziehen sogar erheblich an: die 30- prozentige Zollerhöhung belastet eine ganze Reihe von Rahrungsmitteln. wie die neuen indirekten Steuern für Kaffee, Salz usw. wichtige Lebensmittel ohnehin stark verteuern werden. Der Drot- preis wird fortgesetzt erhöht und beträgt vom 15. April ab bereits 1,90 Franks das Kilogramm, und das Fleisch wird durch eine neue Echlacht- hossteucr wesentlich verteuert. Die allgemeine Lebensteucrung hat natürlich neue Lohnforderungen zur Folge. Die älnruhe unter der Beamtenschaft 'wird von Tag zu Tag größer: ein Postbeamtenstreik erscheint unvermeidlich, wenn die Regierung jetzt nicht schleunigst die schon seit Monaten hinausgeschobene Erhöhung der Beamtengehälter bewilligt. Woher sie allerdings die Mittel hierfür nehmen soll, weih sie selber nicht. Die Spanne zwischen Weltmarktpreisen und den inneren Preisen wird auf diese Weise rasch geringer, wenn auch vorläufig Frankreich noch ein sehr starkes Valuta-Dumping auf den Weltmärkten treiben kann. Da aber auch die Rohmaterialien sehr viel teurer werden und namentlich die Industrie ihre Sachwerte immer stärker angreift und schon zu einem sehr erheblichen Teil von der Materie lebt, so bedarf es wohl keiner näheren 'Begründung mehr dafür, daß sich die Lage in Frankreich stark zugespitzt und daß alle finanzpolitischen Experimente nur schädlich sind, solange nicht das Hauptproblem gelöst bleibt: die Stabilisierung des Franken.
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Der Streit geht hauptsächlich darum, ob ireben den bestehenden Scheidungsgründen, „des Ehebruchs, der Lebensnachstellung, der schuld- kiaften Ehezerrüttung durch schwere eheliche Pflichtverletzung und der unheilbaren Geisteskrankheit" noch die „objektive Ehezerrüt- Kun g" als Grund zur Lösung der Ehe anerkannt norden soll, also auch ohne „Verschuldung" des einen Teils soll die Scheidung zulässig sein, wenn eine dem Wesen der Ehe entsprechende Fortsetzung der ehelichen Gemeinschaft nicht mehr Ml erwarten ist. , ,
Gibt e s eine solche unbestreitbare vollkommene Ehezerrüttung in der Wirklichkeit? Die 3tage wird bejahend beantwortet durch Tausende von Gutachten von Aerzten, Juristen, Geistlichen unb nicht seltener durch glaubwürdiges Dekennt-
aufrecht, für den Kurzsichtigen auf dem Kopfe stehend. Wahrscheinlich wird man auf eine solche Verwendung von Sammellinsen durch Versuche in der damals weit verbreiteten „dunklen Kammer". der camera obscura, gekommen sein. Dieser merkwürdige Vorläufer des Fernrohrs wurde auch noch verwendet, als bereits das zusammengesetzte Fernrohr erfunden und weitergebildet war. Eine Erwähnung des Instrumentes findet sich in Shakespeares „Wie es Euch gefällt", und zwar kann man danach schließen, daß solche „Perspektivgläser" damals von der Hofgesellschaft bevorzugt wurden, während sich die gewöhnlichen Sterblichen nach einer Andeutung in Shakespeares „Coriolan" mit Dügelbrillen begnügten. In Deutschland nannte man solche dem Auge vorgehaltenen Cinzellinsen „Ferngläser". Roch im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts wurden solche schwachen Sammellinsen zur Beobachtung des Himmels empfohlen, und man kann sich vorstellen, wieviel um 1585 am
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Vorschlag zu. der die „objektive Zerrüttung" als Scheidung»gründ annimmt, wenn seine Anwendung mit „einer wirksamen materiell und prozehrechtlichen Garantie" aus- gestattet wird. Die erstere muh gegeben lein durch eine mindestens ein Jahr umfassende tatsächliche Trennung der beiden Eheleute vor dein Scheidungsantrag: diese Basis haben auch andere Länder be.eits anerkannt. Prozehrechtlich ist u n b e s ch r ä n k t e s P r ü f u n g s r e ch t d e s Richters zu fordern, nur er kann entscheiden, ob die vorgebrachten Gründe objektiv stichhaltig
Wir Frauen würden ganz besonders noch wünschen, daß das eigentliche S ch e i d u n g s - verfahren erheblich beschleunigt wurde, um die sinnlose Oual jahrelanger Ehescheidungsprozesse zu verhindern.
Diele Reform ist sehr machtvoll und doch stößt sie in weiten Kreisen auf Widerstand besonders überall do. wo eine andere religiöse Einstellung die Unlösbar leit der Ehe aner- kennt. Hm der vielen Unglücklichen willen, die unter dem jetzigen Zustand und seiner Unvollkommenheit und Härte aber schwer leiden, bringen wir auf die Einführung dieser bescheidenen Reform und hoffen, dah der Rechtsausschuß des Reichstages bald die Zeit findet, dieser «zrage uahezutre'en und sie in unserem Sinne- zu losen und gefundere Verhältnisse zu schaffen.
Briands Schwierigkeiten.
(Von unserem Pariser E-8.°Korrespondenten.)
Paris, 10. April 1926.
Die Ausschiffung Malvys bedeutet zweifellos eine wenn auch nur vorübergehende Festigung des Kabinetts Driand. Die Entlassung Malvys wird besonders von den M i 11 e l p a r - teien der Kammer begrüßt, also gerade von denjenigen Parteien, auf die es Drrand bet den kommenden Abstimmungen besonders anlommt. Es bleibe hier heute die Frage unerörtert, ob Molvy lediglich deshalb zurückgetreten ist, um mit einem kommenden Kabinett Herriot erneut die Leitung des französischen Innenministeriums zu übernehmen. Molvy hat sich die Rechte so stark verfeindet, daß seines Bleibens im Kabinett Driand nicht länger war. Der zuruck- getretene Innenminister hat was nicht allgemein bekannt ist — auch schon während des Krieges aus rein persönlichen Gründen bei den verschiedenen Gelegenheiten „angehakt" und oftmals (Situationen heraufbeschworen, die zu lösen oder beizulegen für seine Freunde oftmals schwierig genug wurden. Sein Rachfolger, der bisherige Landwirtschaftsminister Durand, hat erklärt, daß er die W ah lr e ch t s v o r l a g e so rasch wie möglich bei Kammer zugehen lassen würde und aus ihrer Annahme bestände: ja, sogar, daß Driand dagegen die Vertrauensfrage
gert sich aber die Aufgabe vom Dildnis zur freien Charakterfigur, wie in den Münchmer Aposteln, so stehen wir vollends einer Erscheinung gegenüber, die sich der Phantasie dauernd bemächtigt. Es ist kaum zuviel gesagt: der Paulus der Münchener Pinakothek gehört dem allgemeinen deutschen Gestaltenbesih an. Wer ihn einmal gesehen hat, wird ihn nicht mehr los. Der Dlick des ernsten Auges folgt dem Deschauer, auch wenn er die Galerie längst verlassen hat. Wölfflin erkennt die eigentümliche deutsche Große Dürers in seiner geistig-sittlichen Haltung. Die Welt des Geordneten, die er erstrebt, ist auch die Welt des Sittlichen, und seine Sachlichkeit kann man sein „sittliches Sehen" nennen. Die Kunst war ihm nicht nur eine Offenbarem der cochon- beit, nicht nur ein Werkzeug der Andacht, sondern ein Mittel im Kampfe der Geister. Richt mit dem Zwang logischer Gründe kann er über» zeugen, wohl aber mit der Macht gewaltiger Menschenbildungei'., aus denen k«as Gesetz der Sittlichkeit spricht. Ob er damit über die natur- licken Aufgaben der Kunst hinausgegangen sei oder nicht, mag jeder für sich entscheiden. Mtt einem anderen großen Deutschen wurde er sich jedenfalls in dieser Auffassung des Kunstler- berufes verstanden haben, ich meine mit Schiller. .Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben.“ 207
Ein Vorläufer des Fernrohrs.
Auf ein bisher nicht beachtetes älteres Hilfsmittel zum Sehen in die Ferne macht M. von Rohr in einer dem Sttidium der alten Drillen gewidmeten Arbeit aufmerksam, über Die er in den „Raturwissenschaften" berichtet. Im Jahre 1585 wurde in London eine Schrift verfaßt, die von einem „perspective glaff" Kunde gibt, dah in so früher Zeit zum Sehen in Die Ferne biente. Es handelte sich dabei um kein zusammengesetztes Gerät nach Art des holländischen Fernrohrs, sondern um eine einfache Sammellinse von großer Drennweite und be- merkenswertem Durchmesser. Das von ihr entworfene Bild wurde mit bloßem Auge betrachtet unb erschien vergrößert, für den Llebersichttgen
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Elsaß-Lothringische Chronik.
(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Von unserem —,-Berichterstatter.
Straßburg. April 1926.
Es ist dicke Lust in Elsaß-Lochringen. An die Kleinigkeiten unter den Ursachen dafür denkt man garnicht erst. Dah z. B. irgend eine Gruppe staatlicher Beamten sich öffentlich über Verzögerungen in der Gehaltszahlung beklagt, verärgert natürlich die Betroffenen, aber die Öffentlichkeit reizt das nicht mehr: es kommt so oft vor. daß die Aufmerksamkeit abgestunipft wird. Diesmal find es die Förster, die über den ver- f bätet en Empfang ihrer Groschen in der Zeitung Klage führen. 2lber da ist, um zunächst bei den Dingen im Beamtenlager zu bleiben, die reizende Entdeckung, die der Verband der Gerichtsschreiber unb bgl. dieser Tage bei 1 einer Hauptversammlung machte. Während der Verhandlungen holten einige aufmerksame Teilnehmer einen Kriminalschutzmann hinter einem Vorhang hervor, allwo er eifrig schreibend sah. um dem hochmögenden Herrn Präfekten nachher auftragsgemäß über die Redner und die Reden getreuen Bericht erstatten zu können. Ein zweiter Geheimpolizist und Spitzel wurde unter der Versammlung im Saale erkannt. Mit dem Hinauswurf der beiden ist die Sache natürlich nicht abgetan, es wirkt unter den Deamtenverbänden nach, daß
Sur Reform der Ehescheidung.
Von C l a r a M e n d e, M. d. R.
Seit Jahren drängt die Laienwelt auf eine Abänderung der bestehenden Ehescheidungsgcsetze imb mit Recht. Alle Gesetze find wandelbar v-eil sie von und für Menschen gemacht fmO und b«iefe in ihren Beziehungen zueinander sich nicht immer gleich bleiben. Die Stellung der <zrau innerhalb der Familie hat sich im Laufe der Jahrhunderte von Grund aus geändert, so dah k^mentsprechend auch ihre rechtliche und geseh- leche Stellung eine andere werden muß.
Ramentlich der Krieg und die damit zu- sxmmenhängenden Wirts gastlichen, sozialen, kultig teilen Umwälzungen haben den Wunsch nach k-ner Reform immer lauter erklingen lassen. An sich sind weder die Reichsregierung noch Die «ahgebendcn Juristen und Staatsrechtslehrer für afehgeberische Teilreform zu haben, da ja eine orllgemeine Reubearbeitung der Ge etzgeoung beabsichtigt ist. Die dem Reichstag vorliegenden Initiativanträge werden im Rechtsausschuß bearbeitet. allein die Reform wird immer wieder zprückgedrängt durch wichtigere politische Ereig- misse sagt man. Das arme Einzelschicksal kann Karan zerbrechen, denn an den tatsächlichen Rot- ftünben der betroffenen Kreise kann niemand vor- steisehen. Gesunde Ehen sind die Grund- Ligen eines gesunden Volkslebens und Staates. Wenn wir die schaffen wollen, müssen wir bei
nis der Betroffenen.
Gerade die Kriegsheiraten haben hier ein reichhaltiges Material beigebracht: ohne genaue gegenseitige Kenntnis der persönlichen Eigenschaften und Lebensgewohnheiten ist die übe geschlossen, die jahrelange Trennung mit kurzem Zusammensein bot keine Möglichkeit des Aneinandergewöhnens, Unvereinbarkeit der Cha- xafterc, der Temperamente kam hinzu, religiöse Unterschiede, die im täglichen Leben stärker her- nortreten. die Frage der religiösen Kindererzie- hung: und dann eine plötzliche Veränderung der vvirtschaftlichen Lage, alle diese Momente schaffen vie Atmosphäre, die eine Fortführung der Ehe unerträglich, unmöglich, unmoralisch machen. In tollen solchen Fällen bietet die Gesetzgebung keine Sjilfe, darum greifen die Eheleute zu Scheui- yrünDen; scheinbarer Ehebruch, böswillige Der- laffung werden inszeniert und der frivolen Ge- setzumgehuna ist Tür und Tor geöffnet. Um diese Verwilderung nicht um sich greifen 311 lassen, muß die Gesetzgebung eingreifen, um geordnete klare Verhältnisse zu schasten. zum Besten deS Einzelmenschen — mit besonderer Rücksicht auf die Kinder jener Ehen- und zum tieften der Volksgesamtheit.
Bei aller Würdigung dieser Tatsachen und Verhältnisse lehnen wir aber doch eine „Scheidung mit gegenseitiger Einwilligung" ab, so sehr »vollen wir es den modernen Menschen nicht er-
lachen mit ihm, wir sind Zeugen tiefer seelischer Erschütterungen, und er wird uns dadurch erst recht vertraut."
„Aber darüber hinaus — wer kann leugnen. daß er auch als Künstler am meisten Volkstümlichkeit besitzt?" fährt Wölfflin fort. „3n wie vielen deutschen Stuben hängt Der Ritter mit Tod und Teufel an der Wand. Es ist vielleicht das bekannteste Bild der gesamten deutschen Kunst, und obwohl fein eigentlicher Sinn als „eques christianus“ heute nicht mehr allgemein verstanden wird, so wird doch auch jetzt noch mancher brave Mann dem Blatt eine Stärkung in den Bedrängnissen des Lebens entnehmen können. Und dann die „Melancholie . Sie wendet sich im besonderen an die Menschen der geistigen Arbeit. Aus eigener Erfahrung scheint Dürer die Depressionen gekannt zu Haben, wo ein böses Gestirn Macht gewinnt über das Gemüt. Viele Sacheinzelheiten sind uns fremd geworden, das Ganze aber als Stimmung ist uns vollkommen zugänglich und wirkt so modern, dah man die vier Jahrhunderte vergessen kann, die feit feiner Entstehung dahingegangen ImD. Und endlich der dritte der Meisterstiche: der ..Hieronymus im Gehäus". Er spricht am allerunmittelbarsten, und die Darstellung ist hier insofern die weitest vorgeschrittene, als das Wesentliche des Ausdrucks nicht mehr in Der Figur hauptsächlich liegt, sondern im Gesamten des Raums und der Lichtführung. Und neben dem Kupferstich der Holzschnitt! Wem sind nicht einzelne Dinge der Apokalypse. zu bleibenden Erinnerungen geworden? Die vier Leiter, die Engel vom Euphrat, der schwere Kcunpf des heiligen Wichael mit dem Drachen. Richt nur ein neuer Holzschnittstil ist hier gefunden, sondern eine Sprache der Linie überhaupt. die sich nachher im situationsveichen ^arrenleben vom Großartigen ins Anmutige waiweli. Dort ist die Genialität im Sturm, hier spricht der Cott im sanften Säuseln. Im gemalten Werk find die Bildnisse das Eindrücklichste. Wo immer einem ein Dürerscher Kops begegnet, die Wirkung bleibt die gleiche: die einer unerhörten Verdichtung des sinnlich-geistigen Ausdrucks der Form. Stei-
bie eigene Verwaltung sie bespitzelt, daß der Präfekt selbst sie al» Verdächtige behandelt.
Ferner ist da der Fall de» Steuer- und Kassendirektor» des lothringischen Departements, des Herrn Girard. Dieser hatte vor etwa vier Wochen den Rentmeisterverband liebcitStourDig als eine Versammlung von Besessenen bezeichnet. Die beleidigten Beamten hatten die eigentümliche Probe französischer Höflichkeit öffentlich niedriger gehängt, durch die ganze Presse ging ein ©türm der Entrüstung und die öffentliche Meinung verlangte einstimmig, selbst die erklärtesten Rattona- liftenblätter eingeschlossen, die schleimige Versetzung des für Lothringen allzu massiven 5ran- zosen. Es ist natürlich nichts geschehen. Die französische Bürokratie will eben durch ihre Pariser Zentralen jeden, der zu ihr gehört, so auch diesen Untauglichsten halten in dem Posten, den er nun einmal innehat.
Was ift uns Dürer heute?
Seit die Romantik in Dürer den „deutschesten Meister" entdeckte, ist durch ein Jahrhundert stets her Rame Dürers genannt worden, wenn man bie deutsche Kunst in ihrer reinsten Ausprägung kennzeichnen wollte. Im 20. Jahrhundert aber ist eine „Umwertung" eingetreten und an die ©teile Dürers Grünewald als der eigentliche Vertreter deutschen Kunstwesens gerückt. Ist Dürer dadurch entthront? Kann er uns nicht mehr als „deutschester Künstler" gelten? Diese Frage erörtert der große KunstforfcherHcinrich Wölfflin in seiner tiefgründigen Weise m einem neuen Einleitungskapitel seines Werkes Die Kunst Albrecht Dürers", das so- eben in 5. Auflage bei F. Druckmann in München erscheint. Er hebt hervor, dah die kühle und sachliche Art Dürers, seine plastische Phantasie, die auf Klarheit und Gesetzmäßigkeit der Form drängt, nicht mehr zu den neuen Vorstellungen vom Wesen deutscher Kunst paßt, bei denen mehr das Malerische, Phantastisch-Dunkle, Mystisch-Visionäre betont wird. Sein Werk ift mit Dingen durchsetzt, die uns fremd anmuten. „Im Schoß der italienischen Verführerin hat (Simfon seine Locken verloren." Der Einfluß italienischer prdnung und romanischer Harmonie, der bei Dürer so stark ist, hat ihm manches urtümlich Deutsche genommen. Aber trotzdem spricht aus seinem Werk so machtvoll der deutsche Geist die Tiefe und RachdenNichkeit eines Ringens mit den Formen, daß „der alte Meister eine heimliche Königsgewalt noch immer ausübt". „Sicher, kein Zweiter hat das nahe persönliche Verhältnis zu uns tote er sagt OSoIff- lin. „Wir wissen tebensgeschichtlich weitaus am meisten von ihm. Grünewald, selbst Stolbein sind uns in ihrer menschlichen Existeiiz bloße Schatten. Auch das äußere Dild ihrer Persönlichkeit hat sich nicht festsehen wollen. Don Durer weiß jeder — ober glaubt wenigstens zu willen , wie er ausgesehen hat. Dann sind Driefe da, Tagebücher, eine Menge sonstiger Aufzeichnungen, in denen sich ein höchst sympathischer Mensch fast restlos enthüllt. Wir hören ihn lachen und
die Truppen zu fliegen beginnen. Durch die Fußtruppen wurden die Bauplätze gesäubert. Viele Verhaftungen, einige Verwundungen durch die Säbelhiebe und Steinwürfe, eine Anzahl Verletzte und Ueberrittene aus dem unbeteiligten Publikum und in den Händen der Gendarmen die rote Fahne als Siegestrophäe: das war das Ergebnis.
Eine Gefahr für die Eisenbahnerbewegung ist blitzartig beleuchtet worden, die Gefahr, daß die gemeinsame Bewegung von den mitbeteiligten kommunistischen Gruppen zu parteiegoistischen Zwecken mißbraucht und in extremer Aktion zuschanden gemacht wird. Eine Gesamtbewegung der Eiserchahner war ohne die Kommunisten nicht zu machen. Denn feit dem zweideutigen Verhalten gewisser sozialistischer Gewerkschaftsführer beim antifranzosischen Generalstreit von 1920 haben die sozialistischen Gewerkschaften unter den Eisenbahnern fast allen Boden verloren und was sich nicht zum christlichen Der-
Dazu kommt die scharfe Wendung in der großen Slandesbewegung der Eisenbahner, mit denen sich der Bund der Staatsbeamten und Lehrer zur Kampfgenossenschaft verbunden hat. Der zuständige Minister hat Anstoß daran genommen, daß das Aktionskomitee In der Berichterstattung an die Massen, von denen es fein Mandat hat, trotz des Entgegenkommens des Ministers in einigen nebensächlichen Einzelheiten erklärte, daß in allen Hauptfragen die Verhandlungen negativ verlaufen seien. Der Minister hat gekränkt die neuen Verhandlungen abgesagt und somit die Brücke abgebrochen. Dierzigtausend Eisenbahner stehen hinter dem Altionskomit-c. Den meisten, von den kommunistischen Grup'^n abgesehen, liegt wenig an einem Streik. Aber daran liegt ihnen, ausreichend entlohnt und ohne Anwendung französischen Schilanenregiments anständig und gerecht behandelt zu sein. Daran liegt ihnen, die Verwaltung ihres Bahnnehes. zu der sic, man ist versucht zu sagen, unbegreiflicher- weise noch Vertrauen haben, frei zu machen von dem in keinem sachlichen Bedürfnis begründeten Mitbestimmungsrecht privater, sozial rückständiger französischer Dahngesellschasten. Unb über diese beiden Punkte hat Der Minister von Anfang an jede Verhandlung abgelehnt. Run. grollt es in den Massen. Wie sich die Leitung der Bewegung zu dieser Ablehnung durch den Minister stellen wird, ist noch ungewiß. Aber in Metz hat sich der Groll bereits entladen.
Eine riesige für einen der letzten Sonntage angekündigte Kundgebung der Eisenbahner wurde vom Präfekten von Metz verboten. Man hielt drei große Dersammlungen in Sälen ab. und nachher bildete sich doch, den Verboten zum Trotz, ein Demonstrationshug. Eine Musikkapelle war dabei. Kommunistische Gruppen führten die rote Fahne mit Sichel und Hammer im Zuge mit. Von der anderen Seite war diese unangebrachte Herausforderung durch eine ebenso unangebrachte von noch viel größerem Umfang erwidert. Zwei Dragonerregimenter. Pioniere, die Artillerie waren zur Unterdrückung der Kundgebung auf geboten. Dazu Die ganze Gendarmerie. die allein wahrscheinlich ausgereicht hätte, dem Wlllen des Präfekten Gellung zu verschaffen. Gin erster Angriff einer kleinen Kavallerieabteilung wird von der Menge überrannt. mit dem Rufe „Hoch Die Soldaten, nieder Die Offiziere!" An Der nächsten Straßenecke vollzieht sich Dann Das UnvermeiDliche. Reitermassen sprengen in Den Zug, zersprengen ihn, treiben die Teilnehmer in nebenan liegende Bauplatze, von wo aus Steinbrocken und Backsteine gegen
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stellen würde.
Schon für Ende des Monats sind also neue aufregende innerpolitifche Kämpfe wegen dieser Wahlrechtsreform zu erwarten. Kämpfe, die noch außerordentlich verschärft werden durch die bevorstehenden Verhandlungen mit 03a- rokko und die immer größer werdenden finanziellen Schwierigkeiten Frankreichs.Die Lage in Marokko ist in der Tat jetzt so, daß Frankreich aus innerpolitischen Gründen beinahe um jeden Preis mit Abd el Krim wird Frieden schließen müssen. Die Derhandungen werden — wie schon berichtet — durch frühere, mit Spanien abgeschlossene Verträge außerordentlich erschwert. Inzwischen rückt der Monat Mai immer näher und Damit die so gefährlichen großen Zahlungstermine. Die letzten Ausweise der Bank von Frankreich ließen die starke Spannung deutlich genug erkennen und zwar hauptsächlich durch die stark gesteigerte Ausgabe neuer Banknoten, womit die gesetzliche Grenze bis auf ganz wenige Milliarden schon wieder erreicht worden ist.
Die französische Regierung hatte gehofft, dah mit der Annahme der neuen Peretschen Finanzgesetze in der Kammer der Frankenkurs sich bessern würde. Dies war nicht Der Fall, das Pfund stieg im Gegenteil weiter und bewegt sich augenblicklich um 142. Die Gründe dafür liegen einmal in der nun nicht mehr wegzuleugnenden Tatsache, daß sich Die bevorstehenden neuen Verhandlungen Frankreichs in Washington und London zur Regelung der Kriegs-
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Himmel hätte entdeckt werden, können, wenn man das „Perspektivglas" auf Die Sterne gerichtet hätte. Aber erst 1609 erkannte Gallier dieses Forschungsgebiet und machte seine ersten glänzenden Himmelsbeobachtungen, obwohl sein Fernrohr eine weit schwächere Vergrößerung lieferte als das „Perspektivglas" von 1585. Roch während des ganzen 18. Jahrhunderts sind solche „Ferngläser", einzelne Zerstreuungslinsen von Kurzsichttgen. verwendet worden, besonders um in der Gesellschaft einen flüchtigen Dlick auf die fernere Umgebung zu werfen. Dafür läßt sich ein Wort aus Dem „Faust" anführen, nämlich Wagners Klage: „Ach! wenn man so in fein Museum gebannt ist. — Und sieht die Welt kaum einen Feiertag, — Kaum durch ein Fernglas nur von weitem, — Wie soll man sie durch HeberreDung leiten?“ Diese Vorstellung war Dem leibst kurzsichttgen Goethe, Der aber nie eine Drille getragen hat, weil er dieses Instrument haßte, ganz geläufig: es handelte sich Dabei um ein Zerstreuungsglas, durch das die Einzelheiten — abgehalten wird — scharf, aber verkleinert, „von
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