Nr. bl Drittes Blatt
Englanüsu.RuhlanüsEinkreisungs- poiilii gegen Deutschland im Grient. Von Dr. Gustav Rolaff, o. Professor der Geschichte an der Universität Gießen.
Die Betrachtung der bosnischen Anncrionsfrage im Jahre 1908 hat uns gezeigt, ivelche Gefahren für den Weltfrieden in den orientalischen Gegensätzen ruhten, und wie rücksichtslos Rußland bestrebt war, diese Gegensätze zur Ausdehnung seiner Macht zu benutzen, mochte dadurch auch ein Zusammenstoß mit Oesterreich-Ungarn heroorgeufen werden. Konsequent schritt Rußland auf seinem Wege nach Abschluß der bosnischen Angelegenheit weiter. Sein nächstes Ziel war die Stiftung eines Bundes zwischen den christlichen Balkanstaaten, zunächst zwischen den alten Rivalen Bulgarien und Serbien, um einen solchen Block je nach Bedarf gegen Oesterreich oder die Pforte verwenden zu können. Sein eifriger Helfer hierbei war England, lieber die Bemühungen Rußlands, die bei den Serben sofort auf fruchtbaren Boden fielen und dazu beitrugen, ihre geheime revolutionäre Agitation in den habsburgischen Ländern zu verstärken, war seit Jahren schon aus russischen und serbischen Quellen mancherlei bekannt geworden; die Absicht der zarischen Regierung, mit Hilfe des Balkanbundes eine Offensive gegen Oesterreich zu entfesselt, sobald die russische Armee wiederhergestellt sei, ließ sich daraus mit Sicherheit erkennen, lieber England hatten wir aus denselben Quellen nur einige Andeutungen; sie werden jetzt durch die deutschen Akten ergänzt und bestätigt.
Die englische Orientpolitik in dieser Zeit steht unter dem Zeichen der Einkreisung Deutschlands. Zuerst versuchte man sich an der Türkei. Rach der jungtürkischen Revolution im Jahre 1908 hatten König Eduard und Grey gehofft, in dem neuen Regiment einen Bundesgenossen gegen die Mittelmächte zu finden; sobald sie erkannten, daß die Jungtürken Fein willenloses Werkzeug bilden, sondern eine selbständige Politik treiben wollten, entzogen sie ihnen ihre Gunst. Der englische Botschafter hielt nach den Beobachtungen des deutschen Botschafters enge Verbindung mit der Opposition; als ein Putsch der Konstantinopeler Gardetruppen die neue Verfassung umstürzen und dem in England früher so ost aufs heftigste angefeindeten Sultan Abdul Hamid die absolute Herrschaft wiederverschaffen wollte (April 1909), wurde er von der englischen Presse mit Freude begrüßt, und der englische Botschafter suchte die Niederwerfung der hauptstädtischen Rebellen durch verfassungstreue Truppen aus der Provinz zu verhindern. Da die Energie der Jung- türten sich nicht lähmen ließ, wurde die englische Politik arg blohgesiellt; mehrere ihrer Schützlinge, die zugleich Werkzeuge Abdul Hamids waren, mußten flüchten.
Nach diesem Fehlschlag am Goldenen Horn bemühte man sich um so eifriger um Serbien. Der serbische Ministerpräsident Milowanowitsch hatte, wie der deutschen Regierung durch einen Vertrauensmann mitgeteilt wurde, im Marienbad „das Glück aus dem 'Munde des Königs von England sehr schmeichelhafte und ermutigende Worte für die Zukunft Serbiens zu vernehmen"; der König forderte ihn auf, „entsprechend dem leitenden Gedanken der englischen Politik an der Seite der Ententemächte Europa und den Weltverkehr vor dem Egoismus Deutschlands zu schützen". Wir erfahren nicht, was her Serbe geantwortet hat,' aber daß der Todfeind Oesterreich-Ungarns diese Botschaft gern gehört hat, ist nicht zweifelhaft.
Das Interesse Englands an der Balkanallianz übte sogleich seine Wirkung auf Italien. Wie den serbischen Minister bearbeitete König Eduard persönlich den König Viktor Emanuel und seinen Minister Titioni. Durch die Ausmalung eines unvermeidlichen nahen Krieges zwischen England und Deutschland erschreckte er sie so, daß sie, die sich ganz von England abhängig fühlten, bereit finden ließen, die englisch-russische Balkanpolitik zu fördern. Im Oktober 1909 wurde auf einer Zusammenkunft des Zaren und Viktor Emanuels in Racconigi ein Abkommen getroffen, nach dem Italien die Bemühungen um eine Balkanföderation unterstützen sollte: mochte sich die Spitze des künftigen Bundes auch gegen Oesterreich, Italiens Verbündeten, richten. Es ist selbstverständlich, daß man dies Ziel vor den Mittelmächten zu verhüllen suchte und der deutschen Regierung feierlich versicherte, beide Mächte hätten sich nichts anderes versprochen, als in allen Balkanangelegenheiten den geltenden Zustand zu wahren und sich jeder Einmischung zu enthalten; ja, der ita-
Verlorenes Weichselland.
Von Werner Schulz-Oliva.
An der Weichsel gegen Osten, da stand ein Soldat auf Posten — — —
Nun weiß es wohl bald niemand mehr, dieses stille, seltsame Lied, das die Mädchen und Burschen in dem alten Westpreußenland fangen, wenn sie am Abend von den Feldern Tarnen und am Wiefenrand ruhten. Es ist gestorben, das Lied von der Weichsel, gestorben wie die Dörfer, darin es gesungen wurde. Cs ist' ganz sinsam geworden in den kleinen Städten und Wäldern, in den Wiesen und Wegen unten an der Weichsel, und irgendwo ist der schwere, eintönige Sang, der immer so langsam ging wie das Rinnen und Raunen des ewigen grauen Stromes.
Westpreutzenland und Weichselstrom! Immer lebte ihre Geschichte gleiches Leben, gleiches Glück blühte an Wald und Ufer, gleiches Leid tarn über Berg und Fluß. Ueberall in weiter Welt ist deutsches Land in fremden Volkes Macht, kaum aber anderswo ist so bittere Rot tobe im Land der Weichsel, darüber heute der weihe Adler Polens weht.
Sie ist nicht tote die Bruderströme im deutschen Vaterland, die alte heilige Weichsel, und es ist ein besonderes Land, das ihr zum Ufer wurde, mit besonderen Städten und Menschen und Aeckem. Das Leid von Iahrhunderten gab allem Leben ringsum seine Art und seinen Sinn, schwer und erdgebunden und in unendlicher Liebe geliebt.
Zwischen Berg und Busch und Baum kommt die Weichsel stromab. Häuser und Höfe grüßen ihr Wandern, und in Endlosigkeiten verliert sich das Land am Rand des Himmels.
Dann steigen mit einem Male starre Mauern aus User und Strand. Alte Häuser aus verlorener Zeit stehen eng beieinander, und 'Türme und Zinnen und Giebel ragen in dunklem Düohen. Das ist Thorn, die Stadt und Burg der Ritter vom deutschen Orden.
Dicht am Strom sind die Steine ihrer Bauten. Die Zeit hat Risse hineingetrieben, und der
Samstag, 13. März 1926
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
lienische Minister scheute sich nicht, diese in ihrer Wirkung Oesterreich bedrohende Abmachung als Friedensbürgschaft darzustellen.
„Friedensgarantie" war auch das Stichwort, unter dem der russische Botschafter in Konstantinopel seinem deutsck)en Kollegen Marschall seine Begünstigung eines allgemeinen Balkanbundes zu schildern suchte. Gleichzeitig aber suchte er türfifajc Minister und Zeitungen durch Bestechung für den Gedanken zu erwärmen, daß die Pforte sich mit Rußland und allen Balkanstaaten vereinen müsse, „um dem Vordringen des Germanismus auf dem Balkan" Einhalt zu tun, worüber freilich der deutsche Botschafter durch die türkische Regierung bald unterrichtet wurde. Neben dem„Germanismus" wurden angebliche neue territoriale Pläne Oesterreich-Ungarns nur der Bal- kanhalbinsel als Schreckgespenst in Konstantinopel gebraucht, aber die Pforte lehnte standhaft den Gedanken einer Balknnföderation ab, da sie überzeugt war, daß ein Balkanbund sich mit ihrer Unabhängigkeit nicht vertrage und vor allem bestimmt sei, den Russen die Herrschaft über die Meerengen in die Hände zu spielen.
Wenn die Bemühungen der Entente bei den slawischen Bulgaren und Serben allmählich Erfolg hatten, so fielen sie dagegen bei den Rumänen auf unfruchtbaren Boden, obgleich hier nicht nur russische Diplomaten, sondern auch ein von Rußland gewonnener türkischer Minister ihr Heil versuchten. Aber die rumänische Regierung, von der deutschen über die russisch-englischen Bestrebungen unterrichtet und damals noch im engen Einverständnis mit dem Dreibunde, lehnte jede Beteiligung an dem Werke, das sie für friedensgefährlich erklärte, ab. Wie berechtigt das Mißtrauen in die friedlichen Absichten der Vertreter des Balkandundes war, erwies sich, als der Bukarester Ministerpräsident Bratianu einem russischen Diplomaten als Vorbedingung für eine wohlwollende Haltung Rumäniens gegenüber dem Balkanbund hinftellte, „daß der Bund auf der absoluten Aufrechterhaltung des Status quo nach allen Richtungen beruhe, also eine Spitze weder gegen die Türkei noch gegen Oesterreich-Ungarn habe". „Sie tun viel Wasser in unseren Wein",' entgegnete der Russe ärgerlich.
Wiederum ist es interessant, mit welcher Skrupellosigkeit gleichzeitig alle diese Bemühungen abgeleugnet wurden, um die Mittelmächte über die Richtung der Balkanpolitik der Entente irre zu führen. Iswolsky, der Minister des Auswärtigen, sagte, dem deutschen Botschafter in Petersburg, das Geschrei der Wiener Presse über die Balkanfödbration sei absurd; Rußland predige den Balkanstaaten fortgesetzt Ruhe und Frieden, sowohl gegen Oesterreich wie die Pforte (Dezember 1909). Daß er schon vor Monaten den Serben Rache an Oesterreich versprochen hatte und seitdem nicht müde wurde, die Balkanstaaten mit dem Schlagwort „Der Balkan den Balkanoöl- kern" aufzureizen, vertrug sich freilich schlecht damit. Tscharykow, der Botschafter in Konstantinopel, sang ein Jahr später dasselbe Lied, wenn er sagte, jetzt seien die Verhältnisse zwischen Oesterreich und Rußland so freundschaftlich, daß jeder Gedanke an einen Balkanbund, den Rußland gelegentlich als Vormauer gegen ein aggressives Oesterreich in Betracht gezogen habe, veraltet und überflüssig sei; wenige Wochen vorher hatte die russische Regierung dem Gesandten in Sofia befohlen, das serbisch-bulgarische Bündnis mit besonderer Energie zu betreiben, und der bulgarischen Regierung dringend die Annäherung an Serbien empfohlen, weil Rumänien und die Pforte immer mehr zusammenrückten. Und bald darauf arbeiteten die Gesandten in Sofia und Belgrad zusammen, um den letzten Widerstand Bulgariens gegen das Bündnis zu überwinden. Die englische Regierung war nicht aufrichtiger. Als die türkische Regierung, beunruhigt durch die Tätigkeit der russischen und englischen Balkandiplomaten, sich durch ihren Botschafter in London nach dieser Angelegenheit erkundigen ließ, „tat man auf dem Foreign Office so, als ob man von der Absicht einer Balkankoalition nichts wisse".
Es ist verständlich, daß solche Versicherungen weder bei der Pforte noch bei Deutschland Glauben fanden. Es war bereits zuviel über die Versuche in allen Balkanstaaten bekannt geworden. Als die deutsche Regierung über die weiteren Phasen der Bünd- nisverhandlungen, die sich bis zum März 1912 hinzogen, ins einzelne unterrichtet gewesen ist, geht aus den bisher veröffentlichten Akten nicht hervor; als aber dann am 13. März 1912 zwischen Bulgarien und Serbien ein geheimes Bündnis abgeschlossen wurde, das einen Angriff auf die Pforte in Aussicht nahm und Mazedonien unter
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rote Ziegel wurde schwarz. Aber es ist, als ob noch immer eine Abwehr in ihnen sei, ein unsichtbarer Kampf um sie gehe.
Dahinter ist die Stadt mit ihren uralten Winkelgassen und Toren und Türmen. Jede Kirche gleicht einer Burg, so fest und stark sind ihre Mauern, und ihre schmucklose Erhabenheit hat etwas Gewaltiges. Zweigieblig, über allen, steht der Turm von St. Iakob wie ein Wächter und Hüter.
Das deutsche Wort scheint tot zu sein in den Straßen und Gassen. Fremde Flut treibt um das alte mächtige Rathaus, um die verfallenen Tore der einstigen Vurg, den ragenden Dansker und die schweigsamen Bürgerhäuser. Cs ist viel Leid in der Stadt, sehr viel bitter wehes Leid. Und doch ist sie deutsch tief in der Seele ihrer Steine, die Tag und Rächt durch alle Stunden raunt.
Wenn dann die Geschichte der alten Stadt aus Vergangenheit aufwacht wie Traum, ist es, als ob ein Zauber über sie gespannt sei. In Wintemächten, klar und frostig, muh man so das alte Thom erleben mit allen seinen Märchen und Sagen, Die im weißen Mondlicht um das Dunkel der Türme und Tore gehen.
Unaufhörlich im gleichen Takt wandert der Strom der Weichsel vorüber, dem Meere zu. Vor Jahren noch glühte nachts in seiner Bahn die rote Glut der Flissakenfeuer. die auf ihren endlosen Flößen trieben. Sehr eintönig war ihr Lied, und man wußte nie, welche Sprache es war, in der sie es fangen. Run sind sie selten geworden im Treiben der Weichsel, die Flissaken mit ihren Flößen und Feuern und ihrem eintönigen Lied. Rur manchmal noch gleiten sie im Strom herab, mit langem Ruderstangen ihre Hölzer steuernd.
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Und wieder sind Mauern und Steine und Häuser und Türme. Eng an Hügel und Uferberg geduckt, schläft das alte Graudenz. Die grauen .Speicher am Strom sind leer und ihre Zeit ist vorüber, feine reichen Kaufleute schreiten heute durch die Kontore, und in den vielen, schmalen Gassen verschwanden die deutschen Rainen von Tür und Haus.
Zustimmung Rußlands bereits verteilte, erhielt das Auswärtige Amt davon Kenntnis, wie wir aus den „Denkwürdigkeiten" des Staatssekretärs Kiderlen- Wächter ersehen. Der Ausbruch des Balkankrieges im Oktober 1912 kann der deutschen Regierung also schwerlich eine Ueberraschung gebracht haben; ob man einen anderen Ausgang erwartet hat, werden die weiteren Veröffentlichungen ergeben.
Der Orient und der Völkerbund.
(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Von unserem E.-S.-Berichterstatter.
Konstantinopel, März 1926.
Da der Völkerbund bei seiner Entstehung im Jahre 1919 als ein wesentlicher Bestandteil und ein Hilfsmittel des unauflöslich mit ihm verbundenen Versailler Vertrages gedacht war, konnten seine im Sinne aller schwachen und unterdrückten Rationen bisher recht unerfreulichen Leistungen wohl nur unverbesserliche Ideologen und Optimisten überraschen. Tschitscherins vernichtende Kritik an diesem Bunde, den er als ein Instrument zur Unterdrückung und Knebelung aller schwachen Rationen bezeichnete, steht deshalb durchaus nicht vereinzelt da.
Die Stellungnahme Asiens zum Völkerbunde ist schon deshalb wenig beachtet worden, weil, mit Ausnahme Japans und allenfalls auch Siams, alle asiatischen Länder ziemlich geschlossen hinter dem großen Problem des Ostens, der unheimlichen Sphinx des Bolschewismus, stehen. Japan als europäisierte Großmacht nimmt seine sehr gewichtige Stellung im Völkerbundsrate ein. Was aber China betrifft, das neuerdings, sogar als erster unter allen nach einem Ratssihe lüsternen Staaten, einen formell und mit seinem Austritt aus dem Völkerbünde droht, so ist seine Zugehörigkeit zum Bunde überhaupt recht gegenstandslos. Jedenfalls, solange die chaotischen politischen Zustände in diesem durch chronischen Bürgerkrieg zerrissenen Lande andauern und es an einer fest konsolidierten Regierung fehlt*).
Von den übrigen asiatischen Ländern wird die bisherige Tätigkeit des Völkerbundes natürlich mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, wobei die unter dem Einflüsse Moskaus stehenden zentralasiatischen Republiken sich der grundsätzlich ablehneirden Haltung Sowjetruhlands selbstverständlich anschließen. Man zieht im Orient natürlich auch die notwendigen Schlußfolgerungen über den Wert des Völkerbundes aus dem eigenartigen Verhalten einzelner Mitglieder zu ihm. Wenn einzelne europäische Staaten, wie namentlich Polen und Italien, völkerrechtlich und moralisch gerechtfertigten Forderungen des Bundes in der Frage der Minderheiten völlige Richtachtung entgegenbringen, so ist die Türkei wohl noch weit mehr berechtigt, einer völkerrechtlich unbegründeten Entscheidung des Bundes in der noch ungelösten Mossulfrage mit einem ähnlichen Verhalten zu begegnen.
Im übrigen fehlt bei der Beurteilung des Völkerbundes auch im Orient, wie in Europa, neben einer weitverbreiteten pessimistischen Anschauung auch nicht ganz an einer optimistischen, die die Zugehörigkeit Deutschlands zum Bunde freilich zur Voraussetzung hat. Die Pessimisten betrachten bekanntlich den ganzen Völkerbund in seiner gegenwärtigen Tendenz — zum Teil jedenfalls nicht ohne Berechtigung — als einen Zusammenschluß der europäischen Mächte unter der Führung Englands zur Einkreisung Sowjetrußlands mit nachfolgender gemeinschaftlicher Unterdrückung und rücksichtsloser wirtschaftlicher Ausplünderung der asiatischen Länder. Aus diesem Grunde wurde anfangs auch bekanntlich der angekündigte Eintritt Deutschlands in den Völkerbund im Orient als ein nicht nur für Sowjetrußland, sondern für ganz Asien sehr verhängnisvoller Schritt gefürchtet. Gegenwärtig aber, nachdem, ungeachtet der wenig aussichtsreichen und trüben Auspizien beim Beginn der Genfer Verhandlungen, der schließliche Ein-
*) (Inzwischen hat sich die chinesische Delegation in Genf ja auch dem Mehrheitsbeschluß gebeugt. D. Red.)
tritt Deutschlands als ein unvermeidliches Ereignis angesehen wird, mit dem man wohl oder übel zu rechnen hat, beginnt man auch im Orient die ganze Angelegenheit nüchterner und sogar hoffnungsvoller anzusehen, indem man auch ihre etwa zu erhoffenden Lichtseiten hervor- sucht.
Die politisch Urteilsfähigen unter den Orientalen beginnen es zu begreifen, daß Deutschland sich veranlaßt fühlt, um seine Interessen zu wahren, die große Komödie des Glaubens an praktisch brauchbare Ziele des Völkerbundes, ebenso wie die anderen Mächte, mitzumachen und mit den in Schafskleidern steckenden Wolfen zu heulen. Auch abgesehen davon, daß die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund als die logische Konsequenz des Vertrages von Locarno erscheint, hat Deutschland ja, unter der Voraussetzung einer in der auswärtigen Politik f e st - bleibenden Regierung, gewiß manche stichhaltige Gründe für seinen Eintritt, die ich als < Orientale mich nicht berufen, fühle hier näher zu erörtern.
Bekanntlich beruhen gegenwärtig die Sympathien aller asiatischen und afrikanischen Volker für Deutschland wesentlich auf der Tatsache, daß es keine Kolonialmacht ist, daß es keinerlei imperialistische Politik mehr treiben und wirtschaftliche Eroberungen in Asien nur noch auf freundschaftliche, von den Asiaten einzig erwünschte Art machen kann. In verschiedenen asiatischen Ländern, ganz besonders aber in China, ist diese Einstellung des Orients zu Deutschland, die diesem Lande bei richtigem Vorgehen sehr gute Aussichten für die nächste Zukunft eröffnet, in letzter Zeit schon sehr deutlich hervorgetreten.
Im Orient argumentiert man nun neuerdings so: Wenn Deutschland, dieses großes, außerordentlich arbeitsame und notgedrungen friedfertige Land, das für die nächste Zukunft aufrichtiger als alle übrigen, immer noch auf Raub ausgehenden großen Rationen die Erhaltung des Weltfriedens wünschen muß, ein tätiges Mitglied des Völkerbundes geworden ift, dann konnte dieser vielleicht doch wirklich einmal aus einem Machtmittel der alliierten Weltmächte sich in eine segensreiche universelle Institution umwandeln. Natürlich erscheint eine solche Anschauung, mag sie nun von orientalischer oder europäischer Seite kommen, immerhin heute noch etwas verfrüht und utopisch, namentlich, solange die beiden größten Länder der Welt, Rußland, bzw. die gewaltige Sowjetunion, und Nordamerika, dem Völkerbunde nicht angehören. Aber die oplb mistischen Politiker des Orients glauben, daß, wenn bisher im Völkerbunde ein ernst zu nehmender Vorkämpfer für die Interessen der unterdrückten Rationen völlig gefehlt hat, Deutschland vielleicht imstande fein würde, diese Lücke auszufüllen.
Und diese Orientalen wissen zwar, daß bie Sonne stets im Osten aufgeht, daß alle religiösen Erleuchtungen der Welt von Osten gekommen sind, wollen aber trotzdem dem Glauben noch nicht ganz entsagen, daß vielleicht doch einmal auch im Westen ein ethisches Licht aufgehen und der Welt Segen bringen kann.
Außenpolitische Umschau.
Bon Prof. Dr. Otto Hoetzsch, M.d.R.
Die französische Regierungskrise und die Neubildung des Kabinetts ausgerechnet durch denselben Ministerpräsidenten ist einer der Bocksprünge, die im parlamentarischen System aller Länder vorkommen. Einen Sinn hatte diese Abstimmung am 6. März, nachdem die Kammer eben mit überraschender Mehrheit Briand in der Außenpolitik das Bertrauen ausgesprochen hatte, in keiner Weise. Es ist auch nicht viel anders geworden. Der F i - n a n z m i n i st e r hat abermals gewechselt, und natürlich geht, wie jedesmal bei einer solchen Krise, der Ruck nach rechts weiter: Das Kartell, das nach den Neuwahlen von 1924 sich bildete, ist nun endgültig gescheitert. An der Sache selber und ihren Notwendigkeiten ändert diese Krise nichts; wir wiederholen nur das oft Gesagte, daß Frankreich seine Finanzen nicht anders sanieren kann, als durch einen wirklichen Entschluß zu Opfern, und indem es durch das kaudinische Jach einer Schuldenreglung mit Amerika hindurchgeht, die der Sache nach dann schließlich eine Art Dawes- plan für Frankreich würde.
Hoch über Stadt und Strom steht der Klim- mek, wie sie den alten Schloßberg nennen. Da oben war einst die Burg von Graudenz, ehe das Schwert der Ritter brach; dann kam die Zeit mit Verfall und Sterben, bis auf den Ruinen der Mauern Blumen blühten, und Kinder frohe Spiele spielten. Burschen und Mädchen brannten da in leuchtender Sonnwendnacht herab vom Klimmek ihre flammenden Feuer, daß die Wasser der Weichsel wie Blut so rot glühten.
Aber jetzt ist das alles ganz fern und verloren. Der Marschtritt der polnischen Bataillone dröhnt in Gassen und Straßen, der Klimmek ist vergessen mit Sonnwendlust und Feuerglut, und nur die Weichsel blieb sich gleich im Murmeln der Flut an Kahn und Böschung.
Traurig gehen die Tage über die Stadt und über die Feste, die der deutsche Offizier mit dem französischen Ramen für seinen König hielt in den schweren Tagen zwischen Iena und Tilsit.---
Weine Weichsel, alte Weichsel — bitterschwer ist der Tod im alten Westpreußenland, und aus tausend verschwiegenen Sehnsüchten, aus tausend einsamen Gebeten ist eine dunkle Wolke über Land und Strom. Alle Stunden tragen das Zeichen der Rot, und die Bauern in den Dörfern falten die Hände um Pflug und Sense und sprechen kein Wort. Hinter Monden und Iahren wissen sie ein neues Geschehen.
In breiten, wellenden Furchen zieht ein polnisches Kanonenboot auf dem Wasser. Der weihe Adler ist am Heck, fremd und feindlich in dem Blutrot der Flagge.
Unsichtbar aber über Land und Strom ist Deutschlands ewige Seele.
Luchsaugen.
Schon im Altertum schrieb man dem Luchs, griechisch Lynx, ein besonders scharfes Sehvermögen zu. er sollte mit seinen funkelnden Augen durch eine Mauer sehen können. Plinius freilich, auf den Megenberg die Luchsaugen zurückgeführt, fagt über den Luchs ebensowenig wie Aristoteles. Wahrscheinlich wurde auf den Luchs übertragen, was die Sage
von dem Argonauten Lynkeus berichtete, dessen Ramen man von Lynx herleitete. Dieser Held konnte aus der Ferne durch den Stamm einer Eiche einen sich dahinter Verbergenden sehen, auch vermochte er in das Innere der Erde und den Schatten des Reumonds zu sehen (nur diesen letzten Umstand erwähnt Plinius). Auf Grund dieser mythologischen Tatsachen läßt Goethe im Faust (2. Teil) den Turmwärter Lynkeus sagen: Augenstrahl ist mir verliehen wie dem Luchs auf höchstem Bgum. Die Schriftsteller vor Goethe wissen nichts von Lynkeus, sie reden nur vom Luchs; im Althochdeutschen (bei Rotker) kommen luhsiniu ougen vor, und Luther bemerkt einmal: Man sagt viel, daß Adeler und ßudjfe scharf sehen. Im 17. Jahrhundert erwähnt Mencke (Charlatanerie) Luchs- Augen, lyncaeos oculos. Abraham a Santa Clara versuchte eine Worterklärung mit Hilfe des lateinischen lux: „ein Liecht, so alles durchleucht, und ein Lux, so alles durchsieht" usw. Roch im 18. Iahrhundert wird von der Fähigkeit des Luchses gesprochen, durch ein Brett zu sehen, oder von luchsernen oder luchssichtigen Augen. Auch ein Zeitwort luchsen oder lugfen bringt man mit dem Luchs in Verbindung; leitet man doch auch vom Fuchs fuchsen und fuchsig ab. Im Preußischen, Schlesischen und Lothringischen bedeutet luchsen scharf lauernd sehen, in der Pfalz heißt lugse- hineinschauen usw. Aber diese Ausdrücke sind von lugen herzuleiten (preuß. —' aus einem Versteck hervorsehen). Als Derstär- kungsform von locken dagegen ist ein Zeitwort luchsen oder lucksen (auch lexen geschrieben) an» zusehen das besonders häufig in den Zusammensetzungen ab» und beluchsen auftritt, mit den Bedeutungen hinterlistig ablocken, betrügen u. ä. Man pflegt ohne weiteres darin Handlungen des Luchses zu sehen, bei denen Wohl gar die Luchsaugen als wirksam angenommen werden. Davon kann natürlich nicht die Rede fein in der Wendung (bei L. v. Francois) sich etwas (eine Braut) aufluxen lassen; ein hinterlistiges Aus- nötigen kann nur als eine Art des Verlockens angesehen werden.
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