Sein oder Nichtsein.
Ein Kriminalroman von der Wasserkante.
Don Moritz Schäfer.
20. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Seine Worte klangen, obgleich nur gef üstert, wie ein Befehl. Bergebens sträubte sich Andrea gegen die Beeinflussung ihres Willens. Es gelang ihr nicht.
Langsam erhob sic sich, und ein Schwindel er» faßte sie, als sie schleppenden Schrittes über die Beine der Mitreisenden hinwegturnte, um den Ausgang zu gewinnen. An einem Fenster des Seiten» ganges machte sie Halt und starrte hinaus in die . Nacht, die ab und zu von farbigen Streckensignolen durchblitzt war. Sie brauchte nicht lange zu warten. Mühlfeld kam und pflanzte sich, die Hände in den Hosentaschen, ohne die ihm sonst so geläufige Form zu beobachten, neben ihr auf. „Wir wollen's kurz machen, Andrea," sagte er, in dem er Umschau hielt, ob kein Lauscher in der Nähe sei, „sehen Sie, da tauchen schon die Lichter von Schwaan auf und dann sind wir gleich am Ziel! Also bitte, keine Ziererei. Die Lage ist verdammt ernst! Ich muh Sie morgen sprechen, allein sprechen, hören Sie! Alles hängt von unserer Unterredung ab. Ueberlegen Sie nicht lange, die Minuten sind kostbar. Kommen wir morgen ins Reine, ist Thomas gerettet. Wenn nicht — ja, dann ist das Ende da. Ein Ende mit Schrecken, Andrea!"
„Gut denn! Ich werde Ihnen die Unterredung gewähren. Ich hoffe, daß ich mich einem Gentleman anoertraue, Herr Mühlfeld."
„Parole d'honneur!“
„So erwarte ich Sic um sieben Uhr abends auf Hinriks Veranda. Der alte Herr geht, seiner Gewohnheit gemäß, Freitags mit Leverrenz auf die Entenjagd. In seinem House sind wir ungestört."
,^Ich danke Ihnen, meine Gnädigste! Und Ihr Gatte wird vor unserer Unterredung nichts von unseren Plänen erfahren?"
„Nein!"
„Sie werden auch verschweigen, daß Sic Mitwisserin seiner Lage sind?"
Andrea gedachte Lorenzens schroffer Abweisung, als sie vor ihrer Berliner Fahrt das gleiche Thema berührte, und sagte zu.
„Schön", erwiderte Mühlfeld und zog den Hut. „Hier ist Schwaan, meine Gnädigste. Für den Rest der Fahrt gehe ich in ein Nachbarabteil, wie Sie befohlen haben. Aber ich glaube, es war doch gut. daß ich Ihrem pereniptorischen Wunsche nicht auf der Stelle gefolgt bin. Einigkeit macht stark — wenn wir Zwei uns die Hande reichen, ist der Erfolg gesichert. Ich spreche mit kleiner Variante wie König Philipp: „Ich habe das Meinige getan, tun Sie das Ihrige." Bis morgen also, Andrea. Ich werde pünktlich sein."
XVI.
Hinriks war unwirsch. Er, der sonst in seinen vier Wänden die Gemüllichkeit selbst war, zeigte sich Leverrenz gegenüber von seiner urwüchsigsten Grobheit. Nichts konnte ihm der treue Altersgenosie recht machen, seit er gestern mittag von Berlin zu- rückgekommen war. Der Kapitän schalt und wetterte durchs Haus, als sei ein Orkan losgebrochen und laste die Leinwand klatschend um die Masten wehen. Die schlimme Laune Onkel Ottos war in erster Linie durch feine Begegnung mit Mühlfeld hervorgerufen. So 'n misorabliger Türke, ihn, den Kapitän Otto Hinriks, mit dem Sultan von Marokko zu vergleichen! Oder hatte er am Ende selbst diesen Vergleich auf Mühlfeld angewendet? In dem wackeren Seemann kreuzten sich die Erinnerungen wie Segelboote im Sturm — er vermochte sie nicht mehr auseinanderzuhalten. Nur soviel wußte er bestimmt: er ärgerte sich.
Auch über Wallot hatte er sich geärgert. Na ja, wenn man sogar von denen, die man lieb hat, mißverstanden wird — Donner und Sturm, was kann man da von der übrigen Welt erwarten! Sie hatten unter vier Augen von Margot gesprochen und Wollot war auf des Onkels frühere Aeußerung zurückgekommen: „Glaub' mir, Heinz, Margot ist glücklich in ihrer Blindheit." Bei feiner Ankunft in Rostock war alles so ros chgegangen, daß der junge.Mediziner keinen näheren Aufschluß über die merkwürdige Redewendung von Hinriks verlangen konnte. Aber er hatte darüber nachgegrübelt und war in Berlin darauf zurückgekommen.
Onkel Otto paßte das gar nicht. Aber so sehr er sich auch drehte und wand — das Lavieren nutzte
ihm nichts, auch Backbrassen und Beidrehen war ohne Wirkung. Er mußte dem Angriff standhalten, und als er eine volle Breitseite erhielt, beschloß er, zu kapitulieren.
„Mit Floskeln und Winkelzügen kämpft ein richtiger Seemann nicht", hatte ihn Wallot an der Ehre gepackt. „Bekennen Sie Farbe und sagen Sie mir, was das seltsame Wort bedeuten soll!"
„Dunnerlichting, gehst du scharf ins Zeug."
„Ich will Ihnen helfen, Segel setzen, Kaptein. Denn Sie haben sich gründlich festgefahren. Also kurz herausgesagt: Lorenzen ist nicht glücklich mit seiner zweiten Frau?"
Hinriks zuckte die Achseln. Es wetterleuchtete in seinem Gesicht.
„Es schien sich doch alles so gut anzulassen?" „Das war im Anfang, ja."
„Und jetzt?"
„Jetzt ist etwas zwischen die beiden getreten — ein dunkler Schatten, den man nicht greifen kann! Wer schuld an der Entfremdung ist — ich weiß es nicht. Sieh, Heinz, ich kenne doch Lorenzen gut genug; ich weiß, er ist ein Ehrenmann, wenn auch 'n bißchen eigen und schwer zu behandeln. Aber Andrea kenn' ich noch bester: sie ist gewiß eine Frau von seltenen Gaben, wie geschaffen, einen Mann glücklich zu machen. Hot sich auch anfangs gut zu finden gewußt in die Eigenart ihres Mannes. Aber dann ist plötzlich etwas Feindliches aufgewachsen zwischen den beiden, das ich nicht sehe, das ich über fühle in seinen Wirkungen. Es liegt etwas in der Luft, das Sturm bringt und schlimmes Wetter. Dafür hab' ich meine begründeten Anzeichen, die trügen einen alten Seemann nicht. Ich weiß, es wird zerfetzte Segel geben und gekappte Masten. Und deshalb hab' ich gedacht, es ist bester, wenn Margot — Heinz — lieber, guter Junge, ich sag' es auch heute wieder, solange es noch Zett ist: raub' dem Mädchen nicht feine glückliche Blindheit!"
Da war Heinz Wallot aufgefahren und hatte den" alten Herrn die Leviten gelesen, daß ihm die Ohren brummten. So war denn doch, potz Wetter und Sturm, seit seiner Schiffsjungenzeit kein Mensch mit ihm umgefprungen! Hätfs auch mal einer tun sollen, beim Walroß von Spitzbergen, dem hätte der Onkel die Meinung gegeigt, daß er Steuerbord nicht mehr von Backbord unterscheiden konnte. Aber dieser infamigte Lümmel, der
Heinz! Daß man den Jungen auch so ins Herz ge» schlossen hatte! Und, dem Klabautermann sei'» geklagt, daß er recht haben mutzte! Noch klangen dem Onkel die Schlußworte von Heinzens Philippika in den Ohren.
,Sie sollen sich — nehmen Sie mir's nicht übel — schämen sollten Sie sich, Kaptein Hinriks! Sie wollen ein waschechter Seemann sein, der mehr als achtzig Menschenleben dem Wellentode ab- gettotzt hat? Sie furchten sich ja wie ein Hase vor dem Schatten, den eine alte Vogelscheuche über den Weg wirst! Sie glauben im Ernste, wegen irgendeines Schemens, das irgendwo im Busch umher- kraucht, ließ ich Margot im Finstern umhertappen? Nichts fehlt diesem herrlichen Gebilde der Natur zur Vollkommenheit als das Augenlicht! Und ich sollte dem Mädchen die Sonne wiederbringen können, und könnte mich eine Minute bedenken? Nein, Onkel Hinriks, lasten Sie sich selbst ein paar Scheuklappen bauen, wenn Sie sich vor Gespenstern fürchten! Ich und Margot, wir wollen hochgemut in die Sonne schauen, und wenn's not tut, werden wir mit den Eltern zusammen festen Blickes den Feind aufs Korn nehmen."
Es ist nicht zu verwundern, dgh Onkel Hinriks über seine Absuhr verärgert mar. F^sk Leverrenz tjatte seine liebe Not mit dem Kaptein, und es fehlte nicht viel, so wäre ihm ein Pfeifenkopf um die Ohren geflogen. Aber als der Nachmittag kam und das Wetter sich aufklärte — am Vormittag war zu allem Ueberfluß noch ein griesgrämiger Rogen niedergegangen —, da kehrte allmählich auch des Onkels gute Laune wieder. Gegen sechs Uhr fuhr er ms Oelzeug, fetzte den Südwester auf und griff zur Flinte. a "
„Fink!"
„Kaptein?"
„Fertig zur Antenjagd?"
„Fertig!"
„Denn man tau!"
Und einträchtig wanderten die beiden, als ob's niemals geblitzt und gehagelt hätte, dem Breitling zu.
Das Programm war nun festgesetzt und wäre auch innegehalten worden, wenn es Pech und Schwefel geregnet hatte.
(Fortsetzung folgt.)
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