Einzelbild herunterladen

Einigung in den Pariser Lustsahrtverhandlungen.

Berlin, 13. Febr. (Wolff.) DerB o t - wärt»" weih aus Paris zu melden, daß die feit einigen Wochen zwischen Deutschland und den Alliierten geführten Verhandlungen über die Aus­hebung der Beschränkungen für den deutschen Al ug zeugbau sich dem Abschluß nöherlen. Die B o t sch a f t e r k on f e ren z fei zur Erfüllung der von Deutschland gestellten Forde­rungen grundsätzlich bereit. Sie habe jedoch ihre endgültige Zustimmung zu der verlangten Auf­hebung der sogenanntenBegriffsbestimmungen" von einer Reihe von Garantien gegen mili­tärische Verwendung der deutschen Luft­fahrzeuge abhängig gemacht. Heber diese Fragen sei es nunmehr zu einer Einigung gekommen und die beiden Verhandlungsdelegationen feien augenblicklich mit der Formulierung des endgültigen Abkommens beschäftigt, das voraussichtlich in den nächsten Togen veröffentlicht werde.

Ein deutsch-französisches Wirtschaftsprovisorium.

Paris, 13. Febr. (TU.) Die deutsche und die französische Handelsdelegation haben ein provisori­sches Teilabkommen unterzeichnet. Das Ab­kommen besteht darin, daß für gewisse französische landwirtschaftliche Saisonerzeugnisse bei der Ein­fuhr nach Deutschland die Meistbegünstigung ge­währt wird. Deutschland erhält den Minimaltarif oder Abschläge auf den Unterschied zwischen den bei­den französischen Tarifen zugebilligt für gewisse chemiscl)c Produkte, für Gruppen von landwirt­schaftlichen Maschinen, geschnilenes Holz und Möbel. Dieses Provisorium ist mit einer Geltungsdauer von drei Monaten abgeschlossen, wobei die beiden ver- Iragschließenden Teile die Hoffnung haben, daß sic beim Ablauf dieser Frist die Verhandlungen über den endgültigen Vertrag zu Ende geführt haben werden.

Die Locarnoverträge vor der französischen Kammer.

Puris. 12. Febr. (WB.) Der Kamme r - ausschuß für Auswärtige Angelegenheiten hat unter dem Vorsitz des Abg. Franklin CB o u t f- lon mit der Prüfung des Berichtes Paul Don- cours über die Abkommen von Locarno begonnen. Aach demTemps" sprachen sich die verschiedenen Redner für die Annahme der Abkommen unter gewissen Voraussetzungen und Vorbehal­ten aus. Man sei zu der Ansicht gelangt, daß diese Abkommen an Stelle der Bündnisse ein juristisches Instrument setzen, das dazu bestimmt sei, Frankreich Garantien zu liefern unter der Voraussetzung, daß es im Geiste des guten Willens ausgelegi toerbc, Frankreich werde dadurch allerdings nicht von der Ver­pflichtung befreit, sorgsam die Ereignisse im Hin­blick aus die Aufrechterhaltung seiner Sicherheit zu überwachen.

Amerikas Kriegseintritt.

Reu York, 13. Febr. (TH.) Im amerikani­schen Senat fand eine erregte Debatte über den Grund für Amerikas Kriegseintritt statt. Senator Dill bestritt, daß die Torpedierung der Lusitania" und der deutsche Einmarsch in Belgien die Ursache gewesen fei. Amerika habe lediglich seinen Handel und die Interessen der amerikanischen Ban­kiers schützen wollen und sei darum in den Krieg eingetreten. Wilson sei unter der Pa- . rote, Amerika vom Kriege fern zu halten, ge­wählt worden. Damals aber sei dieLusitania" bereits gesunken und die Deutschen in Belgien einmarschiert gewesen. Dill bezweifelte, daß Qlme* rika in den Krieg eingetreten wäre, wenn Deutsch« land nicht den uneingeschränkten H-Doot- krieg erklärt hätte. 2tuf die Frage des Sena­tors Reed, ob Dill nicht glaube, daß der Tod amerikanischer Frauen und Kinder durch den Untergang der »Lusitania" der Anlaß für Ame­rikas Kriegseintritt gewesen sei, erwiderte Dill, daß Amerika damals ja gar nicht in den Krieg eingetreten sei. Abgesehen davon hätten die Ame­rikaner verhindern sollen, daß amerikanische Staatsangehörige auf der .Lusitania" mitführen, denn sie seien nur zurVerschleierung und Sicherung des Munitionstranspor- tes benutzt worden.

Ein Ehrenmal für die gefallenen deutschen Krieger.

Berlin, 12. Febr. (WB.) Reichsprä­sident v. Hindenburg empfing heute nach­mittag die Vertreter des Kyffhäuserbun- des, des Reichsbanners Schwarzrot- g o l o, des Stahlhelmes und des Reichs- bundes jüdischer Frontsoldaten, die in Geg enwar t des Reichsministers dem Reichspräsidenten den gemein­schaftlichen Wunsch der Front- kämpserverbä nbe mitteilten, im Herzen Deutschlands als Gedächtnisstelle für die Ge­fallenen des Welttrieges einen Ehrenhain zu schaffen. Deretts über hundert deutsche Städte haben sich bereit erklärt, Grund und Boden und finanzielle Zuschüsse zur Verfügung zu stellen. .Von verschiedenen Seiten wird ein Chrenhain am Fuße des Kyffhäuser ober i m Parte von Weimar vorgeschlagen. Eine Entscheidung ist bisher noch nicht gefallen. Das Aeichsinnenministerium ist jedoch bestrebt, die Entscheidung zu beschleunigen. Bereits vor län­gerer Zeit ist beim Reichsrat ein Ausschuß ge­bildet worden, dem u. a. der Reichskunstwart Dr. Redslob, der preuhi sche, sächsische und hessische Gesandte sowie ein Ver­treter des Hamburger Senats ange­hören. Innerhalb der Organisationen wird wahr­scheinlich eine großzügige Sammlung für die aeplante Gedächtnisstätte eingeleitet werden, die i'te Schaffung erheblicher Mittel beanspruchen dürfte.

Der Konflikt bei der Reichsbahn.

Berlin, 12. Febr. (Wolff.) lieber den Streit­fall der Unzulässigkeit der Unverbindlich­keitserklärung von Schiedssprüchen durch die Deutsche Reichsbahngesell- schäft ist nunmehr von beiden Seiten die Ent­scheidung durch das Reichsbahngericht vorgeschlagen worden. Die Deutsche Reichsbahn- gesellschaft hat den früheren Vorsitzenden des Reichsbahnamtes, Wirk!. Geheimrot Fritsch in Hannover, die Reichsregierung den Vorsitzenden

der Gesellschaft für Soziale Reform, den Präsi­denten des sächsischen Oberoerwaltungsgerichts, Wirkt. Geheimrot No sitz Drzewemiecki- Dresden, vorgeschlagen. Reichsbohngesellschaft und Reichsregierung haben das Reichsbahngericht über­einstimmend um möglichste Beschleunigung des Ver­fahrens gebeten.

hauchalts-ebatte im Reichstag.

Berlin, 12. Febr. Fortsetzung dar ersten Etatsberatung.

Abg. Dietrich-Baden (Dem.) Der ver­flossene Reissinanzminister habe es versäumt, rechtzeitig die Steuern abzubauen, die sich als untragbar für die Wirtschaft erwie­sen. falsch sei die Darstellung, daß bei der Annahme des Dawespaktes die mit Ja" stimmenden deutschnationalen Ab­geordneten diese Haltung gegen den Willen ihrer Fraktion eingenommen hätten. Tatsächlich sei das jetzt auch durch Gerichtsurteil festgestellt. Sie hatten auf Beschluß der Fraktion gehandelt, die sich der Deutschen Volkspartei gegenüber verpflichtet hatte, die zur -Mehr­heit für das Reichsbahngcseh erforderlichen3a"- Stimmen zu liefern. Das Finanzprogramm des neuen Ministers fei nur durchführbar, wenn es von einer brutalen Sparsamkeit i m Reich begleitet ist. Beim Arbeits-», Verkehrs- und Finanzministerium könne am Verwal­tungsapparat viel gespart werden. Zu einer großen Kampagne gegen die Dawes- gesehe sei die jetzige Zeit nicht geeignet. Die Ermäßigung der Umsatzsteuer sei ein Fortschritt, aber ev müsse die völlige Beseitigung dieser ro^en und unsozialen Steuer verlangen.

Abg. Drewitz (W. Dgg.) begrüßt die cut- gekündigte Steuersenkung und die Erklärung des Ministers, daß mit der Steuergesehemacherei Schluß gemacht werden solle. Am besten wäre die vollständige Beseitigung der Hmfatzsteuer.

Wenn das heute noch nicht möglich fei, müßte wenigstens die erhöhte Umsatzsteuer, die soge­nannte Lurussteuer, in vollem Umfange beseitigt werden. Der Redner fordert die Beseitigung her Hausz inssteuer. Besonders ungerecht sei ihre Einziehung von den Gewerbetreibenden, weil gewerbliche Räume aus dem Ertrag der Hauszinssteuer gar nicht geschaffen werden. Die Durchführung des Steuerabkommens sei nur mög­lich, wenn der Reichstag den Beschluß von Mehr­ausgaben unterlasse. Die Wirtschaftliche Ver­einigung werde den Minister in seinem Kampf gegen solche Ausgaben unterstützen. Die staat­liche Wirtschaftspolitik müsse auf die Erhal­tung eines gesunden Mittel st andes bedacht sein. Würde die Vermögenssteuer erst mit einem höheren Satz beginnen, dann würden sich die Spareinlagen wesentlich vermehren, der Wirtschaft und dem Reich zum Ruhen. Rot­wendig sei eine radikale Vereinfachung des Steuersystems.

Reichsfinanzminister Dr. Reinhold.

Selbstverständlich sind Steuerherabsetzungen immer mit einem Einnahmeausfall des Staates verbunden. Man hat mir oft einen Vorwurf daraus gemacht, daß ich infolge der Ankündigung der Steuerserckung mir nicht das für einen Fincrnz- mimfter normale Maß der Hnpopularität ver­schafft habe. Diese Erwägung kann mich aber nicht zur Hnterlaffung von Steuersenkungen be­stimmen, wenn ich sie mit dein Staatsintereffc für vereinbar und im Interesse der Wirtschaft und des Volkes für unbedingt notwendig halte. Auf Grund sorgfältigster Berechnungen kann ich erklären, daß die Steuersenkung nicht zu einem Defizit führen oder An­leihen notwendig machen könnte. Es bleibt auch ein ausreichender Fonds an Be­triebsmitteln bestehen. Durch den Ver­waltungsabbau im Reich, Ländern und Gemeinden rechne ich auf ganz gewaltige Erspar­nisse. Rotwendig ist freilich eine Zurückhal­tung in den Ausgaben.

So sehr wir die Pflicht haben, die Rot der Erwerbslosen zu erleichtern, so müssen wir uns doch daran gewöhnen, nicht an den Symptomen herumzukurieren, sondern das Hebel an der Wurzel zu packen, nämlich durch eine gesunde Wirtschaftspolitik, durch gute Handelsverträge und ein gut aufge­bautes Steuersystem die Ursachen der Ar­beitslosigkeit zu beseitigen.

Wenn Abg. Hergt die Befürchtung äußerte, daß das Vertrauen des Auslandes zur deut­schen Finanzpolitik schwinden könnte, so ist daraus zu antworten: Gerade durch die als Folge übermäßiger Steuerbelastung eingetretene Rot der Wirtschaft ist das Vertrauen des Auslandes ge­sunken. Wenn wir durch eine schnelle mutige Tat die Wirtschaft entlasten und ihr neue Bewegungsfreiheit geben, bann wird auch das Actsland wieder größeres Vertrauen in die deutsche Wirtschaft setzen (CBeifall) Wir dürfen nicht in übertriebenem Pessimismus die schlechte Zeit, die wir jetzt durchmachen, als normale ansehen, sondern müssen davon ausgeheir, daß eine gesund« Wirtschaftspolttik gesunde Staats­finanzen mit sich bringt und daß wir darum b i e Steuerlasten gerecht unb wirtschaft­lich tragbar machen müssen. (Beifall.) Selbstverstänblich ist die Voraussetzung für den Steuerabbau, baß wir nicht bie Ausgaben im großen Ilmfange erhöhen. Das werben wir auch nicht nötig haben, wenn wir burch eine gesunde Wirtschaftspolitik das Hebel an der Wurzel packen. (Beifall.)

Abg. Dr. Horlacher (Bayer. Vp.): Rot- wendig sei eine klare systematische Abgrenzung der Aufgaben von Reich unb Ländern. Darüber müßte eine Verständigung gesucht werden durch eine Konferenz, auf der Reich und Länder gleich­berechtigt vertreten find. Die Bayerische Volks- Partei werbe es sich sehr überlegen, ob sie der Senkung ber Fusions- und Börsenumsatzsteuer zustimmen könne. Bei ben Vorauszahlungen zur Einkommensteuer seien Erleichterungen bringenb notwendig.

Abg. v. Gräfe (Völk.) betont, die Rede des neuen Finanzministers habe etwas Bestechen­des gehabt und Ideen enthalten. Diese Rede sei eine vernichtende Kritik ber Finanz­politik seiner sämtlichen Amtsvorgänger. Das Programm des neuen Finanzministers decke sich in den meisten Punkten mit den Forderungen, die die Völkischen schon feit Jahren gestellt hätten und meist gegen den Widerspruch der Demokraten. Große Bedenken seien nur geltend zu machen gegen die Senkung ber Fusionssteuer und ber Dörsenumsahsteuer. Alle Maßnahmen für hie Gesundung ber Wirtschaft würben zweck­los fein, solange die Belastung Deutschlands durch bas Dawesabkommen und die Reparationen nicht 1

beseitigt seien unb nicht die Kaufkraft des in­neren Marktes gehoben sei. Damit schließt die Aussprache. Die Etats werden dem Haushalts­ausschuß überwiesen.

Aus dem Finanzausschuß des Hessischen Landtags.

(Von unserer Darmstädter Redaktion.)

D a r m st a b t, 12. Febr. Der Finanzausschuß des Hess. Landtags setzte heute seine Beratungen bei Kapitel 118 (Ausleihungen unb Staatsschul- ben) fort; das Kapitel wurde einstimmig ange­nommen. Hierauf wandten sich die Beratungen dem zweiten Teile des Voranschlags, der Ver­mögensverwaltung, zu. Kapitel 119 (For­sten imb Kameralgüter unter Forstverwaltung) wurde genehmigt. An die Regierung wurde ein Antrag gerichtet, einen Rachweis über das Ver­mögen unb die Schulden des hessischen Staates vorzulegen. Die Regierung erklärte sich bereit, die gewünschte Ausstellung in aller Kürze zu liefern. Bei Kapitel 120 (Siedlungswesen) wurde von der Regierung um die Ermächtigung nachgesucht, Kreditreste für die nächsten zwei Jahre zu ver­wenden. Die Ermächtigung wurde »rteilt unb das Kapitel genehmigt. Bei Kapitel 124 (Bad Salzhausen) würbe die Regierung ermächtigt, einen Krebitrest im Betrage von 5000 Mk. zur Herstellung eines Gewächshauses zu verwenden. Das Kapitel wurde genehmigt, ebenso Kapitel 125 (An- und Verkauf von Staatsgütern), desgleichen Kapitel 126 (Heberschüsse unb Fehlbeträge). Zu Kapitel 129 (Hochbauwesen) beantragte zu Titel 5 (Lanbes-Heil- unb Pftegeanstalt Philippshospita,. bei Goddelau) Abg. HaurY a) für ben Reubau ber Fvauenabteilung die erste Rate von 200 000 Mk. zu streichen, b) für ben Reubau der Männerabteilung die erste Daurate von 150 000 Mk. ebenfalls zu strei­chen. Die zur Zeit von ben Beamten bewohnten" Krankenräume sollen ihrem ursprünglichen Zweck wieder zugeführt werden. Der Antrag wurde mit 7 gegen 5 Stimmen angenommen. Im übri­gen wirb bas Kapitel genehmigt.

Kap. 133 (Hochbauwesen des Landesbil­dungsamtes) wurde genehmigt; darunter auch für die Herstellung einer Fernsprechanlage für das gesamte Klinikgebiet 40 000 Marl. Ferner wurden bewilligt Kap. 136 (Boden- verbesserung unb Wassermelioratton) unb Kap. 142 (Hochbauwesen für die Justizverwaltung). Dazu wurde für ein Anttsgerichtsgefängnis die erste Baurate im Betrage von 140 000 Mark ge­nehmigt. Ferner wurden die Forderungen be­willigt für die Kapitel 145 (Brücken unb Heber« fahrten), 146 (Bauwesen), 147 (Beteiligung des Staates an Wasser- und Elektrizitätsversorgung unb an Flugverkehrsverbindungen) unb 148 (Aus­leihungen und Staatsschulden). Der Ausschuß beriet sodann eine Regierungsvorlage, in her sämtliche Bauten und Hr. rhaltungskosten aus allen Kapiteln zusammengestellt sind. Die Re­gierung beantragt die Vorgenehmigung von 5 320 000 Mark, damit noch bis zum Herbst diese Bauten berge ft eilt werben können. Der Ausschuß stimmte der Forderung zu, aber unter dem Vorbehalt, baß, wenn in einem Ka­pitel eine Streichung vorgenommen wirb, dieser Betrag von ber Summe abgesetzt werben muß. Der Finanzausschuß bekräftigte sich ferner mit einem Anträge Dlank-Weckler zu Kap. 75, der die hessische Regierung aufforbert, bei ber Reichsregierung bahin vorstellig zu werben, bah beim Abschluß von Hanvelsverträ- gen alle Zweige der Landwirtschaft geschützt werden. Der Antrag wurde ber Regierung als Material überwiesen. Ein weiterer Antrag Weckler-Blank, bei der Reichsregierung vorstellig zu werden, daß die Preise für landwirt­schaftliche Dedarfsartik el gesenkt werden, wurde angenommen. Der Ausschuß be­gann dann mit ben Beratungen ber Anträge, die zum Kapitel Theater vorliegen; Abstim­mungen wurden aber noch nicht vorgenommew

Kunst und Wissenschaft.

Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft.

Die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft versammelte die Spitzen der Reichs- und Londes- behörden, führende Palamentarier unb Wissenschaft­ler in ihren Räumen im Berliner Schloß zu einem Bierabend, um den von ihr angeregten und dank der Hilfe des Reichstags in Angriff genommenen großen Volksaufgaben die innere Begründung zu geben. Unter den Erschiennen bemerkte man u. a. den Reichskanzler, Reichsminister Dr. Külz, Reichssparkommissar S ä m i s ch, Reichstagspräsi- benten Löbe, ben preußischen Kultusminister Dr. Becker sowie bie führenben Kulturpolitiker ber großen politischen Parteien im Reichstag. Geheim­rat Schenck (Münster) sprach über Metallfor- schungen. Professor Nägel (Dresben) referierte näher über bas uns einzig übriggebliebene Macht­mittel im Wettbewerb ber Völker, unsere kulturelle Grunblage. Der Reichskanzler gab zum Schluß in warm empfunbenen Worten seiner Ueber- zeuguna von ber hohen Bebeutung ber wissen­schaftlichen Forschung Ausbruck.

Furtwängler in Neuhork.

Der berühmte Leipziger Dirigent. Rachfolger Rikischs am Gewandhaus. Wilhelm Furt­wängler, ber mit dem Philharmonischen Or­chester nach fast einem Jahre wieder in Reuyork gastierte, wurde hier aufs herzlichste aus­genommen. Das erste Konzert, in welchem u. a. Beethovens Ouvertüre zuEgmont". Mo­zartsKleine Rachtmusik". Brahms 4. Sinfonie und WagnerSMeistersinger-Ouvertüre" zur Vorführung gelangten, wurde mit lebhaftem Bei­fall aufgenommen, der besonders stark nach ber Brahmsschen Sinfonie unb am Schlüsse war. Die Presse rühmt die korrekte und doch machtvolle Interpretation unb hebt hervor, daß das Or­chester keinen leichten Stand gehabt habe, da es nach Toscanini aufgetreten sei.

von westdeutschen Universitäten.

Der ordentliche Profesior für Strafrecht an der Uniorsität Heidelberg, Graf Dohna, hat einen Ruf an bie Universität Bonn als Nachfolger bes nach Frankfurt a. M. berufenen Professors Heim- Verger erhalten. Der Direktor bes Physikali­schen Instituts ber Universität Marburg, Professor Dr. Clemens Schäfer, hat einen Ruf an bie Universität Breslau als Nachfolger bes verstor­benen Physikers Lummer erhalten.

Ehrung Einsteins.

Der Präsident der Königlich britischen Astronomischen Gesellschaft teilte bie Verleihung ber goldenen Medaille an Einstein mit unb fugte hinzu, es sei der heim­

lichste Wunsch ber Gesellschaft, bah bie Zukunft! Einsteins weitere wissenschaftliche Triumphe brin­gen möge, wie sie ihm bereits zu einer der hervorragendsten Persönlichkeiten der modernen Wissenschaft gemacht hätten.

Aus aller Wett.

Schwerer Automobilunfall.

In Elze ereignete sich in brr Rähe des Bahnhofs ein schweres Automobilunglück. Zwei junge Mädchen überhörten die Warnungs­signale eines Lastwagenzuges unb würben über­fahren. Beide Mädchen waren sofort tot«

Zwei Kinder verbrannt.

In K ö tz i n g (Bayerischer Wald) entstand in dem von dem Händler Siörscr zur Ausübung seines Gewerbes verwendeten Wohnwagen durch einen Luftzug Feuer, wobei die zwei 3 unb l1/» Jahre alten Kinderchen so schwere Brandwunden erlitten, daß sie bald darauf ver- starben.

Erstickt.

In Königsmark bei Osterburg in ber Altmark geriet in einem Massenquartier für polnische Schnitter Holz, bas zum Trocknen hinter ben Ofen gelegt worden war,iys Schwelen. Zwei Kinder im Alter von 2 utw 3 Jahren, die sich in dem Raum befanden, find burch den Qualm erstickt.

Aus -er Provinzialhauptsta-t.

Gießen, den 13. Februar 1926. /

Die (Bieftener Fassencrcht

vor fünfzig und mehr Jahren.

Von einem ehemaligenTürken".

Dos Verbot des Fastnachtstreibens am Fast- nachtsbienstag unb ben diesem oorhergehenben Sonntagen mit ihren öffentlichen Kappenfitzungen hat manchen unserer jungen unb älteren Mitbürger unb ebenso manche lebenslustige Mitbürgerinnen jeben Alters verstimmt. Es war ja auch zu schön, von Neujahr ab sich im Geiste ober in Wirklichkeit mit bem Schalk beschäftigen zu können, ber zwi­schen Neujahr unb Aschermittwoch recht vielen int Nacken saß. Das Beispiel ber benachbarten Rhein­provinz, ber Heimat bes fasinachtlichen Possen- spiels, wirkte ansteckenb auf bas sonst kühle Ober-, Hessen, besonbers aber auf deren westliche Haupt­stadt Gießen, bie in mgncher Beziehung von ihrer Nachbarstabt Wetzlar karnevalistischinfiziert" würbe.

Enbe ber 60er Jahre bes vorigen Jahrhunderts war es berCarneval-Verein Türkei", ber sich burch wieberholteKappensitzungen", zu benen laut amtlich-närrischem Verbot Kinber unb Hunbe keinen Zutritt hatten. währenb ber Fast- nachtszeil bie Pflege berNarrethei" in Gießen angelegen sein ließ. In diesen Kappensitzungen wurden bie Ereignisse derletzten" Tage in mehr ober weniger packender bzw. juckender Form be­sprochen, besungen unbverbichtet". Für seine Zwecke machte sich berCornevaloerein Türkei" auch die Presse dienstbar. DieFostenbrehel, "Tür­kisch-närrisches Carnevalsblättchen" z. B. führte sich im Jahre 1865 (ob bas ber erfte Jahrgang gewesen, konnte Schreiber bieses nicht fcftftellen) mit folaenben Zeilen ein:

Was wir bezwecken, fraget Ihr, Mit unf'rerFastenbretzel"?

Schaut nur hinein, Ihr finbet hier Die Auflösung oom Rätsel. )

Es wirb nichts aus der Kart' geschwätzt \ Unb kein Prospectus her gesetzt. >

Warum? Es sagt ber Rebakteur, Weil bies zu avgebroschen wär'.

Doch scheint's: Weil ganz ex fausübus DieFastenbretzel" leben muß.

Das Blättchen erschien wöchentlich Freitags unb kostete 2 Kreuzer. Wer irgenb etwasbexiert" hatte, konnte sicher sein, baß seine Moritat in ber Fastebretzel" nach Noten gewürbigt würbe.

DieTürkei" setzte ihr karnevalistisches Treiben bis gegen Enbe ber siebziger Jahre fort, ihre Ver­anstaltungen, bic meistens inWenzels Garten" (jetziges Stabthaus an ber Bergstraße) ftattfanben, waren immer gut besucht, unb wer gesunben, nir- genbs anstoßenben Humor suchte, kam auf seine Rechnung. Die von berTürkei" veranstalteten Fastnachtszüge konnten sich sehen lassen, sie brach­ten ganz Gießen mit Umgegenb auf die Beine.

Im Gegensatz zu heute, wo ben meisten Men­schen burch ben verlorenen Krieg ber Sinn für Fastnacht unb Karneval abhanben gekommen ist, herrschte sechs Jahre nach dem gegen Frankreich gewonnenen Kriege von 1870/71, Freude unb Karnevalszug war ber schönste, ber je in ben Mauern Gießens umherzog", schrieb berGieß. Anzeiger" unterm 1. März 1876, unb zählte bann bie ein­zelnenPiöcen" auf, aus benen ber Zug zusam­mengesetzt war. Alles schwamm in Wonne an diesem Tage unb viele am Abend buchstäblich m Bier: der einheimische Stofs:H'essebier" war so vorzüglich, baß man nicht gar streng richtete über btejenigen, bie am Morgen bes Aschermittwoch einen Kater ober besten gemütlicheren Vetter, einen Affen, mit nach Hause brachten.

Wir wollen nicht murren über bas Geschick, das uns in den letzten Jahren die Fastnachtsfreube raubte. Wenn in hoffentlich nicht allzulanger Zeit im benachbarten freien Rheinland Prinz Karneval fein Zepter wieder kräftig schwingt, werben auch seine treuen Mannen in Gießen ihren Ein- und Umzug freudig halten, und es wird sich dann er­füllen, was dieFastebretzel" zumrührend-när­rischen Abschieb vom geneigtn Leser" schrieb:

Bebenkt, ber Fasching ist bie Zeit der Spässe; Mag auch ein Spaß mal herb unb bitter sein: | Der Carncval bedarf der freien Presse. i

Die Maskenfreiheic ist schon lange mein.

Ein ernstes Wort in ernster Zeit.

Für 5 6 3 Goldmillionen Reichs­mark hat Deutschland vom 1. Oktober 1924 vis 30. September 1925 in Gartenbauerzcugnisscn (Obst, Gemüse, Blumen, Pflanzen usw.) vom Ausland eingeführt und zwar in einem Jahre, das feit dem Kriege das wirtschaftlich schwächste war. In derselben Zeitspanne des Vorkriegsjah­res 191213 betrug die Einfuhrziffer nur 3 1 0 G o l d m i l li o n e n, trotzdem wir damals reicher und bevölkerter waren. Wir können zwar als verarmtes, aber doch in der Weltwirtschaft un­entbehrliches Land die Einfuhr nicht abschaffen, sonst würde in demselben Augenblick auch un­sere Ausfuhr stocken, auf die wir doch mehr als je zuvor angewiesen sind. Freilich dürfen wir dabei nicht Dergeffen, daß bei der Einfuhr auch den breiten Volksbedürfnissen mehr ober weniger Rechnung zu tragen ist.

Wir können und sollen uns aber etwas mehr auf unser Deutschtum, sowie auf den Krieg und