Siebener Anzeiger (Seneral-Anzetger für Vberhessen)
Mittwoch, 15. Zanuar \926
Nr. 10 Zweites Blatt
Das Problem der künstlerischen Erziehung' Von Dr. Richard Müller-Freienfels.
Durch Meile Kreise, nicht nur der deutschen, nein, der gesamten europäisch-amerikanischen Kuliurwelt geht seit einem Jahrhundert die Forderung einer „Erziehung zur Kunst". Diese Forderung ist geboren aus der Rot, der seelischen Rot einer Zeit, darin infolge einseitiger- Ausbildung des Verstandes die natürlichen, ästhetische Instinkte des Menschen unsicher geworden sind: sie ist die Sehnsucht eines Geschlechts, das, in naturfernen Städten zusammengedrängt, inmitten des Grau in Grau dieser Steinmassen die Pflege der Gemütsseite des menschlichen Wesens als zwingende Rotwendigkeit empfindet. Mit Schrechen bemerken aufmerksam^ Beobachter der Zeit des Erlöschen jener schöpferischen Fähigkeiten, die man bei Raturvölkern und in früheren Epochen unserer Kultur in so erstaunlichem Mähe findet: man bemerkt den Mangel an Geschmack, der sich in der Anlage der Städte wie in der Einrichtung der Wohnungen, in dem Vordringen der mechanisierten Musik der Grammophone und des Rundfunks an Stelle der Freude am eigenen Singen und Sagen und in tausend anderen Dingen kundgibt. Das Kennzeichen des modernen Zivilisationsmenschen ist die Mechanisierung des gesamten Lebens, die wenig Raum mehr läßt für alles, worin sich die 'Persönlichkeit des Menschen Ausdruck zu schaffen vermag. Die Maschine, ursprünglich als Dienerin des Menschengeschlechts gedacht, hat sich zu seiner Herrin gemacht, hat das gesamte Leben mechanisch werden lassen. Die Zahl, die Masse, die reine Quantität dominieren auch in unserem Geistesleben: ihre Herrschaft hat das „Volk" zum „Proletariat" erniedrigt, hat aber auch die „gebildeten" Individuen vielfach zu Derufsmechanrsmen und Rechenmaschinen herabgewürdigt. Bildung, in den Zeiten Herders, Goethes, Humboldts ein herrlicher Begriff, der die Entwicklung des gesamten Menschen meinte, ist eine Angelegenheit des Kopfes getvorden. Kurz, au£ der Sehnsucht eines in der Oedigkeit dieser mechanisierten, intellek- tualisierten Zivilisation gefangenen Geschlechts ist der Ruf nach künstlerischer Erziehung geboren. Durch sie hofft man zu finden, was in der natur- fernen Zivilisation verloren ging: den Sinn für Qualität, für lebendige Schönheit, für Gemüts- werte, kurz, für eine harmonische Ausbildung der gesamten Persönlichkeit. „Erziehung zur Kunst" braucht nicht gemeint zu sein im Sinne des Aesthetenschlachtrufs „L'art pour fort!" Erziehung zur Kunst wird stets auch Erziehung durch die Kunst sein müssen, da die Kunst nicht isoliert betrachtet werden darf, sondern unter Anerkennung ihrer Eigenwerte stets auch als unentbehrliches Mittel zur Entfaltung eines freien, ganzheitlichen Menschentums, jener „Totalität", die schon Friedrich Schillei' als Ziel der ästhetischen Erziehung hinftellte.
Ratürlich ist hier mit dem Worte „Erziehung zur Kunst" nicht ausschließlich die fachmännische Ausbildung von Berufskünstlern gemeint, obwohl diese nicht jener „allgemei- n e n" Erziehung zur Kunst, die wir in erster Linie im Auge haben, schroff gegenübergestellt werden darf. Erziehung zur Kunst kann uns weder heißen, daß etwa jeder' Mensch zum professionellen Künstler herangezüchtet werden soll, noch aber anderseits, daß etwa ein vom echten Künstlertum grundsätzlich unterschiedener allgemeiner Dilettantismus das Ziel wäre. Wir sind vielmehr dec Meinung, daß das raffinierte Dir-
*) Aus dem kürzlich erschienenen Buche „Erziehung zur Kunst", das die Kunsterziehung als allgemein menschlich-kulturelles Problem behandelt. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig.
Die Jugend in England.
Von Heinz Rocholl.
Die literarische und pädagogische Bewegung des „Zeitalters des Kindes" hat hauptsächlich von England ihren Ausgang genommen, und es herrscht noch heute auf dein Kontinent vielfach die falsche Ansicht, daß die britische Jugend, so wie es die deutsche radikale Schulreform und Jugendbewegung fordert, ein von der Nation und ihren natürlichen Lebens- zusammenhängen geistig losgelöster Bolksteil sei, verhätschelt und verzogen, eiaennnig und starrköpfig. Die modernen Schulversuche in Deutschland haben geflissentlich das Märchen von einer völlig liberalen ennglischen Jugenderziehung verbreitet, glaubten sie doch damit, ihre eigene geistige Verstiegenheit und gefährliche pädagogische Experimentiersucht am besten zu verteidigen. Nichtsdestoweniger handelt es sich dabei um eine Fabel und um ein schweres Mißverständnis: sicherlich ist die Beachtung, .die die englische Oeffentlichkeit der Erziehung des jungen Geschlechts schenkt, größer als in in Deutschland, wo mindestens bis zum Kriege lediglich berufliche und fachliche Interessen der Schulmänner die Bildung des Nachwuchses bestimmten und sicherten. Gewiß steht die schwärmerische Verehrung des „Kindes" und seiner liebenswürdigen Vorzüge für den Deutschen seltsam da, stößt sogar den nüchternen Praktiker der Jugendführung ab, aber es ist auf der anderen Seite ein schwerer Irrtum, hierin und in der eigentlichen Erziehung ein Entgegenkommen an die individualistische Geistesschule der französischen Aufklärungszeit zu sehen, die das „Menschentum 011 .stch" vergottet und in Wirklichkeit alle echten nationalen Bindungen zerstört (wie die deutschen „Entschiedenen Schulreformer"). Naturgemäß ist der Besitz von Kindern in einem Lande hoher und alter Zivilisation, d. h. geringer Familienkopfzahl, wertvoller als in agrarischen oder halbagrarischen Staaten eines durchschnittlich niedrigeren Lebensstandards, d. h. größeren Kinderrreichtums: ebenso muß der Einzelwert des Menschen in einem Muttervolk hoch fein, das zur Aufrechterhaltung seines riesigen Kolonialreichs und zur Niederhaltung und inneren Angleichung feiner Tochternationen auf den dauernden Export hochgualifizerten Menschenrnaterials (Beamte, Offiziere, Farmer) angewiesen ist. Daraus erklärt sich, daß die Ausbildung der intellektuellen Oberschicht, aber auch der Mittelklassen, als eine wichtige nationalpolitische Angelegenheit schon im stützen Kindesaltcr den Einzelmenschen . . . und nur ihn . . . erreichen will.
Jugend und
tuvsentum einzelner Berusskünstler ein Abweg ist, wenn man in der Kunst eine Sache des Volkes sieht, daß vielmehr in beinahe allen Menschen der Keim nicht nur zu künstlerischem Racherleben, nein auch zu künstlerischer Schöpfertätigkett, d. h. zu künstleritchem Ausdruck und Gestaltung, steckt, nicht nur als Anlage, auch als notwendiges Lebensbedürfnis. Wenn das nicht bei jedem einzelnen Menschen nachzuweisen ist, so liegt das daran, daß der Mensch diese Anlagen hat verkümmern lassen, was zugleich Verarmung und Verödung keines gesamten Menschentums einschlieht. „E r z i e h u n g z u r K u n st" indem hier gemeinten Sinne soll heißen: Weckung und Entwicklung der in jedem Menschen liegenden Anlagen und Bedürfnisse zu k ü n st leri s chem Erleben, sei es genießendem Racherleben, sei es schöpferischer Betätigung als Ausdruck und Gestaltung. Das Künstlertum im berufsmäßigen Sinne ist Nur eine besondere Steigerung allgemein-menschlicher Anlagen und Fähigkeiten. Das Genie ist nicht „Monstrum per excessum", ein vom gewöhnlichen Menschentum artlich unterschiedenes Wesen, sondern es ist allgemeines Menschentum in reinster Entfaltung. Richt darum, weil das Genie Erlebnisse hätte, die allen anderen versagt wären, vermag es auf diese andern zu wirken, nein gerade, weil es zu reinstem und feinstem Ausdruck bringt, was in allen Seelen dumpf und keimhaft schlummert, weil es die latenten seelischen Energien aller verbindet, darum ist es von allgemeiner Bedeutung. Erziehung zur Kunst soll also bedeuten: Soweit es möglich ist, jedem Menschen die Fähigkeit zu Ausdruck und Gestaltung zu verleihen und dort, wo das nicht möglich ist, wenigstens die Fähigkeit, an den von anderen geschaffenen Werken dem eigenen Leben Ausdruck und Gestalt zu gewinnen.
Dom Ur tum und Ewigen.
Von Wilhelm von Scholz.
Es liegt im Wesen der Menschen, daß sie die Entwicklung und Wandlung, die Fortschritte der Zeit und Dinge mehr erfassen und betonen als Den Zusammenhang, das durch die Zeiten Gleichbleibende, welches doch wohl das Bedeutsamere und Wichtigere ist. Cs ist ein natürlicher Vorgang: die Fortschritte sind unser Werk, auf sie hat sich unser Geist, unsere Kraft gerichtet, sie haben unser Erstaunen erweckt, sie beschäftigen uns tiefer als das Alte, immer Dagewesene, das uns von Kindheit an selbstverständlich war und nicht weiter beachtenswert scheint. Langsam reift dann in uns die große Täuschung, als ob der Unterschied unserer Zeit und unseres Lebens von dem frühesteir Menschen wesentlicher sei als das, was uns mit ihnen verbindet. Diese Täuschung ist nicht so gleichgültig, wie sie scheint. Sie vermindert das Hei- matsgesübl, welches vor allem ein Zusammenhangsgefühl, ein Gefühl des unendlichen Beruhens ist, und steigert die Fremdheitsgefühle, ändern sie den Menschen einen kurzen Zeitraum mir als seinen Lebensboden und daneben die Gewißheit empfinden läßt, daß auch ihn die Entwicklung rasch überholen wird. Dadurch kommt Rast und ilnraft in das Lebensgefühl, das ein sicheres, ruhiges und klares sein muß, wenn die Tiefe des Lebens in Arbeit wie Genuß ausgefchöpft werden soll. Da tut es gut, _ sich manchmal des Artums in uns und in unferm Leben zu erinnern und das Bewußtsein dieses ilrtumä in uns wachsen zu lassen. Im Anschauen der mythisch-alten Dinge, die Untergrund oder Begleitung unseres Lebens sind, der Elemente, befreit von ihrer zufälligen Zeitform: des Bodens, der uns trägt und ernährt des Feuers, das als Zentralheizung, Gasherd, elektrisches Licht, wie neuestes Industrieprodukt erscheint,
Die englische Jugend ist in einer ganz anderen Weise mit dem Leben und Schicksal ihres Volkes verbunden als die deutsche; die Sehnsucht unserer besten Jugend, Teil der politschen Nation, „junge Nation" zu werden, die als die schönste Frucht der sonst so hin- und herirenden deutschen Jugend- und Studentenbewegung anzusehen ist, ist auf der englischen Insel Wirklichkeit. Das so viel mißverstandene und angegriffene englische Gentlemanideal, mit dem England erfolgreich die Welt durchdringt, gibt schon dem strebsamen und gutgesinnten jungen Mann einen gesellschaftlichen Ausweis, der ihm Tür und Tor in die große Welt öffnet. Nicht zu dem Zweck, ihn hoffärtig und eitel zu machen, wie es unserer vorzeitig in die politischen Altersverbände hineingerissenen bürgerlichen Jugend der Nachkriegszeit oft ergangen ist. Nicht um einen frühreifen Allesbesserwisser heranzuzüchten, der wirkliche menschliche und wissenschaftliche Autorität leugnet. Der junge Engländer soll vielmehr staaotsbürgerlichen Gemeingeist (common sense) und freiwillige Unterordnung unter die nationale Tradition lernen: der weitverbreitete Typ des jungen Privatsekretärs, der sich einem alten erfahrenen Politiker, Großkaufmann oder Militär „beigeordnet" hat, die Willens- und Sporterziehung in den großen boy scvut-Verbänden, die Einrichtung der großen allgemeinen Studentenklubs mit all ihrem gesellschaftlichen und politischen Leben oder das stark disziplinierte Gemeinschaftsleben in den zahlreichen Landeserziehungsheimen — sie alle wollen den jungen Geist geschmeidig und gewandt machen und zum selbstbewußten jungen Bürger der British Commonwealth of Nations (britischer Staatenbund) erziehen. Im frühen Jugendalter, in dem der deutsche Sohn Benjamin gewöhnlich feinen Kinderglauben an Golt imö Vaterland und die gerechte Weltordnung verliert, lernt das junge Jnselvolk die Doktrin der britischen Weltmission, die ihren Gläubigen eine ungeheure Tatkraft, Widerstandsfähigkeit und Zähigkeit im Aushalten gibt. Der verständliche Wunsch des englischen Jungen nach echter Bubenromantik, der ein Erbe des alten Wikingertums ist, wird deswegen nicht verleugnet, aber in Form»! kultiviert, die den jugendlichen Spieltrieb für den.Reichsgedanken nutzbar machen. Mächtig mirft noch heute der Kolonisationsgedanke auf die englische Jugend, und es ist kein Zufall, daß sich das in den großen Verbänden organisierte Iugendleben an die Vorbilder der tapferen, kraftvollen, halb räiiberhafteu ersten nordamerikanischen Urwaldsiedler anlehnt. Erobert euch die Welt, öffnet die Augen für Gottes Schönheit und Reichtum auf
Hochschule.
be« Wassers, Das statt aus Brunnen und Quell für uns aus städtischer Leitung kommt, und der Luft, die unsere Fabrikschornsteine schwärzen und mit Dunst erfüllen. In all dem gilt es, die zufällige Form für das Bewußtsein zu zerschlagen und zu erkennen, zu erfüllen, daß cs die ganz wenigen selben Dinge sind, die der Wilde, der ä.lrmensch zu seinem Leben brauchte, die auch unser Dasein bedingen. Wir müssen daran denken, daß keine unserer kompliziertesten Maschinen, kein Luftschiff und kein feinstes Präzisionswerk einem größeren geistigen Schöpfungsakt sein Dasein verdankt. als der bei einem unserer frühesten Ahnen zur Erfindung des Rades, der runden, sich um eine Achse drehenden Scheibe, führte, ohne den nicht eine einzige heutige Maschine möglich wäre. Der erste Einbaum war die Tat. die der Riesenschnclldampfer nur zum millionsten Male wiederholt. In soviel Alltäglichem ist ilrtum um uns. Sehen wir nur den Fischer sein Retz ausspannen. dies älteste, sinnreiche Iagdwerkzeug, durch dessen Maschen die Flut ungehindert spülen kann, ohne es fortzuziehen, und das doch seine Beute packt und hält. Oder die Art. das Messer, Hammer und Amboß, Horn oder Glocke. •Urtum und Mythos, mitten in dem wir leben.
Es gibt uns Ruhe und Aeberlegenheit über alle die heftigen, reifelosen Menschen der Zeit, über ihr wirres Durchrinanderlaufen. auf dessen Ordnung sie so vie Scharfslinn verwenden. Aus der Vielheit, die drängend, verwirrend, berückend von allen Seiten um uns aufwächst und uns den Blick beirrt, finden wir zum Einfachsten. Grundhaftesten, als dem. im Sinne irdischer Verhältnisse, Ewigen.
Schularzt und Lehrer.
Dr. Ludwig Finckh.
In einem Dorf, das mir bekannt ist — und es sind wohl überall ähnliche Verhältnisse —, gab es vor dem Krieg keinerlei Tuberkulose. Heute sind dort vier Tuberkulosehäuser, aus denen schon Bewohner gestorben sind, und die Mittelpunkte der Ansteckung bilden. Man sollte meinen, in einem Dorf auf dem Lande dringe die Sonne überall hin und werde Meister. Aber Dorf und Sonne allein tut's nicht. Cs sind alte Häuser mit dunkeln Winkeln, es herrscht Schmutz und lln- sauberkeit, von Gesundheitsregeln ist keine Rede. Der Bauer ist „gut genährt" im Sinne des Städters, aber nicht im Sinne des Arztes. Auf Gemüse, auf Beeren, auf Obst, gerade auf die lebensaufbauenden Rahrungsstoffe, legt der Bauer gar keinen Wert, wenigstens für sich selber. Er Pflanzt sie an und verkauft sie. Obst nimmt er nur in Gestalt von Alkohol zu sich als Most, Schnaps, Wein.
Die Sonne wird also nur Meister, wenn sie in wohlgebaute Häuser scheint, die Menschen von verständiger Lebensweise bergen. In einem neuzeitlichen Dorf käme Tuberkulose nicht auf. Im Dorfe alten Stiles sitzen die Kinder aus den Tuberkulosehäusern unter den anderen, in Der einzigen Schulstubc. Sie stecken ihre Rachbarn und Freunde an. Der Staat kümmert sich nicht Darum. Er macht höchstens eine Statistik daraus. Wir müssen also für jedes Dors einen Schularzt verlangen, der kein ausgedienter alter Herr, sondern ein völlig auf der Hohe stehender Kinderarzt sein soll. Wenn er zweimal jährlich untersucht, und bei verdächtigen Kindern rechtzeitig für Unterbringung in einem Erholungsheim sorgt, so wird auch im alten Dorf, da man nun einmal nicht alle Herdhäuser anzünden kann, der böse Feind ausgerottet werden. Geschieht es nicht, so werden aus den vier Häusern zwanzig werden und der Schaden an der Volksgesundheit und die Kosten des Staates für Verarmte und Hinterbliebene werden weit größer sein als Die Kosten Der Schulärzte unD Genesungsstätten.
Der Schularzt unD Der Lehrer, sie sollten
der weiten Erde — das ist der letzte Sinn englischer Erziehung.
Es wirb vielfach behauptet, daß die deutsche gebildete Jugend nach dem Kriege einen gewissen kleinbürgerlichen Zug an sich habe, und man kann nicht leugnen, baß bie uferlose Romantik des „dritten Reiches" und Der „wahrhaften Volksgemeinschaft" leicht zum Uebersehen der wirklichen staatlichen Machtgrundlagen (Armee. Marine, Außenhandel, Kolonien usw.) führt, und nicht jeder jungdeutsche Romantiker erlebt wie der große Fichte eine innere Wandlung zum Machtgedanken. Die englische Jugend kennt diese Gefahren inbrünstiger Selbstversenkung im Mittelalter und germanische Frühzeit nicht — allerdings ebensowenig ihre wunderbare Wieberoerjüngungskrast. Die schwarzen und braunen Kommilitonen in Orford und Cambridge, die farbigen Mitbrüder in den Pfadsinderverbänden und politischen Reichsjugendgruppen und die Reisegesellschaften „rund um die Wen Großenglands sind die beste Stählung englischen Herrschaftswillens: sie verscheuchen dem jungen Konservativen wie dem jungen Arbeiterparteiler (die labour party ist keine Klassenkampfpartei, sondern übernimmt langsam das Erbe des sterbenden politischen und weltanschaulichen Liberalismus) alle unpraktischen und wirklichkeitsfremden Ideologien. In dem Seelenkampf zwischen Wille und Gefühl, Verstand und Gemüt wird der junge Engländer immer die Lebenslust des Seemanns und Wikingers: stahlharte Energie bevorzugen. Um so schöner leuchten dann die Blüten iung- englischer Kunst und Dichtung. Eine Bereinigung wie die Junior Imperial League (Reichs-Jugend- Liga), die sich die enge Zusammenarbeit der jüngeren Generation des englischen Völkerbundes auf politischem Gebiet zu ihrem besonderen Arbeitsgegenstand macht, zeigt deutlich den staatlichen Einsatz der Jugend Englands.
Jeder junge Brite ist selbstverständlich international: bie eigentümliche Problematik „national- international", die die kontinentale Jugend unheilvoll zerfrißt, ist der Jugend des meer- umfassenden England erspart. Die Inhalte der beiden Begriffe sind allerdings — nicht in der Theorie, aber in Wirklichkeit — von den deutschen Schlagworten völlig verschieden. Wohl jagen so verschwindend kleine Kreise wie die „Federation of British Youth Movements ■ (Vereinigung der britischen Jugendbewegungen) einem uferlosen Internationalismus nach, dagegen hat man in Dem übrigen Teil Jung- englands einen klaren Blick dafür, wie gut eine richtig verstandene Völkerbundspolitik mit den Inter
nah« befreundet sein, -- könnten sich in Die Hände arbeiten. An Hand der Familienforschung, Die nun auch in der Schule getrieben wird, kann der Schaden der Rauschgetränke. Die die Widerstandskraft herabsetzen und schwächen, kann der Ruhen von Obst und Gemüse für Die Gesundheit, kann die Vererbung der Schwindsucht, Die nicht rechtzeitig bekämpft wird, auch in Der Schule erläutert werDen. Mit der Besserung der Volksgesundheit und der Kräftigung unseres heute noch absteigend sich entwickelnden Geschlechts durch jene Maßnahmen werden allmählich die Kosten des Staates wieder abnehmen: das aufgeivandte Kapital wird sich glänzend verzinsen. Leider ist bei uns in Deutschland das Ehrgefühl des Staates wie des einzelnen in manchen Dingen noch nicht so weit geweckt wie anderwärts. 3n der Schweiz gilt es schon als Schande, betrunken zu sein, worüber man bei uns im Volke noch lacht. In Den Schweizer Wirtshäusern sind Tafeln ausgehängt, auf Denen die notorischen Säuser des Ortes mit Ramen und Berus aufgezeichnet stehen und Die mit Wirtshausverbot belegt sind. Sie stehen vor aller Welt am Pranger. — Gestern erzählte mir ein Arzt, der in einem noch vor Drei Jahren gemüseverschmähenden Orte wohnt, daß er in geeigneten Fällen reichlich Gemüse verschrieb, und, da die Leute keines hatten, ihnen verschenkte. 2m nächsten Jahr gab er ihnen Setzlinge. UnD heute hat fast jedes Haus seinen Gemüsegarten für Den eigenen Gebrauch, und seltsam, obwohl die Leute, besonders die Kinder, gesünder geworden sind, mangelt es ihm nicht an ^Pfleglingen und Kunden.
So kann der Arzt und der Lehrer in einem Dorfe inzwischen — bis dem Staat die Augen darüber aufgegangen sind — zu ihrem Teil an Der VollsgefunDheit wirken unD, wenn nicht zu anDeren Zwecken, Die grauenvolle Statistik zu verbessern suchen.
Aka-emisierung der Berufe.
a —. Die quantitative Vermehrung Des ata» demischen Rachwuchses — Die Steigerung der Intensität Der akademischen Bildung — Spannung zwischen akademischem Wissen und praktischer Erfahrung.
Wer eine Statistik zur Hand nimmt, kann feststellen, daß die Zahl der deutschen Studenten trotz Krieg und Inflatton, trotz Der Verarmung des Mittelstandes und der fast überall nicht besonders günstigen Berufsaussichten jetzt noch immer größer ist als unmittelbar vor dem Kriege. Mit anderen Worten: Ein verarmtes Deutschland bat selbst absolut einen stärkeren akademischen Rachwuchs als das reiche Deutschland von 1914. Läßt man Die Tatsache des Krieges und der Inslation und ihrer wirtschaftlichen Folgen un- berücksichtigt, so ergibt sich, daß Der Prozentsatz Der Menschen mit akademischer Bildung im Vergleich zu der Vorkriegszeit troch beträchtlich mehr gewachsen ist.
Diese Zunahme betrifft in erster Lime Die praktischen wirtschaftlichen Berufe. Die volkswirtschaftlichen, juristischen unD landwirtschaftlichen Berufe haben ihren stuDenttschen Rachwuchs verdoppelt bis verfünffacht. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht eine grobe Hahl von neuen Anstellungsmöglichkeiten sich gezeigt hätte, durch die der verstärkte akademische Rachwuchs in das Berufsleben Eingang sand. Wenn man also von Akademisierung Der Berufe spricht, so soll das zunächst heißen, Daß in bestimmten Berufszweigen, eben den praktisch-wirtschaftlichen, heute viele Akademiker unterkommen tonnen, an denselben Stellen, wo früher Richtakademiker saßen. Das gilt von Den Banken, vom Buchhandel, von Der Journalistik, von Der Industrie unD Landwirtschaft unD anderen Berufszweigen in gleicher Weise. Ucberall haben Die Akademiker die Richt- afaDemiter verdrängt: diese Entwicklung ist noch
essen des Weltreichs vereinbar ist, und man hahb- habt den Pazifismus nur als eine neue Waffe des modernen Imperialismus. Völlig frei von gefühlsmäßigen Hemmungen, die unsere Jugend so unheilvoll belasten, hat die englische Jugend reiche Möglichkeit, im wohlverstandenen Interesse ihres Landes auf die europäische Jugend politisch einzuwirken. Die großen Jugendinternationalen der Weltpfadfinder (boy scout), der Studenten, der religiösen Jugend u. a. mehr stellen sich für den europäischen Beobachter als eine „wahre Bruderschaft des Friedens" und paritättsche internationale Arbeitsgemeinschaften dar. von England aus gesehen — die Internationalen stehen fast alle unter englischer Leitung— sie sind nur ein Glied der angelsächsischen Völkerbundspolitik und für die politisch ungeschulte deutsche Jugend nicht ungefährlich. — Die Autorität, die sich die Mehrheit der englischen Jugend durch ihre freiwillige Einordnung in die nativ nale Arbeit ihres Volkes errungen hat, und die auf jeden einzelnen Scout und jeden „Oxforder" ab« färbt, ist nicht ungerechtfertigt: wäre es in Deutschland möglich, daß ein berühmter General und Kriegsheld für die gebildete Jugend ober gor die „Jugendbewegung" ein Buch schreibt, in dem er sie für den politischen Geheimdienst im Ausland an- lernt? Wie es der greife, menschlich verehrungswürdige englische Generalleutnant Sir Robert Ba- den-Powell. der offizielle Führer der Boy Scouts, in seinen Büchern „Aids to Scouting“ (Hilfsmittel für die Pfadfinderei) und My Adventurers as a Spy“ (Meine Abenteuer als Spion) versucht hat. Würde sich nicht ein Sturm idealistischer Entrüstung in unserer Jugend erheben?
Blinder nationaler Haß ist aus der gleichen Schwäche geboren wie würdelose Kriecherei vor dem Ausland. Dis deutsche Jugend, die aus ihrer nationalen Einstellung heraus den Weg zu der englischen f Jugend gesucht hat, sollte nicht blindlings gescholten werden, auch wenn sie der klugen Diplomatie der englischen Führer nicht immer gewachsen war (Kopenhagener Jamboree): aber das Lebensrecht des deutschen Volkes verlangt es, daß die Auslandarbeit der Jugend stärker als bisher in den Rahmen der nationalen Gesamtpolitit eingeordnet wird. Wenn man sich die großen iyebler und Mängel der englischen Jugend, ihre Neigung, Leid und Glück des Lebens als ..Sport'* aufzufassen, ihre Hast und ruhelose Betriebsamkeit klar gemacht hat. wird man gegen die politische Krankheit gefeit jein, die die Wissenschaft „Anglövhilie" genannt hat.


