Zreitag, 12. November 1926
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)
M. 266 Zweites Blatt
Das Handels» und I find, um die §s sich wirklich nicht verlohnen dürfte, ich der wichtigen Fra» solch Aufhebens zu machen. Da ist zuerst die Frage
lind
unseren Verpflichtungen Nachkommen können.
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nach La Paz zu gespannten 03c Bolivien wieder steht zu hoffen,
und be-
Die MilitürKontrolle
Bon unterrichteter Seite wird uns
des Oberbefehls über die deutsche Wehrmacht. Die JMKK. forderrc die Beseitigung einer im Jahre 1919 von Noske herausgegebenen Verfügung, durch
schädigung unterbreiten. Diese Aussicht aus derartige Opfer scheint nun auf Bolivien sehr adkühlend gewirkt zu haben, denn die Verhandlungen wurden wieder einmal abgebrochen, und
und chemische Industrien.--......
Marktproblem, einschließlich der wichtigen Fra gen der Handelsfreiheit und der Zoll- Verhältnisse, wird in einer großen Zahl von Arbeiten, an denen auch Deutsch land stark beteiligt ist, vom theoretischen wie vom
In diesem Zusammenhang darf nicht uner wähnt bleiben, daß es sich bei den jetzigen Schwierigkeiten, genau wie bei den früheren. in der Hauptsache um ein Protokoll dreht, das als geheimer Nachsatz zum Vertrage von 1904 anzusehen ist. In diesem Protokoll hatte Bo Ihnen sich verpflichtet, auf einen Hafen am Stillen Ozean Verzicht zu leisten, wenigstens insoweit, als hierbei chilenisches Gebiet in Mil leidenschast gezogen werden mühte.
Das chilenische Exemplar dieses wichtigen Dokunientes wurde später von einem Außen Minister als „verloren" gemeldet, bis es von einem seiner Nachfolger wiederzesunden wurde, der sich auch beeilte, die Erklärung abzugebcn. dah das Protokoll ordnungsgemäh ratisizierl worden sei. Das Exemplar der bolivianische» Negierung scheint überhaupt ganz abhanden gc- kommen zu sein, wenigstens behauptet man in Bolivien, dah dec Kongreß das Protokoll seiner zeit nicht ratifizieren tonnte, weil ec von dessen Vorhandensein nicht einmal Kenntnis hatte. In diesem Zusammenhang sei daran er innert, daß, kurz nachdem die nordamcrikanische Kommission ihre Funktionen zur Beilegung des Konfliktes zwischen Peru und Chile um die Ge> biete Tacna und Arica auf dem Wege der Volksabstimmung niedergelegt hatte, direkte Verhandlungen zwischen Bolivien und Chile über Gewährung eines Hafens cinsetzten. Obwohl über diese Verhandlungen nichts in die L)efsentlichteit gedrungen ist, wurde doch mehr oder weniger dar Standpunkt der chilenischen Negierung be° könnt, die sich eben auf das oben erwähnte Protokoll stützt, worin Bolivien aus einen Hasen durch chilenisches Gebiet endgültig v e r z i ch -
praktischen Standpunkt aus beleuchtet.
Mit Necht hat die jüngste Dölkerbundsver- sammlung vom September ds. Is. davon Umgang genommen, dem Vorbereitungskomitee allzu weitgehende Instruktionen zu erteilen. Das zeigt sich schon in der Art. wie der Zeitpunkt der Weltwirtschaftskonferenz bestunmt wird. Man hat es vermieden, ein genaue»? Datum zu nennen, sondern sich mit dem etwas unbestimmten Ausdruck begnügt, daß diele Konferenz „in möglichst kurzer Frist" ein)ube- rufen sei. Dies hat seinen Grund darin, daß es ganz vom Gang der bevorstehenden Verhandlungen abhängt, ob unter ilmftänben noch eine weitere dritte Tagung des Vorbereitungs- komttees nötig wird oder nicht. Die Persönlichkeiten, aus denen sich dieses Komitee zu- sammenseyt. sind infolge ihrer öffentlichen oder privaten Stellung nicht in der Lage, länger als zehn bis höchstens vierzehn Tage in Genf verweilen zu können. Kann -in dieser Zeit ihre Ausgabe nicht bewältigt werden, so müßen sie notwendigerweile vor der Einberufung der Welt- wirtschaftskonserenz noch einmal zusammeiltreten. Daß dies auf deren Datum nicht ohne Einfluß bleiben würde,' liegt auf der Hand. Immerhin hat der Berichterstatter der zweiten Kom- misfion, Loucheur, der in dsr Vollversammlung
Völkerbundes durch den deutschen Vertreter. Baron von Nheinbaben, so kräftig unterstützt wurde, darüber keinen Zweifel gelassen, daß die gewählte Zeitbestimmung buchstäblich zu verstehen sei, mit anderen Worten, keine Zett mehr verloren werden soll.
Hinsichtlich der Zusammensetzung der Weltwirtschaftskonferenz war die Ansicht der Kommission geteilt. Die einen wollten dieser Veranstaltung den Charakter einer diplomatl- i schen Konferenz, die anderen den einer Vereini- gstng unabhängiger Sachverständiger geben. Man einigte sich schließlich auf einer mittleren Linie, nämlich dahin, daß einfach das gleiche Verfahren vorgesehen wurde, wie bei der Ftnanz- tonferenz in Brüssel, wo die Teilnehmer zwar durch die Regierungen ihrer 'Länder ernannt, aber ihre Handlungsfreiheit in den Beratungen keineswegs beschränkt waren.
Das Vorbereitungskomitee versammelt sich eben in einem Augenblick zu seiner zweiten Tagung, wo die Blicke der Oesfentlichkeit durch das bekannte Manifest der Wirtschaftsführer zugunsten der Handels?veiheit auf eine der wichtigsten Seiten des Wirtschaftsprodlems gelenkt worden sind. Es mag dies vielleicht dazu beitragen, für den Gedanken der Weltwirtschaftskonferenz jene günstige öffentliche Meinung zu schaffen, ohne die nach den. Worten des Vorsitzenden der Vorbereitungskomitees, Theunis, ein Erfolg dieser Veranstaltung kaum zu erwarten ist. Im gleichen Bestreben will man für die kommende Tagung auch den Grundsatz größter Oesfentlichkeit wahren, indem die Sitzungen nur, wo es unbedingt geboten erscheint, in geschloffenem Kreise stattfinden sollen.
und mangelhaft ausgebildet sind, gegenüber den Millionen, die Frankreich und seine Bundesgenossen im Kriegsfall aufstellen werden? Für Deutschland und für die Aufrechterhaltung der Rtihe, Ordnung Sicherheit, die nötig sind, damit wir arbeiten
Ausarbeitung des Vertrages gewirkt hatte, zwang, persönlich gehen, um die bereits äußerst ziehungen zwischen Chile mid einigermaßen einzurenken. Es . _
daß der gegenwärtige Konflikt sich ebenfalls in gütlicher Weise wird beilegen lassen.
die in Aussicht genommen war, die Stellung eines Gencralinspekteurs der Reichswehr zu schaffen. Diese Verfügung wurde durch das Wehrgesetz automatisch außer straft gesetzt. Einen Generalinspekteur Hai es nie gegeben, und cs wird auch nicht beabsichtigt, diese Stellung zu schaffen. Die zweite Forderung bezieht sich auf die Herstellung und Ausfuhr von Kriegs- gerät. Beides ist Deutschland bekanntlich durch den Vertrag von Versailles verboten. Dieses Verbot wird auch strikte befolgt und von der JMÄst. streng überwacht. Die Mittel zur Bezahlung der uns auferlegten ungeheuren Kriegsentschädigungen lassen sich nur durch Erkort aufbringen. Dah einzelne der in deutschen Fabriken hergestellten und dann ausgeführten Halbfabrikate im Auslande zur Fertigung von striegsgerät benutzt werden, läht sich nicht vermeiden. Mit dieser Frage wird sich übrigens die Abrüstungskonferenz beschäftigen, und zwar, soweit sich bisher übersehen läßt, in einem für Deutschland günstigen Sinne.
Drittens beanstandet die JMKK., dah ein Teil der früher von der Armee benutzten Baulichkeiten von der Reichsfinanzverwaltung noch nicht an Private verkauft ist. Hier handelt es sich in der Hauptsache um fiskalische Gebäude in früheren kleinen Garnisonen, wie z. B. Proviantämter. Re- montedepots u. dgl., die Mei der schlechten wirtschaftlichen Lage schwer Mer käuflich sind. Dann haben es Die „F c ft u n g e n" an der Ostgrenze, besonders Königsberg, der JMKst. angetan, die in diesem Punkt wohl unter polnischem Einfltih steht. Für den Ban moderner Befestigungen fehlt uns das Geld. Es ist jedoch selbstverständlich, dah die vorhandenen Anlagen in ihrem Zustand c r - halten werden müßen, dah vielleicht auch hie und da ein neuer Unterstand geschaffen wird. Bei der ungeheuren Durchschlags-, Spreng- und Gaswirkung der heutigen schweren Artillerie bringen solche Anlagen meist mehr Schaden als Nutzen. Also auch diese Beanstandung dürfte mehr oder weniger gesucht sein.
Daß die Polizei schon von Anfang an der Entente ein Dorn im Auge war, ist bekannt. Fast schien es, als ob seinerzeit besonders die Franzosen mit der Entwaffnung und plötzlichen Umorganijation der Sicherheitspolizei nichts anderes bezweckten, als Deutschland der Anarchie auszuliefern. Jetzt sind es noch 8000 Polizeibeamte, um die gefeilscht wird. Was bedeuten 8000 Menschen, die schlecht bewaffnet
selbe Schicksal erlebten Verhandlungen, die in Santiago von bolivianischen Vertretern, welche speziell zu diesem Zweck nach Chile gesandt waren, in die Wege geleitet wurden. Die chi Icnische Regierung erklärte wiederholt, trotzdem Chile vom besten Willen beseelt fei, Bolivien bei seinem Streben nach Erlangung eines Hafens zu unterstützen, würde es doch niemals seine Einwilligung zu einer Revision des Friedensver- träges von 1904 geben.
Der Anlaß zu dem gegenwärtigen Konflikt ist darin zu erblicken, daß sowohl der bolivianische Senat als auch die Abgeordneten- lanimcr sich solidarisch erklärten mit den Aeuße rungen des Senatspräsidenten. der anläßlich der Eröffnung der diesjährigen Sitzungsperiode in seiner Ansprache erklärte, es werde das bolivianische Nasionalbestr.eben bleiben, die als Folge des Krieges von 1879 verlorenen Gebiete wiederzugewinne.n. Vor einigen Iahrc» schon ereignete sich ein analoger Fall, der den nämlichen chilenischen Vertreter, welcher an der ~ ~ ' von 1904 mit-
. _.. Wenn Bolivien jedoch jetzt den Wunsch hege, einen Hafen und eine entsprechende Zone von Chile abgetreten zu erhalten, so müßte es vorerst Vorschläge über eine angemessene Ent-
Boliviens Kampf um den Zugang jum Illeer.
Von unserem I>. ^.-Korrespondenten.
Buenos Aires, Novenrbcr 1926.
Der neuerliche Zwist zwischen Chile und Bolivien, der in diesen Tagen wieder so viel in der südamerikanischen Presse erörtert wird, ist in Wirklichkeit in seinen Grundzügen nicht neu. Nachdem die Präsidentschaft Boliviens un Iahrc 1920 von Bautista Saavedra Übernommen worden war. verstärkte sich die Tendenz der össentlichen Meinung nach Revision bei- Friedensvertrages mit Chile vom Iahrc 1904. mit dem ziemlich unverhüllten Ziel, die ganze oder teilweise Wiedergewinnung der abgetretenen Gebiete durchzusehen Bolivien wollte sich hierdurch einen Ausgang nach dem Stillen Ozean verschass«n. durch ein Gebiet, das immer sein gewesen war, von De- endigung der Befreiungskämpfe bis zum „Krieg des Stillen Ozeans". Eine Eingabe Boliviens an den Völkerbund verlief im Sande, und das-
Vie Vorbereitung der weltwittfchastskonfereuz.
Don unterem Dr.-B.-Äorrefbonbenten.
Genf, Anfang November 1926.
Des am 15. November in Dens zu feiner »weiten Tagung zusammentretenden Komrtew für die Vorbereitung der Weltwtrtschaftskonfe- revz harrt eine Arbeit, die ber Bericht der zweiten Kommission der Lölkerbundsverfamm- lung mit Recht als hen heikelsten Lttl seiner Aufgabe bezeichnet hat. oic soll aus dem ungeheuren, feit dem Schluß ber erftej ~a'• gung im Mai ds. Is. gesammelten Materials diejenigen Punkte auswahlen, Die e n b - gültig der künftigen OB c 11 i r t f a f t d » Konferenz zu unterbreiten sind. Denn nach dem Auftrag, ber bem Vorbereitungskomitee durch die sechste Delegiertenversammlung des Völkerbundes erteilt worden .ist, hat dieses in erster Linie das Programm jener geplanten Kon- fereii,z auszuarbeiten und södanst auch deren Zusammensetzung und Zeitpunkt zu fixieren. Mm ber ersten Ausgabe zu genügen, hat das Dcr- breitungskomitee. wie bekannt, in feiner jüngste,, Tagung zunächst cinetr umfassenden Plan für die Beschaffung des Materials aufgestellt, au' Grund helfen bann eben die Frage beantwortet werdeii soll, welche Punkte mit Aussicht auf Erfolg dem Programm ber Weltwirt- schaftskonferenz einzuverleiben unb welche auszuscheiden feien. War für diese Dokumentie- rungsarbeit absichtlich ein sehr weiter Rahmen gewählt worden, um die verschiedenen Seiten des Wirtschaftsproblems zum Ausdrua gelangen xu lassen, so hat ber erwähnte Kommissionsbericht daraus kein Heh> gemacht, daß nach der Meinung dieses Ausschusses, dem die Kontrolle Der technischen Organisationen des Völkerbundes obliegt, die Weltwirtlchaftskonserenz_ nur bann ein praktisches Ergebnis zeitigen könne, wenn aus dieser Fülle der Programmpunkte einige wenige wesentlick)e herausgegriffen und die ganzen Arbeiten auf sie konzentriert werdeii. Deswegen dürfte freilich jedes Material noch nicht ohne weiteres entwertet werden, das für die künftig auszuscheidenden Fragen Bezug hat. Denn einmal werden von ber Diskussion auch solche, nicht im offiziellen Programm enthaltenen Punkte nicht ausgeschlossen werden können, wenn sie mit einer der Hauptfragen im Zusammenhang stehen, Unb im übrigen wird das in der Zwischenzeit planmäßig gesammüte Material auch für andere Zwecke gute Dienste leisten. Wie erinnerlich, hatte die erste Tagung des Vorbereitungskomitees die erforderliche Arbeitsteilung in der Weise vorgenommen, daß drei zum Teil sich selbst wieder in Sonderausschüsse I gliedernde Ünterlommiffionen gebildet wurden, ' von denen dir erste (A) sich nut Fragen der Landwirtschaft, des Währungs- unb Finanzwesens, sowie des Bevölkerungsproblems, die zweite (B) mit der industriellen Produktion, die dritte (C) mit den Frage,, des Handels unb ber Absatzmärkte befaßt. Die Arbeit der Beschaffung und teilweisen Verarbeitung des für alle diese Gebiete eingeholten Materials fiel zu einem großen Teil dem Völkerbunds- f-rfretariat und dem Internationalen Arbeitsamt, den Präsidenten des Komitees unb der .Unterausschüsse und einzelnen Mitgliedern zu, unter Heranziehung von privaten Sachverstän- bigen und wirtschaftlichen Instituten. Als Schlußtermin für den Eingang dieser Dokumente war der 1. Oktober, als Zeitpunkt für dessen Ber- teilung Ende Oktober festgesetzt. In der Hauptsache sind diese Säten eingehakten worden, wenn auch von der lleberfet^ung einiger Berichte un Interesse ber Zeitersparnis vorläufig Umgang genommen werden muhte. Für die fiiianziellen Fragen besitzt das Komitee in den soeben erschienenen neuesten Denkschriften des Völkerbundes über das Geldwesen und die zentralen Notenbanken, sowie über die Zahlungsbilanzen, eine wertvolle Dokumentierung. Das Bevölkc- rungsproblem. auf das besonders Italien Nachdruck legt, findet in einem Memorandum deS Internationalen Arbeitsmarktes, das sich ja ständig mit diesen Fragen befaßt, ausgiebige Behandlung. besonders auch im Hinblick auf bas Auswandcrungswesen. Zum Kapitel der industriellen Produktion liegt eine größere Anzahl von Monographien über einzelne besonders interessante Gebiete vor, so über Kohle, Baumwolle, Eisen und Stahl, Schiffsbau, Seide und Kunstseide, Wolle, Maschinenindustrie, Elektrotechnik
schrieben: In seiner Sitzung am 2. November hat der Auswärtige Ausschuß des Reichstages beschlossen, die Frage der Militärkontrolle einem Unterausschuß zu übertragen, dem die Reichsregierung das gesamte Aktenmaterial zugänglich machen soll. Die Mitglieder des Unterausschusses sind nicht zu beneiden: ein Bergvon Akten wird vor ihnen aufgebaut werden. Denn abgesehen von ber Bot- schafterkcknferenz hat besonders die Interalliierte Militär-Kontrollkommission (JMKK.) zahlreiche Schreiben an die amtlichen beutfdien Stellen gesandt. Da die JMKK. das für ihre Mitglieder lukrative, für Deutschland aber in jeder Beziehung eine schwere Belastung bildende Geschäft der Kontrolle und Bespitzelung stit sieben Jahren ausübt, geht die Zahl ihrer Schreiben in die Tausende. Wenn tatsächlich die Botschasterkonferenz die JMKK. anweisen würde, in Zukunft die Verhandlungen mündlich zu führen, so wäre das im Interesse der schnellen Bereinigung ber Atmosphäre nur zu begrüßen.
Betrachtet man die'noch strittigen Punkte, die „Restforderungen", nach Zahl unb Inhalt, so gewinnt man den Eindruck, daß sie Bagatellen
gungen bildeten, zum Teil in der Absicht, die „schlappe" Regierung zu beseitigen. Zum Schutz der Verfassung gegen etwaige Umsturzgelüste dieser Verbände organisierten sich dann die Anhänger der republikanischen Parteien im Reichsbanner. Nach dem Urteil maßgebender Republikaner scheint jetzt „der Bestand der Republik gesichert". Wenn nun schon Verbände aufgelöst werden, wäre es zweckmäßig, alle Verbände aufzulösen, gleichgültig, in welchem politischen Lager sie stehen. Eine solche Maßregel würde ganz erheblich zur Beruhigung und Entspannung der inneren Lage beitragen und die Exekutiv- Polizei wesentlich entlasten.
Die Reichsregierung und die Botschasterkonserenz müssen und werden ja bald zu einer Einigung kommen, besonders nachdem Deutschland Mitglied des Völkerbundes geworden ist. Es steht zuviel auf dem Spiele für ganz Europa. Wir wollen aber nicht vergessen, daß uns durch die Waffenstillstandsbe- bingungen, burch ben Vertrag von Versailles unb durch die Satzungen des Völkerbundes bindend zu- gesagt worden ist, daß die Entwaffnung Deutschlands der Anfang der allgemeinen Abrüstung sein soll. Pflicht ber deutschen Regierung ist und bleibt es, hierauf immer erneut hinzuweisen unb Erfüllung biefer Zusagen zu fordern.
beuten sie ungeheuer viel.
Zum Schlüsse verursachen der JMKK. die ,.m i l i l ä r i s ch e n" Verbände Beklemmungen. Nun ist die Bildung militärischer Verbände durch Reichsgesetz untersagt, unb daß bie Landesregierungen bemüht sind, dieses Reichsgesetz auszuführen, zeigen die Verbote,, die die preußische Regierung ausgesprochen hat. Die Entente darf nicht vergessen, daß gerade sie in erster Linie Schuld daran ist, dah sich seinerzeit solche Verbände unter dem Eindruck der uns unaufhörlich zugefügten Dcmüti-
Gießener Konzertverein.
Gleichsam eine Dorausnahme für die Beethoven-Gedenkfeiern des kommenden Konzertwin- tcrs, wurde die erste große Orchesterveranstaltung des Konsertvereins durch ein Frühwerk Beethovens etngeleitet. Noch steht der junge Meister in Gefolge der beiden anderen Wiener Klassiker. Aber dennoch künden sich gerade in Einzelheiten persönliche Züge an. Die ersten Akkorde des Adagios lassen schon Künftiges ahnen, wie auch die Ausbreitung des Adagiothemas. Auch im Allegro bricht hier und da wieder, sei es in der Stimmführung, in der melodischen Gestaltung und im Iubel des Schlusses ein eigenes Gesicht hervor.
Nicht allen der heutigen Dirigenten ist es gegeben, diese werdende Welt sicher zu erschließen! denn es kommt hier weniger auf dir sich durchsetzende Persönlichkeit des Dirigenten an als auf fein frisisches Stilgefühl und sein feines Nachempfinden. Dies beides brachte Dr. Te° m e s v a r y bem Werk entgegen unb so erklang es in erfrischender Belebtheit unb innerem Eigen- leben. Eva Liebenberg (Berlin) führte in die Welt Hänbels ein mit ihrer pastosen Altstimme. die nur wenige ihresgleichen hat und so daS Lob deutscher Ssimmbildungskunst unb insbesondere ihres Lehrers Hugo Rasch kündet. So konventionell sonst gerade Belcantoarien gelungen unb vom Publikum aufgenommen werben, umso stärker war hier der Eindruck. Mit welcher Weichheit unb Inbrunst fang sie das: „Lascia ch'io piango“, welche Tone der Wildheit. Entfesselung und Rachedurst wurden der Arie der Iuno ans „Semelc" zu eigen. Dann die Weite .der gesanglichen Linie in dem Alt-Arioso: ..Dank fei dir. Herr." Eindrücke, die nicht so leicht der Vergessenheit anheimfaUen!
Die Welt Bruckners wurde durch bie Interpretation Dr. Temesvarys zu einem mitreißenben Erlebnis. Hatte er mit der Begleitung der Händel-Arien, die cm das Anpassungsvermögen
des Dirigenten Anforderungen stellen, denen nicht alle gewachsen sind, eine Probe gewandter Stab- führnngskimst gegeben, so zeigte er sich hier als ein Meister großen Stils. Cs gibt viele Dirigenten, die bei Bruckner Beispiele ihrer persönlichen Interpretierung glauben ablegen zu müssen und so beim rigorosen Durchsetzen ihres Ichs bem Werke den Lebensadern, den ihni der Schöpfer gab, ertöten und ihm so mehr schaden als dienen. Wer der Vierten schon oft begegnet ist, konnte bei der gestrigen Aufführung manche Stelle, an ber man sonst achtlos Dorübergegangen war. und bie für den Zusammenhang des Werkes sonst weniger ins Gewicht zu fallen schien, in neuem Lichte erkennen. Es schien beinahe, als hätte sich mit dem Wechsel des Stiles die Gebärde des Dirigenten geändert: bei Beethoven ein anderer als bei Händel, unb ein völliges Hinge- gebenfein an Bruckners Welt, ein Nachfühlen des Pulsschlages im Aufwallen unb Ersterben des Werkes. Wie ein Erschauern ging es im zweiten Satze durch den Raum, als nur noch eine Instrunientalstimme zum inneren Künder wurde. Wie Temesvary die Steigerungen herausarbei- tete, mit welcher Vornehmheit er das Trio im Scherzo behairdelte, das zeigte einen Musiker, ber nicht Alltägliches zu sagen hat.
Es war eine Freude, wie das Orchester wie ein Instrument willig den Intentionen des Dirigenten folgte, und jeder mit vollem Einsatz aller künstlerischen Kräfte fein Bestes gab, sei es am Horn, in der Bratsche ober bei den Holzbläsern. Dem Konzertderefti muß der Dank aller Besucher für einen derartigen Festabend gewiß unb sicher fein! —>n—
Schiller und die Komposition seiner „Ideale".
Um bie Mitte des 18. Jahrhunderts lebte in Dresden der kurfürstliche Oberkapellmeister Johann Gottlieb Naumann. Aus den ärmlichsten Verhältnissen heroorgegangen, hatte er im 16. Lebensjahr
das Glück, den schwedischen Kunftmäzcn Wceström nach Italien begleiten zu dürfen. Hier kam sein bedeutendes musikalisches Talent rasch zur Geltung. Nachdem ihn Tartini in Padua ausgebildet, begab er sich nach Venedig und widmete sich fast ausschließlich der Komposition. 1765 berief ihn die Kurfürstin- Mutter Marie Antonie an die Spitze der Hofkapelle nach Dresden. Seine Opern, deren er nicht weniger als 23 schrieb, seine Kirchenkompositionen und Lieder waren sehr geschätzt, und zu feiner Zeit gehörte er zu den populärsten deutschen Komponisten. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens setzte er unter anderen Gedichten Schillers auch „Die Ideale" in Musik. Obwohl ihm Eitelkeit und Selbstüberhebung ganz fern lag, hob er doch seinen Freunden gegenüber oft hervor, daß ihm diese Lied- tomposition vortrefflich gelungen sei, daß sie alle übrigen, die er geschaffen, an Schönheit und liefe der Auffassung übertreffe. Auf das Titelblatt setzte er die Worte „für Wenige" (nämlich Kunstverständige) und war nie zu bewegen, in Gegenwart einer größeren Gesellschaft den Vortrag des Liedes zu gestatten. „Es soll auf 7 oder 8 Menschen wirken," pflegte er zu sagen, „die Empfindung und Ausmerk samkeit mitbringen; für 30 oder 40 habe ich es nicht geschrieben."
Einst weilte Naumann in Berlin. Die Singakademie unter Faschs Leitung brachte ihm große Ovationen und führte ihm in vollendeter Weise einen Psalm vor, den er bei früherer Gelegenheit für bas berühmte Institut komponiert hatte. Naumann befand sich in der gehobensten Stimmung und umarmte vor dem versammelten Publikum den wackeren Fasch. Tags darauf hatte Nicolai eine größere Gesellschaft, darunter den gefeierten Komponisten, geloben. Eine Dame bat Naumann, seine Schülerin, Demoijelle Schäfer beim Vortrag der ,Ideale" zu begleiten. Dieser schien einen Augenblick betroffen, lächelte bann verbindlich und führte zur nicht geringen Verwunderung der Anwesenden Demviselle Schäfer selbst an den Flügel. Alles lauschte atemlos, die Sängerin erntete großen Beifall. „Diesmal, lieber Naumann," sagte jemand aus der Gesell
schaft, „haben doch mehr als 50 Menschen zugleich Ihre „Ideale" gehört!" „Ich lasse mich auf Ihre Zahl nicht ein," antwortete Naumann „aber jeder einzelne schien den „Wenigen" anzugehören, die ich mir dabei gedacht habe!"
Wenige Jahre vor seinem Tode kam Schiller nach Dresden. Naumann wollte dem großen Dichter seine Verehrung bezeugen und ließ ihm durch De- moiselle Schäfer „Die Ideale" vorfingen. In Gegenwart des Komponisten hielt Schiller mit seinem Urteil zurück, aber in Körners Hause brach sein voller Unmut los: „Wie kann ein berühmter Mann," rief er aus, „mein Gedicht so ^erarbeiten, daß über sein Geklimper die Seele des Gedichtes zu Fetzen wird!" Der musikalische Körner übte eine minder strenge, aber doch abfällige Kritik: „In den Idealen," meinte er, „ist viel Musik und in einigen Stellen der Ausdruck glücklich. Aber in seiner ganzen Methode, ein solches Gedicht zu behandeln, verstößt Naumann gegen die ersten Grundsätze. Er hat eine Wut einzelne Bilder zu malen, und seine Darstellung geht immer zuerst auf das Objekt, von dem gesprochen wird, nicht auf den Zustand des Subjektes." — Wenn wir uns fragen, ob Naumann über seine eigenen Sachen so wenig Urteil besaß, oder ob ihm Schiller mit seiner vernichtenden Kritik Unrecht tat, gibt uns ein Blick auf die in der Tat unbedeutende Komposition der .Ideale" die Antwort, Naumann kam in seinen Produktionen über den Formalismus des 18. Jahrhunderts nicht hinaus, und weil er in seinen Kompositionen nur dem flüchtigen Zeitgeschmack huldigte, waren sie bei seinem Tode verklungen und vergessen. Fehlt Schillers kleineren Gedichten nun die innere Rhythmik und der melodische Schwung, die zur musikalischen Bearbeitung einlaben, so stellen »eine größeren Dichtungen in ihker glänzenden _ -,e und Gedanken
tiefe an den Komponisten Anforderungen, denen Naumann in seiner harmlosen italienischen Manier nicht gewachsen war. Wir sehen, daß Schillers musikalisches Urteil hier richtig von seinem dichterischen Geschmack geleitet worden war. A. B.


