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Zreitag, 12. November 1926

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)

M. 266 Zweites Blatt

Das Handels» und I find, um die §s sich wirklich nicht verlohnen dürfte, ich der wichtigen Fra» solch Aufhebens zu machen. Da ist zuerst die Frage

lind

unseren Verpflichtungen Nachkommen können.

sog.

ge-

t e t.

nach La Paz zu gespannten 03c Bolivien wieder steht zu hoffen,

und be-

Die MilitürKontrolle

Bon unterrichteter Seite wird uns

des Oberbefehls über die deutsche Wehrmacht. Die JMKK. forderrc die Beseitigung einer im Jahre 1919 von Noske herausgegebenen Verfügung, durch

schädigung unterbreiten. Diese Aussicht aus derartige Opfer scheint nun auf Bolivien sehr adkühlend gewirkt zu haben, denn die Verhand­lungen wurden wieder einmal abgebrochen, und

und chemische Industrien.--......

Marktproblem, einschließlich der wichtigen Fra gen der Handelsfreiheit und der Zoll- Verhältnisse, wird in einer großen Zahl von Arbeiten, an denen auch Deutsch land stark beteiligt ist, vom theoretischen wie vom

In diesem Zusammenhang darf nicht uner wähnt bleiben, daß es sich bei den jetzigen Schwierigkeiten, genau wie bei den früheren. in der Hauptsache um ein Protokoll dreht, das als geheimer Nachsatz zum Vertrage von 1904 anzusehen ist. In diesem Protokoll hatte Bo Ihnen sich verpflichtet, auf einen Hafen am Stillen Ozean Verzicht zu leisten, wenigstens insoweit, als hierbei chilenisches Gebiet in Mil leidenschast gezogen werden mühte.

Das chilenische Exemplar dieses wichtigen Dokunientes wurde später von einem Außen Minister alsverloren" gemeldet, bis es von einem seiner Nachfolger wiederzesunden wurde, der sich auch beeilte, die Erklärung abzugebcn. dah das Protokoll ordnungsgemäh ratisizierl worden sei. Das Exemplar der bolivianische» Negierung scheint überhaupt ganz abhanden gc- kommen zu sein, wenigstens behauptet man in Bolivien, dah dec Kongreß das Protokoll seiner zeit nicht ratifizieren tonnte, weil ec von dessen Vorhandensein nicht einmal Kenntnis hatte. In diesem Zusammenhang sei daran er innert, daß, kurz nachdem die nordamcrikanische Kommission ihre Funktionen zur Beilegung des Konfliktes zwischen Peru und Chile um die Ge> biete Tacna und Arica auf dem Wege der Volksabstimmung niedergelegt hatte, direkte Ver­handlungen zwischen Bolivien und Chile über Gewährung eines Hafens cinsetzten. Obwohl über diese Verhandlungen nichts in die L)efsentlichteit gedrungen ist, wurde doch mehr oder weniger dar Standpunkt der chilenischen Negierung be° könnt, die sich eben auf das oben erwähnte Pro­tokoll stützt, worin Bolivien aus einen Hasen durch chilenisches Gebiet endgültig v e r z i ch -

praktischen Standpunkt aus beleuchtet.

Mit Necht hat die jüngste Dölkerbundsver- sammlung vom September ds. Is. davon Um­gang genommen, dem Vorbereitungskomitee all­zu weitgehende Instruktionen zu erteilen. Das zeigt sich schon in der Art. wie der Zeitpunkt der Weltwirtschaftskonferenz bestunmt wird. Man hat es vermieden, ein genaue»? Datum zu nennen, sondern sich mit dem etwas unbestimmten Ausdruck begnügt, daß diele Kon­ferenzin möglichst kurzer Frist" ein)ube- rufen sei. Dies hat seinen Grund darin, daß es ganz vom Gang der bevorstehenden Ver­handlungen abhängt, ob unter ilmftänben noch eine weitere dritte Tagung des Vorbereitungs- komttees nötig wird oder nicht. Die Persön­lichkeiten, aus denen sich dieses Komitee zu- sammenseyt. sind infolge ihrer öffentlichen oder privaten Stellung nicht in der Lage, länger als zehn bis höchstens vierzehn Tage in Genf ver­weilen zu können. Kann -in dieser Zeit ihre Ausgabe nicht bewältigt werden, so müßen sie notwendigerweile vor der Einberufung der Welt- wirtschaftskonserenz noch einmal zusammeiltreten. Daß dies auf deren Datum nicht ohne Ein­fluß bleiben würde,' liegt auf der Hand. Immer­hin hat der Berichterstatter der zweiten Kom- misfion, Loucheur, der in dsr Vollversammlung

Völkerbundes durch den deutschen Vertreter. Baron von Nheinbaben, so kräftig unterstützt wurde, darüber keinen Zweifel gelassen, daß die gewählte Zeitbestimmung buchstäblich zu ver­stehen sei, mit anderen Worten, keine Zett mehr verloren werden soll.

Hinsichtlich der Zusammensetzung der Weltwirtschaftskonferenz war die Ansicht der Kommission geteilt. Die einen wollten dieser Veranstaltung den Charakter einer diplomatl- i schen Konferenz, die anderen den einer Vereini- gstng unabhängiger Sachverständiger geben. Man einigte sich schließlich auf einer mittleren Linie, nämlich dahin, daß einfach das gleiche Ver­fahren vorgesehen wurde, wie bei der Ftnanz- tonferenz in Brüssel, wo die Teilnehmer zwar durch die Regierungen ihrer 'Länder ernannt, aber ihre Handlungsfreiheit in den Beratungen keineswegs beschränkt waren.

Das Vorbereitungskomitee versammelt sich eben in einem Augenblick zu seiner zweiten Ta­gung, wo die Blicke der Oesfentlichkeit durch das bekannte Manifest der Wirtschaftsführer zu­gunsten der Handels?veiheit auf eine der wichtig­sten Seiten des Wirtschaftsprodlems gelenkt wor­den sind. Es mag dies vielleicht dazu bei­tragen, für den Gedanken der Weltwirtschafts­konferenz jene günstige öffentliche Meinung zu schaffen, ohne die nach den. Worten des Vor­sitzenden der Vorbereitungskomitees, Theunis, ein Erfolg dieser Veranstaltung kaum zu erwarten ist. Im gleichen Bestreben will man für die kom­mende Tagung auch den Grundsatz größter Oesfentlichkeit wahren, indem die Sitzungen nur, wo es unbedingt geboten erscheint, in ge­schloffenem Kreise stattfinden sollen.

und mangelhaft ausgebildet sind, gegenüber den Mil­lionen, die Frankreich und seine Bundesgenossen im Kriegsfall aufstellen werden? Für Deutschland und für die Aufrechterhaltung der Rtihe, Ordnung Sicherheit, die nötig sind, damit wir arbeiten

Ausarbeitung des Vertrages gewirkt hatte, zwang, persönlich gehen, um die bereits äußerst ziehungen zwischen Chile mid einigermaßen einzurenken. Es . _

daß der gegenwärtige Konflikt sich ebenfalls in gütlicher Weise wird beilegen lassen.

die in Aussicht genommen war, die Stel­lung eines Gencralinspekteurs der Reichs­wehr zu schaffen. Diese Verfügung wurde durch das Wehrgesetz automatisch außer straft gesetzt. Einen Generalinspekteur Hai es nie gegeben, und cs wird auch nicht beabsichtigt, diese Stellung zu schaffen. Die zweite Forderung bezieht sich auf die Herstellung und Ausfuhr von Kriegs- gerät. Beides ist Deutschland bekanntlich durch den Vertrag von Versailles verboten. Dieses Verbot wird auch strikte befolgt und von der JMÄst. streng überwacht. Die Mittel zur Bezahlung der uns auf­erlegten ungeheuren Kriegsentschädigungen lassen sich nur durch Erkort aufbringen. Dah einzelne der in deutschen Fabriken hergestellten und dann ausgeführten Halbfabrikate im Auslande zur Fertigung von striegsgerät benutzt werden, läht sich nicht vermeiden. Mit dieser Frage wird sich übri­gens die Abrüstungskonferenz beschäftigen, und zwar, soweit sich bisher übersehen läßt, in einem für Deutschland günstigen Sinne.

Drittens beanstandet die JMKK., dah ein Teil der früher von der Armee benutzten Baulich­keiten von der Reichsfinanzverwaltung noch nicht an Private verkauft ist. Hier handelt es sich in der Hauptsache um fiskalische Gebäude in früheren kleinen Garnisonen, wie z. B. Proviantämter. Re- montedepots u. dgl., die Mei der schlechten wirtschaft­lichen Lage schwer Mer käuflich sind. Dann haben es DieF c ft u n g e n" an der Ostgrenze, be­sonders Königsberg, der JMKst. angetan, die in diesem Punkt wohl unter polnischem Einfltih steht. Für den Ban moderner Befestigungen fehlt uns das Geld. Es ist jedoch selbstverständlich, dah die vorhandenen Anlagen in ihrem Zustand c r - halten werden müßen, dah vielleicht auch hie und da ein neuer Unterstand geschaffen wird. Bei der ungeheuren Durchschlags-, Spreng- und Gaswirkung der heutigen schweren Artillerie bringen solche An­lagen meist mehr Schaden als Nutzen. Also auch diese Beanstandung dürfte mehr oder weniger ge­sucht sein.

Daß die Polizei schon von Anfang an der Entente ein Dorn im Auge war, ist bekannt. Fast schien es, als ob seinerzeit besonders die Franzosen mit der Entwaffnung und plötzlichen Umorganijation der Sicherheitspolizei nichts anderes bezweckten, als Deutschland der Anarchie auszuliefern. Jetzt sind es noch 8000 Polizeibeamte, um die gefeilscht wird. Was bedeuten 8000 Menschen, die schlecht bewaffnet

selbe Schicksal erlebten Verhandlungen, die in Santiago von bolivianischen Vertretern, welche speziell zu diesem Zweck nach Chile gesandt waren, in die Wege geleitet wurden. Die chi Icnische Regierung erklärte wiederholt, trotzdem Chile vom besten Willen beseelt fei, Bolivien bei seinem Streben nach Erlangung eines Hafens zu unterstützen, würde es doch niemals seine Ein­willigung zu einer Revision des Friedensver- träges von 1904 geben.

Der Anlaß zu dem gegenwärtigen Kon­flikt ist darin zu erblicken, daß sowohl der bo­livianische Senat als auch die Abgeordneten- lanimcr sich solidarisch erklärten mit den Aeuße rungen des Senatspräsidenten. der anläßlich der Eröffnung der diesjährigen Sitzungsperiode in seiner Ansprache erklärte, es werde das boli­vianische Nasionalbestr.eben bleiben, die als Folge des Krieges von 1879 verlorenen Gebiete wiederzugewinne.n. Vor einigen Iahrc» schon ereignete sich ein analoger Fall, der den nämlichen chilenischen Vertreter, welcher an der ~ ~ ' von 1904 mit-

. _.. Wenn Bolivien jedoch jetzt den Wunsch hege, einen Hafen und eine entsprechende Zone von Chile abgetreten zu erhalten, so müßte es vorerst Vorschläge über eine angemessene Ent-

Boliviens Kampf um den Zugang jum Illeer.

Von unserem I>. ^.-Korrespondenten.

Buenos Aires, Novenrbcr 1926.

Der neuerliche Zwist zwischen Chile und Bolivien, der in diesen Tagen wieder so viel in der südamerikanischen Presse erörtert wird, ist in Wirklichkeit in seinen Grundzügen nicht neu. Nachdem die Präsidentschaft Boliviens un Iahrc 1920 von Bautista Saavedra Übernommen worden war. verstärkte sich die Tendenz der össentlichen Meinung nach Revision bei- Friedensvertrages mit Chile vom Iahrc 1904. mit dem ziemlich unverhüllten Ziel, die ganze oder teilweise Wiedergewinnung der abgetretenen Gebiete durchzusehen Bolivien wollte sich hierdurch einen Ausgang nach dem Stillen Ozean verschass«n. durch ein Gebiet, das immer sein gewesen war, von De- endigung der Befreiungskämpfe bis zumKrieg des Stillen Ozeans". Eine Eingabe Boliviens an den Völkerbund verlief im Sande, und das-

Vie Vorbereitung der weltwittfchastskonfereuz.

Don unterem Dr.-B.-Äorrefbonbenten.

Genf, Anfang November 1926.

Des am 15. November in Dens zu feiner »weiten Tagung zusammentretenden Komrtew für die Vorbereitung der Weltwtrtschaftskonfe- revz harrt eine Arbeit, die ber Bericht der zweiten Kommission der Lölkerbundsverfamm- lung mit Recht als hen heikelsten Lttl sei­ner Aufgabe bezeichnet hat. oic soll aus dem ungeheuren, feit dem Schluß ber erftej ~a' gung im Mai ds. Is. gesammelten Mate­rials diejenigen Punkte auswahlen, Die e n b - gültig der künftigen OB c 11 i r t f a f t d » Konferenz zu unterbreiten sind. Denn nach dem Auftrag, ber bem Vorbereitungskomitee durch die sechste Delegiertenversammlung des Völ­kerbundes erteilt worden .ist, hat dieses in erster Linie das Programm jener geplanten Kon- fereii,z auszuarbeiten und södanst auch deren Zusammensetzung und Zeitpunkt zu fixieren. Mm ber ersten Ausgabe zu genügen, hat das Dcr- breitungskomitee. wie bekannt, in feiner jüng­ste,, Tagung zunächst cinetr umfassenden Plan für die Beschaffung des Materials aufgestellt, au' Grund helfen bann eben die Frage be­antwortet werdeii soll, welche Punkte mit Aus­sicht auf Erfolg dem Programm ber Weltwirt- schaftskonferenz einzuverleiben unb welche aus­zuscheiden feien. War für diese Dokumentie- rungsarbeit absichtlich ein sehr weiter Rahmen gewählt worden, um die verschiedenen Seiten des Wirtschaftsproblems zum Ausdrua gelangen xu lassen, so hat ber erwähnte Kommissions­bericht daraus kein Heh> gemacht, daß nach der Meinung dieses Ausschusses, dem die Kontrolle Der technischen Organisationen des Völkerbundes obliegt, die Weltwirtlchaftskonserenz_ nur bann ein praktisches Ergebnis zeitigen könne, wenn aus dieser Fülle der Programmpunkte einige wenige wesentlick)e herausgegriffen und die ganzen Arbeiten auf sie konzentriert werdeii. Deswegen dürfte freilich jedes Material noch nicht ohne weiteres entwertet werden, das für die künftig auszuscheidenden Fragen Bezug hat. Denn ein­mal werden von ber Diskussion auch solche, nicht im offiziellen Programm enthaltenen Punkte nicht ausgeschlossen werden können, wenn sie mit einer der Hauptfragen im Zusammenhang stehen, Unb im übrigen wird das in der Zwischen­zeit planmäßig gesammüte Material auch für andere Zwecke gute Dienste leisten. Wie er­innerlich, hatte die erste Tagung des Vor­bereitungskomitees die erforderliche Arbeits­teilung in der Weise vorgenommen, daß drei zum Teil sich selbst wieder in Sonderausschüsse I gliedernde Ünterlommiffionen gebildet wurden, ' von denen dir erste (A) sich nut Fragen der Landwirtschaft, des Währungs- unb Finanz­wesens, sowie des Bevölkerungsproblems, die zweite (B) mit der industriellen Produktion, die dritte (C) mit den Frage,, des Handels unb ber Absatzmärkte befaßt. Die Arbeit der Beschaffung und teilweisen Verarbeitung des für alle diese Gebiete eingeholten Materials fiel zu einem großen Teil dem Völkerbunds- f-rfretariat und dem Internationalen Arbeits­amt, den Präsidenten des Komitees unb der .Unterausschüsse und einzelnen Mitgliedern zu, unter Heranziehung von privaten Sachverstän- bigen und wirtschaftlichen Instituten. Als Schluß­termin für den Eingang dieser Dokumente war der 1. Oktober, als Zeitpunkt für dessen Ber- teilung Ende Oktober festgesetzt. In der Haupt­sache sind diese Säten eingehakten worden, wenn auch von der lleberfet^ung einiger Berichte un Interesse ber Zeitersparnis vorläufig Umgang genommen werden muhte. Für die fiiianziellen Fragen besitzt das Komitee in den soeben er­schienenen neuesten Denkschriften des Völkerbun­des über das Geldwesen und die zentralen Notenbanken, sowie über die Zahlungsbilanzen, eine wertvolle Dokumentierung. Das Bevölkc- rungsproblem. auf das besonders Italien Nach­druck legt, findet in einem Memorandum deS Internationalen Arbeitsmarktes, das sich ja stän­dig mit diesen Fragen befaßt, ausgiebige Be­handlung. besonders auch im Hinblick auf bas Auswandcrungswesen. Zum Kapitel der indu­striellen Produktion liegt eine größere Anzahl von Monographien über einzelne besonders inter­essante Gebiete vor, so über Kohle, Baumwolle, Eisen und Stahl, Schiffsbau, Seide und Kunst­seide, Wolle, Maschinenindustrie, Elektrotechnik

schrieben: In seiner Sitzung am 2. November hat der Auswärtige Ausschuß des Reichstages beschlos­sen, die Frage der Militärkontrolle einem Unter­ausschuß zu übertragen, dem die Reichsregierung das gesamte Aktenmaterial zugänglich machen soll. Die Mitglieder des Unterausschusses sind nicht zu beneiden: ein Bergvon Akten wird vor ihnen aufgebaut werden. Denn abgesehen von ber Bot- schafterkcknferenz hat besonders die Interalliierte Militär-Kontrollkommission (JMKK.) zahlreiche Schreiben an die amtlichen beutfdien Stellen gesandt. Da die JMKK. das für ihre Mitglieder lukrative, für Deutschland aber in jeder Beziehung eine schwere Belastung bildende Geschäft der Kontrolle und Be­spitzelung stit sieben Jahren ausübt, geht die Zahl ihrer Schreiben in die Tausende. Wenn tatsächlich die Botschasterkonferenz die JMKK. anweisen würde, in Zukunft die Verhandlungen mündlich zu führen, so wäre das im Interesse der schnellen Be­reinigung ber Atmosphäre nur zu begrüßen.

Betrachtet man die'noch strittigen Punkte, die Restforderungen", nach Zahl unb Inhalt, so ge­winnt man den Eindruck, daß sie Bagatellen

gungen bildeten, zum Teil in der Absicht, die schlappe" Regierung zu beseitigen. Zum Schutz der Verfassung gegen etwaige Umsturzgelüste dieser Ver­bände organisierten sich dann die Anhänger der re­publikanischen Parteien im Reichsbanner. Nach dem Urteil maßgebender Republikaner scheint jetztder Bestand der Republik gesichert". Wenn nun schon Verbände aufgelöst werden, wäre es zweckmäßig, alle Verbände aufzulösen, gleichgültig, in welchem politischen Lager sie stehen. Eine solche Maßregel würde ganz erheblich zur Beruhigung und Entspan­nung der inneren Lage beitragen und die Exekutiv- Polizei wesentlich entlasten.

Die Reichsregierung und die Botschasterkonserenz müssen und werden ja bald zu einer Einigung kom­men, besonders nachdem Deutschland Mitglied des Völkerbundes geworden ist. Es steht zuviel auf dem Spiele für ganz Europa. Wir wollen aber nicht vergessen, daß uns durch die Waffenstillstandsbe- bingungen, burch ben Vertrag von Versailles unb durch die Satzungen des Völkerbundes bindend zu- gesagt worden ist, daß die Entwaffnung Deutsch­lands der Anfang der allgemeinen Ab­rüstung sein soll. Pflicht ber deutschen Regierung ist und bleibt es, hierauf immer erneut hinzuweisen unb Erfüllung biefer Zusagen zu fordern.

beuten sie ungeheuer viel.

Zum Schlüsse verursachen der JMKK. die ,.m i l i l ä r i s ch e n" Verbände Beklemmungen. Nun ist die Bildung militärischer Verbände durch Reichsgesetz untersagt, unb daß bie Landesregierun­gen bemüht sind, dieses Reichsgesetz auszuführen, zeigen die Verbote,, die die preußische Regierung ausgesprochen hat. Die Entente darf nicht vergessen, daß gerade sie in erster Linie Schuld daran ist, dah sich seinerzeit solche Verbände unter dem Eindruck der uns unaufhörlich zugefügten Dcmüti-

Gießener Konzertverein.

Gleichsam eine Dorausnahme für die Beet­hoven-Gedenkfeiern des kommenden Konzertwin- tcrs, wurde die erste große Orchesterveranstaltung des Konsertvereins durch ein Frühwerk Beet­hovens etngeleitet. Noch steht der junge Meister in Gefolge der beiden anderen Wiener Klassiker. Aber dennoch künden sich gerade in Einzel­heiten persönliche Züge an. Die ersten Akkorde des Adagios lassen schon Künftiges ahnen, wie auch die Ausbreitung des Adagiothemas. Auch im Allegro bricht hier und da wieder, sei es in der Stimmführung, in der melodischen Gestaltung und im Iubel des Schlusses ein eigenes Gesicht hervor.

Nicht allen der heutigen Dirigenten ist es gegeben, diese werdende Welt sicher zu erschlie­ßen! denn es kommt hier weniger auf dir sich durchsetzende Persönlichkeit des Dirigenten an als auf fein frisisches Stilgefühl und sein feines Nachempfinden. Dies beides brachte Dr. Te° m e s v a r y bem Werk entgegen unb so erklang es in erfrischender Belebtheit unb innerem Eigen- leben. Eva Liebenberg (Berlin) führte in die Welt Hänbels ein mit ihrer pastosen Alt­stimme. die nur wenige ihresgleichen hat und so daS Lob deutscher Ssimmbildungskunst unb insbesondere ihres Lehrers Hugo Rasch kündet. So konventionell sonst gerade Belcantoarien ge­lungen unb vom Publikum aufgenommen werben, umso stärker war hier der Eindruck. Mit welcher Weichheit unb Inbrunst fang sie das:Lascia ch'io piango, welche Tone der Wildheit. Ent­fesselung und Rachedurst wurden der Arie der Iuno ansSemelc" zu eigen. Dann die Weite .der gesanglichen Linie in dem Alt-Arioso: ..Dank fei dir. Herr." Eindrücke, die nicht so leicht der Vergessenheit anheimfaUen!

Die Welt Bruckners wurde durch bie Inter­pretation Dr. Temesvarys zu einem mitreißenben Erlebnis. Hatte er mit der Begleitung der Händel-Arien, die cm das Anpassungsvermögen

des Dirigenten Anforderungen stellen, denen nicht alle gewachsen sind, eine Probe gewandter Stab- führnngskimst gegeben, so zeigte er sich hier als ein Meister großen Stils. Cs gibt viele Diri­genten, die bei Bruckner Beispiele ihrer persön­lichen Interpretierung glauben ablegen zu müssen und so beim rigorosen Durchsetzen ihres Ichs bem Werke den Lebensadern, den ihni der Schöpfer gab, ertöten und ihm so mehr schaden als dienen. Wer der Vierten schon oft begegnet ist, konnte bei der gestrigen Aufführung manche Stelle, an ber man sonst achtlos Dorübergegangen war. und bie für den Zusammenhang des Werkes sonst weniger ins Gewicht zu fallen schien, in neuem Lichte erkennen. Es schien beinahe, als hätte sich mit dem Wechsel des Stiles die Gebärde des Dirigenten geändert: bei Beethoven ein an­derer als bei Händel, unb ein völliges Hinge- gebenfein an Bruckners Welt, ein Nachfühlen des Pulsschlages im Aufwallen unb Ersterben des Werkes. Wie ein Erschauern ging es im zweiten Satze durch den Raum, als nur noch eine Instrunientalstimme zum inneren Künder wurde. Wie Temesvary die Steigerungen herausarbei- tete, mit welcher Vornehmheit er das Trio im Scherzo behairdelte, das zeigte einen Musiker, ber nicht Alltägliches zu sagen hat.

Es war eine Freude, wie das Orchester wie ein Instrument willig den Intentionen des Diri­genten folgte, und jeder mit vollem Einsatz aller künstlerischen Kräfte fein Bestes gab, sei es am Horn, in der Bratsche ober bei den Holzbläsern. Dem Konzertderefti muß der Dank aller Be­sucher für einen derartigen Festabend gewiß unb sicher fein!>n

Schiller und die Komposition seinerIdeale".

Um bie Mitte des 18. Jahrhunderts lebte in Dresden der kurfürstliche Oberkapellmeister Johann Gottlieb Naumann. Aus den ärmlichsten Verhält­nissen heroorgegangen, hatte er im 16. Lebensjahr

das Glück, den schwedischen Kunftmäzcn Wceström nach Italien begleiten zu dürfen. Hier kam sein be­deutendes musikalisches Talent rasch zur Geltung. Nachdem ihn Tartini in Padua ausgebildet, begab er sich nach Venedig und widmete sich fast ausschließ­lich der Komposition. 1765 berief ihn die Kurfürstin- Mutter Marie Antonie an die Spitze der Hofkapelle nach Dresden. Seine Opern, deren er nicht weniger als 23 schrieb, seine Kirchenkompositionen und Lie­der waren sehr geschätzt, und zu feiner Zeit ge­hörte er zu den populärsten deutschen Kom­ponisten. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens setzte er unter anderen Gedichten Schillers auchDie Ideale" in Musik. Obwohl ihm Eitelkeit und Selbst­überhebung ganz fern lag, hob er doch seinen Freunden gegenüber oft hervor, daß ihm diese Lied- tomposition vortrefflich gelungen sei, daß sie alle übrigen, die er geschaffen, an Schönheit und liefe der Auffassung übertreffe. Auf das Titelblatt setzte er die Wortefür Wenige" (nämlich Kunstverstän­dige) und war nie zu bewegen, in Gegenwart einer größeren Gesellschaft den Vortrag des Liedes zu gestatten.Es soll auf 7 oder 8 Menschen wirken," pflegte er zu sagen,die Empfindung und Ausmerk samkeit mitbringen; für 30 oder 40 habe ich es nicht geschrieben."

Einst weilte Naumann in Berlin. Die Singaka­demie unter Faschs Leitung brachte ihm große Ova­tionen und führte ihm in vollendeter Weise einen Psalm vor, den er bei früherer Gelegenheit für bas berühmte Institut komponiert hatte. Naumann be­fand sich in der gehobensten Stimmung und um­armte vor dem versammelten Publikum den wackeren Fasch. Tags darauf hatte Nicolai eine größere Ge­sellschaft, darunter den gefeierten Komponisten, ge­loben. Eine Dame bat Naumann, seine Schülerin, Demoijelle Schäfer beim Vortrag der ,Ideale" zu begleiten. Dieser schien einen Augenblick betroffen, lächelte bann verbindlich und führte zur nicht ge­ringen Verwunderung der Anwesenden Demviselle Schäfer selbst an den Flügel. Alles lauschte atem­los, die Sängerin erntete großen Beifall.Diesmal, lieber Naumann," sagte jemand aus der Gesell­

schaft,haben doch mehr als 50 Menschen zugleich IhreIdeale" gehört!"Ich lasse mich auf Ihre Zahl nicht ein," antwortete Naumannaber jeder einzelne schien denWenigen" anzugehören, die ich mir dabei gedacht habe!"

Wenige Jahre vor seinem Tode kam Schiller nach Dresden. Naumann wollte dem großen Dichter seine Verehrung bezeugen und ließ ihm durch De- moiselle SchäferDie Ideale" vorfingen. In Gegen­wart des Komponisten hielt Schiller mit seinem Urteil zurück, aber in Körners Hause brach sein voller Unmut los:Wie kann ein berühmter Mann," rief er aus,mein Gedicht so ^erarbeiten, daß über sein Geklimper die Seele des Gedichtes zu Fetzen wird!" Der musikalische Körner übte eine minder strenge, aber doch abfällige Kritik:In den Idealen," meinte er,ist viel Musik und in einigen Stellen der Ausdruck glücklich. Aber in seiner gan­zen Methode, ein solches Gedicht zu behandeln, ver­stößt Naumann gegen die ersten Grundsätze. Er hat eine Wut einzelne Bilder zu malen, und seine Dar­stellung geht immer zuerst auf das Objekt, von dem gesprochen wird, nicht auf den Zustand des Sub­jektes." Wenn wir uns fragen, ob Naumann über seine eigenen Sachen so wenig Urteil besaß, oder ob ihm Schiller mit seiner vernichtenden Kritik Unrecht tat, gibt uns ein Blick auf die in der Tat unbedeutende Komposition der .Ideale" die Ant­wort, Naumann kam in seinen Produktionen über den Formalismus des 18. Jahrhunderts nicht hinaus, und weil er in seinen Kompositionen nur dem flüchtigen Zeitgeschmack huldigte, waren sie bei seinem Tode verklungen und vergessen. Fehlt Schil­lers kleineren Gedichten nun die innere Rhythmik und der melodische Schwung, die zur musikalischen Bearbeitung einlaben, so stellen »eine größeren Dich­tungen in ihker glänzenden _ -,e und Gedanken­

tiefe an den Komponisten Anforderungen, denen Naumann in seiner harmlosen italienischen Manier nicht gewachsen war. Wir sehen, daß Schillers musi­kalisches Urteil hier richtig von seinem dichterischen Geschmack geleitet worden war. A. B.