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Gießen, Schützenstraße 11 (Fischerhof), den 12. Okt 1926.
Die Beerdigung findet Mittwoch, den 13. Oktober, nachmittags 2 Uhr, auf dem Neuen Friedhof statt
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Gestern morgen entschlief nach langem schweren Leiden meine hebe Frau, unsere gute Schwester, Schwägerin und Tante
Frau Auguste Löber
geb. Hammerschlag
im 63. Lebensjahre.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Aron Löber
Familie Jakob Hammerschlag nebst Angehörigen.
Aiten-Buseck, Treis a. d. Lda., Marcellus (Mich.), den 12. Oktober 1926.
Die Beerdigung findet Mittwoch, den 13. Okto-
Das große Würfelspiel
(Martina Dilemar.)
Roman von Franz Taver Kappus.
Am Samstag verschied nach kurzem Leiden unser lieber Bruder, Schwager, Neffe und Onkel Karl Sinnes, Kellner im 29. Lebensjahre.
Die trauernden Hinterbliebenen.
Oießen, Blessenbach, Rödgen und Weilmünster, den 12. Oktober 1926.
Die Beerdigung findet Mittwoch, den 13. Oktober, nachmittags 21/, Uhr, von der Kapelle des Neuen
und Zahnen — egal: nur heraus!" Weit beugte sich Lily über das Tischchen. Ihre Stimme sprühte. „Ich glaube, ich wäre keine gute Kollegin. Wenn mir eine im Wege stünde: ich weiß nicht, was ich da täte. Zu allem, wäre ich da fähig."
Schweigend schaute Rheinfeld sie an.
„Gefährlich?" fragte Lily erschrocken.
„Warum, liebes Kinh?"
„So halbtot vor Ehrgeiz —"
„Oh, das —" Rheinfeld verstummte. Nach einer Pause sagte er bedächtig:
„Zunächst streichen Sie die elf anderen von der Liste. Sie werden sie kaum noch notwendig haben."
„Sie wollten wirklich —"
„Ich will versuchen.
„Und Sie glauben, daß es eine Möglichkeit gibt? Eine ernste, ganz ernste Möglichkeit — so wie ich da sitze, ohne Vorbildung, ohne Theaterschule? Sie halten das für möglich?"
„Sogar für wahrscheinlich."
Lily bebte am ganzen Körper. Zwei, drei Herz- schlüge lang währte die Seligkeit. Dann kroch das alte Mißtrauen heran. Von unten herauf blickte sie Rheinfeld an. Kein Auge hatte der von ihr gelassen. Seine Zigarette war ausaeyangen.
„Haben Sie morgen Zett?" fragte er lächelnd.
Jetzt, dachte Lily, jetzt kommt der Moment. Dieselbe Frage hatten auch andere an sie gerichtet. Die Taktik war ihr nicht neu: erst ging man zum Schein auf ihre Interessen ein, dann erbat man ein Wiedersehen, „um alles weitere ausführlich zu besprechen." Bewußt gebrauchte sie dieselben Worte, als sie fragte: „Um alles weitere zu besprechen?"
Wieder lächelte Rheinfeld still.
„Findeisen hat jetzt das Wort. Er macht den großen Kreuzzugfilm draußen in Staaken. Wenn wir mittags hinausfahren, kriegen wir ihn vielleicht für ein paar Minuten."
Lily seufzte auf. Das Schicksal meinte es gut mit ihr. Die Gefahr war vorübergegangen. Der Wendepunkt ihres Lebens nahte.
„Natürlich habe ich Zeit", sprach sie entrückt. Ihre Gedanken waren schon weit. „Natürlich — wenn nur Sie Zeit haben."
„Den ganzen Tag. Morgen, übermorgen, immer."
„Sie sind sehr gütig."
Sonntag früh 9 Uhr wurde unsere liebe Mutter, Schwester, Schwiegermutter, Großmutter, Schwägerin und Tante
Frau Christine Schmitt Wwe.
geb. Wagner
durch einen sanften Tod von ihrem langen schweren
Rheinfeld wehrte ab. „Es ist das Letzte, was einem alten Manne übrig bleibt: gütig zu fein."
Lily wollte etwas einwenden, doch Rheinfeld sprach schon wieder zur Sache. Ob ihr halb zwölf Uhr recht wäre? Er würde sie vor Willys erwarten. Oder anderswo? „Sie haben zu befehlen, liebes Kind."
Lily war einverstanden. „Dor Willys."
In einer Autodroschke ging es am nächsten Tage nach Staaken. Ein wenig enttäuscht war Lily in den Wagen gestiegen. Im Geiste hatte sie Rheinfeld in seinem eigenen Auto gesehen. Ohne einen Cadillac oder wenigstens Mercedes schien ihr der Mann undenkbar. Es war, als erriete er ihre Gedanken. „Es hat auch bessere Zeiten gegeben", sagte er, als man hinter Charlottenburg über die Havelbrücke fuhr. Gleich darauf knüpfte er wieder an die Arbeit der Filmleute an. Anschaulich schilderte er, welches Bild so ein Tag von morgens bis abends bot.
Lily hatte Glück.
Der berühmte Regisseur genehmigte sich eben sein Frühstück. Mitten in dem Trubel von Rittern, Troß- knechten und Pferden schlang er eilige Bissen in sich hinein. Während er mit Rheinfeld sprach, rief er den Hilfsregisseuren kurze Befehle zu. Bald daraus strömten aus allen Richtungen wimmelnde Massen gegen einen fernen Punkt. Aus einmal lebten die Burgen aus Pappe ringsum. Speere und Schilder blitzten in der Frühlingssonne. Ein unsichtbares Megaphon dröhnte.
Verwirrt staunte Lily in den Wirbel. Sie ging einige Schritte vor, stand still, trat wieder zurück, lächelte, wurde ernst: alles, was vor ihr geschah, spiegelte sich in ihrer Haltung und in ihren Mienen. Mit den Augen, den Lippen, den Händen spielte sie mit.
Findeisen und Rheinfeld kamen heran. Der Regisseur wußte genug. Scharf hatte er Lily beobachtet. Nur noch ein paar belanglose Fragen richtete er an sie. Dann bestellte er sie zur Probeaufnahme in das Atelier.
Vierundzwanzig Stunden später hatte Lily einen Vertrag in der Tasche. Anfang Mai sollte sie mit den Darstellern der Apollo A.-G. in die Schweiz. Den Sommer über mußten die Hauptszenen oes Monn- mentalfilms „Die Rache der Berge" gedreht werden. Eine kleine, aber dankbare Rolle war ihr sicher.
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Lily verlor ihre Sicherheit. In ganz anderen Bahnen hatten die ersten Gespräche sich meistens bewegt. Höher schlug ihr Herz. Hatte sie am Ende einen weißen Raben vor sich?
Trocken sprach Rheinfeld: „Sie müssen mir erzählen: von wannen, wieso, warum. Und vor allem: wie Sie sich bas denken. Man hat eine gewisse Verantwortung in solchen Fällen."
Leises Unbehagen erfüllte Lily. War das nicht nur verkappte Neugierde? Oder ein Umweg zu demselben, längst bekannten Punkt?
„Nun?" Hell ruhten die Augen des Mannes auf ihr.
Vorsichtig berichtete Lily von daheim. Es ginge alles nicht mehr wie früher. Die Verhältnisse seien enger geworden. Sie aber sehne sich nach der großen Welt, nach Erfolg, Ruhm.
„Auch nach Arbeit? Auch nach Enttäuschungen?" Lily lachte.
„Ich bin keine von den Naiven! Gibt es Arbeit: flut; ich nehme sie auf mich. Kommen Enttäuschungen: gut; ich will mit ihnen fertig werden." Still und eindringlich fügte sie hinzu: „Und noch etwas. Meine Leute zu Hause kennen mich nicht. Sie finden mich leicht, oberflächlich, unberechenbar. Aber das ist nicht die, die hier vor Ihnen sitzt. Die da ist zäh. Die da hat sogar in der Zeitung annonciert. Die da ist schon fünfzehnmal bei so einem Stelldichein gewesen. Sie sind der sechzehnte. Noch elf andere stehen auf der Liste. Tut man so etwas, wenn man leicht, oberflächlich, unberechenbar ist?" Alles in Ihrem erregten Antlitz fragte mit.
„Also sozusagen besessen?" sprach Rheinfeld, sichtlich zufrieden.
„Das ist das richtitze Wort: besessen." Beide Fäuste preßte Lily an die Brust. „Da drinnen muß man es spüren. Herrgott — wie ich es spüre! Wie das bohrt und brennt, nicht zu sagen. Wie das heraus will, über Berge und Täler, wie das sich Wege bahnen möchte, mit Händen und Füßen, mit Krallen
Die Eltern waren sprachlos. Martina gratulierte mit großen, sehnsüchtigen Augen. Baron Rheinfeld lächelte warm.
,Lch weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll", sprach Lily, als sie mit Rheinfeld zum letztenmal beisammensaß. Wie Drgelgebraufe ging es durch ihre Brust. Der ewige Frühling war angebrod)en Irgendwo im Schatten dämmerten die Eltern und Martina.
Rheinfeld hob die schöne Aristokratenhand. Ange- legentlich betrachtete er den Jaspis mit dem Fami- lienwoppen am kleinen Finger.
„Sie sollen mir nicht danken, liebes Kind."
Ueberschwänglich fragte Lily: „Warum soll ich Ihnen nicht danken, Baron Rheinfeld? Immer werde ich Ihnen danken. Immer werde ich an Sie denken. Sie haben mich entdeckt. Sie haben mir die Tore geöffnet. Es ist nur natürlich, daß ich Ihnen danke, so lange ich lebe."
„Wir reden später einmal darüber", sagte Rheinfeld. Er fah dem Rauch seiner Zigarette nach und lächelte nachdenklich.
XI.
Stumm und eilig legte Nettelbeck die Post auf den Schreibtisch Carstens. Es war ein gewaltiger Stoß. Ein ebensolcher Stoß kam zu Mittag.
Carsten griff nach den Zeitungen zu oberst.
„Wie sie sich wieder ereifern", murmelte er in das bedruckte Papier. Immer lauter wurden die Stimmen gegen seine menschenfreundlichen Pläne. Die Bauunternehmer, die gleich ihm neue Häuser aufführten, hatten sich zusammengeschlossen. Auf den Baukostenzuschuß der Mieter, mindestens tausend Mark pro Wohnraum, könne unter keinen Umständen verzichtet werden. In jedem-der rot an- gestrichenen Artikel wurde der Beweis dafür erbracht. Wenn das Stadtbauamt ruhig zusähe, sollten die Stadtverordneten den Fall aufgreifen. Es ginge nicht an, daß ein Phantast, dessen Nerven vielleicht in Unordnung geraten seien, den Blick der Deffent- lichkeit für die wirtschaftlichen Notwendigkeiten der Zeit trübe. Radikale Abhilfe täte dringend not.
Eines nach dem anderen lieh Carsten die Blätter in den Papierkorb gleiten.
Ein Brief des Informationsbureaus „Argus" fiel ihm in die Hand.
(Fortsetzung folgt.)
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Hiermit erfüllen wir die traurige Pflicht, von dem Ableben unseres lieben Kollegen
Karl Dinnes, Kellner
geziemend in Kenntnis zu setzen.
Seine Kollegen.
Die Beerdigung findet Mittwoch, den 13. Oktober, nachm. 21/, Uhr auf dem Neuen Friedhöfe statt
Um zahlreiche Beteiligung wird gebeten.
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