ßr. 239 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Dienstag, (2. Moder 1926
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Fünfte Schulmustkwoche in Darmstadt.
Gestern vormittag begann in Darmstadt die 5. Schulmufikwoche, die vom Zentralinftitut für Erziehung und Unterricht (Berlin) m Verbindung mit dem Hessischen Landesamt für das Bildungswesen veranstaltet wird. Die Tagung ist aus allen Teilen Deutschlands sehr stark besucht.
Staatspräsident Ulrich eröffnete die Verhandlungen und wies in seiner Begrüßungsansprache auf die Tatsache hin, daß die Schulmusikwoche zum erstenmal in einer süddeutschen Stadt abgehalten wird.
Anstelle des durch Krankheit verhinderten Staatssekretärs Heinrich Schulz vom Reichsmini- sierium des Innern, der über „Volkstümliche Kunst- Pflege" sprechen wollte, hielt Regierungsrat Wicke- Weimar einen Dorttag über das Thema „Bezie- bungen zwischen Staat und Musikleben." Die Musik hat nicht nur ein Schulinteresse, sondern sie ist mit der ganzen Kultur verbunden. Die Ausgaben von Staat, Ländern und Gemeinden sind nicht im Jn- teresie eines Einzelnen, sondern zur Erfüllung einer Kulturaufgabe. Gegenüber der Forderung eines Kulturabbaues wird die Einsicht immer klarer, daß die Kulturwerte aufrechtzuerhalten sind.
Die Schule hat die Aufgabe, das Bestehende zu erhalten, sie ist eine konservierende Anstalt (Konservatorien), aoer das Bestehende ist als Lebendiges zu erhalten und für die Zukunft fruchtbar zu machen. Man kann heute noch nicht von einer volkstümlichen Kunst sprechen. Diese hat einen großen Wert für gesellige Vereinigungen, die durch Musik, die Gemeinschaft bindende Kunst, gehoben
Paneuropa in Wien und anderswo
Don Dr. Paul Rohrbach.
Die paneuropäische Tagung in Wien, die eben vom 3. bis 6. Oktober getagt hat, mag von vielen mit Skeptts begleitet worden sein — eins hat sie jedenfalls bewiesen, nämlich d i e a g i ■ kalorische Stärke der Idee. .2Iiert= würdigerweise ist der Mann, der das Zustandekommen und die verhältnismäßig glänzende Beschickung des Kongresses zunächst als einen großen persönlichen Erfolg für sich zu buchen hat, der Graf Couden Hove-Kaler gi, selbst nur ein Halbeuropäer. Sein Bater war österreichischer Diplomat in Tokio und seine Mutter \\t eine Japanerin aus vornehmer samilie. Die Couden- Hoves gehören zu der bis auf ihr schwarzgetves Bewußtsein von jeher stark international eingestellten österreichischen Aristokratie, die ihre Hochburgen in dem böhmischen Lattfundiengebiet hatten. Der Erfinder der paneuropäischen Formel ist noch ein jüngerer Mann, und es zeugt von seiner starken Fähigkeit, sich in die Geistesverfassung unserer Zeit einzufühlen, daß er nicht nur die ersten österreichischen Ramen, wie Dr. Seipel, den deutschen Reichstagspräsidenten L ö b e und eine lange Reihe bekannter Ramen »aus Europa und Amerika für die Teilnahme, sondern sogar für das Ehrenpräsidium Persönlichkeiten wie C a i l l a u x und den tschechoslowakischen Außemninister Dr. D e n e s ch gewinnen konnte. Allerdings haben diese beiden die Würde nur formell übernommen und bei den Verhandlungen durch Abwesenheit geglänzt.
Paneuropa im Sinne Coudenhoves ist eigentlich kein Paneuropa, sondern ein Klein- europai, denn weder England noch Rußland sollen hineingehören. England wird ausgeschaltet, weil das britische Reich von heute seinen wirklichen Schwerpunkt kaum noch in Europa hat, und Rußland, weil sein staatliches Dasein gegenwärtig auf Grundsätzen beruht, nach denen es mit der übrigen europäischen Staaten- familie im Grunde nur einen Waffenstillstand eingehen kann; sein wirkliches Prii^ip ist die Zerstörung der heutigen Gesellschafts- und Staa- tenordnung durch die internationale Weltrevo- lution.
Betrachtet man Paneuropa in diesem eingeschränkten Sinn, und nicht unter dem idealen Gesichtspunkt einer zukünftig denkbaren Verbrüderung, sondern unter dem der tatsächlichen Lage von heute, vor allen Dingen aber auch unter dem des deutschen nationalen Interesses, so erhebt sich gleich ein st a r k e s Bedenken. Don den europäischen Rationen, die als Gliedstaaten des künftigen Bundes in Betracht kommen, sind drei, nämlich die deutsche, die ungarische unö die bulgarische, aufs schwerste verstümmelt, andere aber, wie die polnische, tschechische, rumänische, serbische, auf Kosten der Verstümmelten mit Besitzungen ausgestattet, auf die sie von Ratur kein Recht haben. Wenn Coudenhove und seine Freunde darauf erwidern, in dem Paneuropa, das sie sich denken, würden Staatsgrenzen nur noch untergeordnete Bedeutung haben und nationale Dergewaltigungen würden deshalb nicht Vorkommen so bedeutet das nur eine Umgebung des Verzichts, der den Deutschen doch Mgemutet wird. Das Verlangen, das wir auf alle Fälle stellen müssen, lautet: Bevor wir der Paneuro- päischen Idee nähertreten, hat nicht nur d i e deutsche Souveränität wiederhergestellt, sondern auch das Selbstbestimmungsrecht für alle Bewohner des deutschen Dollsbodens verwirklicht zu sein! Den nationalen Ehrgeiz und die nationale Eifersucht auszuschalten, sei es auch nur für kommende Zetten, ist eine Utopie. In einem Bunde aber, in dem Deutschland und seine Leidensgefährten einer Gruppe von Staaten gegenüberständen, die zusammengehalten sind durch das Interesse, ihren Raub zu behalten, den ihnen die Friedensschlüsse nach dem Weltkrieg zugeschanzt haben, würde unsere Stellung erst recht ungünstig sein, wenn sowohl England als auch Rußland, die beide als polttische Stützen für uns in Betracht kommen tonnen, ausgeschaltet sind.
Unter den Argumenten der Schule Coudenhoves erscheinen, äußerlich betrachtet, das Wirtschaftliche und das Pazifistische gleich stark betont. In Wahrheit dient das erste nur als wirksamer Vorspann für das zweite, und über beiden schwebt als ein drittes Ideal das Kulturelle. Sieht man sich aber dieses Ideal etwas näher an, so findet man. daß nicht an eine nationale, sondern an eine internationale Kultur gedacht ist, bei der die eigentümlichen Geisteskräfte des deutschen Volkes, Die vorwiegend auf Individualität gerichtet sind sehr zu mrz kommen würden. Die Weltkultur in Ehren, aber es gibt nur einen Weg, auf _ dem die Völler sie bereichern können, und der führt über
Drittel erhalten. Roch mehr bevorzugt wurde im Verhältnis Belgien.
Es ist trotzdem grundsätzlich kein Fehler gewesen. wenn wir die Verständigung auf solcher Grundlage abgeschlossen haben, denn es wurde damit eine starke Voraussetzung da'ür geschaffen, daß zwischen Deutschland und Frankreich die Verständigung weitere Fortschritte macht. In dein Bericht, den der damalige Vorsitzende der parlamentarischen Finanzkommission. D a r i a c. am 22. Mai 1922 der französischen Kammer erstattete, hieß es, Frankreich könne Deutschland auf zwei Arten behandeln: es entweder vernichten oder ausbeutcn; zu beidem fei es stark genug! Eine andere Eventualität als diese beiden wurde überhaupt nicht erwähnt. Dazu machte damals der „Manchester Guardian" die Bemerkung, Herrn Dariacs Bericht habe zwei Hälften, die erste trüge die Ueberschrist „Vernichten", die zweite „Ausbeuten", und das Rätsel dabei fei, wie der Verfasser beides vereinen wolle! Seitdem find nur wenig mehr als vier Jahre vergangen, und aus die dramatische Umarmungsrede des Herrn Briand in Gens ist die nüchterne Unterschrift der Bevollmächtigten unter dem Eisenpakt erfolgt. Wir möchten die Meinung ausdrücken, daß die reale Bedeutung, bei jener sich vermutlich als höchst gering, bei dieser aber möglicherweise als sehr bedeutend erweisen wird.
die von ihnen heraus keimende Entwicklung jeder nationalen, hllturellen Eigenart. In der steckt das Beste, was jedes Volk zu geben hat.
Gleichzeitig mit dem Wiener Kongreß, auf dem so viel üoer Paneuropa geredet wurde, hat sich ein Ereignis vollzogen, das, praktisch verstanden, vielleicht den ersten Schritt zu einer paneuropäischen Annäherung auf dem Boden wirtschaftspolitischer Vernunft bilden wird. Dieser Schritt ist das zwischen Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxemburg abgeschlossene Eisenlar teil. Wenn Coudenhove für seinen Gedanken Propaganda macht, so fehlt dabei nie das Gemälde eines durch seine 3er» Klitterung den Amerikanern wirtschaftlich erliegenden Europa. Darin steckt etwas Richtiges. Zu dem eisenindustriellen Abkommen, dessen beide Hauptpartner Deutschland und Frankreich sind, steht daher jedem weiteren europäischen Staat der Beitritt offen. Das größte Opfer bei diesem Schritt nach vorwärts hat wiederum Deutschland gebracht. Rach der Capazität seiner Eisenindustrie hätte es beinahe zwei Drittel der zu verteilenden Produktionsmenge beanspruchen können. Cs hat aber etwas weniger als die Hälfte erhalten, nur mit Einrechnung des Saargebietes ein paar Prozent darüber. Frankreich hätte ein Viertel zu fordern gehabt, hat aber statt dessen ein sehr reichliches
„Lüsitaniafall" und t)-Bootkrieg.
Aus Dem neuen Aktenwerk des Großadmirals von Tirpitz.
Das soeben in der Hanseatischen Verla gsanstalt in Hamburg 36 erschienene Werk von Großadmiral von Tirpitz „Deutsche Ohnmachtspolitik im Weltkriege" enthüllt eine Fülle bisher unbekannten Materials, Dokumente, Briefe und Aufzeichnungen, die entscheidende Episoden des Weltkrieges in ganz neuem Lichte erscheinen lassen. Wir entnehmen dem Buche folgende Stellen:
Am 7. Mai 1915 versenkte das U-Boot „U 20" mit einem einzigen Torpedoschuß den ihm unerwartet ins Schußfeld laufenden großen englischen Passagierdampfer „L u s i t a n i a". Für die Einzelheiten des dadurch geschaffenen „Cuit- taniafalles" muß auf die Spezialliteratur verwiesen werden. Daß die „Lusitania" Munition an Bord führte und durchaus zu Recht torpediert worden ist. stebt heute einwandfrei fest. Der ungewöhnlich große Verlust an Menschenleben war lediglich auf die Munitionsladuna. die schlechte Bauart des Schiffes und den mangelhaften Rettungsdienst zurückzuführen.
Telegramm an den Chef des Marinekabinells im Großen Hauptquartier.
Berlin, den 9. Mai 1915 12.20 Uhr nachm.
Rach meiner Ansicht jetzt dringlichste Dtactts- notwendigkett, Reutralen speziell Amerika gegenüber fest bleiben und Rechtsstandpuntt wahren, daß Lusitania armierter Hilfskreuzer (Das Schiff war als solcher in den Listen verzeichnet und auch tatsächlich im August 1914 requiriert. Zur Zeit der Versenkung scheint es von der Admiralität freigegeben gewesen zu fein, was wir nicht wissen konnten.) und Munitionsladung an Bord hatte. Entgegenkommen gefährdet unsere Positton unendlich mehr als Tmrchhalten und wird im Auslande und vor allem im eigenen Lande nur als Schwäche ausgelegt. In Oeffentlichkett immer auf amerikanische Munitionszufuhr Hinweisen. v. Tirpitz.
An demselben Tage richtete das Auswärttge Amt eine Art Rechtferttgungsnote an die neutralen Machte.
Der Ches des Marinekabinetts, Admiral v. Müller, an mich.
Schloß Pleß, 12. Mai 1915.
Euerer Exzellenz
möchte ich nicht verfehlen, über die hiesigen Verhältnisse ein paar Worte zu schreiben. Zunächst der Lüsitaniafall. Seine Majestät hat ihn sehr ruhig genommen, obwohl sonst im Hauptquartier vielfach Erschrecken über die „Ungeheuerlichkeit" der Tat zum Ausdruck kam. Ich habe Seiner Majestät die mir von Euerer Exzellenz telegraphierte Stellungnahme zu dem Fall »orgele)en. Seine Majestät war ganz einverstanden, und unabhängig hiervon hat ja auch der Reichskanzler an die Botschafter und Gesandten ungefähr im gleichen Sinne telegraphiert zur Information der fremden Regierungen.
Immerhin muß man zugestehen, daß der Lüsitaniafall gerade jetzt eine Kehrseite hat, d. i. als neues Mittel zur Aufstachelung der Strahenpolittker in Italien, wo die Dinge doch auf des Messers Schneide stehen. Wie mir
Treutler sagt, wird der Untergang der Lusitania auch dem Papst die Aktion in unserem Interesse erschweren, die sich auf christliche und moralische Momente stützt. Run, jedenfalls müssen wir durchhallcn, wozu ja auch der glänzende Verlaus unserer Operationen im Osten und das Aushalten der starken Angriffe auf unsere Westfront bei Arras ermutigt. In bezug auf letzteres hätte ich gewünscht, daß der Verlust an Gefangenen und Geschützen, den die Bayern bei der Abwehr erlitten haben, in unseren Berichten zugestanden worden wäre. Es hätte die Glaubhaftigkeit der Berichte doch wesentlich erhöht.
Man hat hier noch einige Hoffnung auf Erhaltung der italienischen Qleu- tralität. Jedenfalls will Seine Majestät mtt Falkenhayn hier bleiben, bis die italienische Frage entschieden ist, was wohl spätestens am 20. Mai ein tritt. Kommt es zum Krieg, so müssen sogleich Vereinbarungen mit dem nur eine Autostunde von hier befindlichen österreichischen Hauptquartier getroffen werden...
Ein kleines Zwischenspiel in diesen Tagen, das mit dem Lusttaniafall noch nichts zu tun hat, zeigt, wie mangelhaft das Aus- toärtige Amt mit den militäris che n Stellen zusammenarbeitete und wie sehr die von ihm beliebte Methode geeignet war, die bestehenden Gegensätze ohne Rot zu verschärfen. Gleichzettig erhellt daraus die bis zur Haltungslosigkeit gehende Selbstentäußerung der deutschen polittschen Leitung, deren „Kinder- gartenpolittt" durch die überbetonte beflissene Zusicherung des Wyhlverhaltens die Ansprüche der Gegenseite nur wecken und steigern mußte.
Ueber einen im Großen Hauptquartier zu Pleß abgehaltenen Kriegsrat über den U-Doot- Krieg berichtet Tirpitz in seinem Buche:
Pleß, Sonntag, den 30. Mai.
Abends 11 Uhr Besuch von Admiral von Müller, der ausführte, Reichskanzler lehnte Verantwortung für Führung U-Boot-Krieges in bisheriger Form ab, da wir sonst mit Sicherheit wettere Kriegseicklärungen zu erwarten hätten: Admiral von Müller, Gesandter von Treutler, General von Fallenhahn stimmten der Ansicht des Reichskanzlers zu.
Unser Eindruck war der, daß wir einer vollständig abgemachten Situation gegen» überstanden.
Auf eine kurze Andeutung von mir, daß die Absicht des Kanzlers schon in weitere Kreise gedrungen sei, zwei hervorragende Abgeordnete mich daraufhin interpelliert hätten, die ich aber abgewiesen, wett mir nichts davon bekannt, ging Admiral von Müller in die Höhe:
Das wäre noch toller, wenn derartige öffentliche Meinungsäußerungen Einfluß auf die Entschließungen haben könnten.
Am 31. Mai fand in dieser Frage Vortrag in Pleß statt. General von Falkenhahn unterstützte den Standpunkt des Reichskanzlers, indem er ausführte, wenn der Reichskanzler die Kriegserklärung der neutralen Mächte, auch Hollands, als wahrscheinlich ansehe, so müsse das auch von ihm angenommen werden. Der Marine I müsse daher auf gegeben werden, den U-Boot-
Krieg so zu führen, daß politische Konflikte nicht entständen.
Der Chef des Admiralstabes und ich führten aus, daß bei Beibehaltung des U-Boot-Krieges eine solche Gewähr nicht gegeben werden tonne. Seine Majestät müsse daher entscheiden, ob der U-Boot-Krieg überhaupt geführt werden solle oder nicht. „
©eine Majestät stimmte dieser Auffassung zu. Er habe die Anweisung für den U-CBoot- Kr.eg gegeben, sie fei gleichbedeutend mit Be- ehl. Wenn der U-Boot-Krieg aufgegeben werden solle, nrüsse der Reichskanzler auch die volle Verantwortung dafür übernehmen. (In der Tat brauchten Kaiser und Kanzler nur den Befehl zu erteilen, daß der U-Boot-Krieg aufhören solle, dann waren alle polittschen Differenzen beseitigt, solange man aber den militärischen Stellen die Verantwortung überließ, waren diese gezwungen, auf ihrem Standpuntt zu beharren.)
Admiral von Müller und Gesandter von Treutler suchten den Standpunkt des Reichskanzlers und Falkenhayns zu verteidigen.
Seine QHajeftät lenkte die Einweisungen ab, indem er sagte, das seien alles „Fisimatenten", hier handle es sich um die Frage, ob der U- Doot-Krieg aufgegeben werden solle ober nicht, und wenn der Reichskanzler ihn nicht aufgeben wolle, so bliebe es eben bei dem Befehl. Ein zusammenfassender Befehl für alle bisherigen Einschränkungen solle ihm alsbald vor- gelegt werden.
Aktennotiz des Kabinettschefs.
Am 31. vormittags fand eine Besprechung bei dem Kaiser statt. Tirpitz erklärte, . seiner Ansicht nach sei die Befürchtung des Reichskanzlers nicht zutreffend. Der Marine ittachee in Washington empfehle direkt Durchhalten. Von anderer Stelle wurde dem Kaiser aber gesagt, schließlich müsse doch der Ansicht des verantwortlichen Leiters der Reichspolttik Rechnung getragen werden. General von Fallenhahn vertrat den Siandpuntt, daß, wenn wir auch noch so sehr im Recht seien, bei der Versenkung der Lusitania doch die Machtfrage entscheide, und wir könnten nicht vertragen, daß auch noch Amerika auf die Seite unserer Gegner trete. Er empfehle also, den ausdrücklichen Befehl zu geben — im Gegensatz zu den bisherigen allgemeinen Direktiven —, die Reutralen zu schonen. Der Kaiser meinte, bann müsse der U-Boot-Krieg überhaupt aushören, und diesen Schritt, der den allgemeinen Unwillen des Volkes erregen würde, müsse der Reichskanzler verantworten.
Admiral von Müller sagte darauf, seiner Ansicht nach wolle der Reichskanzler durchaus nicht den U-Boot-Krieg ganz auchören lassen (Der U-Boot-Krieg war bereits durch Vorschriften so eingeengt, daß feine Wirkung nicht mehr allzu groß sein konnte; er sollte nach dem Wunsch des Reichskanzlers zwar formell weitergeführt, aber der tatsächlichen Wirkung nach beseitigt werden.) und es lasse sich sehr wohl ein Befehl an die U-Boote aufstellen in Gemeinsamkeit mit dem Reichskanzler, der — sowett überhaupt menschliche Voraussicht reicht — der polittschen ßage Rechnung trägt.
Der Chef des Adnnralstabes wurde beauftragt, in diesem Sinne mit dem Reichskanzler in Verbindung zu treten und dann im Allerhöchsten Auftrage den Befehl zu erlassen.
Admiral von Mütter und Herr von Treutler haben bann noch vor der Rückreise nach Berlin Admiral Bachmann darauf aufmerksam gemacht, in der Besprechung mit dem Reichskanzler müsse ihrer Ansicht nach auch die Frage des Angriffs auf große englische Passagier da mpfer mit erörtert werden. Sie würden es für ein Unglück halten, wenn jetzt z. D. auch die Maure- tania versenkt würde.
Moskauer Brief.
Von unserem M.-Korrespondenten.
Moskau, Oktober 1926.
Die Entwicklung, die sich in Genf angebahnt hat, ist in Moskau mit einem gewissen Mißtrauen verfolgt worden. Prawda und Jswestisa schreiben von der Gefahr eines deutsch- französischen Blocks, wobei sie sich aber an die englische Adresse wenden, der diese „Gefahr" eindringlich vor Augen geführt werden soll. Zugleich glaubt man hier in der Zusammenkunft Chamberlain mit Mussolini in Livorno ein Symptom für das Entstehen eines zweiten westeuropäischen Blocks, eines englisch-italienischen zu erblicken und spricht demgemäß von „zwei miteinander konkurrierenden national-politischen Kombinationen, zwei Blocks der europäischen imperialistischen Mächt e". Daß diese Betrachtungsweise bei den verschiedenen, an dieser angeblichen Konstruktion beteiligten Mächten selbst
werden müssen. Grammophon und Radio entbehren der inneren Wirkung, um volkserzieherisch zu fein. Der Redner wandte sich in seinen Schluß« betrachtungen gegen eine Ueberstcigerung des Prüfungswesens in der Musik; bei der Prüfung von Musiklehrern seien nicht allein die technischen, sondern auch die Erzieherfähigkeiten <$u berücksichtigen.
Prof. Dr. Paul Luchtenberg - Darmstadt betonte in stark philosophisch gefärbten Ausführungen die Mission der Kirnst als Kulturelement. Musikpädagogik ist gleichbedeutend mit Kulturpädagogik; ihre Aufgabe ist die Verwirklichung von Werten. Der Redner trat u. a. für einen gehobenen Dilettantismus ein, denn ohne die Liebhaber der Kunst wäre ein ersprießliches Wirken der Künstler und eine erfolgreiche Kunstpflege unmöglich.
Dr. Ernst K r i e ck - Mannheim sprach über „Musik und Erziehung". Zu diesem Thema führte der Redner etwa aus: Das Leben zeigt einen eigenen Rhythmus, der sich ausspricht m dem Alltag und den Festen. Diese finö betonte Höhepunkte. Ist der Alltag beherrscht von der Vernunft, so bedeuten die Feste seelische Erregung, Ausweitung, Aufstieg in höhere Lebenssphären. Richt ohne Grund ist es, daß bei vielen Festen die Idee der Wiedergeburt so in den Vordergrund tritt. Die ekstatische Erregung beim Fest wird ergänzt durch das Gefühl der Gemeinschaft. Die Feste haben bestimmte Rormen, Kulte, ganze Systeme der Seelenpflege. Zu der technischen Sette ihrer Ausführung gehört auch die Musik, die in seelische Höhenlage führen soll. Die Pytha- goräer und chinesischen Philosophen faßten Zne Musik als eine magische, weltbewegende Macht auf. Vielfach schreibt man den Tönen eine erlösende Macht zu. Aristoteles sah in den Tönen
und Melodien Rachahmungen ethischer Vorgänge. Aufgabe der Musck ist es aber, die Seele in Schwingungen zu setzen, ihr einen Ausgang bi die Freiheit zu verschaffen. Das Musische geht ursprünglich dem Intellektuellen im Menschen voran. Der Redner gab im Anschluß an diese Darlegungen eine historische Schilderung der Musttbildung und des Musikunterrichts. Aus der Kirchenmusik ist die hvhe Kultur des Volks- gesanges hervorgegangen. Das 17. Jahrhundert bezeichnet einen Höhepunkt, aber es bestand auch in der Folgezeit feine engere Verbindung zwischen der Musik und den anderen Künsten mehr; die Romantiker versuchten noch einmal die Einheit wiederherzustellen. Die heutige Musik ist in Künstelei ausgeartet, fern aller Lebensgestaltung. Rur von der Jugendbewegung ist eine Zukunft zu hoffen. Wir können jedoch nicht dauernd von dem Erbe einer großen Vergangenheit leben, auch neues wird fern Recht verlangen. In der musischen Seelenpflege liegt das Problem der musikalischen Erziehung.
Alle Vorträge wurden sehr beifällig ausgenommen.
Frankfurter Theater.
Richard Weichert brachte als erste Klassiker-Inszenierung der Winterspielzeit Heinrich von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg" auf die Schauspielbühne. An der überaus regen Anteilnahme des Publikums spürte man, wie erwünscht die Aufführungen solcher unsterblichen Werke sind. Zumal der „Prinz von Homburg" unter den Werken Kleists einen besonderen Platz einnimmt; vor 1810 geschrieben.
ist er der Schwanensang des allzufrüh freiwillig Geschiedenen. Ihm konnte das Schicksal nicht den versöirlichen Ausgang seiner Dichtung schenken, die Kugel erreichte ihr Ziel, da seine Träume nicht, wie die des Prinzen durch Bitternis hindurch traumhaft schöne Verwirklichung fanden. Aber die Worte Homburgs: „Run, o Unsterb- lichkett, bist Du ganz mein!", sie gelten dem Dichter, der eine Penthesilea schuf, als Gegenpol das „Kätchen von Heilbronn" gleich einem Märchen dichtete und hier im „Prinzen von Homburg" den Schlußstein zu seiner Unsterblichkeit setzte. — Die Ausführung wuchs in den Abend hinein und entwickelte sich in lebensvoller Plastik; hauptsächlich der zwette Teil war getragen von prachtvoll bewegter Eindringlichkeit. Hier spornte die Regie die Schauspieler zur restlosen Erfüllung ihrer Aufga^n an. Der Homburg Rorbert Schillers, ansänglich noch irgendwie gehemmt, hatte im Verlauf des Spieles die Leidenschaftlichkeit des Dichters auf die Gestalt des Prinzen übertragen. Reben dem Kurfürsten Alexander Engels war Toni Impekoven zwingend in der Zeichnung des alten Kottwitz. Konstanze Menz als Ratalie wußte Liebe mit handelnder Tatkraft zu paaren; im übrigen trug jeder einzelne zum Gelingen des Abends bei. Vorzüglich gliederte die Raumgestaltung Eduard Sturms das SpiÄ mtt seinen Bühnenbildern, welche der Darstellung große Entfaltungsmöglichkeiten lieben. Jedes Senken des Vorhanges füllte das Haus mtt Beifall. Am Schluß mußte Weichert und fein Dar- stellerstab immer wieder dem lauten Rusen des Publikums Folge leisten. L. W,


