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Nr. (87 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Donnerstag, 12. August102b

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

vnlck und Verlag: vrühl'fche Unwerfi1äl§-Vuch- und Steinöruderei R. Lange in Stehen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulftrahe 7.

Die Berliner Berfaffungsfeier

Feiern der Deutschen im Ausland

Eine Rede des Reichsinnenminislers Dr. Külz im Reichstag

Volksidee, der Mensch-

Inhalt für

ist eine Republik: die Volke aus. 3n diesen neue deutsche Staats-

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jeder ist Schicksal

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halt der Staatsidee, der heitSidee.

Das Deutsche Reich Staatsgewalt geht vom kurzen Worten ist der

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gedanke gegeben. Seinen Inhalt zu erfüllen ist nicht Sache der Verfassung, sondern des Volkes. Es soll uns fern liegen, ein Pharisäertum deu Republik auszurichten und kritiklos olles das schmälern zu wollen, was der Kaiserstaat auch an Großem und Bleibendem geleistet hat, aber Achtung und Ehrfurcht vor der Vergangenheit und ihren Leistungen entbinden uns nicht von der Pflicht, dem Staate der Gegenwart und Zukunft unter Einordnung des ganzen Ich zu dienen, denn die beherrschende Idee auch für diesen' Staat ist nicht verkörpert im eigenen arm­seligen Ich oder in der Partei, sondern im Leben der Ration, deren Glück und Zukunft unsere Arbeit und unsere Hoffnung gilt.

Der Staat bin ich dieser Sah gilt auch für die Republik, aber hier nicht nur für einen, sondern für jeden, hier nicht im herrschenden,

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Annahme von Anzeigen für di« Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

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Thefredokleui.

Dr. Friede Wild. Lange Derantworllich für Politik Dr Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr H.TKyriol; für den übrigen Teil Ernst Dlumlchein: für den An­zeigenteil Hans jüfteL sämtlich in Diehen.

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Gewiß sind diese Ziele der Verfassung nicht von heute auf morgen zu erreichen. Wo Staaten und Weltordnungen zusammenbrechen, kann der Reubau nicht von heute aus morgen fertig fein. Aber Pflicht derer, die am Staate verantwort­lich sind, ist es, die hohen und großen Ideen der Weimarer Verfassung dem deutschen Volke immer näher zu bringen, um die Teilnahme der Ration an ihrer eigenen Zukunft zu beleben im Sinn« des Freiherrn von Stein-Die Teilnahme der Ration bildet Liebe zur Verfassung, bildet eine richtige öffentliche Meinung über nationale An­gelegenheiten und die Fähigkeit der Bürger, die Geschäfte zu verwalten." Unt> wenn hier und da durch die Teilnahme der breiten Masse des Vol- kes an der Mitbestimmung seines Schicksals Mih- erscheinungen auf freien, so wollen wir uns nicht irre machen lassen in der Rotwendigkeit des Erziehungswerkes am deutschen Volke zur politischen Freiheit und wollen es dabei mit Kant halten, wenn er sagt:Man kann zur Freiheit nicht reifen, wenn man nicht zuvor in die Frei­heit gesetzt worden ist. Die ersten Versuche wer­den freilich roh, gemeiniglich auch mit einem beschwerlichen und gefährlichen Zustande ver­bunden fein, allein man reift für die Vemunfil nicht anders, als durch eigene Versuche." Tlnd wollen die Richtigkeit des großen Gebotes nicht verkeimen, das Schiller in die Worte kleidet:

Politische und bürgerliche Freiheit bleibt immer und ewig das heiligste aller Güter, das würdigste Ziel aller Anstrengungen und das große Zentrum aller Kultur."

Gewiß: eine Verfassung ist nichts Lieber­irdisches und nichts Llnvergängliches, aber ihr Bestand wird um so gefestigter sein, je stärker ihr Inhalt die politischen, sittlichen und wirt­schaftlichen Kräfte des Volles der Gesamtheit dienstbar macht. Die Verfassung von Weimar tut das. Sie ist als Staatsgrundgeseh die magna Charta der deutschen Republik. Aber sie ist weit mehr als das: sie gibt neuen und tiefsten 3nr

sondern im dienenden Sinne, denn selbstoerantwortlicher Mitträger am seines Volkes.

Es gibt keinen höheren und tieferen

einen Staatsgedanken. als diesen, bei dem der einzelne mit seinem Wollen und Können bewußt ausgeht im Staate als der Zusammenfassung der Leistungskraft der Gesamtheit, und die poli­tische Gesundung unseres Volkes wird um so sicherer sich vollziehen, je restloser alle Schichten des deutschen Volkes von der Gröhe dieses Staatsgedankens ergriffen werden.

Der Staat soll nach der Verfassung nicht der Boden sein, auf dem selbstsüchtige Interessen sich hemmungslos austoben können, sondern er ist eine Erziehungsanstalt zur Menschheitspflicht, und die Verfassung ist hierzu das Hand- und Lehr­buch. Wohin wir in der Verfassung auch blicken, überall zeigt sich das gleich klare und reine Wollen höchster Zielsetzung, das Streben von Mensch zu Mensch zu wirken,dem inneren Frie­den zu dienen" und den einzelnen Menschen, bei aller Achtung vor seiner individuellen Freiheit, doch unter die Idee der Pflicht gegenüber dem Volke und gegenüber der Menschheit zu stellen.

Auch das deutsche Volk als Ganzes stellt die Verfassung hinein in den Kreis der Pflichten gegen die Menschheit,von dem Willen beseelt, dem äußeren Frieden zu dienen". An der Spitze alles Denkens und Handelns steht der nationale Gedanke, aber das Zusammenleben der Völker bringt mit Raturnotwendigkeit

internationale Berührungspunkte und Gern ein- schaftsbedürfnisse.

Solange die Erde um die Sonne kreist, solange wird es in den verschiedenen Räumen dieser Erde mit ihren mannigfaltigen Daseinsvoraussehungen verschiedene Menschen und damit Menschen- und Döllertremrung geben, aber das Ziel der Mensch­heitsentwicklung muß sein, das Völkervereinende stärker wirken zu lassen als das Völkertrennende. Dieses Ziel hat die Verfassung erkannt, wenn sie den Geist der Völkerversöhnung als Er­

üörfe.

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ziehungsziel auf stellt. Wir können nur hoffen und wünschen, daß der letzte und größte Menschheits­gedanke des friedlichen Zusammenlebens der Völker nicht nur im deutschen Volke, sondern auch bei denjenigen Völkern der Welt sich durchsetzen möge, die bisher in ihren Beziehungen zu den anderen Völkern noch in erster Linie in Ba­taillonen und Regimentern denken.

Roch auf Jahre hinaus wird das deutsche Volk einen dornenvollen Weg wandern müssen, aber wenn am Ende dieses Weges die innere und äußere Freiheit stehl, dann soll uns keine Mühe zu groß, keine Arbeit zu schwer sein Wir werden unser hartes Schicksal meistern, wenn uns eine Zusammenfassung und eine richtige Einstellung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ener­gien unseres Volkes gelingt.

Der alte Staat ist gestürzt, ein neuer Staat ist gekommen, das deutsche Volk ist geblie­ben.Staaten stürzen im Sturme der Zeiten, schaffende Völker trotzen der Welt."

Rach der Festrede des Reichsinnenministers brachte der Domchor das Mozartsche Bundeslied Reicht euch die Hand zum Bunde" zum Vortrag, worauf

Reichskanzler Dr. Marx

das Wort zu folgender Ansprache nahm:

Hochgeehrter Herr Reichspräsident, meine verehrten Damen und Herren! Cs ist ein erfreuliches Zeichen der Wiedererstarkung -der Lebenskräfte des deutschen Volkes, daß in immer weiteren Kreisen des Volles sich die Tleber- zeugung Dahn bricht: Die Weimarer Verfassung bietet die Plattform, auf der allein der Wieder­aufbau unseres Vaterlandes vor sich gehen kann. Wenn heut überall in deutschen Landen der Ge­burtstag der Verfassung in schlichten, aber ein­drucksvollen Feiern begangen wird, fo geschieht dies nicht nur, um danldar der Schöpfer der Verfassung zu gedenken und ein offenes Bekennt­nis zu ihr und ihren ethischen Grundsätzen abzu­legen. Es geschieht zu gleicher Zeit, um der Liebe undTreue Ausdruck zu verlei­hen , die uns alle mit unserem deut­schen Vaterlandverbindet. Roch immer trennen gewaltige Flüsse weite Kreise unseres Volkes. Roch immer stehen große Volksteile ab­lehnend dem neuen Staate gegenüber. Aber wie auch die Einstellung des Einzelnen sein mag, darin sind wir alle einig: Dem Wohl unse­res Vaterlandes und unseres Vol­kes zu dienen, soll Inhalt und Ziel all unseres Denkens und Handelns fein. Geloben wir am heutigen Tage, in diesem Dienst an Volk und Vaterland uns gegenseitig zu überbieten und niemals den Glauben an die deutsche Zukunft preiszugeben. Ich bitte Sie, Herr Reichs­präsident. und Sie. meine Damen und Herren, in diesem Sinne mit mir zu rufen: linier geliebtes deutsches Vater­land. das in der Republik geeinte deutsche Volk, sie leben hoch!"

Rach der Feier im Plenarsihungssaale verlies der Reichspräsident das Reichstagsge­bäude durch das Hauptportal. Vor der Frei­treppe hatte die Ehrenlomvagnie Aufstel­lung genommen. 'Seim Erscheinen des Reichs­präsidenten setzte die Musik mit dem Präsentier­marsch ein und leitete, als der Reichspräsident die Ehrenkompagnie erreicht hatte, zum Deutsch­landliede über. Hindenburg prüfte die Richtung der in zwei Gliedern ausgestellten Kompagnie und schritt dann in Begleitung des Reichs­wehrmini sters Dr. G e ß l e r die Front ab. Hier­auf verabschiedete sich der Reichspräsident durch Händedruck vom Reichswehrminister und den be­gleitenden Offizieren und bestteg seinen Kraft­wagen. Don der Menge wurden wiederholt stür­mische Hochrufe auf den Reichspräsi­denten ausgebracht, die sich während der gan­zen Fahrt zum Palais fortsehten.

Die preußische Berfaffungsfeier.

Berlin, 11. Aug. (WTB-) In der staat­lichen Hoch schule für Musik fand heute abend die Dersassungsfeier der preußischen Staats- regierung statt. Der Saal war mit Laubgewinde und Blumen reich geschmückt. Don der Orgel, die eben­falls Blattschmuck aufwics, hingen die schwarzrot­goldene und schwarzweiße Fahne. Neben dem preu­ßischen Ministerpräsidenten Braun und den übrigen Mitgliedern der Staatsregierung waren Reichskanzler Dr. Marx, Rcichswehr- minifter Dr. Geßler, der apostolische Nuntius Mjgr. Pacelli und führende Vertreter des Kunst- und Geisteslebens erschienen. Die Feier wurde mit der vom Philharmonischen Orchester unter Leitung des Kapellmeisters M e y r o w i tz oorgetragenen Ouvertüre zu Goethes(Egmonr eröffnet. Darauf hielt

Minister für Volkswohlfahrt hirtfiefer die Festrede, in der er u. a. ausführte: Es ist der Weimarer Nationalversammlung stets zu danken, daß es ihr in fo verhältnismäßig kurzer Zeit ae- lungen ist, dem nach schweren Kriegsjahren völlig zusammengebrochenen deutschen Volk eine neue rechtliche Grundlage zu geben. Trotzdem die Wei­marer Verfassung noch verhältnismäßig jung ist, wird jeder, der die Entwicklung der Dinge in den letzten sieben Jahren verfolgte, zugeben müßen, daß

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auf der Grundlage dieser Weimarer Verfassung das deutsche Volk in überraschend kurzer Zeil aus dem wüsten (Hjaos heraus sich wieder auf d e in Wege zum Aufstieg befindet. Es muß un serc Ausgabe sein, in noch stärkerem Maße als bisher für die Dolkwerdung des deutschen Volkes uns einzusetzen, endlich aus den verschiedenen Stämmen ein deutsches Volk .zu schassen und in starkem Maße ein deutsches National­gefühl zu erreichen. Unser Volk muß erkennen, daß Rechte und Pflichten, daß Ordnung und Frei­heit, daß Einzelwillen und Einordnung gegenein­ander abgewogen werden und sich gegenseitig er­gänzen müssen. Ohne V e r a n t w o r t u n g s be­müh tsein, ohne Anerkennung der Pflichten lassen sich niemals Rechte begründen. Ohne Autori­tät und Ordnung läßt sich das köstlichste Gut des Menschen, die Freiheit, niemals gewährleisten. Mit einem. begeistert aufgenommenen dreifachen Hoch auf das Vaterland schloß der Minister seine Rede. Das Philharmonische Orchester und der preußische Staats- und Domchor unter Leitung von Prof. Theo Rödel trugen darauf den ChorWach auf" aus den Meistersingern vor. Mit BeethovensEroica" wurde die festliche Veranstaltung geschlossen.

Die Glückwünsche Amerikas.

Berlin, 12. Aug. (WTB. Funkspruch.) In einem Glückwunschtelegramm des Präsidenten Coolidge an den Reichspräsidenten heißt es:Zum heutigen Geburtstag der deutschen Republik spreche ich Ew. Exzellenz im Namen der Regierung der Vereinigten Staaten und in meinem Namen herzliche Glückwünsche und auf­richtige W ü n sch e für ein ferneres Wohlergehen Deutschlands aus."

Die Glückwünsche des diplomatischen Korps. Derlin. 11. Aug. (WTD.) Die in Berlin anwesenden Chefs der fremden diplomatischen Missionen haben durch Abgabe von Karten im Reichspräsidentenhaus oder Einzeichnung in das dort ausliegende Desuchsbuch dem Reichs­präsidenten ihre Glückwünsche zum Der» fassungstag zum Ausdruck gebracht.

Auslandfeiern.

In Wien

empfing der deutsche Gesandte Graf Lerchen­feld die Beamten der Gesandtschaft und die deutsche Kolonie. Für den österreichischen Bundespräsidenten war Ministerialrat K l a st e r s k h und namens der Bundesregierung der Generalsekretär im Ministerium den Aeu- ßern, Peter, erschienen. Ferner bemerkte man den Präsidenten des Reichsgerichts. Dr. S i - mons, Exzellenz von dem Dusche, Mini­sterialdirektor Dr. K i e p und zahlreiche deutsche Teilnehmer des gegenwärtig in Wien tagenden Kongresses der International Law Association Gesandter Graf Lerchenfeld gedachte in seiner Ansprache in warmen Worten des verstorbenen Gesandten Dr. Pfeiffer und stelllte fest, daß das Ansehen und die Weltgeltung des Deut­schen Reichs einen entschiedenen Fortschritt ge­macht haben. Dedauerlich sei, daß die Flaggen­frage und die Frage der Fürstenabfindung zu einer tiefgehenden Spaltung geführt hätten. Für die Zukunft müssen wir, so fuhr der Gesandte fort, uns bemühen, einmütig an dem Aufbau eines auf der Wohlfahrt aller beruhenden Rechtsstaats zusammenzuarbeiten. Dann könnten wir auch einmal hoffen, alle unsere Volks­genossen in einem Staat vereinigt zu sehen. Mit dem Absingen des Deutschland­liedes schloß die Feier.

In der deutschen Botschaft in Rom veranstaltete der deutsche Geschäftsträger. Bot- schastsrat Dr. v. Prittwih einen Empfang zu Ehren der deutschen Kolonie, an dem die Mit­glieder beider Dotschaften sowie der bayerische Gesandte beim päpstlichen Stuhl teilnahmen. Auch zahlreiche durchreitende Deutsche hatten sich ein- gefuriben. Der Geschäftsträger begrüßte die Gäste in einer Ansprache, in der er auf den nationalen und sozialen Inhalt der Reichsverfassung Hin- Vies, die von jedem einzelnen die Mitwirkung an der Schaffung einer wahren Volksgemeinschaft fordert. Der Gesang des Deutschlandliedes be­schloß auch hier die harmonisch verlaufene Feier. In der deutschen Botschaft in London sand ebenfalls ein festlicher Empfang der in London weilenden Deutschen statt, die von dem deutschen Geschäftsträger. Botschaftsrat Du­four» Fervnce begrüßt wurden, linier den Gästen befanden sich die deutschen Geistlichen Londons, Vertreter der deutschen Presse und viele andere in London toeilenbe Deutsche. Auch die Mitglieder mehrerer Ferienkolonien, deut'che Lehrer und Lehrerinnen der Londoner Unioerfität sowie eine Gruppe deutscher Schüler aus dem Rheinland nahmen an der glänzend gelungenen Veranstaltung teil.

In der Rigaer deutschen Gesandtschaft fand ein Empfang statt. Anwesend waren das lettländischr Ministerkabinett, das gesamte diplo­matische Korps. Vertreter der Presse. Abgeord­nete und Mitglieder der reichsdeutschen Kolonie.

Am Geoenttage der Weimarer Dersassung herrschte in. der Reichshauptstadt das nervöse lebhafte Getriebe, das für große Ereignisse charakteristisch ist. Schon in den frühen Vor- nrittagsstunden zogen viele Tausende in Fest­gewändern durch die Straßen und namentlich vor den Stäupt eingang zum Reichstagsgebäude. 2m Platz der Republik hatten sich bereits gegen 10 Tlhr Hunderte eingefunden, die dort eine durch fortlaufend neuen Zustrom anwachsende Men­schenmauer um jenen Raum vor der Freitreppe des Reichstagsgebäude bildeten, auf dem an 15 Meter hohen weihen Stangen die schwarz- rot-goldene und die Reichsmarineflagge im leichten Winde wehten. Der Flaggenschmuck hat im allgemeinen gegen das Vorjahr zugenommen. Ramentlich haben sich auch die ausländischen Botschaften und Konsulate beteiligt. Außer den schwarz-rot-goldenen schmückten auch die schwarz- weißen Preuhenfahnen sowie die der Stadt Der- Zn den Platz.

In der Wandelhalle des Reichstages waren zur Feier des Tages die vom Reich für das Internationale Arbeitsamt in Genf ge­stifteten, vom Maler Max Pechstein ge­schmückten fünf Glasfenster aufgestellt, die Arbeitsprozesse aus Industrie und Landwirtschaft ilt prächtiger Ausführung darstellen. Der Ple- irarsihungssaal, in dem die Hauptfeier statt sand, war durch Tannengrün und gelbe Herbstblumen geschmackvoll verziert. Lieber dem Präsidententisch war ein riesiger Reichsadler an­gebracht. flankiert von den Wappen der deutschen Länder. Um 11 Llhr wurden für die Teilnehmer an der offiziellen Feier die Reichstagstore ge­öffnet. Bald waren der Plenarsaal und die Tribünen überfüllt. Kurz vor 12 ilfjr fuhr Reichspräsident v. Hindenburg n der Friedrich-Ebert-Sttaße vor dem Reichs- rogc vor. Er wurde vom Reichstagspräsidenten Lobe und dem Direktor beim Reichstag, Geh. Hat Galle empfangen und in die reservierte TRlttellogc des Plenarsaals geleitet. Deim (Ein­tritt des Reichspräsidenten erhoben sich die Ver­sammelten von ihren Plätzen. Das Reichs- ! a bi nett ist vollzählig vertreten, ebenso sind alle preußischen Minister erschienen. In der Diplomatenloge wohnen die Vertreter i) er fremden Mächte der Feier bei. Der Staats- und Domchor unter Leitung von Pro­fessor Hugo Rüdel trug ein altes Volkslied QIn die deutsche Ration" vor. Darauf hielt

Reichsinnenminister Dr. Külz

die Festrede, in der er folgendes ausführte:

Kein jubelndes Fest ist es. das wir am 11. August, dem Tag der Verfassung von Weimar, begehen, sondern eine Feier ernstesten Gepräges, ein Tag der Einkehr, der Selbstbesinnung, der nationalen Sehnsucht und Hoffnung, ein Tag, an dem das ganze Deutsche Volk sich eint in dem Acdanken an das Schicksal seiner selbst.

Ein jeder einzelne von uns hat die Mög­lichkeit und die Pflicht, das Schicksal seines Volkes ntit zu bestimmen, gleichviel, ob er auf führenden ; Posten berufen oder ob er einaegliedert ist als kleines Rad in das große Getriebe unseres Volks- und Staatslebens, denn kein Gott und fein Mensch kann ein Volk zur Höhe führen, wenn e8 nicht selbst in sich die Kraft und den Drang fühlt. Ja, das Eine ist bei aller ülnübersicht-- lichkeit der Weltentwicklung doch Har, daß fein Volk und kein Staat sich auf die Dauer werde, beraubten können, wo nicht r e st l o s alle Kräfte entfaltet und zusammenge- r f a 61 werden, llnö wenn ein Volk wie das Deutsche sich in der Zeit des Riederbruchs mit einer Verfassung ein Staatsgrundgeseh und ein Programm für seine eigene Lebensbetätigung seht, so muß als großer Grundgedanke dieser 'Verfassung in ihr verkörpert sein

der Wille zur nationalen, kulturellen und wirt­schaftlichen Wiedergeburt und Selbstbehauptung.

Es gibt fein zweites Beispiel in der Geschichte ber Welt, wo ein Volk in einer Zeit so furcht- barer Heimsuchung so schnell Willen und Kraft tu einer von so tiefem, sittlichen Ernst getra­genen Reuordnung seines staatlichen Lebens fand. "Der richtig erkennen will, was eine solche Reu- rtimung in der Zeit, in der sie geschaffen wurde, bedeutet, der muß sich einmal in die Stimmung unserer damaligen Feinde versehen, die auf den Zerfall des Deutschen Reiches gehofft hatten urb nun unmittelbar nach dem Diktat von Versailles nicht den Zerfall dieses Reiches er­lebten. sondern in der auf dem Rechtsboden der Verfassung von Weimar erstehenden deutschen Republik ein neues Deutsches Reich von starkem Selbsterhaltungswillen vor sich sahen, -ftnd er Hifi sich einmal in die Stimmung derjenigen Aidikalrevvlutionäre hineindenken, die die Re- vrlution in Permanenz erklären wollten und nmmeyr wenige Monate nach dem Zusammen- lr^ch des alten Staates eine durch das Volk geschaffene neue staatliche Ordnung vor H sahen. Wenn man die Dinge so betrachtet, beim erscheint die Verfassung von Weimar als ter Sieg des staatlichen Selbsterhaltungs- villens des deutschen Volkes gegenüber dem °on außen und innen andrängenden Vernich­tungswillen.

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