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Nr. UO Zweites Blatt

Pariser Brief.

Don unserem p-ÄorrefponlXnicn. Paris, Den 8. Mai 192t.

Eine ereignisreiche Woche naht ihrem Ende. 3n den letzten Tagen hat der französische Fran­ken seine Abwärtsbewegung in schärferem Tempo, als es bisher der Fall gewesen ist, fortgesetzt. Das hat in dec weiten Oeffentlichkeit «ine starke Wirkung hervorgeruken. da man seit Monaten von berufener Seite verkündete, wenn erst einmal das Budget ausgeglichen und die Schuldenregelung n.i: den Bereinigten Staaten und England erfolgt fei. würde zweifelsohne eine Stabilisierung des Franken eintreten. Die Tat­sache. das; die Abwärtsbewegung des Franken im Augenblick des Ausbruchs des Generalstreiks in rascherer Form lich vollzog all- bisher, kann nicht allein als Ursache bezeichnet werden, da auch nach dem Ausgleich des Budgets und nach Ab­schluß der Derträge mit Washington nicht nur keine Besserung der französischen Währung ein- getreten ist. sondern eher eine Verschlechterung.

Dazu kommt, das; -'in großer Teil der Press? den von dem Botschafter B a r e n g cw in Washington getätigten Vertrag als ungünstig bezeichnet und die Regierung sich über die Maß­nahmen. die zweck- regelrechter Speisung der zu schaffenden Amortisationskas'e zu treffen gedenkt, vollkommen ausschweigi. 3n der Finanz Indu­strie und 5)andel herrscht deshalb eine gedrückte Stimmung und .nicht umsonst versucht Finonz- minister Per et durch beruhigende Erllärunacn «ine baldige Besserung der Lage in Aussicht zu stellen. Derartige Warle sind aber nur Worte, und es ist klar, daß das Wirtschaftsleben stark unter der unbestimmten Lage leidet, do heute fr in weitsichtiger Kaufmann oder Fabrikant in der Lage wäre Rohrn-terial rnyafr'ufen oder Derträge auf längere Sicht, selbst (ür Fefiq- fabrikate abzuscklicsten. Cd kann als ein Glück bezeichnet werden, daß das Parlament nicht tagt, denn würde der Opposition Gelegenheit gegeben, "Kritik an dem Finanzgebostren der ieljir.cn Re- .icrung zu üben, dann würde deren Stellung zweifelsohne gefährdet werden. Wirt'chasttich be­trachtet, seidel Frankreich noch dazu ousterordent- lich stark durch die englische Streikbewegung. Die französische Landwirtschaft kann ihre Produkte nicht absetzen Sie ist genötigt, mit Derlusten bis zu 80 Prozent d> leicht ver­derblichen Frühgemüse und -fcüchte zu ver­kaufen. Der Eisenbahnverkehr mußte ein­geschränkt werden, da die Kanalhäsen «ine Weiterbeförderung nach Großbritannien nicht sicherstellen können was bedeutet, daß die Auf­träge für Großbritannien vorläufig nicht mehr ausgesührt werden Der Streik wird sich also auch in der Handelsbilanz des laufenden Mo­nats bemerkbar machen, wenn er nicht in den nächsten Tagen zu Ende gebt.

Don nicht minder großer Bedeutung ist der Abbruch der Friedensverhandlun­gen mit den Ais stammen Dach 20tägiaer fruchtloser Diskussion sind dio Beratungen ein- g«stellt worden, da Abd el Krim sich weigerte, auf die zum Teil drakonischen Bedingungen Frankreich? und Spaniens einzugehen. Die Verhandlungen wurden mit einem loaischrn Feh­ler begonnen. Man verhandelt' mit von Abd d Krim bevollmächtigten Zlnterbändlern. bAncn man als erste Bedingung die Entfernung Abd d Krims stellte Eine derartige Forderung ge­genüber einem vollkommen geschlagenen Gegner hätte vielleicht Aufnahme finden können, aber nicht gegenüber einem Bergvolk, das auf einem nur ihm gut ßefonnten Gelände operiert und in der Laae ist. einen Zermürbungskrieg fort» zusetzen Aferkan. der Vertreter Abd el Krims. erklärte gestern ausdrücklich.' ..Hätten wir ohne Gegenleistung die Kriegsgefangenen ausgeliefert, unsere Frauen hatten uns die Augen ausge­stochen. Die übrigen Bedingungen konnten wir nicht annehmen, und wir ziehen es unter dielen Umständen vor. kämvfend zu sterben." Die fran­zösische Oeffentlichkeit nimmt den Abschluß der Derhandlungen nick* gleichgültig auf, und es darf erwartet werden, daß die Aegierung Briand nach dem Wiederzusammentritt der Kammer einen schweren Kampf wird bestehen müffen. Schon vor einigen Wochen hat eine Diskussion über Marokko das Kabinett in die Minderheit gesetzt, und toeim eS die Vertrauensfrage gestellt hätte, wäre es gestürzt worden. Dabei ist es von Wichtigkeit, daß es nicht die Opposition ist, die den Marokkoseldzug mißbilligt, sondern daß die Gegner auf der Aegierungsseite sitzen, und daß sie über die ungeschickte Ein­leitung der Friedensverhandlungen bitter ent­täuscht sind und zweifelsohne dem Druck, der von den Sozialisten und den Kommunisten kommen

Spargdbufett in der Aackweste.

Line himmeifahrlsgeschichle.

Von A. Thurandt.

Warum zittern Eie denn plötzlich so?" fragte mich die junge schöne Frau Professor, als mir das Mädchen eben die ach so wohlgefüllte Spargelschüssel zum Nehmen hinhielk.

Ja, das ist so eine Geschichte", erwiderte ich lächelnd, diktierte mir schleunigst Fassung und führte den Heber unter das herrliche Srangengemüse.Das heißt: eigentlich ist es gar keine Geschichte, sondern höchstens ein kleiner Komplex, der ja viel unange­nehmer sein kann. Denn wenn für mich drei Tat­sachen zusammen fallen: ausgerechnet Himmelfahrt und Spargelessen und Frackonzug, dann muh ich mich immer eines Erlebnisses aus fernen Göttinger Stu­dententogen erinnern wobei es mir im wahrsten Sinne des Wortes warm, und zwar in dreifacher Beziehung, ums Herz ward." Ein Blick zu der gnä­digen Frau hinüber besagte, daß ich bitte, mit meiner Erzählung so lange warten zu dürfen, bis das Mädchen das Zimmer verlassen habe. Dann aber schwang ich mich zum Bekenntnis auf, nach- , dem die große Gefahr noch einmal gnädig an mir ' vorübergegangen war:

Sehen Eie, Herr Professor: die conditio sine qua non war jo eigentlich gar nicht gegeben daß ich nämlich in Ihre verehrte Frau Gemahlin verliebt bin. Und in Ihr Dienstmädchen auch nicht."

Beinahe wäre der Professor an der dicken Spar- velstange erstickt, die er eben mit der Linken in seinen so gar nicht wlssenschafllich aufgesperrten Schlund hinuntergleiten lassen wollte.Wie? kam es wie aus unterirdischen Tiefen hervor.

Es handelt sich ja nur um eine Geschichte der Vergangenheit", setzte ich meine Beichte fort.Und

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffens Mittwoch, 12. Mai Mb

wird, nur schwer einen Widerstand werde ent­gegensetzen können.

Es ist ganz selbswer'ländlich. daß bei einer Diskussion über die Marollopolitik auch im all» meinen über die auswärtige Politik der jetzi­gen Regierung gesprochen werden wird Das wird dazu führen, daß die Opposition Briand klar zu machen versuchen wird, daß auch feine Politik von Locarno angesichts des Abschlu.ses des deutsch-russischen Vertrages fei* neu Erfolg gehabt haben Man wird ihm Vor­halten. daß er während der Ratifizierungsdebal le in der Kammer erklärte: .Hätte man in Locarno nicht abgeschlossen, dann träte eben für Frank­reich Schlimmerer einqctrelei Das w?c der deutliche Hinweis aus die deutrussischen Ver­handlungen. inzwischen hat es sich aber gezeigt, daß der Berliner Vertrag in keiner Weise gegen den Geist und Buchstaben der Verträge von Locarno verstößt, daß aber Deutschland cbenfo wenig seine Handln ngsf reihcir in Lo­carno vreiSgegeben hat. wie Frankreich, das ja auch Verträge mit osteuropäischen Ländern ab­geschlossen hat, deren Aufgeben als eine nötige Folge von Locarno hatte bezeichnet werden müf­fel'. tpenn Locarno die Bedeutung hätte, daß jeher an den abgeschlossenen Verträgen beteiligte Staat sich westlich orientieren, nach Osten hin un­gebunden bleiben wollte. Diese Argumente wer­den allerdings Briand nicht vorgehalten werden, im Gegenteil, man wird ihm den Vorwurf machen, dnß er das osteuropäisch: Vertrags­system nicht ausgebaut, und daß er als Staats­mann die kommenden Dinge nicht vorausgesehen habe. Briand wird also unter ungünstigen Be­dingungen die Diskussion über seine Außen­politik ausnehme.i

In n e r p o li t i s ch ist seine Lage nicht belfer. Die Parteiverhältnisse haben stch nicht geklärt und die auf hem Psingstkongreß der Sozialisten stattsindende Aussprache über die Wiederaufnahme der Knriellpoliti^ wird zw.i° felsohne eine gewi'se Klärung über die Lage der Partei zu den übrigen Kartellparteien brin­gen, was gleichbedeutend ist mit einer täte- gorischen Absage gegenüber jeder Acgierungc- poliiik, die sich nicht klar nach links orientiert. Unter di: e.i Umständen nimmt die St a m m c r am 28. Mai ihre Arbeiten unter außerordent­lich unbestimmten Verhältnissen wieder auf, be­sonders wenn bis dahin eine Klärung in der Währungssrage noch nicht herbeigeführt sein wird. Das Beispiel Belgiens wirkt abschreckend. Denn eine nutzlose Vergeudung der noch in der Bank von England ruhenden Manövrierungs- fumtnen könnte notwendigerweise nichts anderes als eine zeitweilige Kursbesserung, aber keines­wegs eine Stabilisierung der französischen Wäh­rung zur Folge haben.

Föderalismus und Einheitsgedanken in Kroatien.

Von unserem Sonderberichterstatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

M. F. Agram, Anfang Mai 1926.

Als vor noch etwa einem Iahre der Führer der Stroatischen Bauernpartei, Stefan Raditsch, der bisher am entschiedensten gegen das Serben» tum und für die Selbständigkeit der Kroaten eingetreten war, unter dem Druck her die Staats­macht besitzenden radikalen Partei sich zurVer­ständigungspolitik" mit dem serbischen Element bequemte, da war man besonders im Auslande über den plötzlichen Gesinnungswechsel dieses ein­flußreichen Parteiführers aufs äußerste über­rascht und sprach und schrieb vonRaditschs Verrat an dem kroatischen Volke".

Der Kenner der südslawischen Verhältnisse wußte freilich, daß schon vor Raditschs Schwen­kung weite Kreise des kroatischen Volkes und nicht zuletzt die nach Betätigung strebende junge Generation der bisher rein destruktiven kroa­tischen Politik gründlich müde waren, daß sie bereits begonnen hatten, sich damit abzusinden, daß das Schwergewicht Iugoslawiens nach dem Osten gefallen war und daß sie sich nicht durch einen Verzicht auf die praktische Mitwirkung an der Staatsverwaltung um die Früchte der auch von ihnen ersehnten Befreiung und staatlichen Einigung der südslawischen Stämme betrügen lassen wollten. So sehr auch Raditschs Schwen­kung in persönlichen und taktischen Erwägungen begründet gewesen sein mag, sie kam einer Stim­mung entgegen, der weite Schichten seiner An­hängerschaft schon seit langem zutrieben. So wurde denn im Inlande derUmfall" des Kroatenführers nicht mit Kopfschütteln oder gar Entrüstung, sondern mit wahrer Begeisterung ausgenommen: die kroatischen Geistigen wie die

da ich hier im Hause ja so wie so in dem Geruch stehe, als Schriftsteller bisweilen zu erfinden, um nicht zu sagen: zu flunkern, werde ich gewiß keinen Konflikt in Ihre mir so wert gewordene Familie tragen, die mich sogar am Himmelfahrtstage zum Spargclcssen mit Lachsschinken und Frackzwang ein­lädt. Richt wahr? Also da lebte damals in Göt­tigen eine Dichterin, glücklich verheiratet, die ich auf einem Wohltätigkeitsballe kennenzulernen und daran anschließend mit moderner Literatur heimlich zu ver­sehen das Vergnügen hatte heimlich deshalb, weil dec gestrenge Gatte absolut gegen solcherlei Ver­mittlung war . .

Wieder drohte dem Herrn Prosessor bei einer ganz besonders dicken Spargelstange ein kleiner Er­stickungsanfall: und noch weit unterirdischer als vor­her erklang sein erstauntes:Wie?"

Vor dreiundzwanzig Jahren** betonte ich lächelnd.Im kleinen lieben Göttingen. Ihr geneig­tes Wohlsein, Herr Professor! Und um die Vermitt­lung der modernen Literatur damals auf Marie Madeleine folgte Frank Wedelind und so weiter machte sich das Dienstmädchen der gnädigen Frau recht verdient, in die ich muß es scyon gestehen ich meine sowohl die gnädige Frau, als auch das Dienstmädchen in die beide ich etwas verliebt war. Bei der letzteren oder vielmehr bei dem letz­teren tarn es nicht über eine gemeinsame Dogcart- Fahrt an einem schönen Frühlingssonntag nach Mariaspring und nachfolgenden Tanz hinaus was insofern nicht ganz billig für mich ward, in­dem Erna nämlich so hieß das Dienstmädchen absolut darauf versessen war, die Zugel an sich zu reißen und das schwanke Gefährt an einem sich plötzlich mitten in die Chaussee schiebenden Kilo­meterstein in Klump zu fahren. Was die erstere, die gnädige Frau nämlich, betrifft so ließ ich meine junge Leidenschaft nur ein eirrzigesmal etwas

kroatischen Bauern freuten sich darauf, nun nicyt mehr alb südslawische Staatsbürger zweiter Klasse oder gar als Frondeure des neuen Staates gelten zu müssen, sondern ihre Krast einietzen zu dürfen für den Mi'.aufbau des gcmeinfanien Staatswesen«-. Wie hoch man auch die suggestive Wirkung von Raditsc.-s demagogischer Beredsam­keit einschätzen mag. daß die Massen ihm nur noch begeisterter zujubelten. ' 58 von den 67 Abgeordneten seiner Partei ihm unbedenklich auf den grundsätzlich neuen Weg folgten, das be­weist . daß er h:e natürlichen Tendenzen der staaie.politischen Entwicklung auf seiner Seite hatte.

An dem unaufhaltsamen Sieg dieser kroati­schen ..Verständigungspolitil" dürfen auch ge­legentliche Mißstimmungen nicht irre macken, wenn sie sich einmal bis zu Regierungskrisen verschärfen. Die Forderungen einer Republik rullick aufgegeben und Herr Radusch wird sich, das hat ihn gerade wieder hie letzte Minister- krise gelehrt, wohl auch lünftighin mit dem moralischen Föderalismus" begnügen müssen, wie er seine Verständigungspolitik zu nennen liebt. Aber da» schließt nicht aus. daß der Machtkampf der kroatischen Bauernpartei als her zweitstärl- st en parlamentarisa en Frallion gegen das lieber- gewickt der radikalen Partei fick in Reibungen auswirkt. über deren gelegentliche Schärfe man fick nicht wundern darf, wenn man bedenlt, wie jung dieser neue Staat Jugoslawien noch ist, und aus wie verschiedenem historischem Schickkai her in notwendigen Kämpfen und Qlnqlcicncn die einzelnen Teile des südslawischen Volkes all- mahlick zu staatlicher und kultureller Einheit wachsen werden. Durch ben Austritt der beiden rivalisierenden Führer der KoalilionsParie'.en ans dem Regierungskabinett ist die ruhige Entwick- l'wg dieser Verständigungspolitik wesentlich ge­fördert worden.

Rur ein Fähnlein von sieben Aufrechten, linier Führung des Dr. Trnrnbisch. kämpft heute noch für die Losung deskroatischen Föderalis­mus". Wackere, charaktervolle Männer, dir es verschmäht, n. plötzlich von der Gesinnung ab­zufallen. unter der sie den Wahlkampf auS» gefochten hatten aber Ideologen, die für eine unrettbar verlorene Sache sich verbluten. Wie heute die Stimmung bei der Bevölkerung ist. so haben diese sieben Dissidenten der Raditsch- Partei im Falle einer Reuwaht kaum Aussicht auf ein einziges Mandat. So besonnen und im einzelnen berechtigt die Forderung dieser kroa­tischen Intellektuelle^ auf Revision der Ver­fassung wie der Verwaltungspraxis wohl auch sein mag. sie verkennen das politische Gebot der Stunde, in der die Sehnsucht einer Festi­gung des Staates nach innen und außen das Ge- sühl der historisch gewordenen kulturellen Unter­schiede übertönt im Interesse einer Kulturge­meinschaft. die vielleicht in der Breite des Vol­kes noch garnicht vorhanden, aber jedenfalls in sehr schnellem Tempo aus dem Marsche ist.

Gerade unter der jungen Generation der gebildeten Schichten ist die Auffassung im Wachsen, daß die Gegensätze zwischen Kroaten und Serben antiquiert seien und ein Betonen derselben den Aufbau des gemeinsamen Staates nur aufhalte. Erleichtert wird diese Auffassung dadurch, daß der religiöse Gegensatz der katho­lischen Kroaten und der pravoslawifchen Serben bet dem liberalen Bürgertum verblaßt und daß zwischen der Sprache beider südslawischen Stämme kaum ein leiser dialektischer Unterschied, im wesentlichen nur die Differenz des ange­wandten Alphabetes (lateinische Schrift bet den Kroaten. Kyrillische bei den Serben) besteht, welche heute beide von jedem einigermaßen Gebildeten be­herrscht und beide, wie bei uns deutsche und lateinische Buchstaben, in allen Schulen des Staates gelehrt werden. Cs ist für diese Stimmung charakteristisch, daß bei den vorigen Wahlen in Kroatien die Radikalen 9, die selbständigen Demo­kraten 14 Mandate erhielten, also offenbar zahl­kroatisch: Stimmen für diese die serbische Hege­monie in Jugoslawien begünstigenden Parteien abgegeben worden sind. Sollte je wieder die kroatische Bauernpartei von der Linie der Ver­ständigungspolitik abweichen, so würde ein der­artiges Verhalten nur den Radikalen und Demo­kraten zugutekommen.

Aus 6cm Amtsverkündigungsblatt.

* Das Amtsverkündigungsblatt Nr. 38 vom 11. Mai enthält: Gebühren der nicht- ärztlichen Leichenbeschauer. Straßensperre. Maul- und Klauenseuche in Ruttershausen, Utphe, Obbornhofen und Lumda. Leichenbeschau. Ver­hältnis der Schulen zum republikanischen Staat. Jugendfeiertag. Straßensperre. Dienstnach­richten.

deutlicher werden, indem ich mich, meine Gitarre einbegriffen, zu einem nächtlichen Vollmondschein- Ständchen entschloß was zur Folge hatte, daß die gnädige Frau auf dem Balkon des ersten Stock­werkes erschien, wirklich sehr gnädig, daß sich aber gleichzeitig, ihr natürlich unsichtbar, aus einem Fenster des zweiten Stockwerkes das liebliche braune Oval des Mädchens Erna dankend und ausführlich hcrvorhob. Erna aber war die Erscheinung der Gnädigsten unter ihr nicht unbemerkt geblieben. Und das sollte mir zum Unheil werden, und womit wir endlich die Exposition unseres Dramas hinter uns haben."

Während der Herr Professor inzwischen mit dem Verzehren seines Lieblingsgemüses plötzlich aufge­hört hatte und es getrost kalt werden ließ, gab ich mich schnell dem kulinarischen Genuß hin, auch aus der Ueberlegung heraus, daß mein Stillschweigen augenblicklich die allgemeine Spannung nur erhöhen könne gerissen, wie wir Schriftsteller nun ein­mal sind.

Dann kam der schöne Himmelsahrtstag und die Einladung zum Spargelessen und die Aufforderung, noch einmal den Frack aus dem Mottenschrank her­vorzuholen. Es kam aber auch, wovon ich damals noch nichts ahnte, die Eifersucht Ernas dazu, der ich eine zweite Dogcart-Fahrt auf einem der schon tra­ditionell geworbenen Bücher-Dermiltlungsbesuche abgeschlagen hatte. Nun saßen wir so gemütlich, wie es nur an einem Himmelfahrtsabend sein kann, bei Tisch ganz wie heute. Erna erschien mit der wohl- gefüllten, dampfenden Spargelschüfsel. Und als die Reihe, zu nehmen, an mir war, und ich mein Antlitz, wohlbeobachtet von der gnädigen Frau, zwischen der Schüsiel und Ernas braunem Köpfchen hinundher« zittern ließ, weit mehr als ich vorhin zitterte ha rutschte mir nichts Ahnendem und nichts Sehen­den der Inhalt der Schüsiel langfam aber sicher

5itzung der Stabtueiorör.cten.

Gießen, 11. Mai 1926.

Das Haus leistete sich heute eine Rekord- fitzung. Nicht etwa an Berhandlungsgegenständen, sondern an Zeitdauer. Es war von 5 Uhr _uadi- mittags bis 10 Uhr abends versammelt. Gut 4; Stun­den widmete er sich der Beratung des Vor­anschlags, in ganzen zehn Minuten wurde dann der immerhin nicht gerade unbedeutende Rest her Tagesordnung erledigt. In der Versammlung herrschte eine geradezu unheimliche Redei uis. Einige Stadt­verordnete, besonders auf der linken Seite, waren von diesem liebel sehr stark befallen; andere, auch auf der gegenüber liegenden Seite, ließen sich in crhct'lidtcm Maße anstcckcn. Neben manchen guten Kedanten und wertvollen Worten brachte die Er­örterung fchr viele Reden' zum Fenster hinaus. Min­destens 50 Prozent der Debatte hatte man ftdt qe troff ersparen können. Und Hütte dann bod) bei der Voranichlagsberalung nichts versäumt. Bis auf zwei beionders 'Ausdauernde, die bis zum 6d)lufo durchhietten. baute das Zuhörerpublifum kurz nad) 7 Uhr ab, schon gesättigt von dem Redeslttß, der bis 9; Uhr sich weiter ergoß, und den die Presse in Ge meinschast mit den obenerwähnten beiden Stand­haften in Geduld über sich ergehen ließ. Wir ziehen es vor, das bekannte Redesenficr nicht zu öffnen, fon- dem es schön qesd)losscn zu halten: wir haben an der gestrigen Belastung mit den unnötigen Reden genug, und unseren Lesern möchten mir die gleiche Beschwernis nidjt zumuten. Denn sachlich ist dabei nicht viel hcrausgekoinmen: übrigens stand das ja auch von vornherein fest. Auf die luidjtiqcrcn Punkte der Beratung werden wir noch ziirückkammen, die interessantesten heben wir in dem nachstehenden Be­richt bereits heraus. Eine besonders unersrcitlicke Gestalt nahm die Beratung für kurze Zeck dadurch an, daß her Stadtv. Rechtsanwalt Hornberger (Soz.) bei einem Antrag der Dcutscl^n Volkspartei, der Miitelstandc-pnrtei und der Fr. Vereinig, in bezug auf die Antragsteller den AusdruckKerle" gebrauchte. Als die Gegenseite fid) diesegeschmackvolle" Be­zeichnung nicht gefallen ließ, sondern sie sich energisch verbat, wollte Herr Hornberger sie nur scherzhaft gebraucht und außerdem das Wörtchentüchtige" vergessen haben. Wie er aber zu scherzen beliebt, zeigte sich darin, daß er denKerl" wohl zurücknahm und ihn durch die ebensogeschmackvollen" Worte große Geister" natürlich wie er cs meint! ersetzte. Die Rechte behielt sich die Folgerungen au« dieser wenig schönen Wortattacke vor, und man wird ihr das nicht Übelnehmen können. Bisher hat im Hause noch stets ein gutes kollegiales Verhältnis be- standen, trotz der Verschiedenheit der politischen Grundsätze. Es wäre auch vom Standpunkt der Oeffentlichkeit aus zu wünschen, daß das neue Ele­ment sich dem lobenswerten Beispiel des alten im Hause anschließt und künftighin Ausdrücke unter­läßt, die des Ortes der Verhandlungen unwürdig und für andere ehrenhafte Herren nur verletzend find. Einstimmig gab man schließlich dem Voranschlag seine Zustimmung: auch der kommunistische Vertreter erhob keinen Widerspruch.

Von den übrigen genehmigten Vorlagen ist vor allem die Entscheidung über den Bauvon weite ren 24 Wohnungen am Kugelberg als recht lobenswert besonders heroorzuheben.

Litzungsbcricht.

Anwesend Oberbürgermeister K e l l e r, die Bei­geordneten Dr. Seid, Dr. Frey, Dr. Hamm, Justizrat Dr. Rosenberg, Kommerzienrat K l i n g s p o r und 40 Stadtverordnete. Im Zuhörer- raum haben etwa ein Dutzend Besucher Platz ge­nommen.

Nach Erledigung des Rechnundsabschlus- ies für 19 21, mit dem man angesichts seines Jn- flationscharaktcrs weiter keine Umstände macht, tritt das Haus in die

Beratung des Voranschlags 1926/27. ein. Die Sozialdemokraten beantragen, zunächst eine allgemeine Aussprache staitjinden zu lassen. Der An­trag wird gegen die sozialdemokratischen Stimmen abgelehnt. Die Mehrheit steht auf dem Stand­punkt, daß all das, was hier vorgetragen werden würde, im Finanzausschuß schon zur Genüge er­örtert worden sei. In der Einzelberatung stellt mqn von allen Seiten Anträge, am meisten von der So- zialdemokratie, die indessen bis auf einige wenige entweder der Ablehnung verfallen oder dem Finanzausschuß zur Prüfung übergeben werden. Auf die Einzelheiten der Voranschlagsberatung werden wir noch zurückkommen. Heute sei nur erwähnt, daß das Haus ohne Ausnahme irgendeiner Partei die Ansicht bekundet, die Frage des Sd)ulhausbaus müsse baldmöglichst gelöst werden. Ein Antrag Dr. Krausmüller, der zunächst die Festlegung der Vauform, die Regelung der Platzfrage usw. fordert, und nach deren Erledigung die Finanzfrage lösen will, wird angenommen. Dabei wird gegenüber der

ffiwi i..... i aansnaB

in meine etwas abstehende Frackweste, fraß sich siedend heiß durch mein ach so frisch gestärktes Frackhcmd bis in mein Herz hinein, ließ mich mit meinem so originellen, aber immerhin etwas depla­zierten Spargelbukett in der Frackweste aufschreien und ließ der Erna, die herrlich rot in ihrer Rache triumphierte, die Schüssel definitiv aus den Händen entgleiten. Fortsetzung: eine zweite wohlgefüllte Spargelschüssel wurde von der gnädigen Frau eigen­händig hereingeholt: ich aber begab mich, nachdem ich es als unschicklich abgelehnt hatte, mein Gemüse aus der Frackweste zum Mund'e zu führen, schleu­nigst, unter dem Gelächter der Tafelrunde, nach Hause, das Hemd zu wechseln, und eine halbe Stunde später im Smoking wiederzuerscheinen, lächelnd über den harmlosen Zwischenfall und allgemein herzlich bemitleidet. Wenn ich es heute verraten habe, daß dieser Zwischenfall nicht ganz so harmlos war, so tat ich es nur, mein Zittern von vorhin zu er- klären, die Frage der gnädigen Frau zu beant­worten."

Als ich mein Glas erhob, der gnädigen Frau zu- zutrinken, war es mir, als zittere ein merkwürdiger Glanz in ihren dunklen Äugen. Dann kam ihre Stimme etwas verschleiert an mein summendes Ohr:Sie wollten mir doch übrigens die neuen Bucher von Arvolt Bronnen mitbrfngen. Die haben Sie natürlich wieder vergessen."

Mit Fug und Recht vergessen!" räusperte sich der Herr Professor.Am Bronnen vor dem Tore lassen wir ihn getrost draußen vor dem Tore. Ich muß diese sogenannte moderne Literatur ab- lehnen und möchte sie auch nicht in deinen Händen, liebe Frau, wissen, geschweige denn in deinem fiön-. cken. Der Spargel schien mir übrigens etwas holzig zu sein . . ."