Nachdruck verboten.
39. Fortsetzung.
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XXIX.
Eigentlich ist es zum Derrücktwerden, dachte Julie Wilemar. Immer wanderte sie denselben Weg durch die zehn Zimmer. Immer blieb sie vor den gleichen Möbelstücken stehen und starrte sie wie Feinde an. Was sollte der Krimskrams heute noch? Nicht zu begreifen war, daß man an so etwas einmal gehangen hatte. Tausendmal toter erschienen alle die toten Dinge jetzt. Wie eine Gruft hallte die Wohnung, ob man auch über Teppiche schritt. Nirgends atmete ein Mensch. Nichts wartete auf jemanden, der kommen würde. Ernst war begraben: längst moderte der wohl in seinem engen Bett. Lily war in Aegypten oder in Italien. Kaum jemals bekam man Martina zu Gesicht; fremder Schlafgast war sie geworden. Draußen kauerte das Mädchen in der Kammer.
War das ein Leben?
Mit dem rechten Arm beschrieb Julie eine Bewegung, die durch die offenen Türen wies. „Sie sollen sie haben, die Wohnung", sprach sie still. „Meinetwegen die ganze, wenn sie die Miete bezahlen können." Was bekümmerte es sie, daß Martina mit ihrem Chauffeur da hausen wollte? Es ging sie nichts an. Mochten sie hier einziehen und sich vermehren. Vollkommen gleichgültig war es, wie die Untermieter hießen. Irgendein Zimmer würde schon übrig bleiben. Ein Zimmer reichte wahrhaslig hin. Man war ja bescheiden geworden. Man mußte bescheiden sein, wenn es kaum noch für Wochen reichte. Bescheidenheit war keine Zier, wenn Schulden drückten und kein ordentliches Kleid im Schrank
Das Mädchen erschien auf der Schwelle.
„Herr Bernhard Carsten", sagte das Mädchen und lächelte wissend.
Julie hob die Hand. „Hier herein. Ich komme gleich." Sie ging in ihr Schlafzimmer und stand einen Moment vor dem Spiegel. Sah sie nicht wie eine Greisin aus? Niederschmetternd war, was die letzten Monate aus ihr gemacht hatten. Aber was! Man durfte sich nicht klein kriegen lassen. Etwas Rouge auf die Wangen, da der Lippenstift: schon wirkte man wieder. Nun noch den Körper gestrafft, zwei Griffe rechts und links in das Haar: so — für den Augenblick genügte das.
Im Herrenzimmer erhob sich Carsten aus seinem Fauteuil.
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stens Finger griffen höher. „Ganz allein für mich. Oder —" Er schaute auf. Stumm flehten seine Augen. Tief aus der Brust sagte er dann: „Oder mit dir, Julie. Wenn du willst. Wenn du dich dazu entschließen kannst. Nichts ist ia jetzt im Wege."
Julie schwieg.
Erst nach Minuten sprach sie lächelnd: „Das wohl, Bernhard Carsten, das wohl." Langsam sank ihr Kopf zurück. Die Gedanken schwirrten. Bilder kamen und gingen.
„Gar nichts ist jetzt im Wege."
„Ich weiß, Bernhard Carsten." In dem tiefen Fauteuil bebte Julies Körper. Weiche Wärme floß aus dem Herzen. „Sonne," sagte Julie leise, „viel Sonne. Ein kleines, sonniges Haus am Meere: warum nicht?" Seufzend richtete sie sich plötzlich auf. „Mir ist recht elend zumute, Bernhard Carsten; du weißt gar nicht, wie elend."
Starr blickte Carsten auf einen Punkt.
„Es soll viel Schönes in Italien geben", sprach er ein wenig ungläubig. „Manche Menschen verbringen ihr ganzes Leben damit, das viele Schöne anzustaunen. Vielleicht kämen auch wir mit der Zeit dazu. Das wäre schon etwas wie ein Daseinszweck. Nicht ganz leer würde die Maschine dann laufen."
„Man müßte reisen," sagte Julie, „immerfort reifen. Gar nicht zur Ruhe dürste man kommen: jeden Tag etwas anderes, jeden Tag neue Eindrücke: so ginge es schon." Ihre Augen fragten brennend.
„Ja, auch reifen", erwiderte Carsten gedämpft. „Oder nur stillsitzen und hinausschauen auf das Meer — je nachdem." Er stand auf und reckte die Arme hoch. „Weiß Gott, was das Bessere ist." Schwer ließ er sich wieder in den Fauteuil fallen. „Ich bin müde, Julie; müde und krank."
Julie drückte die Fingernägel in die-Ballen. Eine letzte Tür öffnete sich. Wenn sie wollte, konnte sie in vierzehn Tagen Bernhard Carstens Frau fein. War das kein Ziel? Durfte sie nur einen Augenolick überlegen? Ging es ihr nicht eben schlecht genug?
„Nun?" fragte Carsten.
„Ich will darüber nachdenken." Ein alter, kranker Mann, überlegte Julie. Still sitzen und hin- ausschauen auf das Meer: ob sie sich bareinfinben könnte? Verzicht wäre bas, enbgülhger Verzicht.
„Ich habe nicht viel Zeit, Julie/
(Sortierung folgt.)
„Da bin ich also."
„Spät, aber doch, Bernhard Carsten." Julie warf ein Bein über das andere. „Ich freue mich, daß du dich meiner erinnerst. Und du? Wie geht es dir? Bist du nun endlich geheilt?"
„Wenn man das geheilt nennen kann," sprach (Tarften gedehnt, „so wäre ich ja so weit."
„Ah _ laß doch hören!"
Carsten lächelte still. „Ich baue ab. Eine neue Aktiengesellschaft übernimmt die Miethäuser. Das Krankenhaus wird auf eine vernünftige Basis gestellt. Keine Gratisbehandlung mehr, keine philanthropische Geste, keine unsinnigen Spesen. Der Betrieb soll von selbst laufen."
Die Augen Julies triumphierten.
„Wer hat recht gehabt, Bernhard Carsten?"
„Mit Recht ober Unrecht hat bas nichts zu tun. Das alles beweist nichts gegen bie Jbee. Nur überstürzt angepackt war die Geschichte." Carsten blickte auf seine Hände nieder. „Es gibt keine Radikalkur für die Seele, hat Morell einmal gesagt. Urtb Morell hat recht behalten. Nicht du, Julie."
„Egal", sprach Julie abgekühlt. „Immerhin bist du jetzt um eine Erfahrung reicher. Schließlich ist es doch der goldene Mittelweg, auf dem das Glück liegt."
„Das Glück", wiederholte Carsten mit sonderbar gewölbten Lippen. „Es gibt auch kein Glück. Es gibt nur mehr oder weniger Unglück." Zögernd setzte er hinzu: „Und irgendwo in der Ferne vielleicht einen Schimmer von Frieden."
Julie fühlte, daß das ihr galt. Verlangend streckte Carsten zwei Finger aus. Wie einst lächelte Julie. „Was willst du nun beginnen, Bernhard Carsten?" fragte sie teilnahmsvoll.
Carsten zuckte die Achseln.
„Ich habe allerlei Absichten." Er verbesserte sich rasch. „Eigentlich nur eine Absicht: fort von Berlin."
„O! Und wohin, Bernhard Carsten?"
„Nach Italien." Carsten nickte ernst. „Nach Italien. Es bleibt nichts anderes übrig, wenn die Maschine leergeht. Man tut dann so, als ob die Maschine nicht leerginge."
„Das ist doch sehr interessant", lachte Julie hell. Ihr halb offener Mund spannte sich.
„Nach Sorrent wahrscheinlich. Ich habe auch schon ein Haus gekauft, ein kleines, sonniges Haus am Meer. Dort will ich versuchen zu leben." Car-
Endlich spürte Martina, wie etwas in ihr frei wurde. Hell lachte sie auf. „Warum soll ich meinen Beruf aufgeben, Herr Heddenhausen? Ich fühle mich sehr wohl bei meinem Berus. Ich begreife nicht, wie Sie auf den Gedanken kommen." Noch einmal lachte sie.
Verwundert schaute Heddenhausen auf.
„Auch wenn Benno so reich wäre wie Sie, würde ich wahrscheinlich weiter in das Krankenhaus gehen."
„Na, na", machte Kreuch. Im selben Atemzuge wandte er sich Heddenhausen zu. „Ist sie nicht süß?"
„Sehr süß", sprach Heddenhausen mit starren Lippen. Es war, als könne er sich nicht länger beherrschen. Plötzlich fiel sein Unterkiefer herab. Seine Augen bettelten.
Der Kellner entkorkte den Sekt.
,Letzt auf Ihr Wohl, Herr Heddenhausen!" In einem Schwung trank Martina den Kelch leer. Ihre Stimme bebte leise. „2(Jf Ihr Wohl Mehr kann ich nicht sagen. Auf einmal drängte es sie, dem Manne Gutes zu erweisen.
Mit schwimmenden Augen dankte Heddenhausen.
Schon hielt Kreuch bei der nächsten Geschichte. Seine Bewegungen wurden sahrig. Gleich daraus sammelte er sich wieder. Immer tiefer zogen sich seine Mundwinkel, wenn er durch den Saal blickte.
Plötzlich verstummte er jäh. Leichenfahl saß er da.
Auch an den Tischen ringsum stockten die Gespräche. Nach ein paar Takten schwieg das Orchester. Alle Hülse reckten sich. Wie Säulen standen die Kellner mit ihren Platten.
Federnd schritt eine Dame in goldlila Brokat durch die Mitte. Im Nacken lag ihr Kopf mit dem braunen, glatt gescheitelten Haar. Weit griffen die dünnen Augenbrauen in die weiße Stirne. Feierlich ging ein Herr neben ihr. Sein Einglas blitzte.
Stumm nahmen die zwei än einem reservierten Tische Platz.
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