Nr. 265 Erstes Blatt
176. Jahrgang
Donnerstag, 11. November 1926
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England für Aufhebung der Militärkontrolle.
Lord Crewe bei Briand.
Paris, ll.Tioo. (TU.) Die die Telunion von gut unterrichteter euglischcr Seite erfährt, hat der englische Botschafter in Paris, Lord Crewe, im Auftrage der englischen Regierung B r i a n d am Dienstag mitgeteilt, daß nach englischer Auffassung die Ausgabe der interalliierten Kontrollkommission in Deutschland been- d e t sei, da Deulichland die im Versailler Vertrage ihm auferlegien 2tbrüffungsbeftimmungen durch- geführt habe. Dem Ucbergang der IHilifärfon- trolle auf den Völkerbund siehe nach Auffassung der englischen Regierung nichts mehr im Dege. General Walch hat am Dienstag Brianb erklärt, dah die zwischen der Reichsregierung und der interalliierten fiontroUfommifjicn noch bestehenden Streitpunkte nichtsoerheb.ich seien, dah deswegen die Aufhebung dec interalliierten Miiitärkommission oerzö- gert werden mühte. Auch er soll damit einoet- standen gewesen sein, dah ihre Befugnisse demnächst auföic Organe des Völkerbundes übergehen, wie in gut unterrichteten französischen Kreisen verlautet, wird General Dalch demnächst nach Berlin reisen, um mit den deutschen Behörden eine lehte Rücksprache ju nehmen. Alan erwartet ihn vor dem Beginn der VSlkerbnnds- ratssihung in Paris zurück.
Der „Petit Parisien" fchrpibt dazu, es müsse anerkannt werden, dah Deutschland seit seinem Eintritt in den Völkerbund und seit der Besprechung von Thoiry den guten Willen bekundet habe, den letzten Ansprüchen der Botschafterkonferenz Genüge zu leisten. Obwohl einige Punkte noch nicht völlig geklärt seien, gewinne die baldige Ersetzung der Kontrollkommission durch eine Ueberwachunaskoinmission des Völkerbundes immer mehr an Wahrscheinlichkeit. Dor kurzem habe Strese.nann den Wunsch ausgesprochen, daß die Angelegenheit noch vor dem Zusam- mcntritt des Völkerbundsrates im Dezember geregelt werde. Daraus hatten die Vertreter der alliierten Machte in Berlin dem Reichsauhen- minister versichert, die Aufhebung der interalliierten Kontrollkommission werde um so früher erfolgen, je schneller und entschlossener die deutsche Regierung die Abrüstung vollende.
DieMehrheits erhältnisse im Reichstag.
Niederlage der Regierung im Sozial- polrt scheu Ausschuss — Emlenken der Sozialdemokraten.
Berlin, 10. Roo. (Wolff.) In der heutigen Sitzung des Sozialpolitischen Ausschusses des Reichstages stand der Regierungsentwurf über die Krisenfürsorge zur Debatte, wonach den ausgesteuerten Erwerbslosen Unterstützungen bis zum 31. März 1927 gezahlt werden sollen. Ein deutschnationaler Antrag, die ausgesteuerten Erwerbslosen wie bisher durch die Wohlfahrtspflege unterstützen zu lassen, wurde abgelehnt. Angenommen wurde jedoch mit den Stimmen der Kommunisteli. der Sozialdemokraten, der Deutschnationalen und der Völkischen ein kommunistischer Antrag, der sämtliche Beschränkungen' in der Erwerbslosenfürsorge aufheben und die Zahlung der Unterstützungen unbegreiizt fortführen roolüe. Hierauf erklärte der Abg. E s s e r (Ztr.), dah der Regierungsentwurf gefallen fei und die Beratungen ausgesetzt werden müßten. Er schlug vor, morgen die Beratung des Arbeitsgerichts- aesetzentwurfes oorzunshmen. Hiergegen erhob Abg. AndrS (Ztr.) Einspruch, indem er erklärte, daß die Vertreter der Regierungsparteien sich nicht an den weiteren Beratungen beteiligen könnten, bis eine Klärung der Mehrheitsverhältnisse erfolgt sei. Der Vertreter der Deutschen Volkspartei schloß sich ausdrücklich diesen Erklärungen an. Hierauf vertagte sich der Ausschuß. Der Vorsitzende, Zentrumsabgeordneter Esser, begab sich unverzüg- lich nach Schluß der Sitzung zum Reichstagspräsl- henten Höbe, um ihn von dem Scheitern der Regierungsvorlage über die Krisenfürsorge für die ausgesteuerten Erwerbslosen Mitteilung zu machen und ihm zu erklären, daß er keinen Wegzu einer positiven Zusammenarbeit in dem Ausschuß mehr sehe. Wie die „Vossische Zeitung" mit- teilt, ist bereits gestern im Reichstag bekannt geworden, daß der Vorstand des Zentrums beim Reichs- kanzler in dem Sinne vorstellig geworden ist, er möge von sich aus die Initiative zur Mehrheitsbildung ergreifen.
2m Reichstage fanden denn auch bereits Verhandlungen der Regierung mit den Parteiführern der Regierungsparteien statt. Dabei ist allerdings über die Frage der Regierungsbildung noch nicht verhandelt worden, sondern lediglich über bi? Fragen, die heute im Sozialpolitischen Ausschuß in Der Erwerbslosenfrage und im Haushaltsausschuh in der Frage neuer planmäßiger Stellen im Verkehr s m i n i ft e r i u in zu Äoni Litten geführt haben. Das Zentrum verlangt, daß die planmäßigen Stellen nicht in dem Rachtragsetat eingestellt, svn ern erst im Hauptetat für 1 92 7 zur Entscheidung gebracht werden. Das Reichskabinttt gesenkt morgen darüber zu beraten. ob dies? Personalien im Rachtragsetat gestrichen werden Linnen. In der Erwerbs- ü>sensrage wird die Hoffnung geäußert, dah
Erwerbsleben.
Gegen die öffentliche Hand im
Am 10. November haben die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft in einer eindrucksvollen Kundgebung gegen die zunehmende wirtschaftliche Betätigung der öffentlichen Hand Einspruch erhoben. Es ist cm sinnwidriger Kreislauf der Dinge: da Wird die Steuerkraft der Wirtschaft bis zu den äußersten Grenzen ausgenutzt und ausgeschöpft. In seltsamer Mißachtung der wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhänge geschieht von den öffentlichen Gewalten alles, um die für das Gemeinwohl und für das Staatsleben wichtige Steuerkraft zu zermürben und zu zerstören. Zunächst war es die Sozialisierung der gesamten Wirtschaft, sodann dve der Schlüsselindustrien. Da die Schwierigkeiten und Hemmnisse zu groß und zu stark waren, blieb cd vielfach bei der Losung: die Sözialisierung marschiert. Trotzdem wurden umfangreiche wirtschaftliche Energien in der öffentlichen Hand organisiert. Reich, Länder und Gemeinden verfügen nun einmal entwicklungsgeschichtlich über gewisse Monopole. Dazu gehören im Reich die Reichspost, früher auch die Reichsbahnen, bis sie durch den Dawesplan als eigenes Unternehmen eingerichtet wurden. In einigen Ländern wächst die Steigung, immer mehr Gruppen der Wirtschaft der mittelbaren Staatshoheit zu unterwerfen. So vor allem in Preußen, wie sich das bei den Verhandlungen über dieE l ek - t r opo litik im preußischen Landtag gezeigt hat. Das Reich hat sich ferner das Branntweinmonopol angegliedert. Gerade das Schicksal dieses Monopols ist ein Schulfall für das Mißverhältnis von Kraft und Aufwand zur Erreichung eines bestimmten Zieles. DieDrannt- weinindustrie galt als Goldgrube, aus der sich in Hülle und Fülle schöpfen ließ. Heute herrscht lern Zweifel darüber, daß das Branntweinmonopol ein Fehlschlag war, den das Reich mit dem Verlust einer ergiebigen Steuerquelle bezahlt hat. Weiter fei an die Deutschen Werke erinnert, die nicht einmal in der Inflationszeit flott werden konnten. Und der ungeheure Konz.rn, der als Vereinigte Industrieunternehmungen aufgebaut ist, hat sich von der öffentlichen Hand mehr als einmal stützen lassen müssen, um über die Krise hinwegzukommen. Schließlich sind es auch die Gemeinden, die die Verstadtlichung von Licht, Kraft und Wässer dazu benutzen, der Wirtschaft das Leben sauer zu machen, ilnb das zu einer Zeit, wo fast alle Gemeinden die Gewerbesteuer bis zur cklnerträglichkttt ausg:baut haben. Don den Gewerbetreibenden wird verlangt, dah sie in Form von Steuern die Mittel aufbringen, um den Stadtverwaltungen den großzügigen Ausbau ihrer Monopolbetriebe zu ermöglichen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn die Stäitte, wie es vielfach geschehen ist, den Gas- und Elektrizitätswerken besondere Unternehmungen angliedern, die Heiz- und Beleuchtungskörper verkaufen, die Installation besorgen usw. ES handelt sich nicht um Kleinigkeiten. Es ist offenbar, daß die gewerbliche Betätigung der öffentlichen Hand zu einer Gefahr an Volk und Staat wird. Gewi') bestand ursprünglich wohl die Absicht, die wirtschaftliche Betätigung der öffentlichen Hand gewinnbringend für Reich und Länder zu gestalten. Wenn aber ein Linker- nehmen wirtschaftlich gedeihen soll, müssen die fähigsten Kopfe an die Spitze gestellt werden. In gewissen Ländern sind aber gerade die staatlichen oder vom Staat finanziell abhängigen Betriebe zu Versorgungsanstalt.m von Berufspolitikern geworden. Die Kosten hierfür muh doppelt und dreifach das deutsche Volk zahlen. Es ist fein Gegenbeweis, dah einzelne Unternehmungen ertragfähig sind, dah sie llcber- schüsse abwerfen. Wenn es sich um monopolartige Betriebe handelt, ist das kein Kunststück. Aber die Frage ist, ob diese Unternehmungen dem Volke und dem Staate nicht weit mehr dienten, sofern sie sachkundig und privatwirtscha'tlich gewinnbringend betrieben würden. Die Unternehmungen der öffentlichen Hand sind überdies weniger mit Steuern und Abgaben belastet, sie gemeßen außerdem den Vort.il, daß sie sich auf einen umfangreichen Werbeapparat für die Abnahme ihrer Erzeugnisse stützen fönnen.
Reuerdings wird ja auch versucht, den 'Baurn a r f t der öffentlichen Hand anzugliedern. Als Auftakt hierzu dient das sogenannte Wohnungsbauprogramm der Gewerkschaften, das nicht nur die Spareinlagen in den gemeindlichen Sparkassen, sondern auch die Kapitalien der öffentlich- rechtlichen Dodenlreditanstalten für diesen Zweck Herangehen will. Das führt dazu, daß wichtige Zweige der Privatwirtschaft, eben der Baumartt. durch Zwang gefesselt find und dadurch behindert werden, ihre volkswirtschaftlich überragende Aufgabe zu erfüllen. Auf der anderen Seite werden
der Wirtschaft die Kosten für eine Erwerbslosen- fürsorge aufgepackt, deren greifbares Ergebnis das ist, dah es trotz der groben Arbeitslosigkeit schwer hält, brauchbare Arbeitskräfte zu bekommen. Die Kundgebung der Spitzenverbände der Wirtschaft wendet sich gleichermaßen an die Oessentlichkeit und an die Parlamente. Es ist Gefahr im Verzug. Gefahr auch deshalo, weil das unvermeidliche Versagen der wachsenden wirtschaftlichen Betätigung der öffentlichen Hand zu einer Krise führen muh, deren Umfang und deren zerstörende Gewalt viel härter und verhängnisvoller sein werde als selbst die Inflation am schlimmsten Ende.
Die Protestaktion der Spitzenverbände. Berlin, 10. Rov. (WTB.) Die Spitzen- verbände der deutschen Wirtschaft fanden sich heute nachmittag in einer gemeinsamen und überaus stark besuchten Kundgebung in Berlin zu einer Protestaktton zusammen, die eine Darstellung der Gefahren zum Thema hatte, welche nach Ansicht der beteiligten Kreise der Wirtschaft aus der zunehmenden Betätigung der öffentlichen Hand im Erwerbsleben sowie aus sämtlichen Beschränkungen und Beeinträchtigungen das Privateigentum bedrohen. Die Kundgebung war von rund 1000 Persönlichkeiten aus allen Kreisen der Wirtschaft besucht. Einleitend kennzeichnete der Präsident des Re.chsverbandes der Deutschen Industrie, Gehnmrat Professor Dr. Duisberg, den Zweck der Kun)gebung. Aus dem zahlreichen Erscheinen der Vertreter der Behörden und der Parlamente schloß er, dah sich die Reg'erung der schweren Verantwortung bewußt sei, die sie in wirtschaftspolitischer Hinsicht Lage. Durch die Beteiligung der öffentlichen H----b im Erw. leben, die nach dem Kriege in zunehmendem Maße eingesetzt habe, seien vor allem der industrielle Mittelstand und das deutsche Handwerk gefährdet. Hierauf sprachen hervorragende Vertreter der deutschen Wirtschaft zu dem Thema der Kundgebung.
Für das Handwerk führte
der Borii(jcnbe des Reichsverbandes des Deutschen Handwerks, klempner.neisker Derl'.en, Hannover,
aus: Don den he.:t. >-.rsammelten wirtschaftlichen Verbänden hat öaB Handwerk Wohl schon um längsten Einspruch gegen das Eingreifen der öffentlichen Hand in das private Wirtschaftsleben erhoben. Es scheint, als ob wir noch unter einer gewissen Kriegspsychose ständen. Damals glaubte man alles von der offen!.ichrn Hand aus machen zu können. Trctz zahlre )?r Fehffchlägr will dieser Ge.st und wollen diese Unternehmungen nicht sterben, weil sich ein Heer von Interessenten dagegen stemmt. Klagen des betreff men Gewerbes führten ledig ich dazu, dah man die Gesellschaften in die privatwirtschaftliche Form überführte, im Übrigen aber alles beim alten lieh. Dieses Verschleierungsverfahren wird heutzutage überhaupt mehr und mehr üblich. Man gründtt Gesellschaften unter unverfänglicher Firma und erweckt dad rch bei cklnkun- digen den Anschein, als ob es sich um private Unternehmungen handele, während in der Tat die öffentliche Hand nach wie vor ihre verderbliche Tätigkeit fortsetzt. Reichs-, Slaaick- und Gemeindebehörden richten immer mehr eigene Druckereibetriebe ein; fortgeftht laufen beim ReichHverband des D.utschen Handwerts K.'agm darüber ein, daß selbständige Handwerker ihre Existenz durch Crrichtuug von Regebetrieben verlieren. In 99 von 100 Fällen würde sich ergeben, daß das freie Gewerbe den vorhandenen Bedarf billiget decken tarnt. Wer die Singt ffe her öffentlichen Hand in die private Wir.schäft nicht billigt, der darf auch die öffentlichen Betriebe nicht unnötig in Anspruch nehmen und ihnen nicht seine Kundschaft zuführcn. Wenn jeder der heute hier vertretenen Berufsstände einmal in dieser Beziehung feine Mitglieder auf rüttelt und sie im e.genen Hause RachschaU halten läßt, dann werden wir schon ein gttes Stück vorwärts kommen. Die Inflation hat die Masse des Proletariats schon genügend vermehrt, inan braucht ihr durch die sogenannte kalte Sozialisierung nicht noch neue Scharen zuzuführen.
Für den Einzelhandel sprach Senator May, Bremen:
In Düsseldorf hat der preußische Handelsminister Dr. Schreiber anläßlich der letzten Tagung der Hauptgemeinschaft d^ Deutschen Einzelhandels alle, die es angebt, erneut daraus hin-
die Sozialdemokraten schließlich ein Entgegenkommen zeigen konnten. Man stützt sich für diese Annahme besonders darauf, daß in der heutigen Plenarsitzung die sozialdemo.ratische Partei nicht für den kommunistischen Antrag gestimmt hat, die Vorlage über die Krisen Fürsorge sofort auf die Tagesordnung zu setzen. Der Abg. Esser (Ztr.) als Vorsizen er des Sozialpolitischen Ausschusses murre von den Vertretern der Regierungsparteien ausgefordert, am Donnerstag mit den Sozialdemokraten in dieser Angelegenheit Fühlung zu nehmen. Im Lause des Abends fand auch eine Fühlungnahme zwischen KabinettsmitgliL em und so- zialdemokrattschen Vertretern über die schwebenden Meinungsvers chiedenheiten statt.
Die Blätter sprechen in ihren Berichten über die Besprechungen im Reichstag von einer Entspannung der innerpolitischen Lage. Rach der „Voss. Ztg." wurde bei den internen Besprechungen der Frak ior.svorstände der Regierungsparteien die Auffassung vertreten, dah auf eine Klärung der Me '.rheusoerhä.tnisse gedrängt und Sicherheit ba ur geschaffen werden müsse, daß sich Vorgänge wie im Plenum an Montag und Diens.ag und im Sozialpolitischen Ausschuß nicht wiederholen. Man hat bei den Regierungsparteien den Eindruck, daß die Sozialdemokraten zu einem gewissen Einten:n bereit seien. — Auch der „Vorwärts" spricht von der Bereitschaft der sozialdemokratischen Partei, „diesem unwürdigen Zustand e;n Ende zu bereiten“.
gewiesen, wie wichtig für unsere gesamte deutsche Wirtschaft der Einzelhandel ist unb wie notwendig nach all den Schwierigkeiten der letzten Iahre eine pflegliche Behandlung sei. Umsoweniger ist es zu verstehen, dah die maßgebenden öffentlichen Stellen vielfach auf seine Ausschaltung bedacht sind und jede Rücksichtnahme vermissen lassen. Am schärfsten fühlbar macht sich die Konkurrenz der Gis- und Elektrizitätswerke. Soweit diese Werke durch Ausschaltung usw. auf neue Artikel Hinweisen, durch deren Gebrauch der Konsum von Gas und elektrischen Strom gesteigert wird, (Gaskocher, Kochapparate, Plätteisen, Staubsauger usw.) und diese Artikel praktisch vor'ühren. sind Einwände nicht zu erheben. Die Werke sind aber zum großen Teil zum Selb st verkauf solcher Artikel übergegangen und machen dem Einzelhandel unter rücksichtsloser Ausnutzung ihrer öffentlichen Machtstellung die schärfste Konkurrenz. Die städtischen Werke sind durch Befreiung von einer ganzen Reihe von Steuern dem Einzelhandel gegenüber im Vorteil. Sie haben ferner die 2Nöglichkeit. etwaige cklnterbilanzen durch Erhöhung von GaS- und Strompreisen sowie andere Gebühren auszu gleichen. Die Konkurrenz zwischen ihnen und dem Handel beruht also nicht auf freiem Wettbewerb. In ifjrcyn Interesse betroffen werden hier vor allen Dingen die Deleuchtungsgeschäfte und Eisen warenhändler.
Zu weiteren schweren Klagen des Einzel Handels gibt die Derkaufstätigkeit städtischer Gärtnereien, Park- und Frirdhossverwaltungen Anlaß. Die Tatsache, dah in den letzten !'/_> Iah- ren nicht weniger als 1200 Blumengeschäfte ein- gegangen sind, ist z. T. auf die Konkurrenz der Stadtgärtnereien und Friebhofsverwaltungen zurückzuführen.
Schwere Beeinträchtigungen liegen auf dem Gebiet des Kohlenhandels vor. Zum Deifpi : hat sich die Stadt Berlin in der Berliner Brenn stoff-Gcsekl'chast ein Unternehmen g schaffen, da sich nach eigenen Behauptungen seit s Her Grün Dung im Jahre 1922 zum größten Kohlenplcch betriebe Deuttchlands entwickelt hat. Daß di Berliner Kohlenhandelsbetriebe mit über dreißig Angestellten im Iahre 1925 gegenüber 192i einen durchschnittlichen Umsatz-Rückgang um 12.6 Proz., in Einzelsällen bis zu 23 Proz., zu verzeichn.» hatten, ist zu wesentlichen Teilen auf die Tätigkeit der Berliner Drennftoff-Gefellschast zurück- zusühren.
Besonders nachträglich für den Einzelhandel ist ferner der Deamtenhandel und die Tätigtest der staatlichen Bcschasfungsstell.n. B i den ReichLbehorden, in Sachsen und in Thüringen ist der Deamtenhandel bereit; v.räotcn worden. Der Einzelhandel muß taut und deut.ich die Regierungen auffordern, sich an den § 164 der Reichkverftsfung zu erinnern, der bestt nmt, daß der selbständige Mittelstand in Land- Wirtschaft, Gewerbe und Handel in Gesetzgebung und Verwaltung zu fordern und gegen lieber- laftung und Aufsaugung zu schützen ist.
Für den Kleinhandel sprach Generaldirektor Dr. Toepffer, Präsident der Industrie und
Handelskammer Stettin:
Es liegt der Privatwirls^aft fern, grundsätzlich jede wirtschaftliche Betätigung der o^entkichen Hand zu bekämpfen. Hebcrall dort, wo die Eigenart der Aufgabe es mit sich bringt, dah die Privatwirtscha t zu ihrer Losung nicht in dem Maße fähig sein kann, wie es de öffentliche Hand ist, wird eine verständige und ihrer Grenzen bewußte Privatwirtfo.a t die in Frage kommenden Gebiete der Betätigung der öffentlichen Hand überlassen; jedoch dürfen Betriebe, deren oberster Zweck Versorgung der Qlllge mein Leit ist, nicht das Bestreben nach privatwirtschaftlichem Erwerb in den Vordergrund stellen und sich zu reinen Erwerbsbetrieben ausoilden. Und doch sieht man eine derartige Entwicklung auf allen Gebieten, vor allem bei den Kraftwerken und Gasanstalten, bei den Kra tverlehrsgeie'l>u,aften und auf dem Gebiete der Wohnungswirtschaft. Die Gefahren, die der Wirtschaft durch die Betätigung der öffentlichen Hand entstehen, sind wesentlich großer als dis Gegensätze zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Mana,'em Bürgermeister, Landrat oder Gemeindevorsteher möchte ich heute zurufen: „Bedenken Sie, daß ohne Individualisierung, ohne kaufmännischen Geist, im wahren Sinne des Wortes kein Unternehmen gedeihen kann, und daß Unternehmungen, die nur dadurch gehalten werden können, dah zur Deckung von Deffzits Steuern erhoben werden, auf die Dauer unhaltbar sind. Untergraben S i e nicht die Steuerkräfte der Privatwirtschaft, auf der letzten Endes die
Lockerung der Wohnungs- zwangswirt chasr in Preußen.
Berlin, 10. Noo. (Wolff.) Nach einem Bericht des „Lokalanzeigers" wird in den nächsten Tagen eine Verordnung des preußischen Wohl fahrtsministerlums erscheinen, nach der Wohnungen mit einer Friedensmiete von 30 00 Mark jährlich und mehr völlig aus der Wohnungszwangswirtschaft herausge^ n o m m e n werden. Lediglich die Mietpreis- r e g e l u n g und der Kündigungsschutz sollen für diese Wohnungen noch bestehen bleiben. Rein gewerbliche Raume, die mit der Wohnung zusammcn- hängen, werden völlig aus der Zwangswirtschaft losgelöst werden.


