Ausgabe 
11.10.1926
 
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Montag, U. Gttober 1926

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

llr. 238 Zweites Blatt

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lischen Gefängnis von Pentonville entsprangen zwei Gefangene, indem sie mit Scheren ein Loch durch das Mauerwerk bohrten, Schlaf vortäuschien und dann die hohe Mauer herunterkletterten. Der be­rüchtigte Einbrecher Thomas schnitt mit einem Stück Eisen von seiner Pritsche und einem Nagel das Schloß seiner Zellentür heraus, öffnete andere Schlös­ser, grub sich durch das Mauerwerk hindurch, wobei er eine Tonne Steine entfernte, und nahm schließ­lich Abschied, indem er an die Wand die Worte schrieb:Gute Nacht, angenehme RuheI" Alle In- sasien eines amerikanischen Gefängnisses, unter denen sich mehrere Mörder befanden, entkamen, als es einem von ihnen geglückt war, eine Uhrmachersäge in einem Brotlaib cinzuschmuggeln. Mit diesem In­strument schnitt er die starken Stahlsiäbe durch, nach­dem er sie zunächst längere Zeit mit Lumpen um­hüllt hatte, die mit dem Desinfektionsmittel des Gc- sängnisies, Formalin, getränkt waren. Die italienische Polizei wurde kürzlich von einem Mörder in Aufre­gung gehalten, der immer wieder entkam. Man halte ihn in der stärksten Zelle des Mailändischen Ge­fängnisses untergebracht, aber er würgtenachts seinen Wärter, schloß die Türe auf und entkam. Er wurde wieder gefangen und in Genua eingeterkert, aber wieder verlieh er diese ihm nicht zusagende Woh­nung auf geheimnisvolle Weise, indem er die Ketten zerbrochen und die Wächter betäubt zurückließ. Nach schwerem Blutvergießen sing man ihn in Turin und setzte ihn in eine unterirdische Kasematte. Doch auch hier glückte ihm die Flucht, bis er ein viertes Mal gepackt und auf dem Fleck erschossen wurde. Ein belgischer Verbrecher wurde nach einem langen Sün­denregister zum Tode verurteilt und in einer unter­irdischen Zelle bis zu der Hinrichtung untergebracht. Er machte sich Schlüssel, indem er sein Zinngesäß einschmolz, entkam aus der Zelte, kletterte über die hohe Mauer, tlomm an der Dachrinne empor, ließ sich 15 Fuß tief herunlerfalten und kam nach eini­gen anderen, gefährlichen Abenteuern glücklich aus dem Gefängnis heraus. Er brach sofort bei einem Schneider ein, versah sich mit eleganter Kleidung, versorgte sich mit Geld, Zigarren und anderen schönen Dingen und verschwand schließlich vollständig. Viel­leicht schmachtet er in einem fremden Gefängnis, vielleicht vergnügt er sich in einem fernen Lande unter anderm Namen. Die europäische Polizei ist nicht wieder auf seine Spur gekommen.

Ausbrecher-Künste.

Die Geschichte der Kriminalistik ist reich an ge­radezu unglaublichen Proben von Ausbrecherkün­sten, bei denen hohe Mauern und schwere Ketten der zähen Energie der Gefangenen keinen Wider­stand bieten konnten. Einem solchen ^.Außenseiter der Gesellschaft", der sein ganzes Leben in steter Gefahr und stetem Kampf verbracht hat, erscheint nichts unmöglich, wenn er einen schwachen Punkt in seiner Zelle oder irgendein brauchbares Werk­zeug entdeckt hat. Gr lauert dann nur auf die gün­stige Gelegenheit, und er entdeckt eine solche mit einer Sicherheit, Die 99 seiner Mitinlassen abgeht. Einige Beispiele solcher Ausbrecherkünste aus neue­ster Zeit werden von dem englischen Kriminalisten Dr. Frederick Graves zusammengestellt. Im eng-

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Nock stehen abseits derR e i ch s b u n d höhe­rer Beamten" mit rund 100000 Mitgliedern und der freigewerkschaftlicheAllgemeine Deutsche Beamtenbun d", der seine Mitglie­derzahl verschweigt und Grund dazu haben wird. Aber auch in den Lagern der Abseitsstehendcn sind viele der Zersplitterung müde, überall regen sich die Freunde der Einheits-Organisation. Man ist in der Beamtenschaft durch die nicyt enden wollende Beamtenhetze aufgesckeucht worden und sucht natur­gemäß Schutz im Zusammenschluß.

Es liegt auf der Hand, daß es sich hier um Vorgänge handelt, die auch politisch bedeutsam wer­den können. Nicht in dem Sinne, daß sich eineBe- amtenpartei" bildet, oder daß eine einzelne Partei in engere Beziehungen zur Beamtenschaft treten könnte. 3m Gegenteil! Der jetzt erfolgte Zusammen­schluß ist ein Sieg des Gedankens der Partei- politisch neutralen Berufsorganisation. Eben darum ist eine Annäherung zwischen dem Reichs­bund höherer Beamten und dem Deutschen Beamten­bunde sehr wohl denkbar. Beide zählen Anhänger aller Parteien zu ihren Mitgliedern, beide lehnen die Einheitsfront aller Arbeitnehmer für die Be­amten ab, die im Gegensatz dazu der freigewerk­schaftliche ADB. für Beamte, Angestellte und Ar-

Das neue Danzig-polnische Zollabkommen.

Don Dr. Otto 2 o e n i n g , ehem. Vizepräsident des Danziger Parlaments.

Unter schweren Opfern hatte sich Danzig im Ok­tober 1923 eine eigene Währung geschaffen. Das Experiment ist, wie allgemein anerkannt, vollkom­men aeglückt. Die Danziger Finanzen schienen damit in Ordnung. Da machte jedoch die Danzig auserlegte Zollunion mit Polen einen Strich durch die Rechnung. Da der gesamte Zolldienst in Danzig zu Lasten der Freien Stadt geht, hat Danzig durch die Zollunion eine jährliche feste Ausgabe von cn. 6,5 Millionen Gulden. Auf der anderen Seite erhält Danzig von den gesamten Zolleinnahmen des Zoll­gebietes eine bestimmte Quote, die im Jahre 1921 zunächst für einen dreijährigen Zeitraum, dann er­neut auf co. 7 bis 8 Prozent der Zolleinnahmen festgesetzt war. Das machte für Danzig 1924 ca. 23 Millionen Gulden aus, im Fahre 1925 ca. 19 Mil­lionen, im laufenden Jahre würden es ca. 8,6 Mil­lionen fein. Nichts kennzeichnet besser als diese Zahlen, wie unrichtig die ständige polnische Be­tonung ist, daß Danziä durch die polnische Zollunion nur gewinnen könne. 3m Gegenteil, die Danzig-pol­nische Zollgemeinschaft ist bei dem völligen Dar­niederliegen der polnischen Wirtschaft für Danzig dasUngesundeste.wasmansichdenkcn kann. Da Danzig außerdem durch die mitteleuro­päische Wirtschaftskrise ebenso wie seine Nachbarlän­der in Mitleidenschaft gezogen wurde, da der Han­del mit Polen immer mehr bei der geringen Kauf­kraft des Zloty zurückgeht, so ist in Danzig eine überausernsteFinanzkrise entstanden. Da auch die Verhandlungen mit Polen über einen neuen Zollverteilungsschlüssel nicht vorwärts zu bringen waren, entschloß sich Danzig, dieH i l f e des Völ­kerbundes für eine Anleihe von 60 Mil­lionen zu erlangen. Nachdem durch die Londoner Sitzung des Finanzkomitees des Völkerbundes im Sommer dieses Jahres die Hoffnungen Danzigs auf diese Anleihe sehr gestiegen waren, erfolgte plötzlich jetzt bei der Völkerbundstaaung in Genf eine gewaltige Enttäuschung. Zunächst wurde nicht mehr von einer 60-Millionen Anleihe gesprochen, sondern nur von 30 Millionen. Sodann aber wurde auch die Empfehlung dieser Anleihe von einer gan­zen Anzahl für Danzig sehr drückender und be­schämenderAnregungen" zum Teil sogar innerpolitischer Natur abhängig gemacht.

Außerdem aber erntete Danzig, was es selbst gesät hatte: nämlich die Verquickung der Anleihe mit der Danzig-polnischen Auseinandersetzung über den Zollverteilungsschlüssel. 3n dem Danziger Bestre­ben, den Völkerbund so wenig wie möglich mit Dan­zig-polnischen Streitigkeiten zu befassen, ist man in letzter Zeit den Weg gegangen durch Verhand­lungen mit Polen Streitigkeiten beizulegen.- Dies Verfahren hat dann einen Sinn, wenn zwei Vertragsgegner sich ungefähr gleich gegenüberstehen und beide Parteien mehr oder minder auf dasselbe Ziel hinauswollen. Wenn aber eine Partei aus dem bestehenden Zustand nur Nutzen ziehen kann, wäh-

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Geschlossenheit erweisen die kleinen, aus ziemlicher Weite gemalten Aquarelle (viel strenger und kör­perlicher gefaßt, als die des Kaffelaners).

Am charakteristischsten entwickelt sich, für unsere Empfinden, die Art dieses Künsllers in einer Reihe scharf gesehener, lebenswarmer und technisch ge­konnter Porträtköpfe in verschiedenen graphischen Techniken: den gleichen, intensiv gedrungenen und unmittelbaren Stil zeigen auch die vier Oelbildnisse (Studienköpfe). Von den Landschaften seien als ge­sunde, klare, unproblematische Malereien noch no­tiert: Tauwetter in Erdhausen: Vesperpause: Motiv an der Eder.

Mit fünf Aquarellen ist zu nennen H. Will, Wien: Motive an der Donau. Die Blätter, sehr ein­heitlich, stehen nebeneinander, scheinen ineinander Überzugehen: zeichnen sich übrigens aus durch eine auffallend zarte, durchsichtig duftige, pastellähnliche Farbengebung. Fein ist auch die Bewältigung des Atmosphärischen im Bilde, das Vermögen (wie die Maler sagen),Luft zu malen". Ueberraschend wirkt die großzügige Räumlichkeit dieser verhältnismäßig kleinen Blatter, die Weite und Tiefe des Landschafts- ausschnittes.

Em paar graphische Blätter von Beyer sahen wir noch zum Schluß, die den Eindruck jener far­bigen Arbeiten sofort wiederholen. Zirkusmotive. Mensch und Tier in angespannter, vibrierender Be­wegung, der hier, wo die Farbe fehlt, mit womög­lich noch nervöserer Strichführung, in abrupten

bungen des Mutterlandes und der Dominions eine für alle annehmbare Lösung zu sindcn, ^vird eine ungeheure Arbeit sein. Daß diese Lösung trotz der betont nationalistischen Einstellung bestimmter Do- minionpremiers gesunden werden wird, steht jedoch kaum in Zweifel, denn für die Dominions bedeutet letzten Endes die britische Flagge immer noch einen Schutz, vor allem durch die britische Flotte, der schon deshalb nicht zu verachten ist, weil die Kosten dieses Schutzes jo gut wie ganz vom Mutterland getragen werden. Die Premiers der Dominion mögen noch so verschieden eingestellt sein vom australischen Premier Bruce, den an das Mutterland unter anderem die Tatsache fesselt, daß er seinerzeit Mit­glied der Eamdridger Rudermannschaft war. dis zum südafrikanischen Premier H e r tz o g , den kaum sentimentale Gefühle an England fesseln dürsten aber eine Eigenschaft hoben sie alle gemein: es sind alles R e a l i st e n. Und wenn nichts sie an das britische Reich fesseln würde, so wäre es immer noch der Realismus. Unter diesen Umständen scheint man in London nicht daran zu zweifeln, daß die Formel, auf die sich trotz mancher Schwierigkeiten die bevorstehende Reichskonferenz schließlich immer noch einigen muß, lauten wird:viribus uniti s".

Oberhessischer ttunstverein.

Am gestrigen Sonntagvormittag hat auch der Kunstverein die winterliche Saison eröffnet Land­gerichtsdirektor Bücking als Vorsitzender des Kunstvereins hieß die Erschienenen herzlich will­kommen, ging mit kurzen Bemerkungen auf die ausftellenben Künstler ein und gab einen knappen Ueberblicf über das Programm des kommenden Winters, das u. a. für Februar eine Ausstellung von Karl B a n h e r vorsieht.

Die neue Ausstellung^ (geöffnet zu den üblichen Zeiten, Sonntag, Montag, Mittwoch, Frei­tag 111, Mittwoch auch 35 Uhr) umfaßt vier Namen, vier untereinander sehr verschiedene künst­lerische Temperamente.

Christian Beyer, Kassel, ist ohne Frage der modernste unter ihnen, die hier versammelt sind: seine Bilder wirken am lockersten (manche werden empfinden: unfertig, fragmentarisch), sind ganz auf­gelöst und möglichst weit vom Materiellen entfernt; so weit, daß das körperliche Modell manchmal nur noch Mittel zum Zweck gewesen zu sein scheint. Alles in Beyers Aquarellen zeigt diese gesteigerte Leichtigkeit, die nervöse Hast im Vortrag, die Be­weglichkeit im Augeneindruck. Aus ein zugespitztes Farben- und Linienspiel drängt der flüchtige Pinfel- strich; die rhythmische 3mpression des Augenblicks, die Sekunde des Schwebens zwischen zwei Bewe­gungsphasen soll festgehalten werden. Dies illustrie­ren am besten die Pferdebilder an der Tür (beim . Eintreten links). Auch das Schreiten des schwarzen Panters Hinterm Gitter scheint geboren aus der un­bändigen Freude an der wundervollen Körperbie­gung und fließenden Bewegung des geschmeidig und lautlos gleitenden Raubtierleibes. (Das Ganze wie eine 3Uuftration zu einem der berühmtesten und artistisch prunkvollsten Gedichte Rilkes.) 3n Blumengruppen und Landschaften dominiert ein überquellendes Farbengefühl: oft so stark, so un­bedingt und leidenschaftlich, daß man kaum die zu- sammenfassende Komponente dieser strotzenden Pa­lette findet; manches vereinigt sich einfach nicht für das Auge des modernen Durchschnittsmenschen, der an Farbensehen und Farbenverbinden kaum noch gewöhnt ist, auch meist die Zeit nicht hat, oder die Muße sich nicht nimmt, dergleichen zu versuchen. So leidenschaftliche Koloristik verfchwistert sich in einem

beiter erstrebt.

Hinderlich tritt dieser Einigung dasverti­kale Organisationsprinzip" des DBB. entgegen, das auch jetzt bei der Verschmelzung aus dem GDB. im Vereinigungsprotokoll als organisatorisches Ziel herausgestellt wurde. Alle Beamten einer Ver­waltung von oben bis unten sollen sich zu einem Fachverbande zusammenschließen, die Gesamt­heit der Fachverbände bildet die Spitzenorganisation. Längst ist diese vertikale Organisationsform durch horizontale Vereinigungen auch im DBB. durchbrochen. Die Beamten aller Verwaltungen der (unteren) Gruppen 15 haben sich zu einer Sozialen Arbeitsgemeinschaft" im DDB. zusam­mengeschlossen, ihr folgte die Arbeitsgemeinschaft der yoheren Beamten, sowie die der Sekretäre und Obersekretäre. Der DBB. toleriert jetzt schon diese horizontalen Vereinigungen und wird Wege finden müssen, den an Kopfzahl kleinsten Beamtengruppen Schutz vor Ueberstimmung durch Gruppen mit sehr viel zahlreicheren Mitgliedern zu gewährleisten, wenn er das Ziel der Einheitsorganisation erreichen will. 3m Gesarntoorstand sowohl wie in den Lan­des- und Ortskartellen müßten die einzelnen Be­amtengruppen so vertreten sein, daß keine die absolute Mehrheit hat. Das verlangt Opfer von den breiten Massen", die bisher manchmal auf das Recht derMehreren" pochten, Opfer, ohne die es keine Einheitsorqanisation von Bestand gibt.

Eine zweite Voraussetzung gibt es zu erfüllen, wenn die Einheitsorganlsation haltbar fein soll. Die parteipolitische Neutralität muß mit aller Wachsamkeit gehütet werden! Es ist mensch­lich und darum verzeihlich, aber nichtsdestoweniger zersetzend, wenn einflußreiche Führer ihr Ansehen mißbrauchen, um in einer parteipolitisch neutralen Organisation ihre politische Auffassung als die für Beamte einzig mögliche hinzustellen. Ganz unver­blümt weist die Sozialdemokratie lhren Anhängern diese Ausgabe zu; sie sollen der Sauerteig sein, der den ganzen Tag durchsäuert. Manch einer hat es im DBB. früher versucht, kryptosozialistische Politik zu treiben. Auf die Finger geklopft und darob ver­ärgert, schieden diese Herren aus und gründeten denAllgemeinen Deutschen Beamtenbund". Der Versuch, diesen wieder zum DBB. zurückzuführen, ist jetzt gescheitert und dieser Mißerfolg ist, wie die

Die Beamtenschaft auf dem Wege zur Einheitsorganisation.

Von Albrecht M o r a t h, M. d. R.

Der Deutsche Beamtenbund hielt seinen 8. Bun­destag in Berlin ab. 3m Beisein des höchsten Reichsbeamten, des Reichskanzlers, ist nach Ansprachen des Bundesvorsitzenden und des Vor­sitzenden desGesamtverbandes Deutscher Beamten- Gewerkschaften" die Verschmelzung beider Organisation en vollzogen worden. Zu den 900 000 Mitgliedern des DBB. treten 200 000 des GDB., die bisher zum (christlichen) Deutschen Ge­werkschaftsbund gehörten. Die Dynamik drangt wei­ter zu dem Ziel, zu dem sich die Zeitschrift bes DBB. bekennt: Ein einheitliches, gleichartiges Berufsbe­amtentum, eine einzige alle Beamten umfas-

llereinigungen in Scarborough beweist, ist die lange Dauer des Kohlendisputs, aber besonders der Generalstreik nicht ohne Einfluß auf die Stim­mung im konservativen Lager geblieben. In der klaren Erkenntnis, daß die Schlüsselstellung der ge­samten Arbeiterbewegung das Gewerkschafts­gesetz ist, richtet sich der Hauptangrisf der Kon­servativen gegen dieses Gesetz, dessen Abänderung eine Lage, wie sie der Generalstreik erzeugte, in Zukunft unmöglich machen fall. Die Begeisterung, mit der die Zusicherung einer Prüfung des Gewerk - schaftsgefetzes durch den Pemierminister von der Konferenz ausgenommen wurde, bildet einen guten Gradmesser für die durch die industriellen und poli- tischen Dispute der letzten Monate im konservativen Lager erzeugte Kampsstimmung. Die Tatsache jedoch, daß an der Spitze der konservativen Partei und Regierung ein gemäßigter Mann, wie Bald- w i n steht, der im Gegensatz zu den Unentwegten der Partei nicht nach dem Blut feiner Feinde schreit, sondern ihnen lieber goldene Brücken baut, ist eine Gewähr dafür, daß die Vorlage, die er in der Fraae einer Abänderung der Gewerkschaftsgesetze in Aussicht stellte, eher eine Desensivmaßnahine zu­gunsten des Staats, als eine Offensivmaßnahme zur Vernichtung der Gewerkschaften sein wird.

Dieser mäßigende Einfluß des Premierministers wird sich vielleicht ebenfalls zur Geltung bringen, wenn Strömungen in einem Teil der konservativen Partei zugunsten eines Bruchs mit der S o - wjetregierung einen entscheidenden Druck aus­zuüben drohen.

Die Annahme einer Entschließung auf der Konferenz von Scarborough, die gegen Die Sowjet- propaganba im britischen Reich Einspruch erhebt und der Regierung Unterstützung in allen Schritten zur Beendigung dieser Drohung zusagt, beweist, daß diese Strömung nicht unterschätzt werden darf. Die bisher durch alle innerpolitischen Hindernisse geschickt gesteuerte Politik des britischen Außenamts macht eine Normalisierung der anglv-russischen Beziehun­gen vollkommen von der Haltung abhängig, die die Sowjetregierung in der Frage der Propa­ganda, sowie der Schulden einnimmt. Es wird betont, daß der Versuch Moskaus, den bri­tischen Generalstreik durch finanzielle Unterstützung zu beeinflussen, nicht ba^u angetan war, die Hal­tung der britischen Politiker und Staatsmänner zu stärken, die einer Verständigung mit der Sowjet­regierung geneigt sind. Auch tragen die in den letz­ten Wochen eingetretenen neuen Zwistigkeiten inner­halb des kommunistischen Lagers kaum dazu bei, die Stellung der Leute in England zu schwächen, die für ein Abwarten in dieser Frage eintreten. Unter diesen Umständen ist das Ergebnis der Besprechun­gen, die Krassin mit Chamberlain führen dürfte, vollkommen zweifelhaft. Die offizielle britische An­sicht ist, daß es nur in der Hand der Russen liege, den Beziehungen mit England die Gestalt zu geben, die im 3nteresse des Friedens und der Wohlfahrt Europas wünschenswert erscheint.

Befriedung Europas" wird zweifellos auf der bevorstehenden Britischen Reichskonfe­renz die Trumpfkarte fein, die der britische Außen­minister bei der Rechtfertigung der auswärtigen europäischen Politik Downingstreets ausspielen wird. Chamberlain wird dem lauwarmen 3nteresse, das einige der Dominions bisher gegenüber Locarno bekundeten, mit dem Beweis begegnen, daß die Locarnopolittk durch den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund gefrönt worden sei und daß infolge der deutsch-französischen Annäherung ein Schritt ge­tan worden sei, um das Haupthindernis für den europäischen Frieden, den Gegensatz zwischen Deutschland und Frankreich zu beseitigen. Er wird auf die Aufrechterhaltung der guten Beziehungen Großbritanniens zu Frankreich und 31 a l i e n , sowie eine bedeutende Besserung zu Deutsch­land deuten und damit den Premierministern der Dominions einen ziemlich überzeugenden Be­weis erbringen können, daß die Führung der Außen­politik des britischen Reichs in guten Händen liegt. Während in europäischen Fragen die Kompetenz Downingstreets kaum in Zweifel gestellt werden dürfte, ist anzunehmen, daß sich das außenpolitische Hauptinteresse der Dominionvertreter auf den Fernen Osten konzentrieren wird, wo die Er­eignisse, wenn man hier auch eine Besserung fest­zustellen glaubt, noch so unklar sind, daß das Ende von niemand vorausgesehen werden kann. Zwischen allen auseinandergehenden und sich durchkreuzenden verfassungsmäßigen und außenpolitischen Bestre-

Dinge liegen, nicht zu beklagen. So wertvoll das Ziel einer organisatorischen Zusammenfassung aller Berufsbeamten in einer Organisation auch ist, so unbestreitbar falsch ist die bloßerage du nombre". Die innere Geschlossenheit ist immer und überall mehr wert als die Zahl. Verbunden durch gleiche beamtenpolitische Ansichten' können Beamte von den Sozialisten bis zu den Völkischen in einer Berufsorganisation gemeinsam arbeiten. Die Zu- fammenarbeit aber wird zur Unmöglichkeit mit Sozialisten sreigewerkschastlicher Richtung, wie Jie sich im ADB. zusammengefunden haben. Auch die­ser ADD. redet in seinen Satzungen von parteipoli­tischer und religiöser Neutralität, wie er das von den freien Gewerkschaften gelernt hat. Jedermann weiß natürlich, daß er es mit einer Hilfstruppe der Sozialdemokratie zu tun hat. Eben darum ist dieser Versuch, die Beamtenschaft wenigstens der unteren Gruppen durch eine gewerkschaftliche Berufsorgani­sation politisch (in diesem Falle: sozialdemokratisch) zu beeinflussen, so interessant. Der Versuch ist ge­scheitert. Der Zustrom blieb aus. Resigniert ge­stand der Vorsitzende in der letzten Sitzung des Er­weiterten Vorstandes des ADB.'Der dauernde Schwund der Mitgliederbestände sei nicht mehr zu übersehen. Die Partei habe versagt .Die Der- sammlungen seien schlecht besucht. Die Führer der Arbeitergewerkschaften (ßeipart und Schumann) hätten ihre Enttäuschung über die langsame Organi­sierung der Beamten zum Ausdruck georacht." Diese Enttäuschung ist begreiflich, wenn man sich vorstellt, welche Geldopfer die Arbeiter- und Angestellten- gewerkschasten für die Pflege des lebensunfähigen Pflänzchens ADB. gebracht haben. Ein Redner nach dem anderen stimmte mit dem Vorsitzenden darin überein, daß die freigewerkschaftliche Organisation keine rechte Wurzel gefaßt habe. Kein Wunder, wenn einzelne in der Perschmelzung mit dem DBB. die letzte Rettung für den ADB. sehen. Doch hat man auch in dieser fast hoffnungslosen Lage die parteipolitische Mission nicht ganz vergessen. Einer der Führer bringt es offen zum Ausdruck, daß man es als Hauptaufgabe betrachten müsse, durch die Vereinigung mit dem DBB. die freigewerk - schaftliche Plattform zu verbreiten.

Die Einigung ist nicht gelungen. Die laute Stimme des kranken ADB. kann nicht darüber hin­wegtäuschen, daß sich der Kranke in der Agonie befindet. Sein Tod zeigt deutlich, wie gesund und lebenskräftig das Berufsbeamtentum alter Art ist, das sich im DBB. und RHB. parteipolitisch neu­tral organisiert tat.

Der ADB. lehrt, daß eine Organisation Be­amtenpolitik erfolgreich nur treiben könne im Zu­sammenhang mit der Wirtschaftspolitik und daß diese vom Standpunkt des Beamten Konsumen­tenpolitik sein müsse. Seine Propheten haben übersehen, daß sich eben jene Konsumentenpolitik von sehr verschiedenen Gesichtspunkten trei­ben läßt. Das Hineintragen irgendwelcher politi­scher Aufgaben in Berufsorganisationen muß zer­splitternd wirken. Darum wird d i e Beamtenorgani­sation am wirksamsten sein, die ihren Mitgliedern in politischen Fragen völlige Freiheit läßt und sich weise auf die Vertretung der eigentlichen Berufsforderungen beschränkt.

Londoner Brief.

Don unserem l.-Korrespondenten.

L o n d o n, 10. Oktober 1926.

In der K o h l e n k r i s e steigt das Fieber wie­der, mit riesiger Mehrheit wurden die Regierungs­vorschläge, die Distriktregelungen sowie ein natio­nales Tribunal für Entgegennahme und Entschei­dung von Appellen vorsahen, von den Distrikten abgelehnt und die Delegiertenkonferenz des Bergar­beiterverbandes faßte den folgenschweren Beschluß, die Sicherheitsleute aus den Schächten zurückzu­ziehen. Dies bedeutet eine Bedrohung der Zechen durch Wasser und Feuer und stellt eine verzweifelte Maßnahme von Seiten der Bergarbeiter dar, deren praktische Wirkung jedoch durch das Vorhanden­sein einer großen Zahl Arbeitswilliger zum Schutze der Zechen gemildert werden dürfte. Ob der plötz­liche Uebergang der Bergarbeiter zu extremen Maß­nahmen das letzte Aufflackern des Streiks vor feinem Erloschen bedeutet, müssen die nächsten Tage oder Wochen lehren.

Druck erzeugt Gegendruck. Wie die Jahres- konferenz des Nationalverbandes der konservativen und unionistischen

Städtebild mit eminent durchgefühltem, plastisch sich äußernden Raumempfinden: dies Stück ist bei aller Unabsichtlichkeit glänzend kompo­niert. Die starke Lockerung im Bildgefüge (von der oben gesprochen wurde) ist am ehesten diszipliniert in einem Links-Rechts-Porträt (halb en face), das bedeutendes Können verrät.

Ella Räuber, München, zeigt Farbenholz­schnitte (Eigenhanddruck) und Linoleumschnitte. Hauptsächlich Blumenstücke, auch Insekten und Vogel. Pflanzenmotive sind von jeher in dieser Tech­nik bevorzugt und immer dankbar. Die einzelnen Blätter erweisen sich als sorgsam durchkomponiert, zeigen eine sichre Bewältigung des Handwerklichen und erscheinen durchgehend sehr dekorativ in der Wirkung, die offenbar in bewußter, andeutender Stilisierung unauffällig ins Bild hineingebracht ist. Dazu spürt man Sinn für ornamentale Linienfüh­rung und für Akkorde und Nuancen der Kolorit­gruppen. In allen Blättern liegt ein eigentümlicher, warmer Hauch auf den Farbflächen, ein sanfter, samtartiger Schmelz, der den Pflanzen einen zarten Wirklichkeitsschimmer verleiht und dadurch ein Gegengewicht gegen das dekorativ betonte Stilele­ment dieser Drucke bietet.

Den breitesten Raum nehmen Arbeiten von Karl Lenz, Erdhausen, ein: Delgemälbe, Aquarelle und graphische Blätter verschiedener Technik. Seine Kunst ist durchaus und überall bodenständig (übrigens einfach und unartistisch), wurzelt breit im Heimatlichen, bildet Menschen und Tiere, Haus und Landschaft einer nahen und vertrauten Umgebung. Interessant zu sehen, wie das, was auf kleinem Um­kreis sich bietet, sich dennoch offenbar nie erschöpft, immer aufs neue anregt, immer wieder Möglich­keiten vermittelt. Und wie manche Köpfe und Ge­sichter, manches Landschaftliche (z. B. das wesentlich koloristische ThemaSchneeschmelze") mehrfach rote- derkehrt. Uebrigens ist das so bezeichnete Oelstück eine feine, im Ton charakteristisch erfaßte Arbeit. (Man kann aus der Menge des Gezeiaten nur dies und das notieren.) Mit weichem Bleistift, einer heute selten gewordenen Manier, ist eine Folge von Blättern gezeichnet, die malerische Architekturmotive skizzenhaft auswerten. Ein gutes Freilichtbild, warm und hell im Ton, dieAlte Frau in der Sonne', wohingegen dieKirmes" (1. Fassung) uns im Fond zu stumpf und verwischt erscheint. Miniaturhafte

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fflf d. SelbU' I Illi, flebetflt- Sidierbeit ofort leiben acM r. M u. M hen (Blcn- -sM