demonstration entstellt wiedergegeben ist. Es heißt darin: „Die Mitteilung von den Drohbriefen rief im Landtag Erregung in den Regierungsparteien hervor und die Rechte hatte Derlegenheitsruhe vorgezogen. Rur der Führer der Deutschen Dolkspartei, der beim Rathenaumord in Darmstadt eine provozierende Haltung gegen die Republik gezeigt hatte, besaß die Stirn und rief dem demokratischen Finanzminister zu: Denken Sie an den Rathenaumord." Tatsächlich hat er an die Rathenau d e m o n st r a t i o n erinnert. Ruch die anderen Angaben sind völlig unrichtig.
Eine Bemerkung des Redners gegen den Finanzminister, daß er jede Kritik der Abgeordneten Leuchtgens und Dingeldep ablchne, verursacht lebhafte Unruhe, als er dann erklärt, es gebe aber auch Leute, die im Leben etwas geleistet hätten, wenn sie auch nicht die Welle der Revolution an den Ministersitz gespült hätte, und die durch die Klammern der Koalition festgehalten würden, entsteht ein minutenlanger Lärm im Hause. Der Finanzminister habe den Vergleich des Abg. Dingel dey mit den preußischen Verhältnissen abgelehnt; aber die Verkleinerung des preußischen Gebietes sei schon berücksichtigt, indessen gehe aus diesen Zahlen unweigerlich hervor, daß Preußen mit der Vermehrung der Deamtenzahl sehr vorsichtig gewesen sei. Der Redner bespricht dann Einzelheiten des Voranschlags. Man sollte nur einmal versuchen, das Defizit zu verringern; wenn man eine zurückgehende Tendenz wahrnehme, so würde dies beruhigend in der Bevölkerung wirken. Die Deutsche Volkspartei sei auch der Ueberzcugung, daß die Besetzung die Eteuerkraft Hostens schwäche, aber man habe die Ueberzeugung. daß die Regierung die Unterlagen hierfür noch nicht gesammelt ^rbe, ähnlich wie die Angaben über das Schulwesen erst jetzt gemacht wurden. Hessen müsse von innen heraus gesunden. Ein Anschluß Hessens an Preußen, wie ihn jetzt auch der demokratische Reichstagsabgeordnete Ko- rell wolle, iönne nicht in Frage kommen, namentlich nicht vom kulturellen Standpunkt aus. Würde Hessen in Preußen aufgehen und das preußische System eingeführt werden, so würde das bedeuten, daß in Hessen 1000 Lehrerstcllen aufgehoben würden. Abg. Lux hätte die Regierung ausgefordert, so fortzusahren wie bisher, das bedeute doch nur, daß das Defizit weiter zunehmen solle. Der Finanzminister habe erklärt, er befürchte und er erhoffe nichts mehr; das sei ein Grundsatz für einen Menschen, der mit der Welt abgeschlossen habe; der Finanz- minifter solle alles fürchten für das Schicksal eines zur Verzweiflung gebrachten Voltes, aber auch alles erhoffen für die Zukunft Hessens, eines der schönsten Länder Deutschlands.
Rach einer Pause gibt Abg. Eberle eine Erklärung der Demokratischen Partei ab, in der das Vorgehen der Darmstädter Polizei gegen die Arbeitslosen bei der Demonstration am 8. März verurteilt wird. Hierauf wendet sich der Redner gegen den Abg. Dr. Keller und verteidigt den Finanzminister. Er spricht von der Rot des besetzten Gebietes. Es sei nicht zu verstehen, daß es Bauern gebe, die monarchistisch en oder nationalistischen Kreisen angehörten. Die Entschädigung der Geschädigten im besetzten Gebiete erfolge sehr langsam. Die Kredite für die Winzer wären nicht immer in die rechten Hände gelangt. Die weiteren Ausführungen des Red- ners richteten sich hauptsächlich gegen den Reichs- landbund.
Abg. Kindt (Dutl.)
meint, die Regierungsparteien und der Finanz- ' nrinifter stellten den früheren Reichsfinanzmini-
. Her von Schlieben als den.schwarzen Mann hip; 1 dieser werde für alles mögliche verantwortlich f gemacht. Aus den Reben des hessischen Finanz- ministers könne man keinen Ausweg aus der , Finanznot erkennen; cs müsse eben gespart werden. 3n dieser Rotzeit sollten alle zusam- mcnstehen. um den wirtschaftlichen Schwierig- kellen zu begegnen. Die Deutfchnationalen hätten im Stthferausschuß, entgegen der Behauptung des Abg. Kaut, keinerlei Anträge gestellt, die antisozial wären. Aus der Statistik habe sich ergeben, daß fast 1000 Klassen in Hessen unter 3 0 S ch ü l e r hätten; das so reichlich mit Schulräten ousgestattete Landesamt für das Bil- dungswesen wäre selbst von dieser Tatsache überrascht worden. Die staatlichen Betriebe sollten nach der Meinung des Abg. Kaul Musterbetriebe sein: wenn man das verfange, so sollte man diese Betriebe aufheben, denn es könnten nicht dauernd Zuschüsse geleistet werden. Ein Betrieb, der Zuschüsse verlange, fei überhaupt kein Musterbetrieb. Der Redner befürwortet seinen Antrag, daß kein« politische Persönlichkeit ohne geeigneteVorbildung mehr ein Staats a. mt erhält; er weist ferner die sozialdemokratische Forderung der Ueberführung der Beamtenschaft in das Angestelltenverhältnis zurück. Weiter setzt sich her Redner mit dem Abg. Ruß auseinander. Wenn das Zentrum den christlichen Staat wirklich wolle, so könne es auf die Dauer mit der Sozialdemokratie nicht zu- sammengehen. Es geschehen noch Zeichen und Wunder, der Demoümt Reiber habe sogar eine Verkleinerung des Parlaments befürwortet. 3n seinen weiteren Darlegungen verurteilt Abg. Kindt il a. scharf die Przbergersche Finanzreform. Die Tatsache, daß in Hessen die Steuern um 20 Prozent höher seien als in Preußen, müsse doch zu denken geben. Den Einheitsstaat nur aus die Sparsamkeit zu gründen, wäre doch wohl nicht ausreichend. Der Befehl zum Vorgehen ge^en die Arbeitslosen sei vom Darmstädter Polizeipräsidenten ausgegangen, dcr Schupokomman- dant habe, als er sah, wre geringfügig die Sache war, den Befehl zurückgezogen. Der Sozialdemokratie und der Demokratie komme es nur auf eine H?he «egen die Schupo an. Es könnten nicht alle Kultureinrichtungen, die in einer Zeit wirtschaftlicher Blüte geschaffen wurden, aufrecht erhalten werden. Wenn man das in Hessen nicht einsehe, wären alle Reden hier im Landtag in te-'.i Wind gesprochen.
Rächste Sitzung Donnerstag 9 Ahr.
Die Kutturaufgaben des Reichs.
Der Neichsinrrenmiuifter tut Reichstag
Berlin, 10. März. Bei der Beratung dcs Haushalts des Rcichsministeriums des Innern ergriff Reichsinnenminlster Dr. Kuclz das Wort zu eingehenden Ausführungen über die kulturellen Aufgaben der Reichs
regierung. Das Reichsministcrium des Innern müsse die Zentralstelle alles innerpolitischen staatlichen Geschehens im Reiche sein. Die Staatlichkeit der Länder sei zu achten, aber daß sie nicht ausschließlicher Selbstzweck sein solle, liege gerade im föderativen Gedanken ausgedrückt, der in den großen Lebensfragen der Ration zur Einheit wolle. Während die eine große Aufgabe seines Ressorts die sei, Zentralstelle für die innerstaatliche Entwicklung des Reiches zu sein mit dem Ziele der Festigung des Staats- gefügcs, sei die andere große Aufgabe die, Zentralstelle der Kulturpolitik des Deutschen Reiches zu sein. Auf dem Gebiete der Förderung der körperlichen, geistigen und sittlichen Gesundheit des deutschen Volkes, auf dem des Erziehuirgswesens, auf dem der K u n st p f l e g e , auf dem der Wissenschaftspflege und Forschung sowie auf dem der kulturellen Beziehungen zum Auslande erwüchsen dem Reiche ganz bestimmte Aufgaben. Besondere Mittel würden für die Bekämpfung des Alkoholmißbrauchs bereit gestellt werden. 2m deutschen Schulwesen mache sich ein starker Drang nach Reformen geltend. Zwischen den Ansprüchen der Ellern, des Kindes, des Lehrers und der Kirche müsse die Synthese gezogen werden, wobei die Führung beim Staat liege. Bei den ForschungsinstitutcnseifalscheSpar- f a m k e i t nicht am Platze, denn ein dauerndes Ueberholen der deutschen Forschung durch andere Länder würbe nicht wieder einzubringende ideelle und materielle Verluste zur Folge haben. Der Minister schloß mit der Erklärung, daß dem Deutschen Reiche jede kulturelle Unterdrückung der in seinem Staatsgebiet lebenden Minderheiten fern liege. 3n der Aussprache wurden von sozialdemokratischer Seite die Mittel für kulturelle Zwecke als viel zu gering bezeichnet, während die Deutschnationalen besonders eine Erhöhung der Mittel für die körperliche Ertüchtigung der Jugend wünschen. Die Weiterberatung wurde aus Donnerstag vertagt.
Kleine politische Nachrichten.
An einem Bierabend beim Reichspräsidenten nahmen u. a. leit: Sämtliche in Berlin anwesenden Reichsminiftci und preußischen Slaatsminister, der Ches der Heeresleitung, die Staatssekretäre des Gleiches und Preußen, die Mitglieder des Reichsrates, mehr als hundert Abgeordnete, die früheren Reichs- und Staatsmi'mster, Vertreter der Hochfinanz, des Handels, der Industrie, der Gewerkschaften und der Presse.
Das Befinden des Reichskanzlers a. D. Fohrenbach (Zentrum) hat sich aufreroröertt- lieh verschlechte! I. Dcr Schwächrzuftand ist sehr groß. Der Kranke ist ohne Bewußtsein. Von den Reizten wird der Zustand als sehr ernst bezeichnt.
Die Zahl der Erwerbslosen Hot in der zweiten Hälfte des Februars feine nennenswerte Aenberung erfahren. Zwar ist bei den mäimlichLn Hauptu nte r ftü tzung s enipsängern gegenüber der Zahl vom 15. Februar eine Verminderung von 1 772 338 auf 1 750 757 eingetreten, dem steht aber bei den weiblichen Hauptun-terstüt- zungsempsängern eine Zunahme von 286 054 auf 306 050 gegenüber. Die Gesamtzahl der Haupt- unterftützungLenipfänger ist von 2 056 392 am 15. Februar auf 2 056 807 am 1. März zurückgegangen. Das bedeutet eine Abnahme um ein pro Mille.
Das LandDpricht Berlin I veröffentlicht die Begründung des ablehnenden Urteils in dem Prozeß der Cisenbähnorganisationen gegen die Reichs bahn gesell schäft, in der es heißt: Aus der beklagten Roichsoahn liegt die Reparationslast. Zur Erreichung dieses Sonderzwecks hat man die Reichsbahngesettschaft aus der Reichsverwaltung herausgenommen und Verse l b ft ä n d i g t. Das Unternehmen, bei dem die Personalausgaben 65 Proz. aller Ausgaben aus- machen, läßt sich nicht allgemein in das allgemeine Schlichtungsverfahren hineintragen wie jedes andere Unternehmern
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Am Donnerstag beginnen vor Dein ständigen internationalen Gerichtshof im Haag erneut Verhandlungen über einen deutsch-pol- nifchen Streitfall. Infolge der Teilung Ober- schlesiens ist Deutschland verpflichtet, au Polen 26 Millionen Goldfranken als Teil der Reserven der deutschen Sozialversicherung zu überweisen. Deutschland erkennt diese Verpflichtung an sich an. ist aber der Anficht, daß cs außerhalb der Daweszahlungen nichts leisten kann, ja überhaupt nicht leisten Darf und daß daher diese 26 Millionen Goldfranken den Da- wesmitttzln entnommen werden müßten. Rach dem Dawesplan ist Das Haager Gericht für Streitigkeiten als aus Der Auslegung dieses Planes zuständig.
Kunst und WUenschast. Der „Fröhliche Weinberg" in Mainz und Wiesbaden.
Die Erstauftührung von Karl Zackmoyers vielumstrittenem Lustspiele „®er fröhliche Wriw- berg“ im Mainzer Stadttheatee brachte nicht den allgemein erwarteten großen Theaterfkairdal, sondern verlies in aller Ruhr. Das Stück wurde von dem bis xum letzten Platz besetzten Hause bei allen Aktschlüssen mit außerordentlich lebhaftem Beifall ausgenommen. Rur vereinzelt machte sich hie und da bei einigen Stellen etwas Widerspruch bemerkbar, der sofort niedergehalten wurde. Auch die Wiesbade- nerErstaufführung brachte ganz im Gegensatz zu. den gehegten Befürchtungen keinen Thcaterslandal, sondern einen vollen Bühnenerfolg, der sich am Schluß des Stückes durch unzählige Hervorrufe der Darsteller dokumentierte.
Deutsch-nordisches Studententreffen.
Das Auslandsan.t der deutschen Studentenschaft beschloß, anläßlich der 700-Iahrseier Lübecks vom 31. QKai bis 8 3uni ein deutsch- nordisches Zusammentreffen nach Lübeck einzube- rusen, zu dem offizielle Vertreter jl(er nordischen Universitäten erw rrtet werden.
Entdeckung einer Ruiuensiadt in Ecuador.
3m Huacogebirge in der Provinz Earchi Wurde eine prähistorisch? Ruinenstadt entdeckt. Die Regierung HU beschlossen, zur Erforschuirg der Ruinen eine Expedition unter Leitung des deutschen Archäologen MaxHul? zu entsenden.
Reue Funde in "Pompeji.
Bei Ausgrabungen in Pompeji wurde die lebensgroße Bronzestatue eines griechischen Jünglings unversehrt vorgefunden. Es handelt sich um ein Meisterwerk aus der Zeit des Phydias.
Furtwängler in Washington.
Ein erlesenes Publikum, angesehene Persönlichkeiten aus der Diplomatie und der Gesellschaft, unter ihnen Unterstaatssetretär Grew und der deutsche Botschafter Frhr. v. Maltzan, wohnten dem Konzert Furtwänglers in Washington bei und brachten ihm nicht endenwollende Huldigungen dar. Später fand in der Botschaft ein Empfang zu Ehren Furtwänglers statt.
Aus aller Well.
Auf einer Skitour vou einer Lawine getötet.
Arosa. 10. März. (WTB.) Bei einer Skifahrt am Osthang des Brüggenhorns wurde der deutsche Tourist Graf Georg von Werthern von einer Lawine getötet. Das Lawinenunglück ereignete sich bei einet Skitour auf das Arosaev Weihhorn. Der Graf und ein anderer Tourist überquerten den stillen Osthang des Buggen- horns und lösten dort eine Lawine. Die 250 Meter lang war und an manchen Stellen eine Tiefe von sechs bis acht Metern erreichte. Der Graf wurde mitgerissen und nur als Leiche geborgen. Der andere Tourist wurde von der Lawinc nicht getroffen. Der Graf war 22 Jahre alt und stammt aus Beichlingen, Prov. Sachsen. Ein ähnliches Unglück wirb aus dem Riefengebirge gemeldet. Der Förster Pohle aus den Leierbauden bei Spindelmühl stürzte am Samstag bei einem heftigen Schnee sturm auf einen Schueeschuhtour in eine große Schneegrube und konnte erst heute als Leiche gefunden werden.
Schweres Unwetter in der Nordsee.
Hombur g, 10. Rlärz. (Wolff.) Seit gestern abend herrscht ein orkan-artiger Sturm auf Der Rordsec und an Der Elbmündung von 10 bis 11 Windstärke. Die Station „Alte Lebe" ist von Fluten vollständig überfxüll. Die Signalstationen geben fortgesetzt Warnungsschüsse für Die Schifte ab. Das Wasser erreichte in Hamburg mit 141 ? Fuß Den Höchststand. Die Ä eil er in den niedrig gelegenen Stadtteilen sind voll Wasser gelaufen. Das Mitteldach des Hauptbahn- Hofes wurde in der vergangenen Rächt durch Sturm in 200 Quadratmeter Ausdehnung auf- gerisscn. Glücklicherweise wurde aber niemand verletzt. Auch sonst wurde in der Stadl durch den Sturm vielfach Schaden angerichtet. Infolge des heftigen Sturmes find die Fernsp röchlei- t u n gen von hier nach Schleswig-Holstein, Ost-, Mittel- und Süddeutschland sowie nach Danzig und Dänemark in größerem Umfango g e ft ö r t. Infolge des hejtigen Sturniwetters ereigneten sich, a n der holländischen Küste verschiedene Schiftsunfällc. Ein besonders schwerer Sturm herrschte an der Küste vor der Insel T e r s ch c Hin g. Hier ist heute morgen Der deutsch' Dampfer ,.M argaretha" auf Grund geraten. Die Wellen schlagen bereits über ärs nchisssdcck hinweg. Ein Motorrettungsboot ist zur Hilfeleistung ausgofahrcn. Die Besatzung wünscht jedoch das Schiff nicht zu verlassen. Bei Helder wurde das Leuchtschiff der Terschelling- bank von seinem Anter losgerissen. Ein Schleppdampfer ist dem Schiff zu Hilfe geeilt.
Schwerer Gewiltersturm in Thüringen.
Am Mittwoch brach um die Mittagsstunde über das kleine Thüringer Dors Eckstedt bei Weimar plötzlich ein Gewitter mit Hage l f ch l a g und woltenbrnchartigem Regen herein. Ein Blitzstrahl schlug in das Anwesen der Gutsmästerei und zerstörte den Iungviehstall vollständig. Holzbalken von mehreren Zentnern Gewicht wurden wie Papierfetzen über 100 Olletcr weit in das Dors hinein- geschleuder! Ei^e Windhose verursachte weiteren erheblichen Schaden. Etwa zehn Häuser wurden abgeDedt. In Den Häusern wurden d i e Wände eingedrückt, ganze Zimmer frei- gelegt und Möbel zerbrochen. Ein kleineres Gebäude wurde durch Den Sturm bis aus die Grundmauern zerstört. Das Unwetter dauerte nur kurze Zeit.
Tagung des Zentral-Bereius deutscher Staatsbürger jüdische» Glaubcus.
Dic Hauptversammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wurde mit einer großen Kundgebung im Reichswirtfchaftsrot eröffnet, die von Dem Leitgedanken „Wege zum inneren Frieden jm deutschen Vaterland" getragen war. Außer den Delegierten aus allen Tellen des Reiches sah man Vertreter der Reichs-, Staats- und KommunolbehörDen. Reichstagsabgeordneter Dr. Ludwig Haas führte aus, daß die deutschen Juden nur ein Volkstum haben, das ist das deutsche Vcllks- tum. Es wäre kein Beweis von deutscher 2(rt, seine jüdische Abstammung zu verheimlichen und sich als Jude zu verbergen. In der langen Kette der Ahnen ind wir als deutfchjprechende Juden durch Die Gc- chichte gegangen. Als Deutsche sind wir erfüllt mm fchwerer Sorge, wenn wir sehen, wie in dieser Zell Der wildeste politische Gegensatz lebt, während wir Einheit und Geschlossenheit brauen. Jeder Diene einer Ueberzeugung, aber vergesse nicht, daß auch andere Träger einer guten und schlichten Ueberzeugung find. Deutschland ist «roß, wenn die Deul- chen sich gegenseitig achten. Den wahren Weg der Rettung zeigen uns die Worte des Deutschenliedes: „Einigkeit und Recht und Freiheit". — Für die jüdische Jugend sprach Dr. ined. Friedrich Brod- n i ß. Er wies Darauf hin, wie schwer es gerade der jüdischen Jugend gemacht wird, ihre Kräfte für positive Arbeit frei zu machen. In Der Schule, auf den Universitäten, in Den Lehrstuben, überall findet der junge deutsche Jude eine Atmosphäre des Mißtrauens, Der Abneigung, oft genug des Haffes. Ganze Berufe find ihm verschlossen. Mit dem Pariagefühl des Menschen zweiter Klasse geht er unter seinen Altersgenossen umher. Nur zu verständlich märe es, wenn sich viele unter dieser jüdischen Jugend ihrer Pflichten am Vater lande entzögen. Die deutschjüdische Jugend steht in einer Reihe mit den Bewegungen der Jugend, hie, fernab von der politischen Verhetzung, alle wahrhaft deutsch empfindenden jungen Menschen zu gemeinsamer Kulturarbeit sammeln. Diese neue deutsche Jugend, die Die wertvollsten Kräfte her jungen Generation in sich vereinigt, will vor allem Dem Worte „national" zu neuer Ehre verhelfen. — Als letzter Redner führte Dr. Ludwig Hollander aus, daß Manner und Frauen jeder pvlitifchen Richtung, Die mit Dem steten W/'en nur nach Der Wahrheit zu streben begabt find. Die einzelnen Gebiete unseres öffentlichen Lebens unter, suchen, durchfprechen und Refultate feststellen müßen,
welche sic in bezug auf die großen Fragen Des Volkes gewonnen haben. Als aufrechte Juden werden mir jederzeit gern bereit fein, mit umringen Judengegnern zu sprechen, um mit ihnen einmal fest- zustellen, rnieoicl Schutt, rnieviel Unrnahrheit und wieviel Leidenschaft die Debatte bisher verdorben hat. Niemals merben mir uns mit ihnen in allen Punkten einigen, aber in einer großen Reihe von Gesichtspunkten läßt sich eine Entgiftung erreichen. Die Ideen müssen vermittelt merben, weil bie Einsicht ber andern erst nach vollbrachtem Werk kommt. „Durch die Dinge über die Dinge hinaus." Wir fordern unsere nichtjüdischen Mitbürger jeder politischen und religiösen Auffassung auf, eine solche Liga mitbegründen zu helfen, weil mir es eben am besten mitten, mie der innere Friede heute und auf lange Zeit in ganz anderem Maße, als es bisher per Fall mar, gemährt und gefördert merben muß.
Der Kundgebung folgte Sonntag und Montag die Hauptversammlung im Preußischen Herrenhaus, und als Abschluß sechs öffentliche Kundgebungen in allen Teilen Groß-Berlins.
Dreister 3uroelenraub.
Berlin, 10. März. (WTB.) Heute abend gegen 6.45 Uhr verursachten zmei Jumelendiebe in der Schönhauser Allee unter den Hochbcchnbögen zmei starke Detonationen, roodurch das um ij^fe Zeit besonders zahlreiche Publikum in größte Bestürzung versetzt mürbe. Zu gleicher Zeit zertrümmerten sie das -Lchaufenster eines in unmittelbarer Nähe gelegenen Jurneliergeschäftes und raub = ten bie ko ft bare Auslage in Höhe von über 50 000 Mt. Die sofort an gestellte Untersuchung ergab, daß zwei Kanonenjchläge, wie man sic für Feuer werk gebraucht, gelöst worden waren. Bei ber all- , gemeinen Verwirrung gelang es den Dieben zu entkommen.
Schwere Zuchthausstrafen für Wilderer.
Das Schwurgericht Bamberg verurteilte Die Brüder Harthcm wegen gewerbsmäßigen Wilderns und Totschlages zu je 15 Jahren Zuchthaus. Die Brüder Harthau Hatten am 29. Dezember vorigen Jahres den Förster Spielmann im Hambacher Forst, der sie beim Wildern überrascht hatte, e r - schossen.
Das große Glück.
Zwei Duisburger StraßenbahnangefteUtc, die Bruder Pfeiffer, erhielten gestern die Nachricht, daß ihnen die Erbschaft eines in Amerika verstorbenen Verwandten in Höhe von 1 3 M i l- Honen Mark zufällt.
Wettervoraussage.
MUder, auch nachts, bei wechselnder Bewölkung wieder Aiederfchlagsneigung. zeitweifr auffrischende südliche bis westliche Winde.
Gestrige Tagestemperaturen: Marimum: 4,4 Grad Celfius, Minimum: 0,3 Grad Celsius. Riederschläge: 4,4 Millimeter. Heutige Morgen- temperalur: 1,8 Grab Celsius.
Aus -er Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 11. März 1926.
Mord m Giehen.
Gestern wurde bie Ehefrau Margarete M e n g e s, Walltorftraße 2-5, nach vorangegangener gerichtlicher Sektion ihres zwei Wochen alten Kindes, eines Mädchens, unter dem Verdacht verhaftet, bas Kind durch Schlage auf den Kopf oder sonstige Einwirkung stumpfer Gewalt und nachheriger Erdrosseluna vorsätzlich und mit Ueberlegung ums Leben g e - bracht zu haben. Die zweifellosen Spuren ber Erbrosselung am Halse will bie Frau, die in gänzlich unglaubwürdiger Weise behauptet, bas Kind sei eines natürlichen Todes gestorben, auf Wanzen- siiche zurückzuführen. Hinsichllich der Täterschaft muß Die Voruntersuchung weitere Aufklärung schaffen.
Zur Hypothekenauswertung.
Eine für die RüawirLung der Aufwertung äußerst wichtige Reichsgerichts- Entscheidung scheiill bisher wenig bekannt und beachtet worden zu fein. Das oberste Gericht hat in einem hier nebensächlichen Falle am 25. Ropember 1925 unter V. 18/25 folgende prinzipielle Entscheidung gefällt:
„Eiirc vorbehaltliche Annahme der Leistung liegt nur dann vor. wenn das Verhalten des Gläubigers den Willen zum Ausdruck bringt, daß er die an ihm bewirkte Leistung als eine Erfüllung feiner Forderung an- irehme. Ist eine 2ürnahme in diesem Sinne nicht erfolgt, so bedarf es keines Vorbehaltes zur Erhaltung des Aufwertungs- rcchtes^ Das Verhalten des Gläubigers ist nach Treu und Glauben, sowie nach der Verkehrssitte und der Handelsgepflogenheit zu prüfen."
Danach besteht ein Vorbehalt auch bei jeder vor dem 15. Juni 1922 ungenommenen Leistung, wenn der Gläubiger nicht ausdrücklich Verzicht leistete, was tu den wenigsten Fälle» geschehen ist. Die Unterzeichnung dcr in üblichen Formen gehaltenen Löschungsbewilligung kann nicht als Verzicht anaesehen werden, denn sie ist als Qulltungsleistung allgemein gebräuchlich unb meist — ohne daß beim Gläubiger die Ueberzeugung der Befriedigung bestand — deswegen erteilt, weil derselbe sich im WeigerungsfÄle S ch adenanf Prüchen des Schuldners arcsgesetzi sehen mutzte. Das Urteil bildet eine logische Ergänzung der Reich^gerichtsentscheidung vom Oktober 1923, Die den Mark-gleich-Mark- Irrtum beseitigte. Eine Annahme der Leistung gilt nach Treu und Glauben somit als nicht erfolgt, wenn sie in fast völlig entwertetem Papiergelde geschah, falls Der Gläubiger nicht anders bestimmte. Das Urteil ist speziell für die Rückzahlungen ab 1920 bis 15. Juni 1922 von Bedeutung. Für die Anmeldung der Forderungen bei den Aufwertungsstellen wird wesentlich sein, daß sie vor dem demnächst Wichtigen Auswertungstermin, dem 31. März 1926 geschieht, unter Hinweis auf obige erst nach dem 31. Dezember 1925 bekannt gewordene Entscheidung. Von besonderer Wichtigkeit ist die Anmeldung für die Verwalter fremder Vermögen und für Vormünder, sowie für Hypothetenbanke«, Rentenbanken ufto, die eine Teilungsmasse zu bilden haben. Sie setzen söch Regreßaillprüchcn ihrer Vollnwchtgeber, Mündel, Obligationsgläv- biger aus, wenn sie die Anmeldung oder die gerichtliche Geltendmachung der auf diese Weise Heftchen gebliebenen Ansprüche nnterläffen.
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