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Nr. 55 Erster Blatt

l?6. Jahrgang

Donnerstag, Februar 1926

GießenerNMger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr H.THyriot: für den übrigen Teil Ernst Blnmschein: für den An« zeigenteil Hans Iüstel, sämtlich in Gieße».

Eine zweite Rede Mussolinis.

Rom, 10. Febr. tAgenzia Stesani.) Unter größter Aufmerksamkeit des Hauses hielt heute urt dichtbesehten Senat der italienische Minister­präsident Mussolini, von stürmischem Bei­fall bcgrüfjt, folgende Rede: Die lange Rede des deutschen Außenministers Dr. S t r e s e - m a n n macht eine sofortige Antwort iwtwendig. die klar und genau sein wird, wie die Rede, die ich am vergangenen Samstag in der Kummer gehalten habe. Diese Rede war nicht inrprovi-- iiert, sondern während zweier Monate einer er­bärmlichen antiitalienischen Hetze mit Geduld, ich wiederhole mit Geduld, überlegt. Die Tatsache, baß Reichsminister Dr. Stresemann meine Rede anders aus legen konnte, beweist wie­der einmal, daß Stresemann und viele andere Deutschen mit ihm ganz und gar nicht von den tiefgehenden geistigen Umwälzungen wissen, die sich in dem zeitgenössischen Bewußtsein- voll­zogen haben. Aber das sind nur Einzelheiten der Debatte. Wenige Reden haben in der italienischen Seele und in der öffentlichen Mei­nung Europas so rasche urrd so starke Rückwir- hingen gehabt, wie meine Rede. Das beweist, daß sie zur Klärung der Lage not­wendig war, die sich immer mehr trübte und die zu Ereignissen von außerordentlicher Schwere hätte führen können. Diese Klärung ist einge treten.

Der Gegensatz ist geschichtlich klar. ES han­delt sich um den Gegensatz zwischen bollem italienischen Recht und dem unsinnigen deut" scheu Anspruch. Ich brauche kaum zu er- Hären, daß ich dem Geiste und dem Buch­staben nach meine letzte Rede bestätige, ein­schließlich der Anspielung am Ende auf die Trikolore am Brenner, welche Anspielung Stresemann nach seinem Belieben auslegen kann, die aber die Italiener in dem Sinne auslegen, daß Italien niemals die Verletzung der Friedensverträge dulden wird, die seine um blutigen und sehr harten Preis eroberten

Grenzen garantieren.

Stresemann fal übrigens mit seiner Rede nichts anderes, als alle wesentlichen Punkte meiner Rede zu betätigen. Hat er etwa meine Angabe dementiert, daß Italien in der Nach­kriegszeit gegenüber Deutschland eine gemäßigte Politik verfolgte? Rein, denn er konnte daS nicht! Hat er die Kampagne der deutschen Presse dementiert, die während mehrerer Monate die Grenzen des elementarsten Anstandes überschritt, indem sie antiitalienische Lügen verbreitete und Einrichtungen und Gefühle verletzte, die den Italienern die teuersten sind? Rein, denn diese Pressekampagne war organisiert und wurde selbst in Regierungsblättern ausgenommen und sogar in derTäglichen Rundschau", die mit Recht als das offiziöse Organ des deutschen Außenministers betrachtet wird! Hat Stresemann die Kampagne dementiert, die darauf gerichtet ist, den Boykott der italienischen Waren und des Reiseverkehrs in Italien herbeizuführen? Rein, denn diese Kampagne ist unternommen worden! Sie dauert an und wird schärfer, wie aus den Rachrichten hervorgeht, die ich gerade heute vormittag erhalten habe. Stresemann wollte die Bedeutung dieser Kampagne herabmindern, indem er sie als das Werk kleiner Gruppen von unverantwortlichen Leuten erscheinen ließ. Weih denn Stresemann nicht, daß diese Propa- gairda für einen Boykott gegen Italien i n Bayern in den Universitäten, in den Post­ämtern, auf den öffentlichen Märtten und auf den Eisenbahn betrieben wurde.

Weiß denn Stresemann nicht, daß zu dem Ueberwachungsausschuß für die Durchsicht rung dieses antiitalienischen Treibens ein liberaler Abgeordneter, ein Schulinspektor, zwei Anidersitätsprofessoren und ein ehe­maliger Iststizmlnister gehören?

Weih er denn nicht, daß am 29. Januar einige Abgeordnete der Deutschen Dolköpartei im Preußischen Landtag den Antrag einbrachten, die privaten italienischen Schulen in Preußen zu schließen? Dr. Stresemann ging mit feinem Wort auf jeden Teil meiner Rede ein, in dem ich auf die unsinnigen Pläne hinwies, mit denen die Führer des Pangermanismus im Juni 1918 liebäugelten, als sie sich in einer falschen Sie» gesgewihheit in Vipiteno im oberen Etschtal versammelten uni> als deutsche Grenze nicht etwa das Gebiet von Salum forderten, sondern die sieben Gemeinden, Desenzano, Peschiera und die Berone^r Klause in der Absicht verlangten, dieses Gebiet zu entnationalisieren. In genauer Kenntnis d^r Tatsachen behaupte ich, daß man m toeitcn Schichten der deutschen Bevölkerung nicht endgültig auf diese verrückten Träume verzichtete, selbst wenn die deutsche Regie» rung sich beute auf einfache Forderungen kultureller Art beschränkt, die übrigens mH,, der vollen Ausübung der c t a l i e n t s ch e n Souveränität unver- traglich sind. Auch sagt Stresemann kein einziges Wort auf meine Feststellung, daß, während Millionen Deutscher von anderen Staaten annektiert worden sind, einzig und allein für das obere Etschtal künstlich eine Agitation betrieben wird, die auf notorischen Lügen aufgebaut ist. Stimmte die Verordnung derPragerRegierung nicht aus den aller­letzten Tagen, durch die den Staatsangehörigen der tschechoslowakischen Republik einschließlich der 3,5 Millionen Deutscher der obligatorische

Gebrauch der tschechischen Sprache in allen staatlichen Verwaltungszweiaen auferlegt wird?

Die geschichtlichen Vorgänge, z. B. die Bot­schaft des Generals Glraldi und die Kron- rede werden zu einer Stühe der italienischen These, in dem Sinne, daß in Wirklichkeit sich die absolute und bollkommene Anwirk­samkeit einer Politik übermäßiger Langmut gezeigt hat, die die Deutschen immer dazu verleitete, sie als ein Zeichen der Schwäche auszulegen. Selbst die faszistische Regierung hat in den ersten drei Jahren ungefähr die gleiche duldsame politische Haltung einge­nommen. Sie war aber zu einer kräftigen Aenderung dieser Haltung bereit, als es gegen Frühjahr 1925 die gewaltigen Ge­fahren sah, in die daS italienische Dolk in mehr oder weniger naher Zukunft geraten könnte.

Es folgt sodann eine Behauptung der Rede Stresernanns, die i$ in der formellsten Weise dementieren muß, nämlich die Behauptung, wo­nach die italienische Regierung in irgendeiner Weise und zu irgendwelcher Zeit einen Ergän­zung s p a k t für d i e Sicherheit der Brennergrenze angestrebt hätte. Ich be­haupte dagegen, daß die italienische Regierung jede positive Anregung in dieser Angelegenheit vor und wahrend der Konferenz von Locarno nicht nur nicht hervorrief, sondern sorgsam ablehnte, da sie der Lieberzeugung war, daß unter den ge­genwärtigen .Umständen die moralische und ma­terielle Kraft der Verträge des italienischen Volkes die stärkste Garantie für die Drenner- grenze darstellt.

Der deutsche Außenminister hot sich darüber be­klagt, daß ich dem Botschafter von Neurath gegenüber erklärt hätte, die italienische Negierung würde auf einen Boykott durch einen Gegen- boykoit geantwortet haben. Was will man denn? Will man, daß Italien den Boykott seiner Waren duldet und die deutschen Waren frei ein­führen läfeP Dr. Stresemann erhob Einspruch gegen das, was ich bezüglich der deutschen Touristen gesagt habe. Ich bestätige erneut, daß wir ein gastfreundlick-es Volk sind und bleiben werden, aber

wir dulden nicht, daß die Gäste überheblich herrische Mienen zur Schau tragen und uns ihr Geld ins Gesicht werfen, als ob Italien keine andere Lrwerbsmöglichkeit besähe. Zahl­reiche Deutsche kennen vielleicht nicht das Ita­lien der Aecker, der Werkstätten und der Werf­ten, das Italien, das sehr gut leben könnte, selbst wenn künftig kein einziger Deutscher mehr über die Alpen kommen würde.

Ich habe das Denkmal und die Erinnerung an Walther von der Vogelweide respektiert, aber ich habe es als grotesk empfunden, daß man ihm Dante gegenüberstellen will. Ich verleugne nicht, was ich 1920 über die Möglichkeiten Deutschlands geschrieben habe, aber das Italien, das ich in einem Regime vertrete, welches nicht eine Epi­sode, sondern eine Epoche darstellt, scheut sich nicht vor der Vormundschaft ober An­maßung, von wem es auch sei, und kennt keine Freundschaften, die nicht auf vollkommener poli­tischer und moralischer Gleichberechtigung beruhen.

Ich habe kaum nötig, zu wiederholen, daß unsere Politik im oberen Etschtal, eine Politik, die ich als Politik derrömischen Gerechtigkeit" bezeichnet habe, in diesen Gebieten fortgesetzt werden wird, die man mit viel Keckheit in die Kreise deutscher Kulturgemein­schaft einbeziehen will, während für uns das obere Etschtal in die politische, geschichtliche, geo­graphische, wirtschaftliche, moralische und italie­nische K u l t u r g e m e i n s ch a f t gehört. Stresemann hat versprosten, daß

Deutschland seine Haltung gegenüber den fremden Minderheiten innerhalb der Re^chs- grenzen ändern

wird. Ich nehme davon für die Zukunft Kennt­nis. Aber für die Gegenwart ist es Wahrheit, daß die Deutschen keine Schulen mit polnischer Sprache in den Gebieten dulden, wo polnische Minderheiten leben und ebensowenig in Gebietern wo dänische Minderheiten vor­handen sind. Es ist eine Rachricht aus der aller­jüngsten Zeit, wonach verschiedene dänische Ver­bände in Schleswig an den preußischen Minister­präsidenten eine Denkschrift gerichtet haben sollen, mit der sie aufforbem, in Betracht zu ziehen, daß die dänische Bevölkerung in Schleswig seit sechs Jahren darauf wartet, daß man ihnen kulturelle Freiheit gewährt, die, soweit es die Schulfragen betrifft, mit der verglichen werden kann, die die deutschen Minderheiten in Dänemark genießen.

Herr Reichsminister Dr. Stresemann! Reh­men Sie den Balken aus dem deutschen Auge, bevor Sie den kleinen Splitter in dem italienischen Auge suchen. Mit diesem Fall ist bewiesen, daß, wenn die Deutschen und Oester- reicher gesiegt hätten, so wäre alles, was italie­nisch ist, vom Brenner bis zum Garda brüt al vernichtet worden.

Die kurze Debatte der letzten Tage hat nicht zwei Minister gegenübergestellt, sondern zwei Auffassungen über eine verwickelte und heikle Lage. Dccher rührt das in der ganzen Welt wachgerufene Interesse und die Erregung. Jetzt, wo die Schleier gefallen sind, erscheint die Lage außerordentlich klar. Deutschland beabsichtigt also, innerhalb und außerhalb des Völkerbundes die

Führung aller in der Welt lebenden Deutschen zu übernehmen, sogar der wenig zahlreichen Deutschen im oberen Etschgebiet, die vor dem Kriege nicht Staatsangehörige des Deut­schen Reiches waren. Das muß man sich merken und aufmerksam darüber nachdeliken.

Ich erkläre aber nicht weniger bestimmt:

1. Die fremdstämmische Bevölkerung im oberen Etschgebiet gehört nicht im geringsten zu jenen Minderheiten, die Gegenstand be­sonderer Abkommen in den Friedensverträgen waren.

2. Italien wird sich in keine Debatte über diesen Gegenstand einlassen, in keiner Bersamm- lung und in keinem Rate. Daher ist die Ent­schließung des Tiroler Landtages vollkommen hinfällig.

3. Die faszistische Regierung wird sich mit der größten Energie jedem derartigen Plan widersehen, denn sie würde sich eines wahr­haften Verbrechens am Vaterlande schuldig halten, wenn wegen hunderttausend Deutschen, die auf italienischen Boden hinabstiegen, irgendwie Sicherheit und Friede von 42 Mil­lionen Italienern in Frage gestellt werden sollte, die sicherlich den geschlossensten und homogensten nationalen Block bilden, den es in Europa gibt.

Das sind feine Drohungen, für die zwei­deutige Zweifel gelten könnten, das sind Aeußerungen der Würde und Kraft, die durch die Wirklichkeit niemals dementiert werden können, wie sie auch dem neuen Italien eigen sind, demgegenüber allzuviele Deutsche, die bei der alten Geschichtsschreibung hängen geblieben sind, den schweren Fehler haben, es noch nicht zu kennen. Grundlegend und lebens­wichtig ist nicht nur die Frage der Hiwerlet)- lichkeit der Drennergrenze, die Stresemann und ich sage ihm großen Dank dafür - uns rechtlich auf Grund der Friedensverträge zu­erkennt. sondern auch alles, was von dieser älnverlehlichkeit herrührt. Der Senat erinnert s'ch daran daß von 1866 bis 1915 die italienische Ration unter der alten unsinnigen Grenze des Trentin gelitten hat, wie unter einem Messer, das der Feind mit der Schneide von den Alpen bis zu den Ufern des Po vorstieß. Diese Grenze bildete einen der beängstigten Aspekte unseres nationalen Dramas des 1366 unterbrochen wurde, aber 1918 mit dem Siege unserer Waffen glücklich abgeschlossen wurde. Dieses Wort ist endgül­tig und unverletzlich. Wenn ich so spreche, so glaube ich, der tatsächliche Dolmetsch des gan­zen italienischen Volles zu fein!

Die Rede des italienischen Ministerpräsiden­ten wurde oft von sehr lebhaften Zustimmungs­kundgebungen unterbrochen. Die markantesten Stellen wurden von ungeheurem Bei­fall begleitet. Dreimal erhoben sich die Senatoren von ihren Sitzen, um Mussolini zu huldigen.

Nitti zum deutsch-italienischen Nonsiikt.

Berlin, 11. Febr. (Wolff.) Der Vor­wärts veröffentlicht eine Unterredung mit dem sich in Paris aufhaltenden früheren italienischen Ministerpräsidenten Ritti, in deren Verlauf dieser u. a. sagte: Ich bin betrübt, fest­zustellen, daß zwei Signatarmächte von Locarno. Italien und Deutschland, gegenwärtig Mihhellig- feiten auszutragen haben. Italien hat keiner­lei nationale oder wirtschaftliche Interessen, die im Widerspruch zu denen Deutschlands stehen. Sogar die Südtiroler Frage ist weniger ernst, als behauptet wird. Als ich am Ruder war. gab ich dem Gouverneur der neu erworbenen Ge­biete sehr einfache Weisungen: Ich sagte thm: Wenden Sie die italtenische Gesetze an, aber tun Sie sogleich Ihr Möglichstes, um nicht das Gefühl der neu gewonnenen Be­völkerung zu verletzen. Und ich habe niemals Zwischenfälle oder Rachteile bedauern müssen. Jin Gegenteil, ich entsinne mich der Zeit, da ich als Ministerpräsident von den be­rufenen Vertretern der deutschen Minderheit Versicherungen Don Dankbarkeit mir ge­genüber und von Loyalität dem italienischen Staate gegenüber erhielt. Ich bin infolgedessen fest davon überzeugt, daß die Einwohner Süd­tirols niemals etwas gegen Italien unternehmen werden, wenn man ihnen nur Gerechtigkeit widerfahren läßt.

Jtalen ist eines der Länder Europas, deren nationale Bevölkerung am homogensten ist. Daher können so kleine slawische oder deutsche Minderheiten durchaus mit Wohlwollen behan­delt werden, ohne daß dem Rationalgefühl Italiens dadurch im geringsten Abbruch getan würde. Ls gibt nichts Dümmeres auf der Welt, als die deutsche Kultur zu verhöhnen. Die intellektuellen Leistungen des Deutschtums stehen in der Geschichte der Zivilisation so hoch da, daß nur Ignoranten sich unterstehen kön­nen, eine der großartigsten Erscheinungen des menschlichen Geistes ins Lächerliche zu ziehen.

Ich dürfte kaum im Verdacht stehen, ein Freund des Faszismus zu fein, aber gerade deshalb glaube ich betonen zu können, daß ich bezweifeln muß, daß der Faszismus gegenüber der Bevölkerung Süd­tirols mehr Gewalt anroenM, als ropen - Widersacher von brr italienischen Opposition. Ich

hoffe daher, daß man in Deutjchland die Bedeu­tung gewisser Kundgebungen nicht überschät­zen wird, denn vor allem gilt es, gute Beziehun­gen zwischen Deutschland und Italien berzustellen. Der Völkerbund wird am allerbesten dazu be­rufen sein, eine Annäherung zwischen den Ra­tionen und an der Beilegung derjenigen Streitig­keiten mitzumirken, die gegenwärtig am gefährlich steil für den wirklichen Frieden sind. Arbeiten wir für den Frieden. Schüren wir nicht unnö­tigerweise, sei es in der Presse, sei es im Parlament, d i e bösen Leidenschaften, die aus der Kriegszeit stammen. Die Zukunft des Friedens liegt in der internationalen Demokratie, und diese wird siegen, allen vorübergehenden und örtlichen Rückschlägen zum Trotz.

Die Berliner Presse zurzweitenMussolinirede

Zu der zweiten Rede Mussolinis nimmt vor­läufig nur ein Teil der Berliner Blätter Stel­lung. Der Lokalanzeiger erllärt: ES ist zunächst hervorzuheben, daß sich diese neue Rede Mussolinis wenigstens einigermaßen be­fleißigt, Entgleisungen des Tones zu vermeiden. In der Sache jedoch ist Mussolini auch nicht um Haaresbreite von seinem bis­herigen Standpunkt zurückgewichen. Fest steht, daß Mussolini seine Vergewaltig ungs- absichten gegenüber den deutschen Südtiroler m i t aller Zähigkeit weiter betreiben will, und daß er sich von vornherein jede Be­fassung des Völkerbundes mit dieser Frage verbittet. Tlnseren deutschen Brüdern in Südtirol geloben wir aber erneut die Treue, die uns ein selbstverständliches Gebot unserer nationalen Pflicht ist.

Die Tägl. Rundschau weirdet sich gegen die Behauptung Mussolinis, daß sieoffizielles Organ deS Reichsaußenministers" sei. Die ein­zige Einflußnahme des Reichsauhenministers sei ein an alle Blätter gerichtetes Ersuchen Dr. Stresernanns gewesen, in der italienischer Angelegenheit doch größte Vorsicht und Zurückhaltung zu beachten.

ImDerk. Tageblatt" heißt cs: Die unsinnigen Ansprüche", die Deutschland stellt, bestehen in dem Wunsch, daß auch dem deutschen Südtiroler jene feierlich verbrieften Rechte der Minderheiten zuteil werden, die wir selbst ganz im Gegensatz zu der Behauptung des schlecht unterrichteten Musso­lini unseren polnischen und dänischen Minder Herten einräumen. Bon diesem Verlangen wird sich das deutsche Dolk auch durch keine Drohrcde Mussolinis abbringen lassen. DerVorwärts" sagt, daß es jetzt nach Ab­schluß dieser klärenden Auseinaildersetzung an der Zeit sein dürfte, zur Korrektheit der offiziellen deutsch-italienischen Beziehungen zurück­zukehren.

Die österreichische Presse bezeichnet die zweite Mussolini-Rede gegenüber der klaren und würdigen Haltung SttesemannS als unklar und schwächlich. Sie sei ein Beweis einer sich steigernden Rervosität in Rom, die geeignet sei, weitere ernstliche Befürch­tungen zu rechtfertigen. Allerdings habe Musso­lini das Schlimmste aus seinen Erklärungen vom Samstag, die Kriegsdrohung gegen Oesterreich, weginterpretiert, indem er die Redewendung von der Trikolore am Brenner nur als defensiv verstanden wissen will.

Chamberlain über die Herab­setzung der Besatzungtruppen.

London, 10. Febr. (WB.) Im Unterhaus richtete Kenworthy an den Staatssekretär des Aeußern die Frage, ob über die Herabsetzung der noch in Deutschland befindlichen alliierten Be­satzungstruppen ein Übereinkommen zustande ge­kommen sei, und ob solche Herabsetzungen zu erwarten seien. Ehamberlain antwor­tete: Die Stärke der Besatzungstruppen beläuft sich auf 74 500 Mann oder annähernd auf diese Zahl. Die Politik der Besatzungsmächte geht dahin, daß eine nennenswerte Herabsetzung der jetzigen Besatzungsstärke durchgeführt werden soll, sobald die Verträge von Locarno ratifiziert und Verbesserungsmaßnahmen, die bereits in dem Besatzungsregime eingeführt worden sind, im besetzten Gebiet ihre natürlichen befriedigenden Wirkungen erzielt haben.

CrwerbsLosenunruhen in Polen.

Warschau, 10. Febr. «Wolff.) In Ka­li s ch rotteten sich gestern einige hundert Er­werbslose vor dem Rathaus zusammen und verlangten die Verdoppelung der Arbeitslosen­zulage. Als der Bürgermeister diese Forderung; ablehnte, drangen die Erwerbslosen in das Rat­haus ein, und zerstörten alles, was zu zerstören tixir und verprügelten den Bürger­meister Polizei verdrängte die Menge aus dem Gebäude. Auf der Straße kam es zu einer regelrechten Schlacht. Die Polizciabteilung gab eine Salve in die Lust und eine zweite auf die Menge ab. Darauf überrannten die Demonstran­ten Die Polizei und drangen abermals in das Rathaus ein. Zwei Bataillone Infan­terie stellten schließlich die Ruhe wieder her. Außer dem Bürgermeister wurden neun Arbeiter, ?-<: Twliristen und drei Soldaten verletzt. In bet | Stadt herrscht große Erregung.