Einzelbild herunterladen

Nr. 185 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Dienstag, 10. August 1926

Turnen, Sport und Spiel.

Turnen.

Drittes Jugendtreffen der D. T.

- Das dritte Iugendtreffen der Deutschen Turnerjugend in Hir sch berg, worüber wir schon kur- berichtet haben, war gegenüber den beiden ersten derartigen Veranstaltungen ein wei­terer Fortschritt m der noch neuen Turner- Jugendbewegung. Obwohl das Treffen in der schlesischen Grenzmark stattfand, waren über 10000 Jugendliche aus allen Teilen Deutschlands herbeigeeilt. Den Auftakt bildeten Wettspiele und Stasielläufe, wobei gute Leistungen gezeigt wurden, namentlich im Schlagball der Iugend- lichen und Faustball der Mädchen. Den Staffel­lauf gewann der Turnkreis Thüringen. Der Festsonntag brachte eine erhebende Morgenfeier in der Gnadenkirche. Einen farbenprächtigen Fest- zug her Zehntausend und als feierlichen Abschluß des Treffens eine Abendfeier, die besonders dem deutschen Volkstum in den besetzten und ab- getrennlen Gebieten gewidmet war. Turnfahrten in dos Riesengebirge gaben dann noch Gelegenheit, die landschaftlichen Schönheiten des Schlesier­landes kennen zu lernen.

Auch die Turnerjugend unseres Mittel­rheinkreises beteiligte sich zahlreich an dem Treffen, besonders Frankfurt, Mainz, Darmstadt waren gut vertreten. Aber auch unser Hessen- gau fehlte nicht Tv. 1846 Gießen. Tgm. Friedberg, Tv. Gladenbach und Akad. Tv. Mar­burg stellten etwa 30 Jugendliche, die auf län­gerer Turnsahrt ein schönes Stück unseres Dater- landes kennen gelernt haben.

Das Rhönturnfest.

Das 20. Rhönturnfest auf der Wasferkuppe wurde, wie so oft in den Vorjahren, wieder ver­regnet. 3n den Vormittagsstunden herrschte un­durchdringlicher Rebel, der mittags in dichten Regen überging, so daß nicht alle Konkurrenzen ausgetragen werden konnten. Es ist den unent­wegten Turnern hoch anzurechnen, daß sie sich durch hie ungünstige Witterung nicht von der Abhaltung ihres Festes abbringen liehen. Sie hatten bei dem durchweichten Doden keine leichte Arbeit. Wir geben im Folgenden die ersten Sieger der Abteilungen.

1. Oberstufe (für Turner über 18 3ahre). Dierkampf, Teilnehmerzahl 90. 1. Heil. Het­tenhausen) 75 P.; 2. Engel, Hausen, 73 P.; 3. Braun, Homburg v. d. H., 71 P.

2. Unterstufe (für Turner von 1418 3.), Dreikampf, Teilnehmerzahl 120. - 1. Völker, Wernshausen, 80 P.; 2. Roth, Hersfeld, 72 P.; 3. Schipper, Schmalnau, 69 P.

3. Damenturnen, Dreikampf, Teilneh­merzahl 30. 1. Bichelhaupt, Gießen, 54 P.; 2. Espach, Gießen, 50 P. und Kreß, Fulda: 3. Fuhrmann. Fulda. 48 P. R ö h m i g, Gießen, konnte außerdem in dieser Konkurrenz den 9. Platz belegen.

4. Knabenturnen, Dreikampf, Teil­nehmerzahl 80. 1. Storch, Fglba, 63 P.; 2. Hofmann, Gersfeld: 3. Helfrich, Gers- feld.

Das Bergturnsest und Schülerwetturnen des Lahn-

Dünsberg-Gaues.

: Kesselbach, 8. Aug. Von herrlichem Wetter begünstigt wurden heute in unserem Dorfe die Wettkämpfe des Lahn-Dünsberg-Gaues aus­getragen. Sie bestanden für Turner und Turne­rinnen in einem Dierkampf, nämlich Stab- hoch-, Weitsprung, Speerwurf und Kugelstoßen. Die Schüler maßen sich in einem Sechskampf, bestehend in einer Barren-, Reck- und Pferd­übung, Hochsprung 0,75 bis 1,20 Meter, Weit­sprung 2 bis 4 Meter und einer Freiübung. Ueberpunlle wurden nur für Turner gewährt, nicht für Schüler. Anschließend folgen die Ramen der ersten Sieger in jeder Klasse.

Oberstufe (48 Sieger bei 76 Bewerbern): Ehrenpreis: Wilh. Hofmann, Alten-Duseck,

83 P.: l.Pr. Wilh. B e p l e r - Kinzenbach 81 P; 2. Karl Agel - Lollar und Reinhard Schiefer-

' stein- Launsbach je 80 P.; 3. Ludw. Depler- Kinzenbach 77 P.

Alters st use unter 40 3ähren: 1. Preis Ludw. Hasselbach- Rodheim a. d. D. 82 P.; 2. Wilh. Schienbein - Hausen 80 P . 3. Heinr. R o h r b ach- Lollar 74 P.

Alters st ufe über 40 3ahre: 1. Preis Heinr. Amend - Garbenteich 57 P

Mittel st ufe (24 Sieger bei 43 Bewer­bern): 1. Pr. Rudolf Buß- Großen-Duseck 92 P.; 2. Horst Adler- Großen-Duseck 91 P: 3. Karl Dort- Großen-Duseck 87 P.

Unter (tute (42 Sieger bei 72 Bewerbern): 1. Pr Otto Wolf- Lollar 102 P. : 2. Richard Depl er - Kinzenbach 88 P.: 3. Otto Feiling» Atzbach 86 P.

Turnerinnen (Oberstufe): 1. Pr Anna Pfeiffer- Launsbach 37 Punkte: 2. Elisabeth Keller-Wieseck 57 P.: 3. Lina Döcher- Wieseck 54 P.

Turnerinnen (Unterstufe): 1. Pr. Lina Haas- Steinbach 74 P.; 2. Sophie Haas- Steinbach und Wilhelmine Hasselbach- Lon­dorf je 60 P.: 3. Gertrud Müller- Launsbach 52 Punkte.

Schüler (198 ^Bewerber): 1. Pr. Karl

Hahn- Großen-Duseck 112 P.: 2. Ludwig Ger­hardt-Steinbach 110 P.; 3. Heinrich Rüh l- Deuern, Karl Klein- Lollar und Osk. Baude- Allendorf a. d. Lda. je 109 P.

4X1 00-Meter-Staffel. Sieger des Wairderpreises: Schüler von Großen-Duseck in 58,6 Sekunden.

Das Schülerwetturnen in Heuchelheim.

£ Am Sonntag versammelten die Arbeiter­sportler in Heuchelheim ihre Schüler und Schü­lerinnen zu einem volkstümlichen Wetturnen, das in allen Teilen als wohlgelungen zu bezeichnen ist. Rund 300 Kinder traten am Vormittag an. Vorgeschrieben war bei den Schülerinnen ein Fünfkampf (Hochsprung, Weitsprung, Dallweit- werfen. 50-Meter-Lauf, Freiübung), bei den Schülern ein Sechskampf (Weitsprung, Weithoch­sprung. Kugelstoßen, 50°, bzw. 75-Meter-Lauf, Ballwcitwerfen. Freiübung). Schnell belebten die 20 Riegen den schön angelegten Heuchelheimer Sportplatz, wozu das sich immer mehr aufhellende Wetter wesentlich beitrug. Für die zahlreichen Zuschauer waren ganz vorzügliche Einzelleistungen zu beachten, und zwar in Dezug auf die erzielte Höhe des Resultats, und die dabei gezeigte Tech­nik. Weitsprünge von 4 Meter und Hochsprünge von 1,15 Meter (Latte, ohne Brett) sind sehr anerkennenswerte Leistungen von 12jährigen Schülerinnen: bei dem 50-Meter-Lauf war die beste Zeit 7,2 Sekunden. Der Rachmittag wurde eingeleitet durch den Festzug der Kinder. Auf dem Sportplatz zeigten sich die Kleinen nochmals so recht in ihrem Element, es folgte der Teil, der beim 3ugendturnen die meiste Beachtung und Pflege finden muß: Spiele. Wer das sorg­lose Lachen und Lärmen dabei hört, und die Ungebundenheit des frohen Getriebes beobachtet, erkennt ohne weiteres den Wert dieses Uebungs- teiles für den kindlichen Charakter. Vorher trat aber erst noch einmal her Ernst in seine Rechte, als es galt, die gemeinsamen Freiübungen zu zeigen. Schüler und Schülerinnen entledigten sich dieser Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit, wobei für die Schülerinnen ein kleines Plus festzu­stellen war, das in den anmutigen Uebungs- sormen begründet lag. Den Höhepunkt der Ver­anstaltung bildete die gegen Abend vorgenommene Siegerverkündigung, wobei es stolz strahlende, aber auch recht tränenreiche Gesichter gab, wenn die Erwartungen nicht ganz erfüllt waren. Wir geben im nachstehenden die 10 ersten Preis­träger jeder Stufe wieder:

Schülerinnen (O b e r st u f e, 20 Teil­nehmer): 1. Frieda 3 un g. Krofdorf, 446 P.: 2. Hilde Bremer, Wieseck, 430 P.. 3. Klara Amend, Krofdorf, 398 P., 4. Anna Sack, Heu­

chelheim, 393 P.. 5. Else Schwalb. Heuchelheim, 390 P.. 6. Marie Kreiling, Heuchelheim. 356 P.. 7. Gertrud Gombert. Krofdorf. 354 P.. 8. 3ha Schmiht, Krofdorf. 338 P.. 9. Gretel Spieß. Gießen, 336 P.. 10. Dina Hinterlang. Gießen, 334 P.

Schülerinnen (Unterstufe, 45 Teil­nehmer): 1. Marie Hahn, Gießen. 392 P., 2. Lina Lückel, Heuchelheim. 351 P. 3. Lina Schöff- mann, Wieseck. 347 P.. 4. Ottilie Raumann, Lollar, 337 P., 5. Minna Klug, Wieseck, 330 P., 6. Helene Sie rau. Lollar. 327 P.. 7. AnnaSchmidt, Steinbach, 312 P.. 8. Erna Seibert. Wieseck. 294 P.. 9. Emmy Hoffmann. Heuchelheim. 293 P., 20. Milli Vollmann. Krofdorf. 280 P.

Schüler (Oberstufe, 100 Teilnehmer): 1. Willi Munzert. Lollar. 518 P.. 2. Wilhelm Faber. Grohen-Linden. 495 P. 3. Ernst Schöff mann, Wieseck. 493 P.. 4. Karl Wag­ner. Launsbach. 498 P., und Otto Weller I., Wieseck, 489 P.. 5. Eugen Schwalb, Gleiberg. 484 P.. 6. Karl Decker, Lollar und Kurt Umbach. Wieseck, 476 P.. 7. Otto Wagner, Odenhausen, 451 P.. 8. Willi Synowski. Wieseck, 449 P.. 9. Adolf Schmidt, Fellingshausen, 444 P., 10.Ernst Dellof, Wieseck, 441 P.

Schüler (Unterstufe. 120 Teilnehmer): 1. Otto Deibel. Wieseck, 512 P., 2. Otto Va­lentin. Krofdorf. 511 P.. 3. Karl Leib. Krof­dorf. 510 P.. 4. Otto Rudolf. Lollar. 503 P 5. Otto Exner. Krofdorf. 494 P.. 6. Erwin Pfaff. Steinberg. 490 P.. 7. Ernst Seel. Gleiberg. 485 P.. 8. Karl Dechtold. Krofdorf. 477 P.. 9. Willi Möckel, Watzenborn, 475 P.. 10. Konrad Will, Fron Hausen, 467 P.

Schwimmen.

Pascoe gewinnt das Ausschei­dungsrennen für die Europa­meisterschaften.

Anschließend an die Deutschen Schwimm- Meisterschaften in Düsseldorf fand in dem dorti­gen Stadion ein weiterer Vorbereitungskursus für die Olympia-Kandidaten Des Deutschen Schwimmverbandes statt, an dem auch Fritz Pascoe vom Gießener Schwimm- v er ein auf Anordnung des Verbandsschwimm- warts de- D. S. V., Studienrat Dinner- Dreslau, teilnahm. Am letzten Tage des Kurses wurde im 200-Meter-Drustschwimmen ein Aus­scheidungsrennen für die Ende August in Buda­pest stattfindenden Europa-Meisterschaften zwi­schen den besten Brustschwimmern Deutschlands ausgetragen abgesehen von Rademacher, dessen Meldung von vornherein feststand. Selten wurde ein Rennen mit soviel Rervosität sämt­licher Teilnehmer ausgetragen wie dieses, was sich auch in den erzielten Zeiten auswirkte: galt es doch, den zweiten Vertreter der deutschen Farben im Brustschwimmen neben Rademacher zu bestir.rmen. Pascoe gelang es, das Rennen für sich zu entscheiden und feine auf den deutschen Kampfspielen erzielte Zeit von 3 Min. 6 Sek. auf 3 Mün» 5 Sek. zu verbessern. Zweiter wurde Kümmert, Hellas Magdeburg, in 3:5,5 Min.. Dritter Zientz, Dortmund in 3.6 Min., her auf den Kampfspielen vor Pascoe hen zweiten Platz belegt batte. Die Entscheidung herüber, ob nun tatsächlich neben Rademacher ein zweiter Ver­treter im Brustschwimmen vom Deutschen Schwimmverbanh nach Budapest entsandt wird, steht noch aus.

Wasserball-Meisterschafts - Vorrundenspiel im Frankfurter Stadion.

Am Sonntag kam im Frankfurter Stadion das Vorrundenspiel um die deutsche Wasser- ballm eist er schäft zwischen 3ungdeutschland Darmstadt und Schwimmiportverein Erfurt 1905 zum Austrag. 3ungdeutschland Darmstadt konnte sich wahrend des Spieles nicht recht zu- sammenfinden, während die Erfurter nach der

angenehmen Seite auffielen. Rach einem ziemlich harten Kamps blieb der süddeutsche Meister. Zungdeulschlanh Darmstadt mit 5.4 (Halbzeit 32) knapper Sieger.

Fußball.

Freie Turnerschaft Gießen.

£ Arn Sonntag Ijjtte die Freie Turnerschaft Gießen vier Mannschasten in». gestellt, von denen drei siegreich heimkehren konnten. Die erste Mannschaft bildet mit Wetzlar die Spitzen­gruppe, so daß diesem Spiel einige Bedeutung zu- kam. Auf der unrühmlichst bekannten Ochsenwiese in Wetzlar standen sich beide Rivalen gegenüber, auf beiden Seiten war der stärkste Sicaeswillc un­verkennbar, denn vom Ausgang dieses Spieles hing viel ob. Gießen war zuerst erfolgreich, es konnte durch seinen Mittelstürmer in Führung gehen. Wetz­lar kam das Glück zu Hilf«: ein Handelfmetcr konnte verwandelt werden. Bei äußerst flottem, ober auch scharfem Spiel wogt das Spiel längere Zeit auf und ab, ohne daß auf einer Seite Erfolge er­zielt werden können. Schließlich erhält Gießen einen Elfmeter wegen unfairen Angehens seitens Wetzlars zugesprochen, der der Mannschaft abermals die Führung brachte. Das gleiche Vergehens Wetzlars wird vom Schiedsrichter abermals durch Elfmeter bestraft, der von Gießen zum dritten Tor verwan­delt wird. Ein überraschender und schneidig durch geführter Durchbruch Wetzlars brachte auch dieser Mannschaft den zweiten Erfolg. Nach der Pause steigerte sich das Tempo noch mehr. Der zu kleine Platz beeinträchtigte stark das Spiel. In stetem Wechsel fallen die weiteren Tore. Zunächst stellte der Halblinke Gießens das Resultat auf 4:2, bald darauf wird es durch Wetzlar in 4:3 umgeändert. Die äußersten Anstrengungen Gießens werden durch einen weiteren Erfolg belohnt: 5:3 für Gießen. Fünf Minuten vor Schluß erzielt Wetzlar noch eine Ecke, die eingeköpft wird, wodurch das Schlußergebnis auf 5:4 gestellt wird. Für den Ta­bellenstand Wetzlars ist die Niederlage schmerzlich, Gießen hat sich seinen Erfolg jedoch redlich verdient. Der Schiedsrichter hätte etwas durchgreifender sein können.

Ein ausgeglichenes Spiel lieferten sich die 2a- Mannschaft Gießens mit der zweiten Wetz­lars. Der knappe 2:1-Sieg der Gießener hätte höher sein können, wenn die ersatzgeschwächte linke Seite nicht so viel günstige Momente ausgelassen hätte.

Einen einwandfreien Erfolg erzielte die Iu- gend Gießens, indem sie gegen die Weßlarer Jugend 4:0 gewinnen konnte. Dabei stellte sich heraus, daß die in die erftc Mannschaft übernom­menen seitherigen Iugendspieler recht gut ersetzt sind. Aber auch hier der gleiche Mangel wie in Wieseck: Das Spiel war für ein Iugendspiel viel zu scharf.

Die 2d-Mannschaft hatte hrc 1.Mannschaft Fronhausens als Gegner. Hier konnten die Fronhäuser, wenn amh nur knapp mit 2i1 Toren, Sieg und Punkte einheimsen.

Freier

Turn- und Sportverein Wieseck.

£ Das erste Verbandsspiel her Rachrunde hatte für hie erste Mannschaft einen negativen Erfolg, has Treffen ging, wenn auch recht knapp verloren. Der Gegner, her Männe^Turn- verein Marburg, zeigte ein weseirtlich bes­seres Spiel als am Sonntag vorher gegen Gie­ßen. Für hie Marburger hatte ausschließlich beten Verteidigung die Punkte gewonnen. Sie leisteten, vesondern in der zweiten Halbzeit, wäh­rend welcher Wieseck ständig im Angriff lag, ganz außerordentlich erfolgreiche Abwehrarbeit. Der linke Verteidiger war hierbei glänzend, ebenso stand der Tormann auf voller Höhe. Bei Wieseck merkte man die neuen Leute, die technisch sehr gut sind: aber es fehlt noch an dem notwendigen Kontakt mit den übrigen Spie­lern. Zudem erwies sich die Aufstellung als unglücklich; dieser Mangel wurde zwar in der zweiten Halbzeit abgestellt, aber Marburg hatte

(Erinnerungen an GttoLilienthal.

Es ist in diesen Tagen erst 30 Jahre her, Daß der Vorkämpfer der heute zu so getoaltiger Bedeutung gelangten Flugkunst, Otto Lilienthal, seine bahnbrechenden Versuche machte, bei denen er am 10. August 1896 durch einen Absturz aus 15 Meter Höhe seinen Tod fand. Aus diesem An­laß veröffentlicht Anna Lilienthal inW e ft e r manns Monatsheften" fesselnde Erinne­rungen, die ein überaus anziehendes Bild von dem hochbegabten, tatkräftigen und stets opfer­bereiten Mann geben. Schon der Blick des Knaben haftete immer wieder mit heißer Sehnsucht an dem Schauspiel des Dogelfluges: im Jüngling und Mann wuchs diese Sehnsucht zu dem rastlosen Bestreben, dieses Geheimnis zu erforschen und auf diese Weise fclbft das Fliegen zu erlernen. 3n feinem Buche ..Der Dogelflug als Grund­lage der Fliegekunst" ist diese Sehnsucht aus- gedrückt in einem Gedicht, dessen Schlußverse lauten:O Mensch dort im Staube, wann fliegest auch du, Wann lößt sich dein Fuß von der Erde?" Lilienthal war aber fein Schwärmer und Träumer, sondern ein lebensfroher harm­loser Geselle, her seine Gaben nützen, Werte für die Menschheit schaffen wollte.Technische Unmöglichkellen gibt cs nicht," war sein Wahl- fpruch, aus rastloser Arbeit schöpfte er das Glück seines Lebens. Aus seiner Werkstatt gingen eine Reihe wertvoller Erfindungen hervor, so ein- Schlangenrohrkesfel, schmiedeeiserne Riemscheitv. Sirenen für hen Signaldienst auf den Marilre- ftationen an der deutschen Küste, die wchrämm- maschine, eine Einrichtung zur Erleichterung der Kohlengewinnung im Bergbau usw.: auch her Ankersteinbaukasten ist eine Lilienthalsche Er- finhung.

Auf hen Wiesen Anklams, wo Störche und Vögel jeder Art heimisch waren, machten Otto Lilienchal und sein Bruder Gustav die ersten Versuche, den Flug der Vögel nachzuahmen. Sie muhten es bei Rächt tun, um dem Gespött her Schulkameraden zu entgehen. Jede freie Minute war ausgefüllt mit Beobachtungen, mit Messungen an selbstge-ertigten Apparaten, Vogel- modellen, Flügelformen und Windberechnungen. Diese Versuche wurden auch in späteren Jahren

unermüdlich fortgesetzt, in Lichterfelde, wohin die Brüder ihren Wohnsitz verlegt hatten. Oft brach­ten sie die Last zerbrochener 2lpparate und Mo­delle heim, aber für sie war es kein Mißerfolg, sondern nur eine Stufe zu besserer Erkenntnis. Als Otto Lilienthal sich ein Landhaus bauen konnte, errichtete er ein Storchnest. das freilich nicht bezogen wurde; vier junge Störche, die darauf angeschafft wurden, verschwanden am ersten Tage, an dem sie flügge geworden waren. 3n der Rähe des Wohnorts lieh sich Lilienchal einen 15 Meter hohen Berg aus eigenen Mit­teln aufschütten.Opfer müssen gebracht wer­den", Pflegte er zu sagen, wenn die Sorge der Hausfrau Einwände erhob. 3n der Kuppe des Fliegeberges befand sich ein Schuppen für die verschiedenen Gleitflügeformen. Es war ein schöner Anblick, wenn die prächtige Gestalt des kühnen Fliegers heraustrat und sich anschickte, mit ausgebreiteten Schwingen weit ins Gelände hineinzufliegen. Für die Berliner war derflie­gende Mann" ein ganz neues billiges Vergnü­gen, zu dem sie sich in Massen einfanden; den ganzen Sonntag lagerten sie am Fuß des Ber­ges, begleiteten die Flüge mit Lob und Tadel, amüfierlen sich köstlich und zogen abends unter Hinterlassung ihrer Stullenpapiere geräuschvoll wieder ab.

Otto Lilienthal fjat aber auch auf einem ganz andern Gebiete, als Theaterdirektor, ver­sucht und auch hier ein Verdienst erworben. Als ihm ein Theater im Berliner Osten das Geld für die Heizungsanlage schuldig blieb und er bei dieser Gelegenheit das ganze Schauspielerelend kennen lernte, beschloß er, selbst die Sache in die Hand zu nehmen und hier inmitten her Arbeiter­bevölkerung eine Volksbildungsstätte ersten Ran­ges zu schaffen. Er strich die Schuld, machte aber dem Theaterleiter zur Bedingung, nur wertvolle Stücke, vor allem die Klassiker, zu spielen. Dem öden Raum gab er aus eigenen Mitteln durch Farbe und Blumenschmuck ein freundliches An­sehen. Zu Preisen, die von 10 bis 50 Pfennig gingen, konnte man dort gute Aufführungen her Braut von Messina", desWilhelm Teil" und anderer klassischer Dramen genießen. Der Ver­such, den Geschmack des Publikums zu heben, gelang glänzend. Das Haus war alle QTbenbe

überfüllt, das Publikum begeistert, und dem Ur­heber dieses Glücks, der in feiner Loge saß, blitzte die Freude aus den Augen. Einmal fand er ein altes Mütterchen weinend an der Kasse stehend vor, weil das Haus ausverkauft war und siedoch zu gern einmal Wilhelm Teil ge­sehen hätte". Er nahm fie daraufhin mit in seine Loge. Bei einer Aufführung der3ungfrau von Orleans" fehlte ein Darsteller für den He­rold, und sofort sprang Otto Lilienthal in die Bresche, spielte aber so schlecht, daß die nicht verwöhnten Zuschauer lachen mußten. Er ver­faßte auch selbst ein DramaModerne Raub­ritter", das die Ausbeutung eines biederen Handwerkes durch Spekulanten behandelt und eine gute Beobachtung des Berliner Volkslebens beweist. Der Held kommt ums Leben, indem er sich aus Verzweiflung aus dem Fenster stürzt. Das weiche Herz des Dichters litt aber allzusehr unter diesem traurigen Ende.3ch konnte die Rächt nicht davor schlafen," erzählte er selbst. Am Morgen um fünf Uhr setzte ich mich an Öen Schreibtisch und verbesserte dos Stück." 3n der zweiten Fassung siegle die Tugend und das Laster ging zu Grunde. Der heitere Ausgang aber nahm dem Stück ganz die Wirkung.

Unvergeßlich ist der Verfasserin der letzte Abend in Otto Lilienthals Leben.Draußen Oetoitierftimmung, drinnen sorgenvolle Gespräche. Der Bruder drängte zum vorläufigen Abschluß 6er Gleitflugversuche aus wirtschaftlichen Grün­den, die Hausfrau aus der Angst ihrer Seele heraus."3ch will morgen nur noch einen, den letzten Versuch machen", sagte Otto zum Bruder. Seiner Frau schlug er lachend auf die Schulter: Wenn ich diesen Klotz nicht am Bein hätte, würde ich noch viel höher fliegen." Am Tage darauf stürzte er ab und wurde sterbend in die Klinik gebracht. Seine letzten Worte waren: Opfer müften gebracht werden."

Das Seitalter

der Frauenfreundschaft.

Es ist ein altes Wort, daß die Frauen für wahre Freundschaften nicht gemacht sind. Alle berühmten Freundespaare der Geschichte von David und 3onathan bis zu Schiller und Goethe sind Männer gewesen, und niemals hat die Dich­

tung hie Freundschaft von Frauen so verherrlicht wie die von Männern. Ader die Frau, die jetzt so viele Eigenschaften des Mannes erobert hat, tritt nunmehr auch in das Zeitalter ein, wo sie der echten Freundschaft fähig wird. Dies be­hauptet wenigstens die Engländerin Diana Bour­bon in einem Londoner Blatt.Eine große, bis­her unbekannte Gabe ist der Frau des 20. 3ahr- hunderts zuteil geworden," schreibt sie,es ist die Gabe des wahren Verständnisses und der tiefen Reigung zum eigenen Geschlecht. 3n der Ver­gangenheit, als der Wettbewerb um den Mann für den Hauptinhalt des Frauenlebens galt, als jede Frau in her andern eine Rebenbuhlerin und Feindin sehen wollte, da gab es keine Freund­schaft zwischen Frauen in dem Sinne, in hem Männer dieses Wort verstehen. Die Gegenwart hat die alle Behauptung, daß Frauen keine guten Freundinnen miteinander fein könnten, zu­nichte gemacht; sie hat den Frauen das Gefühl für den außerordentlichen Reiz eröffnet, den eine gute Kameradschaft mit einer andern Frau bietet. 3st doch die Frau feit 3ahrhunderten die beste Gefährttn des Mannes gewesen, und sie hat da­durch Eigenschaften entwickelt, die sie zur Kame­radin besonders geeignet machen. 3m gesellschaft­lichen Verkehr, in einer heiteren Gastfreundschaft und im anmutigen Gespräch durste sie von jeher ihre Vorzüge entfalten; aber der Mann be­herrschte auch dieses Bereich ihres Wesens; sie konnte nicht selbst Freundin werden, weil sie zu eng an den Mann gefesselt war. 3etzt aber hat sie die Freihell unb die Gelegenheit erreicht, nut all diesen Gaben andere Frauen zu beschenken und zu beglücken, sie darf sich Freundinnen wäh­len und mit ihnen in enger Kameradschaft leben. Ueberall geben jetzt Frauen Gesellschaften nur für Frauen, gehen mit andern Frauen auf Aus­flüge und teilen mit ihnen ihre Vergnügungen, und fie lernen nun einen Genuß kennen, der ganz rein und ursprünglich ist und bet ihnen früher verschlossen war. Riemals sind Frauen so vergnügt, so anmutig, so geistreich, als wenn sie unter sich sind. Die Legende von der Unfähig­keit der Frau zur Freundschaft, die vom Manne verbreitet wurde, ist jetzt in ihrer ganzen Un­wahrheit erwiesen, und hie, Frau ist als ideale Freundin her Frau entdeckt."