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Die Krummhölzer.

Roman aus den bayerischen Bergen.

Don Michael Wagner.

1. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Oeha. Bräunl! Halt stad! Wenn mich schon dein Bauer net sieht!"

Der Uracher schreckte auf, zog ganz mechanisch die Zügel an.

Jeß, der Annodomini! Jetzt wär' i bald an dir vorbeig'rutscht und hält' dich gar net kennt!"

Freili! Freili!" knurrte Sanktjohanser humorig, wenn ma schläft, da sieht man halt nix, gel? Net amal seinen besten Spezi!" Auf den geschmückten Schlitten weisend, setzte er dann augenzwinkernd hinzu: ,L glaub' gar, du fährst auf Brautschau, Han?"

Na," erwiderte Uracher ernst,na, aber der Zeno kommt mit dem Nachmittagszug!"

Die rote Nase des Försters fuhr wie ein auf­gezogenes Eisenbahnsignal in die Höhe.

Was sagst, der Zeno kommt?!. Ja, was is denn dös, so so!" Ein sonderbares Räuspern.So, so, der Zeno!"

Ja, jetzt is er ganz frei!" bemerkte Uracher.

Mhm! Frei, mit 'm Stelzfuß!" knurrte Sankt­johanser dawider. Dann fragte er ganz unver­mittelt:Fährst nachher gleich hoam?"

Uracher nickte.

Da schwang sich der Förster kurz entschlossen zu ihm^auf den Bock.!" rief er,fahr zua! y möcht dem Zeno a gleich d' Hand geben und fahr hernach mit bis zum Kramerbuckel!" Der Uracher fragte nicht lange wie und was, schnalzte mit der Zunae und ließ den Gaul wieder laufen.

Eine Biertelstunde später standen die beiden Männer auf dem menschenleeren Bahnsteig vor dem roten Stationsgebäude und warteten auf den Zug, der den Heimkehrer bringen sollte. Die Signalglocke schlug an und der Beamte drehte an einigen Kur- beln. Schweigend standen die beiden nebeneinander. Urachers Gesicht zeigte keinerlei Aufregung, es war ruhig und fest in den harten Zügen wie sonst. Nur in den grauen Augen, die immerfort den Schienen­strang entlang schauten, war ein unruhiges Flackern.

Jetzt kommt er! rief der Förster plötzlich in das Schweigen hinein, und gleich darauf ertönte wie zur Bekräftigung ein schriller Pfiff und der Zug bog um den letzten Bergrücken.

Zischend und fauchend donnerte die schwere Loko­motive noch ein Stück an ihnen vorbei, bis mit knirschenden Bremsen die Wagenreihe anhielt. Einige Abteiltüren flogen auf, da und dort flieg irgend je­mand aus und eilte grüßend an den zwei Alten vorüber. Die aber achteten kaum darauf. Ihre Blicke hasteten von Wagen zu Wagen, da nichts und dort nichts, endlich, dort ganz hinten öffnete sich noch eine Tür, eine feldgraue Uniform wurde sichtbar

Da hinten is er!" schrie der Förster, als hätte er einen Wildschützen entdeckt, und wie auf Kom­mando trabten die beiden Grauköpfe den Zug ent­lang. Es sah sich ganz sonderbar an.

Und sie kamen gerade recht, um dem Berwun- beten die Stufen herab zu helfen und einen großen, braunen Karton, den ein altes Weibele aus dem Wagen langte, in Empfang zu nehmen. Ein Pfiff, Pufferklirren, und langsam rollte der Zug weiter.. .

Die drei standen allein auf dem Bahnsteig. Da nahm Zeno, der Heimkehrer, seine zwei Humpelstöcke in die Linke und streckte dem Vater mit einem Lächeln in dem etwas blassen, von einem kaufe« ligen rotblonden Bart umrahmten Gesicht die Rechte hin:

Vater, grüß dich Gott!"

Grüß Gott dahoam, Dua!"

Mehr sagte er nicht, der Uracher, aber es zuckte in seinen Holzschnittzügen, als er mit beiden Hän­den des Sohnes Rechte ergriff. Sekundenlang stan­den sie so, Hand in Hand, die zwei Uracher.

Auch der Herr Forster Sanktjohanser rührte sich jetzt, schob die Pelzmütze aus der Stirn und klopfte Zeno auf die Schulter:

Alos nachher Grüß Gott dahoam, alter Hau- deaen!" rief er laut im tiefen Grohlbaß seiner Stimme. Es sollte wohlwollend scherzhaft klingen, kam aber sehr gemacht heraus.

Grüß Gott, Herr Förster! I dank für die Ehr!" Zeno wandte sich zum Förster und wechselte einen kernigen Händedruck mit ihm.

Papperlapapp! Ha! Wär schon glei recht! Ha! Und übcrhaupt's ob mir da steh'n bleiben wollen im Schnee, bis unss Zipperl juckt? Han? Draußen wart' der Schlitten!"

Unter solch verdächtig lauter Grobheit bückte sich der Förster nach dem im Schnee liegenden Karton, brauchte merkwürdig lange, bis er den Schnee weg- geklopft, und halte, als er wieder den Kopf hob, ein hochrotes Gesicht.

Also nachher?!" %

Soll i dich führen?" fragte Uracher den Zeno.

So a Manderl werd' glcid)Jpebiert fein, wenn's pressiert!" erklärte resolut der Förster.

Zeno aber schüttelte den Kopf.Dank schön, i geh schon recht guat!"

Langsam gingen die drei bann hinaus zum Schlitten. Zeno an zwei Stöcken in der Mitte, rech- terhand Uracher, schweigsam, doch in einer Haltung, als ob er jeden Augenblick den Sohn stützend um­fangen muffe, linkerhand der Förster mit der Papp­schachtel. Verstohlen schielte er von der Seite her nach Zenos Beinen, und seine Augen beobachteten mit einer gewissen Scheu, wie dessen rechtes Bein sich so automatisch gleichmäßig hob und senkte, dann mit dumpfen Tone auftretend.

Draußen angelangt, ließ es sich Zeno nicht neh­men, auch den freudig aufwiehemden Bräunt mit Tätscheln und einigen freundlichen Worten zu be­grüßen, ehe er sich von den beiden Alten im Schlit­ten versorgen liefe. Während Uracher wieder seinen Platz auf dem Kutscherbock einnahm, setzte sich der Förster zu Zeno. Dabei wickelte er diesem mit gro­ßer Fürsorglichkeit die Decke um die Beine.

Bei dem oan' bräuchts zwar nimmer," brummte er dazu,denn an dem erfrierst dir ganz grolfe koan Zehen mehr!"

Jjat seine guaten Seiten!" scherzte Zeno.

Still und unbeweglich lehnte Zeno in der Schlit­tenecke, aber aus dem unbäuerisch zarten, von langer Lazarettzeit gebleichten Gesicht glänzten seine großen Grauaugen in heimlicher Freude. Seine Blicke eilten dem Schlitten voraus, über das Heimatdorf hinweg zumKrummhölzer" hinauf, wo breit und stattlich das Vaterhaus in der scheidenden Wintersonne stand. Und sie wanderten grüßend bas Tal entlang und hoch hinauf zu den vereisten und verschneiten wilden Felsgraten und kühn gebauten Gipfeln, welche mit dem Silber ihres Schneekleides scharf und klar, umjubelt vom freudigen Rotgold der Aoend- sonne, ins dunkle Blau des Himmels stachen.

Gedankenverloren erwiderte der Heimkehrer da und dort den Gruß und Zuruf eines Bekannten

oder Kameraden oder antmoriele kurz auf all das, was der Forster ihn fragte und sagte. Wie es cigent« lich so ganz genau bei feiner Verwundung zugegan- gen fei, wollte der biedere Alte wissen, wie es denn mii dem großen Durcheinander in den Städten stehe und derlei mehr. Zeno in seinem in sich versunkenen Schauen hatte gerade zu hm, um dem Wißbegie- rigen auch nur einigermaßen Rede und Antwort zu stehen. Ein Stück hinter dem letzten Hause, wo am Kramerbuckel sich die Straße teilt, liefe Herr Domi­nikus Sanktjohanser den Schlitten halten.

Uracher hatte während der ganzen Fahrt nicht ein Wort gesprochen. Bolzengerade und breitschulte, rig safe er mit ernster Miene auf dem Bock und fuhr wie ein Herrschaftskutscher dahin, der nur umzu- schauen oder zu reden hat, wenn er gefragt wird. Mit einigen Scherzen und freundlichem Händedruck verabschiedete sich der alte Grünrock von Zeno, dem Uracher aber rief er zu:

So, Johann, jetzt können S' weitersahren! Servus, Quarin!" Grinste und stapfte rechtsab durch den Schnee davon.

B'hüat dich, Annodomini!" gab der Uracher zu- rück, winkte grüßend mit der Peitsche und ließ bann den Bräunl wieder anziehen . . .

Und als der Schlitten mit einbrechender Nacht dann droben vor dem Hause hielt, da drängte sich alles heran, was der Krummholzerhof an Menschen barg.

Der Zeno hatte seine liebe Not, um noch vor her Haustüre jedem die Hand zu drücken und grüß Gott zu sagen. Schier am schnellsten gings mit Toni, dem Bruder. Der sagte mit einem schalen Lächeln im roten, fleischigen Gesicht:

Grüß di, wie war d' Roas?" und streckte ihm seine klebrige Pratze zum Gruße hin. Zeno erwiderte freundlich den frostigen brüderlichen Willkomm, wandte sich dann aber Walli, der Hauserin, zu. Die stand da im Kreise ihrer Untergebenen, vor denen sie die herkömmliche Autorität zu wahren versuchte, was bei ihr stets mit möglichst bärbeißiger Miene geschah, und kämpste schluckend und augenwischend "gegen die Rührung, welchealle G'setztheit" wegzu- schwemmen drohte. z

(Fortsetzung folat.)

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