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Samstag, 10.)uIil926

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Ar. 159 Zweites Blatt

Sterbende Dome.

Als die großen Baumeister im Anfänge und -er Mitte des Mittelalters in ihren monumen­talen Kirchenbauten überragende Kulturwerke schufen, nahmen sie als sicher an. daß diese fest­gefügten Steinriesen die Zeiten überdauern und in ihrer Schönheit und erhabenen Formgestal­tung unvergänglich von Geschlecht zu Geschlecht bleiben würden. Lieber Jahrhunderte haben sie sich auch in der Tat erhalten und nur verhält­nismäßig geringfügige Erneuerungsarbciten not­wendig gemacht. Das edle Sandsteinmaterial hat selbst in den feineren Profilierungen dem Wetter und Sturm standgehallen und erst in den letzten fünfzig Jahren hat der Bersall der alten Bau­denkmäler mit einer Heftigkeit eingesetzt, daß ^ocreits von einer vollständigen Zersetzung die Rede sein kann und es nur einer kurzen Spanne von einigen Jahrzehnten bedarf, um diese Zeu­gen alter und glänzender Zeiten äußerlich und innerlich zu zerstören. Es ist ein gewaltiges Ringen, das jetzt zur Erhaltung dieser unerseh- l.chen Kulturwerte anhebt, gilt es doch einen unsichtbaren Feind die schweflige Säure unschädlich zu machen, die mit dem Anwachsen unserer Industrie, mit der Konzentration in und um die Großstädte und den Hunderitausenden rauchenden Schloten die Luft unserer Industrie- !egenden zu einem hohen Prozentsätze durchsetzt at. Was ^Wind und Wetter in einigen Jahr- underten nicht zerstören konnten, das hat diese schweflige Säure in der Luft in knapp einem halben Jahrhundert vermocht, die Sandstein- quadern bröckeln ab, Kapitäle und Figuren lösen sich aus den Gesteinmassen und die bildhaueri­schen Arbeiten zerfallen Stück um Stück.

Die große Gefahr, die unseren ehrwürdigen Domen droht, darf nicht unterschätzt werden, weil es sich nicht um einen Zersehungsprozeß handelt, der nur auf die Oberfläche einwirkt, im Gegen­teil zeigen verhängnisvolle rostbraune Flecken, daß die chemische Zersetzung tiefer ins Innere vorgedrungen ist. Wenn man auch bei verhält­nismäßig bescheidenen Mitteln versucht, die schwersten Beschädigungen auszumerzen, so sind sich die Fachleute heute darin einig, daß die alten deuftchen Bauwerke, die so erheblich von den Giftgasen unserer modernen Zeit angegrif­fen werden, nur dann erhalten werden können, wenn genügend Mittel zur Verfügung stehen, um fortlaufend die kranken Stellen zu entfernen. Eine andere Bekämpfungsart des unsichtbaren Feindes kennen wir nicht, und täglich, mit der Ausdehnung unserer industriellen Großwerke, mit der Ausdehnung der Städte, vermehrt sich die «fliftige Luft, die den Zerstörungsprozeß unbehin­dert fortseht. Damit wächst dieser Kampf der Menschheit zu einem großen Problem aus. weil cs gilt, die mittelalterlichen Bauwerke über unser -3 erteilter der Kohle hinaus zu erhalten und «inen ständigen Kampf zu fuhren gegen die Aebenerfcheinungen, die als typische Zeichen un­serer Zeit der Technik und Maschinen, von denen richt geahnt wurde, die einstmals ihre Dome in freier und reiner Luft erbauen konnten.

Die schon seit Jahrzehnten von unseren So- .,ialhygienikern betriebene Bekämpfung des Bau­ches. der nicht nur Steinbauten zerstört, sondern auch die Maschine Mensch vorzeitig zum Still- sand bringt, hat Wohl vorbeugende, aber kaum Ibwehrmittel gebracht. Wir find dem 3er- itzungsprozesse der unreinen und chemisch ge­radezu gefährlichen Luft gegenüber machtlos, es ;'t der Hauch eines langsamen und großen <5ter» lens. Wir können gewiß nicht in die Zukunft sehen und nicht annähernd Voraussagen, wann * nmar die Kohle, die heutigen schwarzen Dia- inanten, ihre Rolle in der Menschheitsgeschichte ciusgespielt haben werden. Vielleicht in einem Jahrhundert, vielleicht schon eher. Soviel ist ,mr gewiß, daß der Tag einmal konunen wird. Heute schon hat die Oelfeuerung eine mitbestim- inende Bedeutung erlangt und der nicht rastende Menschengeist wird diese neuen Dahnen immer­fort ziehen. Reuland erobern und altüberkom- ntene Zustände und Verhältnisse über den Haufen werfen. Dis dahin aber gilt es, Kulturwerke nrit alten Mitteln zu erhalten.

Wenn der preußische Staat für die Dau- arbeiten am Chore des Kölner Dornes 6,5

Das handels-U-vootDeutschland" landet in Laltimore.

Zur Erinnerung anden 10. Juli 19 16.

Ruhmreiche Gedenktage der jüngsten Kriegs­geschichte gibt es genug, allein dieser Juli-Tag vor zehn Jahren ist wohl ein ganz besonderer Ehventag, da er neben einer kühnen Tat zugleich einem technischen Wunderwerk, das deutscher Er- sinderaeist geschaffen hatte, zur Geltung verhalf.

Als England damals gegen alles Völkerrecht und Seerecht eine Papierblockade erklärte, um den englischen Kanal und die Seefahrt nördlich Schottlands bis Island zu sperren, verhängte es damit auch eine Blockade über die neutralen Hafen Hollands und Skandinaviens. Selbst einem friedlichen Austausch von Waren, die mit dem Kriege gar nichts zu tun hatten wur^ dadurch jede Möglichkeit genommen, bis Deutschland fern großes Handels-U-Boot baute und Amerika, mit Lern man in vegen Austauschbeziehungen stand, trotz Englands Vorschriften und'Dehindwingen, die so nötig für die arnenkanchhe Volkswirt-, schäft gebrauchte Ladung von Farbstoffen und cm deren Fabrikaten überbrachte.

Der Führer des Bootes war der Handels- kapitän König: kein schreidiger, junger Kapitän- Icutnant, wie man ihn auf U-Booten fand, sondern ein ruhiger, zurückhaltender uni> im rmfeii Alter stehender Offizier, der schon als Führer mehrerer großer Dampfer rm Dienste des Rord- deutschen Lloyd seine Zuverlässigkeit und Er- iahrung bewiesen hatte. Und für eine solche Fahrt wie sie dieDeutschland zurucklegen sollte, bedurfte es eines kenntnisreichen, ruhigen imd auch politisch besonnenen Mannes, ber bet der Landung drüben mit Vankees mit englischem Haß und französischer Riedertiacht zu tun haben Würde Die Erwartungen, die man von deut­scher Seite gerade hierin an ihn knüpfte, hat Kapitän König nicht enttäuscht. Er verstand es. die Menschen zu nehmen, und hat den ameri­kanischen Reportern bei seiner Ankunft "i Balti­more die rechte Antwort zu geben gewußt. Dem stolzenBritannia rules the Waves setzte er mit seinerDeutschland" einen recht kräftigen Damp­fer entgegen, und das gerechtere Wort: » Seit und Gleichheit für alle Rationen auf den Meeren" wurde ihm zu einer Idee, der er auch

Millionen Mark bewilligt Hal. so ist bei der Gröhe des Bauwerkes damit nur das Aller- notwendigste zu schaffen und dem Verfall in seinem gröbsten Ausmaße vorzubeugen. Rach fachmännischer Schätzung aber müssen allein für den Kölner Dom mindestens noch 15 Millionen Mark bereitgestellt werden. Aehnlich liegen die Dinge bei dem zweilen rheinischen Bauwerke, dem in der Zeit von 978 bis 1009 entstandenen Mainzer D o m. dessen Westturm vollständig angefressen ist und der nur durch durchgreifende Konstruktionsarbeiten erhalten werden kann. Es unterliegt keinem Zweifel, daß hier für Staat und Reich eine Aufgabe von selten weittragen­der kultureller Bedeutung vorliegt: die jetzt schon gewaltigen Mittel, die zur Behebung der augen­blicklichen Schäden benötigt werden, sind so groß, daß sie den Kulturetat überlasten, sie werden aber von Jahr äu Jahr noch größer und schließ­lich unerschwinglich werden, wenn erst die vollen Lasten des Dawesplanes unsere öffentlichen Gel­der aufsaugen. Mit privaten Mitteln allein, die meistens nur für Stückwerke notdürftig aus- reichen. ist es aber nicht möglich, das drohende älnheil abzuwenden. Wir sind zwar bitterarm als Volk geworden, müssen allesamt Lasten auf uns nehmen, die oftmals jenseits der Grenze des Möglichen für den einzelnen liegen, allein in einem Augenblicke, wo die stummen Zeugen un­serer kulturellen Entwicklung in Staub zu ver­sinken drohen, wird die Kraft unseres ganzen Volkes sich einsehen müssen, um uns und der Welt jene Werte reiner deutscher Kunst zu erhalten, deren Verlust ein böses Ge­schick für die ganze Menschheit bedeuten würde. Der glanzvolle Aufstieg unserer Technik kann nicht über die Trümmer von Kulturepochen ge­hen, deren Zeugen uns von Werken menschlicher Arbeit und menschlichen Geistes künden, die in ihrem Glanze auch unsere fernen Epigonen mit andächtiger frommer Scheu erfüllen wird

Im heutigen Anzeigenteil finden unsere Leser einen von der tiefen Sorge um die Erhaltung des Kölner Domes diktierten Aufruf des Z e n t r a l - D o m b a u - V e r e i n s". dem an­zugehören einst in besseren Zeiten eines jeden Deutschen, gleichgültig ob Protestant oder Ka­tholik, Ehrensache war und heute, da derTreue Wächter" am deutschen Rhein in Staub zu zer­fallen droht, wieder Ehrensache werden muß.

Außenpolitische Umschau.

Von Professor Dr. Otto Hoetzsch, M. d. R.

Mit der Bestätigung durch den Haushaltsaus­schuß des Reichstags ist die Angelegenheit der Russenkredite zum Abschluß gekommen. Das Geschäft, das ein wohl einzig dastehendes Ausmaß an sich trägt, kann in Angriff genommen werden. Was den Abschluß solange aufgehalten hat, war we­niger die Frage der sogenannten Ausfallgarantie, die das Reich und die Länder unter sich verteilt und übernommen haben, darüber ist man sich verhält­nismäßig rasch einig geworden. Die Schwierigkeit lag vielmehr in der Finanzierung und in der Provision für das von den Banken übernommene Finanzgeschäft. Die deutschen Banken, die sich daran beteiligten, standen auf dem Standpunkt, dem man ein gewisses Recht nicht bestreiten kann, daß sie den Russen diese außerordentlich langfristigen Kredite, mit denen ein großer Teil der Kapitalkraft sestgelegt worden ist, nicht billiger geben könnten, als dem deutschen Kreditnehmer. Darüber ist jetzt eine Eini­gung erzielt, und die Inanspruchnahme dieses Kre­dites durch russische Bestellungen kann im großen Umfang beginnen. Sie sind ja bereits, wie der Mi­nister Curtius im Ausschuß mitteilte, in vollem Gang.

Das Geschäft ist für Rußland in seiner augenblicklichen Schwierigkeit geradezu von entschei­dender Bedeutung. Es kommt für Rußland, das ein großes Aufbauprogramm für feine Industrie in Angriff nehmen will und das noch mehr den bis­herigen Industrieapparat, wie man in Rußland sagt, remontieren" muß, darauf an, Kapital für diese großen Unternehmungen zu gewinnen. Mit eigenen Kräften kann es das schlechterdings nicht machen. Zwar ist auch Rußland in einem sehr bescheidenen Maße in der Kapitalbildung wieder drin. Aber

als schlichter Handelskapitän dienen konnte und wollte.

Ehe das Schiff seine Reise von Bremen aus antrat, wurden wvchenlange Versuche in der Ost­see gemacht, um mit der Handhabung des Bootes vertraut zu werden und die Ladung und den Ballast richtig auszubalancieren. Als die Deutschland", deren Entstehung und Ausfahrt nur den Eigentümern (der Deutschen Ozean- ReÄrerei) und der Admiralität bekannt war, am 14. Juni Bremen verließ, hatte sie 180 Tonnen Heizöl mitgenommen, von denen bis Baltimore nur die Hälfte verbraucht worden war. Ebenso waren von den 20 Tonnen Trinkwasser 10 Ton­nen erübrigt worden. Das Ll-Boot hätte demnach eine noch längere Reise glücklich zurücklegen können.

Am 23. August 1916 kam es wieder wohl­behalten in Bremen an, durchquerte zum zweiten Male im Rovrinber den Ozean und lief Rew- London an. Als es Mitte Rovember sich auf die Heimfahrt begab, wurde es von dem Schlep­per, der es aus dem Hafen brachte, beschädigt! und muhte in den Hafen zurück zur Reparatur. Am 10. Dezember erreichte es jedoch die Heimat an der Wesermündung ohne weitere Zwischenfälle und ist danach nie wieder ausge­laufen. Die Erwartungen, die man an die Weitemusgestaltung der Handels-Ll-Boote ge­knüpft hatte, haben sich nicht verwirllicht, da der­artige Transportschiffe wohl nur im Kriegsfall von Ruhen sein können

Olympia.

Von Anna Kapp st ein.

Aus der Reede von Katakolo ankert der DampferLützow", auf dem der Norddeutsche Lloyd die Hellasfahrer wohlig vor der frag­würdigen Unterkunft in kleinen griechischen Häfen bewahrt. Wer in Katakolo ausgebootet wurde, wer die Gasthäuser in Phvgos sah, dem Eisen­bahnknotenpunkt. wo man, von dem armseligen Katakolo konrmend, nach Patras oder nach Athen umsteigen famt. wer gar erst an der Station Olympia nach Gaststätten ausblickte (obgleich das Reisebuch sieordentlich" nennt), der erst weiß die Kultur und Sicherheit eines modernen, großen Schiffes zu würdigen.

Auch die Landschaft ist bescheiden. Korinthen-

roenn man in Aufrufen an den Sparsinn der Bauern, die vom russischen Reichspräsidenten und Finanzminister ergingen, die Zahlen ansieht, 13 000 Sparkassen im ganzen Reichsgebiet und 62 Millionen Rubel Einnahmen, davon nur 1,5 Millionen Ein­lagen von Bauern, so erkennt man, daß schlechter­dings nichts an Kapital für jene weitergreifenden Zwecke vorhanden ist. Nebenbei gesagt, ließen diese Aufrufe überhaupt die ganze kapitalistische Einstel­lung der Sowjelregierung recht gut erkennen.

Sie kämpft um ihre Währung, und wenn man auch in einer gefährlichen Inflation nicht drin ist, wenn die seit jetzt bald vier Jahren stabilisierte Währung an sich stabil geblieben ist und bleibt, so kann man das in einem Lande, wo schlech­terdings alles in bezug auf Währung in Geldverkehr in der Hand der Regierung ist, natürlich machen. Die Sowjetformel ist auch ganz richtig, daß die Ur­sache der Teuerung, die in Rußland besteht und die bewirkt, daß der Bauer trotz zunehmender Kapital­kraft nicht oder nur ungenügend seinen Bedarf an Industriewaren decken kann, nicht auf der Geldscite liegt, sondern auf der Waren feite. Das ändert praktisch nichts an der Spannung und Gefahr der augenblicklichen Situation, daß die Preise für die Industrieproduktion, die der Bauer braucht, zu hoch sind, daß der staatliche Jndustrieapparat zu teuer arbeitet, daß derWarenhunger", der im größten Maße besteht, nicht befriedigt wird. Da man andererseits die aktive Handelsbilanz aufrecht erhalten will, drosselt man die Einfuhr, die sonst im freien Verkehr vom Ausland her den Warenhunger befriedigen konnte. Das ist der Kreislauf und die Schwierigkeit. Aus ihr heraus hilft fein Appell an Sparsamkeit und kein großes Programm, sondern aus ihr heraus hilft der K r e d i i a b f ch l u ß mit dem A u s l a n d e.

Um diesen bemüht sich die Sowjetregierung in den langwierigen Verhandlungen mit England und Frankreich seit langem, aber vergeblich. Denn da kommt sie über die Frage der Anerkennung der Schulden des alten Rußland im Ausland nicht heraus und kommt in sehr heikle Fragen herein, nämlich, wie diese Schulden anzuerkennen und ,zu verzinsen seien, wie Schäden und Verluste dieser Gläubigerstaaten als Folge der kommunistischen Wirtschaft zu ersetzen seien. Der Rapallo-Vertrag mit Deutschland, der in dieser Beziehung heute noch die Grundlage bildet, hat bekanntlich darin zwischen Deutschen und Russen reinen Tisch geschaffen. Man hat auf derartigen Ersatz gegenseitig verzichtet, Deutschland ist sichergestellt, als es Kraft Meistbe­günstigung, wenn Rußland in dieser Beziehung den andern entgegenkommt, auch seine Ansprüche ent­sprechend erheben kann. Und Deutschland hat erst im vorigen Herbst mit dem 100 Millionen-Kredit, dann jetzt mit diesem noch größeren Geschäft einen positiven Schritt unmittelbarer Unterstützung Ruß­lands getan. Es ist doch nichts Kleines, wenn er­hebliche Summen deutschen Kapitals so zur Installa­tion von Industrien und zu ihrer Ausbesserung auf Jahre, bis auf vier Jahre hinaus, kreditmäßig fest- gekegt werden.

Die deutsche Regierung, die mit ihr zufammen- gehenden Banken und Wirtschaftsführer sowie der Reichstag haben das getan im wohlerwogenen In­teresse Deutschlands selbst. Natürlich muß ein solches Geschäft unmittelbar belebend auf die deutsche Industrie und die deutsche Ausfuhr nach Rußland zurückwirken. Nebenbei aesagt, kommt damit end­lich, was längst hätte geschehen sollen, das deutsche Angebot in eine einheitliche Konzentration herein. Immer wieder hat man von deutscher Seite über das russische Außenhandelsmonopol, die staatliche Re­gulierung des Verkehrs mit dem Auslande geklagt. Natürlich war darüber zu klagen, aber es war doch ganz unmöglich, diese (Einrichtung, die zu den Grund­pfeilern des heutigen Sowjetregims gehört, zu er­schüttern oder außer Wirkung zu setzen. Worauf es ankommt, war von uns jahrelang, aber immer ver­geblich gepredigt worden, daß der in einer Hand konzentrierten russischen Nachfrage die Konzentra­tion des deutschen Angebotes gleichfalls in einer Hand entsprechen mußte. Hätten das die beteiligten Kreise von Anfang an eingesehen und durchgesetzt ich habe schon im Februar 1922 auf diese Notwendig­keit eines deutschenPols" für das Russengeschäft hingewiesen, so hätte man sich Enttäuschungen und Unannehmlichkeiten erspart. Jetzt, da die Kre­dite ja durch eine Hand gehen müssen, wird also diese Vereinheitlichung hergestellt.

Pflanzungen überwiegen, dürftige Siedelungen, ein paar Olivenbäume und Zypressen dazwischen. Und hinter hellem Strandstreifen das Meer. Den Sand hat der Alvheiosfluh bon den Bergen Arkadiens herabgeschwemmt. Immerhin kein ge­wöhnlicher Sand.

Rach kurzer Bahnfahrt wairdern --- fast läuft einem das Wortwandeln" in die Feder wir selber im Tale des Alpheios. Mit uns wan­deln die alten Götter. Professor Dörpfeld, ihr Erwecker aus dem Schutt der Jahrtausende, hat sie beschworen, daß wir den Hauch ihrer Rahe verspüren. Wie in Korfu ist er unser verehrter Geleitsmann im heiligen Bezirk von Olympia, in dem jeder Stein ihm vertraut ist. Roch sind die Ausgrabungen, die schon Winckel- mann anregte, nicht abgeschlossen. Ein Vortrag von Ernst Curtius in der Berliner Singakademie im Jahre 1856 ermunterte seinen Schüler, den späteren Kaiser Friedrich, zu dem Versprechen, die Forschungen zu unterstützen. Rach dem deutsch- französischen Kriege hat dann die deutsche Re­gierung die Grabungsarbeiten bezahlt und Dörp­feld zu ihrem Leiter berufen.

Im gegenwärtigen Zustand der berühmten Stätte ist ein klarer Eindruck der alten An­lagen zu gewinnen. Doch das Stadion, von dem so vieleolympische Spiele" unserer Tage ihren Ramen lechen, ist nur zum kleinen Teile frei­gelegt. wohl aber in seinen Massen festgeftelll. Es lehnte sich an den Kronoshügel, an dessen anderer Seite der Tempel der Göttermutter, der Gemahlin des Kronos, einer der ältesten, sich in seinen Resten zeigt. Dieser Hügel, das Wahr­zeichen der Landschaft, ist mit Fichten bewachsen: sie säten sich von selber aus, und in 40 Jahren sind die Ruinen der breit zu Füßen des Berges hingestreckten Heiligtümer mit Bäumen freund­lich durchgrünt. Blumen sprießen zwischen den Steinen: Würzeduft, Falter, Dogelstimmen um­gaukeln die graue Vergangenheit mit heiter un­schuldigem Leben. Golden glüht der Ginster.

Die beiden Haupttempel waren dem Zeus und der Hera geweiht. Sie sind gleich nach den Perserkriegen errichtet worden. Im übrigen hält Dörpfeld den ganzen Boden für viel älter, als durchschnittlich angenommen wird. Er fand Haus- reste aus dem 3. Jahrtausend v. Ehr. Griechen übernahmen die alte Kultur ihrer Vorgänger: unsere Götter sind die Kinder der euren. Die

Diese Kreditverträge schließen den Strcis det deutschen O ft p o l i t i t sinngemäß ab. Sie sind ein wirtschaftliches Unternehmen, aber sie dienen auch der politischen Interessengemeinschaft, die zwi­schen Rußland und Deutschland besteht und die in den bekannten Verträgen bis zum Berliner Vertrag ausgebaut worden ist. Auch wer eine Entwicklung wollte, wie sie in Locarno und mit dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund auslief, mußte sich unbedingt darüber klar sein, daß eine Ergän­zung dieses neuen Systems durch entsprechende Ab­machungen nach dem Osten eine absolute Notwen­digkeit für das deutsche Interesse war. Wir freuen uns. daß das heute wohl im ganzen deutschen Volke anerkannt wird, und begrüßen diesen Abschluß eines Kreditgeschäftes über 300 Millionen Mark auch aus diesem Grunde nachdrücklich. Wir erwar­ten bestimmt, daß davon bedeutungsvolle Wirkun­gen für beide Teile ausgehen.

Zu Ende sind die deutsch-russischen Verhand­lungen damit auch noch nicht. Kleinere Angelegen­heiten sind zu erledigen, so ist doch nun bestimmt wohl zu erwarten, daß die Frage des Moskauer Studenten Prozesses jetzt endlich ihre Erledi­gung in bfriebigenbem Sinne findet. Dann aber er­innere man sich, daß die bisherigen Verträge ja noch keinen eigentlichen Handelsoertratz enthalten, sondern zunächst nur den Rahmen dafür. Jetzt hat die Arbeit einzusetzen, einmal für den eigentlichen Handelsvertrag zwischen beiden Ländern, der nicht geringe Schwierigkeiten machen wird, und so­dann "über den Garantieoertrag zwischen Deutschland und Rußland, den, wie bekannt, der Berliner Ver­trag ausdrücklich in Aussicht nimmt, und der seiner- seits die notwendige Ergänzung des ganzen Werkes ist, wenn auf der anderen Seite die Locarnoent­wicklung tatsächlich zum Anschluß an den Völkerbund hinein ausläuft ...

Daß sich die deutsche Wirtschaft mit einem so hohen Betrage für den Osten kreditmäßig feftlegen kann, daß sie zur gleichen Zeit sich mit einem auch sehr hohen Betrage an der in Neuyork aufgelegten Stahlanleihe beteiligen konnte, daß dieSpa r- e i n l a g c n zugenommen haben der Außen­minister hat neulich in einer Rede darauf hingewie­sen, das sind natürlich erfreuliche Zeichen einer Konsolidation unserer Wirtschaft, die wir nicht ge­ring schätzen und in ihrer Bedeutung verkleinern wollen. Aber sie besagen keineswegs, daß dis Kredit- und Wirtschaftskrise, die wir durchleben, heute zu Ende sei. Mag sein, daß die Zahl der Konkurse und Geschäftsaufsichten etwas zurückgegangen ist, die absolute Zahl bleibt als ein Symptom der Krankheit groß genug. Und an eine Abnahme der Erwerbslosenzahl in einer ab­sehbaren Zeit ist gar nicht zu denken. Es liegt aber auf der Hand, daß man sich damit nicht aofinben kann, indem man sagt, Deutschland würde nun ein­mal auf längere Zeit so gut wie England mit großen Erwcrbslosenzahlen rchnen müssen. Erstens ist Deutschland in bezug auf Kapitalkrast und Kredit­rückhalt nicht England. Zweitens drückt auch Eng­land diese Last der Arbeitslosen in jeder Beziehung schwer. Drittens aber ist es natürlich ein Zeichen der Krankheit im Wirtschaftsorganismus, wenn Millio­nen Arbeitsfähige und Arbeitswillige keine Arbeit finden können, wenn sie von einer unter ihren Lasten an sich schon ächzenden Wirtschaft durch Unterftüt- znng über Wasser gehalten werden müssen.

Hier ist etwas krank und faul. Aber es ist etwas, das allein durch eine Volkswirtschaft und ihren Staat nicht geheilt werden kann. Alle Völker Eu­ropas und Nordamerika dazu spüren beute, daß sie miteinander wirtschaftlich auf das engste verbunden sind, daß in dieser Zeit des Weltkapitalismus nun einmal die Gesetze der Wirtschaft so wirken, wie sie tatsächlich wirken. Aber diesem Gefühl, dieser Einsicht entsprechen auf der europäischen Seite nicht die Mittel, dem Uebel zu steuern, und auch nicht der Wille, auf der amerikanischen Seite aber, wo die Mittel im reichsten Maße vorhanden sind, schwächt sich der Wille zu einer Interessengemeinschaft an Europa aus bekannten innerpolitischen Gründen Nordamerikas wieder ab.

Wenn wir uns über Erscheinungen wie Russen« kredit oder jene Stahlanleihe, oder die Spareinlagen freuen, so kann das nicht darüber täuschen, daß die Krise, daß die Krankheit unserer Wirtschaft noch schwer in ihr sitzt. Und soweit wir die Außenpolitik dafür heranzieh'en, würden wir dann sofort wieder in Weltwirtschaftskonferenz, Völkerbundsabmachun-

Ungleichheit der Tempelsäulen erklärt sich auS der Tatsache, daß die ursprünglichen Säulen aus Holz waren und verwitterten. Rach Bedarf er­setzte man sie einzeln in Stein und baute diese! Steinsäulen je nach dem Stil, der gerade »mo­dern" war, innerhalb 800 Jahren. Roch 200 n. Chr. sand sich eine Holzsäule im Tempel.

Alles, was heut wieder steht und'schimmert, hat tief unter der Erde gelegen. Tleberschwein- mungen, Erdbeben, Verwüstungen ließen es sin­ken. Vieles blieb für ewig zerstört, so die Hun­derte von Statuen, von denen Pausanias berichtet. Auch an Inschriften ist weniges bewahrt, weil sie auf Bronze gemeißelt waren. Die Bronze würde gestohlen wie das Gestein, das in ben Kalkofen wanderte. Der schmerzlichste Verlust ist der des weitberühmten goldelfenbeinernen Zeusbildes von Phidias Hand. Sechs Meter hoch, thronte der Gott in seinem Hause, so daß Lukian fhortete: wenn er sich erheben würde, nähme er die ganze Decke mit. In der Ecke befand ftch ein Loch: der (außer­halb gedachte) Gott sollte sein Bildnis sehen formen. Der Künstler mag diese vorgeschriebene Lücke zu Beleuchtungszwecken mit verwendet haben. Mit diesem Werke sollte die Athene im Parthenon überboten sein.

Die Zierde des Hergtempels, der Hermes des Praxiteles, dankt ihre Erhaltung den Lehm- ziegeln, unter denen sie verschüttet lag. Run steht dies einzige, der Gegenwart vererbte Werk des Meisters in einem Sondergemach des Mu­seums von Olympia. Man kennt es aus zahl­losen Abbildern. Das Leben des Marmors, die kunstreiche Behandlung der Haut, des Leinen- und Wollgewebes an den Kleidern des Gottes und des Dionysosknaben, den er im Arm trägt, sind nur vor dem Original zu bewundern. Die anderen Hauptstücke der Sammlung sind die Gie- belsriese des Zeustempels, einer eine Opferhand- hing, der andere einen Drautraub der Zentauren darstellend, und die herrlich schw^ende Rike des Paionivs.

Betrachtete man diese Skulpturen, so ergänzt die Phantasie willig im Grabunasb^irk Bruchstücke der alten heillgen Gebäude, selbst wo nur ihre Fundamente aufgedeckt finb und sieht die Festzüge zu diesem RativnalheillgLum bön Hellas wallen, zu dem aus. der Feme das Tteer herüberleuchtet.