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Nr. 155 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag, (0. )uni 1926

Die farbige Kraft.

Don Dr. Paul Rohrbach.

Was sindfarbige" Völker? Es kommt darauf an. wo man seinen Standpunkt nimmt. ES kommt außerdem darauf an, daß von dem Begriff des »Farbigen" der Begriff desMinderwertigen" getrennt gehalten wird. Der Chinese, zumal der von höherem Stand, hat eine hellere Haut­farbe als der Portugiese, aber wir empfinden trotzdem die gelbliche mongolische Tönung als Fremder. Das hat mit der Achtung vor den ausgezeichneten Leistungen des chinesischen Geistes, namentlich auf moralischem und auf künstlerischem Gebiet, nichts zu tun. Der osmanische Türke ist ursprünglich auch Mongole: das heutige türkische Dolk aber hat im Laufe der Jahrhunderte, von den alten Galatern und Phrygiern bis zu den Tscherkessen, soviel Blut aus anderen Völkern und Rassen aufgenommen, daß es vielleicht stärker gemischt ist, als sonst ein lebendes Dolk der Erde. Rur seine alte innerasiatische Sprache ist ihm geblieben. Man fängt an. sich daran zu ge­wöhnen -- wie gesagt, nicht als Werturteil, sondern einfach als Sprachgebrauch den Aus­druckfarbige Dölker" gleichzusehen mit asiati­schen oder afrikanischen Böllern. 3n diesem Sinn wollen wir uns auch im Folgenden seiner be­dienen.

Der Amerikaner L. Stoddard hat vor einigen Jahren ein ganz interessantes Buch geschrieben: The Rising Tide of Colors" (Das Steigen der farbigen Flut). Auch er braucht den Ausdruck farbig" in unserem Sinn, und er glaubt beweisen können, daß die Afrikaner und Asiaten mächtig ttn Dordringen sind, nicht nur durch ihre wachsen­den Zahlen, sondern auch durch ihren wachsenden nationalen und Rassenwillen, und durch wirk­liche Erfolge. Stoddard zählt Otta solchen Er­folgen eine ganze Reihe auf. In der Tat, das bedarf keines Beweises im einzelnen, hat sich das frühere Verhältnis zwischen denWeißen" und den asiatisch-afrikanischen Völlern, machtpolitisch betrachtet, stark geändert. Australien und im wesentlichen auch Amerika sind ja gleichfalls weißen Mannes Land" geworden. In dem vor­handenen und im kommenden Gegensatz der Erd­teile zählen sie auf der weihen Seite.

Es wäre aber falsch, bei der Beurteilung dieses von Tag zu Tag bedeutungsvoller werden­den Problems nur von den äußeren Ereignissen auszugehen. Weit wichtiger sind die inneren Gründe der Aenderung und die speziell für sie zeugenden Symptome. Für England erhebt sich gerade jetzt von neuem ein akuter Konflikt mit Aegypten. Die englische Regierung hat ein großes Kriegsschiff nach Alexandrien geschickt: sie hat sich aber nicht nur von fremden, sondern auch von englischen Blättern sagen lassen müssen, daß dies eigentlich eine Methode aus einem zu Ende gegangenen Abschnitt des Verfahrens gegen bie farbige Welt fei. Im Grunde genommen kann man den großen Wechsel, der sich vollzogen hat, dahin erllären, daß die Asiaten und die Afrikaner dem Weihen gegenüber nicht mehr jene innere Einstellung haben, die ein Gemisch aus Furcht vor seinen überlegenen Kräften, Respekt vor feinem überlegenen Wesen, ja Scheu vor ihm als einerhöheren" Menschenart war. Es hat immer Farbige gegeben, die es wagten, dem weihen Mann entgegenzutreten, namentlich wenn er schwach, und sie in der Heberzahl waren. Im ganzen genommen, beruhte aber trotzdem die unbeftteitbare Autorität des Weihen mehr auf jenem undefinierbaren Rimbus, den die Fran^ zosenPrestige" nennen, als auf der jedesmaligen Ueberlegenheit an äuheren Machtmitteln. Da­mit ist es vorbei, und weil es damit vorbei ist, können die Weihen jetzt nicht mehr dieselbe Art erfolgreicher asiatischer und afrikanischer Politik machen, wie früher. Das innere Selbstgefühl des Farbigen gegenüber dem Weihen hebt sich immer mehr, und diese Erscheinung begegnet uns nicht nur beim einzelnen, sondern zunehmend auch als Instinkt bei den Massen. Im Jahre 1840 konnte England den Chinesen das Opium- gift mit Kanonenschüssen aufzwingen. 3m Jahre 1925 muhte es vor der Weigerung des chinesischen Volkes, englische Baumwollstoffe zu kaufen und englische Schiffe zu löschen oder zu beladen, kapi­tulieren.

Die Rede der Farbigen, auch jetzt die der Aeghpter, ist einfach: Wir wollen nicht, daß ihr über uns herrscht. Romain Rolland sagt in seinem Büchlein über den 3nder Gandhi, es seien viele Beschwerdebücher Asiens gegen Europa geschrieben worden, eine ganze Anzahl sogar von Engländern, aber das furchtbarste, das un­widerlegbarste, das Buch, das die europäische

Gießener Stadttheater.

Carl Sioboda:Die Wette".

Der . . . Ruhm, der S l o b o b a vorausgeht, erhob sich von seinemTeetisch". Das entscheidende Möbelstück derWette" (seines neuesten Musen­kindes anno 1924) ist die Chaiselongue. Früher nannte man dergleichen schön und aufrichtig: Lotter­bett. Die Franzosen (die, nebenbei, dergleichen viel besser machen, als Sloboda) würden der Einfach­heit halber gleich ein Bett aufgefahren und die Szette ins Schlafzimmer verlegt haben, wo sie hin- gehört.

Sommer im Seebad. In den trauten Familien- frieben zweier Ehepaare platzt ein verdächtiges In­dividuum, der Arzt Abel. Wie er zu dem frommen Namen kommt, ist unerklärlich; er sollte lieber Don Juan heißen,' oder Casanova. Jedenfalls ist dieser angebliche Seelenarzt ein fürchterlicher Frauenjäger und Schrecken aller Ehemänner. (Er hat eineVer­gangenheit", er hat so einen dämonischen Blick und so eine Stimme ... na, Sie wissen schon.) Ehe­mann Julian behauptet um seine Frau Cella gar feine Angst zu haben; Ehemann Arnold hat um so mehr um die seine, Polly, und zwar mit Recht. Julian mit Unrecht, merkt cs auch beizeiten und fällt um.

Frau Cella findet den Abel abscheulich und will ihn grausam demütigen. Da, wo er am empfind­lichsten ist, in seiner Unwiderstehlichkeit. Schließt also eine Wette mit ihm ab: er setztseinen ganzen schlechten Ruf" ein, sie für eine harmlose und tugendreiche Provinzlerin immerhin eine ganze Menge. Ein anmutiges Duell, auszutragen zwischen 10 und 12 Uhr nachts; mit dem Zeitraffer sozusagen.

Zur Beruhigung moralisch empfindlicher Ge­müter geht cs gut aus. Es passiert nichts. Das Lotter­bett hat feinen Zweck total verfehlt. Man hätte das Ganze bequem auf Stühlen abmachen können.

Zivilisation selber in das Herz der unterdrückten Rassen geschrieben hat, der Rassen,die a u s - geraubt und beschmutzt wurden im Ramen lügenhafter Prinzipien", war der KrieglSo groß war die Un- besonnenheit Europas, daß es die Völler Afrikas und Asiens einlud, zu kommen und es in seiner Aacktheit zu betrachten. Sie haben es betrachtet und verurteilt", lind Gandhi sagt:

Der letzte Krieg hat deutlicher als sonst die satanische Ratur der Zivllisation erwiesen, von der sich Europa heute beherrschen läßt. 3edes Sittengeseh ist von den Sie­gern im Ramen der Gerechtigkeit gebrochen worden. Keine Lüge war zu schlecht, um angewendet zu werden. Der Be­weggrund dieser Verbrechen ist nicht etwa reli­giöser ober geistiger Art. Er ist grob mate­riell ... Europa ist heute nur dem Ramen nach christlich. 3n Wirklichkeit betet es den Mam­mon an."

Man kann zugeben, daß schon vor dem Kriege ein langsamer Wandel in der Stimmung der Farbigen gegen die Weißen sich vorbereitete. Durch die Verwendung der farbigen Hilfsvöller auf Seiten der Entente im Weltkriege aber ist ein Vorgang, der sonst vielleicht Generationen gedauert hätte oder ein Jahrhundert, gewaltsam und verhängnisvoll auf wenige 3ahre zusammen­gedrängt worden, lind nicht nur das ist ge­schehen, sondern die Feinde Deutschlands haben, man kann sagen in ihrer Verzweiflung am Siege, den farbigen Völlern auch noch jene faszinierende Formel voll Werbe» und Stoßkraft geliefert, die Formel vom freien Selbstbestimmungsrecht der Völker. Sie ist heute schon ein Glaubensartikel durch ganz Asien und Afrika.

(Aber die Spannung unb bas angenehme Gru­seln . . .) Ehemann Julian hat es doch nicht aus- gehalten, kommt eiferfuchtschnaubenb bazu, zückt ben Revolver, will ben schlimmen Abel erschlagen. Abel bleibt natürlich am Leben; in Lustspielen ist fein Mord am Platze. Unb im brüten Akt, nachbem bie Ehemänner einige Angst ausgestanben haben, unb ben beiden weiblichen Kontrahenten elliche harmlose Küsse verliehen würben, löst sich bas Ganze in eitel Wohlgefallen auf: Ehevaar rechts, Ehepaar links, bas Weltkinb Abel in ber Mitten; unb spricht ben tröstlichen Schlußsegen: sie waren alle beibe nicht zu brauchen.

Wie gesagt, bie Franzosen können so etwas viel bester: bie haben feine höheren Ambitionen unb bewahren bie Linie, bie stimmungsmäßige Einheit bes Dialogs unb ber Situation. Bei Slo- boba wirkt es peinlich, wenn er auf Augenblicke ernst zu werben scheint. Seine Konversation plät­schert streckenweise sehr an ber Oberfläche, und seine Apercus über Ehe, Glück unb Seele, über Frauen im allgemeinen unb Ehefrauen im beson­deren sind von zweifelhafter Qualität. Der dritte Akt verläuft im «chwankhaften.

Die Aufführung unter Telefy war besser, als das Stück. Schwannekc umgab ben bösen Seelenarzt mit aller Glorie eines gefährlichen Schwerenöters. Cella mit ber siegreich geretteten Tugend: Tina Schneider, schmiegsam und sympathisch, obwohl sprachlich anfangs ein wenig hart. Rita Andrä machte sehr drollig bas Gäns­chen Polly. Geffers bemühte sich um ben un­wahrscheinlichen Julian, Telefy gab ben Arnolb reichlich karikiert. Die Aufnahme war freundlich.

Dr. Th.

Frankfurter Theater.

GrillparzersWeh' dem, der lugt!" auf der Schau spielhausbü hne. Heute ist der ominöse Mißerfolg von 1838 am Wiener

Richts wäre falscher, als zu glauben, daß mit der Besiegung der Rifleute und mit der .Hebergabe Abd el Krims das Spiel der Fran­zosen in Rordafrika für immer gewonnen ist. Abd el Krim hat llug gehandelt, als er den Kamps bis zur Kapitulation wählte, und nicht den Frie­densvertrag mit einem verpflichtenden Verzicht. Was er für das Selbstbewußtsein der Mohamme­daner getan hat, nicht nur in Rordafrika, sondern weit darüber hinaus, das ist viel mehr, als sein langer, erfolgreicher Widerstand gegen die militärische Hebermacht Frankreichs und Spa­niens. Wenn die Aeghpter in Üjrcm Wider­streben gegen die englische Herrschaft der Partei der Hnversöhnlichcn bei der letzten Parlaments­wahl die überwältigende Mehrheit ihrer Stim­men gegeben haben, so ist es eine 3llusion, da­gegen mit einer Panzerschiffsdemonftration an­gehen zu wollen. Das ägyptische Volk zählt 15 Millionen Menschen. Früher waren von die­sen vielleicht 15 000 bewußte Feinde der Eng­länder. 3eht sind es alle 15 Millionen.Wir wollen nicht, daß diese über uns herrschen!" 3n diesem Willen steckt die farbige Kraft.

Es ist nicht gesagt, daß, wenn die farbigen Völler einmal ihr Selbstbestimmungsrecht er­reichen. sie auch imstande sein werden, es so auszuüben, daß es ein Segen für sie wird. Ramentlich gilt das von denen, die einen starken Anteil von wirklichem Regerblut in sich haben. Damit aber betreten wir ein Gebiet, das noch dunkel ist: die Frage nach der ursprünglichen Veranlagung der Menschenrassen. Wir wollen uns nicht weiter auf ihm bewegen. Es genügt politisch, zu wissen, daß die Zeit vorbei ist, wo die Beherrscher Asiens und Afrikas fort­dauernd und widerstandslos Kräfte aus diesem Reservoir ziehen konnten.

Durgtheater zur Hnbegreiflichkeit geworden, denn dieses Lustspiel ist entzückend in seiner märchen­haften Phantastik. Vielleicht sind die Gründe jenes Theaterskandals weniger auf den Inhalt, als auf die mangelhafte tedjnifd)e Bewältigung des Stückes zurückzuführen, vielleicht, daß die vielen Heinen Szenen das Spiel zerrissen. Der Abend und die gesamte Aufführung unter Richard Weichert war ein Erfolg; das Werk, wenn auch im ganzen ein wenig antiquiert, wurde ungemein lebendig und humorvoll wiedergegeben. Die Geschichte des Küchenjungen Leon, der aus­zieht, den Reffen seines geliebten Herrn, des Bischofs von Chalons, aus der Gefangenschaft ber Barbaren zu befreien, seine Abenteuer auf dieser Fahrt, das glückliche Ende und die Ver­einigung mit Edrita, der Tochter des Kattwald, das alles kam dramatisch plastisch, mit kraftvoller Fröhlichkeit durchsetzt, in der Inszenierung heraus. Fritz Ot>emar war ein prachtvoller Leon, der mit Klugheit und Keckheit zugleich die Klippe der Lüge umsegelte. Die blonde Ren6e S t r o - bratoa, eine urwüchsige Edrita, sozusagen von frischem Wald- und Crdgeruch umweht. Atalus hingegen, das verwöhnte Muttersöhnchen, über die eigene Einbildung stolpernd, erst langsam sich zu Besserem bekehrend, wurde in der Darstellung Thöerens glänzend charafterisiert. Alexander Engels voll gütiger Weisheit, Den Spa­niers Kattwald ein Barbar comme i! faut und erst der Galomir B i b e r 1 i s, ein Menschen­affe voll köstlich blöder Dummheit. Leo Pä­se tti, München, hatte die Bühnenbilder ge­schaffen, die aufs Inhaltsvollste das Spiel illu­strierten, bildhafte Wirkungen erzielten und von erfreulicher Raturalistik waren. Wie das ganze Spiel jenseits jeder gekünstelten Stilisierung stand, so auch sein künstlerischer Rahmen. Der frische Zug wehte von der Bühne herab in den Zuschauerraum und lieh die Zuschauer sich glän­zend amüsieren. L, w.

Waffentat aus dem Jahre 1866. Alle paar Tage muh eine Patrouille dorthin beordert werden, um die unflätigen Aufschriften $u entfernen, die fortgesetzt von Italienern, die über die Grenze wmmen, auf dem Denkmal angebracht werden. Ich habe selbst Zigaretten- und Zünd­hölzchenschachteln gesehen und hierhin mitgebracht, auf denen die Grenzen Italiens als bis Fiume und den Brenner sich erstreckend dargestellt sind ... Auf diese Weise wird dort für die Jrredenta im Dolle und in der Armee Propa­ganda gemacht. Deutsche Gemeinden haben Ver­treter zu mir gesandt, die sich heftig beklagten, der Hohn und Spott der Italiener fei nicht mehr zu ertragen.

Wir können in der Nachgiebigkeit Italien gegenüber nicht weiter gehen, die Zustände sind schon jetzt unhaltbar. Was haben wir von den Italienern im Dreibund? Wenn die Diplomaten sagen, wir dürften Italien nicht aus dem Dundesverhältnis herauslassen, weil wir es sviist Frankreich in die Arme tric- b en und bei einem allgemeinen europäischen Kriege dann sicher mit seiner Gegnerschaft rech­nen mühten, so bin ich der festen Heberzeugung, daß wir trotz Bündnisses ebenso sicher mit dieser Gegnerschaft zu rechnen haben. Wie ein Pulverfaß wird Italien auffliegen gegen uns beim Ausbruch eines Krieges. Weder der König noch irgendeine Regierung wird diesen Ausbruch zurückhalten können.

Hätten wir kein Bündnis mit Italien, so würde das für uns den großen Vorteil haben, daß wir von der Volksvertretung sofort die unbedingt notwendigen Gelder für den Ausbau der Armee erhalten würden, die uns jetzt, eben mit Rücksicht auf das Bündnis, verweigert wer­den. Wir haben von Italien als Bun­desgenoffen nichts zu erwarten; es stört uns und Deutschland nur in unserer Be­wegungsfreiheit und in der Befolgung unserer sonstigen wichtigen Interessen, wie es sich jetzt gezeigt hat, wo wir Italien zuliebe die Türkei vor den Kopf gestoßen haben.

Sie haben nach dem Zweck und dem Ziele eines Krieges zwischen uns und Italien gefragt. Ich gebe zu, daß eine Eroberung italienischen Territoriums nicht in Frage kommt, höchstens eine kleine Grenzberichtigung. Aber ein sieg­reicher Krieg, und siegreich würde er sein, macht sich immer bezahlt. Wir würden dann imstande sein, das Trentino und Triest mit unerbittlicher Strenge von den italienischen Hetzern zu be­freien. Ein Riederwerfen Italiens würde uns andererseits Bewegungsfreiheit nach der serbi­schen Seite hin geben. Was aber die Hauptsache ist, wir würden endlich von dem Alpdruck be­freit werden, unter dem uns die italienische un» ausgesetzte Bedrohung unserer Südgrenze lon- tinuierlich hält. Diese Spannung ist nicht länger auszuhalten.

Es ist gewiß richtig, daß ein Krieg zwischen uns und Italien schwerlich lokalisiert bleiben könnte. Aber ich bin der felsenfesten Heber­zeugung, daß Deutschland und wir zu­sammen auch gegen eine Koalition Eng­lands, Frankreichs, Italiens und Rußlands sieg­reich bleiben würden. Die italienischen Truppen haben sich, das haben wir konstatiert, in Tripolis durchaus nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe ge­zeigt.

Hnd Rußland? Es hat noch lange zu tun, ehe es seine Armee auf einen besseren Stand bringt und die Folgen des japanischen Krieges überwindet. Die Zurückziehung seiner westlichen Truppen bis hinter die Weichsel hindert Ruß­land, selbst wenn es sofort am Kriege teilnimmt, früher als nach Verlauf einiger Wochen an der deutschen oder österreichischen Grenze zu er­scheinen. Dann werden aber die entscheidenden Schläge auf den anderen Kriegsschauplätzen be­reits gefallen fein, und wir können Rußland mit vereinten, überlegenen Kräften entgegentreten. Deutschland und Oesterreich-Hngarn haben die innere Linie. Sie können im entscheidenden Augenblick zwei Millionen Soldaten auf einem Kriegsschauplatz vereinigen, das können die an­deren nicht. Ich möchte nicht mit dem fran­zösischen oder englischen Generalstabschef tauschen bei dem Entwürfe eines Krieges zwischen diesen Staaten und uns. Die Türkei habe ich nicht er­wähnt: ich glaube, wir hätten sie jedenfalls nicht gegen uns.

Ich bin gewiß kein Optimist, aber ich habe die feste Zuversicht und Heberzeugung, daß wir auch der großen Koalition gewachsen sind. Wenn wir zwei zusammenhalten und einer dem anderen treu zur Seite steht in allen Lagen der krie­gerischen Operationen, so bleiben wir gewiß Sieger.

Kalmus.

Von Leo Sternberg.

Die Wasser sinken ...

Die Landschaft, in Sintflutmüfte zerrissen, wo Bäume, Erdfetzen, Bretterhütten in hilflosen Inseln entschwammen, wächst wieder zusammen zu Flächen und Flut. Geheimnisvoll steigen liefen herauf: Es scheiden sich Wasser und Land.

Die emporgetauchten Schrebergärten sind schwarz von Rabenscharen; frische Spuren von unzähligen Fußen folgen im feuchten Schlamm dem finkenden Flutrand.

Wie die Schnitter die Mahd in Reihen legen, bleiben die Wellenmarken der weichenden Wasser zurück. Seltsame Beute im Rechen der Uferwiesen: Schilfrohr und Weidengerten, Kork und Glas, Gc- hälrn und Muscheln, Schwemmsand Kalmus- wurzeln.

Kein Knabe blieb zu Hause: Der Kalmus schwimmt. UeberaU stapfen sie wundersüchtig am Strand und fischen geringelte, warzige Stangen mit grünen Blätterschwertern aus dem Schaum.

Wo schaukelte das fremde Strandgut her? In welchen Bächen, welchem verträumten Fluß, in wel­chem Teichranddickicht warf der Wogenschwall die bärtigen Wurzeln aus dem Grund?

O, wie sie die fleckigen Zauberruten knocken und schlürfen den Muskat des weichen Marks! Was keine Blüte hat und doch bie Welt berauscht, riß sich los aus fesselndem Ankergrund. Was im Schlamme wuchs und dennoch Düfte der Verheißung streut, fährt vom Quell zum Meer, überall seine Botschaft tragend an trunkene Ufer.

Arom des Unterirdischen ist entfettet, Weihrauch der unfaßbaren liefe dampft. Würzduft der Hölle und Nardc der Liebe fliegen mit der weichen Erde aus den Wassern. Ambra des Elements betäubt alles Blut.

Oesterreich, Italien und der Dreibund?

Conrads Befürchtungen vor einem bewaffneten Ueberfall Italiens. -

Italiens Hetze in Südtirol.

Der Gegensatz zwischen Oesterreich-Hngarn und Italien auf der Dalkanhalbinsel und im Gebret des Adriatischen und Aegäischen Meeres hat stets für den Dreibund eine ernste Belastung bedeutet. Unter dem Eindruck des tri- politanischen Krieges, vor dessen Entfesselung Italien bei den Großmächten der Tripelentente angeklopft hatte, während es die offiziellen Bun­desgenossen mit Beteuerungen seiner Friedens­liebe hinter das Licht führte, war der alte Gegen­satz wieder in den Vordergrund aller politischen Betrachtungen in Wien getreten. Der österreichi­sche Außenminister Gras Aehrenthalbemühte sich zwar mit Erfolg, Italien von einer Aus­dehnung des Kriegsschauplatzes auf die gefähr­lichen Gebiete der europäifchen Türkei abzuhalten, konnte damtt aber doch die Gegner des italieni­schen Bündnisses im Habsburgerreich nicht xur Ruhe bringen. Der Führer der italienfeindlichen Strömung, der u. a. der größte Teil der Gene­ralität angehörte, und der auch der Erzherzog- Thronfolger Franz Ferdinand nicht fern» stand, war der Generalstabschef Conrad von Höhendors, dessen Präventivkriegsprogramm aus seinenErinnerungen" hinlänglich begannt geworden ist. Im Rvvember 1911 kam es in Wien zu einem heftigen Kampf zwischen den Diplomaten und den Militärs, aus dem der bündnisfreundliche Aehrenthal schließlich als Sie­ger hervorgegangen ist. Wir sind in der Lage, im Folgenden aus dem in Kürze bei der Deut­schen Verlagsgesellschaft für Politik und Ge­schichte in Berlin erscheinenden 30. Bande der großen Allenpublikativn des Auswärtigen Amtes einige Schriftstücke zum Vorabdruck zu bringen, die den Standpunkt der Kriegspartei einerseits, des Grafen Aehrenthal andererseits besonders deutlich zum Ausdruck bringen.

Zunächst ein Gespräch des deutschen Bot­schafters von Tschirschky mit dem neuen Reichskriegsminister General v. Auffenberg:

*)Die Große Politik der Europäischen Ka­binette 18711914. Sammlung der diplomati­schen Allen des Auswärtigen Amtes. Im Auf­trage des Auswärtigen Amtes herausgegeben von Johannes Lepsius (f), Albrvcht Mendels­sohn-Bartholdy, Friedrich Thimme. 5. Reihe. Zweite Abteilung:Weltpolitische Komplikatio­nen". Band 3033 (5 Teile). Im Verlage der Deutschen Derlagsgesellfchast für Politik und Ge­schichte in Berlin W 8.

Feldmarschaü Conrads Sturz.

Der Botschafter in Wien von Tschirschky an den Reichskanzler von Dethmann-

Hollw eg.

Ausfertigung.

Rr. 328. Wien, den 18. Rovember 1911.

Ganz vertraulich.

Ich habe heute dem neu ernannten Kriegs- Minister General von Auffenberg feinen ersten Besuch erwidert und bei dieser Gelegenheit eine eingehende vertrauliche Unterredung mit ihm gehabt, die manch interessantes Licht auf die in maßgebenden militärischen Kreisen herrschenden Stimmungen unb Wünsche wirst.

Der General brachte sehr bald das Gespräch auf die italienische Tripvlisexpebition und auf das Verhältnis Oesterreich-Ungarns zu Italien, speziell auf die Frage, ob es opportun sei, das Dundesverhältnis zu diesem Rachbar zu lösen. General von Qluffenberg bekannte sich ganz zu dem bekannten Standpunkte des Generalstabs­chefs Conrad von Hötzendorf unb verhehlte nicht, baß in dieser Beziehung eine scharfe Meinungs­verschiedenheit zwischen den militärischen Stellen und dem Grafen Aehrenthal bestehe.

Ich darf bemerken, daß ich dem Kriegs­minister eingehend bie Gründe barlegte, aus benen vom allgemeinen politischen Standpunkte eine Fortdauer der Zugehörigkeit Italiens zum Bündnis mit ben Zentralmächten wün­schenswert und nützlich erscheine. General von Auffenberg erkannte diese Gesichtspunkte als theoretisch gewiß zutreffend unb logisch an, be­merkte auch, baß er ganz ähnliche Deduktionen vom Grasen Aehrenthal gehört habe. Leider müsse er aber bekennen, daß sie einer Prüfung vom praktischen Standpunkte aus nicht standhielten.

Ich ließ nun den General reden, um ein Bild von dessen Anschauungen zu gewinnen. Er führte ungefähr folgendes aus:

Die Spannung zwischen Italien und uns ist derart scharf geworden, daß sie nicht schärfer werden kann. Die Italiener tun uns alles an, was sie nur können: ber nächste Schritt weiter könnte nur ber bewaffnete Ueberfa 111 sein. Don ber Animosität, die in Italien gegen uns herrscht, können Sie kaum eine Vvrst^Iung haben. Ich komme soeben von einer Jnsektions- reise in Südtirol zurück. Was ich da gesehen und gehört habe, übertrifft selbst meine Erwar­tungen. Wir haben da zum Beispiel in ber Rähe der Grenze ein schlichtes Denkmal an eine