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Nr. 155 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag, (0. )uni 1926
Die farbige Kraft.
Don Dr. Paul Rohrbach.
Was sind „farbige" Völker? Es kommt darauf an. wo man seinen Standpunkt nimmt. ES kommt außerdem darauf an, daß von dem Begriff des »Farbigen" der Begriff des „Minderwertigen" getrennt gehalten wird. Der Chinese, zumal der von höherem Stand, hat eine hellere Hautfarbe als der Portugiese, aber wir empfinden trotzdem die gelbliche mongolische Tönung als Fremder. Das hat mit der Achtung vor den ausgezeichneten Leistungen des chinesischen Geistes, namentlich auf moralischem und auf künstlerischem Gebiet, nichts zu tun. Der osmanische Türke ist ursprünglich auch Mongole: das heutige türkische Dolk aber hat im Laufe der Jahrhunderte, von den alten Galatern und Phrygiern bis zu den Tscherkessen, soviel Blut aus anderen Völkern und Rassen aufgenommen, daß es vielleicht stärker gemischt ist, als sonst ein lebendes Dolk der Erde. Rur seine alte innerasiatische Sprache ist ihm geblieben. Man fängt an. sich daran zu gewöhnen -- wie gesagt, nicht als Werturteil, sondern einfach als Sprachgebrauch — den Ausdruck „farbige Dölker" gleichzusehen mit asiatischen oder afrikanischen Böllern. 3n diesem Sinn wollen wir uns auch im Folgenden seiner bedienen.
Der Amerikaner L. Stoddard hat vor einigen Jahren ein ganz interessantes Buch geschrieben: „The Rising Tide of Colors" (Das Steigen der farbigen Flut). Auch er braucht den Ausdruck „farbig" in unserem Sinn, und er glaubt beweisen können, daß die Afrikaner und Asiaten mächtig ttn Dordringen sind, nicht nur durch ihre wachsenden Zahlen, sondern auch durch ihren wachsenden nationalen und Rassenwillen, und durch wirkliche Erfolge. Stoddard zählt Otta solchen Erfolgen eine ganze Reihe auf. In der Tat, das bedarf keines Beweises im einzelnen, hat sich das frühere Verhältnis zwischen den „Weißen" und den asiatisch-afrikanischen Völlern, machtpolitisch betrachtet, stark geändert. Australien und im wesentlichen auch Amerika sind ja gleichfalls „weißen Mannes Land" geworden. In dem vorhandenen und im kommenden Gegensatz der Erdteile zählen sie auf der weihen Seite.
Es wäre aber falsch, bei der Beurteilung dieses von Tag zu Tag bedeutungsvoller werdenden Problems nur von den äußeren Ereignissen auszugehen. Weit wichtiger sind die inneren Gründe der Aenderung und die speziell für sie zeugenden Symptome. Für England erhebt sich gerade jetzt von neuem ein akuter Konflikt mit Aegypten. Die englische Regierung hat ein großes Kriegsschiff nach Alexandrien geschickt: sie hat sich aber nicht nur von fremden, sondern auch von englischen Blättern sagen lassen müssen, daß dies eigentlich eine Methode aus einem zu Ende gegangenen Abschnitt des Verfahrens gegen bie farbige Welt fei. Im Grunde genommen kann man den großen Wechsel, der sich vollzogen hat, dahin erllären, daß die Asiaten und die Afrikaner dem Weihen gegenüber nicht mehr jene innere Einstellung haben, die ein Gemisch aus Furcht vor seinen überlegenen Kräften, Respekt vor feinem überlegenen Wesen, ja Scheu vor ihm als einer „höheren" Menschenart war. Es hat immer Farbige gegeben, die es wagten, dem weihen Mann entgegenzutreten, namentlich wenn er schwach, und sie in der Heberzahl waren. Im ganzen genommen, beruhte aber trotzdem die unbeftteitbare Autorität des Weihen mehr auf jenem undefinierbaren Rimbus, den die Fran^ zosen „Prestige" nennen, als auf der jedesmaligen Ueberlegenheit an äuheren Machtmitteln. Damit ist es vorbei, und weil es damit vorbei ist, können die Weihen jetzt nicht mehr dieselbe Art erfolgreicher asiatischer und afrikanischer Politik machen, wie früher. Das innere Selbstgefühl des Farbigen gegenüber dem Weihen hebt sich immer mehr, und diese Erscheinung begegnet uns nicht nur beim einzelnen, sondern zunehmend auch als Instinkt bei den Massen. Im Jahre 1840 konnte England den Chinesen das Opium- gift mit Kanonenschüssen aufzwingen. 3m Jahre 1925 muhte es vor der Weigerung des chinesischen Volkes, englische Baumwollstoffe zu kaufen und englische Schiffe zu löschen oder zu beladen, kapitulieren.
Die Rede der Farbigen, auch jetzt die der Aeghpter, ist einfach: Wir wollen nicht, daß ihr über uns herrscht. Romain Rolland sagt in seinem Büchlein über den 3nder Gandhi, es seien viele Beschwerdebücher Asiens gegen Europa geschrieben worden, eine ganze Anzahl sogar von Engländern, aber das furchtbarste, das unwiderlegbarste, das Buch, das die europäische
Gießener Stadttheater.
Carl Sioboda: „Die Wette".
Der . . . Ruhm, der S l o b o b a vorausgeht, erhob sich von seinem „Teetisch". Das entscheidende Möbelstück der „Wette" (seines neuesten Musenkindes anno 1924) ist die Chaiselongue. Früher nannte man dergleichen schön und aufrichtig: Lotterbett. Die Franzosen (die, nebenbei, dergleichen viel besser machen, als Sloboda) würden der Einfachheit halber gleich ein Bett aufgefahren und die Szette ins Schlafzimmer verlegt haben, wo sie hin- gehört.
Sommer im Seebad. In den trauten Familien- frieben zweier Ehepaare platzt ein verdächtiges Individuum, der Arzt Abel. Wie er zu dem frommen Namen kommt, ist unerklärlich; er sollte lieber Don Juan heißen,' oder Casanova. Jedenfalls ist dieser angebliche Seelenarzt ein fürchterlicher Frauenjäger und Schrecken aller Ehemänner. (Er hat eine „Vergangenheit", er hat so einen dämonischen Blick und so eine Stimme ... na, Sie wissen schon.) Ehemann Julian behauptet um seine Frau Cella gar feine Angst zu haben; Ehemann Arnold hat um so mehr um die seine, Polly, und zwar mit Recht. Julian mit Unrecht, merkt cs auch beizeiten und fällt um.
Frau Cella findet den Abel abscheulich und will ihn grausam demütigen. Da, wo er am empfindlichsten ist, in seiner Unwiderstehlichkeit. Schließt also eine Wette mit ihm ab: er setzt „seinen ganzen schlechten Ruf" ein, sie für eine harmlose und tugendreiche Provinzlerin immerhin eine ganze Menge. Ein anmutiges Duell, auszutragen zwischen 10 und 12 Uhr nachts; mit dem Zeitraffer sozusagen.
Zur Beruhigung moralisch empfindlicher Gemüter geht cs gut aus. Es passiert nichts. Das Lotterbett hat feinen Zweck total verfehlt. Man hätte das Ganze bequem auf Stühlen abmachen können.
Zivilisation selber in das Herz der unterdrückten Rassen geschrieben hat, der Rassen, „die a u s - geraubt und beschmutzt wurden im Ramen lügenhafter Prinzipien", war der Kriegl „So groß war die Un- besonnenheit Europas, daß es die Völler Afrikas und Asiens einlud, zu kommen und es in seiner Aacktheit zu betrachten. Sie haben es betrachtet — und verurteilt", lind Gandhi sagt:
„Der letzte Krieg hat deutlicher als sonst die satanische Ratur der Zivllisation erwiesen, von der sich Europa heute beherrschen läßt. 3edes Sittengeseh ist von den Siegern im Ramen der Gerechtigkeit gebrochen worden. Keine Lüge war zu schlecht, um angewendet zu werden. Der Beweggrund dieser Verbrechen ist nicht etwa religiöser ober geistiger Art. Er ist grob materiell ... Europa ist heute nur dem Ramen nach christlich. 3n Wirklichkeit betet es den Mammon an."
Man kann zugeben, daß schon vor dem Kriege ein langsamer Wandel in der Stimmung der Farbigen gegen die Weißen sich vorbereitete. Durch die Verwendung der farbigen Hilfsvöller auf Seiten der Entente im Weltkriege aber ist ein Vorgang, der sonst vielleicht Generationen gedauert hätte oder ein Jahrhundert, gewaltsam und verhängnisvoll auf wenige 3ahre zusammengedrängt worden, lind nicht nur das ist geschehen, sondern die Feinde Deutschlands haben, man kann sagen in ihrer Verzweiflung am Siege, den farbigen Völlern auch noch jene faszinierende Formel voll Werbe» und Stoßkraft geliefert, die Formel vom freien Selbstbestimmungsrecht der Völker. Sie ist heute schon ein Glaubensartikel durch ganz Asien und Afrika.
(Aber die Spannung unb bas angenehme Gruseln . . .) Ehemann Julian hat es doch nicht aus- gehalten, kommt eiferfuchtschnaubenb bazu, zückt ben Revolver, will ben schlimmen Abel erschlagen. Abel bleibt natürlich am Leben; in Lustspielen ist fein Mord am Platze. Unb im brüten Akt, nachbem bie Ehemänner einige Angst ausgestanben haben, unb ben beiden weiblichen Kontrahenten elliche harmlose Küsse verliehen würben, löst sich bas Ganze in eitel Wohlgefallen auf: Ehevaar rechts, Ehepaar links, bas Weltkinb Abel in ber Mitten; unb spricht ben tröstlichen Schlußsegen: sie waren alle beibe nicht zu brauchen.
Wie gesagt, bie Franzosen können so etwas viel bester: bie haben feine höheren Ambitionen unb bewahren bie Linie, bie stimmungsmäßige Einheit bes Dialogs unb ber Situation. Bei Slo- boba wirkt es peinlich, wenn er auf Augenblicke ernst zu werben scheint. Seine Konversation plätschert streckenweise sehr an ber Oberfläche, und seine Apercus über Ehe, Glück unb Seele, über Frauen im allgemeinen unb Ehefrauen im besonderen sind von zweifelhafter Qualität. Der dritte Akt verläuft im «chwankhaften.
Die Aufführung unter Telefy war besser, als das Stück. Schwannekc umgab ben bösen Seelenarzt mit aller Glorie eines gefährlichen Schwerenöters. Cella mit ber siegreich geretteten Tugend: Tina Schneider, schmiegsam und sympathisch, obwohl sprachlich anfangs ein wenig hart. Rita Andrä machte sehr drollig bas Gänschen Polly. Geffers bemühte sich um ben unwahrscheinlichen Julian, Telefy gab ben Arnolb reichlich karikiert. — Die Aufnahme war freundlich.
Dr. Th.
Frankfurter Theater.
Grillparzers „Weh' dem, der lugt!" auf der Schau spielhausbü hne. Heute ist der ominöse Mißerfolg von 1838 am Wiener
Richts wäre falscher, als zu glauben, daß mit der Besiegung der Rifleute und mit der .Hebergabe Abd el Krims das Spiel der Franzosen in Rordafrika für immer gewonnen ist. Abd el Krim hat llug gehandelt, als er den Kamps bis zur Kapitulation wählte, und nicht den Friedensvertrag mit einem verpflichtenden Verzicht. Was er für das Selbstbewußtsein der Mohammedaner getan hat, nicht nur in Rordafrika, sondern weit darüber hinaus, das ist viel mehr, als sein langer, erfolgreicher Widerstand gegen die militärische Hebermacht Frankreichs und Spaniens. Wenn die Aeghpter in Üjrcm Widerstreben gegen die englische Herrschaft der Partei der Hnversöhnlichcn bei der letzten Parlamentswahl die überwältigende Mehrheit ihrer Stimmen gegeben haben, so ist es eine 3llusion, dagegen mit einer Panzerschiffsdemonftration angehen zu wollen. Das ägyptische Volk zählt 15 Millionen Menschen. Früher waren von diesen vielleicht 15 000 bewußte Feinde der Engländer. 3eht sind es alle 15 Millionen. „Wir wollen nicht, daß diese über uns herrschen!" 3n diesem Willen steckt die farbige Kraft.
Es ist nicht gesagt, daß, wenn die farbigen Völler einmal ihr Selbstbestimmungsrecht erreichen. sie auch imstande sein werden, es so auszuüben, daß es ein Segen für sie wird. Ramentlich gilt das von denen, die einen starken Anteil von wirklichem Regerblut in sich haben. Damit aber betreten wir ein Gebiet, das noch dunkel ist: die Frage nach der ursprünglichen Veranlagung der Menschenrassen. Wir wollen uns nicht weiter auf ihm bewegen. Es genügt politisch, zu wissen, daß die Zeit vorbei ist, wo die Beherrscher Asiens und Afrikas fortdauernd und widerstandslos Kräfte aus diesem Reservoir ziehen konnten.
Durgtheater zur Hnbegreiflichkeit geworden, denn dieses Lustspiel ist entzückend in seiner märchenhaften Phantastik. Vielleicht sind die Gründe jenes Theaterskandals weniger auf den Inhalt, als auf die mangelhafte tedjnifd)e Bewältigung des Stückes zurückzuführen, vielleicht, daß die vielen Heinen Szenen das Spiel zerrissen. Der Abend und die gesamte Aufführung unter Richard Weichert war ein Erfolg; das Werk, wenn auch im ganzen ein wenig antiquiert, wurde ungemein lebendig und humorvoll wiedergegeben. Die Geschichte des Küchenjungen Leon, der auszieht, den Reffen seines geliebten Herrn, des Bischofs von Chalons, aus der Gefangenschaft ber Barbaren zu befreien, seine Abenteuer auf dieser Fahrt, das glückliche Ende und die Vereinigung mit Edrita, der Tochter des Kattwald, das alles kam dramatisch plastisch, mit kraftvoller Fröhlichkeit durchsetzt, in der Inszenierung heraus. Fritz Ot>emar war ein prachtvoller Leon, der mit Klugheit und Keckheit zugleich die Klippe der Lüge umsegelte. Die blonde Ren6e S t r o - bratoa, eine urwüchsige Edrita, sozusagen von frischem Wald- und Crdgeruch umweht. Atalus hingegen, das verwöhnte Muttersöhnchen, über die eigene Einbildung stolpernd, erst langsam sich zu Besserem bekehrend, wurde in der Darstellung Thöerens glänzend charafterisiert. Alexander Engels voll gütiger Weisheit, Den Spaniers Kattwald ein Barbar comme i! faut und erst der Galomir B i b e r 1 i s, ein Menschenaffe voll köstlich blöder Dummheit. Leo Päse tti, München, hatte die Bühnenbilder geschaffen, die aufs Inhaltsvollste das Spiel illustrierten, bildhafte Wirkungen erzielten und von erfreulicher Raturalistik waren. Wie das ganze Spiel jenseits jeder gekünstelten Stilisierung stand, so auch sein künstlerischer Rahmen. Der frische Zug wehte von der Bühne herab in den Zuschauerraum und lieh die Zuschauer sich glänzend amüsieren. L, w.
Waffentat aus dem Jahre 1866. Alle paar Tage muh eine Patrouille dorthin beordert werden, um die unflätigen Aufschriften $u entfernen, die fortgesetzt von Italienern, die über die Grenze wmmen, auf dem Denkmal angebracht werden. Ich habe selbst Zigaretten- und Zündhölzchenschachteln gesehen und hierhin mitgebracht, auf denen die Grenzen Italiens als bis Fiume und den Brenner sich erstreckend dargestellt sind ... Auf diese Weise wird dort für die Jrredenta im Dolle und in der Armee Propaganda gemacht. Deutsche Gemeinden haben Vertreter zu mir gesandt, die sich heftig beklagten, der Hohn und Spott der Italiener fei nicht mehr zu ertragen.
Wir können in der Nachgiebigkeit Italien gegenüber nicht weiter gehen, die Zustände sind schon jetzt unhaltbar. Was haben wir von den Italienern im Dreibund? Wenn die Diplomaten sagen, wir dürften Italien nicht aus dem Dundesverhältnis herauslassen, weil wir es sviist Frankreich in die Arme tric- b en und bei einem allgemeinen europäischen Kriege dann sicher mit seiner Gegnerschaft rechnen mühten, so bin ich der festen Heberzeugung, daß wir trotz Bündnisses ebenso sicher mit dieser Gegnerschaft zu rechnen haben. Wie ein Pulverfaß wird Italien auffliegen gegen uns beim Ausbruch eines Krieges. Weder der König noch irgendeine Regierung wird diesen Ausbruch zurückhalten können.
Hätten wir kein Bündnis mit Italien, so würde das für uns den großen Vorteil haben, daß wir von der Volksvertretung sofort die unbedingt notwendigen Gelder für den Ausbau der Armee erhalten würden, die uns jetzt, eben mit Rücksicht auf das Bündnis, verweigert werden. Wir haben von Italien als Bundesgenoffen nichts zu erwarten; es stört uns und Deutschland nur in unserer Bewegungsfreiheit und in der Befolgung unserer sonstigen wichtigen Interessen, wie es sich jetzt gezeigt hat, wo wir Italien zuliebe die Türkei vor den Kopf gestoßen haben.
Sie haben nach dem Zweck und dem Ziele eines Krieges zwischen uns und Italien gefragt. Ich gebe zu, daß eine Eroberung italienischen Territoriums nicht in Frage kommt, höchstens eine kleine Grenzberichtigung. Aber ein siegreicher Krieg, und siegreich würde er sein, macht sich immer bezahlt. Wir würden dann imstande sein, das Trentino und Triest mit unerbittlicher Strenge von den italienischen Hetzern zu befreien. Ein Riederwerfen Italiens würde uns andererseits Bewegungsfreiheit nach der serbischen Seite hin geben. Was aber die Hauptsache ist, wir würden endlich von dem Alpdruck befreit werden, unter dem uns die italienische un» ausgesetzte Bedrohung unserer Südgrenze lon- tinuierlich hält. Diese Spannung ist nicht länger auszuhalten.
Es ist gewiß richtig, daß ein Krieg zwischen uns und Italien schwerlich lokalisiert bleiben könnte. Aber ich bin der felsenfesten Heberzeugung, daß Deutschland und wir zusammen auch gegen eine Koalition Englands, Frankreichs, Italiens und Rußlands siegreich bleiben würden. Die italienischen Truppen haben sich, das haben wir konstatiert, in Tripolis durchaus nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe gezeigt.
Hnd Rußland? Es hat noch lange zu tun, ehe es seine Armee auf einen besseren Stand bringt und die Folgen des japanischen Krieges überwindet. Die Zurückziehung seiner westlichen Truppen bis hinter die Weichsel hindert Rußland, selbst wenn es sofort am Kriege teilnimmt, früher als nach Verlauf einiger Wochen an der deutschen oder österreichischen Grenze zu erscheinen. Dann werden aber die entscheidenden Schläge auf den anderen Kriegsschauplätzen bereits gefallen fein, und wir können Rußland mit vereinten, überlegenen Kräften entgegentreten. Deutschland und Oesterreich-Hngarn haben die innere Linie. Sie können im entscheidenden Augenblick zwei Millionen Soldaten auf einem Kriegsschauplatz vereinigen, das können die anderen nicht. Ich möchte nicht mit dem französischen oder englischen Generalstabschef tauschen bei dem Entwürfe eines Krieges zwischen diesen Staaten und uns. Die Türkei habe ich nicht erwähnt: ich glaube, wir hätten sie jedenfalls nicht gegen uns.
Ich bin gewiß kein Optimist, aber ich habe die feste Zuversicht und Heberzeugung, daß wir auch der großen Koalition gewachsen sind. Wenn wir zwei zusammenhalten und einer dem anderen treu zur Seite steht in allen Lagen der kriegerischen Operationen, so bleiben wir gewiß Sieger.
Kalmus.
Von Leo Sternberg.
Die Wasser sinken ...
Die Landschaft, in Sintflutmüfte zerrissen, wo Bäume, Erdfetzen, Bretterhütten in hilflosen Inseln entschwammen, wächst wieder zusammen zu Flächen und Flut. Geheimnisvoll steigen liefen herauf: Es scheiden sich Wasser und Land.
Die emporgetauchten Schrebergärten sind schwarz von Rabenscharen; frische Spuren von unzähligen Fußen folgen im feuchten Schlamm dem finkenden Flutrand.
Wie die Schnitter die Mahd in Reihen legen, bleiben die Wellenmarken der weichenden Wasser zurück. Seltsame Beute im Rechen der Uferwiesen: Schilfrohr und Weidengerten, Kork und Glas, Gc- hälrn und Muscheln, Schwemmsand — Kalmus- wurzeln.
Kein Knabe blieb zu Hause: Der Kalmus schwimmt. UeberaU stapfen sie wundersüchtig am Strand und fischen geringelte, warzige Stangen mit grünen Blätterschwertern aus dem Schaum.
Wo schaukelte das fremde Strandgut her? In welchen Bächen, welchem verträumten Fluß, in welchem Teichranddickicht warf der Wogenschwall die bärtigen Wurzeln aus dem Grund?
O, wie sie die fleckigen Zauberruten knocken und schlürfen den Muskat des weichen Marks! Was keine Blüte hat und doch bie Welt berauscht, riß sich los aus fesselndem Ankergrund. Was im Schlamme wuchs und dennoch Düfte der Verheißung streut, fährt vom Quell zum Meer, überall seine Botschaft tragend an trunkene Ufer.
Arom des Unterirdischen ist entfettet, Weihrauch der unfaßbaren liefe dampft. Würzduft der Hölle und Nardc der Liebe fliegen mit der weichen Erde aus den Wassern. Ambra des Elements betäubt alles Blut.
Oesterreich, Italien und der Dreibund?
Conrads Befürchtungen vor einem bewaffneten Ueberfall Italiens. -
Italiens Hetze in Südtirol.—
Der Gegensatz zwischen Oesterreich-Hngarn und Italien auf der Dalkanhalbinsel und im Gebret des Adriatischen und Aegäischen Meeres hat stets für den Dreibund eine ernste Belastung bedeutet. Unter dem Eindruck des tri- politanischen Krieges, vor dessen Entfesselung Italien bei den Großmächten der Tripelentente angeklopft hatte, während es die offiziellen Bundesgenossen mit Beteuerungen seiner Friedensliebe hinter das Licht führte, war der alte Gegensatz wieder in den Vordergrund aller politischen Betrachtungen in Wien getreten. Der österreichische Außenminister Gras Aehrenthalbemühte sich zwar mit Erfolg, Italien von einer Ausdehnung des Kriegsschauplatzes auf die gefährlichen Gebiete der europäifchen Türkei abzuhalten, konnte damtt aber doch die Gegner des italienischen Bündnisses im Habsburgerreich nicht xur Ruhe bringen. Der Führer der italienfeindlichen Strömung, der u. a. der größte Teil der Generalität angehörte, und der auch der Erzherzog- Thronfolger Franz Ferdinand nicht fern» stand, war der Generalstabschef Conrad von Höhendors, dessen Präventivkriegsprogramm aus seinen „Erinnerungen" hinlänglich begannt geworden ist. Im Rvvember 1911 kam es in Wien zu einem heftigen Kampf zwischen den Diplomaten und den Militärs, aus dem der bündnisfreundliche Aehrenthal schließlich als Sieger hervorgegangen ist. Wir sind in der Lage, im Folgenden aus dem in Kürze bei der Deutschen Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin erscheinenden 30. Bande der großen Allenpublikativn des Auswärtigen Amtes einige Schriftstücke zum Vorabdruck zu bringen, die den Standpunkt der Kriegspartei einerseits, des Grafen Aehrenthal andererseits besonders deutlich zum Ausdruck bringen.
Zunächst ein Gespräch des deutschen Botschafters von Tschirschky mit dem neuen Reichskriegsminister General v. Auffenberg:
*) „Die Große Politik der Europäischen Kabinette 1871—1914.“ Sammlung der diplomatischen Allen des Auswärtigen Amtes. Im Auftrage des Auswärtigen Amtes herausgegeben von Johannes Lepsius (f), Albrvcht Mendelssohn-Bartholdy, Friedrich Thimme. 5. Reihe. Zweite Abteilung: „Weltpolitische Komplikationen". Band 30—33 (5 Teile). Im Verlage der Deutschen Derlagsgesellfchast für Politik und Geschichte in Berlin W 8.
Feldmarschaü Conrads Sturz.
Der Botschafter in Wien von Tschirschky an den Reichskanzler von Dethmann-
Hollw eg.
Ausfertigung.
Rr. 328. Wien, den 18. Rovember 1911.
Ganz vertraulich.
Ich habe heute dem neu ernannten Kriegs- Minister General von Auffenberg feinen ersten Besuch erwidert und bei dieser Gelegenheit eine eingehende vertrauliche Unterredung mit ihm gehabt, die manch interessantes Licht auf die in maßgebenden militärischen Kreisen herrschenden Stimmungen unb Wünsche wirst.
Der General brachte sehr bald das Gespräch auf die italienische Tripvlisexpebition und auf das Verhältnis Oesterreich-Ungarns zu Italien, speziell auf die Frage, ob es opportun sei, das Dundesverhältnis zu diesem Rachbar zu lösen. General von Qluffenberg bekannte sich ganz zu dem bekannten Standpunkte des Generalstabschefs Conrad von Hötzendorf unb verhehlte nicht, baß in dieser Beziehung eine scharfe Meinungsverschiedenheit zwischen den militärischen Stellen und dem Grafen Aehrenthal bestehe.
Ich darf bemerken, daß ich dem Kriegsminister eingehend bie Gründe barlegte, aus benen vom allgemeinen politischen Standpunkte eine Fortdauer der Zugehörigkeit Italiens zum Bündnis mit ben Zentralmächten wünschenswert und nützlich erscheine. General von Auffenberg erkannte diese Gesichtspunkte als theoretisch gewiß zutreffend unb logisch an, bemerkte auch, baß er ganz ähnliche Deduktionen vom Grasen Aehrenthal gehört habe. Leider müsse er aber bekennen, daß sie einer Prüfung vom praktischen Standpunkte aus nicht standhielten.
Ich ließ nun den General reden, um ein Bild von dessen Anschauungen zu gewinnen. Er führte ungefähr folgendes aus:
Die Spannung zwischen Italien und uns ist derart scharf geworden, daß sie nicht schärfer werden kann. Die Italiener tun uns alles an, was sie nur können: ber nächste Schritt weiter könnte nur ber bewaffnete Ueberfa 111 sein. Don ber Animosität, die in Italien gegen uns herrscht, können Sie kaum eine Vvrst^Iung haben. Ich komme soeben von einer Jnsektions- reise in Südtirol zurück. Was ich da gesehen und gehört habe, übertrifft selbst meine Erwartungen. Wir haben da zum Beispiel in ber Rähe der Grenze ein schlichtes Denkmal an eine


