Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, y. Moder 1926
Hr. 257 Drittes Blatt
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Tonnen redendes Papier in die Front geworfen wurden. Richt zu wiegen vermag s.e aber geopferte Kraft der Herzen und der Hirne.
glücklichen Statistik,
gab er, um nicht alles zu verlieren, Auftrag zum Verkauf. Man war mit der Miete im Rückstand; man schuldete dem Fleischer, dem Feinkosthändler, dem Bäcker beschämend kleine Beträge. Vergebens hob Oriewicz die verfchrumpften Hände beschwörend. Ernst Wilemar verkaufte. Zweitausend Mark waren alles, was man von den fünftausend rettete. Frau Julie beglich die dringendsten Forderungen. Bald stand man wieder da, wo man war. Und die erste Perserbrücke wanderte ins Leihhaus.
Eines Tages kam Ernst Wilemar rätselhaft lächelnd nach Hause.
lForftetzung folgt.)
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rung des russischen Menschenmaterials zu bränaen, wurde ihm eine inhaltlich und formell fürchterliche Abfertigung zuteil. Kerenski hielt den Wcstmächlln ihr Sündenregister vor und betonte, daß Rußland noch immer Großmacht sei. Dann schickte er die Botschafter mit einer brutalen Handbewegung weg. Und nun sehen wir Buchanan dem unhöflichen Kerenski nachlaufen und die entschuldigende Erklärung ab- geben, der Schritt sei nur erfolgt, um seinen — Kerenskis — Arm zu stärken.
Derselbe Wunsch, die kriegsmüden russischen Soldaten noch einmal ad maiorem Britanmae gloriam in die Schlacht zu führen, lieh Buchanan sogar unter dem bolschewistischen Regime noch einige Monate ausharren, so rücksichtslos auch Lenin und Trotz! y waren, die in Buchanan nur den unerwünschten Beamten (nicht mehr den Botschafter) einer Macht erblickten, die das Sowjetregime gar nicht anerkannt hatte, daher auch keinen Sowjetbotschafter in London duldete.
Verfolgt man diese sich dramatisch steigernde Selbstentblößung, und erinnert man sich dann des Satzes in der Ansprache an Miljukoff vom 24. Marz 1917: „Ich habe heute die Ehre, Ihnen die Grüße einer befreundeten und verbündeten Nation zu über-
einrüden!“ Diese Vetonun, müßigen hatte viele gute 1
und besonders von Kindern mit einer teuflischen Freude geübt wurde. Diese Klebezettel nun besaßen vor allem ein so fabelhaft starkes Klebemittel, daß sie, wenn sie einmal an Ort und Stelle klebten, nicht mehr abgelöst werden konnten oder doch nur in so winzigen Schnihcl- chen, daß niemanb Zeit noch Geduld zum Entfernen aufbrachte. Es gab keine Telegraphenstange, keine Mauer, an lenen nicht mindestens ein Dutzend ihre eindringliche Sprache geredet hatten. Es gab Telegraphenstangen, die von unten bis hoch oben durch sie wie von einem Mantel eingehüllt waren, Wände, die mit seltsamen Mustern tape iext schienen. 3a, sogar an Kilometersteinen, Qllleebäumen, Klce'üflern auf Feldern, an verschwiegenen Orten konnte man sie untreren.
3n dem bedruckten. Papier, das sich schließlich zu einem Museum häufte, läßt sich leutlich die Kurve der Leidenschaft nachiceisen. die jene antrieb, welche oft tagelang cen Inhalt eines Flugblattes überdachten, in eigenen, lange wäh-
heimatlichen Kirche zeigt; und der junge Bursche fleht die Frau an: „Mutter, stimm nicht für Jugoslawien, sonst muß ich für König Peter
renden S Hungen sich über die Richtlinien Kampsart einigten, dann aber wieder, von sich überstürzenden Ereignissen gezwungen gehetzt, in Minuten einen Text entwarfen, Tausende von Menschen entzündete. Bor
Der „Vormund" des revolutionären Rutzlands. Enthüllungen des englischen BotschaZters in St. Petersburg
meisten der Plakate waren so einfach in Gedanken und Zeichnung, Ira en den Ton des Volkes und jedes derselben ersetzt: eine Unmenge von Versammlungen. Jedes Piaiat wurde in zwei Ausgaben herausgebracht, die eine war mit deutschem Text versehen, die andere mit slowenischem, und zwar vorwiegend in der windischen Mundart, die in dem betreffenden Gebiete gebräuchlich war. Wie jämmerlich stachen gegen diese volkstümlichen Kunstwerke die Erzeugnisse der südslawischen Werbung ab! Aber nachgeahmt wurde von ihnen alles, auch die köstliche Idee der Klebezettel. Während die Plakate und Zeitungen die Artillerie darstellten, durfte inan sie wohl als die nie ruhende Infanterie, als die fortwährend tägigen Plänkler bezeichnen. Kleine Blättchen, etwa im Formal 10x6 Zentimeter, auch klei. er. bedruckt mit Schlagworten wie: „Hinaus mit den Trainern!“, „Bei euch droht Krieg, wir Haden Frieden!", „Grün ist unser Serbengist!" (die Stimmzettel iür Kam en ha.ten grüne Farbe) oder mit kurzen Versen, wirksamen Zeichnungen, waren sie so handsam, daß sie sick) bequem in der inneren Handfläche verbergen ließen und während des Augenblickes, da ein gefährlicher Zeuge nur nach einem Geräusch, nach einem Menschen sah, hinter seinem Rücken aufgeklebt werden konn en, toa3 auch tausende Male geschah
litt uiiörelnneit, •tl abzugeb.
Das große Würfelspiel
(Martina Wilemar.)
Roman von Franz JE a ü e r Kappus.
Die Macht des Papiers. Eine Erinnerung an die Kärntner Volksabstimmung. 10. Oktober 1920.
Von Josef Friedrich P e r k o n i g.
Das Abstimmungsgebiet in Kärnten war in fünf oder sechs Bezirke geteilt und jedem stand ein junger Draufgänger vor: jeder ein Kärntner mit einem glühenden, immer bereiten Herzen. Man ahnte, welche Wirkung so ein Felsenfester ein auf sich und seine Getreuen Bauender auf das ganze Gebiet ausüben mußte.
„Wir werden den Kamps mit dem Papier gewinnen!" — prophezeite mitt:n in seiner Arbeit der Abschnittsleiter. »Wir kennen die Leute in der Abstimmungszone genau. Die überwiegende Mehrzahl ist heimattreu nur steht Jie unter dem fortwährenden Einiluße der frcmi.cn Verwaltung. Die Südslawen laufen jetzt so ge- wissermaßen die innere Kurve. Sie haben alle Möglichkeiten der Beeinflussung in d:r Hand. Diesen Wirkungen nun müssen wir entgegenarbeiten. Es gilt, die Starken stark und zuversichtlich zu erhalten, die Schwachen zu trä-tiaen, die Lauen zu erwecken, die Verzagten auszu- richten. die durch Lügen und unwahre Gerüchte Eingeschüchterten oder Abgelenlten aufzu.lären. Unser bestes Mittel dafür ist das bedruckte Papier. Hierin laufen wieder wir die innere Kurve, denn wir haben beinahe ein halbes Dutzend ausgezeichneter, leistungsfähiger Druk- kereien zur Verfügung, die Südslawen nur zwei kleine, erst in letzter Zeit notdürftig eingerichtete Quetschen. Es zeigt sich bereits, wie hindernd ihnen die Karawanien schon in dem einen Falle sind, denn es braucht viel Tage, bis sie von Laibach Druckerzeugnisse bctommyn, uns aber stellt ein» Aotationspresse in einer einzigen Aacht Hunderttausende von Flugzetteln zur Verfügung, wenn Mr sie nur benötigen. Wir werden also", wiederholte er noch einmal lächelnd, „die 'Abstimmung mit Papier gewinnen." älnb dabei wendet er sich gegen einen Stoß von Papier, der in einem Winkel des Zimmers einen großen Raum einnimmt Zwei junge Burschen, offenbar Studenten einer Klagenfurter Mittelschule, waren damit beschäftigt, Päckchen zu zählen, denn die Blätter staken zu je hundert Stück in farbigen Schleifen.
In der ersten Zeit, als die Südslawen die Demarkationslinie so dicht absperrten und niemand her oder hin ließen, war die Sache schwieriger. Damals luden einige tollkühne Leute wenige Kilo von den Flugzetteln in Rucksäcke und auf gefährlichen Schleichwegen bracht, n sie das Papier der Propaganda in das abgesperrte Gebiet. Oft mußten sie dabei in dunklen Rächten die Flüsse und Bäche durchschwimmen. Keinen Augenblick waren sie vor Tod oder Einkerkerung sicher. Jedes der Flugblätter und jede Zeitung aber, die auf solchen heimlichen Wegen in die Abstimmungszone kam, war wie eine Reliquie, wanderte von Hand zu Hand, wurde wie ein Evangelium gelesen und hatte eine vielfältige Wirkung. Wie sehr man auf der Seite der Südslawen die kärntnerischen Druckerzeugnisse fürchtete, ging wohl auch daraus hervor, daß auf den nachgewiesenen Besitz oder auf Verbreitung derselben Kerkerstrafe stand und auch häufig verhängt wurde. Anfangs war jede Frage ausführlich behandelt worden, war förmlich zu einem Problem gemacht, am Ende der Zeit drängte alles in wenigen kurzen, schlagwortartigen Hinweisen, Forderungen, Warnungen, Mahnungen zusammen. Jeder der Flugzettel war nur mehr das Ergebnis einer oftmals klargelegten Unter» suchung, war eine unterstrichene Erinnerung eines hundertmal erhobenen Rufes. Die Kürze regierte. Darum war nun auch die Zeit deS Plakats gekommen. An allen Ecken klebten sie, an starken Bäumen, Scheunentüren, Hauswänden: in verschiedenen Größen. Die Gedanken der Werbung in köstliche Einfälle umsehend, waren sie von Künstlern entworfen und in einer mustergültigen Form vervielfältigt, mit gelungenen, kurzen, einprägsamen Unterschriften versehen, die oft zu geflügelten Worten wurden, wie jenes „Ho — o — v — ruck über den Loibl!" Vor allem sprang in die Augen das große farbige Dild mit dem Kärntner Bauer, der den Stimmzettel in der Hand hielt, und jenes gemütvolle Bild, das die Mutter mit dem Sohne vor der
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Sir George
Die Literatur, die den Anteil Rußlands an der Vorgeschichte, dem Verlaufe und dem Ausgange des Weltkrieges schildert, erfreut sich des lebhaftesten Interesses der deutschen Lesewelt. Das ist ganz natürlich. Das alte Zarenreich war der Koloß, dessen Millionenheere — wenn die Zahl galt — die Armeen der Mittelmächte niederringen oder mindestens so sehr binden konnten, daß Deutschland und Oesterrcich-Ungarn niemals und nirgends ein relatives Uebergewicht erreichten. Das russische Reich der Romanows brach im Frühjahre 1917 zusammen. Seine Ausschaltung aus dem Weltkriege wurde aber bei uns höchstens als eine Entlastung, nicht als eine Befreiung empfunden, d:nn aus den Wehen dieses Umsturzes wurde eine bolschewistische Welt geboren, die mehr ober minder die g.f.imtc europäische Gesellschaft bedrohte. Die Dolschewisierung Rußlands trug erheblich zur moralischen Zerrüttung der schwer ringenden mittelmächtlichen Heere und noch mehr zur Unterwühlung ihrer hungernden Heimat bei. Eine Sowjetrepublik, die von der Ostsee und dem Schwarzen Meere bis zum Stillen Ozean reichte, mußte aber auch nach geschlossenem Frieden das Antlitz der Erde bestimmen.
Daß Rußland im Weltkriege trotz des größten Heldenmuts feiner Söhne versagen und schließlich sich zur Ruinen- und Dlutstätte wandeln muhte — das zu schildern und zu erklären, haben die hervorragendsten Geister Rußlands und der Westmächte versucht. Paleologue, der Botschafter der ftanzösischen Republik am Hofe des Zaren, hat diesem Werke seine tiefe Einsicht und die künstlerische Kraft seiner Sprache geliehen. Aber Paleologue fehlten die unmittelbaren Erfahrungen aus beiden Revolutionen selbst. Bald nach dem Ausbruch der März- Revolution abberufen, war es ihm nicht mehr beschieden, die Ablösung der bürgerlichen Revolution durch den Terror der Lenin und Trotzki zu schauen. Sein englischer Kollege — Sir George Buchanan — hat nicht nur — wie Paleologue — den Kriegsausbruch und den Sturz des Zaren in Rußland erlebt: er stand vielmehr mitten in den Revolutionen, er sah das Kommen der bolschewistischen Götter.
Zu einer Zeit, da die Aufmerksamkeit des deutschen Lesepublitums durch, die eigene Heimat
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schlug sich die Mutter mit arroganten oder verdächtigen Wohnungssuchenden herum. Wieder wollte niemand anbeijjen. Und mann brauchte das Geld dringend. Die Spekulation mit den Aktien der Baugesellschaft und der Terag erwies sich als verfehlt. B ststst.. Februar waren die Papiere ständig gefallen. Noch eine Woche hatte Ernst Wilemar zugewartet, dann
Buchanan.
tief berührende, politische Ereignisse von dem Studium der Geschicke Rußlands abgelenkt war, veröffentlichte Buchanan feine Erinnerungen. Er bot mit ihnen ein blendendes G.s.mllbilv seiner Erlebnisse, die die Zeit von 13Z6 bis 1921 umfassen, namentlich aber ein Bild der russischen Menschen, der Zusammenhänge der russischen Ereignisse: Land, Leute, russisch: Psvche uni) Rußlands gewaltiges, finsteres Schicksal. Sachlicher als Paleologue malte Buchanan doch mit leuchtenden Farben. Wo der Franzose aufhörte, begann der Brite erst recht mit grandioser Schilderung: Zarenende und Bolschewismus. Jetzt, da der Deutsche nach ilebertoinöung der bittersten Rot die Geschichte des Weltkrieges, seiner Ursachen und Auswirkungen mit der durchdringenden Schärfe deutschen Geistes, mit durch Leiden geschärftem Erkenntniswillen durchforscht, wird ihm eine deutsche Ausgabe des Werkes Buchanans von besonderem Rutzen sein. (Eine solche erscheint dieser Tage, von Else Baronin Werlmann besorgt, unter dem Titel „M eine Mission in Rußland" im Verlag für Kulturpolitik in Berlin.)
Daß gerade Buchanan über die russischen Revolutionen schrieb, hat an sich einen besonderen Reiz. Einem großen Teile der Welt gilt der einstige englische Botschafter am Zarenhofe als der Urheber der russischen Revolution. Man tut seiner InteUigenz zuviel, seinem Charakter zu wenig Ehre an, wenn man das behauptet. Aber — ein Mitschuldiger war Sir George. Er selbst gesteht, daß die nächsten Verwandten des Zaren, daß die ganze konservative russische Welt die Rolle verurteilte, die er unmittelbar vor und nach dem Tage von Pskow gespielt hatte. Ratürlich weist er die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurüa. Aber seine Verteidigung wird fast immer zur Anklage, wenn man eben die Beschuldigung einschränkt, wie es oben geschah.
Ein Beispiel: Buchanan ist (als Indiz) auch seine Passivität gegenüber dem Schicksal des Zaren — des Vetters, Freundes und Verbündeten des Königs von England (!) — zum Dorwurfe gemacht, ja er ist sogar beschuldigt worden, die matten Bemühungen seiner Regierung zur Rettung des Zaren zum Scheitern gebracht zu haben. Gegen diese Beschuldigungen führt nun
Buchanan ins Treffen: „Am 21. März, als Seine Majestät noch in der Stavka to.ir, fragte ich Miljukoff. ob die Rachrichten der Preise über die Verhaftung des Zaren wahr wären. Er crotbertc, daS sei nicht gant zutreffend Seine Majestät sei nur seiner Freiheit beraubt ein hübscher Euphemismus - und würde unter Eskorte nach Zarskoje Selo gebracht werden. Ich erinnerte ibn daran, daß der Zar des Königs naher Verwandter und intimer Freund sei, und fügte hinzu, ich hätte gerne eine Zusicherung, daß alle Vorsichtsmaßnahmen für die Sicherheit Seiner Majestät getroffen werden würden. Miljukoff fragte mich, ob wir Vorbereitungen für die Aufnahme der kaiserlichen Familie in England tiä en. Auf meine verneinende Antwort sagte er. er wünschte dringend, daß der Zar Rußland so ort verließe. Er würde daher dankbar sein, wenn Seiner Majestät Regierung ihm ein Ql!1)1 in England anböte. Ich bat daS Foreign Oifice telegraphisch um die betreffende Ermächtigung. Am 23. März benachrichtigte ich Milmkosf. raß der König uird seine Regierung glücklich feien, die Bitte der provisorischen Regierung erfüllen zu können. Werde das Achlangebot angenommen, so müsse die russische Regierung natürlich angemessene Vorkehrungen für den Unterhalt treffen. Am 26. März sagte mir Mrljukoss. das Reise-, vrojelt sei dem Zaren noch nicht vorgetragen Warden. denn man wolle erst die Opposiiion crS Sowjets überwinden, auch konnten die Majestäten erst abreifen, wenn es ihren Kindern be'.ec ginge. — Mehr als einmal erhielt ich die v?.i- sicherung, es gäbe keinen Grund zur Befor-'.nis um den Zaren. Mehr konnten wir nicht tun
„Mehr tonnten wir nicht tun.“ - Diese Behauptung richtet Buchanan und die englische Regierung, wenn das „wir" auch sie einschließen soll.
Es gibt aber eine Erklärung für dieses fürchterliche „Mehr konnten wir nicht tun", das die Katastrophe von Jekaterinburg möglich machte: Die englische Regierung, von Buchar.en belehrt, glaubte an die Fähigkeit des reaeiuMonierten Rußland, den Westmächten im W.d- triege eine bessere Stühe zu fein, als das Rußland der Zaren. Daher auch ihre Eile bei l'cü Anerkennung der provisorischen Regierung. „Während noch eine Chance für die Anerkennung deS Großfürsten Michael als Regent oder Zar bestand, verlangte und erhielt ich", schreibt Buchanan, „die Vollmacht, jede de sa to eingcse.cke Regierung anzuerkennen ... Am 18. März sch mit .Miljukoff diese Frage an, doch ich sagte ihm. bevor ich von der mir bereits erteilten Vollmacht Gebrauch machen würde, mußte ich die Versicherung haben, daß die neue Regierung cen Krieg bis zum Ende durchkämpsen wolle." Am 24. März notifizierte er Miljukoff die Anerkennung.
Das russische „Kanonenfutter" war zugcsichert worden. — Um dieses Kanonenfutter zu erlangen, war der Botschafter Seiner britischen Majestät bereit, jede Demütigung auf fick zu nehmen.
Als er nach der Korniloff-Assäre — im Dliobcr 1917 — mit dem französischen und dem italienischen Botschafter bei Kerenski, der indessen Ministerprasi-
leuchtung einschaltete. Und als letzter klappte er die großen Bücher zu. Jede Einzelheit kannte Martina auswendig.
„Fräulein Wilemar!"
„Bitte, Herr Schramm."
Durch die offene Tür fragte die Männerstimme: „Wie notieren hobelfähige Bretter ab Versandstation?"
„Franko Mannheim: achtundsechzig."
„Und sägefallende Tannenbretter ab Bayern?"
„Zwounbsünfzig."
„Danke, Fräulein Wilemar."
„Bitte, Herr Schramm."
Martina schrieb weiter.
Wie eine Uhr ging ihr neues Dasein hin. Seit vielen Wochen lebte sie in dieser Welt. Schwer und drückend war es am Anfang gewesen. Von neun bis sechs immer in demselben engen Raum: das lastete auf Seele und Leib. Von neun bis sechs als Mensch zu verschwinden: nicht jeder brachte das so rasch zuwege. Unpersönlich war ja alles, allein auf die Sache gestellt. Maschinen eilten da hin und her, Ma- schinen diktierten Briefe, Maschinen sprachen durchs Telephon, Maschinen gebrauchten höfliche Formeln.
Es war schwer, aber es ging. Man mußte sich nur gehörig im Zaume halten. Mußte, wenn man die vier Treppen herausfuhr, abtun, was nicht zum Geschäft gehörte. Etwas davon blieb doch im Herzen und furrte als Unterton bei der Arbeit mit. Die Stimmung der Morgenstunden schwang über den ganzen Tag hin. Manchmal freilich rebellierte das zurückgedrängte Ich. Manchmal sprang ein Gedanke hoch und wollte nicht schweigen. Er bohrte im Hirn, Drängte fremde Worte in die Korrespondenz und trieb kleine Seufzer über die Lippen. Die blutarme, alternde Kollegin, der die andere Zimmerhälfte gehörte, seufzte oft so.
Martina hielt sich tapfer.
Niemand merkte ihr an, daß sie seit vierzehn Tagen keine Nachricht von Benno hatte. Immer war sie gleich freundlich, gleich heiter. Flink gingen ihr die Briefe von der Hand. In allem und jedem wußte sie Bescheid. Wenn sie so weitermachte, durfte sie nach dem ersten Halbjahr mit zwanzig Mark Gehaltserhöhung rechnen.
Schlimm wurde es erst, wenn sie im Kraftomnibus faß.
schiedenesj lerer Beamter reicher Unter- -Wahrung und e'lenZeugnlfien erzielte (ftjolge
Irivat- unben.
W it. 0G901 Gies«. Ülnfr.
NM- . trrrrcht ichskurzsckriit erteilt OM cdanlage 191, Gesang- nterricht mimbegabieTa- u. Herren wird in jahrelangen U'i6 erprobter )ode erteilt. Bet'. Kurie Ende ber.Meldunger zeit 81SD citanlaftc 6. Dr. Meyer
Eine tolle Nacht kam. Kamevalstaumel hatte sich der Menschen bemächtigt. Kursaal und Tearoom waren ein einziges Gewoge. Schon näherte sich der Morgen. Immer noch blökte das Saxophon wie verrückt. Blechernes Vogelgezwitscher mengte sich bar- ein. Hunderte Hände applaudierten. Kein Ende wollte der Tanz nehmen. Papierschlangen zischten auf und wickelten sick um die dampfenden Paare.
Monsieur Alberti faßte Kreuth beim Aermel.
„Madame Sabukowa wünscht mit Ihnen zu tanzen."
Kreuth straffte sich. „Bestellen Sie: ich tanze mit Madame Sabukowa nidjtr
„Es kostet Sie Ihr Engagement", stammelte Monsieur Alberti fassungslos.
„Ich tanze mit Madame Sabukowa nicht."
Nach einer halben Minute kam die Sabukowa die Estrade horabgeschritten. Eine Gasse öffnete sich. Zwei weiße, ringlofe Finger winkten Kreuch heran.
„Sie tanzen mit mir nicht?" fragte sie dicht an seinem Antlitz. Ihre Zähne lagen bloß. „Ich bedauere."
Die Sabukowa lächelte. „Trotzkopf." Leicht tippte sie an Kreuths Vorhemd. „Was könnte ich Ihnen bieten?" Sie legte den Kopf zurück, daß der Hals sich fpannte. „Welche Genugtuung?"
„Es gibt nicht, was Sie mir bieten könnten, Madame."
„Oh!" Ihr Oberleib schwang zurück. „Es gibt nichts, sagen Sie?" Ganz nahe kam sie wieder. „Wenn ich aber will?"
„Es gibt nichts, Madame", sagte er fest.
„Gar nichts?"
Kreuth schüttelte den Kopf und hielt ihren maßlos erstaunten Blick aus.
Die Sabukowa wechseste die Farbe. „Sie lügen!" zischte sie.
„Nichts —" wiederholte Kreuth und merkte nicht, daß er ins Leere sprach. Keines der Gesichter ringsum trug die Züge der Sabukowa.
IX.
Martina sah von der Schreibmaschine auf. Der letzte Schnee war von den Dächern gegenüber geschmolzen. Tag um Tag bröckelte ein neues Stück Mörtel vom Gesimse an der Ecke ab. Erst nach fünf flammten jetzt drüben die Lichter auf. Immer war der alte, weißhaarige Mann der erste, der die Be-
Stumpf blickten die Menschen vor sich hin. Hart stieß einer den anderen an. Und die Gebanten liefen, wohin sie wollten. Zuweilen war es, als führe Benno mit. Leibhaftig sah Martina ihn vor sich. „Hast du mich denn vergessen?" Wie er lachte, wie seine Zähne blitzten: „Wo denkst du hin? Aber Schwarzkopf, die ewige Hetzjagd, du weißt doch." ..Bald sind es drei Monate, Benno." „Ein paar Tage noch. Zwei Wochen höchstens." „Ich sehne mich zu Tode, Benno." „Liebes du, ich will dich küssen —"
Auch daheim türmten sich die Sorgen. Das Kon- kursverfahren näherte sich dem Ende. Allerlei Verdächtigungen waren gegen den Vater laut geworden. In sich gekehrt und verbissen kämpfte Ernst Wilemar gegen feine Widersacher. Ziemlich teilnahmslos zeigte sich Lily. Diele Dutzende Zuschriften halte sie auf ihre Annonce erhalten. Nun ließ sie es sich nicht: nehmen, jede halbwegs ernste Spur zu verfolgen und zu prüfen. Halbe Tage schrieb sie Briefe. An manchen Nachmittagen verschwand sie für eine oder mehrere Stunden. Aber immer verdrossener kam sie von jedem neuen Stelldichein bei Rumpelmayer ober im Cafä Wien zurück. „Ewig das alte Lied", berichtete sie abends Martina.
Mister Hutchinson hatte die sechs Zimmer zum ersten März gekündigt. Seine Geschäfte waren abgeschlossen, er mußte heim nach Amerika. Wieder
Die Sabukowa antwortete:
„Berufstänzer sistieren für mich nicht. Danke."
Kreuth wußte nicht, wie er von der Stelle weggekommen war. Mitten im Wirbel der Tanzenden sand er sich wiedet. Mechanisch führte er seine Partnerin: acht Onestep-Schritte, die kleine Pause mit dem vorgestellten linken Fuß, vier Takte Drehung — noch nicht ganz sattelfest war die blutjunge, glut- äugige Kroatin. Dankbar und heiß blickte sie zg ihm auf.
Zwei Tage gab Kreuth noch zu. Unverständlich war ihm, warum er nicht in derselben Nacht abgereift war. Ordentlich hatte er sein Teil abbekommen. Ewig würde der Peitschenhieb brennen.
Aufreizend war das Getue um die Sabukowa. Immer zog ein Schwarm Männer hinter ihr her; scharfe Wacht hielten die beiden Begleiter. Dennoch häuften sich auf Schrill und Tritt Blumen um sie. Bis zu den Hüften saß sie in Rosen, wenn sie in dem schneeweißen Motorboot auf das Meer hinaus- suhr. Bezahlte zerlumpte Fischerjungen streuten ihr Veilchen vor die Füße, wenn sie nachmittags nach der Torre di Mostaccini spazierte. Die ganze Riviera di Ponente blühte nur für sie. Aller lieber- schwang des Südens diente ihr.
Knirschend tat Kreuth wie die anderen Besessenen. Einmal stand er ihr zufällig auf zwei Schritte gegenüber. Finster war sein Antlitz geballt, während er den Blick in sie bohrte. Aber sie lächelte -hu an: unbefangen, beinahe vertraut. Alles Blut schoß ihm in die Schläfen. Und das: was sollte das bedeuten?
Schwül wirbelten die Abende. Heiß und immer heiser stieg es Kreuth zu Kopf. Alles um ihn war offenbares ober hämisch-verhülltes Werben. Da und dort oerübelte man ihm feine Zurückhaltung. Beleidigt träufelten sich enttäuschte Sippen. Lauernde Männeraugen triumphierten. Keine Der Frauen ließ et an sich heran. Und nahm auch kein Trinkgeld mehr.
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a Cbieti, A Jahre mev )potl)d gebucht.
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