Ausgabe 
9.9.1926
 
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Nr. 2U Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhellen) Donnerstag, 9. September 192b

Studienkommission gebeten. Wir Deutsche gäben dem gern statt. Prof. Dr. S ch e e L "kennzeichnete in seinen Ausführungen die Stellung der Hochschule zu den Bestrebungen der Wirt- schastshilfe. Kultusminister Dr. Decker (Berlin) überbrachte die Anerkennung der preußischen Regierung zu dem Wirken der Wirtschaftshilfe. Die Studentenbewegung, so führte er aus, die nach dem Kriege eingesetzt habe, habe ihren Rie- derschlag in folgendem Programm gefunden: Selbstverwaltung. Selbstbewuhtsein des studen­tischen Lebens, Sportbewegung und Wirtschafts­hilfe. -Zum Schluß erhielt Geheimrat Prof. Dr.

D u i s b e r g, der Vater der Studentenhilfe, das Wort. Seine Ausführungen schlossen mit fol­genden herzhaften Worten: Solange mein Herz schlägt, soll es für meine verehrten jungen! Freunde schlagen. Halten Sie sich, was Sie auch immer erstreben mögen, von der Politik fern, und wenn Sie arbeiten, dann vertiefen Sie den wissenschaftlichen Geist. Werden Sie Forscher, tragen Sie den wissenschaftlichen Geist in alle Wirtschaftsbetriebe hinein. Seid einig, bleibt einig. Lang anhaltender Beifall folgte den Worten des Redners. Damit fand die Tagung ihren Abschluß.

Das österreichische Heerwesen.

' Don unserem mllitärpolitischen Mitarbeiter.

Anlängst machte die Behauptung durch die Presse aller Länter ihren Weg, daß die intec* alliierte Blilitärkontrollkommissivn der Republik Oesterreich verschiedene Versäumnisse der Aus­führung der im Staatsvertrag von St. Germarn niedergelegten Abrüstungsbestimmungen nachge­wiesen habe. . .

Wenn auch die Gründe, die immer wieder »ur Aufstellung solcher Behausungen fuhren, offenkundig sind, so ist doch nicht allgemein be- kannt, wie wenig Bedeutung für die Wehrhaftig­keit Oesterreichs, selbst ioenn die aufgestellten Behauptungen zuträfen, derartige ^rstoßehaben können! daher verfehlen die falschen Genichte fast nie die beabsichtigte Wirkung.

Die Republik Oesterreich darf bei einem Flächeninhalt von 90 000 Quadratkilometer und einer Einwohnerzahl von 6 000 000 ein Heer von 1500 Offizieren und 28 500 Mann unter Waffen halten. 3m Friedensdiktat von St. Germain wur­den Oesterreich darüber hinaus folgende weitere Bestimmungen für denAusbau" seiner Wehr­macht auferlegt:

Für Offiziere 20iahrige, für Anteroffiziere und Mannschaften 12jährige Mindestdienstzeit. Abschaffung der allgemeinen Wehr­pflicht: es kommen daher heute nur 5 Prozent der früher zum Heeresdienst Einberufenen zur Waffenausbildung. Verbot aller Flugzeuge, aller Gaskampf- und Gasschuhmittel, der Kampfwagen und der schweren Artillerie.

An der Spitze des Heeres steht der Bundes- minister für Heerwesen; die höchste Kommando- aewall über die Armee führt der ^vundesprä- ftbent

Das Heer ist gegliedert in 6 gemischte Brigaden und 1 selbständiges Artillerieregiment. Die Brigade besteht aus dem Brigadekommando, 5 bis 8 Infanterie- oder Alpenjägerbatmlloi^n, einem Radfahrerbataillon, einer Eskadron Ka­vallerie, einer Artillerieabteilung, einem Piomer- bataillvn, einem Kraftfahrzug unb_ Fahrtruppen. Insgesamt verfügt die Republik über 6 Infan- terieregimenter zu 3 Datgillvnen, 6 Alpenjäger­regimenter, 2 selbständige Infanteriebataillone, 6 Radfahrerbataillone, 6 Artillerieabteilungen, 1 selbständiges Artillerieregiment, 6 Eskadronen Kavallerie, 6 technische Bataillone, die in der Hauptsache unseren Pionierbataillonen entsprechen, 6 Rachric^enkonrpagnien.

Die Bewaffnung der Infanterie ist die der alten österreichisch-ungarischen Armee; die Artlllerie verfügt über 7,5--Zentimeter-Gebirgs­kanonen, 8-Zentimeter-KanLnen, 10,4-Zentimeter- Kraftfahrkanonen und 14-Zentimeter-Minenwer­fer. die zur Artillerie gerechnet werden.

Die Ausbildung ist im Friedensdiktat nicht weniger beschränkt als die Ausrüstung und die Truppenstärke: alle Waffenschulen sind ver­boten; die Offizierausbildung liegt einzig in der Hand der Truppenkommandeure. Eine einheit­liche neuzeitliche Truppenausbildung ist daher ungemein erschwert. Das Offizierkorps ergänzt sich aus dem Anteroffizierstand. Zur Zeit genügt als Vorbildung für die Offizierlaufbahn die ein­fache VolksfcAlbild-ung; vom Jahre 1928 ab werden nur noch Anteroffiziere mit Mittelschul­bildung zum Offizierberuf zugelassen. Verschie­dene von der Heeresleitung eingerichtete Sonter- kurse versuchen, die Waffenkenntnisse der Offi­ziere zu heben. Aber diese vermögen so wenig wie Kriegsspiele und Geländebesprechungen in den Standorten und ihrer Umgebung den Mangel an Wafsenschulen und an einer Kriegsakademie auSzugleichen. Auch scheint die körperliche Aus­bildung und der Sport gegenüber der Waffen- ausbildung sehr im Vordergrund zu stehen.

Jede Mobilmachungsvorbereitung ist unter­sagt; genau in derselben Stärke, Zusammensetzung. Bewaffnung und Ausrüstung tritt das Heer in einen Krieg ein, in der es sich jetzt befindet.

Die Schlagfertigkeit des österreichi­schen Bundes Heeres leidet vor allem unter dem Ginfluh, den die Politik auf die Heeresange- hörigen ausübt. Jeder Soldat ist wahlberechtigt. Damit ist dem Kampf der Parteien um die Seele

des Soldaten die Tür geöffnet; Disziplin und Kameradschaft müssen Schaden leiden. Auch im Offizierkorps spielen die politischen Gegensätze eine gewisse Rolle; die Mehrzahl der Offiziere entstammt dem alten Heer und ist demgemäß aller politischen Betätigung abgeneigt; zu chnen stehen die aus dem Unteroffizierstand hervorge­gangenen Offiziere und eine geringe Anzahl von Persönlichkeiten, die auf dem Umweg über poli­tische Brauchbarkeit zu Führerstellen gelangen wollen, in schroffem Gegensatz. Auch bestehen noch heute int Bundesheer politische Vereini­gungen, wie der sozialdemokratischeMilitärver- band der Republik Oesterreich" und der unter christlich-sozialem Einfluß stehendeWehrbund". Da diese Vereinigungen die Kandidaten für die Vertrauens männerwah l präsentieren, so sind politische Kämpfe innerhalb der einzelnen Trup­penverbände an der Tagesordnung. Der Soldat ist in seiner Eigenschaft als Soldatenrat oder Vertrauensmann bei gesetzwidrigen Handlungen und Unterlassungen ebenso gegen Strafen geschützt wie ein Abgeordneter. Die Einstellung von Freiwilligen ist Sache des in der Regel einer Partei angehörenden Dundesministers für Heeres- wesen und liegt nicht in den Händen der Truppe; daher besteht auch hier ein unheilvoller Einfluß der Parteien, die eben mit allen Mitteln ihre Anhänger ins Heer zu bringen suchen.

Fast noch größer sind die Schwierigkeiten, die für Geist und Ausbildung des Dundesheeres aus dem ungewöhnlichen Mangel an Geldmitteln entstehen: die Republik vermag tatsächlich von den zugebilligten 30 000 Mann nur 21 000 unter den Waffen zu hallen; dementfprechend stehen auch zur Munitionsergänzung, Waffenerneue­rung, für Uebungen und Manöver nur ganz un­genügende Mittel zur Verfügung.

Wenn auch das Offizierkorps im allgemeinen und ein großer Teil der Unteroffiziere pflicht­eifrig ist, so besitzt doch das österreichische Heer in seinem jetzigen Zustand einen für einen mo­dernen Krieg keineswegs ausreichenden Kampf­wert. Ehe die Politik völlig im Heer ausge­schaltet wird und die Beschränkungen des Diktats von St. Germain aufhören, ist eine erhebliche Besserung dieser Verhältnisse nicht zu erwarten.

Da Oesterreich auch nicht mehr über eine Flotte verfügt, so richten sich die von inter­essierter Selle immer wieder ausgestreuten Be­hauptungen über mangelhafte Abrüstung für jeden Denkenden von selbst.

Tagung der Wirtschaftshilfe der Deutschen Studentenschaft.

In Dresden tagte der Verwaltung s- r a t ter Wirtschaftshilfe der Deutschen Studenten­schaft. 3m Rahmen dieser Tagung fand im Fest­saal des neuen Studentenhauses in der Mommsen- strahe eine öffentliche Derwaltungsratssitzung statt, in deren Verlauf eine Reihe führender Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens über Fragen ter Studentenselbsthilfe sprachen. Zu­nächst sprach Professor Dr. Sch link (Darm­stadt) über die segensreiche Arbeit in den letzten fünf Jahren, in denen mit eigener Kraft an der Erreichung des Zieles gearbeitet wurde. Er wies besonders darauf hin. daß heute bereits über 50 Wirtschaftsbetriebe beständen und daß die Wirtschaftshilfe ständig angewachsen sei. Die Form einer freien Arbeitsgemein­schaft, die sich in jeder Hinsicht als richtig er­wiesen habe, sei a Auftreten. Hunderttausend en habe die Wirtschaftshilfe das Studium überhaupt erst ermöglicht. Auch hierin lägen natürliche Gefahren, so UeberfüHung u n t> Prole­tarisierung des akademischen Nach­wuchses. Diese Gefahren habe man erkannt und suche ihnen nach Möglichkeit vvrzubeugen. Eine andere Sorge sei die, daß in unserer Zeit des Materialismus, des Rationalismus und der Technisierung des Lebens und Denkens durch die Wirtschaftshilfe des Corpus sanum im Gegensatz zur Mens sana zu sehr in den Vordergrund ge­rückt werde. Die amerikanische Wirtschastsbilfe sei nach deutschem Muster eingerichtet worden, und Frankreich habe um die Entsendung einer

100 Jahre Gasbeleuchtung.

Von Direktor Steding, Gießen.

William M u r d o ch, ein genialer Ingenieur bei den Minen in Cornwall, beschäftigte sich 1792 in seinen Mußestunden mit der Erhitzung der Steiniohle im geschlossenen Raume; er fing das flüchtige Produkt auf und beleuchtete damit sein Wohnhaus. Er verband sich später in rich­tiger Erkenntnis der Bedeutung seiner Arbeiten über Kohlengas mit dem Besitzer ter Maschinen­fabrik Watt (Erfinder der Dampfmaschine), und beleuchtete nach Lieberwindung großer Schwierig­keiten die Wattsche Fabrik 1803 mit dem von ihm hergestellten Gas. Die Gasbeleuchtung war damit ins praktische Leben eingeführt. 1826 wur­den in Berlin und Hannover Gasanstalten von englischen Gesellschaften errichtet, und 1828 er­öffneten Deutsche, Knoblauch und Schiele, in Frankfurt a. M ein Gaswerk. Dec Siegeszug ter Gaswerke begann, eine Stadt nach der anderen in Deutschland errichtete Gaswerte, um ihre Straßenbeleuchtung zu verbessern und Gas in die Häuser einzuführen. 1856 erhielt auch Gießen endlich Gasbeleuchtung; das Werk wurde von Rieding er (Augsburg) erbaut und am 24. Dezember 1856 in Betrieb genommen. Vorerst betrieb Riediuger das Gaswerk für eigene Rechnung, 1862 übernahm es Herr Aug. Heß, am 1. Oktober 1886 erfolgte die Lieber- führung in städtischen Besitz.

Der Zweck ter Vergasung ist lediglich eine Veredelung der Brennstoffe, d. h. Zerlegung der rohen Brennstoffe durch Erhitzen unter Luftab- schluß, ter sogenannten trockenen Destillation. Die natürlichen festen Brennstoffe stammen aus­schließlich aus Pflanzenresten, die unter Ab- spaltung gewisser Stoffe vermodert und unter völligem Luftabschluß und durch Druck bituminiert sind. Obwohl alle organischen Substanzen entgast werden können, wird zur Gaserzeugung vor­wiegend die backende Steinkohle benutzt. Die Steinkohlen lassen sich nach Professor Bunte folgendermaßen ordnen:

3ung, gasreich Alt, gasarm

Flammkohle nicht backend Anthrazit i I

Gasflammkohle schwach backend Magerkohle z t

Gaskohle backend Kokskohle

' *

L---------»Backkohle----'

Die Gasherstellung

geht wie folgt vor sich: Die zur Vergasung kom­menden Kohlen werten in luftdicht verschlossenen Retorten oder Kammern erhitzt und damit zer­setzt. Zunächst entweicht bei niedriger Tempera­tur das in den Kohlen enthaltene Wasser; erst bei höherer Temperatur von mehr als 100 Grad Celsius beginnt die Zersetzung. Die vorteilhaf­teste Vergasungstemperatur liegt bei 1000 Grad Celsius. Die Vergasungsdauer und die Menge der in die Retorte oder Kammer einzubringenden Kohlen richtet sich nach den örtlichen Verhält­nissen, je nachdem Retorten oder Kammeröfen zur Verfügung stehen. In Gießen beträgt die Dergasungsdauer sechs Stunden bei einer Ein­bringung von rund 150 Kilogramm je Retorte. Die neuzelllichen Gaswerke mit Kammeröfen lassen die Kohle 12 oder 24 Stunden in der

Kammer, die ost mehrere Tonnen Kohlen faßt, tehen. Da von der Beschafsenheit der Derga- ungsösen größtenteils die Betriebsergebnisse ab* hängen, ist der Ofen ter wichtigste Apparat im Gaswerk. Seit den ersten Anfängen bis auf den heutigen Tag sind Verbesserungen der Ösen* konstruktionen angestrebt worden, sowohl in Be­zug auf die rationellste Verwertung ter Der* gasungsprodukte und der ilnterfeuerung als auch auf die Form und Lage der Retorten und der zu erzielenden Gasmenge und Gasbeschaffenheit. Zuerst stellte man die Retorten vertikal im Ofen auf, später wählte man eine geneigte Lage, und schließlich wurden sie horizontal in den Ofen gelegt. In den ersten 20 Jahren wurden Haupt* sächllch Guhretorten eingebaut, alsdann und noch heute bedient man sich ausschließlich des feuer­beständigen Chamottematerials. Ente des vorigen JahrhuiÄerts begann man wieder mit der Schräg­legung der Retorten, und heute werden in neu­zeitlichen Werken fast nur noch Kammerösen nach dem Vertikal-, Schräg- und Horizontalshstem er­baut.

Das Tag und Rächt in den Oefen erzeugte Gas wird aus den Retorten bzw. Kammern durch Rohre in die Vorlage (Hydraulik) geleitet, die den Zweck hat. die nachfolgenden Apparate und den Gasbehälter von den Oefen zu trennen, damit beim Laten des Vergasungsraumes das Gas nicht aus diesem ausströmt und nutzlos ver­brennt. Die Vorlage ist zum Dell mit einer Sperrflüssigkeit gefüllt, die das Gas zwingt, durch diese zu streichen. Hierdurch findet auch eine Kühlung des Gases bis aus 60 bis 70 Grad Celsius statt, wobei hauptsächlich Teer und Arnmoniakwasser ausgeschieten werden; diese beiten Produkte sucht man auch schon allein aus finanziellen Gründen im Gaswerk zurück­zuhalten. Das Gas hat nun der Reihe nach fol­gende Apparate zu durchströmen, um abgekühll und gereinigt zu werden. Zunächst wird es durch Kühler, die teils mit Luft und teils mit Wasser arbeiten, geführt, um es allmählich auf 15 Grad Celsius abzukühlen, da bei dieser Temperatur eine gute Abscheidung des Teeres erfolgt. Je größer ter in den Retorten oder Kammern herr­schende Druck, ter vom Gasbehälter und von den Reinigungsapparaten abhängt, desto geringer ist infolge ter mit kleinsten Rissen durchsetzten Re­torten die Gasausbeute. Lim den Druck auf das notwendigste zu verringern, saugt man das ®a^ mittels Gassauger (Exhaustor) ab und drückt es durch die Apparate nach dem Gasbehälter. Von dem Gassauger aus geht das Gas durch den Ammoniakwascher (Skrubber), worin es von ter. Ammoniakteilchen befreit wird; dann passiert das Gas den Teerscheider, der die letzten Spuren des Teeres, der sich in Form von feinem Rebel im Gase befindet, ausscheitet. Größere Gaswerke reinigen alsdann das Gas von Raphthalin, ein Produkt, das oft lästig fällt und im Orts- rohmeh Verstopfungen verursachen kann. Run- mehr ist noch eine chemische Reinigung zur Be­seitigung des Schwefelwasserstoffes und des Chans vorzunehmen. Dieses geschieht in größeren Kästen, die mit mulmigem Raseneisen* erz oder künstlicher Masse (alkalisches Eisenoxyd* Hydrat) gefüllt sind, durch die tels Gas langsam streicht. Das Reinigungsmaterial wird nach und nach gesättigt und muß dann erneuert werden.

Eine Automobilexpedition quer durch Afrika.

Obwohl Afrika seit den ältesten Zeiten man denke an die Aegypter für die mensch­liche Kulturentwicklung von großer Bedeutung war, so ist es doch bis in die Reuzeit hinein der bunffe Erdteil" geblieben. Die Entdeckungs- und Forschungsreisen im Verlaus des 19. Jahrhun­derts nahmen im allgemeinen noch mehrere Jahre in Anspruch; mit dem modernen Beförderungs­mittel, dem Automobll, können jetzt Durchque­rungen des Kontinents in einigen Monaten be­wältigt werden. Dies lehrt eine Expedition, die auf Veranlassung des bekannten Automobilindu- ftriellen Citroen im Herbst des Jahres 1924 von Algier aus durch die Wüste zum Tschad-See, dann durch den Ostteil Afrikas bis nach Mada­gaskar unternommen wurde. Für die wegelosen Strecken durch Wüstensand und Llrwald wurden acht Spezialautomobile erbaut.Roch niemals", so heißt es in einer Mitteilung über das -Unter­nehmen,hatte eine so sorgfältig zusammenge­stellte Expedition Afrika bereist. Was sie denn auch nach achtmonatiger, abenteuerlicher Fahrt nach Hause brachte, war eine Ausbeute, die an Reichhaltigkeit und Wert alle Erwartungen über­traf. Bedeutende Sammlungen naturgeschichtlicher Art und Kunstobjekte, Arbeiten und Auszeich­nungen über sanitäre Fragen, Klima und Me­teorologie, unzählige Probestücke geologischer und minerall>gischer Art, 300 Stücke von großem ethnographischen und zoologischen Interesse, eine Sammlung von Kleidungsstücken, die die Be­wohner des durchfahrenen Landes charakterisier ren, 15 Skizzenbücher, 8000 Photographien und nicht zuletzt 27 000 Meter Fllmstreifen." Dieser Doge wurde im Kleinen Hause des Hessischen Lantestheaters in Darmstadt vor einem von der Leitung des Theaters geladenen Publikum, das sich zum größten Teil aus der Lehrerschaft zu­sammensetzte, eine stattliche Reihe jener Film­aufnahmen unter dem TitelDas schwarze Ge­schlecht" gezeigt. Der Film wird unter _ dem selben Titel auch in anderen hessischen Städten laufen. Die Aufnahmen sprechen für sich selbst, sie bedürfen des Lobes nicht, denn sie ftefjen auf der Höhe moderner Filmtechnik, obwohl sie unter sehr erschwerenden Llmständen zustande gekommen fbtb, Ilm einigermaßen ein Bild dessen zu

geben, was die Filmvorführungen bieten, folgt hier eine Schilderung des Verlaufs der Expe­dition; diese beruht auf Angaben einer umfang­reicheren Beschreibung des kühnen Llnternehmens.

Der Weg der Karawane geht durch bis­her völlig unbekannte Gegenden. Von Colomb- Dechar zieht sie zuerst durch Beni-Abbes. Adrar und Llallen bis Durem. Das ist der große traditionelle Weg von Rordafrika zum Riger. Dann am linken Llfer des Riger entlang nach Gao einst Zentrum eines mächtigen Kaiser­reiches, jetzt ein verlorenes Fleckchen Erde. In Riameh, Hauptstadt des französischen Riger- Territoriums, wird die Karawane von 3000 Eingeborenen zu Fuß und zu Pferd feftlich empfangen. Dann geht es weiter dem Osten zu nach Zindar und dem Tschadsee. Den beim Son­nenaufgang am See Ankommenden bietet sich ein herrliches Raturschauspiel. Wie flüssiges Gold glitzert das in kleinen Wellen ans Llfer schlagende Wasser. Immer schwieriger wird dann der Weg, ter nach Fort Lamy, der Hauptstadt des Tschad­sees, führt. Fast drohen die Räder im weichen Sande zu ertrinken. Jetzt dringt die Karawane tiefer und tiefer in den tropischen Wald bis zur englisch-ägyptischen Grenze, der Oase Darfur ein, die sie bei Am-Dofok erreicht. Hier ist das Paradies der Jäger; Löwen, Düffel, Rilpferte, Giraffen und Antilopen pflegen sich in diesen Ge­genden ein Stelldichein zu geben. Grausam ist die Iagdmethode, die große Geistesgegenwart erfordert. Das Dickicht wird angezündet, und die aufgescheuchten Tiere stürzen halb wahnsinnig vor Angst den Jägern entgegen. Dann muh in einiger Entfernung ein neues Feuer (Kahlschlag) angelegt werden, um das Gelände von jeder Vegetation zu säubern und so ein Ausbreiten ter Flamme zu verhindern Sich nach Süden wendend, kehrt die Karawane nach Ialinga zu­rück und überquert den Llbangi. Diese Fluh- übergänge gehörten zu den schwierigsten Auf­gaben, die die Expedition zu lösen hatte. Jenseits des Charis nach Fori Archambault zu verändern sich Gegend und Bewohner bei jedem Schrill. Das Dickicht wird noch dichter, die Bäume höher, die Kleidung der Menschen immer spärlicher. Jetzt ist das Dorf Mogrum erreicht. Tief im Innern Afrikas dort, wo Fetischanbeter leben. Die Frauen tragen in den Lippen Metall- oder Holzplatten, die sie völlig entstellen. Es wurde viel über den Ursprung dieses Brauches ge­

mutmaßt; doch wird man schwerlich über Ver­mutungen herauskommen, da bei den Schwarzen jede Lieberlieferung fehlt. Von Stanleyville bis nach Ostafrika erschwert andauernder Regen das Weiterkommen ter Karawane. Auf der Reise abwärts zum belgischen Kongogebiet, während des Aufenthaltes in Stanleyville und der Wei­terfahrt zum Albertsee lernt die Expedition ver­schiedene andere interessante Regerrassen kennen. Rassen von so häßlich llerischem Aussehen, wie sie Hervdot beschreibt, findet die Expedition auf ihrer Fahrt nach dem Indischen Ozean zu, an den Quellen des Rils. Im ganzen Seengebiet Ostafrikas bis zur Küste, d. h. im ganzen briti­schen Ostafrika, sind die Rassen sehr gemischt. Von Majunga ging es nach Tananarivo auf Madagaskar, dem Endpunkt der Expedition. 60 000 Madagassen bereiteten ihr einen groß­artigen Empfang. E. B.

Die Geheimnisse der Vetller- schule.

Betteln ist einBeruf", ter sich bezahlt macht, aber wie jeder Beruf, muh auch dieser gelernt werten, und wer ohne Studium und Er­fahrung versucht, das Mitleid seiner Mitmenschen auszunutzen, bringt es zu nichts. Diegelernten Bettler aber halten häufig sehr reiche Ernte, besitzen beträchtliche Bankguthaben und stehen sich viel besser, als die vielen, die ihnen aus der Fülle ihres guten Herzens eine Kleinigkeit in die Hand drücken. Die Reuhorker und die Londoner Polizei haben kürzlich wieder einmal dieser toeilverbreiteten Industrie größere Auf­merksamkeit geschenkt und sind batet merkwürdi­gen Dingen auf die Spur gekommen. In Reuyork ergründete man das Bestehen einerFabrik", in der künstliche Krüppel hergestellt werden. Hier kann ein kerngesunder und kerzengerade ge­wachsener Mensch binnen wenigen Minuten in einen Krüppel verwandelt werten, der keine Hände oder keine Füße besitzt. Große Buckel werden mit Hilfe von allen Kästen und Baum­wolle verfertigt, und die furchtbarsten Wunden oder Schwären werden durch Säuren und Mostrich erzielt. Aber mit ter Erlangung einer solchen einträglichen Mißgestalt allein ist es noch nicht getan. Man muh diese Zeichen des Llnglücks auch zu tragen verstehen, und der Bettler, ter eine verstümmelte Hand aufweist, hat ein ganz an­

deres Benehmen zur Schau zu tragen als der­jenige, der durch eine Lähmung die Blicke ter Vorübergeheiiten auf sich zieheii will. Kleidung, Haltung, Sprache ersordem ein eingehendes Studium, und der Ausdruck des Gesichts muh tei einem Krüppel mit einem gebrochenen Bein ein ganz anderer fein als tei einem, ter einen schmerzhaften Ausschlag Vortäuschen will. Das Straßensingen erfordert wieder eine andere Tech­nik, und alle die Künste werde» in der Bettler- schule gelehrt, die sich eines großen Zuspruchs erfreut. In dem Londoner Mittelpunkt dieser Studien" gibt es auch eine besondere Ausleih- stelle für Babys. Wan kann eimen auf dem Arm zu tragenden Säugling bereits für 60 Pfennig pro Tag geborgt bekommen, und eine solche Kapitalsanlage trägt gute Früchte, denn ter Archlick eines zerlumpten kleinem Kindes auf dem Arm einer Jammergestalt verfehlt selten feinen Zweck. Roch trauriger als das Schicksal dieser Babys ist das der älteren Kinder, die in der Dettlerschule zur selbständigen Arbeit ausgebildet werten. Sie werden in halbverhungertem Zu­stande auf bestimmte Straheuzüge geschickt und müssen eine traurige Geschichte erzählen, die ihnen mit dem nötigen Jammern und Weinen cingelernt wird. Bisweilen werden solche betteln­den Kinder auch von Haus zu Haus geschickt; sie erzählen bann, baß sie einen Schilling verloren haben, den chnen bie Mutter zur Besorgung mit* gegeben hat. und schwere Strafen fürchten. Man hat Bettler festgestellt, die an die hundert Taschen in ihrer Kleidung hatten, um alte Münzen und sonstigen Gaben unbemerkt zu ver­stecken, die sie von Leuten bekommen, die meist viel weniger haben als die Bettler selbst. Zwei Krüppel, tei denen eine ärztliche Llntersuchung völlige Gesundheit ter Glieder feststellte, waren reich genug, um sich eigene Kraftwagen zu halten. Ein anderer Bettler, der als gelähmt erschien, fuhr jeden Tag mit einer Droschke an seinen Standort, und der Wagen brachte zugleich den Lehnstuhl hin, in dem er den Tag über bettelte. Sehr einträglich ist das Benutzen von Bettel­briefen, deren Abfassung man ebenfalls in ter Dettlerschule lernt. Es gibt eine große Zahl solcher Dettelbriefschreiber, von denen manche wöchentlich bis 1000 Mark auf die Dank bringen. Sie bedienen sich besondererDeltel-Adrehbücher", in denen 1000 und mehr Ramen von gutherzigen Menschen verzeichnet sind.