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Entwaffnung oder Humbug?

Don unserem L. N.-Sonderberichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Genf, 1. Juni 1926.

Durch die Annahme des Redaktionskomitee-Be­richtes ist der erste Abschnitt der Arbeiten der vor­bereitenden Kommission zur Entwaffnungskonfe- renz zu Ende gebracht worden. Die Kommission be­schränkte sich vorläufig auf einige allgemeine Er- wägungen und auf den Auftrag der Beratuna die­ser Erwägungen seitens zweier technischer Unter­kommissionen. Wie lange die Arbeit dieser Unter­kommissionen andauern wird, läßt sich schwer vor- aussagen, auf jeden Fall ließ jedoch der Vorsitzende etwas von Wochen, vielleicht von Monaten ver­lauten. Die vorbereitende Kommission hat auf Grund der an die vertretenen Regierungen erstat­teten Berichte den Plan der Arbeiten der zukünf­tigen Konferenz aufzustellen, dieser Arbeitsplan wird dem Dölkerbundsrat eingercicht und erst dann beruft der Rot die Abrüstungskonferenz ein und be­stimmt zugleich den Zeitpunkt und den Ort der Tagung. Wie daraus zu ersehen ist, ist man nicht nur von der Abrüstung, sondern auch von der Kon­ferenz noch sehr weit entfernt.

Telbstoerständlich ist die Frage der allgemeinen, wie auch der relativen Entwaffnung der noch be­waffneten Staaten nicht so klar und unkompliziert, daß sie einfach durch ein Uebers-Knie-Brechen schnell zu lösen wäre. Europa, das acht Jahre lang auf die Entwaffnung der Siegerstaaten wartet, würde gern noch ein Jahr warten, wenn die bewaffneten Nationen den ehrlichen Willen zu einer einschnei­denden Einschränkung ihrer Rüstungen aufbringen würden. Dies bat auch der deutsche Delegierte, Graf Bernstorff, in seiner Rede ausgesprochen, und er er­klärt ferner daß die Mehrheit der Delegierten hauptsächlich daraufhin arbeiten, Gründe zur Nicht­entwaffnung aufzusinden. Als höflicher und gut er- zooener Mann und als Diplomat fügte Graf Bern­storff nicht hinzu, daß die Mehrzahl der Delegierten von dem ehrlichen Wunsche erfüllt sei. He anderen, aber nicht sich selbst zu entwaffnen, wobei selbstver­ständlich ist, daß alle Delegierten die Friedensliebe ihres eigenen Landes zu unterstreichen nicht ver­gaßen. So hat zum Beispiel Ungarn eine Denk­schrift vorgelegt, in welcher mit Zahlen die absolute Unmöglichkeit dieses Landes, sich im Ernstfall zu verteidigen, bewiesen wird. Wenn deshalb Ungarn die Forderung stellt, sein Heer vergrößern zu dür­fen, jo ist diese Forderung zwar naiv, aber doch logisch. Naiv ist sie. wenn man die gegenwärtige politische Lage in Europa in Betracht zieht, sie ge­winnt an Bedeutung, wenn man sie vom Stand- vunkt des Entwaffnungsproblems betrachtet und es rst als psychologischer Faktor interessant, daß sich unmittelbar darauf die Vertreter Jugoslawiens, der Tschechosowakei und Rumäniens erhoben und von der Heiligkeit der Verträge überhaupt und des Trianonvertrages im besonderen redeten, ein Ver­trag, der bekanntlich Ungarn buchstäblich beraubt und ausgeplündert hat. In diesen Reden wurde Un­garn zugemutet, freiwillig den berüchtigten Tria- nonvertrag noch einmal dadurch zu unterschreiben, daß es mit diesen Staaten Sicherheitsverträge ab- schlietzt. Auf diese hitzigen Lippenbekenntnisie zum Frieden durch die Vertreter der Kleinen Entente be- merkte Gras Bernstorfs mit Recht, daß es unange­bracht wäre, als Entwaffnungsbasis den Kriegsbe­stand eines Landes anzunshmen, und daß es um die Frage der Beschränkung der augenblicklichen Friedenskontingente gehe. Das angeführte Beispiel Ungarns zeigt mit genügender Klarheit, wo die Ur- fachen der unbedeutenden Ergebnisie der Vorberei­tungskonferenz zu suchen sind.

Eine andere Ursache ist der Gegensatz der Jn- t teresien und Ansichten in bezug auf die Entwaff­nung, wobei England und die vereinigten Staaten f auf der einen Seite, die Siegerstaaten des kontinen­talen Europas auf der anderen zu finden sind.. In ' Wirklichkeit waren in der vorbereitenden Kommis­sion drei Gruppen von Staaten vertreten: die ent­waffneten Mittelmächte, wie Deutschland und Bul­garen, die bis zu den Zähnen bewaffneten Staaten, wie Frankreich, Italien, Polen und die in der Kleinen Entente zusammengeschlossenen und die Mächte, die durch die See vor Angriffen geschützt sind. Der Standpunkt der ersten Staatengruppe ist klar und einfach. Die entwaffneten Staaten verlan- langen im Interesse ihrer Sicherheit die Entwaff- ri"ng oder bedeutende Verminderung der Rüstung ihrer Nachbarstaaten. Und da diese Nachbarn be­

sonders den Gaskrieg fürchteten, so war es Graf Bernstorft, der den Vorschlag machte, die Gaswaffe durch internationale Verträge gänzlich zu verbieten. Weniger einfach ist der Standpunkt der zur zweiten Gruppe gehörigen bewaffneten Staaten. Für diese hängt die Entwaffnungsfrage und die Beschränkung ihrer Rüstungen von einem anderen Moment ab, und zwar von der Sicherheitsgarantie, die ihnen durch den Völkerbund an Stelle der Rüstung ge­boten werden könnte. Mit diesem Argument arbei­tete in allen seinen Reden Herr Boncour, der Ver­treter Frankreichs, und seine Worte liefen auf die bekannte französische Triade:Sicherheit obli­gatorisches Schiedsgericht Entwaffnung" hinaus. Der Standpunkt Boncours zeigt klar, daß der Be­griff Sicherheit noch nicht genug geklärt worden ist. Soll dies bloß eine Garantie gegen einen un­provozierten Angriff fein, oder ist es etwa ein Ver­langen, wie es die Kleine Entente oder auch andere Länder stellen, in der Richtung, die ganze Welt solle dieHeiligkeit" undUnantastbarkeit" der Frie- densoerträge der Pariser Vororte garantieren? Zu dieser Garantieforderung gesellt sich noch die von Frankreich ausgestellte Theorie derKriegspotenz", d. h. das Verhältnis der Abrüstungsgrenzen nicht in bezug auf den Rüstungsstand in der Gegenwart, sondern zu dem schwer abschätzbaren Moment der Rüstungsmöglichkeiten, die im Kriegsfälle von dem betreffenden Lande benutzt werden könnten. Zu­guterletzt wünschen England und die Vereinigten Staaten die Entwaffnung des kontinentalen Europa oder wenigstens eine radikale Einschränkung der Landarmeen und Luftkräfte: diese scheinen England besonders gefährlich zu sein, sonst ist es nicht er­klärlich, mit welchem Temperament der Vertreter Großbritanniens die Abrüstung zur Luft gefordert hat. In bezug auf die Rüstung zur See sind sowohl England wie auch die Vereinigten Staaten der Mei­nung, daß in dieser Hinsicht bereits genug abgerüstet worden ist auf Grund der Washingtoner Konferenz. Eine Ausnahme will man nur für Unterseeboote machen, deren Verminderung seitens der euro­päischen Staaten von diesen beiden Ländern aus begreiflichen Gründen für dringend erklärt wird. Es ist natürlich, daß bei einer solchen Verschiedenheit der Ansichten über die Grundfragen der Abrüstung keine anderen als unbefriedigende Resultate zu er­warten waren, und dies um so mehr, als die Ab­wesenheit Rußlands sich sehr bemerkbar machte und die Kommission zwang, der besonderen Lage der Nachbarstaaten der Sowjetunion Rechnung zu tragen.

Es ist schließlich noch hervorzuheben, daß gegen die Theorie der Kriegspotenz von englischer Seite durch Lord Cecil energische Einwend^ngcn erhoben wurden. Sein Vorschlag, das Problem dadurch zu lösen, daß man einfach die allgemeine Wehrpflicht abschaffe und Söldnerheere einführe, rief naturgemäß einen Entrüstungssturm hervor, der den englischen Vertreter bewog, seinen Vorschlag mit der Bemer­kung zurückzuziehen, daß Großbritannien seinen An­trag nicht fallen lasse, sondern auf der nächsten Sitzung der vorbereitenden Kommission oder auf der Konferenz selbst einbringen wird.

Die Kommission hat damit anerkannt, daß eine Beschränkung der Bewaffnungsmöglichkeiten wäh­rend eines Krieges unmöglich ist. Dies sind in gro­ßen Strichen die Resultate von Genf. Sie sind wirk­lich nicht allzu bedeutend und stellen nicht einmal einen kleinen Schritt vorwärts auf dem Wege der Abrüstung weder der allgemeinen .noch der teil­weisen dar.

Heroischer Frühling.

Don Josef Friedrich P e r k o n i g.

Sieben Frühlinge in Kärnten haben es mit allen Finessen und tausendfachem Bemühen nicht vermocht, die Erinnerung an jenen einen zu tilgen, in dem gewalttätige Ereignisse die maienhafte Seele der gottesdienstlichen Jahreszeit höhnten und die friedfertigsten Menschen verstörten. Alljährlich um diese Zeit werden zweihundert Tote lebendig, und sie schauen zu den niederen Fenstern der ländlichen Wohnungen hinein, nicht anders wie manchmal jene wirklich Lebenden, die, von irgendwoher kommend, vor bekannten Häusern einige Minuten redend ver­weilen. Es sind die Toten, die sich für die Freiheit der Heimat Kärnten opferten, die zerstreut auf den stillen Friedhöfen der Dörfer des Unterlandes lie­gen, über das nun der südliche Wind, der Jauk, weht. Sie sehen ein glückliches, befreites Land, sie reden im Traum und Wachen, wie ein heimliches Gewissen, zu den Grenzern, die wohl ahnen, was

sie ihren Toten schuldig sind. Das Evangelium in der Kirche predigt den Frieden, und sie wollen ihn, wenn es von ihnen allein abhängt, mit gutem Glauben halten. Aber sie schauen deshalb doch da­hin, wo die Büchse steht, sie schmirgeln den Rost aus bem Rohr und wissen, daß die Herren in den Kanzleien und Schulstuben, die Arbeiter in den Fabriken und vor den Schraubstöcken, wenn es noch einmal fein mühte, was Gott verhüten wolle, wie­der heraus kämen auf das Land au dem Bruder Bauer, der den Gaul aus dem Pflug bindet und vor die Kanone spannt, wie damals in dem ver­dammten und doch gesegneten Frühjahr 1919. So einen Frühling hat Kärnten niemals gesehen, trotz Türken- und Franzosennot!

Wenn man heute von einem der Berge oder von einer Schlohterrasse niedersieht in das Tal der Drau, dann will man nicht glauben, daß wieder die Idylle einer solchen Landschaft sich ein Frevel ver­messen konnte. Müßte nicht auch ein sonst verblen­deter Mensch durch diesen Garten leiser als anders­wo gehen, dränge nicht auch durch die Rinde seiner Verhärtung ein letzter Schauer der Ehrfurcht?

Nein! Damals gab es keinen Frühling für die Menschen in Kärnten, und die Begebenheiten, die sonst, von dem ersten Aufruhr der Natur an, das junge Jahr verkündeten, wurden nur in Beziehung gebracht zu den Sorgen, den Möglichkeiten, den Prophezeiungen. Der warme März, der unablässig ziehende Föhn, die immer begrüßten Bereiter des Frühlings, fraßen den Schnee in den Karawanken und gaben den lauernden Slawen eine Unmenge neuer Wege in den Rücken der Kärntner frei, denn jede schneereine Stelle konnte eine Straße werden: das Gebirge ist unendlich weit, wie viele Leute wären notwendig gewseen, um eine Front so dicht zu besetzen, daß nicht einmal ein Bilch durchwech­seln konnte, wie in den Bergfronten des großen Krieges. Aber dieses Kriegchen in Kärnten hotte feine Armeen, kleine Kompagnien waren seine höch­sten Einheiten, und auch die bunt zusammengewür­felten aus Militär und Nichtsoldaten, Herr und Knecht, Greis, Mann und Bub, Besitzer und Habe- nichts.-Und wenn sie auf Patrouille gingen, fluchten sie dem Brausen des Schmelzwassers, weil es sie viel­leicht leisere Tritte überhören ließ. Das Leben im Bergstein hängt zu solchen kriegerischen Zeiten am guten und aufmerksamen Ohr: aus dem verräteri­schen Sand- und Steinchenrieseln muß man die Ge­fahr ahnen können.

Schon der März und gar erst der April war voller Unraft an der hundert Kilometer langen ober noch längeren Linie, bie als ein Demarkationsstrich mitten durch Kärnten gezogen war und an der Freund und Feind den letzten Spruch des Obersten Rates zu Paris erwarten sollten. Das Vieh in den Ställen feote unruhig, nicht nur wegen des Jauks, dem das Blut der Tiere stets antwortet, sondern wohl auch wegen der ungemijhnlichen, deutlich spür­baren Hast der Hausleute. Die Bauernarbeit mußte DoUbradit werden, aber es war eben das mecha­nische Werk dieser Zeit, her Frühling kam nieman­dem so recht wirksam in das Bewußtsein.

Dann brachen bie Slawen im Frühbärnmern des 29. April ben beschworenen Waffenstillstanb und überfielen die dünne Linie, in der auf Treu und Glauben Dutzende von Toren in das tiefere Land offen standen, von denen jedes eine Stunde bis fünf Stunden breit war. Zum Aprilende hatten manchmal in diesen Gegenden an den Karawanken, wo sich die Wolken gerne fnäueln und entladen, ge­waltige Frühlingsgewitter getobt und die Men­schen mit Schrecken überzogen. Aber sie waren gnädig gewesen und hatten bald geendet. Doch bas Gewitter, bas jetzt bie Menschen verursachten, besten Hall von Osten und Westen dröhnte und so an jedem Orte grausig zusammenprallte, überwölbte viele Tage hindurch das Land mit einer dumpfen Angst.

In dem Rasen eines alttestamentarischen Zornes, der Auge um Auge. Zahn und Zahn forderte, stie­ßen die Kärntner wider die slawischen Haufen. Am Vormittag hief?r denkwürdigen 29. April wäre viel­leicht das Schicksal des Landes traurig entschieden gewesen, wenn nicht jeder Kärntner, auf den es in ben allerersten Stunden ankam, unbedenklich den Kamps mit mindestens fünf Gegnern, ausgenommen hätte, denn so bedeutend war anfänglich die lieber« macht.

Aber sie wurde buchstäblich von Stunde zu Stunde geringer; der Zustrom der Helfer hielt beständig an, und es befanden sich bie seltsamsten Menschen ba- bei, unter denen das Rührendste und Unglaublichste wohl Studenten waren, die nie noch einen Schuß aus dem Stutzen gefeuert hatten, ober brave, arme

Leute her Heimwehren, bie ohne Ueberzieher, weil sie nie einen besessen, in dem Wolkenbruch des Mor­gens und in dem Schneefall der darauffolgenden Nacht froren und, obwohl sie in keinem beeideten Zwange ausharren mußten, doch so lange blieben, . bis sie die Kommandanten heimschickten, um zu schlafen, sich zu wärmen. Am nächsten Morgen aber waren sie wieder da, genau so kriegsunerfahren, so armselig dünn gekleidet. Doch beiden wurde gehol­fen: die Jungen lernten im Handumdrehen, mitten in den Plänkeleien und Gefechten, schießen, wie der und jener zu schwimmen anfängt, wenn er unver­mutet ins Wasser fällt; und die Fröstelnden fühlten sich plötzlich in einer Treibhausluft, denn jo ist es hier, daß her Frühling, der lange seinen Atem an­hält, auf einmal außer Rand und Band gerat und sich sommerlicher gebärdet als fein Nachfolger.

Aus der Verteidigung wurde ein großes Jagen, aus dem slawischen Jäger wurde ein Wild. Und die Leute aus Stadt und Markt waren auf ihrem Zuge hinter der kopflosen Flucht her, weil es ja genug Stunden des Verschnaufens, Sammelns und Rastens gab, Zeugen des ihnen vielfach unbekannten bäu­rischen Frühlings. Sie sahen in den Obstgärten bie Blüte, schauten in bie spärliche Belaubung ber Dorf- linden und ließen sich die Kräuter intern Garten nennen, die der Bauer für ben bitte'ren^Magen- schnaps pflanzte. Aber es geschahen auch unheim­liche Dinge: ein Solbat verblutete, auf dem Pa- trouillengang angeschossen, unter einer Birke, und sein erstarrter Blick hing in dem Hellen Laub, ober man fand einen blutjungen toten Stubenten, ber sich im letzten Schmerz bes wunden Leibes und der verzweifelten Seele in die blühenden Erikabüjchel verbissen hatte, ober eine Kugel holte, m t einem ausgezirkelten Herzschuß, ja, so romanhaft wirkt ber Zufall, mitten aus einer kleinen Gemeinde einen ahnungslosen Burschen. Tücke war in diesem Früh­ling Trumpf, in dem die Drauwüsser da und dort einen Leichnam an ein Brückenioch, an Uferböschung ober Regulierungsmauer schwemmten, nicht zu reden von denen, die in dem Strom eine weite, nirgends unterbrochene Reise machten. Sie kamen auf trau­rigem Wege in ihr Vaterland zurück, denn es traten lauter slawische Soldaten, auf Brücken, in Kähnen ober hart am Flußufer vom Tobe überrascht.

Es war die Zeit, da in den Wäldern die Kuckucks wie besessen riefen, aber wer kümmerte sich um sie? Die Herrschaft ihrer zeitweiligen Rufe war über­boten von den noch häufigeren der Gewehrschüsie die überall in dem lärmvollen Kärntner Unterlande eiferten. Als es rein gefegt war, in den ersten Tagen des Mai, da blieben die wieder in den Frühlings- frieden Heimkehrenden nur geringe Zeit hindurch ihres glorreichen Werkes froh. Denn überall war zu hören, daß sich jenseits der Grenzen im Slawen reich ein neues grauenhaftes Gewitter zusammen zöge. Jeder wußte: nun kam eine Ueberrnacht, gegen die selbst Tod und Teufel hilflos fein würden, aber keiner verließ seinen- von vornherein verlorenen Posten. Als sich die Lärchen in den Höhen bsnade! ten und im Tale das Mrstteriurn der ßinbenblüft geoffenbart war, sprang die Bestie neuerdings air den Menschen. Es wurde ein Kampf um jede Hand­breite Boden, und unzähligen slawischen Augen wat dieser Kärntner Frühling der letzte, ben sie schauten Aber bald nach bem Himmelfahrttage legte sich bas arme Land hin, wie sich ein todmüder, aus gren» zemlosem Leid gleichgültig gewordener Mensch, er­gibt ....

Oberhesten.

Landkreis Gießen.

L, Wieseck, 9. Sunt. Arn Sonntag unter­nahmen 45 Einwohner von hier mit einem der Wiesecker Auto-Omnibusse eine wohlgelungene Fahrt nach der Edertalsperre. Die Fahrt ging über Marburg, Franken berg nach Herzhausen, von da nach einem Imbiß nach Waldeck. Hier wurde zunächst das Schloß be­sichtigt, mit dem Dampfboot eine Fahrt nach der Sperrmauer unternommen, worauf die Rückfahrt per Dampfboot nach Herzhausen erfolgte. Don da wurde mit dem inzwischen wieder eingetroffenen Auto dieHeimreise angetreten. DieFahrt verlief zur vollen Zufriedenheit aller Teilnehmer, wenn auch nicht gerade das günstigste Wetter zu verzeichnen war. Das teilweise recht schwierige Gelände stellte an den Führer und Wagen große An­forderungen, jedenfalls bewies die Fahrt die außerordentliche Leistungsfähigkeit der von der Gemeinde beschafften Büssingwagen. Schon jetzt besteht eine lebhafte Nachfrage nach einer Wie-

Konzert der E Lßener Studentenhilfe

Lange Zeit war die ^.-cappella-Vokalmusik die herrschende Ausführungsform für die Musik ge­wesen. Erst die rapide Entwicklung der Instrumen­talmusik in den letzten Jahrhunderten hat sie in den j Hintergrund treten lassen. Genau wie sie einst mit ; ber Ausbildung der musikalischen Grundelemente bie j Normen für bie Instrumentalmusik gab, so erweist ! sie sich noch heutigen Tages als Quelle gesunden musikalischen Schaffens: kein Werdender, der nicht gerade am unerschöpflichen Born der alten Vokal­musik tieferen Einblick in das Wesen ber Musik ge­wonnen hat: gesundes musikalisches Erleben erhält an ihr die beste Nahrung.

Die Instrumentalmusik unserer Zeit bringt (ab­gesehen von den Streichinstrumenten für sich) mehr ober weniger eine Verfälschung ber akustischen Werte (namentlich durch die Temperierung) mit sich, bie j erst durch unser aktives Mitschaften beim Erfassen ber Musik überwunden, korrigiert werden muß. Die Vokalmusik (in ihrer Vollendung) gibt diese so, wie sie unserem psychischen Erleben entsprechen, das Spiegelbild dessen, wie wir bie harmonischen unb melodischen Beziehungen ber Töne untereinander in uns verarbeiten. Denn erst durch das Beziehen nach bestimmten innewohnenden Gesetzen wird der Ton für uns ein Teil unseres Inneren, der akustische Eindruck wirb zur Musik! Nicht ber Ton an sich ist Musik: unsere psychische Mitarbeit läßt ihn erst dazu werden.

Es ist ein Gesundungszeichen für unsere Zeit, baß das Wiedererwecken des Vokalen in den letzten Jahrzehnten wieder breiten Raum gewinnt. Auf die Hinwendung unseres Gegenwartsschaffens zum j reinen Vokalstil wurde schon des öfteren verwiesen, j Gemischtchörige Vereinigungen, die sich die Hebung j ber unergründlichen Literatur zur Aufgabe stellten, , sind in ben letzten Jahren erstanden. Richt alle 1 von diesen Vereinigungen sind ihren Zielen völlig ! treu geblieben; bmn bi- alte Vokalmusik erfordert I undebingtes nac: haltendes Interesse um Sach- . lichen. Nicht die Vorcidcchückchen (deren hoher musi­kalischer Wert unbeftriite» sei), bie aber immer wieder auf bem Proaromm ber meisten Vereini­gungen erscheinen, umfassen das Wesentliche dieser Literatur; die vielen Schätze wollen durch Idealis­mus gehoben sein.

Unb nicht nur bie Erweckung ber alten Werke wird bie Aufgabe bilden, alles; was auf diesem Grunde an Schöpfungen organisch erwachsen ist, wirb ben Arbeitskreis erweitern.

Wie kaum bei einem Klangkörper wird der Diri­gent entscheidend sein, nicht nur Historiker, aber Musiker mit historischem Einfühlungsvermögen. Er gibt bem Ganzen bas Gepräge.

Die Kasseler A-cappella-23ereini = g u n g hat in Robert Langs ben rechten Führer gefunben. In längerer Arbeit hat er einen Vokcll- törper erstehen lassen, ber von Jahr zu Jahr an Rundung des Klanges gewonnen hat und schlechthin ideal genannt werden kann. Alle Stimmen sind organisch zu einem Ganzen verschmolzen: das Piano, einem Orgelfernwerk gleich, birgt ein weit- ausladendes, stets ausgeglichenes Krejcendo von fast unbegrenzter Kraft. Ein Instrument, bas bem Führer willig folgt bis zum Aeußersten; denn Längs ist kein reflektierender Musiker: er lebt in ber Musik, sie ist ihm Lebensäußerung. An nichts geht er vorüber, bie kleinste Wenbung im Melodischen, im Harmonischen, die leicht übersehen werden könnte, wird bei ihm charakteristisch, ber breit fließende Klangstrom wird zum Erlebnis. Denn Vokalmusik ist nicht bloß Text mit Tönen, sondern Klang, psychisch getragen. Ein Moment, das man bisher meist nur an ausländischen Chören bewundern konnte.

Da mußte ein Werk wie die große Motette für achtstimmigen Doppelchor von Äoh. Seb Vach: Singet bem Herrn ein neues Lied , bas schon bie Brücke schlägt zum Instrumentalen hin unb auf bem höchsten Gipfel bes vokalischen Zeitalters steht, ein übermältigenbes Erlebnis werden. Dieser Koloß, mit den großen Fugen ber Ecksätze, mit ber doppel- chörigen Choralmterpretation im Mittelsatz; dieses Klanggewoge, übersichtlich in der Linienführung, bei aller Polyphonie klar bis zum Einzelsten. Eine Prachtleistung!

Unb bazu ein Werk aus bem Gegenwarts­schaffen, das ganz auf vokalem Boben erwachsen ist, bas alle modernen Ausdrucksmittel in seinen Kreis zieht: die vier geistlichen Hymnen von Richard Wetz (op. 44). DosKyrie" mit feinem im ersten Telle streng imitierenden Thema, dem mehr homophon gestalteten Mittelfatz: die Wiebera"j- nahme des Themas, mit bem Eintritt ber Männerstimmen enggeführt gesteigert, und bann bie zarte Kantilene im Sopran. ImIncarnatus

bas Visionäre, Verklärte (de spiritu sancto); bas herbeet homo factus est", bie dissonante Seiten­bewegung von Sopran unb Tenor zur kleinen Sekunbe aus bem Unisono heraus. Dieser aszetifche Ausklang in leeren Quinten sich verlierend. Das bem Menschen unersaßliche Gott-Mensch-Sein! Das Crucifixus mit seinen Steigerungen; bas Stakkato deset sepultus est! Erschütternd für jeden, dem Musik Angelegenheit des Innern ist. Ein Satz, ber seinesgleichen wohl nur bei Ant. Lotti findet. Im ..Ägnus Dei steigert sich dasmiserere zum Aufschrei: basdona nobis pacem mit seiner schlich­ten melodischen Linie, sich klanglich erhebend, ab- klingend über einem Drgelpunft, überirdisch im ppp entschwindend. Das beste Zeugnis, das unser Zeit- schajfen den Weg zu den tiefsten Wahrheiten bes Lebens zu weisen vermag.

i Regers Gesänge für vierstimmigen Frauenchor I warfen ein neues Licht auf diese Seite seines ! Lebenswertes. Wie der Tert zum Klang auswächst, das zeigte die Wiederholung der Strophe:Im Himmelreich ein Haus steht' nur im Resonanz­klang ber menschlichen Stimmen.

Der letzte Teil des Programms gab unter an= | berem ein Werk, das unter ber Überproduktion im ! Instrumentalen vergangener Jahrzehnte wenig be= j rannt geworben ist: Wilhelm Bergers jechsstirn- j inigesMübe, bas Lebensbool weiter zu steuern", bas mit feiner symphonischen Durcharbeitung bem Textsinn bas letzte Geheimnis abgewinnt unb in bemcantus firmus bas Alt (Glaube an ein Wie­dersehn") dafür die Bestätigung findet. Max BruchsWaldpfalm" mit feiner Frühlingsfrische beendete die Folge der erlesenen Gaben.

Das Instrumentale fand am Flügel seine Ver­tretung durch Frau Paula Hegner, einer Pia­nistin mit überaus durchgebildeter, fast virtuoser Technik. Für die ältere Musik (Händel, Scar- lat t i), die sie bot, bedeutet jede Anführung auf dem modernen Flügel im Vergleich zu den Instrumen­ten jener Zeit eine erhebliche klangliche Verstärkung, bie um so mehr durch ein feineres Ausarbeiten im einzelnen ausgeglichen werden muß. Mit ber Rhap­sodie von Johannes Brahms erspielte sie sich einen starken Erfolg, der sie noch zu einer Zugabe verpflichtete.

Die Veranstaltung f!anb tu ter dem Zeichen des fünfjährigen Stiftungsfestes der Studentenhilfe, eine würdige Feier!

Se. Magnifizenz ber Rektor dankte zu Beginn allen Förderern des Stubentenhilfswerkes unb im Schlußwort rief Professor Eger ben ausübenben Künstlern ein herzlichesAus Wiebersehen" zu; ein Wunsch, bem jeder Kunstfreund aufrichtig beipflich- ten wird. -in-

Frankfurter Theater.

Walther Brügmann ist wieder ^einmal von Leipzig herüber gekommen, um seinen Frankfurtern einen recht heiteren Kunstgenuß zu bereiten. Offen­bachsOrpheus in ber Unterwelt" gab ihm bas Spiel ber taufenb leichtbeschwingten Einfälle, er in­szenierte es, richtete bie Operette für neuzeitliche Anforderungen bühnenwirksam ein und fungierte auch als Figurenzetchner und Bühnenbildner: mehr kann man von einem Regisseur wirklich nicht ver­langen! Die Aufführung ist denn auch mit einer bunten Reihe Spielmöglichkeiten ausstaffiert. Der Olymp des Jupiter-Impekoven kann sich neben ber größten Revue sehen lassen. Aber auch in ber Unterwelt ist es bebeutenb gemütlicher, als Dante uns glauben macht, ber Pluto- Steinbrecher ist ein ganz famoser Junge unb Obcmars Hans ist ein Erfolg für sich. Impekoven weiß ber Gestalt bes Jupiters immer neue humorvolle Seiten ab­zugewinnen. Diegöttlichen Damen" werden von Mathilde Einzig, Lola M e b t U s, Aida Sink- Ferring, Luza Rotkovsky charakteristisch bar- gestellt. Leontine Gegen ist eine sehr elegante Oeffenttiche Meinung", basliebende" Ehepaar Orpheus unb Eurydice sind bei Theodor Daneg - g e r unb Agnes Wernighaus ausgezeichnet auf­gehoben. Das Publikum amüsiert sich glänzend; Höhepunkt ist, wenn im letzten Akt bas Schiffchen durch den Zuschauerrraum auf bie Bühne rollt. Der einzige Fehler der Aufführung ist vielleicht ber, baß all bas luftige Drum und Dran unb bie fast durch­schnittlich nur aus Schauspielern bestehenbe Be­setzung den prachtvollen Melobienreichtum und die klangvolle Schönheit ber Offenbachschen Musik in ben Hintergrunb drängt. Ader sonst ist diese Ausfi hrnng wirklich gelungen, und das Publikum ist froh, zwi­schen den vielen modernen, handlungsarmen wieder eine jener guten, alten und inhaltsvollen Operetten zu jehen. Man klatschte mit Ausdauer unb rief Brügmann wiederholt auf bie Bühne. L. W.