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Itr. 152 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)Mittwoch, 9. Juni 1926

Aus Natur und Technik.

Die Sicherheit im Eisenbahnverkehr.

Don Dipl.-Äng. Mangold, Duisburg.

Das Eisenbahnunglück in München, das beinahe dreißig Menschenleben vernichtet und doppelt so viele schwer verletzt hat, wirft mit Recht die Frage auf: Gibt es denn gar keine Mittel, um das sich fast immer in gleicher Weise abspielende Auffahren eines Zuges auf einen anderen zu verhindern? Es hat sich hier in München genau derselbe Vorgang wie Anfang 1925 in Herne i. W. wiederholt. Auch hier behauptet der Lokomotivführer, daß er die Strecke genau beobachtet, und das Signal aufFreie Fahrt" gestanden habe.

Die Reichsbahn beschäftigt sich wohl seil Jahren oder gar seit Jahrzehnten mit der Frage einer me­chanischen Zugsicherung, aber herausgekommen ist dabei bisher noch nichts. Es herrschen immer noch die alten Zustände, immer noch treten die so furcht- baren ^Eisenbahnunglücke durch Auffahren eines Zuges auf einen anderen ein. Zur Zeit liegen die Dinge so, daß die ganze Sicherheit eines fahrenden Zuges auf einem Menschen ruht, nämlich dem Loko- motiosührer. Wohl sollen Heizer und besonders Zugführer auch auf die Signale achten, aber diese sind ebenfalls nur Menschen und bei schlechtem Wetter, over bei anderen ungünstigen Verhältnissen genau so in ihrer Wahrnehmung beschränkt. Dazu kommt noch der andere, sehr wichtige Umstand, daß jeder Eisenbahner weiß, daß, wenn nur irgend möglich, der Fahrplan genau eingehalten werden soll und muß. Denn durch jede Zugverspätung wird die ganze Zugfolge mehr oder minder gestört und Id neue Gefahrpunkte für weitere Unfälle geschaffen. Aus diesem Grunde ist psychologisch der Eisenbahner immer geneigt, im Zweifelsfalle ein Signal so an­zusehen, wie es fahrplanmäßig sein sollte. Auch die vahnoerwaUung hält mit voller Berechtigung das gesamte Personal zur Pünktlichkeit und Einhaltung des Fahrplanes an. Denn Pünktlichkeit ist ein we­sentlicher Sicherheitssaktor im Eisenbahnbetrieb, der möglichst wenig gestört werden darf. Wir.sehen also, daß die Verbesserungen zur Verhütung der Eisen- bohnunfälle nicht beim Bahnhofs- oder Zugpersonal, sondern an anderer Stelle versucht werden müssen. Wir kommen damit auf die Frage zurück: Kann wirklich der Zug nicht vom Stellwerk aus zum Halten gebracht werden?

Wir alle kennen die Druckluftbremse, welche er- möglicht, den Zug in jedem Augenblick durch den Zugführer, einen Schaffner, oder irgendeinen Rei- senden zum Halten zu bringen.

Mit Hilfe der Druckluftbremse gibt es unseres Erachtens auch einen Weg, einen Zug von der Strecke aus zum Halten zu bringen. Es kann auf der Strecke in gewisser Entfernung hinter dem Sig­nal entweder unter dem Zug zwischen den Schienen oder über den Wagen eine Vorrichtung angebracht werden, welche bei geschlossenem Signal die Not­bremse des Zuoes in Tätigkeit setzt und dadurch automatisch den Zug sofort zum Stehen bringt. Es ist uns auch bekannt, daß sich die Eisenbahnverwaltung schon seit langer Zeit mit dieser Frage beschäftigt und dahingehende Versuche angestellt hat. Daß trotz­dem noch nicht die notwendigen praktischen Folge­rungen gezogen sind, liegt, soweit wir unterrichtet sind, daran, daß die in Frage kommenden Stellen über gewisse Bedenken noch nicht hinaus gekommen sind Diese Bedenken bestehen in dem Glauben, daß sich der Lokomotivführer auf die selbsttätig wirkende Zuqhaltevorrichtung verlassen und nicht mehr der Strecke die notwendige Aufmerksamkeit schenken würde. Dadurch entftänbcn dann höchstens noch mehr Unglücksfälle, da einerseits die mechanischen Siche- ningen einmal versagen, anderseits aber Fahrthin­dernisse eintreten können, die nur durch Sinne des Führers wahrzunehmen sind.

Wir hallen diese Auffassung für falsch und mun­tern uns, daß sie im Zeitalter des technischen Fort­schrittes noch vertreten wird. Sie geht von falschen Voraussetzungen aus. Es handelt sich hier nicht um den Ersatz eines mit den Sinnen wahrzunehmenden Signales durch eine mechanische Vorrichtung, son­dern um seine Ergänzung.

Dadurch, daß die mechanische Haltevorrichtung so angeordnet wird, daß sie erst nach Ueberfahren des Haltesignales in Tätigkeit tritt, stellt sie eine Kontrolle des Lokomotivführers dar, welche ihn zur gewissenhaften Beobachtung der Signale zwingt. Man kann ohne Schwierigkeit die Haltevorrichtung fc bauen, daß jedes Ueberfahren des Haltesignals feftgelegt und dem aufsichtführenden Beamten zur Kenntnis gebracht wird. Dadurch kann das Zug­personal auch für alle die Fälle zur Verantwortung gezogen werden, in denen das Haltesignal zwar überfahren war, aber keine weiteren Folgerungen entstanden. Bisher kommt dies in vielen Fällen dem aufsichtführenden Beamten gar nicht zur Kenntnis, obwohl eine Meldung durch das Stellwerk ufro. vorgeschrieben ist.

Ein anderer Einwand dürfte der fein, daß manch­mal im Eisenbahnbetrieb Störungen auftreten, die ein Ziehen des Signals unmöglich machen, obwohl die dahinter liegende Strecke frei ist. Der Zug wird in einem solchen Falle durch schriftlichen Befehl zur Vorbeifahrt an dem geschloßenen Signal beauf­tragt. Auch kommt der Fall vor, daß unter Be­achtung besonderer Sicherheitsmaßnahmen über das auf Halt stehende Einfohrtfignal hinaus rangiert werden muß. In diesem Falle würde nun die mecha­nische Zugsicherung den Zug ebenfalls zum Halten bringen. 'Auch diese Bedenken können wir nicht teilen, weil einmal in erster Linie der normale Ver­kehr zu sichern ist, mb für Ausnahmefälle die Vor- richtung getroffen werden kann, daß die Sperre von Hand selbstverständlich unter entsprechender Sicherung gegen Unbefugte medergehallen und der Zug oorbeigelaffen wird. /

Auch besteht die Möglichkeit, die Druckluftbremse auf elektromagnetischem Wege von der Strecke aus In Tätigkeit zu setzen, was den Vorteil hat, daß bei großer Geschwindigkeit der Zuge kein Hebel oder dgl. umzulegen ist, und daß die Bremse auch ohne weiteres vorn Stellwerk ober Fahrtbienstleiter außer Tätigkeit gesetzt werden kann.

Aus einer anderen Basis bewegen fid)_ die Ver­buche, bas Einfahrtsignal direkt auf den Führerstand drahtlos zu übertragen, sowie die Frage der Licht­signale durch starke, scheinwerferartige Lampen. Dies Problem, bas einen Ersan, ferne Ergänzung der heute gebrauchten Signale erstrebt, wirb beson­

ders durch die Einführung des elektrischen Betriebes aktuell, weil hier durch die Tragmasten für die Oberleitung die Signalmaften für den Lokomotiv­führer bedeutend schwerer erkennbar sind.

Mathematik gegen Einbrecher.

Don Karl Ammon.

Wir sind alle eigentlich unglaublich leicht­sinnig: Untere Schlösser, die wir an unseren Haus- und Wohnungsturen haben und hinter denen wir uns geborgen fühlen, sind alles andere als sicher. Wenn die Mehrzahl der Menschen wüßte, wie leicht es ist, ein Schloß mit einem Dietrich aufzumachen, so würde sie dieser Frage entschieden mehr Aufmerksamkeit zuwenden besonders jetzt vor der Reisezeit. Es ist aber nicht nur der Dietrich, der unsere Schlösser un­sicher macht: viel anderes kommt dazu: Wer wohnt z. D. in einer Wohnung, von der noch nie ein Schlüssel verloren gegangen ist? Wenn der Finder auch in den meisten Fällen nicht weiß, welches Haus ci" :r welche Wohnung zu dem ge­fundenen Schlüs el paßt, so kommt es eben doch vor, daß er es weih. Dann aber machen sich die Herren Langfinger bei Klingelfahrten Abdrücke von den Schlössern mit Wachs, oder sie offnen sie mit Dleistreifen. Manche schleichen sich auch in das liebebedürftige Herz unserer weiblichen Hausbediensteten ein. Ohne daß es die betörte Jungfrau merkt, hat er sich einen Wachsabdruck von ihrem Haus- und Wohnungsschlüssel ge­macht, sei es, daß er während kurzer Abwesen­

Schlüssel nach unveränderter Einstellung des Schlosses zu öffnen: Um es gleich zu sagen: Er wird kein Glück haben. Die unteren Kanten aller Zuhaltungsplatten liegen nämlich in genau gleicher Höhe. Wenn er also nicht so von unten gegen sie drückt, daß sie sich so weit hochheben, wie das bei Benutzung des richtigen Schlüssels geschieht, so bekommt er kein Abbild des Schlüssels. Aber selbst wenn ex sie hochhebt, bekommt er auch keins, denn sie heben sich nie gerade so hoch, wie sie mit dem richtigen Schlüssel gehoben wer­den: das ist durch die Gestalt der Schlitze zwischen den Rasen e bedingt. Rur wenn mit dem rich­tigen Schlüssel geschlossen wird, heben sich die Zuhaltungen genau so weit, daß nun die Rasen e aller Zuhaltungen mit ihren wagrechten Kanten gleich hoch liegen und den Stift g zwischen sich hindurchlassen, so daß die Platte f und damit der Riegel bewegt werden können

Auch das ist noch nicht alles: Sobald je­mand die Zuhaltungen mit irgend etwas anderem als dem richtig zusammengestellten Schlüssel hoch­hebt, so hebt er damll das linke Ende eines Hebels c, der mit seinem rechten Ende auf einen zweiarmigen Kontakthebel im eigentlichen Riegel drückt und dessen rechtes Ende b dadurch hoch- hebt. Run befindet sich im Schließblech ein elek­trischer Kontakt, der an die Haus-, Wohnungs­oder eine besondere Klingel- oder Alarmanlage angeschlossen ist, die dann ertönt:Krach" ist aber das, was die Einbrecher am meisten fürchten, denn wenn es klingelt, dann kommt jemand: zum mindesten wird er aber gestört und sein Vor­haben wird bereitete, oft aber wird es dadurch

men gossen". Mochte auch manche wertvolle Ent­deckung die unbeabsichtigte Frucht dieses Be­strebens sein, im Ganzen war es doch ein unge­heurer Fortschritt, als man diese Dahnen verließ und die entgegengesetzte Ansicht von der völligen ilntoanbclbarteit der chemischen Grundstoffe die Grundlage der Wissenschaft wurde. Aus diesem Standpunkt hat die neuzeitliche, im wesentlichen von Lavoisier, Dalton und Berzelius gegründete Chemie bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gestanden.

Es ist bekannt, daß die Entdeckung des Radiums durch Frau Curie und die Deutung der bei ihm auftretenden, zunächst ganz unerklärlichen Erscheinungen durch Rutherford die Lehre dpi. der unbedingten Beständigkeit der Grundstoffe über den Haufen geworfen hat. Trotz des zähe: Widerstandes, den die Ruthcrfordsche Theorie zunächst fand, setzte sie sich doch bald allenthalbe. durch. Aber freilich bot sie nichts weniger als die Erfüllung des Traumes der alten Alchimisten Die wichtigste Eigenschaft dieser sogenannten radioakttven Erscheinungen war es nämlich, dal sie sich durch keinerlei willkürliche Maßnahme,, beeinflussen liehen. Selbst Temperaturunterschiede von einigen tausend Grad, die die eigentlichen chemischen Umsätze völlig anders verlaufen lassen, hatten keinen Einfluß auf diesen stets mit un­abänderlicher Geschwindigkeit vor sich gehende, Zerfall.

Cs erregte daher das höchste Aufsehen, als es im Jahre 1919 Rutherford gelang, eine Atom- Verwandlung willkürlich herbeizuführen. Freilich benutzte er dazu den natürlichen, unbeeinflußbar

Bild 2.

? 2 3 5 6 7

Bild 1.

Bild 3.

heit der Beglückten die Handtasche öffnet, sei es, daß er das Gespräch auf verzwickte Schlüssel und Schlösser bringt unb natürlich den Schlüssel der angehenden Braut gebührend bewundert, wo­bei er dann natürlich zur Herstellung eines Ab­drucks leicht Gelegenheit findet braucht den Schlüssel ja nur einen einzigen Augenblick unter den Tisch zu halten.

Drei Forderungen sind es daher, die an ein sicheres Schloß gestellt werden müssen: Das Rehmen von Wachsabdrücken am Schloß selbst muß unmöglich, und der Versuch zum Oeffnen des Schlosses mit Bleistreifen und Dietrichen darf nicht unbemerkt möglich sein, ferner muß Vor­sorge getroffen werden, daß der Erfolg des Rehmens von Wachsabdrücken am Schlüssel ver­eitelt werden kann.

Run gibt es schon allerhand Schlösser, die eine oder die andere dieser Forderungen erfül­len. aber es gab bis jetzt eigentlich keines, das allen entsprach. Run ist aber neuerdings ein von einer Berliner Firma hergestelltes Schloß (Hokraschloß) auf den Marte gebracht, das wirk­lich alle guten Eigenschaften in sich vereinigt. Die Hauptsache ist, daß dieses Schloß und die dazu gehörenden Schlüssel vom Besitzer selbst gewissermaßen erst fertig gemacht werden: Selbst der Verkäufer kann nicht etwa einen Schlüssel zurückbehalten und nachher das Schloß damit offnen; außerdem steht nichts im Wege, das Schloß und die Schlüsiel täglich oder doch wenig­stens des Oefteren zu ändern die Mühe ist nur gering. Wenn man auch nicht so vorsichtig fein wird, täglich zu ändern, so wird man bei­spielsweise immer ändern, wenn man einen ge­wissen Verdacht hat. wenn man einen Schlüssel verloren hat usw. Gerade der letzte Punkt ist sehr wichttg: Während man bisher nach diesem Vorkommnis das Schloß und die Schlüsiel ändern lassen mußte, was der Kosten wegen meistens unterblieb, kann man die Qlenberung beim Hokra­schloß sofort mit ein paar Handgriffen selbst ausführen.

Diese Möglichkeit ist dadurch gegeben, daß der Bart des Schlüssels nicht aus einem Stück, sondern aus 7 losen Teilen besteht (Bild 1), von denen Rr. 7, der längste, zum Bewegen des Riegels a (Bild 2) dient, während die 6 anderen die Zuhaltungen d bewegen. Run kann man das Schloß aus der an der Tür angebrachten Hülse (Bild 3) ohne Lösen einer Schraube einfach her­ausziehen, wenn die Tür offen ist, und dann die Zuhaltungen und die den Riegel rückwärts ver­längernde Platte f sie ist in den Riegel mit einem Sch walbenschwanz lose eingehängt be­liebig ordnen, indem man sie auf die Stifte g und h auf reiht. 3n entsprechender Reihenfolge ordnet man dann die Bärte am Schlüssel für außen und umgekehrt am Schlüsiel für innen: sowohl die Platten df wie die Schlüsselbärte sind numeriert, so bafl das eine Kleinigkeit ist. Untere Bilder zeigen den Innenschlüssel und das Schloß in der Zusammenstellung 5 7 3 1 6 2 4.

Run wird der verehrte Leser sagen: Das wird nicht viel nützen, denn die Ordnung von 7 Gegenständen fann nicht so oft verändert wer­den. daß man sie nicht im Augenblick aus­probieren könnte. Gemach. lieber Leser! Die Mathematik, die wir hier gegen die Einbrecher ins Feld führen, behauptet das Gegentell: sie Jagt nämlich, daß man sieben verschiedene Gegen­stände auf 1 mal 2 mal 3 mal 4 mal 5 mal 6 mal 7 Arten ordnen fann, und das sind wenn Sie sich das ausrechnen wollen, nicht weniger als 5040 Möglichkeiten für Schlüssel und Schloß!

Aber damit erschöpfen sich noch lange nicht alle guten Eigenschaften des Schlosses. Wrr wollen einmal annehmen, em Herr Langfinger versuche, sich einen Wachsabdruck am Schloß zu machen oder es mit einem Dleistreifen. einem Dietrich oder einem besagter Jungfrau entwen­deten oder einem ihrem Schlüssel nachgemachten

gelingen, ihn zu fassen und unschädlich zu machen. Daß der Kontakt im Schließblech liegt, ist übrigens besonders wertvoll, beim Kontakte an der Tür selbst sind immer unbequem und auch wenig betriebssicher, weil sich die Tür bewegt und demnach bewegliche Leitungsteile oder Kon­takte vorhanden sein müssen, die leicht versagen.

Da wir nun vorhin von der Mathemattk gesprochen haben, will ich Ihnen noch etwas verraten, was Sie anwenden können, falls Ihnen die 5040 Möglichkeiten der Einstellung Ihres Schlosses noch nicht genügen sollten: Sie kaufen sich die Schlüsselbärte und die Zuhaltungen von 1 bis 6 je fünfmal besonders, ober auch nur einzelne bavon nochmals, was bie Welt nicht kosten kann, unb haben bann bie Möglichkeit, Zusammenstellungen wie 2 1 3 7 2 5 6 zu ma­chen. also auch Darttelle zu wiederholen unb dafür andere wegzulassen nur bie Rr. 7 müssen Sie jedesmal einsehen, da sie ja zum Dewegen des Riegels bient. Sie vermehren bie Cinstel- lungsmöglichkeiten Ihres Schlosses baburch ins Ungeheuerliche: Wenn Sie alle Därte unb Zu- haltungen noch fünfmal kaufen, bann können Sie nämlich Ihr Schloß aus 7 mal 66 Arten cin- stellen. Um Ihnen bie Ausrechnung zu ersparen, will ich Ihnen verraten, baß bies 326 592 Mög­lichkeiten ergibt. Selbst wenn zum Ausprobieren auf jede biefer Möglichkeiten nur eine einzige Sekunde verwendet würde, so müßte der Herr Einbrecher 903/< Stunden ohne Pause arbeiten, um sie zu erschöpfen in Wirklichkeit natürlich ein ViÄsaches dieser Zahl. Dabei dürste er denn doch hungrig werden, abgesehen davon, daß er schon beim ersten Versuch infolge des dadurch verursachten Alarms an dem mit Recht so be­liebten Schlafittchen gefaßt würde und Gelegen­heit bekäme, über die großen Gemeinheiten der Mathemattk unb neuzeitlicher Schlösser längere Zeit ungestört nachzudenken.

Atomumwandlung".

Von Professor Dr. Paul Kirchberger.

Die neue Gruppeneinteilung der Patentflos­sen. nach der das deutsche Patentamt seit De- ginn dieses Jahres alle einlaufenden Patent­anmeldungen einteilt, bringt eine kleine Heber- ralchung. In dem Ramen einer Gruppe der Patentklasse 40 c taucht nämlich das Wort2ltom- umwandlung" auf. Offenbar hält also das Pa­tentamt nicht nur eine Verwandlung der Atome eines Clementes in die eines anderen für mög­lich. sondern es erwartet auch anscheinend noch viele Erfindungen oder doch wenigstens Patent- anmeldungen auf diesem Gebiet. Den Anlaß hierzu boten offenbar die Arbeiten von Professor Miethe. der bekanntlich aus Quecksilber Gold ge­wonnen hat und auf dem Standpunkt steht, daß das Gold durch wirkliche Umwandlung aus dem Quecksillier entstanden fei. Wenn dies auch wissenschaftlich noch nicht als unbestreitbare Tat­sache anzusehen ist, so ist die Möglichkeit der Ver­wandlung der Atome eines Elementes in die eines andern doch jedenfalls nicht ohne weiteres abzuweifen.

Cs verlohnt schon, einen kleinen Blick auf den Wechsel der Anschauungen über die Möglich­keit der Verwandlung eines Elementes in ein anderes zu werfen. Bekanntlich hat dieser Glaube ganze Jahrhunderte beherrscht. 3a, das Be­streben, die an sich nicht bezweifelte Möglich­keit in die Wirklichkeit umzusehen, war eigentlich der gesamte Inhalt der Chemie jener Sage. Rudolf Vaumbach fjat in seiner reizenden, im Ganzen freilich mehr für die reifere Jugend gedachten Erzählung .Truggold" ein ungemein anschauliches Bild von dem Streben der alten Alchimisten gegeben, die in ihrer schwarzen Küche nach unendlichen Rezepten das Widrige zusam­

vor sich gehenden Atomzerfall. Cr Dertoen? > die Bruchteile freiwillig zerfallender Atome c Geschosse und zertrümmerte mit ihnen leichte Atome, zunächst das Stickstoffatom, später au noch Bor-, Fluor-, Ratrium-, Aluminium- un Phosphoratome. Er muhte es dabei völlig öc Zufall überlassen, ob eines seiner Geschosse sein Ziel, nämlich das leichtere Atom, traf, und zwai so wirckungsvoll traf, daß die Zertrümprerun' ein trat. Der Menge nach sind denn auch die au diese Weise durch künstliche Zertrümmerung ent­standenen Stoffe außerordentlich geringfügig. So merkwürdig Rutherfords Versuche waren, sie er­schienen ohne weiteres glaubhaft, weil wir keinen anderen Vorgang kennen, bei dem eine so unge­heure Energiemenge auf so engem Raum ver­einigt wäre, wie bei den dahinfliegenden Atom- trümmem; denn diese haben einerseits eine Ge­schwindigkeit, die mehrere tausendmal so groß ist wie die unserer schnellsten Ge 'chosse im Augen­blick des Höchstwertes ihrer Geschwindigkeit, an­dererseits stellen diese Atomtrümmer einen Stoff dar, der sehr viel dichter ist als die schwersten uns sonst bekannten Stoffe; denn sie bestehen aus einem Atomkern, in dem die Hauptmasse des Atoms vereinigt ist, der aber einen Raum ein­nimmt. der ganz unvergleichlich kleiner ist als der des ganzen Atoms. Daß mit so gewaltigen Mitteln auch eine ungewöhnliche Wirkung zu er­zielen ist. erscheint wohl nicht besonders ver­wunderlich.

Auf einem ganz andern Blatt stehen die neuerlich bekannt gewordenen Versuche Miethes und einiger anderer Forscher. Von diesen er­wähnen wir den Japaner Ragaoka. der etwa gleichzeitig mit Miethe arbeitete und ebenfalls Gold aus Quecksilber erhielt. Ferner Smits vnö Karsen in Amsterdam, die Quecksilber aus Blei erzeugten. Gemeinsam ist diesen Versuchen, daß keineswegs eine unerhörte Energiemenge auf­gewendet wurde, vielmehr bestand der ganze Versuch in der Wirkung einer elektrischen Ent­ladung im luftleeren Raum. Wie bereits bemerkt, ist das letzte Wort über diese Versuche noch nicht gesprochen: ihre Klarstellung bedeutet vielleicht die wichtigste physikalische Aufgabe der nächsten Gegenwart.

Aber auch die Alchimie ist heute noch nicht ganz ausgestorben, wenn sie auch glücklichrr- weise keine so große Blüte aufzuweiten hat wie ihre Schwester, die Astrologie. Als Miethe seine Versuche veröffentlichte, meldeten sich gleich Dutzende von Erfindern, die auch Elemeitte ver­wandelt haben, womöglich gar Apparate zur ClementcnverWandlung gebaut haben wollten. Wer SchleichsBesonnte Vergangenheit" ge­lesen hat, wird daraus erfahren haben, daß kein Geringerer als August Skrindberg Kupfer in Gold verwandelt zu haben behauptete, und daß sogar Schleich, statt ihm seinen Blödsinn aus- zureden, sich getraute, damit zu emem führenden Chemiker zu gehen, ja sogar in den später be­kannt gewordenen radioaktiven Erscheinungen eine Bestätigung der Phantasien des Dichters er­blickte.

Was zeigt uns nun die Geschichte der Atom­umwandlung? Richts weniger als die alte Wahr­heit. daß mitunter die scheinbar unpraktischen Wege die einzig praktischen, die anscheinend prattischen aber die gänzlich unpraktischen sind. Das will sagen, daß unmittelbar praktische gragr- stellungen. z. D. die. wie man aus minderwertigen Metallen Gold machen könne, niemals zum Ziel führen. Aber unpraktische, d. h. zunächst nur auf das Studium der Ratur und nicht auf Ruhen gerichtete Forschung läßt den Daum der Er kemrtnis treiben, der uns in späteren Jahrd ir berten die goldenen Früchte in den Schoß wir''

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