Einzelbild herunterladen

Nr. 33 Zweites Blatt

Pariser Vriez.

Paris, 6. Februar 1920.

Die imierpolitifche Lage in Frankreich hat sich entgegen der allgemeinen Erwartung im Laufe der zweiten Woche der Diskussion der Finanzsanierungsgcsetze nicht nur nicht auf­geklärt, sie ist im Gegenteil, noch' verworrener geworden. Seitdem die zweite Lesung und die Einzelberatung der Gesetzesporagraphen in Angriff genommen wurde, hat sich gezeigt, daß die Mehrheit des Finanzausschusses die Mehrheit im Plenum der Kammer nicht hinter sich hat, derkn ihr erster Versuch, den Ertrag der Einkommensteuer produktiver zu gestal­ten, ist mit Unterstützung des linken Flügels der Radikalen vereitelt worden. Dazu kommt, daß das in Aussicht gestellte Kompromiß über die Umsatzsteuer noch nicht gefunden ist. Man spricht kaum noch davon, und der Finanz­minister hat bis jetzt einen Gegenentwurf, den er in Aussicht stellte, nicht vorgelegt. So schleppt fid) die Finanzmisere von Woche zu Woche him und wenn man ein Wort des ra­dikalen Abgeordneten Duboin gebrauchen darf, kann man sagen: Wenn die Diskussion im gleichen Tempo weitergeht, so gleicht sie einem berittenen Gendarmen, der ein Auto verfolgt. Das Ministerium kann einen Druck auf die Kammer nicht ausüben, schon deshalb nicht, weil es verhindern muß, daß die reine Finanzfrage zu einer politischen Parteifrage gemacht wird. Das französische Volk erlebt jetzt im kleinen, was das deutsche Volk in er­heblicherem Maße vor Schaffung der stabilen Währung erlebt hat. Dabei kommt allerdings dem französischen Volk zugute, daß der Frank seit Wochen auf der gleichen Höhe stabil ist.

Hinter der Finanzfrage stehen alle übri­gen Fragen zurück. Die gestern aus Syrien emgetroffene Nachricht, daß der Sultan Atrasch zu Verhandlungen bereit sei, hat des­halb nicht einmal in der Presse besondere Auf­merksamkeit gefunden. Der Sultan bietet allerdings keine glatte Unterwerfung an, er fordert Sicherheit für die Autonomie seines Stammes, und es dürften wohl langwierige Verhandlungen zu führen fein, ehe ein Er­gebnis erzielt wird. Aber es ist anzunehmen, daß militärische Operationen, wenigstens solche größeren Umfangs, kaum noch zu er­warten sind. Von nicht geringerem Interesse ist, daß einzelne Organe der Presse das Ver­halten des Sultans Atrasch auf den Einfluß der Engländer zurückzuführen. Die britische Negierung, so schreibt z. B. der Gaulois, hätte, beunruhigt von den möglichen Folgen der Mössulaffäre, endlich die Notwendigkeit einge­sehen, loyal mit Frankreich in Kleinasien zu­sammenzuarbeiten. Dabei wird offen gespro­chen, daß englischerseits der Versuch gemacht worden sein soll, dem französischen Kapital in Syrien Schwierigkeiten zu bereiten. Jetzt aber, so heißt es, habe die antifranzösische Opposition, die in Kairo ihren Sitz hat, viel von ihrer Kraft verloren. Atrasch habe herausge­funden, daß er auf militärischem Gebiete im Begriff stehe, alles zu verlieren. Er suche es auf diplomatischem Wege wiederzugewinnen. Nicht ganz so günstig steht die Lage in Ma­rokko. Marschall P6tain hält sich in Madrid auf. Wenn er auch offiziell erklärt, daß er dem ftönig einen Besuch abstatten wolle, so unter­liegt es doch keinem Zweifel, daß er die mili­tärischen Operationen für das Frühjahr vor­bereitet und nach Einverständnis mit dem jpanifchen Generalstab Mitte Februar nach Marokko zurückkehren wird. Inzwischen hat man den Emissär Abd el Krims, (Borbon Can- ntng, aus dem internationalen Tanger ent­fernt, eine Maßnahme, die nicht einmal in Frankreich von den der Regierung nahestehen­den Kreisen als besonders geschickt bezeichnet wird.

Vortragsabend Leo Sternberg.

Auf Einladung der Literarischen Gesell- fchaft las Leo Sternberg im Saale der Buchhandlung Keihner aus seinen Werken. Der Dichter, der übrigens im Herbst dieses Jahres sein fünfzigstes Lebensjahr vollendet, lebt Ms Amtsgerichtsrat in Rüdesheirn am Rhein. Selt­sam genug; und doch: die Rechtsgelehrsamkeit spielt in unserem Schrifttum eine fast ebenso gewichtige Rolle, wie die Medizin. Der größte unter chren Iüngern ist Goethe, aber wer denkt daran? Mit Grabbe war es ähnlich bestellt, und bei Scheffel gar erscheint das grausame, römische Recht in tiefsinnigen Beziehungen zu demMühlstein im Magen" und demKops wie brettvernagelt". Selbst dem genialen E. T. A. Hoffmann, der es bis zum Kammergerichts­rat gebracht hat, ist dec schmerzliche Zwiespalt zwischen Pflicht und Reigung, zwischen Notwen­digkeit und Berufung bis ans Ende geblieben. In Sternberg scheint die absonderliche Zweiheit bewältigt und im Rebeneinander ausgeglichen und ohne Härte und Zwang geschieden. Früh bewältigt und früh geschieden: im Iahre 1900 gab er seine erste^ lyrische Sammlung heraus; in ten folgenden Jahren, nach und nach, sind allein vierzehn Bände Gedichte erschienen (es mögen in­zwischen auch mehr geworden fein). And man mag wohl füglich vom Aeußeru aufs Innere schließen, aus der Fülle auf Wertigkeit und Kern im Schaffen Sternbergs: in seinen Ge­dichten scheint sich uns seine künstlerische Form am ebenmäßigsten intf) notwendigsten zu kristalli­sieren. Schön in der knappen Auslese oieses Abends fühlte man den Bogen seiner Gestaltung am weitesten, reichsten und farbigsten gespannt. Im ersten Teil die ekstatischen Verse einer su­chenden. ausgreifenden, sehnsuchtsvoll-kosmischen Lyrik, Offenbarung eines tastenden Welt­gefühls; Verse, die in eigenwilligen Stil gefaßt, dennoch merkwürdig bald an Sternen- gelänge von Arno Holz, bald an die Süße und Farbigkeit der Lasker-Schüler denken liehen. Wir greifen herausDie Welt bin ich",Bitte an und als ein visionäres Bekenntnis »Das

Eietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Dienstag, 9. Zebruar 1926

Eine weitere Angelegenheit, die die All­gemeinheit in Frankreich immer mehr bean­sprucht, ist die Frage der Abrüstung. Sie wird offensichtlich etwas im Dunkeln gehalten und man hat die vorbereitende Abrüstungskonfe­renz bis Mai aufgeschoben. Offiziell wird an­gegeben, daß wieder einmal Deutschland, da es zu spät an den Völkerbund herangetreten sei, dieserein formale" Vertagung nötig ge­macht habe. Dieses Argument kann aber nur in ganz mangelhafter Weise die wahren Ur­sachen der Vertagung, nämlich die Differenz mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten verhüllen, die entgegen dem franzö­sischen Standpunkt darauf abzielen, die See- vnd Landabrüstung getrennt zu behandeln. Wird das diplomatische Geschick Briands, das in der gleichen Frage 1921 in Washington einen Mißerfolg erlitten hat, nach Locarno erfolgreicher sein?

Der Kampf um China.

Von Otto E o r b a ch.

Seit Jahren besteht zwischen den fremden Bankgruppen, die in Chinaarbeiten", ein Ab­kommen, wonach weder öffentliche noch private Körperschaften in dem Riesenreiche durch An­leihen unterstützt werden sollen, über biq man sich nicht gemeinsam verständigte. Die v..-rheeren- den Bürgerkriege, die sich im Reich der Mitte mit immer kürzeren Unterbrechungen ablösen, haben die Ohnmacht dieser Finanzkontrolle in grotesken Formen offenbart. Iede der jewells gegeneinander kämpfenden Marschälle konnte seine Unternehmungen nur ausführen, wenn er über geheime fremde Hilfsquellen verfügte. And je reichlicher diese Subsidien flössen, desto mehr wurden die um die Alleinherrschaft ringenden chinesischen Parteien zu Exponenten der Inter­essengegensätze fremder Mächte und desto mehr erwies sich das internationale Finanzkonsortium in Peking als eine bloße Fiktion. Das rasche An­wachsen des sowjetrussischen Einflusses gab den imperialistischen" Staaten einen neuen starken Impuls, ihre Prestige in chinesischen Militär- treifen durch Begünstigung des Wafsenschmuggels zu vermehren, aber ihre Bemühungen, unter dem Drucke der gemeinsamenbolschewistischen" Ge­fahr wenigstens eine kapitalistische Einheitsfront auf dem chinesischen Kriegsschauplatz herzustellen, scheiterten.

Was für jeden, der hinter die Kulissen dieser Bürgerkriegstragikomödie zu blicken, vermochte, längst vorauszusehey war, hat nun angefangen, sich zu vollziehen. Racheinander sehen sich die fremden Mächte, die hinter den chinesischen Krlegsparteien stehen, genötigt, ihre Maske als scheinbar unbeteiligte Zuschauer fallen zu lassen. I a p a n muhte den Anfang machen. Es ist be­zeichnend, daß man in den letzten hier einge­troffenen japanischen Zeitungen aus der zweiten Hälfte des Dezember lesen kann, die Entsendung neuer Truppen nach der Mandschurei in dem Augenblicke, wo Tschangtfolin hoffnungslos dem Aufstande seines Generals Kuofunling zu er­liegen schien, habe auf die öffentliche Meinung in Iapan selbst wie eineSensation" gewirkt. Hatte doch das Auswärtige Amt in Tokio bis zum letzten Augenblick immer wieder versichert, davon könne feine Rede fein, solange Leben und Eigentum japanischer Bürger nichttatsächlich" gefährdet wären. Der allgemeine Eindruck war, daß das Kriegsministerium ohne Wissen und Billigung des Auswärtigen Amtes die Initiative zu einem Vorgehen ergriffen hatte, das, wenn es sich auch in mäßigen Grenzen hielt, doch in der Mandschurei plötzlich wieder die scharfen Krallen aus den Sammetpfoten des japanischen Imperia­lismus hervortreten ließ. Wie durch ein Wunder konnte sich der zu Boden gestreckte Riese Tschang- tsolin wieder erheben und zum tödlichen Schlage gegen denRebellen" ausholen.

In einem heftigen gegen Iapan gerichteten Artikel brachten die Iswestja unverhohlen zum Ausdruck, wie gut man in Moskau die Tricks durchschaut habe, durch die die japanischen stra­tegischen Maßnahmen ein solchesWunder" mög­lich machten. And es klang wie eine Drohung, wenn das sowjetoffiziöse Organ die Möglichkeit an die Wand malte, daß ein zweiterKuosun- ling über kurz oder lang das Werk des ersten

vollenden und dadurch die japanische Einmischung doch noch durchkreuzen werde.

Inzwischen haben sich in der Msndschu - rei Dinge ereignet, die ausgerechnet Eowjet- ruh la n d, den Todfeind des kapitalistischen Im­perialismus, dessen Propaganda in wenigen Iahren weite Kreise in China zu einer äußerst heftigenantiirnperilistischen Bewegung" zu elek­trifizieren vermochte, nötigten, mit ähnlichen Schritten in der Mandschurei wenigstens zu drohen, wie sie Iapan in der Südmandschurei tatsächlich vollzog. Gewiß: wenn zwei dasselbe tun. so ist es nicht dasselbe und selbst die eng­lische Presse erkennt an, daß die Sowjetdiplo­matie der Provokation Tschangtsolins nicht gut anders begegnen konnte, als es geschehen ist. Das ändert aber nichts daran, daß sich auch Sowjetrußland gezwungen gesehen hat, als be­waffnete Macht gegenüber den innerpolitischen Vorgängen in China Farbe zu bekennen und seine Absicht zu verraten, gegebenenfalls gewalt­sam einzugreisen. And darin, nicht in der fried­lichen Beilegung des Streites um die Ost bahn, beruht die wahre Bedeutung des ganzen Zwischen­falls. Besonders bemerkenswert ist dabei die ver­änderte Tonart der Sowjetprefse gegenüber Ia­pan. Auf einmal sieht sie in Tschangtiolin nicht mehr ein bloßes Wertzeug des japanischen Im- perralismus, sondern einen eigenmächtigen und eigenwilligen konterrevolutionären chinesischen General, der Rußland-und Iapan trotz beider­seitiger entschiedener Friedensliebe in einen Krieg zu verwickeln suchte, um seine eigenen ehrgeizigen Pläne dadurch zu fördern. Zum Glück haben auch die mahgebenden Kreise in Tokio ihre Be­sonnenheit nicht verloren. Man weih dort ebenso gut wie in Rußland, daß fürs erste nur die angelsächsischen Mächte Vorteil daraus ziehen würden, wenn mau sich so bald über die tat­sächlich vorhandenen starken und noch immer wachsenden Interessengegensätze in der Mand­schurei in die Haare geriete.

Kommt es in der Mandschurei in absehbarer Zeit zu keinen neuen ernsten Zwischenfällen, so spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, daß dem englischen Imperialismus zunächst der Geduldsfaden reißen und dieser Gewaltakte be­gehen wird, die die japanischen und russischen Sündenfälle völlig in den Schatten stellen müssen. Oder kann man im Ernst daran glauben, daß man in London dauernd den Schlag verwinden würde, den die seit Monaten andauernde Boy­kottbewegung Kantons und Serataus Hong­

kong. dem stärksten Stützpunkt des britischen Handels im Fernen Osten, verseht hat? Die Hongkonger Handelskammer kennzeichnete schon vor Wochen den Ernst der Lage durch den Stoß­seufzer:Kein AbscH, fein Geschäft in sämt­lichen Zweigen des Handelsverkehrs. Baum­wollene Stückgüter, Baumwollgarne, Wolle, rohe Baumwolle, Metalle liegen still. Die Küstenschiffahrt ruht oder arbeitet mit schweren Verlusten. Altbcrühinie Handelshäuser können nur durch Stützungsaktionen der Banken gehalten werden." Bisher hat sich die Londoner Regie­rung gegenüber den dringenden Aufforderungen der Hongkonger Presse und Kaufmannschaft, der ..Bolschewistenherrschaft" in Kanton gewaltsam ein Ende zu bereiten, taub erwiesen. Die großen Geldmittel, die die Hongkonger Kaufmannschaft und das englische Finanztapital int Fernen Osten überhaupt aufgewandt haben, um gegenrevolutio­näre Bewegungen in der Provinz Kränkung und Putschversuche in Kanton selbst zu unterstützen, sind im wahren Sinne des Wortes umsonst ver­pulvert worden. And alle Brandmarkung der maßgebenden Kuonmingtangführer in Kanton als Bolschewisten" hat nichts daran geändert, daß ihnen nach wie vor von reichen Chinesen int Aus­lande, mit denen schon Dr. Sunyatsen in bestem Einvernehmen lebte, fortgesetzt große Geldmittel zufliehen. Der Boykott gegen Hongkong ent­spricht einem allgemeinen nationalen Bestreben Chinas, das englische Handelsimperium von dem chinesischen Wirtscha'tsorganismus abzuschnüren. Wenn man diesem Treiben von London aus bis­her untätig zugesehen hat, so mag dabei die Hoffnung auf kriegerische Verwicklungen in dec Mandschurei, die auf alle Fälle die für die Zufuhr von Waffen und Kriegsmaterial fo wich­tige Seeverbindung zwischen Kanton und Wladi- wostock unterbrechen würden, eine große Rolle gespielt haben. Kein Mittel suggestiver Beein­flussung der öffentlichen Meinung sowohl bei den Chinesen wie den Japanern wird in nächster Zeit auf englischer Seite unversucht bkeiben, um immer wieder neue Reibungen zwischen China, Iapan und Rußland zu verursachen. Die Ver- hehungsseldzug wird vor allem auf sowjet- russischer Seite nicht unerwidert bleiben. Eine fremde Macht wird sich nach der anderen poli­tisch zu demaskieren genötigt sein und die Gefahr wächst zusehends, daß der Krieg derMarschälle" in China schließlich in einen Krieg der vorläufig mit ihnen wie mit Schachfiguren spielenden frem­den Mächte um China umschlägt.

Turnen, Sport und Spiel.

Turnen.

Vom Turngau Hessen (D. T.)

Später als sonst findet ber © a u t u r n t a g, der 94. seit Bestehen deS Gaues, in diesem Iahre statt. Als Ort der Zusammenkunft wurde, tote in zu­rückliegenden Iahren, seiner zentralen Lage we­gen wieder Gießen gewählt, wo sich am 21. März die Vertreter des GcuieS zu ernster Beratung versammeln werden. A. a. hat der ©auturntag auch den Festort des Gauturnfestes 1927 bestimmen. Die Vertreter werden dabei nicht in Verlegenheit kommen. Hatte man noch vor wenigen Iahren seine liebe Mühe, einen Verein zur Aebernahme des Gauturnes zu be­wegen, soreiht" man sich heute wieder förmlich um das Gauturnfest. Ein Bewerber um ein Gau-- tumfeft ist seit Iahren beispielsweise der Turn­verein Kirchhain. Auch der Turn- und Sport­verein Butzbach hat wiederholt ein Gauturn­fest für sich beantragt; beide Vereine haben aber 1925 zugunsten Friedbergs, 1926 zugunsten Riddas verzichtet. Der Turn- und Sportverein Butzbach hat in feiner kürzlich stattgefundenen Hauptversammlung erneut einstimmig beschlossen, sich auf dem ©auturntag ernsthaft um die Aeber. nähme des Gauturnfestes 1 92 7 zu bewer­ben. Auch der Turnverein Alsfeld faßte in feiner Generalversammlung den gleichen Beschluß. Da anzunehmen ist, daß auch noch andere der in Frage kommenden größeren Gauvereine In­teresse am nächstjährigen Gaulurnsest haben wer­den, wird es an Bewerbern nicht fehlen, und der ©auturntag wird das Für und Wider abzuwägen

und denrichttgen" Festort zu wählen hoben, was ihm nicht schwer fallen wird, wenn die Be­werber sich wie in den Vorjahren gegenseitig verständigen werden. Zur Orientierung kann mit- geteilt werden, daß Butzbach seit 1369 ins- gefamt 4 ©autumfefte in seinen Mauern sah, letzmalig vor 25 Iahren im Iahre 1902; A l s - s e l d war dreimal Festort, letztmalig 1905, wäh­rend Kirchhain zweimal die Hessenturner auf­nahm; 1900 und 1914. Der ©auturntag hat auch zu bestimmen wohin die diesjährige ©au- turnfahrt, die voraussichtlich im August 1P26 stattfindet, führen soll. Ob Meldungen zur Aeber­nahme der Gauturnfahrt schon vorliegen, ist uns nicht bekannt. Es wäre zu begrüßen, wenn die Gauturnfahrt, mit der volkstümliche Wettkämpfe ohne jegliches Gepräge verbunden sind, wieder mehr mit altvertrauten historischen Turnerstätten des Gaugebiets, wie Arnsburg, Münzenberg, den Schrenzer bei Butzbach (Weidig!), den Hai- nig bei Lauterbach bekannt machen oder als B-erg- sest nach alten und beliebten Kampfstätten, wie Dünsberg, Hoherodskopf u. a., führen würde.

Rach stiller Winterarbeit in den Turnhallen hat die turnerische Tätigkeit vor der Oesfentlich- keit bereits ihren Anfang genommen. Die seit einigen Iahren eingefühlten Bezirksgeräte­wettkämpfe. die sogen. Hallenturnen, bilden in den 6 Bezirken den Auftakt zu dem Wett­kampfbetrieb; sie müssen innerhalb der Monate Februar und März stattfinden. Der rührige 4. (Vogelsberger) Bezirk hat diese Pflichtveran­staltung bereits hinter sich. In dem gastlichen Orte Maar bei Lauterbach waren, wie schon berichtet, am Sonntag etwa 200 Turner und Schü-

Haus". Die Verse des zweiten Teiles sprach, da der Dichter leider mit Indispositionen zu kämpfen hatte, eine junge Rezitatorin, Ria Volkan d: hingegeben, um Wort und Klang und Gefühlsschwingung bemüht, mit einer sehr zarten, manchmal fast kindlichen Stimme. Diefe Lyrik schien weicher und musikalischer, auch weni­ger gedanklich und grüblerisch, als jene aufge­wühlten Gedichte. Vor allemDie Weide", in bezwingendem, (länglichen Rhythmus undDie Braut" ganz frauenhaft, innig und schmerzlich- beseelt. Die schönen Strophen desMädchens von Wisby" wiederum anknüpfend an einen Balladen­stil, wie er durch Strachwitz berühmt wurde. Aus dem Prosawerk las Sternberg zuerst eine rheinische Novelle,Der Frühmesser". Die Ein­drücke wechseln hier; stark und empfunden ohne Zweifel die fast legendär geprägte Steigerung der Begebnisse; überraschend die Deutung des Wunders durch einen Dichter, dec zum Katholi­zismus übertrat; unbefriedigend und hart an manchen Stellen, der Einbruch nüchterner All­täglichkeit in den Stil der mystischen Erzählung. Zuletzt ein Stück aus dem dramatischen Werk (Sternberg kam schon vor vier Iahren mit dem SpielGaphna" auf der Bühne zu Wort): der erste Akte einerTragödie des besetzten Gebietes", spielend am Rhein, im Spätherbst 1923. Trübe, beklemmende und brennende Bilder aus jüngster Vergangenheit, die wir als traurige Gegenwart miterlebt haben, tun sich in diesen Szenen auf. Ein harter, schonungsloser Ratura- lismus ballt sich unversehens zur gedrungenen Knappheit und dem gehetzten Ton und Tempo, das man in BronnensRheinischen Rebellen" erlebte. Oft auch formt sich dramatisch Zwin­gendes im schlagartig gefügten Dialog. Zweifellos dichterisch gesehen die apokalyptische Gestalt des predigenden Sektierers. Dennoch zögert man, Abschließendes sagen zu wollen. Wie weit Er­lebtes in tragischer Form geläutert wurde, ist, von hier aus, wohl kaum zu bemessen. Rur ein kleiner Kreis hatte sich zusammengefunden. Aber jeder wird von diesem Abend etwas mit heimgebracht haben, das ihm des Erinnerns und am Ende der geringen Mühe wert scheint, mehr

von diesem Dichter zu hören und kennen zu lernen. b

Eine Löwen-Farm.

Eine der merkwürdigsten und einträglichsten Zuchtfarmen, die es gibt, befindet sich in der Nähe von Los Angeles, der amerikanischen Filmhaupt­stadt. Hier werden Löwen und Löwinnen aufgezogen und gezähmt, um dann in den Filmateliers von Hollywood Verwendung zu finden oder an Zoologi­sche Gärten und Zirkusse auf der ganzen Welf ver­kauft zu werden. Diese einzigartige Farm wurde vor etwa sechs Jahren von einem europäischen Tierzüchter begründet, der ohne einen Pfennig nach der Neuen Welt kam. Heute verfügt der erfinde­rische Züchter über einen Vorrat von 80 prächtigen Löwen, und sein Geschäft wirft ihm jährlich eine stattliche Summe ab, denn es besteht starke Nach­frage nach solchen zahmen Königen der Tiere. Die Züchtung und Zähmung der Löwen erfolgt unter Benutzung aller modernen Methoden. Die Tiere werden sehr gut behandelt, und niemals wird die Peitsche gebraucht. Infolgedessen sind die Bestien so zahm mie die Katzen, selbst wenn sie völlig aus­gewachsen sind, und auch der unerfahrenste Film- schauspieler kann mit ihnen ohne Gefahr umgehen. Der Züchter hat nur eine kleine Gerte, die er manchmal anwendet, um den Tieren eine gewisse Furcht vor den Menschen beizubringen. Die Löwen leben auf der Farm nicht in Käfigen mit (Eifern stöben, sondern laufen frei in Einfriedigungen her­um, die für Sonne und Lust offen sind. Die Gehege sind mit sehr starken Drahtnetzen umgeben, die tief in die Erde hineingelassen sind, damit die Tiere sich nicht unter der Erde einen Ausweg graben können. In den Einfriedigungen befinden sich Hütten, in denen die Löwen schlafen, und zwar hat jedes Tier seinen besonderen Raum. Wenn junge Löwen ge­boren werden, nimmt man sie sofort den Müttern weg und hält sie in warmen Kisten in der Sonne; sie werden mit Ziegenmilch aus der Flasche auf­gezogen, die sie dreimal täglich bekommen; später erhalten sie auch frische (Eier. Wenn die zahm'n Löwen mehrere Tage lang bei Filmaufnahmen be­schäftigt waren und Zeichen von Ermüdung zeigen.

bringt man sie nach der Farm zurück, wo sie sich in ihrer natürlichen Umgebung fehr rasch erholen. Man darf sie aber zwei Stunden vor und zwei Stunden nach der Mahlzeit nicht in Anspruch neh­men, denn in dieser Zeit verlieren sie manchmal^ die fonstige Sanftheit ihres Temperaments.

DasMeer des Geheimnisses".

Kein Teil des Weltmeeres ist mehr von Ge­heimnissen und seltsamen Sagen umsponnen, als die S a r g a s s o - S ee , der Teil des nördlichen Atlantischen Ozeans, der sich vom Golf vyn Mexiko nördlich und östlich erstreckt. Seit Iahr- hunderten erzählt man von demArtoald" riesiger und dichter Seegräser, die die Schiffe in ihren zähen Schlingen festhalten, so daß fie nicht mehr entrinnhi können. Kein Sturm soll stark genug sein, um dies undurchdringliche Meerdschungel zu zerteilen, und die grausigen Geschichten von zahl­losen Schiffen, die hier verfaulen, werden noch unheimlicher durch die Berichte über schreckliche Meerungeheuer, die hier noch ihr Wesen treiben. Die Fabeleien über die Sargasso°See, die in jüngster Seit wieder auftauchten, sind bereits öfter von deutschen Gelehrten gekennzeichnet worden. Runmehr verössentlicht der englische Forschungs­reisende C. C. Dixon, der das Sargafso-Meer 22ma[ in Segelschiffen und 7mal in Dampfschiffen durchkreuzt hat, einen ausführlichen Bericht in den Mitteilungen der britischen Geographischen Gesellschaft. Er stellt fest, daß dieGeheimnisse" der Sargafso See ins Reich der Legende gehören. Die Seegräser", schreibt er,sind nirgend so ausgedehnt, daß sie die Fahrt eines Schiffes oder sogar eines Ruderbootes hindern könnten." Was dieAngeheuer" anbelangt, so gibt es davon keine Spur.Die Annahme, daß das Sargasso- Meer ein reichhaltiges Tierleben enthielte, ist falsch", erklärt Dixon.Die Tierwelt ist vielmehr fehr beschränkt, und noch heule besteht Darwins Angabe zu Recht, der sagte:Es ist mehr Der- schiedenheit von tierischem Leben auf einem Schilf­blatt an den Küsten des Feuerlandes, als in der Üü.Sargcsifo-See."