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Giehener Anzeiger (Senrral-Anzeiger für Gderheffen)

Nr. 1 Zweites Blatt

Samstag, 9. Januar 1926

und der Parlamentarismus in einer schweren

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Isolde Kurz: Aus eigenenWerken

Im vollbesetzte.! Saal der Buchhandlung Keißner ward uns wieder, wie vor zwei Jahren, die Freude zuteil, die ehrwürdige Dichterin eigene Schöpfungen vorlesen zu hören. Ohne von der hohen Spannkraft ihres Geistes, von seiner Sicherheit in der Bändigung der Erleb- nisstoffe etwas verloren zu Hecken. arbeitet in jugendlicher Elastizität die 72jährige weiter an ihrem künstlerischen Werk, das ihr bereits einen ehrenvollen Platz unter den dichtenden Frauen des deutschen Schrifttums erobert hat. Bach ihrem großartigsten Wurf, dem unvergleichlich schönen RomanRächte von Fondi", bei dem man nicht weih, ob man die mustergültige Kom°

arbeitcrn wieder Arbeit geben, wenn Frach­ten und Steuern auf ein erträgliches Mast zurückgeführt und die BorkriegsarbeitS- zeit zur Normalarbeit erhoben wird. Diese Richtlinien sind für den deutschen Bergbau viel wichtiger, weil es für ihn keine staatlichen Geld­zuwendungen gibt, die den englischen 'Bergbau bisher vor dein Zusammenbruch bewahrt haben. Wollen wir wieder hoch kommen, dann müssen wir uns aus eigener Kraft Helsen. Dazu gehört allerdigs verständnisvolles Zusammen­arbeiten zwischen Reich, Eisenbahn und Gewerk­schaften.

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nommen werden tonnen, daß eine ständige Ver­tretung der nun entstehenden Völkerbundsinteressen Deutschlands einfach notwendig und gar nicht zu vermeiden ist. Und der ist schier verzweifelt dar- über, wie in unserem Deutschland auch dabei das Parteigezerr, der innere Zank und Streit die großen Gesichtspunkte und Forderungen der Außenpolitik überschattens

Die englische Kohlenkrise

Am 30. April stellt die englische Regierung die für den neunmonatigen Waffenstillstand zwi­schen Bergarbeitern und Grubenbesitzern im Sommer vorigen Jahres gewährten staat­lichen Unterstützungen, die vermutlich eine Gesamtsumme von 400 Millionen Gold­mark erreichen werden, ein. Inzwischen ist eine Untersuchung darüber eingeleitet worden, wie neuerliche Stillegungen und Arbeiterentlassungen nach dem Versiegen der behördlichen Geldauelle vermieden werden können. Die Gewerkschaf­ten haben sich die Sache sehr bequezn gemacht, sie verlangen Sozialisierung des Berg­baus. Bon den Zechenbesitze dagegen ist festgestellt worden, daß Steuerermäßigun­gen, FrachtenherabsetzungundMehr- arbeit die Tonne Kohle finanziell so zu ent­lasten vermögen, daß sie konkurrenz- und damit absatzfähig wird. Das sind genau dieselben For­derungen, die auch vom deutschen Berg­bau, der immer mehr zusammenbricht, un­zählige Male erhoben, aber niemals erfüllt wur­den. Die Gefahr besteht nun, daß man in Eng­land sich zu durchgreifenden Maßnahmen ent­schließt, so daß der Bergbau im Frühling be­quem auf die staatlichen Zuwendungen verzich­ten und die mit ihrer Hilfe eingeleitete sehr umfangreiche Kohlenausfuhr gewinbrin- gend fortsetzen kann. Das würde für uns eine weitere Zusammenschrumpfung des deutschen Bergbaus bedeuten, der schon jetzt nicht nur seine ausländischen, sondern viele hei­mische Absatzgebiete an die künstlich verbilligte englische Kohle sehr zum Schaden der vielen tausend deutschen Bergarbeiter abtreten mußte. Wir können aber die deutsche Kohle absatzfähig machen und den jetzt etwa 70 000 brotlosen Berg--

Die se»Se Lasesrettmss

Sbevhessons und des Lahusebietes ist in sei­nem 126. Lahvsnns des GieSenev Anzeiger

Die Glocken von Danzig.

Zum sechsten Jahrestage der Abstimmung Danzigs am 10. Januar.

Von Werner Schulz, Oliva.

Ich weiß eine Stadt, da fingen die Glocken von Morgen zu Abend, von Abend zu Morgen immer das gleiche, traurige Lied.

Viele Türme sind über Giebel und Toren, Lin­den raunen in uralten Gasten und steinerne Löwen schlafen in Nischen.

Jahrhunderte kamen, Jahrhunderte gingen. Die Türme blieben, die Giebel und Tore. Immer und immer sangen die Glocken.

Fackeln lohten auf Wall und Brücke. Brände sielen in dunkle Straßen, polnische Kugeln zerrissen die Maue, polnische Feuer sengten am Himmel. Alle Gedanken waren Gebote, waren ein Flehen. Aber die Glocken heben die Stimmung, und ihr Wort war Donner und Drohen.

Die slawischen Wellen verebbten allmählich. Blumen blühten bunt in den Gräben. Blonde Mädchen wanden daraus Kränze. Leise und zärtlich wehten die Glocken über die Wälle. Mte Choräle und alte Lieder.

Dann dröhnten Kanonen. Franzosen und Rus­sen, Preußen und Briten, Napoleons Heere im Sie- gen und Sterben. Durch graue Häuser irrte die Not. Tief in allen bangenden Herzen läutete Glaube in segnenden Glocken.

Und wieder lächelte Sonne über den Türmen und Giebeln und Toren.

polnischen Leben Personenfragen sind, ist die Hauptsache, in wessen Händen bei diesen ven schieden Gelegenheiten die Interessen des Deut­schen Reiches liegen. Das ist das eigentlich Wichtige!

Im höchsten Grade unerfreulich ist, daß über die amtlichen Stellen hinweg Parteieinflüsse sich um die Beteiligung an der Völkerbundsbureaukratie be­müht haben. Das ist auf das schärfste zu tadeln, zurückzuweisen und klarzustellen. Aber das We­sentliche ist nicht die Frage, ob Deutschland diesen oder jenen Posten in der Völkerbundsbureaukratie von Genf habe. Das Wesentliche und Entscheidende ist, welche Männer die jetzt in außerordentlichem Ausmaß zunehmenden Geschäfte und Verpflichtun­gen wahrnehmen, die Deutschland aus seiner Be­teiligung an diesen großen internationalen Konfe­renzen und dann am Völkerbund erwachsen. Wer sich mit diesen Dingen beschäftigt, weiß, welche Aufgaben da entstanden sind, weiß, daß sie im üblichen Lauf der Verwaltungsarbeit einmal durch dieses, einmal durch jenes Ressort nicht wahrge­

Der Gummikrieg.

3m Haudelsausjchuß des Repräsentanten­hauses bat Hoover dieser Tage sehr offen die schwachen Seiten der Wirtscha't der Union bar­gelegt. So mächtig sich auch der Außenhandel entwickelt hat, so überlegen auch Reuhork als Geldmarkt ist. ganz ohne wirtschaftliche Sorgei, ist die Union nicht. Sie muß wichtige Roh­stoffe einführen, so zum Beispiel Eisen­erze, da die Grenzen der Grschöpsung der Eisen­erzlager der Bereinigten Staaten schon sichtbar sind. Der Panamerikanismus trägt dieser Tat­sache insofern auch schon Rechnung, als die älnton hofft, sich dadurch die reichen Eisenvorkommen Brasiliens zu sichern.

Eine völlige Abhängigkeit vom Ausland be­steht heute schon hinsichtlich der Gummiver­sorgung. Die Eigenerzeugung ist unbedeutend, so daß der gesamte Bedarf durch die Einfuhr herangeschaift werden muß. Und dieser Bedarf wächst in dem Maße, als sich die Automobil­industrie der Union entwickelt. Während 1913 noch 51 Millionen Donnen Kautschuk eingeführt wurden, stieg diese Menge bis 1925 auf über 400 Millionen Tonnen. Die Kautschukerzeugung ist wesentlich ein Monopol des Indischen Archipels. Aus den Straits Settlements und aus Cehlon bezieht die Union mehr als die Hälfte des Gesamtbedarfs. Erhebliche Mengen kommen auch aus Riederländisch Indien, jedoch ist die Ucberlegenheit der englischen Ko­lonien unbestritten. Es macht indessen Schwierig­keiten. die Mengen hereinzubekommen, die in der Union gebraucht werden. Die Engländer sind selbst starke Verbraucher.' rm übrigen aber daran interessiert, die Kautschukpreise so hoch zu schrauben, daß sie förmlich einen Tribut der Union an England gleichen.

Herr Hoover hat sich über diese engherzige Handelspolitik der Engländer mit außerordent­licher Erbitterung geäußert. Obschon die Union selbst nicht daran denkt, die Schutzzölle, mit denen es sich zur Abwehr des europäischen! Wettbewerbs umgeben hat. abzubauen, behauptet Hoover, daß die ausländische Beeinflussung der Gummipreise geeignet sei, die internationalem Beziehungen nachteilig zu beeinflussen. Offenbar gilt das nicht für den Kupfer-, nicht für den Petroleummarkt. deren Preispolitik schließlich von Einflüssen abhängig ist, die nicht nur in der Union jedermann kennt. Der Sinn der englischen Gummipolitik ist der, durch Ueberwachung der Ausfuhr einen Preissturz zu verhindern. Gerade das mißfällt Hvvder, weshalb er nichts we­niger und nichts mehr so etwaS wie die Aus­arbeitung eines Dawesplanes für die Be­wirtschaftung aller Rohstoffe verlangt, auf deren Einfuhr die Unton angewiesen ist.

Oberhessen.

Landkreis Gießen.

L Wieseck, 9. Jan. Am Donnerstag hielt der neugewählte Gemeinderat seine erste Sitzung ab. die eine ungewöhnlich große An­zahl von Zuhörern angelockt hatte. In seiner Zusammensetzung Weist der neue Gemeinderat ein völlig verändertes Gesicht auf. Einmal haben sich die Mehrheitsverhältnisse verschoben, die nach keiner Seite hin eine ausgesprochene, in sich ge­schlossene Mehrheitsbildung ermöglichen. Die rechte Seite verfügt einschließlich des Beigeord­neten über 8 Stimmen, über die gleiche Stimmen­zahl Oerfügen die Linksparteien, wenn man die beiden Kommunisten zu den 6 Sozialdemokraten zählt. Es wird also sehr oft die Stimme des Bürgermeisters den Ausschlag geben. Bon den 15 Gemeinderatsmitgliedern gehörten 8 dem Ge­meinderat bereits früher an, davon 3 Rechts­stehende imb 5 Sozialdemokraten, während 7 neu ins Gemeindeparlament einzvgen. Davon stellt die Rechte 4 Mitglieder, die Sozialdemokraten 1 und die Kommunisten 2. Der erste Punkt der Tagesordnung betraf die Verabschie­dung d e r alten und die Einführung der neuen Gemeinderatsmitglieder. Zu­nächst nahm der Bürgermeister Bezug auf einen imGießener Anzeiger" erschienenen Artikel, in welchem u. a. die nicht norgenommene Verabschiedung des gewesenen Ge­meinderats in dessen letzter Sitzung festge­stellt wurde. Der betreffende Berichterstatter habe

fornmen in der allgemeinen Handelspolitik, in dem Kampf um die Gleichberechtigung, den die Besiegten jetzt beim Eintritt Deutschlands in den Völkerbund noch ganz besonders zusammen zu sühren haben gegen die Sieger.

Dabei sind noch zwei Fragen: Wie lange wird das Regime in Frankreich, das seit dem 11. Mai vorigen Jahres besteht, sich halten? Der Block der Linken oder das Kartell der Linken ist alles andere als eine feste Größe. Die Sozialdemo­kratie will sowohl das eine wie das andere, nämlich in der Regierung sein und draußen Opposition üben. So ist die Grundlage eines solchen Linksregimes in Frankreich reichlich unsicher. Daß ein geschickter und außenpolitisch erfolgreicher Minister wie Bri und vor dem Riß steht, verschleiert diesen Riß nicht und beseitigt diese Krise nicht. Das geht doch so weit, daß man auch in Frankreich über die augenblick­liche Regierungskrise hinaus die Europa auch sonst bewegende Frage diskutiert, ob nicht die Demokra-

stellen wie die Bäckerswitwe Beppa oder Schwurge­richtsverhandlungen abschildern samt ihren Begei­sterung und Entzücken weckenden und doch für die Urteilsfällung wirkungslosen rhetorischen Ergüssen der Anwälte. Zum Schluß folgte eine StudieDer Aktiengarten", in der die Dichterin zeigen konnte, wie sie das Herz des Kindes mit all feiner unermeß­lichen Phantasie, seiner Glückssehnsucht und seinem Paradiesesglauben begriffen hat; der Hörer ward in die eigene Kindheit wie mit einem Zauberstaub versetzt, so manches entschwundene Erlebnis muhte in ihm lebendig werden durch die duftige und doch so wirklichkeitstreue Wiedererweckung der blumen­reichen Auen der Kinderzeit. Die Dichterin verab­schiedete sich mit einem sinnigen Gedicht, das be» scheiden ihren aus ihrem Wirken erwachsenen Wünschen zarten Ausdruck verlieh, und in dem sie nochmals all die sympathische Warme ihres Vor­trags entfalten konnte, die sich gerade bei ihr noch zu dem Reiz persönlicher Interpretation der Werke besonders wohltuend hinzugesellt. An diesem Abend sahen sich die, die gekommen waren, einen Dichter zu hören,, zugleich von dem Zauber eines harmo­nischen Menschtums gebannt, und zuletzt konnten auch sie. genau wie dies dem ländlichen italienischen Brautwerber von der göttlichen florenttnischen Sprechweise der Braut widerfuhr, schon von der. lie­benswürdigen und heimeligen schwäbischen Fär­bung der Aussprache der Dichterin gefangen genom-

position, die machtvolle Stoffgestaltung, die Höhe der Betrachtung, den Adel der Diktion oder die zu Herzen gehende und ergreifende Poesie mehr bewundern soll, hat sie sich nun offenbar wieder kleineren Studien zugewandt. Die Dichterin las zuerst eine Rovelle .Das bist du"; sie spielt in der Welt des mittelalterlichen Italien, in der Isolde ja so heimisch ist. Aber Zeit uni) Ort geben nur das äußere Kolorit, aus dem sich vielmehr in der Bekehrung des Helden, in seiner Umwandlung zu einem Erkennenden durch einen Drahmanen alte indische Weisheit herausschält, die freilich nach Gjellerup und den vielen ande mehr oder minder werwollen literarischen Erscheinungen, die nach dem Kriege mit östlichen Erkenntnissen dem schwärmenden deutschen Publikum auswcrrteten, stofflich nichts Reues bringt.

Indessen die Behandlung ist fein, bei aller sach­lichen Genauigkeit von poetischer Zartheit und Dis­kretion und weicht allem Unkünstlerischen oder Wir­kungsmatten und allem bloß stofflich Kitzelnden mit sicherem Takt aus. Ein Abschnitt aus denFloren- tinischen Erinnerungen" zeigte den Wirklichkeitssinn. die Beobachtungskraft und nicht minder den Humor der Dichterin, die uns den Zauber florentinischer Sprache, ohne daß auch nur ein italienisches Sätz- lein gehört wurde, durch die bloße 6rf)ilbenmg ihrer Wirkung in lebendiger Frische erstehen ließ, mochte sie nun an sich unbegreifliche Paarungen hinzeich- nen, die nur durch die Anziehungskraft des florem tinischen Idioms der vierzigjährigen Braut erklärt werden, oder Typen aus dem städtischen Volk hin- I

Außenpolitische Umschau.

Von Professor Dr. Otto H o e tz s ch, M. d. R.

Es ist so selbstverständlich wie etwas, daß der Deutsche im Ausblick auf 1926 zu allernächst an die Wirtschastsnot der Gegenwart denkt. Auch der Anhänger des Locarno-Vertrages muß doch heute noch fragen, ob dieserGeist von Locarno" sich wirklich bewähren wird. In der Hand hat Deutschland dafür bisher nichts, wenn man n u r auf die Rückwirkungen blickt, noch ziemlich wenig. Dafür ist leider die Wirtschaftsnot und die Kredit- krife eine erschütternde Tatsache. Der Ausblick auf die deutsche Wirtschaft im neuen Jahr, wohin man auch sieht, ist in jeder Weise trostlos. Auch das ist kein Trost, wenn der Reichsbankpräsident an sich mit Recht darauf hinweist, daß etwa die Hälfte der Konkurse und Geschäftsauffichten Firmen beträfe, die erft nach 1919 gegründet worden seien. Es blei­ben immerhin Hunderte von soliden Fir­men, die mit in den Strudel hineingerissen wer­den und die unter der Last der Kreditnot zusam- mendrechen.

Damit ist die erste Linie der deutschen Auhen- polittk im neuen Jahre ja bezeichnet. Die Krise ist nicht nur in Deutschland, sie ist in ganz Europa vorhanden, wenn auch in verschiedener Form, und es ist fraglich, ob im Augenblick die auf Frankreich lastende Finanzkrise nicht gefährlicher und schwerer zu überwinden ist als die deutsche Wirtschaftskrise. In zwei Worten ist diese europäische Krise die auch England einschneßt, umfaßt: Die unpro­duktive Belastung der Besiegten mit der soge­nannten Reparation, der Sieger mit der interalli­ierten Verschuldung auf her einen Seite, und die Absperrung gegen den Wirtschaftsaustausch in Ein- unb Ausfuhr durch die Handelspolitik auf der anderen Seite.

Zur Ordnung der interalliierten Schulden kann Deutschland nichts tun. Immerhin muß es mit Auf­merksamkeit auf die Gespräche Hinsehen, die heute die Bankgewaltigen in Amerika miteinander führen, der Reparationsagent Gilbert, der Gouverneur der englischen Bank Norman mit dem Direktor der belgischen Staatsbank und einem so maßgeben­den Bankier wie Strong von der Federal Re­serve Bank. Diese Männer beraten unter einander, ob es nicht möglich fei, zur Stützung der franzö- fischen Finanzen eine Hilfe durch eine indirekte An­leihe zu schaffen, indem man die bekannten elf Milliarden Reichsbahnobligationen mo­bilisiert. Bisher hat sich das aus verschiedenen Gründen als unmöglich herausstellt. Hindern kann es Deutfckland nicht, aber es ist ein Vorgang, der zur schärfsten Aufmerksamkeit auffordert, weil die Mobilisierung zwar keinen Einfluß auf die deutsche Reichsbahn bringt, wohl aber eine internationale Verschuldung der Reichsbahn heraufführt, die be­sonders zu dem Zeitpunkt unerfreulich ist, an dem, wie vorgesehen, die Bahn wieder in den uneinge­schränkten Besitz des Reiches zurücktritt.

Zudem wird daran gedacht, die Sachleistungen Deutschlands zu ändern, höhere S a ch l e i st u n gen in Aussicht zu nehmen. Das ist mit ja ober nein nicht zu entscheiden und kann sich ohne die Mitarbeit Deutschlands nicht vollziehen, da darin eine Aenderung des Reparationsplanes liegt.

Die andere Linie ist die H a n d e l s o o l i t i k. Daran ist, wenn vielleicht nicht das Wichtigste, aber das Drängendste und Nötigste die Abschluß mit Frankreich, der nun vom 12. Januar an wieder versucht werden soll. Die Grundlage der Einigung ist gewonnen, läßt aber, da das Protokoll nicht ver­öffentlicht ist, eine wirkliche Kritik nicht zu, und der eigentliche Kampf um die Ausfüllung des so ge­zogenen Rahmens beginnt erst. Die Hauptsache aber ist, daß mit allem Nachdruck gefordert werden muß, daß dieses handelspolitische Geschäft, in dem die Chancen für Deutschland günstig liegen, nicht ver- guickt werden darf mit politischen Fragen und Zu- geftänbnlffen, deutlicher gesprochen, daß kein Schacher sich vollziehen darf, etwa in her Form, daß Deutschland gegen Zugeständnisie, die Frank­reich braucht, etwas gibt in dem Punkt der Be­satzung und Räumung, was ihm zusteht. Und auch das Rheinland, das unter der Last der Besatzung seufzt, wird verstehen, daß Deutschland sich gegen eine derartige Verkoppelung wehrt.

Ob sich nun die europäischen Staaten auf diesen Linien zusammenfinden, das ist eine Frage von größter Bedeutung. Die Gelegenheit wird in den verschiedenen Konferenzen der ersten Hälfte des neuen Jahres ja geboten: Abrüstungskonferenz, Wirtfchaftskonferenz des Völkerbundes, Konferenz über_ben Dawes-Plan, die unzweifelhaft im Laufe des sommers zusammentreten muß und möglicher­weise mit der Wirtschaftskonserenz des Völkerbun­des zufammenläuft. Theoretisch ist die Uebergeugung heute weit verbreitet, daß die europäischen Staaten s i ch zusammenfinden müssen, wenn sie sich überhaupt gegen die erdrückende Ueberlegenheit Nordamerikas einigermaßen behaup­ten sollen, wenn sie nicht zusammenbrechen wollen. Aber zur praktischen Lösung ist noch ein weiter Weg. Agitation und das Schlagwort derVereinig­ten Staaten von Europa" oberPaneuropa" tun es nicht. Schritt für Schritt heißt es vorwätts-

Krise seien, und ob nicht die Entwicklung nach an­deren und neuen Formen der Machtoetteilung in einem Staate sucht.

Die andere Frage ist, inwieweit Rußland an diese europäischen Auseinandersetzungen den An­schluß findet. Liest man die Verhandlungen des Kongresses der Kommunistischen Pattei in Moskau, der ja maßgebend für die Bestimmung der Politik überhaupt ist, so ist man drüben einstimmig gegen solche Zusammenarbeit. Denn das bedeutet dis Ab­lehnung von Locarno, des Völkerbundes usw. Ver­folgt man aber die Tätigkeit und Reden des russi­schen Außenministers und seiner Botschafter und Abgesandten draußen, io spürt man, was die eigent­liche Tendenz der russischen Außenpolittk ist: in die­ses Europa trotz alledem hereinzukommen, weil man seinen Kapitalismus, die Wirtschaftsoerbindung mit ihm und alles andere braucht. Rußland wird in den nächsten Monaten zusehen, wie sich die Arbeit und Stellung Deutschlands im Völkerbund entwickelt. Es wird weiter bestimmte reale Fragen, die es verfolgt, durchzufetzen suchen,so die Auseinandersetzung mit Frankreich, so der Abschluß mit England, so die Anerkennung durch Amerika, die ja in beiden Häusern des Kongresses in Amerika bean­tragt ist. Und es wird, wenn diese Etappen einiger­maßen günstig laufen, dann ohne Rücksicht auf die Deklamationen des Kongresses die weiteren Schritte tun, selbst in den Völkerbund hinein, weil es bann das tun muß, wei Ivon dem Zusammenhang mit Europa und der Einordnung in dieses System Europas auf friedlichem Wege abhängt, ob die Sowjetmacht sich halten kann ober nicht. Das ist ein Zirkel, den der russische Kommunist als verhäng­nisvoll bezeichnen wird, der aber d a ist, und aus dem heraus ein anderer Ausweg nicht möglich ist.

So läuft alles auf eine Zusammenarbeit in ver­schiedener Form unter den europäischen Staaten, zum Teil unter Mitarbeit Nordameri­kas, für die nächsten Monate zusammen. Man sollte in Deutschland, seiner öffentlichen Meinung und fei­nen Parteien, den Blick vor allem darauf richten, sich darauf vorbereiten, sich umsehen, welches Pro­gramm die deutschen Lebensnotwendigkeiten da vorschreiben, wo Gleichgerichtete und Gleichinter- essierte da vorhanden sind, und wo der Boden vor­zubereiten ist, vor und auf den Konferenzen und dergleichen mehr. Und da alle solche Fragen im

Aber bann kamen Tage, da brannten nicht Brände und schlugen nicht Böller. Einsam und still kam das Leid in die Mauern.

Grenzen fielen und Grenzen wurden, fremde Menschen zogen die Pfähle durch Wälder und Wie- fen und Dörfer und Ströme. Wieder wie einst steht der Feind vor den Wällen.

Ewig indesien gehen die Glocken von Sankt Bri­gitten, Marien und Kathrinen, von Petti und Paul und Sankt Johann. Traurig und weh ist der Klang ihres Erzes, Mahnen und Flehen, Schwur und Ge­lübde. Still und schweigend beten die Menschen.

So geht das die. Jahre von Morgen zu Abend, von Abend zu Morgen, das gleiche Klagen, das gleiche Sehnen.

Ich weiß eine Stadt, da fingen die Glocken.