Nr. 262 Erstes Blatt
176. Zahrgang
Montag, 8. November 1926
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Gießener Familienblätter Heimat im Bild
Die Scholle
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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein; für den An« zeigenteil i.Dcrtr. H.Beck, sämtlich in (Biegen.
er»
Vorgehen der alten Gesetzbücher. Lob den FasMen ro.i Bologna Ruhm der Santa canaglia der Strafte ...!“ Lind über die ganze erste Gerte hinweg: Will man eine Bartholomäus» nacht?
Aus Earpena kam kein Laut. Es muhte auf» fallen, dab diesmal der Duce nicht, wie nach den vvrausgegangenen Attentaten, den Befehl ausgegeben hatte: Keine Repressalien! Er lieft zwar, als der erste Schuft gefallen war, den Wagen anhalten, sprang aus und — so erzählt es sein Staatssekretär Grcnlli. der neben ihm saft — rief mit gewohnter Kaltblütigkeit: „Richts, es ist nichts! Ruhe setzt und daft mir keiner den Kopf verliert!" Aber dann hörte man nichts mehr von ihm. während es erschütternd wie ein Erdbeben durch (Italien ging. Rur sein Bruder, der seinen Popolo d'Jtalia leitet, lieh durch bie Presse berichten, daft der Duce mit seiner Familie in der Billa zusammen sei, deren Schwelle niemand überschreiten dürfe, sich mit den Schulaufgaben seiner Söhne beschäftige, beiter sei und die Geige spiele. Erst am Mittwochabend kehrte er nach Rom zurück.
Mittlerweile raste die Brandfackel und brandete — immer nach den authentischen Schilderungen der Regierungspresse — der Ruft der Tausende zum Himmel: A morte! Den Galgen ber!
Es wird gut sein, hier ausdrücklich zu betonen, daft mir wie im vorstehenden so im folgenden keine eigene Phantasie, noch eigene Meinung die Feder führt. Rur die aus der faszistischen Presse selber belegbaren Tatsachen sollen sprechen. Sie sind ernst genug, um jc?er Zutat entbehren zu können.
Die Nachricht non dem Attentate wühlte schon die Nacht auf den Montag auf. Mit Schworzhemden überladene Lastwagen durchrasten die Städte. Au der Piazza Colonna im Herzen von Nom, unter den Fenstern des Palazzo Cbigi, von dessen Eckbalkon aus der Duce, der Abgott der Nation, bereits dreimal nach einem Anschlag auf sein Leben zur Menge n konnte, biwatierten Scharen von Faszisten.
end traf der Generalsekretär Turati ein, um die Parole auszugeben. Sie lieh keine Zweifel übrig. Ein Brandherd bestehe im Innern und Leugern, eine Jnfektionsbeule, di? ausgeschnitten werden müsse. Zwischenrufe: Den Galgen her, den Galgen! Turaii: Einverstanden! Nach vier Jahren einer blöden Langmut müsse jetzt die Todesstrafe her, und zwar nicht nur für die ausführenden Verbrecher, sondern auch für die Anstifter. Und dies rückwirkend. Für Zauiboni, Capello, Luchetti usw. Welche außerordentlichen Gerichte einzuführen seien, spiele keine Nolle, wenn nur das Urteil au Tod laute. (Zum Tod:', wiederholte die Menge mit einem einzigen Schrei.) „Dem Duce wollen wir sagen: Heute wie ruftern sind mir bereit, dir zu gehorchen, unter der Bedingung jedoch, daß du nicht vergißt, wie die Größe der Nation mit deinem fieben verbunden i'!'"
In Mailand ocifäntete der Faszisienführer unter ungeheurem Beifall: „Seit gestern abend sind bereits viele Repressalien erfolgt und andere werden noch durchgesülu: werden!" Selbst der „Popolo b'Stalia", obwohl zur Beherrschung ratend, brachte einen Ausruf, in dem et eilen vorkamen wie die folgende: „Und da zwei verdächtige Individuen in diesen Tagen mit verbrecherischen Absichten die Grenze überschrill.-n haben, seien auch sie erbarmungslos gelyncht."
Die Strafexpck-.tiv::.?. es ist wahr, stieften da und dort aus Schi-l wehren der Polizei und des Militärs, aber üjc trennten sie in den meisten Fällen. Als in ßambrate bei Mailand die .Feuerwehr herbcie.l,'. um die in Brand gesteckten Gebäude einer Drucker?': und einer Gewerk- schäft zu retten, wurde mr Umkehr gezwungen. Ernst verlief ein Gesccht in Genua, wo das eß<nroro“ nach Lleberwältigung der Polizei in
Lage Qual war groß.
... Während der Leichnam des törichten Knaben langsam erkaltet. Zuerst wollte man ihn an eichen Lalernenpsahl hängen, dann schleifte man ihn in den nächsten Hauseingang und schließlich kam er in die Quästur, wo sich am Abend «in verzweifelter Bater einstellte, der seinen Sohn vermißte. Ob das vielleicht der kurz vorher eingelieferte Bursche sei? llllnd der Bater erkennt ihn, den niemand mehr in dem blutigen Fleischbündel erkennen könnte. Erwürgt, von Dolchstichen durchsiebt, zertreten mit der Plötzlichkeit und Wut einer Explosion — so schnell, daß Tags darauf bereits die Frage herumgehen konnte, ob der sünfzehnjärige Anteo Zamboni Überhaupt der wirklich/: Täter gewesen sei. Auch eine Reihe anderer Personen wurden ja in dem Tumult mehr oder minder schwer getroffen. Das sind die Rachteile eines r.ichtordentlichen Gerichtsverfahrens. Aber die erste Zeitungsspalte jubelt: „Heiliges Lynchgericht! Das geheime, augenblickliche, Vernich.ende Verfahren, das selbst die Spur einer Persönlich?it auslöscht, diese Strafart ist nicht nur wirksamer, sondern auch schöner und edler als das bureaukraiische und sophistische
Bartholomäusnacht?
V Don unserem römischen Li-Korrespondenten.
(Rachdruck verboten.)
Rom, 3.Rovember.
Kugelsicher, wie das Volk glaubt; sichtlich von Gott beschirmt, wie der Papst sagt; selber überzeugt von seiner lllnverwundbarkeit, läßt Mussolini gelassen wie ein Zuschauer den Zaun der Attentate an sich vorübergleiten: „Mir kann nichts geschehen, bevor meine Aufgabe vollendet ist!" Und reist weiter. Fahrplangemäh. Mit Frau und Kind nach Forli, dann in seine Billa nach Carpena, um endlich einmal ein paar Tage von den Geschäften auszuruhen, denn dieser letzten
Die Erwerbslosenfürsorge.
Vie Debatte im Reichstag.
Berlin, 6. Nov. Die Beratung der Anträge zur Erwerbslofenfürforge wird festgesetzt.
Abg. Heckert (Komm.) tritt für die kommuni- tilchen Anträge ein. Danach sollen die Unter- tutzungsfätze um 50 Prozent mhöht werden und die Begrenzung der Bezugsdauer wegfallen. Weiter soll zur Vermehrung der Arbeitsgelegenheit die tägliche Arbeitszeit gesetzlich verkürzt werden. Die wöchentliche Gesamtarbeitszeit soll im Bergbau 36 Stunden und in den übrigen Betrieben 42 Stunden nicht übersteigen. Der Redner zeigt einen Tarifvertrag für Landarbeiter, der einen Stundenlohn von 7 Pf. vor- ieht. Bei solchen chungerlöhnen sei es verständlich, wenn die Erwerbslasenunterstützung in manchen Gebieten die Lohnhöhe überschreitet
Abg. Schneider (Dem.) weist darauf hin, daß die fortschreitende Rationalisierung der Wirtschaft auch eine weitere Steigerung der Arbeitslosigkeit zur Folge habe. Reben dieser unvermeidlichen sei aber auch eine vermeidliche Quelle weiterer Arbeitslosigkeit vorhanden. Das ei das Aebermoft von äleberstunden, die etzt in vielen Betrieben verlangt werden. Ganz besonders groß seien auf diesem Gebiete die Sünden der Großbanken. Bis in die tiefe Rächt müßten dort die Angestellten arbeiten, obwohl die Zahl der stellenlosen Bankangestellten auher- ordentlich groß sei. In sehr trauriger Lage befinden sich die älteren Angestellten. Bei der Wiedereinstellung werden die über 40 Jahre alten Angestellten planmäßig übergangen. Zwei Drittel aller Arbeitslosen könnten beschäftigt werden, zur Deckung des vorhandenen Bedarfs, wenn nur die Löhne so gesteigert würden, daft die Kaufkraft der Massen ihrem Bedarf entspräche. Das jetzt eingeführte Kreditsystem ist ein sehr bedenklicher Versuch zur Lösung des Problems. Don einer Bevorzugung der Ledigen kann bei den Ausschuhanträgen keine Rede sein. In England bekommt der ledige Arbeitslose 40 Prozent mehr an llllnterstühung als der deutsche. 180 000 Ausgesteuerte in Deutschland, das ist doch eine erschütternde Zahl. Diese Leute muhten ein volles Jahr mit 800 Mark austommen. Die Altersgrenze bei der Invaliden» und Angestelltenversicherung sollte von 65 auf 60 Jahre herabgesetzt werden. Dann würden auch der Arbeitsmarkt und die Erwerbs- losenfürsvrge von diesen alten Erwerbsunfähigen entlastet werden. Die jämmerliche Lage der An» geftellten wird beleuchtet durch dis statistisch feft» gelegte Tatsache, daß 75 Prozent von ihnen Gehälter zwischen 100 und 150 Mark haben. Rur 17 Proz. haben mehr als 225 Mk. Gehalt.
Abg. Holzammer (Wirt. Der.): Den Ar- beftslosen liegt viel weniger an der iXnter- stühung als an Arbeitsgelegenheit. Rot- wendig ist vor allem die Belebung der freien Bautätigkeit. Dafür sollten Reich, Länder und Gemeinden alle Kräs te einsehen.
Dann wird auch im allgemeinen Handel und Wandel wieder ausblühen. Die wirtschaftliche Bereinigung kann nicht die uferlose Polittk der Parteien mittnachen, die immer nur Anträge stellen, ohne zu fragen, wer d ie Kosten trägt. Die Lasten bleiben schließlich auf dem Handwerk und dem gewerblichen Mittelstand liegen. Diel Besserung könnte man aus dem Arbeitsmarkt schassen, wenn mit der Schwarzarbeit ein Ende gemacht würde, die jetzt vielfach von den Behörden geduldet und gefördert wird. Die Wirtschaftliche Bereinigung kann den Borschlägen des Ausschusses nur zu stimmen, wenn von der Regierung unzweideutig versichert worden ist, daß die Mittel zur Deckung vorhanden sind.
Abg. Schwarzer (D. Bp.): Eine große Gefahr liegt in der Radikalisierung der unbeschäftigten Arbeitslosen. Darum sollte man mehr an Bildungseinrichtungen und andere Deschäftigungsmöglichkeiten für die Erwerbslosen denken. Auch diejenigen, die grundsätzlich keine Freunde des Achtstundentages sind, werden sich zu dieser Forderung bekehren, namentlich da, wo Illeberproduktion herrscht und der Arbeitsmarkt überfüllt ist. In Bayern sind längst die Äntcrstützungssähe auf % des Lohnes beschränkt. Diesem Beispiel sollten die übrigen Länder folgen. Der Redner erflärt sich mit den Ausschuhvorschlägen einverstanden. De Kosten für die llllntcrstühung der Ausgesteuerten sollte das Reich übernehmen.
Abg. Stöhr (Dölk.) bezeichnet die Stärkung der Kaufkraft, die Hebung des inneren Marktes als das beste Mittel zur Besserung des Arbeitsmarktes zur Milderung der Arbeitslosigkett. Die Rationalisierung der Wirtschaft sei leider nur zur Steigerung des lllntemehmerprofits, nicht zur Senkung der Preise oder zur Erhöhung der Löhne benutzt worden. Der Redner beantragt eine Erhöhung der Unterstützung für alle verheirateten ErwerbSwsen über 21 Jahre um 20 Proz., der Familienzuschläge um 30 Proz.
Reichsarbeitsminister Dr. Brauns beantwortet die Fragen des Abg. Holzammer dahin: Der Schwarzarbeit von unterstützten Erwerbslosen tritt die Regierung energisch entgegen. Die Kosten der Erhöhung der Unterstützungs- sätze werden durch die erhöhten Zolleinnahmen gedeckt. Die produktive Erwerbslofenfürforge kommt in großem Umfange dem Hanvwerk zugute.
Damit schließt die allgemeine Aussprache. Einzelberatung Montag.
Die Krisenfürsorge.
Nene Anträge der Ncgicrungsparteien
Berlin, 6. Nov. (B.D.Z.) Zur Neuregelung der Erwerbslofenfürforge sind folgende neue Anträge im Reichstag eingegangen: Die Abg. v. Guerard (Ztr.), Thiel (D. Bp.) und Erkelenz (Dem.) beantragen, unverzüglich dem Reichsrat und dem Reichstag Borlage für eine gesetzliche
Eimarat ie- wux.-, ■ ararjex»
Regelung $u machen, nach der hn Wege einer Ärifenfürforge die Ausgesteuerten, soweit sic noch arbeitsfähig und arbeitswillig sind, bis zum 31. März 1927 in der Erwerbslofenfürforge ver bleiben. Die Lasten dieser Krisenfürsorge sollen zu 75 Prozent vom Reich und zu 25 Prozent von der Gemeinde getragen werden. Fenier wird die Reichs regierung ersucht, die berufliche A u s b i ft- dun g , Fortbildung und Anpassung der Erwerbs losen, insbesondere Der Jugendlichen, mit ver harkten Mitteln zu fördern und dabei auch die Jugendlichen einzubeziehen, die noch keinen Anspruch auf Erwerbslosenunterstützung haben. Ferner beantragen die Regierungsparteien, den § 20 der Verordnung über die Erwerbslosenfürsorge folgenden Absatz anzufügen: „Die Gemeinde hat aus Mitteln Der Erweroslosenfürsorge für die Invaliden-, Angestellten- und knappschaftliche Pensionsversicherung der Erwerbslosen die Beiträge (Anerkennungsge- bühren) zu entrichten, die zur (Erhaltung der Anwartschaften notwendig sind." Endlich liegt folgende Entschließung der Reigerungsparteien vor- „Die Reichsregierung wird ersucht, für Die durch die Erhöhung in der unterstützenden Erwerbslosen- fürsorge den Ländern verursachten Kosten zur Abgeltung dieser Kosten den Ländern einen ange messenen Pauschbetrag zur Verfügung zu stellen."
Der Reichsfinanzminister zur Kostenfraye.
Berlin, 6. Rov. (TN.) Der Haushatt- ausschuh des Reichstages beschäftigte sich in seiner ersten Sitzung nach den Ferien mit den Anträgen des Sozialausschufses zur CrwerbL- losenfrage. Reichsfinanz-minister Dr. R e in h o berechnete die Mehrkosten für die im Sozial-' ausschuh beschlossene Erhöhung der ordentlichen Erwerbslosenfürsvrge auf rund neun Millionen Reichsmark für den Monat. Diese neun Millionen müsse bei der mangelnden finanziellen Kraft der Länder imb Gemeinden das Reich allein tragen. Es könne dies nur aus den erhöhten Zollern- nahmen geschehen. Weitere Boraussetzung fei, dah die Erwerbslosenversicherung am 1. April 1927 verabschiedet werde. Dagegen fei es unmöglich, den Deschluh über die Verlängerung der Bezugsdauer für die Ausgesteuerten in der vom sozialpolitischen Ausschuß beschlossenen Form zuzustimmen. Die Regierung müsse darauf bestehen, dah die Gemeinden, entsprechend dem Antrag der Regierungsparteien an den Bezügen der Ausgesteuerten beteiligt würden. Dr. Reinhold betonte weiter, daß der Reichsetat weitere 13 Millionen monatlich zu tragen haben würde, wenn die Ausgesteuerten ganz auf das Reich übernommen werden würden. Ohne Beteiligung der Gemeinden würden die Länder sich weigern, diese Lasten zu übernehmen.
Flammen ausging und bei dem Sturm auf das Haus eines Abgeordneten zwei Faszisten und ein Carabiniere fielen, sieben verwundet wurden, davon drei schwer.
Tagelang dauerte der Sturm auf Privatwohnungen, die wie die Zeitungsgebäude zerstört und eingeäschert wurden. Eine einzige Meldung aus Reapel führt als erstürmt und verwüstet auf zum Beispiel'die Wohnungen eines Zeitungsdirektors, zweier RechtsaMvälte, eines Ingenieurs und anderer Jntellekttieller, darunter sogar der weltberühmte Philosoph Denedetto E r o c e. Man möchte an eine Ramens- verwechslung glauben.
Rur ein einziger Fall von Verteidigung wird berichtet. In Cagliari schoß der Abgeordnete L u s s u einen Faszisten, der bereits den Balkon erklettert hatte, herunter. „Der Abgeordnete Lussu konnte mit Mühe vor der Wut der Her- beieilenden gerettet werden, die den Mörder lynchen wollte."
Von den sofortigen Repressalien abgesehen, ergriffen die Faszisten auch eine Reihe weittragender Maßnahmen. So wurde in Ferrara die Aufstellung einer faszistischen Geheimpolizei beschlossen und eine „P ro s kri p t i o n s l i st e derjenigen aufgestellt, deren Leben an das des Duce gebunden ist." Für diese Geiseln gibt es, wie übrigens für alle Gegner des Regimes, keinen Schuh, nicht einmal den der Auswanderung, denn fein irgendwie Verdächtiger erhält mehc einen Paß zur Ausreise. Emigranten bleibt höchstens der heimliche Schmugglerweg offen, wie jenem Professor,. der dieser Tage über die Alpen flüchtete und mit erfrorenen Füßen in der Schweiz eintraf.
Was geschehen würde, wenn es einem Verbrecher wirklich einmal gelingen sollte, Mussolini gewaltsam zu beseitigen, ein italienischer Minister, der Justtzminister Rocco selber hat es gesagt, und im Ausland zu Ausländern, in der Stadt der antifaszistischen Bewegung, in Paris: „Die faszistische Revolution würde keinen Halt mehr kennen. Sie würde ganz fieber gewalttätiger werden. Wenn ihr Haupt plötzlich verschwände, würden die Rachfolger ohne Zweifel die extremsten Systeme einführen. Es könnte sein, daß wir als erstes dann einen Wohlfahrtsausschuß bekämen und die Sanktionen gegen die Feinde des Regimes würden denen gleichen,, die einmal in Frankreich zur Anwendung kamen."
Man sieht, die Menschheit ist nur dem Kalender nach um einige Generationen vorwärts-
geschritten. Italien führt das Schafott wieder ein, -nachdem es bereits vor dreißig Jahren das Henkerbeil in die Rumpelkammer geworfen hatte. Lind die faszistische Revolution, die sich im Gegensatz zur französischen und russischen rühmen durfte, dah kein Blut ihren Weg befleckte, ruft jetzt, nach vier Jahren, nach Standgericht und Schlimmerem. Gewiß gibt es zu denken, dah niemand das . Leben des Duce bedrohte, so lange die Opposition geduldet war, dah die vier Attentate sämtlich in das letzte Jahr, »das napoleonische Jahr" fallen und sich um so schneller folgten, je straffer die Zügel angespannt wurden, aber die Ereignisse der letzten Tage, das furchtbare Zukunftsbild, das der Justizminister vor den Augen des Auslandes entrollte, sollten doch nicht nur überzeugten Anarchisten, sondern auch wildromantischen Gehirnen klarmachen, dah die Macht des Faszismus nicht mit einer blöden Revolverkugel gebrochen werden kann.
Die Affäre Garibaldi.
Ein Schachzug zur Beseitigung mißliebiger Republikaner?
Rom, 7. Rov. (WTD.) Die »Agcncia Ste- fani“ verbreitet eine Mitteilung, in der es heißt, die italienische Polizei hätte von mehreren Seiten aus Frankreich Mitteilungen erhalten, daft ein gewisser S c i v o l i. der jetzt unter dem Rainen Fernand identifiziert sei, nach Italien kommen würde, um ein Attentat auf Mussolini vorzubereiten. Ilm rascher Vorgehen und eingehende Rachrichten über das jenseits der Grenze vorbereitete Komplott erhalten zu können, habe die Polizei den Generalinspektor Lapolla nach Frankreich entsandt zu dem ausschließlichen Zweck, in allen ihm bekannten italienischen Kreisen Erkundigungen einzuziehen und möglicherweise die Photographie des S c i v o l i zu beschaffen, damit die italienische Grenzpolizei dessen Einreise leichter verhindern könne. Zu diesem Zweck sei Lapolla genötigt gewesen, art Ricciotti Garibaldi heoanzutreten, von dem er gewuht habe, dah er mit Scivoli bekannt sei. Bor seiner Abreise habe Lapolla der französischen Polizei den Paß Scivolis gezeigt, den er sich zu beschaffen gewuht habe, um danach diese für die italienische Grenzpolizei notwendige Photographie herzustellen. Später sei Lapolla wiederum mit Garibaldi zusammengetrofien, um ihm den Pah Scivolis zurückzugeben.
In Paris ist Sonntag nachmittag Garibaldi weiter verhört worden. Wie die Havasagentur berichtet, hat er schliehlich eingrstanden, in der Zeit vom 14. bis 18. Oktober in Paris gewesen zu sein. Er habe dort mit den Polizeibeamten Lapvll a und Scala eine lange llnterrebung gehabt, in der beschlossen worden sei, dah Scivoli nach Italien fahren sollte, um den italienischen Republikanern Briese und durchgerissene Postkarten, die als Erkennungszeichen bei einer Ansammlung von Republikanern dienen sollten, die gleichzeitig mit der katalanischen separatistischen Bewegung stattfinden sollte, zu übermitteln. Lapolla und Scala hätten bann Paris verlassen und Garibaldi in Rizza wieder getroffen. Einige Zeit später sei auch Scivoli dorthin gekommen in der Hoffnung, die ihm anoertraute Mission durchführen zu können. Inzwischen sei aber Lapolla von der französischen Sicherheitspolizei verhaftet worden und an die italienische Grenze zurückbefördert worden. Dadurch sei die Reise Scivolis nach Italien unterbrochen worden, denn seinen Pah habe man unter den Papieren des verhafteten italienischen Polizeibeamten ge- ftrnden. Garibaldi scheint mithin zu behaupten, dah die beiden italienischen Poliz-eibeamten in dem Augenblick eine Bewegung Hervorrufen wollten, in dem die Katalanen in Spanien einrücken sollten Die italienische Polizei hätte dann mit einem Schlage die Republikaner Italiens, die auf einem bestimmten Punkt zus a m men beru fe n worden wären, und sich auch ohne Mihtrauen dorthin begeben hätten, verhaften lassen können. Außerdem hat Garibaldi schl^hlich zugegeben, dah er mit dem Führer der separatistischen katalanischen Bewegung, Oberst Macia, zu- fammengefommen sei. Er hat jedoch keine Einzelheiten darüber mitgeteilt. Die französische Polizei hat im übrigen die Polizei in Rizza angewiesen, festzustellen, ob der italienische Polizei beamte Scala sich nicht vielleicht noch in der Gegend von Rizza aufhalte. Diese Rachforschungen haben aber zu keinem Ergebnis geführt.
Französischer Protest in Rom.
Paris, 6. Rov. (WB.) Der französische Botschafter DeSnard in Rom ist gestern abenö erneut beim llllnlerstaatssekretär Grandi vorstellig geworden, um nochmals gegen die französisch-italienischen Zwischenfälle zu protestieren. Rach einer Havasmeldung aus Rom


