Ausgabe 
8.7.1926
 
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Hl (57 Zweites Blatt

Donnerstag, 8. Juli (926

Vereinigung oder Verfall.

Eine Unterredung mit Francesco Nitti, ehern. Ministerpräsidenten d. Königreichs Italien.

Francesco Nitti. der ehemalige italienische Ministerpräsident, lebt fern vom faszistischen Italien in Paris als Märtyrer seiner Ideale internationaler Verständigung und der Herrschaft der Besonnenheit über Leidenschaften und Vor­urteile. Trotz aller schlimmen Erfahrungen ist er sich und seinen Idealen treu geblieben als Vor- tämpfer einer neuen und besseren Welt, wie er sie erhofft. Ich hatte den Vorzug, eine längere Unterredung mit ihm zu führen.

Das ganze Elend Europas stammt", so sagte er.aus den Friedensverträgen. Präsident Wilson war ein ehrlicher und aufrichtiger Mann, der an seine großen Ideale glaubte: aber er kannte Europa nicht, und so war es möglich, daß gegen seine Wünsche und Vorschläge sogenannte Friedensverträge gemacht werden konn­ten, die eher als eine Art Fortsetzung des Krieges zu betrachten sind. An Stelle von einem Oesterreich-Angarn eines aus ver­schiedenen Staaten zusammengesetzten Reiches mit einheitlicher Oberleitung haben wir fünf oder sechs: an Stelle einer elsaß-lothringischen Frage haben wir sieben oder acht, an Stelle von Ab­rüstung haben wir noch viel stärkere - st u n g altz vor dein Kriege. Europa, das damals aus 25 Ländern bestand, ist jetzt aus 35 zusammen­gesetzt, die gegeneinander höhere Wälle auf­richten als die chinesische Mauer. Bedenken Sie nur das eine: Drei kleine Staaten, Polen, Ru­mänien und die Tschochoslowakei. haben ein st ä r - leres Heer als das vor dem Kriege des Militarismusses bezichtigte Deutschland, bei weit geringerer Bevölkerung und zerrütteten Finanzen. Der Krieg begann auf dem Balkan. Aber nun ist ganz Europa balkanisiert. Wer ist ver- antworttich? Es ist schwer zu entscheiden. Die ganze Welt ist verantwortlich für diesen Geist der Gewalttätigkeit, der den eigentlichen Krieg weit überdauert hat. And nun diese Diktatorenherr- schaften Faszismus und Bolschewismus (in diesem Sinne gleichlaufende Phänomene) und fünf oder sechs andere Militärdiktatoren oder nattona- listische Asurpatoren.

Sie fragen mich, warum ich Italien ver­lieh. Letzten Endes hatte ich in Italien kein Glück. Ein Staatsmann, der in der Politik einen mittleren Kurs anschlägt, der an Demokratie und Fortschritt glaubt, kann zwischen starken Extremen der Linken und Rechten kein Glück haben. In den Augen des Mittelstandes war ich den Sozialisten zu freundlich gestimmt. Die Sozialisten ärgerten sich über mich, weil ich den Bolschewismus durchaus ablehnte. Wer dem gan­zen Volk ohne Anierschied der Klassen zu dienen sucht, wer ein System von Gewaltmaßnahmen verabscheut, wird sich im politischen Leben nicht auf Rosen gebettet sehen. Mein ganzes Ver­brechen ist, daß ich für den Frieden Euro­pas in den Grenzen meines eigenen Landes eingetreten bin.

Hier im Auslande liegt es aber nicht im Rahmen meiner Absichten, Erklärungen über die Lage in Italien abgeben zu wollen. Ich be­schränke mich daraus zu sagen, daß der Faszis­mus die Verneinung aller Grundsätze von Frei­heit und Demokratie ist. Ich wünschte nicht gegen den Faszismus zu bekämpfen. Gewalt kann nur durch Gewalt gebrochen werden, und das sind Methoden, die ich nicht liebe. Ich möchte daher Ihre aus dieses Thema bezüglichen Fragen lieber nicht beantworten. Das italienische Volk kenne ich doch wirklich gut genug. Es kann auf die Tauer ohne Freiheit ebenso wenig leben wie ohne Sonnenschein und Wärme. Als man die Waffen gegen den deutschen Kaiser erhoben, behauptete man, Freiheit und Demokra- t i e gegen deutschen Militarismus zu verteidigen. Ist es logisch, daß nunmehr die Freiheit er­stickt und stärkster nationalistischer Militarismus gepredigt und verwirklicht wird?

Schwere Anordnungen sind immer die Folge schwerer Kriege. Freiheit und Demokratie sind die Zeichen gesunden Volkslebens. Kriegsfieber erzeugt immer neue Fieber. Nur ehrlicher Kampf für den Frieden und für die Vereinigten

Gießener Stadttheater.

Leo Lenz:Bettinas Verlobung."

Auf dem Zettel steht in Klammern: Verfasser vonHeimliche Drautfahrt". Cs ist nicht zu bestreiten, Leo Lenz, der eigentlich Schwairzara heißt, aus Wien stammt und übri­gens gar nicht mehr zu den Jüngsten zählt, hatte mit d/esem Stück einen Erfolg, der fast durch ganz Deutschland lief. Der Hinweis ist also ver­ständlich: gerechter schiene uns wenn es schon sein muß die Autorschaft vonBettinas Verlobung" zu unterstreichen. Dieses Lustspiel nämlich ist zweifellos eine stärkere und geschlosse­nere Leistung, als der Publikumsei^olg der ..Broutfahrt", die merkwürdig überschätzt, und der verziehen wurde, was gelegentlich heftig an­gekreidet zu werden pflegt. Z. D. eine bis an die Grenze der An-Dramattk gehende Langatmigkeit. Wesentlicher scheint doch die Inkongruenz zwischen dem (so liebenswürdigen und so gut zu begreifen­den) Hinneigen und Zurücksehnen nach dem Ro- .koko und der Haltung der Gestalten, die eben nicht aus jenem Jahrhundert kommen. And wo in derDrautfahrt" wirklich einmal die Atmosphäre dieser leider abgelebten Zeit flüchtig eingefangen ist, da kommt sie von außen her, von Doccherinis Menuett. Aber hier: hier bleibt der Dichter im 20. Jahrhundert mit allen Figuren, und eine ilüchttge Maskerade ä la Watteau ist ohne tiefere Bedeutung, ist entzückend und rührend zugleich und verdirbt nichts. Die innere Einheitlichkeit des Personals, das übrigens auch durch eine gewisse Typisierung gebunden ist, bleibt gewahrt und rundet das Ganze: diese drei Akte, bei denen man gar nicht weiß, ob man lächeln oder in Be­wunderung ausbrechen soll, wenn man sieht, mit wie wenig sie auskommen. Lenz ist entschieden nicht Dramatiker von Temperament. Der erste Akt intrvduziert genau so schleppend, wie in der Dreutfahn". Man weiß in der Mitte schon, wie es enden wird. And dennoch, das ist das Merk­würdige, man langweilt sich nicht, ja man fällt nicht einmal aus der Spannung. Worauf es an- fommt, ist jenes je ne sais quoi, in Stimmung und Farbe des Lustspiels, das man kaum näher um- chreiben kann, das aber seinen Wert ausmacht und die drei Akte zusammenhält und innerlich bindet. Leo Lenz, Verfasser vonBettinas Ver-

Slaatcn von Europa lann ein harmoni­sches Zusammenarbeiten herbeiführen."

Sie glauben also an die Vereinigten Staa­ten von Europa?"

Lassen S.e mich mit einer Frage ant­worten: Gab es im Jahre 1400 einen Menschen in Italien, der an die Möglichkeit eines ita­lienischen Zusammenschlusses geglaubt hätte? Ita­lien war in hundert Staaten geteilt, und jede Stadt bildete eine staatliche Individualität im ständigen Kampf mit den Nachbarn. Die Stadt war das Vaterland. Pisa haßte Genua stärker als der Angar den Rumänen haßte oder der Pole den Russen. Wir haben nur eine Wahl: ^Bereinigung oder Verfall. Europa unter Einschluß Rußlands vor dem Kriege ist nicht größer als die Vereinigten Staa­ten von Amerika. Amerika und wir unterschei­den uns nur durch den Namen. Dort leben die­selben Völkerschichten wie hier: Angelsachsen, Germanen, Romanen, Slawen usw. Aber Ame­rika ist eine große Einheit. Man kommt von Neuyork nach San Francisco ohne Zoll­schranken. Ein Markt für alle das ist die Stärke Amerikas. Können wir nicht da­mit anfangen, eine große wirtschaftliche Einheit zu bild-n? Es kommt darauf an, den Anfang zu machen."

Glauben Sie, daß Italien eine Friedensmacht sein wird?"

In Italien", antwortete Signor Nitii,werden mehr Dummheiten gesprochen als getan. Italien kann sich nur im Rahmen der Freiheit und des Friedens entwickeln. Es muß kämpfen für persön­liche Freiheit und für Handelsfreiheit. Seine Be­völkerung ist für das kleine Gebiet zu groß. Es verfügt über keine Mineralschätze. Es kann nur fort» schreiten bei harter Arbeit und Frieden.

Augenblicklich geht noch alles drunter und drü­ber. Siegerirrwahn, Absolutistenirrwahn, Wider­stand zwischen dem kapitalistischen Europa und dem bolschewistischen Rußland. Wir müssen unbedingt Rußland für Europa zurückgewinnen, ohne seinem politischen System zu verfallen.

Ich glaube an die Wiederherstellung von Frei­heit, Liberalismus und Frieden. Wir haben nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zu­kunft."

Das polnische Chass,

Von Dr. W. Steffens, M. d. L.

Wie ist es doch zu der Mairevolution in Polen gekommen? Verstiegene Großmannssucht, imperialistische Wahnideen" ohne Berücksichti­gung der tatsächlichen Kräfte des Landes und infolgedessen unsinnige Ausgaben für ein über­großes Heer, Verschwendung verbunden mit Be­stechlichkeit und Demoralisation, bankerotteur- mäßige Finanzpolitik, sinnloser Wirtschaftskrieg mit Deutschland, dauerndes Anziehen der Steuer­schraube, Herabsetzung der Gehälter, Verringe­rung der sozialen Leistungen, Sturz des Zloty, erschreckende Arbeitslosigkeit, Ansicherheit und Ziellosigkeit der Führung, wüsteste Parteizer­rissenheit all das hatte über Polen eine permanente Krise herafbeschworen. In diesem Polen, das der Franzose Boncourt noch vor kurzem als den Schützer der westeuropäischen Kultur gegen asiatische, bolschewistische Ankultur gepriesen hat. herrschte das Chaos. In der all­gemeinen Gewitterstimmung bedurfte es nur eines elektrischen Funkens, um den massenhaft auf ge­häuften Zündstoff explodieren zu lassen. Auf allen Seiten wurde der Ruf nach der Dittatur täglich immer lauter, der Schrei nach dem starken Mann. Die national-demokratische Partei hat zweifellos schon auf ihrem Parteitage in War­schau, an dem Dmowski und Stan. Grabski teil» nahmen, die rassistische Diktatur ins Auge gefaßt Im Kabinett Witos (ohne Skrzynski) kündigte sie sich bereits an.

P i l s u d s k i kam der Diktatur von rechts zuvor. Getragen von einer starken Welle von Vertrauen und Popularität auf Grund seiner Vergangenheit, richtete er seine Diktatur auf. Er sollte, so hofften seine Anhänger, Polen aus der unerträglichen Not und Verwirrung, aus der Korruption, aus wirtschaftlichem und sozialem Elend retten. Wird er es können? Ist er dazu

lobung", der auch einen ., Francois Villon" und eineHeimliche Drautfahrt" schrieb so sollte man billig seine theatralische Sendung bezeichnen.

Bettinas Verlobung. Besser Bettinas Ver­lobungen, die falsche und die richtige, die mora­lische und die unmoralische, die mit dem Verstand und mit der Eitelkeit und die andere, bessere, zuletztlachende, mit dem Herzen. Baronesse Bet­tina geht, anfangs zögernd, nach allerlei Kämpfen und Beschwernissen, am Ende mit fliegenden Fahnen ins andere Lager über. Entläuft ihrem Legationsrat, der vor lauter Korrektheit, vor lauter Dienst, vor lauter Karriere feine Braut verkümmern läßt, und fliegt endlich dem alten Jugendfreund an den Hals, der ohne Ehrgeiz und ohne Streberei ein Kerl ist, bei dem das Herz, die Hände und auch der Schnabel durch­aus da sitzen, wo sie hingehören. Die Geschichte dieses Frontwechsels, dieser Wendung eines jun­gen Herzens bestimmt die Linie der drei Akte und füllt sie aus. Wirklich ganz aus bis zum Schluß: was bei Lustspielen eine Seltenheit ist. Alles andere ist nur Aufputz. Beiwerk, Drum» unddran. Das gräfliche Elternpaar, zur psycho­logischen Deutung Bettinas (Was du ererbt von deinen Vätern hast . . ."). Oder das ver­liebte Taubenpaar des schönen Namens von Kankelfitz. Oder der prächttge, weißhaarige Land­pfarrer. der Dienstmann Nr. 64 mit dem golde­nen Gemüt, das Fräulein von Kleist endlich, ein halb romantisch-ironischer, halb unziemlicher Scherz, Düpierung des Publici, keine Verneigung ins Dixhuitieme, sondern man staunt das (Laden)fräulein von Herrn Kleist, der ein un- dichterisches Friseurgeschäft ganz bürgerlich be­treibt.

Die Inszenierung Volcks war zwar nicht darauf bedacht, die Gemächlichkeit und Bedächtig­keit der Szenenführung im Tempo zu befeuern, hatte aber das hohe Verdienst eines tadellos geschloffenen, fein ineinandergreifenden Ensemble- spiels: alles abgestimmt und aus einem Guß: Alix Krahmer, das niedliche Barvneßchen. das endlich doch durch Lachen und Weinen sein Herz (väterliches Erbteil), in den einzig rich­tigen Hasen steuert: zum Grafen von Mach, den G e f f e r s so unbekümmert, geradezu und sym­pathisch herausbrachte, wie er sein soll, das rechte Gegenteil von Hankes steif »korrektem

genug Politiker. Staatsmann? Die Staatspräsi- dentschaft hat er klugerweise nicht angenommen, um sich nicht mit der Verantwortung zu belasten. Aber durch feine Vertrauensleute im Staats- und Ministerpräsidium will er die tatsächliche Diktatur ausüben. Sind nun Ruhe. Ordnung und Sicherheit in Polen hergestellt? Mit Nichten. Es brodelt wie in einem Hexenkessel: die Gegen­sätze zwischen den nationaldemokratischen und all- polnischen Zaszisten und den polnischen Sozia­listen sind so stark wie nur je. Der Haß der ersteren gegen Pilsudski und der ihnen feind­lichen Generäle, besonders Sikorski, ist sicher incht geringer geworden. Wird Pilsudski die Populari­tät bei feinen Anhängern behalten, wenn er dikta­torisch durchgreist? Es scheint nicht so. Er will die Verfassungentbemofratifieren. Die Parlamen­tarier hat er in seiner grobkörnigen Weise scharf abgelanzelt. Er hat einen Gesetzentwurf einbringen lassen, der Verfassungsänderungen. Erweiterung der Rechte des Staatspräsidenten und besonders Vollmachten für die gegenwärtige Regierung vor- fieht: vor allem: die Sitzungsperiode des Sejm soll im Juli geschlossen, der Sejm viele Monate lang vertagt werden, und innerhalb dieser parla­mentslosen Zeit soll der Präsident die Gesetz­gebung durch Verordnungen ausüben. Die Rechte steht dem außerordentlich kritisch gegenüber, da sie keine Machterweiterung der jetzigen ihr un­sympathischen Regierung will. Aber vor allem ist es darüber zum Bruch mit den Sozialdemokraten gekommen, die Pilsudski mit emporgetragcn haben. In ihren Reihen ist der von Moskau aus propa­gierte Kommunismus stark verbreitet. Sie haben den Absichten Pilsudskis stärkste Opposttion an­gekündigt und drohen mit neuem Amsturz. Der sozialistischeRobotnik" nennt das ganze Vor­gehen eine Komödie und verlangt Auflösung des Sejm. DerDaily Herald" hatte Recht, wenn er schon bald nach der Revolutton xm Hinblick auf die Verschiedenheit der Ansichten Pilsudskis und der Sozialisten über das Parlament schrieb:Es liegt nicht viel Sicherheit bezüglich der Lage in Warschau vor".

And wie stehen die Aspekte sonst für die Tätigten Pilsudskis? Wird er eine vernünftige Wirtschaftspolitik durchführen, den Zollkrieg mit Deutschland schleunigst beendigen? Das Wirt- schaftsprogramm des Ministers Kwiattowski gibt no,ch wenig Hoffnung dafür, es ist fast rein aka­demisch, aber nicht praktisch. Wird Pilsudski eine verständige Minderheitenpolitik treiben wollen, treiben können? Die deutsche Fraktion des Sejm hat die polnische Bevölkerung aufgefordert, Partei für Pilsudski zu ergreifen, da Pilsudski mehr als alle anderen sich für den Schutz der Minderheiten einsetzen würde. Selbst wenn man seinen besten Willen dazu anmnunt, wird er dazu imstande sein? Wird er es können, gegen den energischen, rabiaten Widerstaiid des iiationalistischen Chau­vinismus, wie er im Westmarkenverein und in der Nationaldemokratischen Partei sich verkörpert? Die Nationaldemokratem haben das Verlangen der Akrainer auf Selbstverwaltung einuner­hörtes Verbrechen" genannt. Der Westmaicken- verein schimpft in einem Aufruf in hetzerischer Weise aufdie Raubgier der Deutschen", die in listiger Ausnutzung der Friedensliebe der Völker nach dem Osten drängten und hinterlistig in Oberschlesien und Pommerellen agitierten. Die Dizemarschälle des Sejms vom Nationalen Volks- verbande, Sehda und Zwierzynski, haben an einem politischen Tee beim Ministerpräsidenten nicht teilgenommen,weil die nationalen Minder­heiten daran teilnähmen"! Alles Sturmzeichen aus den aHerleßten Tagen! Werden sich in kom­menden kritischen Tagen die Minderheiten, vor allem die stärksten, die Akrainer und Weißrussen, das bieten lassen?

Wohin man blickt: der Staats- und Wirt- schastslörper Polens ist aus den Fugen: ob Pil­sudski ihn einzurenken vermag? Starke Zweifel sind berechttgt. Wir aber haben dem allen gegen­über das stärkste Interesse an der Gestaltung der Dinge in Polen im Sinne der Herstellung einer vernünftigen Ordnung, insofern, als Deutschland nicht einen Nachbarstaat vertragen lann, der andauernd von konvulftschen Erschütte­rungen heimgesucht wird, dadurch beunruhigend auf unser Land und unsere Wirtschaft wirkt und außerdem immerfort nationalistischen Aspira-

Diplomatenbeamten. Gut auch alle übrigen: das Elternpaar (D o l ck - M a r ck s), die Turtel­tauben (Scherer-Baste), Gehres Pastor (eine sehr hübsche Figur), und das Fräulein . . . von Kleist (Heym).

Das Lustspiel wurde vom gutbesetzten Hause verdientermaßen herzlich entgegengenommen.

Dr. Th.

Christoph Ludwig aus Sietzen, Oberbäcker im Nordamerika Nischen

Unabhängigkeitskrieg.

Don Prof. Dr. v. Hauff.

Christoph Ludwig wurde im Jahre 1721 in Gießen geboren und erlernte hier das Däcker- gewerbe. Seine getoaltige Gestalt und seine ganze zum Herrschen beftimmte Art paßten wenig zu dem friedlichen Handwerk. Dazu kam ein aben­teuerlicher Zug, der ihn frühzeitig in die Fremde trieb. Er diente im österreichischen Heer, wo er gegen die Türken kämpfte, ließ sich dann in Preußen anwerben und kämpfte im ersten Schlesischen Krieg mit Danach war er sieben Jahre lang Matrose auf englischen Schiffen, kam bis nach Ost-Indien und landete schließlich in Nordamerika.

Von jetzt ab hatte Ludwig das Bedürfnis, sich in Ruhe niederzulassen, und mit 33 Jahren wandte er sich wieder seinem alten Handwerk zu und eröffnete in Philadelphia eine Bäckerei. Als aber die Engländer die Steuern und Zölle in Nordamerika fortgesetzt erhöhten und auf die wachsende Selbständigkeit der Ansiedler nicht die gebührende Rücksicht nahmen, da wachte in dem Bäckermeister der Soldat wieder auf. Er stellte sich, wie die meisten Deutschen, von An­fang an auf den Standpunkt, daß man auch auf die Gefahr eines Krieges hin seine Selbständig­keit wahren müsse.

Da Ludwig außergewöhnliches organisatori­sches Talent besaß, finden wir ihn noch vor Ausbruch der Feindseligkeiten in den Kommis­sionen, die den Krieg vorbereiteten, und wenn wir nichts von Ludwigs militärischer Vergangen­heit wüßten, so würden wir nicht begreifen, wie er eine leitende Stelle in einer Pulverkommission einnehmen konnte, die dafür sorgen mußte, daß

Honen auf deutschem Gebiet Raum gibt Dmowski!): insofern, als wir dringend wünschen müssen, daß die Deutschen in Polen die Möglich­keit erhalten, ihre deutsche Kultur ungestört pfle­gen zu können: fchließllch insofern, als Polen ein­mal sich wird entschließen müssen, eine vernünftige deutsche Ostgrenze anzuerkennen!

FrankreichsBevölkerung

Von Professor Paul Zreye, Frankfurt.

Noch nie hat ein Land dieser Erde eine derartige Flut verschiedenster Rassen aller Welt­teile über sich ergehen lassen wie Frankreich im letzten Kriege. Alle Kontinente waren ja auch mobil gemacht, um uns Deutsche zu Boden zu ringen. Weiße, schwarze gelbe und braune Soldaten waren an der Westfront innig vereint um, wie ein amerikanischer Professor in einem Gedicht recht zynisch sagte, die Zivilisation an den deutschen Rhein zu bringen.

Doch nicht nur Truppen aller Rassen mrd Färbungen rief Frankreich herbei, nein, zum Ersah für feine zu den Fahnen gerufenen Män­ner holte es aus feinen Kolonien, aus Afrika, aus Indochina Massen von Eingeborenen, die in der Industrie und in der Landwirtschaft be­schäftigt wurden. And als im Frühling 1917 auch China gegen uns in den Krieg geschoben wurde, da engagierte Frankreich zu gleichen Zwecken Tausende von chinesischen Kulls. Ein­zelne französische Blätter wagten damals ganz zaghaft warnend ihre Stimme zu erheben gegen die doch wohl unausbleiblichen Blutmifchungen. doch in der Flut des entfesselten Chauvinismus wurden diese Stimmen verschlungen, und typisch für die Denkweise jener Tage war es, wenn z. B. die französischeGazette de Tientsin" sich sogar stark für die Einfuhr nordchinesischer Kulis ein- sehte, denn das seien, so hieß es in dem Artikel, kräftige, tüchtige Leute einer reinen Rasse. Zwei­fellos hatte der gute Mann ja auch recht.

Doch nun ist der Krieg längst vorüber. und auch in Frankreich haben sich die überhitzten Gemüter mählich abgekühll. Der Mohr hat feine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehn! Man hat sich auf sich selbst besonnen und nach und nach bis auf einige Cadres nunmehr die meisten der andersrasfigen Kolonialtruppen in ihre Hei­mat abgeschoben. And die braunen, gelben und schwarzen Arbeiter verschwanden ja schon bald nach Ende des Krieges. Aber recht erhebliche Spuren dieser Flut aller Völker sind dennoch in Frankreich zurückgeblieben, daran ist nicht zu zweifeln.

Aebrigens soll hier nicht unerwähnt bleiben, daß das Prestige der Engländer sowohl als auch der Franzosen bei ihren exotischen Untertanen durch diesen Massenbesuch in Europa stark ge­litten hat.

Wie wir und alle Kriegsmächte überhaupt, so hat auch Frankreich ja im Weltkriege schwere Verluste an Menschenleben erlitten. Durch Ein­beziehung Elsaß-Lothringens glaubte man diese Verluste wieder gut zu machen und darüber hinaus überhaupt dem an Geburtennachwuchs schon seit, langem leidenden Lande frisches, kräf­tiges Neublut zuzuführen. Die Hoffnungen in dieser Beziehung haben sich aber nicht ganz erfüllt, denn wie die Volkszählung vom Marz des Jahres zeigt, hat eine Zunahme der rein französischen Bevölkerung des Landes überhaupt nicht stattgefunden. Diese zeigt im Gegenteil ebenso wie früher einen schwachen Rückgang. Es fehlen noch genaue Ziffern aus Korsika und' aus dem Departement Haute-Vienne. Jedoch läßt sich an der Hand der erzielten Rusultate schon heule die Gesamtbevölkerung Frankreichs auf etwa 40 445 981 berechnen. Höchstens um wenige tausend Menschen kann sich diese Ziffer noch ändern.

1921 betrug die Bevölkerung 39 209 766 Men­schen. Das ergibt also einen Zuwachs von 1 225 000 Köpfen. Diese Vermehrung kommt aber nur durch das Einfließen von Ausländern, deren Zahl im Jahre 1921 nicht weniger als 1 550 459 betrug und heute aber schon auf 3 Millionen angeschwollen ist. Anfang des Jahres 1926 gab es in Frankreich 2 845 000 ausländische Arbeiter

dieser wichtige Kriegsstoft in geirügender Menge vorhanden war.

Da aber die Versorgung mit Brot für den Soldaten nicht weniger wichtig ist, als die mit Pulver, wandte sich Ludwig wieder feinem eigent­lichen Handwerk zu und zeichnete sich dabei so aus, daß er zum Oberbäcker des gesamten Heeres ernannt wurde, als die englische Armee unter dem Schuh der Kriegsschiffe in Nordamerika ge­landet war, und der Krieg regelrecht begann. Ludwig sollte für je 100 Pfund Mehl 100 Pfund Brot liefern, wie das von feinen Vor­gängern her üblich war. Aber er sagte: 100 Pfund Mehl geben 135 Pfund Brot und so viel werde ich liefern." Schon kurz vorher hatte Lud­wig seine Aneigennühigkeit bewiesen, indem er bet einer Versammlung für eine freiwillige Kriegssteuer eintrat und, als ein großer Teil der Versammelten dagegen redete, sich mit einem für feine Verhältnisse sehr hohen Beitrag auf die Liste fetzte und so den Antrag einstimmig durchbrachte.

Seinen Stab von Bäckergesellen suchte er sich selbst zusammen, er hatte sie so gut im Zug, daß er das Heer auch unter den schwierigsten Verhältnissen stets so gut mit Brot versorgte, daß dies die höchste Bewunderung der Offiziere erregte. Sie achteten es deshalb nicht unter ihrer Würde, mit dem Bäckermeister zusammen an einem Tisch zu sitzen, und nie fehlte bei solchen Gelegenheiten ein schönes Glas, das sich Ludwig aus China mitgebracht hatte, und aus dem auch Washington auf sein Wohl trank.

Als die Engländer Philadelphia besetzten, verlor Ludwig sein ganzes Eigentum: aber nach Kriegsschluß brachte er doch wieder ein Ver­mögen zusammen, und als er im Jahre 1801 kinderlos starb, schenkte er sein Geld einem deutschen Verein, der Aniversität von Pennshl- vanien, zwei deutschen Kirchen zur Verteilung an arme Kinder und einer Schule, dis noch heute seinen Namen trägt.

Benjamin Rush, der sich in Philadelphia Arzt, Politiker und sozialer Schriftsteller einen Namen gemacht hat, schrieb eine Lebensgeschichte Ludwigs, die eine zweite Auflage erlebte, woraus man sieht, daß der ehrsame Bäckermeister nicht vergessen wurde: und er verdient es, daß man sich seiner auch in Deutschland von Zeit zu Zeit erinnert.