Ausgabe 
8.6.1926
 
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Nr. 151 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Dienstag, 8. Zum 1926

Der Dölkerbundsrat.

Am Montag begann eine neue Tagung des Dolkerbundsrates, auf der nicht weniger als vier- undzwanzig Punkte zur Verhandlung gelangen sollen. Manche davon mögen nicht gerade von welt­erschütternder Bedeutung sein, aber einige sind jedenfalls von sehr aktueller Wichtigkeit.

In erster Linie steht der Bericht der Studien- kommijsion, an der Deutschland mitgearbeitet hat, da sie ja eigentlich auf eine von uns ergangene An­regung hin eingelegt worden ist. Das Ergebnis der Arbeiten dieser Studienkommission ist bekannt und wir brauchen hier nicht noch einmal darauf einzu- gehen. Es wird sich aber bei dieser Gelegenheit gleich Herausstellen, ob die Ausnahme Deutschlands in den Völkerbund bei der Tagung der Vollver­sammlung im September oder erst im Januar er­folgen wird. Die Entscheidung darüber liegt bei Brasilien, das anscheinend noch immer nicht recht weiß, was es will. Wenn zum Schluß der Arbeiten der Studienkommission der Eindruck vorherrschte, daß Brasilien seine ehrgeizigen Pläne auf Erlan­gung eines ständigen Ratssitzes als aussichtslos auf­gegeben habe, so liegen neuerdings Aeußerungen des brasilianischen Vertreters in Genf vor, wonach er noch> keine neuen Instruktionen von seiner Re- gierung erhalten hat. Irgendwelchen Zweck fönrfte allerdings eine Fortsetzung des brasilianischen Widerstandes nicht haben, höchstens den, sich nach unbeliebter zu machen, als Brasilien ohnehin ist. Recht kennzeichnend hierfür ist die Tatsache, daß die vorbereitende Abrüstungskonferenz in ihren Redak- tionsausschuß nicht Brasilien, sondern Argentinien als Mitglied für Südamerika berufen hat. Sollte trog allem Brasilien bei seinem Widerstand be­harren, dann würde erst von der Vollversammlung auf Beschluß des Rates die Satzungsänderung nach dem Vorschlag der Studienkommission und dann die Neuwahl der nichtständigen Mitglieder des Rates vorgenommen werden: andernfalls könnte Deutsch­land gleich zum Mitglied des Rates gewählt werden und bereits bei den Arbeiten mitwirken. Jedenfalls werden die nächsten Tage Klarheit über die Haltung Brasiliens bringen. Dasselbe gilt für Spanien, wenn auch in etwas anderem Sinne. Man darf annehmen, daß Spanien sich in die Sachlage ge­funden haben und sich damit begnügen wird, zu den Mächten zu gehören, die alsbald mit Zwei­drittelmehrheit für einen längeren Termin in den Rot gewählt werden sollen. Wenn diese Annahme zutrisft, dann dürste sich auch Spanien der Satzungs­änderung nicht widersetzen. Das ist deshalb wichtig, wett es allein vielleicht mehr durch Zufall als aus bestimmten Gründen den Beschluß des Dölkerbunds- rats noch nicht ratifiziert hat, durch den die Vor- ndhme von Satzungsänderungen erleichtert werden sollte. Spanien könnte also, wenn es wollte, die Vornahme einer Neuwahl des Rates im September verhindern, und diese würde erst im Januar statt- finden können, d. h. Deutschlands Aufnahme wurde dann solange verschoben werden müssen. Hierüber wird also diese Woche Klarheit schaffen.

Obwohl die vorbereitende Abrüstungskonferenz Mit ihren Arbeiten noch so gut wie gar keinen Fort­schritt gemocht hat, wird sich doch der Rat ebenfalls nflt der Frage zu beschäftigen hoben. Bekanntlich ist die ernste Meinungsverschiedenheit zwischen Frankreich uttd England darüber, ob zuerst Sicher­heit geschaffen und dann abgerüstet werden soll, oder ob man durch Abrüstung die erforderliche Friedens- pcherheit schaffe, auf Grund einer Einigung zwischen Paul-Boncour und Lord Cecil dem Völkerbundsrat überwiesen worden, weil darin eigentlich eine Aus­legung des berühmten Artikels 16 der Dölkerbunds- satzung einbegriffen ist. Auf diesen Ausweg waren die Herrschaften verfallen, weil an der Konferenz Amerika und Deutschland als Nichtmitglieder teil­nehmen, die Angelegenheit aber von Rechts wegen den Völkerbund angeht. Man darf gespannt sein, wie sich nun der Rat mit dieser heiklen Frage ab- finden wird. Die Entscheidung des Rates wird auch für uns von ausschlaggebender Bedeutung sein, denn der Artikel 16, der schon in Locarno eine so große Rolle gespielt hat, ist für uns der Kern- und Dreh­punkt des ganzen Sicherheits- und Abrüstungs- Problems. , .

Eine dritte Frage, die die Gemüter lebhaft m Bewegung fetzen dürfte, werden die ungarischen Verhältnisse sein. Die Frankenfälschungsgeschichte schlägt ihre Wellen über Paris auch nach Genf, wobei die großen Moralhelden in Paris und ander­

wärts die Tatsache nicht vergessen sollten, daß einer der größten Geldfälscher aus politischen Gründen Napoleon war; die Ungarn können sich also auf ein berühmtes Vorbild berufen. Dann aber haben diese sich soeben sehr unbeliebt gemacht durch eine mit echt ungarischem Paprika gewürzte Darstellung der Abrüstungsfrage vom Standpunkt der besiegten Mächte aus, die in Genf übergeben worden ist. Gegen solche Wahrheiten ist man in Genf, Paris, London und Rom sehr empfindlich. Infolgedessen wird der Wunsch Ungarns, von der lästigen Finanz- kontrolle der Entente befreit zu werden, kaum in Erfüllung gehen.

Aus diesen Ausführungen ergibt sich, daß der Dölkerbundsrat auch in seiner nächsten Tagung sich mit Fragen wird befassen müssen, die den Keim zu ernsten Auseinandersetzungen von vornherein in sich tragen. Namentlich die Art, wie das Pro­blem der Auslegung des Artikels 16 gelöst werden wird, muß als Prüfstein für den Geist gelten, der nunmehr im Dölkerbundsrat obwaltet.

Das Volksbegehren für die Landtagsauflösung.

Der Hessische Wirtschafts- und Ord­nung s b l o ck schreibt uns:

Es ist äußerst amüsant, die Taktik der de­mokratischen und sozialdeniokrati- s ch e n Presse gegenüber dem Volksbegehren zu verfolgen. Da die Herrschaften bis jetzt von uns wohlweislich noch im Dunkeln gelassen worden sind über die Größe der ihrer Machtstellung drohenden Gefahr, bemühen sie sich, durch alle möglichen Zei­tungsnotizen sich selbst über die Schwierigkeit ihrer Lage hinwegzutäuschen. Dabei kommen die wider­sprechendsten Behauptungen zutage. Einmal wird er­zählt, daß die Vertreter des Ordnungsblockes im Lande mit angeblich höchst verwerflichen Mitteln Un­terschriften auch aus den Reihen der Regierungspar­teien herausholten; es wird die hohe, von staats­männischem Geiste geleitete Regierung angerufen, damit sie schleunigst auf dem Wege der Verordnung das bißchen Demokratie der hesiischen Verfassung, welches in dem Rechte des Volkes auf ein Volksbe­gehren und Volksabstimmung liegen soll, vollends totschlägt. Dabei ist es charakteristischerweise die Sozialdemokratie, die in ihrer Not nach dem Staatsbüttel ruft und von ihm verlangt, es müßten die Unterschriften der Unterzeichner notariell beglaubigt werden, und zwar auf Kosten der An­tragsteller. Man hätte einmal das Wutgebrüll über die reaktionäre, verwerfliche, volksfeindliche Reichs­regierung hören sollen, wenn diese etwa auf den Gedanken gekommen wäre, bei dem Volksentscheid über die Fürstenabfindung ähnliche Anregungen zu geben. Auf der anderen Seite kommen dann die Meldungen und die zahlreichen kolportierten Ge­rüchte, welche besagen, dasi der hessische Wirtschafts- und Ordnungsblock mit seinen Bemühungen, bie ge­setzlich vorgeschriebene Zahl der Unterschriften zu er­langen, kläglichen Schiffbruch erlitten hat.

Wir können über all diese Ergüsse mit einer ruhigen Handbewegung hinwegsehen. Wir ken­nen genau die außerordentliche Stärke unserer Position. Der Hessische Wirtschafts­und Ordnungsblock hat heute be­reits die von ihm erwarteten Be­weise ziffernmäßig in Händen, daß bie von ih m geleitete Bewegung von den breitesten Schichten unseresBol- kes aus allen Parteien bereitwil­lig aufgenommen wird.Die Linksparteien mögen sich nur kurze Zeit noch gedulden, dann sollen ihnen die Ziffern bekanntgegeben werden, die für sie das Ende ihrer Herrschaft in Hessen ankündigen 1 Boshafter schon und etwas ernster zu nehmen sind die Versuche der beiden Links­parteien, mit allen Mitteln die Führer der Zen­trumsfraktion in Hessen und die Zentrumswähler zu umgarnen. Hierzu mag einiges in aller Offen­heit bemerkt werden. Bereits früher einmal wurde von dem Abgeordneten Dinge ldeh in einem Aufsatz über die politische Lage in Hessen erklärt, daß die Rechtsparteien in Hessen wäh» reird der abgelaufenen Landtagsverhandlungen in keiner Form etwa von dem Zentrum die Sprengung der Koalition erwartet hätten. Die Rechtsparteien wissen sehr Wohl, daß dafür in­folge der fehlerhaften Landtagswahl vom Jahre 1924 die Voraussetzungen zur Zeit noch fehlen.

Roswitha von Gandersheim.

Eine Geschichte von Ludwig Bäte.

Zum dritten Male stand Rudberta, die Fröhlichste aus Gandersheims Klofterschule, an Roswithas Zellenlür, laut pochend. Nichts regte sich drinnen. Nur aus dem Hofe rief das fröhliche Leben der Klosterschaft. Sie wagte nicht einzutreten, so lose ihr sonst auch der Schalk im Nacken spielte. Etwas Fremdes lag in dieser Schwester, deren tiefe Augen, oft seltsam entrückt, in rätselhafte Femen tauchten, bei der Mette sich manchmal von dem schweren Ge­betbuch hoben und sich traumschimmernd in der gol­denen Heiligenwelt der Wölbung verloren. Doch war sie gütig und lieb, und mancher Apfel wanderte in ihre Tasche, und bei mancher feinen Paramenten- arbeit, welche die Mädchen unten stickten, hatten ihre Hände geholfen. Und so klug war sie! Keiner konnte, so hold von der lieben Heiligen erzählen wie sie, keiner im Kloster wußte so schöne Sprüche. Selbst Riccardis, die Klosterfrau, nicht, die doch Roswithas Lehrerin gewesen. Höchstens Gerbig, die Frau Aebtissin. Aber die sah sie selten. Nur daß sie hin und wieder ihr Bücher bringen mußte, fremde, dicke Folianten, die Roswitha las, und die oft von einem Kloster weither tarnen, das sie St. Gallen nannten, und von einer Burg, von der aus Ger- dlrgs finge Schwester das Schwabenland regierte.

Sie pochte abermals. Dann trat sie schüchtern ein, den Arm voll Weidenkätzchen. Roswitha hob erstaunt und verträumt den Kopf aus dem schweren Fensterbogen, in dem sie lange /gesessen. Noch lag der Märzmorgen heilig auf ihrer adligen Stirn. Das Tischchen unter dem Fensterbogen lag schriften- Überhäuft. Eine kleine Lampe schwelte schwach wie ein verirrter Geist der Nacht, die sie wieder durch­sonnen und zergrübelt hatte.

Freundlich winkte sie Rudberta heran:Siehst du dort die hohen Tannen?"

Ob sie die sah! Und des Klostermüllers Otfried, der just vom Holzfällen heimkehrte; der Riccardis Gänse und Puten und der Frau Aebtissin schlanken Zelter, den Heribert, der Hütejunge, pfeifend auf die Weide trieb.

Roswitha sah in ihr erregtes Gesicht und lächelte. Warum wollte sie gerade Rudberta die neue

Dichtung vorlesen, die in diesen wundersamen Tagen in ihr aufgequollen war? Und tat doch recht, denn als sie leise anhob, wurde es still in den großen kornblumenblauen Mädchenaugen.

Roswitha las. Wie die Hirten einst im Tann ein seltsam Licht aufleuchten sahen, staunend der Meier den Herzog Ludolf, Ottos edlen Ahnen, rief, der dort das Kloster, ihre Heimatstatt, baute, den trotzig-stämmigen Niedersachsenbau, eng und wuch­tig mit der Ottonenerde verwurzelt.

So einfach und schlicht schritten die Verse. Der Wald atmete in ihnen und die harsche, schnittige Lust der Harzhöhen. Tannen rauschten, ängstlich duckte sich der Wald Licht leuchtete.

Im schmalen Raum glaftete die Sonne. Wie früh diesmal der liebe Lenz kam! Unten schnoben die Pferde die frische Frühlingsluft ein. Wie silberne Brunnstrahlen brachen die Tauben ins Blau. Kätzchen streuten ihren goldenen Regen, und irgend­wo von Den braunen Beeten wehte schon der süße Ruch der Veilchen.

Roswithas Hand zuckte auf Rudbertas Blond­haar. Mit Heftigkeit stieß sie ein Bild zurück, das sie vor Jahren in ihrer Marienlegende mit silbernem Stift gezeichnet, die kinderlose Anna vor dem Nest der jungen Vogelbrut. Ach, ein solch Geschöpf als eigen lieb zu haben, hineinzufenken, was in ihr wuchs! O früher Traum, lachende Jugend, Geraun der Heimatbäume, feuchtblaues Geleucht des säch­sischen Himmels!

Dann rief eine Glocke, lieber den Flur gingen Schritte. Rudbertas Augen lagen dankbar in Ros- withas tiefem Geleucht, aus dem die Heimat aufge- ftiegen war nach all den orientalischen und antiken Bildern ihrer frommen Dramen und Legenden.

Hochauf schritt die Dichterin ins Refektorium. Keine Schwester sah den Kranz aus Tannen und Farn, der schimmernd auf ihrer Stirn lag und den blassen antiken Reif fast zudeckte.

Hundert Jahre früher hatte Notker den Kranz liederselig um jein heiteres Schwabenhaupt ge­schlungen: aus Zellenstille das frühe Geflecht deut­scher Heimatkunst. Im Garten aber saß Rudberta und träumte den schimmernden Frühlingswolken nach.

Die Rechtsparteien erwarten vom Zentrum nur, daß es feine eigenen Interessen und die Interessen seiner Wähler nüchtern und flat er- kenne und daraus die Folgerungen ziehe, die es im Interesse seiner eigenen Existenz ziehen muh. Der Wirtschafts- und Ordnungsblock erwartet keineswegs etwa eine Zentrumspolitck in Hessen, die von besonderen gefühlsmäßigen Neigungen gegenüber den Rechtsparteien diktiert wird. Er schätzt aber den politischen Sinn und die In­telligenz und die staatsmännische Verantwortlich­keit der Führung der hessischen Zentrumspartei genügend hoch em. um sicher zu sein, daß das hessische Zentrum in dem entscheidenden Augen­blick seinen Anhängern den Weg nach eigener Entschließung frei gibt. Das hessische Zentrum wird dann zugleich mit der Wahrung der eige­nen Interessen und seines Bestandes auch eine im wahren Sinne staatserhaltende Politik in Hessen verfolgen. Daraus folgt, daß weder Ver­sprechungen noch llmtocrbungcn gegenüber der Zentrumsfraktion Sache des Hessischen Wirt- schasts- und Ordnungsblockes fein können. Dieser hat seine Arbeit einzig und allein unter dem Gesichtspunkt der Rettung der hessischen Wirt­schaft und der heftischen Steuerzahler gestellt. Uni) er hat viel zu viel Vertrauen zu der über­zeugenden Kraft seiner Beweisgründe, als daß er irgendwelche verborgenen taktischen Winkelzüge gegenüber der Zentrumspartei einschlagen müßte.

Gewiß ist auch uns bekannt, daß im Zen­trum zwei Richtungen sehr stark um die Entscheidung kämpfen. Die eine Richtung, die durch den Abgeordneten Ruh und Persönlich­keiten, wie den früheren hessischen Landtags­abgeordneten, einstigen Gewerkschaflssekretär und jetzigen Regierungsrat im Ministerium für Ar­beit und Wirtschaft Knoll repräsentiert wird, sieht das Heil für das Zentrum in einer engen Verbindung mit der Sozialdemokratie. Diese den linken Flügel des Zentrums bildenden Kräfte sind Anhänger der Weimarer Koalition und können deshalb auch jetzt nicht das Maß von Duld­samkeit gegenüber den eigenen Parteigenossen aufbringen, das dazu nötig ist. den Zentrums­wählern die Entscheidung über die künftigen Ge­schicke Hessens frei zu geben. Sie sehen alles daran, das Zentrum in einer einseitigen Links­richtung festzulegen, die verhängnisvoll nicht nur für den hessischen Staat, sondern in allerster Linie für das Zentrum selbst werden muh. Die Tausende von Bauernstimmen und Stimmen der kleinen Handwerker und Gewerbetreibenden, die nur mit äußerstem Mihvergnügen ein Zu­sammengehen mit der Sozialdemokratie bisher geduldet haben, würden dem Zentrum ohne weiteres den Rücken kehren, wenn es die Politik jener Herren betreiben wollte.

So weit sind wir aber in Hessen glücklicher-

toeife nicht. Eine besonnenere, nüchterne und staatSmännischere Führung der hessischen Zen­trumspartei wird auch die Wähler des Zen­trums in Hessen in die Lage sehen, selbst und souverän über die künftige Entwickelung in Hessen mit dem Stimmzettel beim Volksentscheid und bei der künftigen Landtagsneuwahl zu bestimmen. Daran ändern auch alle Versuche der demo­kratischen und sozialdemokratischen Presse nichts, aus einzelnen Aufrufen jenes linken Zentrums­flügels Honig zu fäugen. Ihnen gegenüber sei darauf verwiesen, daß dieMittelrheinische Volkszeitung", das Bingener Zenlrunisblatt, in Rr. 126 vom 2. Juni 1926 sichvon geschätzter Seite" folgendes schreiben läßt:

Die Demokraten verzichten eben bei ihrer geringen Stärke auf eine selbständige Poli­tik; sie sind nur noch der Schatten der Sozial­demokraten, wodurch sie sich freie Hand erlaufen für ihre unentwegte Beamten Politik. And die Sozialdemokraten haben es leicht, aus anderer Leute Haut Riemen zu schneiden.

Steuern bewilligen ist eine sehr schöne Sache, wenn andere sie bezahlen müssen.

Die Anträge im Sechserausschuß beweisen klar und deutlich, daß den beiden Linksparteien jeder Wille zum Sparen von Haus aus abgeht. Erst das sehr energische Auftreten des Zentrums hat die beiden anderen Koa­litionsparteien zur Vernunft gebracht. Die Be­schlüsse, bie der Landtag bei der Dudgetberatung angenommen hat, beweisen es. In ihrem Er­gebnis reichen sie nur aus. das Defizit zu mildern. Die Beseitigung des Defizits ist aber nur das eine Problem.

Richt minder wichtig ist für das Voll die Beseitigung des Steuerdruckes. Daran tarnt zur Zeit nicht gedacht werden. Das riesige Defizit, von dem der Finanzminister an­fangs sprach, sein nicht gerade geschicktes Wort von der Auflösung Hessens, die Tatsache, daß schließlich der Landtag bei den Sparmaßnahmen statt seiner die Feder führte, kann sehr wohl treue, alte Zentrumswähler die das Ringen der Fraktion um Ersparnisse mit verfolgt hatten zu der Auffassung bringen, daß sie ihre Stimme nach wie vor dem Zentrum geben, daß sie aber zu der Finanzgebarung der bestehenden Regierung keinerlei Vertrauen haben.

Muß man diesen Parteifreunden nicht Gelegenheit geben, ihre Mei­nung bei dem Volksbegehren zu äußern? Sie werden sich durch keine Partei- Parole davon abhalten lassen.

In dieser Frage kann die Zentrumswähler­schaft nur in der Form des Volksbegehrens ihre Meinung sagen. Bei der programmähigen Wahl ist das in diesem Ausmaße nicht der

I

Verfügung haben. Genausogut aber viel schneller und unab -

-wenn sie scheint - ist das natürlichste bleich mittet für je­de Wäsche - wenn Sie eine Rasenflä­che und viel Zeit zur

DTTHOMPSON'S

hängig vom Wetter bleichen Sie Jhre Wäsche mit

Die letzten Dinge.

Von I. H e i l b u t

Die letzten Dinge geschehen auf den Feldern.

Goldgestrichen die Linie der Ferne. Oben graudunkles Blau.

Drei Kälber trinken sich satt. Die Mutter steht still. Sie wartet. Zwei Heine an ihrer Rechten, ein Sohn an der Linken. Sie strecken die Racken nach unten, schlatschen am Euter, die drei. Die Kuh steht und wartet. Da beginnt ein Streit. Sie boxen sich mit den Köpfen, die Kleinen unter dem Bauche der Mutter boxen sie sich. Die Alte wendet den Kopf, langsam, und hop, hat das Söhnchen eins mit dem Horn. Das Söhnlein springt weg, und gleich kommt es wieder und fängt wieder am Euter zu schlatschen an. Dann beginnen sie wieder zu boxen.

Daneben auf weicher Weide ein Pferd. Aufgerichtet, braunblank es horcht. .? Mit ememmat jagt es die Weide entlang, galoppiert, galoppiert reiterlos, frei. Es steht still am Zaun. Die Flanken beben, es weht aus den Rüstern ein Wind. Es blickt.

Ein Storch in der Luft, im Schnabel ein Bündel Stroh. Wie ein ruhiger Läufer läuft, mit langen Schritten, den Körper vorübergestreckt. Er sieht aus, wie ein guter Bote. Dann flattert er langsam. Auf einem Hause, neben dem Schorn­stein steht er. Da hat er sein Rest.

Ein Oechslein am Zaun, reiht das Gras von der Erde. Gan; leise sagt ein Mensch auf der Straße Mo-öö . . . Das Oechslein guckt. Rein, solch ein Wunder. . . denkt es vielleicht. Die braunweihe Kuh hält den Kopf am Grase und faucht. Muffelmaul!

Pferde grasen daneben. Hinter den Pferden schreitet ein Storch.

Einmal gab es ein Heines Geplänkel. Die Pferde fingen mit dem Rindvieh an. Ein braunes war keck. Ganz dicht heran an die Ochsen kam es und forderte sie heraus. Ein Ochse springt los, den Kops in der Ducke. Da sausen die Pferde davon. So necken sie sich.

Die Schafe find lustig, solange sie leben. Sie laufen alle zugleich und springen. Und alle zu­gleich stehen sie still und gucken. Mitunter

springt eins mit den Füßen, hop, auf den Rücken des andern. Am liebsten stellen sich zwei mit den Köpfen gegeneinander. Ein dritter boxt einem von beiden ans Fell. Dann fallen sie voneinander, die beiden.

Ein Radfahrer weht vorbei. Guten Abend.

Es ist beinahe dunkel geworden. Ein Vogel kreist unaufhörlich über einem Stück Feldes. Mitunter schießt er hinunter. Dann kreist er wieder. Später fliegt er voraus und beginnt ein anderes Stück Landes zu überkreisen. Gr sucht irgend etwas da unten.

Ein Dulle steht da. Schwarz ganz und gar. Wellig zottelt fein Schwänzlein. Er rührt sich nicht. Das ist der Teufel.

Run bin ich im Dorf. Die Leute find schon zu Bett gegangen. Früh um 1/26 älhr fahren sie aus. Morgen wird Heu geladen.

Ein Mädchen in blauweihgewürfeltem Kleid begießt die Tomaten. Sie hat ein Stück Land die Lehrerin an der Schule. Wenn sie sich bückt, verdecken die Dohnen hochblühend den Menschen. Wo ist sie? Verschwunden.

Dicht bei der Kirche zieht ein Teich an der Straße entlang. Da gibt es plötzlich ein jammer­angstvolles Geschrei. Der Pastor, mit einem langen Stock predigt der letzten Ente im Teich. Und der Pastor bedroht sie. Er spritzt tüchtig nach ihr. Die Ente gehört ihm. Er will für sie sorgen. Kommt nicht die Rächt? Allo Ente, willst du? Willst du heraus aus dem Wasser! Willst du! . . . jlnb: platsch, baut der Stock in den Teich. Da springt sie flatternd an Land, fliegt, rennt auf dem Stückchen Deinen, die sie besitzt. Der Pastor läuft hinterher und predigt. Die Ente schreit rasend vor Angst. Sie ist ein ver­zauberter Prinz.

Das Jammern verhallt. Der verzauberte Prinz muß zur Ruhe gehen. Run geht auch der Pastor zu Bett.

Rur das Mädchen im blau gewürfelten Kleid. Sie hackt noch im Garten. Sie ist ein Fräulein, sagen die Leute, sie kommt aus der Stadt. So früh w.e die anderen kann fie nicht schlafen. Ochsen und Kühe verhalten sich stille. Rur mit­unter ein Ruf aus der Ferne.

Gott bewegt alleSäume.