Er. 107 Zweiter Blatt
Eiehener Anzeiger iGeneral-Anzeiger für Gderheffen)
Samstag, 8. Mai 1926
Außenpotttische Umschau.
Hon Prof. Dr. Otto Hoetzsch, M. b. R.
Die Aufregung, besser gesagt, die Verwunderung im Ausland darüber, daß Deutschland sich das Recht zu eigenen Verträgen wahrt, Hal sich allmählich ge legt. Man erkennt in London wie in Paris, wie die Lage in Wahrheit ist. Rußland und Deutschland schloßen einen Vertrag ab, der unabhängig von Lo- carno und dem Völkerbund gedacht werden kann, den ober Deutschland so formuliert und Rußland auch so angenommen hat, daß Deutschlands Verpflichtungen aus dem Locarnopakt und Deutschlands etwaige Bindungen beim Anschluß an den Völkerbund nicht dadurch berührt werden. Die andere Seite erkennt auch an, daß juristisch diese Aufgabe ausgezeichnet gelöst ist. Was will sie eigentlich mehr? Was soll da? Gefrage nach dem „Geist", der dahinter steckt? Begreift man drüben, in London, Genf und Paris wirklich nicht, wie loyal und wie im Ernst friedliebend Deutschland hier vorging '
Unbefangene Beobachter drüben erkennen gar wohl an, welche Möglichkeit vielmehr sich für den Völkerbund eröffnet gerade auf Grund und infolge dieses deutsch-russischen Vertrags. Denn Deutschland hält seine Politik nach Genf hin aufrecht, schließt mit Rußland diesen Vertrag, in dem Rußland einen Schritt mindestens auf den Völkerbund tut (durch Annahme des Schiedsgerichtsgedankens), und so kann Deutschland in die Lage kommen, Vermittler und Brücke zwischen Rußland und dem Volkerbunb zu werden.
Wir wissen sehr wohl, daß das eine gefährliche und kritische Sache sein kann. In der gegenwärtigen Lage entspricht es den Notwendigkeiten und Inter esien Deutschlands. Aber eigentlich sollte nicht nötig fein, das nochmals zu sagen — bann muß die an derc Seite Deutschland auch den Anschluß an den Völkerbund möglich machen dadurch, daß sie Deutschlands Lebensinteressen in all und jeder Weise anerkennt. Und der Vorteil im Sinne eines Gleichgewichts, das durch die Westverhandlungen für Deutschland verloren ging, der Vorteil des Berliner Vertrags für Deutschland liegt gerade darin, daß die Gleichgewichtslage so wieder hergestellt ist, die besondere und eigenartige Situation Delitschlands da durch ganz besonders unterstrichen worden ist. Das liegt genau in der Linie der deutschnationalen Aus sossungcn. Und diese allgemeinen Sätze erhalten sofort die richtige Beleuchtung, wenn man sie auf alles über den Artikel 16 Gesagte und Geforderte anwendet.
Daraus ergibt sich die Linie für die deutsche Politik In den nächsten Monaten von selbst. Am 10. Mai beginnt die Studienkommission in Genf. Deutschland arbeitet daran mit, aber es wird in vieler Arbeit unbedingt darauf sehen müsien, daß Ueoerraschungen zu seinen Ungunsten, wie im März, nicht Vorkommen, daß vor allem in der Behandlung der Ratsfrage das deutsche Interesse und das deutsche Prestige nicht verletzt wird. Es kann das jetzt noch nachdrücklicher durchsetzen, als vor dem Fehlschlag in Genf und vor dem Abschluß des Berliner Vertrages. Die Aufgaben für den deutschen Vertreter in Genf in dieser Kommission sind verwickelt und nicht leicht, aber die Linie, die er einzuhalten hat, ist haarscharf gegeben und nicht zu vergessen: die eigentlichen und letzten Entschlüsse, die für Deutschland zu fassen sind: sie sind für uns in jeder Beziehung in diesen Verhandlungen noch durchaus frei.
Am 29. April ist, zum Schluß unerwartet schnell, das französisch-amerikanische Schulden abkommen unterzeichnet worden. Es ist nach jeder Seite hin höchst bedeutsam. Zunächst für Frankreich. Dieses sah sich nun gezwungen, die Schulden an Amerika anzuerkennen und zu konsolidieren. Man zetert und klagt nun darüber, daß das Blut der französischen Soldaten nicht ausgereicht habe zur Streichung der amerikanischen Geld- anspniche an Frankreich. Aber man nimmt gern hin, daß Amerika 53 Prozent seiner Forderung an Frankreich dabei gestrichen hat. Nach diesem Ab-
Zum 400. Geburtstag paleftrinas
Don Sophie Lederer-Eben
Zu Gipfelpunkten den Weg hinaufzufinden, fällt oft schwer. Dicht, weil die Höhe so steil ist, sondern weil der Weg hinauf abseits von dem liegt, auf dem wir heute von Hatur aus schreiten. — So finden schon viele schwer zu Sebastian Dach hinan, dessen Well uns modernen Menschen doch näher liegt, als die m Mystik versunkene der katholischen Kirche: finden nicht zu ihm hinan, weil sie ihm mit zeitbeschränkten ^Begriffen und Empfindungen nahen. Doch schwerer scheint der Pfad zu P a l c st r i n a zu finden zu fein, dem musikalischen Gipselpunkt der Ausdruckswelt kirchkatholischen Mittelalters, weil wir modernen Individualisten, nicht mehr gewöhnt, mit unseren Empfindungen in einer Gesamtheit unterzutauchen, der seelischen Aussprache einer ganzen Gemeinde unseren Anteil zu versagen geneigt sind, um so mehr, wenn der unterlegte Text erstarrt, lateinisch, ist. Aber mit „zeitlichen" Begriffen belastet, ersteigt man keine „Gipfel". Denn die liegen im klaren Glanz des Ewigen. Freilich, wir können die Musik Vale» strinas nicht in unser stilles Zimmer mitnehmen, zum Geführten unseres jederzeit „kampsgegen- toärtigen" Alltags, sie wird immer nur in Feierstunden tiefster Selbstversenkung lebendig werden können. Dann aber spricht sie als Unendliches und als ein liebevolles Unendliches zu uns. Dicht das Charakteristische des Lebens ist in dieser Musik gefangen, sondern die Lebenswerte, die eine überragende Persön» lichkeit aus Dem Leben zog. die ein gläubiges und liebevolles Gemüt in Der ihm gemäßen Sprache niederlegte, werden miterlebt werden müssen.
Der Deutsche Bach, in Der Keulchheu feiner Empfindung, der urgeraltigcn Architektonik feiner Linienführung, in der Schlichtheit und Selbstverständlichkeit feinet Gröhe, ist unserem deutschen Herren näher, als der Italiener, mit seiner nationalen, speziell „römischen" Empfindungs- weise. Es kostet ein wenig Selbstverleugnung, auf seinem Boden Fuß zu fassen: ist man aber oben angelangt, so leuchten die Sterne, und kreisen in ewiger Harmonie. Sphärenmusik erklingt. Keine Ilmriffe mehr, nur noch Farben, Farben zartester Tönung, nur ganz fluchtig hie und Da- einmal im Strahl Der Sterne. Die so groß sind wie Sonnen, Durch Wolken'chatten verdunkelt. UnD beDeutct Bach: den Schrei und das Jubilieren Der einzelnen, der protestantischen Seele empor zu Gott, so ist Palestrina: i)cr in die Sphären verklärte Lobgesang
jchluß kann Frankreich, was allerhöchste Zeit ist. an die Ordnung seiner Finanzen gehen. Die Zeichen der kommenden Katastrophe mehren sich. Frankreich ist heute in diesem Punkt etwa da. wo wir 1921 waren. Der Frank ist etwa ein Siebentel seines Friegenswertes. Die Gesetze zur Bekämpfung tyr Finanznot sind jo, wie wir sie damals machten, und bleiben, wie bei uns, ohne wirklichen Nutzen. Der Abschluß mit Amerika eröffnet die Bahn zu einer Anleihe drüben, ohne die die Stabilisierung des Fran- ken nicht möglich ist.
Weiler für Europa. Dieses Abtommen mit Frankreich war das schwierigste. Rund ein Dutzend ähnliche Abkommen sind getätigt, was aussteht, ist eigentlich nur noch Beiwerk. Was Amerika mit diesem Abschluß will, liegt zutage. Es weiß, daß es die Riesenjummen an Gold, die hier festgesetzt wurden, in den zwei Menschenaltern nicht bekommen wird, und es weiß noch mehr, daß seine Voltswirtchart diese Riesensummen auch gar nicht braucht. Es weiß ganz gut. daß im Gegenteil den bisherigen Krediten an Europa neue folgen muffen im Interesse auch Der amerikanischen Wirtschaft selbst. Oer Zweck dieser ganzen Abkommen ist vielmehr, die europäischen Schuldner zur Anerkennung ihrer Verpflichtungen vyd zur Ordnung ihrer Finanzen zu zwingen als Grundlage und Voraussetzung für eine »efte Wah- rung und einen fremden Kredit. Der Zweck ist weiter, auf diesem Weae Einfluß in der europäischen Politik zli erhalten und auszudehnen auf dem Wege bekanntlich des Abrüflungsgedankeni.
Zuletzt bedeutsam für Deutschland. Denn man erinnere sich jetzt, daß der Dames-Plan eine Gesanttschluhsumme Der deutschen Verpflichtungen und einen Schlußtermin nicht hat. Die Schulden abkommen mit den europäischen Siegerstaaten hoben diese Schlitßfumme und diesen Schlußtermin. Der Gedanke des Dawes-Planes war, daß die Gesamt summe der deutschen Verpflichtungen abhängig sein solle von der Gesamtsumme der 'Verpflichtungen der Europasieger an Amerika. So rückt also die Frage nach der Festsetzung der Gesamlsumnie der deutschen Verpflichtungen aus dem Dawes Plan heran.
Nun aber hat Amerika mit klarer Absicht bei jedem Abkommen, ganz besonders beim französischen. eine Verbindung dieser Abkommen mit dem Dawes-Plan abgelehnt. Jeder Schiildner, besonders aber Frankreich stichle, was sehr plausibel klang, diirchziisetzen. daß es nur verpflichtet sei, soviel zu zahlen, als man prozentual aus den Dawes-Zah- lungen Deutschlands bekäme. Das mar im Interesse dieser Schuldner gedacht. Amerika aber will es nicht, sondern es will selbständig auf beiden Linien weiter gehen. Es will allein die Entscheidung darüber haben, wann und wie Abstriche, Nachlässe, Revisionen der beiderseitigen Zahlungen gewährt werden sollen. Denn, das ist das letzte: daß diese Riesen- summen aus Deutschland an die Sieger und von den europäischen Siegern an Amerika je voll bezahlt werden, ist ausgeschlossen. Schon deshalb, weil die Lage der Handelspolitik gar nicht ein Herauswirtschaften solcher lieberschüsse ermöglicht, weil eine Absatzfähigkeit für Exportwaren dafür da fein müßte, die auf der Welt eben nicht da ist. Damit rückt in greifbare Nähe die große Frage nicht nur der Ordnung der handelspolitischen Beziehungen Europas, sondern eben auch der Revision des Dawes-Planes selbst.
In diesen wichtigen (Srpägungen wird England durch Die gewaltigste soziale Krise seiner Geschichte erschüttert. Am 4. Mai ist Der Streit Der Bergarbeiter ausgebrochen. Der durch Die Verbindung mit Den Eisenbahnern. Den Mechanikern, Den Transport arbeitern ein Riesenausmaß angenommen hat. Vier, fünf Millionen Menschen in EnglanD streiken. Man muß schon auf den großen Dortarbeiterftreif von 1689 zurürtgeheu, um an etwas Aehnliches zu denken.
Die Wirkungen des Kampfes nicht nur, sondern auch des Ausganges gehen weil über England hinaus. Selbstverständlich Die rein wirtschaftlichen Wir kungen zuerst: Die geringere Kohlenförderung in England und sein großer Kohlenbedarf. Noch mehr einer gläubigen Gesamtheit einer idealen Gemeinde.
Durch Die stufenweise Behandlung der Melodiebildung, durch Die melodisch und akkordilch streng hervortretende Diatonik (Ganztonsortschreitung). durch die im Verhältnis zu truhen Perioden vorsichtige und strenge Dissonanzbehandlung. wird der Eindruck einer Abgeklärtheit erreicht, wie sie anderen kirchlichen Werken des Mittelalters kaum eigen ist. Bach erlöst Die härteste Dissonanz durch herrlichste Harmonie, und spannt dadurch jeden seelischen Konflikt ab. Palestrina kennt fast nur reine Dreiklangsfolgen, die feinen Werten den eigenartigen klaren, losgelösten. dem Schmerz enthobenen Eharatter geben. Zn ihm ist das zu Anfang des 15. Jahrhunderts erwachende „akkordiiche" Empfinden völlig zum Durchbruch gelangt, ja, der „a ttordische" Stil wird mit Der größten Genialität, wo es der Tert erfordert, als Steigerungsinittel des kontra- punktischen Stils benutzt. And so wird Der „Pale- strina-Stil' zum Vorläufer Des „harmonischen" Stils, der die folgenden Jahrhunderte beherrschen sollte. Zum erstenmal stand die Musik vor Der Ausgabe seelisches Leben zu schildern denn Paleftrinas Vorgänger, in der Hauptsache Die Diederländer, mit ihrem größten Meister Orlandus Lassus. hatten nur die Technik vorbereitet. so wie Havdn die Technik Mozarts und Beethovens vorbereitete, oder ^Narlchner die Form Richard Wagners. Obwohl Palestrina die Renaissance-Strömungen bezüglich sorgfältiger Textbehandlung in sich aus na hm, und in seinen Werten verarbeitete, bedeutet er dennoch m seinem künstlerischen Wesen die Zusammen- faffu'ng Der Musik von Drei Jahrhunderten: er ist ihr Höhepunkt And dennoch unbegrenzt in seiner musikalischen Wesenheit. denn das „Metazentrum" der mittelalterlichen. katholischen Weltanschauung, die die seine war. lag nicht auf Der Erde, sondern im Jenseits Auch Dante führt Den Menschen nun durch Fegefeuer. Höste und Himmel, nicht auf die Erde. Dame. Daffael und Palestrina lind reinste Verkörperungen römisch-kirchlicher Kunst, in der Die Persönlichkeit völlig hinter Der Schöpfung verschwinDet. Dafür aber auch von aller Willkür und allem Debensächlichen befreit ist. Die Phantasie ist sehr beschäftigt gewesen. Pclle- strinas Lebensgang mit legendenhaften Zügen zu schmücken, weil wenig aus feinem Leben bekannt ist.
1526 kam Giovanni Pierluigi Sänke, genannt Palestrina. nach seinem Geburtsort, dem alten Praeneste, zur Welt. Um 1540 ist er in Dom. Bis 1551 Organist und Kapellmeister an Der Hauptkirche seiner Vaterstadt, wird er darnach nach 6t Peter in Rom als Kapellmeister
aber Das Grundsätzliche: Die Entscheidung über die Staatssuboention, die England im letzten Jahr Dem Bergbau zahlte, und mit dem es ihm gegenüber dem unserigen eine Prämie gewährte, die Entichei- dung in Der ganzen Umgestaltung Des englischen Kohlenbergbaus überhaupt und zuletzt, aber am wichtigsten Der Stampf zwischen Staat unD G e - io e r t i d) ü f t Der ist Darum entbrannt. Sa sehr es möglich ist, Daß in bezug auf Das Verhältnis von ■Staat zu freier Wirtschaft Dieser Streik im Bergbau Zu bedeutsamen Folgerungen führt, ausgesdilojjen ist. Daß Der Staat in Englatid nnD Die heute Diesen Staat beherrschen Den Schichten vor Den Gewerk schäften kapitulieren. Das fühlen offenbar auch Die Führer Der Arbeiterpartei selbst, Die wie McDonalD unD an De re im Parlament Den Streik ocrurteilt hoben. Mit gespannter Aufmerksamkeit sieht Europa, sieht auch DeutschlanD auf Dieses gewaltige Ringen'
Schweizer Bries.
Van unserem E. D.-Berichterstattei '.Ua(t)Dnirf, auch mit Quellenangabe, verboten
Zürich, 4. Mai 192b.
Der offizielle Frühlingseinzug würbe Ende April in Zürich wieDer Durch Das bekannte Sechs läuten gefeiert. Das Züricher ^echsläuten. Durch Das Der Winter gewaltsam verabschieDet wirD. hat seine uralte TraDition. Dieses Jahr aber wurde das Frühlingsseft mit einem Pomp und Auswand gefeiert, wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Alle Zünfte, olle Vereine beteiligten sich am großangeleg ten Festzug, Der in seiner mannigfaltigen Folge über
Kostümierte unD 400 Berittene zählte. Ganz Zürich unD eine granDiofc Zahl auswärtiger Be sucher feierten einen originellen Frühlingseinzug. Der imposante Festzug, Der eine Marschroute von 12 Kilometer hatte. Dauerte eine StunDe. Er wies Die Gestalten Der großen Schwei,zerDichter, GotlirieD Keller und EanraD Ferdinand M e i) c r aus. Ihre Werke zogen in prächtigen BilDern am Auge vor über. So wurDe Das Diesjährige Züricher Sechs- lauten zu einer Ehrung Dieser beiDen Dichter. Den Höhepunkt Der Feier bilDcte Der ,,V ö ö g", Das Sinn bi ID Des sterbenden Winters. Punkt sechs Uhr abends wurde Der weiße Mann aus Dem LanDe hinausgejagt, hell loDerten um ihn Die neun FuDer Reisig, unD gar bnlD war unter tauseiiDfachem Händeklatschen und unbeschreiblichem Jubel Der Böög in schütt unD Trümmer begraben. 200 000 Menschen waren auf Den Straßen. Aus Dem alten Tonhalleplatz stanDen Tribünen, ebenso beim Hauptbahnhof. In Anbetracht Des Massenverkehrs mußten umfassenDe Sanitäts, Verkehr unD OrDnungsnmßnahmen getroffen werden. Taufende von Slutomobileti brachten Zuschauer uns Dein ganzen Lande. Aiich Die Bundesbahn hatte Hochbetrieb. Sie führte 40 Ertrazüge mit über 60 000 Personen nach Zürich.
Sv wurde die diesjährige Zürickier Frtihlingsseier ziiin eigentlichen Frühlingsfest Der ganzen Schweiz. Für zehn Jahre roirD nun Das Sechsläuten keine fo große und wuchtige Feier mehr sehen. Denn Der nächste großangelegte Festzug roirD erst im Jahre 1936 zur 600.Jahrseier brr Brunschen Zunstver fassung organisiert roerDen. Der Frühling hat and) wirklich im ganzen LanDe mit aller seiner Pracht unD all seinem Zauber seinen Einzug gehalten. Früher als janst, hat er bei uns seinen Sieg über Den Winter Davongetragen. In unseren malerischen Tälern unD romiuitifd)cn Höhen grünt's unD blüht's, sproßt's unD keimt's, es ist eine FreuDe. Früher als gewohnt, öffneten unsere Hotels ihre Tore: unD untere Kurorte konnten schon eine schöne Zahl van Feriengästen begrüßen. Ueberall herrscht ein Leben, Das ohne Zweifel eine gute Haiiptsaison verspricht. Zu allem kommt noch, Daß cnDlid, einmal Der Vtsumszwang gefallen ist.
Mit Dem Frühlingseinzug hat also auch unser wirt sch östliches Leben neue Blüte unD Wärme erfahren. Dies kam so recht bei Der soeben geschlossenen zehnten Schweizerischen M u st e r - berufen. 1554 erscheint sein erstes Werk, dem Papst Julius III. gewidmet, int Druck: cinVuch vierstimmiger Messen. Alle diese kirchliche Musik ist nur vokal, ohne jede Instrumentalbegleitung, zu verstehen. Der kunstsinnige Papst, seine überragende Bedeutung erkennend, befiehlt seine Aufnahme als Sänger in die sixtinischc Kapelle, um ihn aus dein Kampf deS Lebens herauszuretten und ihm zugleich Muhe zum Komponieren zu geben. Obwohl er weiß, daß er als verheirateter Mann und Vater einen schweren Stand in einer durchaus geistlichen Vereinigung haben wird, gehorcht Palestrina dem Duf. Er hat noch die Freude, daß der neue Papst, Marcellus II.. ihn in seiner Stellung bestätigt, wird aber von dem strengen und fanatisierten Paul IV. in der verletzendsten Form aus dem Amt gestoßen. In diesem Papst war die schroffe Gegenrichtung gegen die Renaissancepäpste, wie Leo X., zur Herrschaft gelangt. Eine Reform zu kühlstem, schroffsten Ernste schien diesem Papst, der die Folter auffrischte, und erklärt halte, die sixkinische Kapelle sei durch die Gemälde Michelangelos yu einer Dadestube erniedrigt worden, als eine Dotwendigkeit für das durch die Reformation erschütterte kirchliche Leben. Lind den vereinzelten Stimmen barbarischer Kirchenfürsten, die auf Entfernung aller „Äunfhnufif“ aus der Kirche drängten. Gehör zu geben, wäre er der rechte Mann gewesen. Aber zum Heile der kirchlichen Kunst währte sein Pontifikat nicht lange.
Daß eine Reform, auch im Kirchengesang, nötig sei. war zwar allgemeine Erkenntnis geworden. Denn nicht alle Kompositionen achteten die Würde des Gottesdienstes. Es wurde gerade von den kleineren Meistern, gegen die Würde des Gottesdienstes verstoßen, durch die häufige Benutzung lasziver Volksliedmelodien zum „Tenor" der kontropunktischen Arbeit. In den Sitzungen des Tridentiner Konzils 1562 kamen diese Mißbräuche zur Sprache, und wenn auch einige Stimmen die gänzliche Ausschließung der mehrstimmigen Musil zugunsten des gregorianischen Chorals (von Gregor I. eingeführt und aus lauter gleichlangen Roten bestehend. Chorus planus), verlangten, so war der Wunsch der meisten doch, daß die Forderung des Gottesdienstes mit der Kunstmusik in Liebereinstimmung gebracht würde. Palestrina. den die Amtsenthebung auf ein schweres Krankenlager geworfen hatte, war berufen, diese wichtige Aufgabe für die Kirche zu erfüllen. Dach Schluß des Konzils, in dem beschlossen worden war. die allzu siniiliche, allzu weichliche Musik aus der Kirche zu verbannen. zugleich aber, der neuzeitlichen Strömung nachgebend. Verständlichkeit der Worte zu verlangen, wandte man sich an ihn. mit dem Wunsche, eine den Forderungen des Konzils ent-
me||e in Bafel zum Ausdruck. Sie war tatiad) lich ein erfreulicher Erfolg für unfer gesamtes Win fchastsleben. In fdjroeren Zeiten ine Leben gerufen. Hal sie trotz aller Schwierigkeiten sich behauptet unD stehl heute gefestigt unD gesichert da Die Muster meffebauten umschließen ein Areal von 25 000 Quadratmeter. Die Stadt Basel roanbtr für diese Bauten eine Summe von 8,2 Vtill. Franken auf ebenso bestritt sie auch die mustergültige Ausftattzm.' LuherorDenlltch erfreulich war der SReffebefud). Für das Inland allein wurden 66 600 Sorten ausgegeben gegenüber 58 600 im vorigen Jahr. Als erfrculidi Darf auch Der relativ gute Auslandsbeluch gewertet roerDen. Auch er überbot mit 1866 Besuchern die letzi jährige Frequenz, Die 1770 betrug. Aus 31 Staaten kamen Vertreter zur Diesjährigen Schweizerijchen Mustermesse. Die ausländischen Gäste joUten unserer Mustermesse rückhaltloses Lob. So überbrachte u. a der Direktor der Frankfurter Messe Den Gruß aus Frankfurt. In kurzer Zeit hat die Schweizerische Mustermesse an Bedeutung und Ansehen gewonnen
Seit Jahren kommen wir nicht mehr aus den Volksabstimmung en heraus. Vor zwei Jab ren hat das Volk mit einer ZufaUsmehrheit ein Gesetz über Die sogenannten Spielbanken in un seren Kursälen angenommen, das Die Spiele ver bietet. Etwas eigenartig ist es bei Diesem Splelverbm zugegangen. Die Spielbanken wurden also gr|diloffcn unD Der Segen blieb folgerichtig aus. Die Spielsäle • blieben leer, unD Das Leben in den Kasinos war wie gelähmt. Nun stellte sich heraus, daß dieses Spiel verbot für einige Kurorte von katastrophaler Wir tung war. Das mei[tc Geld floß aus Dem Spiel und bilDelc Dach eine mächtige finanzielle Unterlage D.i also Der Geldstrom aus diesen Spielen ausblieb, unD kein anDerer Ersatz vorhanDen unD erlaubt war trieben einige Slurfäle dem Konkurs zu. Bei Dieser Tatsache horchte man auf, unD feit einigen Tagen kursieren nun Die Unterschristsbogcn für eine Jnitia live zur Wiedereinführung Der Spielbanken Ohne Zweifel roirD Diese Initiative Zustandekommen und Dann roirD das Volk zu entscheiden haben. Fast gleichzeitig wurde Das Referendum gegen Das Auto Mobilgesetz, weld)es in der Wintersession des Natianalrates angenommen wurde, obge|d)lossen. Do 40 (NX) Unterschritten gesammelt roerDen konnten, c waren nur 30 000 noiroenDifl, kam Das ReferenDum zustanDe. Das Autvmobilgesetz scheint Den Automolu listen untragbar zu sein, Das Volk muß sich also f n r ober gegen das Auto entjcheiDen. Ohne Zweifel wird es sich gegen Die Auswüchse Der Automobilisten aussprechen.
Unsere Vertreter in Der Bundesoerfamm lang sind Ende April nach 14tägiger reicher Früh jahrsarbeit in Die Neimat zurürtgekehrt, um sich y härten für die harte Arbeit in Der Sopimersessioi' Die am 7. Juni beginnen roirD. Es waren zum Teil hochpolitische Geschäfte zu behanDeln, außerdem mußte auch eine Wahl in Das Ober ft c Gericht getroffen roerDen. Die Vereinigte Bunbesversanuv lung, StänDerat unD Nationalrat wählten mit gro ßem Mehr Professor Dr. P i 11 e r an Der katholischen Universität Freiburg in Das BunDesgertcht. Mit ihm hat Der Oberste Gerichtshof wieDer eine vollwertige Kraft erhalten. Viel zu reDen gab im Rate Das Be amtengefetz. Ein harter Kampf entspann sid; besonders um Den Paragraphen, Der Das V e r einsrechtder Beamten regelt. Daß die Sozialisten Dagegen Sturm liefen, mußte nicht besonDers ver rounDern. Artikel 13 Dieses Gesetzes besagt. ..Dem Be amten ist in Den Schranken Der BunDesaerfassung das Vereinsrechl gewährleistet. Immerhin ist dem Beamten untersacst, einer Vereinigung anzugehören. Die Den Streik von Beamten varsieht oDer anroenDel. oder Die sonstwie in ihren Zwecken ober in den Dafür bestimmten Mitteln rechtswidrig ober staatsgefährlich ist." Die roten Genossen wollten natürlich bas Streikrecht ben Beamten gewährleisten, unD für dessen BegrünDung wurDen Die schärfsten Geschütze aufgefahren, Denn sie iahen sid) Durch bas Verbal bes Streiks erheblich bebrohl. Die Opposition ber Sozialisten konnte aber nicht Hinbern, Daß Artikel 13 Des Gesetzes mit 103 gegen 64 Stimmen a n
sprechende Messe zu schreiben, durch die zu beweisen war, daß diese Forderungen mit echter -Kunst zu vereinen seien. An Stelle der einen Messe aber legte Palestrina drei sechsstim- mige Messen vor, die untereinander eine Steigerung bedeuten. Die erste, in einfachsten Formen gehalten, die zweite, sich freier bewegende, scheinen nur auf die dritte hinzuweisen, die Palestrina in dankbarer Erinnerung an seinen Gönner „Missa Papae Marcelli" genannt hat. Die Messen bewiesen, daß auch bei Entfaltung aller künstlerischen Mittel die Würde der Kirche gewahrt werden könne, wenn nur aus dem echten Geiste, der Kirche heraus geschaffen wurde. — Die dritte Messe übte in ihrer wunderbaren Schönheit einen so hinreißenden Eindruck aus, daß Pius IV. einmal begeistert in der Kirche ausrief: „Das sind die Harmonien des neuen Gesanges, welche ber Apostel Paulus im neuen Jerusalem hörte, und die ein irdischer Johannes uns nun im irdischen Jerusalem hören läßt!" 3a, Palestrina lebte ganz in jenem „himmlischen" Jerusalem, seit er das Liebst? auf der Well, seine Frau und drei Söhne in jungen Jahren verloren hatte. Deimoch arbeitete er unermüdet weiter. Die Ehrenstellung eines „Komponisten der päpstlichen Kapelle" wurde für ihn geschaffen, und er übernahm wieder das Kapell- meisteramt an der Peterskirch^. Aber in tiefster S«ele war er längst gelöst von „Erfolg" oder .Mißerfolg". Seine einzige Freude war nur noch ber Verkehr mit dem „humoristischen Heiligen" Goethes, mit Filippo Deri, von dem er wohl auch lernte, über allen Prüfungen des Lebens zu stehen, und in dessen Armen er am 2. Februar 1594 gestorben ist. — Die Gesamtausgabe seiner Werke, in 36 Bänden, enthält alle Gattungen kirchlicher Musik. Messen, Mo- teten, Lamentationen, Hymnen, Oratorien, Mag- nififate, Litaneien. Man hat Palestrina häufig mit Raffael verglichen, und es gilt für ihn das Wort Goethes, der es von Raffael aussprach „daß er der langsam und allmählich auffteigen- den Pyramide ten Gipfel auffetzte, über dem, ober neben dem kein anderer stehen mag." Wie Raffael bringt er nirgends etwas ganz Deues. aber die Vollendung alles bisherigen.
Leicht gelingt es in der Kirche, sich zu Palestrina hinzufinden, wo zwischen hohen Pfeilern und gotischen Vögen die Seele dieser Musik Offenbarung, wo das Zeitlose in die Form des frühchristlichen Chorals gebannt, Ereignis wird Gebete der Tausende steigen empor, einen sich, fliehen ineinander. Der Einzelne schwindet. Die ganze Welt redet zu ihrem Schöpfer in einem Gesang, dessen verklärte Klänge den Jubel der „triumphierenden Kirche" schon hier auf Erden ertönen lassen.


