Ausgabe 
8.4.1926
 
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Donnerstag, 8. April 1926

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)

Nr. 81 Drittes Blatt

ne Zeit unter- Menschen, die

Sin altes, wahres Wort: Vas Veste ist das Billigste !

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MflGGPSUW

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Wirtschaft.

Wirtschaft und Börse.

Von Han» Frhr. v. Rheinbaben.

Aus der Art der Kursbildung ist zu schließen, daß sich das breitere Publikum (die sogenannte zweite Hand", die der Börse so lange fehlte) wie­der stärker am Geschäft beteiligt. Damit würde die Grundlage für eine gesunde weitere Auswärtsent- wicklung'der Kurse gegeben sein. Aehnlich, wie sich die anhaltende Flüssigkeit am offenen Geldmarkt (also Gelder, die ihrer Natur nach kurzfristige Anlage suchen) durch Vermittlung des Pfandbriefmarktes günstig auf den langfristigen Realkredit auegewirkt hat, besteht die Hoffnung, daß eine Belebung des Börsengeschäftes, getragen von anlagesuchenden Kreisen des Privatpublikums der Industrie endlich wieder die Möglichkeit zu gesunder Finanzierung ihres Kapitalbedarfes gibt. Erst wenn die Börse wie­der für Dividendenpapiere in größerem Umfange aufnahmefähig ist und die noch immer außerordent-

zeichnen haben.

Vergleichen wir nun einmal die starken Klassen­ziffern der höheren Lehranstalten mit den heutigen und zukünftigen Bedürfnisien des praktischen Lebens an Geistesarbeitern. Greifen wir nur einmal ein Ziel heraus, das man durch bessere Schulbildung glaubt I leichter erreichen zu können: Das Kind soll in die Beamtenlaufbahn hinein. Wie stellt sich die Zukunft zu diesem Wunsche, soweit man sich nach den gegen­wärtigen Verhältnissen ein Urteil erlauben darf?

Abbau allerorten! Abbau im Forstfach, Abbau in den Amtsgerichten, Abbau in den Kreisen der Volksschullehrer, Abbau von Post und Bahn, auf den staatlichen und städtischen Aemtern, Abbau tn den Schreibstuben der Privatwirtschaft, das war die Signatur der beiden letzten Jahre. An verschiedenen Stellen setzt Heuer der Abbau erneut stark ein, rote der Beschluß des Landtags beweist. (Nur vom Ab­bau im Parlament selbst und an seinen Ausgaben hört man so wenig. Und doch würde das gute Bei­spiel hier so manche 'Abbauhärte anderswo leichter ertragen lassen.)

Wo aber sollen nun die großen Mengen der Primareifen und Abiturienten, die die heutigen hessischen Oberschulen im Laufe der nächsten Jahre zu liefern imstande sind, untergebracht werden? Sie werden zu Hacke und Schippe und Besen greifen müssen, gelernte Arbeiter sind die jungen Leute ,a trotz ihrer 18, 20 und mehr Jahre nicht. Ist aber, um diese Arbeit verrichten zu können (ich unter­schätze sie und die Kräfte, die sich ihr zur Verfügung stellen, durchaus nicht), ist aber aufrichtig ge­sprochen dazu ein solcher Aufwand an Zeit und Geld vorher notwendig? ,

Prüfe jedes Ellernpaar diese Zeichen der Zeit, ehe es sich so schwere Lasten auferlegt, wie sie der Besuch der höheren Schule bis zum 17. oder 19. bis 20. Lebensjahr eines Kindes nach sich zieht. Pro­phetengabe ist nür wenigen Menschen verliehen, ober soviel sieht auch ein Blinder, daß es unmöglich sein wird, den heute für bestimmte Ziele sich vo^ bereitenden Geistesarbeitern in der Zukunft auch nur im entferntesten die Existenzmöglichkeiten zu sichern, die sie und ihre Eltern erhoffen. Vielleicht wird erst die kommende Not der Vielen, die nahezu zwecklos die besten Lehr- und Hebungsjahre für viele Berufe des Handwerks, der Techniken usw. opferten, um einem Trugbild nachzujagen, die Flucht aus der Volksschule aufhalten. Kommen aber wird dieser Rückschlag, weil er kommen muß.

des in China.

Der Ruhm der Kollegen in Schanghai hatte oir- die sremden Konsularbehörden Kantons nicht schlafen lassen. Hier aber konnten sich der franzö­sische Flottenadmiral und der englische Gene­ralkonsul besser vorbereiten. Statt einfacher Karabiner traten Maschinengewehre tn An­wendung, und wo die Polizisten in Schanghai auf der Straße und im Stehen schießen miißten, konnten die internationalen Söldnertruppen in Kanton schon aus der Deckung heraus Tod und Verderben speien. Ergebnis: 120 Tote! _

Aber Kanton hat noch nicht vergessen, datz es die «ladt ist, wo einst der laotai Ling Opium im Werte von 5 000 000 hatte verbrennen lasten, das trotz des Verbotes des Sohnes des Himmels von den Frentden wieder und immer wieder eingeschmug- gelt wurde. Kanton hat noch nicht vergesten, daß es die Stadt ist, in der S u n Yat Sen, der Vater der chinesischen Republik, die letzten Jahre feines Lebens gewirkt hat. Und so beantworteten die Kan- tonesen das Blutbad von Shameen mit einem B o y k o 11 H o n g k o n g s, das die Engländer bis zum heutigen Tage in barem Gelds, den Vesiust durch entgangene Profite umgerechnet, über 2 000 000 Pfund kostet. Ich habe in der letzten Zeit viele Chinesen aus dem Süden gesprochen. Sie alle wissen, daß ein Boykott von Waren nicht eigentlich die Maßnahme ist, mit der man die ungerechtfertigte Ermordung von Landsleuten beantworten sollte. Aber sie zucken die Achseln: was soll man tun? Die chinesischen Generäle sind mit Kliquenkriegen un-

Daz Bestreben, auf dem Weltmarkt wieder kon­kurrenzfähig auftreten zu können, zwang untere größten westlichen Stahlwerke zu einem engen Zu- sammenschluß in denBereinigten Stahlwerken A. G.", an denen sich amerikanisches Kapital, zwar noch nicht direkt, aber doch indirekt in Gestalt von Bond-Emissionen der einzelnen angeschlossenen Ge­sellschaften, beteiligt hat. Die amerikanischen Pro­spekte dieser Emissionen schilderten durchweg den Sachwert und die zukünftige Rentabilität dieser großen Montanwerke außerordentlich optimittsch. tzast in allen 'Ankündigungen konnte man den Werl der betreffenden Gesellschaften auf das Vierfache und mehr der gegenwärtigen kursmähigen Bewertung errechnen. Infolgedessen haben sich in diesen Aktien namhafte Kurssteigerungen durchsetzen können. Gel­senkirchen stiegen von ca. 65 im Dezember auf 90 Prozent Ende März, in ähnlichem Ausmaß folgte die mit ihnen durch die Rhein-E!?e-Unlon verbundene Deutsch-Luxemburgische Berg.w. Gesellschaft. Auch Hoesch und Köln-Neuesten weisen fast die gleichen Kurssteigerungen auf. Bei Phönix und Rheinstahl sind die prozentualen und absoluten Kurssteigerun- gen noch weit größer: sie haben sich von einem Durchschnittskurs von ca. 50 Proz. Anfang Ja­nuar dieses Jahres auf ca. 80 Proz. Ende März gehoben. Demgegenüber blieben oberschlesische Werte vernachlässigt, weil dort die Zusammenschlußbe- roegungen noch zu keinem endgültigen Eraebnis ge­führt haben und überdies die Lage dieser Werke durch die oberschlesische Teilung sich besonders un­günstig gestaltet hat. Nebenwerte, wie Buderus (Erzbergwerk), haben sich von knapp 30 Proz. zu Anfang dieses Jahres bis auf 55 Proz. Ende Marz gehoben, also fast eine Verdoppelung ihres Kurs­wertes erzielt. «pezialwerte wie Deutsch-Atlantische Telegraphen A. G. stiegen von ca. 25 Proz. auf 55 Proz. Elektrische Werte profitierten von dem Gedanken an einen großen Elektro-Trust, der in­dessen doch wohl noch in weiter Ferne liegen dürfte. Diesen Werten kommt die anhaltend rege Beschäf­tigung zugute, die fast in allen Fällen bereits Di­videndenzählungen ermöglichte, im Gegensatz zu den Montanwerten. Die prozentual größte Steige- I runa weisen Schuckert-Aktien auf, welche von ca.

50 Proz. zu Anfang dieses Jahres auf annähernd 90 Proz. Ende März gestiegen sind: desgleichen Siemens-Halske von ca. 65 Proz. auf 115 Proz. Bei diesen beiden Werten spielt die Aussicht auf eine günstigere Gestaltung des Rhcin-Elbe-Union- Jnteressengemeinschaftsvertraaes eine wesentliche Rolle. Bei den anderen Papieren dieses Marktes betragen die Kurssteigerungen gegenüber dem Jah­resende etwa 20 Proz. Die Aktien der Farben­industrie hoben sich von etwa 105 auf 135 Proz. Ende März. In bescheidenerem Ausmaße folgen die Großbanken, die feit Jahresbeginn durchweg Kurs- gewinne von 15 bis 25 Proz. aufweifen und Divi­denden von 810 Proz. verteilen. Seit kurzem weist aud) der lange Zeit vernachlästigte Kastamarkt der Jndustriepapiere eine nachhaltige Belebung auf.

Die nun schon seit drei Monaten anhaltende steigende Tendenz der Börte hat ihre Besiätiguna in einer Besserung der allgemeinen Wirtschaftslage noch nicht gefunden. Neben Teilen der feinmechant- scheu Industrie wcifen gute und lohnende Deschästi- gung in der Hauptsache nur die Elektro- und chemische sowie die Braunkohlenindustrie auf. Schwierig gestatten sich die Derhältniste nach rote vor im Steinkohlenbergbau, in der Eisen- und

>. c. ' Stahlerzeu­

gung, wo sich der sinkende französifche und belgische jranf störend geltend macht, und in breiten Teilen der weiterverarbeitenden Industrie. Alle Versuche, durch Sonderkredite und Notstandsaufträge die Pro­duktion anziikurbeln, verntochten bisher einen nach- haltigen Erfolg noch nicht zu erzielen. Immerhin sprechen mancherlei Änzeick)en dafür, daß die Börse in der Tat ein Führer zu besseren Tagen ist und daß man hier günstige Rückroirkungen der im Jahre 1925 geförderten Umstellung schon jetzt vor- aussieht, während die Wirtschaft noch unter un- erträglichen Lasten und einem Heer von Arbeits- losen seufzt. Die Börse schöpft ihren Optimismus aus der sich immer flüssiger gestaltenden Lage am Geldmarkt, die ihrerseits wieder in engem Zusam- menhang steht mit dem Vertrauen, welches das I Ausland der deutschen Wirtschaftsentwicktting ent­gegenbringt. Belebend wirken auch die sich an- bahnenden Zusammenschlüsse im deutschen Wirt­schaftsleben unter amerikanischer Beteittguna. In der Schiffahrt sind es die Trustpläne, die sich um den amerikanischen Finanzmann Harriman gruppieren. Die Aktien der Hamburg-Amerikani- scheu Paketfahrt-Gesellschaft und des Norddeutschen Lloyd notierten im August vorigen Jahres ca. 50 Prozent und standen Ende März annähernd 150 Prozent. Eine ähnliche Kursentwicklung weisen 'Jlebenroerte auf, wie Hcmfa Dampfschiffahrts-Aktien, und in geringerem Ausmaß Hambura-Sudamerika- Linie und Deutsch-Australische Dampsschiffahrts-Ge-

ollen.

Die aber, die nicht zurückkommcn, die nehmen wohl glatt den Weg durch die höheren Schulen? Sehen wir uns preußische Zahlen an hessische rehen mir nicht zur Verfügung, die Berhättnisse werden hier aber ähnlich liegen. Von den Sextanern der höheren Knabenschulen erreichen dort dreißig Prozent nicht einmal die Mittelstufe, siebzig Prozent nicht die Oberstufe, nurzwanzigPr o- zent bestehen die Reifeprüfung. 25 000 Knaben verlassen alljährlich in Preußen mit Tertianerbil­dung die Schule, und 15 000 treten sogar ins prak­tische Leben hinaus und haben nur die Unterstufe durchlaufen und wie? Dos weiß jeder Lehrer, der in einer kaufmännischen Fachschule ober in einer gleichwertigen Anstalt einmal einige Zeit unter­richtet hat. Diese 15000 jungen Menschen, die vier bis fünf Jahre hindurch denBallast" in ihren Klassen bildeten, waren von ihren Eltern in der wohlmeinendsten Absicht in die Oberschule gepreßt worden. Sie verlassen sie mit einer verkrüppelten Bildung, stellen aber trotzdem besondere Ansprüche an das Leben, eben weil sie eine höhere Schule be­sucht haben. Zuerst liegen sie der höheren Schule und bann viele von ihnen der Wirtschaft zur Last. Mußte das so sein? Die Zukunft aber, die die Re­sultate eines gesteigerten Besuches höherer Schulen liefert, wird kaum bessere Verhältniszahlen zu ver-

schule usw. usw. Je früher man den Weg beschreitet, 1 umso rascher gelangt man ans Ziel." Wer sieht nicht die Hoffnungen, die diesen Zielen vorauseilen? Es ist nicht der Zweck meiner Ausführungen, sie zu zer- stören, aber auf ihre vielen Aussichtslosigkeiten hin- zuweisen, halte ich für geboten.

Und nun noch ein Drittes. Die neue Zeit, die Nachkriegszeit brachte eine neuartige Beschulung. Die allgemeine Volksschule kam, und zwar als vier­jährige Grundschule. Die Kinder aller Volkskreise saßen und sitzen nun auf denselben Schulbänken nebeneinander. Für manche Eltern ein Schrecken ohnegleichen, für die Kinder selbst nach dem Urteil nahezu aller Grundschullehrer ein Segen. Ein ab­schließendes Endurteil vermag wohl in einigen Jahrzehnten die Geschichte, oernwgen dann wohl auch die ehemaligen Grundschüler abzugeben. Diese | Neubeschulung bietet nun den Lehrern der Grund- schule ein eigentümliches Bild. Sie fördert die Flucht aus der Volksschule. Leute, die früher nicht daran gedacht hätten, ihre beanlagten Kinder nach drei ober vier Jahren einer höheren Schule zu über­geben. weil ihnen die Ausgaben für die Anders- beschulung zu hoch erschienen wären, tun dies heute. Es ist oft direkt rührend zu sehen, wie sie sich das Letzte am Mund absparen, um dem Kind ober den Kindern den Besuch der Oberschule zu ermöglichen. Den Sparkonten traut mah nicht, ober man traut ihnen wenigstens vorläufig noch nicht. Was man aber inbesserer 21usbilbung"anlegt, ist unoerlier« bar, so bentt man.Was mein Nachbar kann, kann ich auch", heißt es bann aber auch bei manchem Elternpaar, bas sich in ähnlicher sozialer Lage befinbet und auch ein Kind in der 4. Grundschulklasse hat, das aber nur mäßig beanlagt ist. Trotz der Warnung des Grundschullehrers wird das Söhnchen ober bas Töchterchen abgemeldet. Fluchtartig enteilt man bet Volksschule. Da brüben winkt )a diebessere" Schule, wie ber Gießener sagt, winkt die Schule, die eine besserere Versorgung für die Zukunft ver spricht. Und die Folgen? Wir Lehrer erleben e» immer wieder, wie so manches dieser Kinder schon bald oder auch erst nach Frist von ein ober zwei Jahren zu uns in die Volksschule zurückkommt und cs oft langer, langer Zeit bedarf, bis es verwunden hat, was tym van vornherein hätte erspart werden I sellschaft.

sprechenden Endzweck.

Die Flucht aus der volisfchuie.

Ddn A. Kneipp, Gießen.

Der Ausgang des Weltkrieges verschob die Exi­stenzbedingungen. Die Alten, die nach ber Sitte der Vorkriegszeit am Spartopf zu sitzen pflegten, roaren Kriegsopfer geworden. Das Reich, zu dem sie mit dem vollsten Vertrauen in feine Unverletzbarkeit unb Sicherheit aufgeschaut, dem sie ihr Hab und Gut, bas aus münbelsicheren Papieren bestaub, in Kriegsan­leihen ausgeliefert hatten, vermochte dieses Ver­trauen nicht zu rechtfertigen, machte bankrott und zog alle die Sicherungen ber Staaten, Kommunen und Einzelbesitzer mit in feinen Sturz hinab. Aus Rent­nern wurden Unterstützungsbedürftige, aus steuer­zahlenden Sttitzen des Reiches hilfeheischende ge­brauchen wir das bittere Wort arme Leute. Nur die festliegenden Werte Grundstücke, bebaute und unbebaute waren Werte geblieben und auch diese in manchen Fällen Werte sehr zweifelhafter Art (man höre die Hausbesitzer!).

Der meisten Menschen Natur aber ist Bienen- natur. Sie will sammeln, sorgen für die Zukunft, die eigne und die des Nachwuchses. Die problema­tische Natur der stofflichen Werte, des Geldes und feiner verschiedenartigen Ausbrucksmittel wie An­leihen, Aktien usw. war durch den Zusammenbruch klar erwiesen worden. Das Sicherungsbedürfnis des Menschen aber war bas alte geblieben. Es suchte Ziele unb fanb sie, so glaubte es, in dem «atze: Geben wir unserem Nachwuchs weitergehenbe Bil- bung mit auf den Lebensweg: eine Bildung, die ihn befähigt, als Staatsbeauftragter, Gemeindebe­auftragter (mit anderen Worten als Beamter), als Privatunternehmer oder als Angestellter in einem Privatunternehmen usw. usw. sein Unterkommen und Auskommen zu finden, so verschaffen wir ihm einen Ersatz für die verloren gegangenen Geld- usw. Werte. Heraus deshalb aus der Volksschule und hin­ein in die höhere Schule! Sie vermittelt ja die not­wendige erweiterte Bildung." Trotz zurückaehender Schülerzahl im allgemeinen wuchs so die Zahl ber Klassen ber höheren Schulen Die Volksschulen aber mußten stark abbauen, unb viele, viele Jungle^'r.r sinb heute sehr übel dran. (In Preußen ist bie Jung-, lehrerschast, die stellenlos ist, ein Heer von vie-.en Tausenden.) Wer aber wollte und will die Einstel­lung ber Gebankenwelk unserer Volksgenossen auf eine weitergehenbe schulische Ausbilbüng 'ijrcr Söhne und Töchter tadeln? .

Die Töchter! Ja, die Töchter! Zwei Millionen Deutsche, meist junge Männer, hat ber unselige Krieg als Opfer verschlungen. Unb ebensoviel ccv- witwete und unverheiratete weiv.i *e Jugend trauert heute und in den nächsten Jahrzehnten den Kriegs^ folgen nach. Die natürliche Versorgung durch den Ehegatten fiel für viele weg unb wird für oiete auch weiterhin nicht möglich fein.Die Modulen müssen etwas lernen, bamit sie sich später ihr Vrot verbienen können", lautet darum die Losung. Ter Weg ist vorgezeichnet. Erweiterte Bildung verbell'rt nach ber seitherigen Auffassung bie 'Aussichten sur bie zukünftige Versorgung.Heraus aus der allge­meinen Volksschule! Hinein in bie ''öheren «mul*n zu Abitur und Studium, zu Fröbel- unb ^'ni= arbeitslehrerinnenseminar, zur Handelsakademie unb zum Pädagogischen Institut, zur höheren HanbAs-

tereinanber beschäftigt. Immerhin Haden die Kauf­leute mit bem Boykott England an einer verwund­baren Stelle getroffen. *

Da Haden sich auf den Konferenzen, welche auaen- dlicklich in Peking tagen, plötzlich Männer gefunden, welche, vorwärts gedrängt, ohne es zu wollen, vielleicht von diesem neu erwachenden Dolksgeift, die Rechte Chinas in der nachdrücklichsten p>orm ver­treten und durchsetzen. Ob sie auf ber Zollkonscren; statt der beabsichtigten Tariferhöhung restlose Zoll- autonomie verlangen, ob sie aus ber Exterritoriali- tätskonserenz statt auf stufenweisen Abbau ber Kon- fulargerichtsbarkeit auf sofortige Uebernahme der Jurisdiktion über Fremde in China burdi bie chine­sischen Gerichte bestehen: immer ist es dieser neue Geist eines alten, verschlafenen aber enblidj erwach­ten Volkes, ber aus ihnen spricht. C. T. Wang, W. W. Yen, Wellington Koo unb wie diese chinesischen Diplomaten alle heißen, sie sind doch alle Schuler ber amerikanischen St. Johns Universität m Schmig- Hai, treue Teebrüder der Y. M. C. A., haben alle in ihrem Kleiderschrank mindestens ebenso viele Cutaways und Frackanzüge hängen wie chinesische Seidengewändern, und möchten sic fid) mit Herrn Silas Straron, dem amerikanischen Delegierten, viel lieber freundschaftlich über Neuyork, Broadway und Fifth Avenue unterhalten, als bem guten Mann mit radikalen Forderungen das Leben schwer zu machen. Aber wenn sie auch schon diesen neuen Geist einer neuen Zeit nicht gut heißen, kaum vielleicht ver­stehen, gegen ihn auflehnen können sie sich bestimmt nicht. Dann würden morgen wieder zu Tausenden bie Studenten auf die Straßen ziehen, würde Eisenbahn- unb Schiffsverkehr streiken, wür­ben vor allem sie selbst ihres Amtes unb ber Be­zahlung verlustig gehen. Besser schon Chinas Rechte zu vertreten und sich als Retter des Vaterlandes preisen zu lassen.

Mit einem Male gelten bie chinesischen Diplo­maten roieber als die schlauesten der Welt, gelten sie als undankbar, da sie doch auf fremden Schulen für fremdes Geld fremde Bildung erhalten hatten. Der Zorn der Mächte richtet fid) an die falsche Adresse. Das chinesische Volk war es, das die Steuerlast ber Boxerentschädigungen zu tragen hatte, das chinesische Volk ist es, das feit Jahrtausenden den Boden ber Väter pflügt, bas chmesisd-e Volk ist es, bas jetzt zu neuem Nationalgefühl erwacht ist.

Und gegen bas chinesische Volk brauchen die Mächte nicht zornig zu lein. Das chinesische Volk können sie nicht ber Undankbarkeit zeihen. Ihm haben sie seit 400 Jahren wenig Gutes getan, und wenn, nicht ohne Absicht, nicht ohne gewinnver-

Chinesisch Neujahr.

Don unserem F. M. Wi.-Berlchterstatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Schanghai, Anfang März 1926.

Wieder ist es chinesisch Neujahr. Nun erst hat das neue Jahr richtig begonnen. Erst hatten sich nach altem Brauch am ersten Januar mit noch rauchenden Köpfen vom Silvesterabend und von der Durchsicht bet Jahresbilanz die 10 000 Fremden Schanghaisalles Gute" gesagt und alles Schlechte gewünscht. Dann nach 14 tagen hieß es mit den 8000 mehr ober weniger jungen, mehr ober weniger blonden Russinnen anstoßen. Denn wenn die Söhne unb Töchter blefes einst so mächtigen Landes auch ihre Vergangenheit für eine blutige Fahne eingetauscht haben, ihren Kalender mit den vielen Feiertagen haben sie verteidigt und gerettet. Und nun spat aber nicht leise, feiern die 1000 000 Chi­nesen Schanghais ihren großen Abrechnungstag und Feuerroerkskörper krachen durch die Nacht.

Das vergangene, das dreizehnte Jahr der Re­publik wird in den Annalen des chinesischen Reiches einmal eine Sonderstelle einnchmen. Dem fast völ­ligen Zusammenbruch der inneren Struktur des Staates steht auf der Gewinnseite ein Aufschwung in der äußeren Politik gegenüber, wie er nicht nur in der diplomatischen Geschichte Chinas bisher für unmöglich galt. Ohne Krieg, ohne irgend ein politisches Genie, ja cigcnt« sich ahne Dazutun der verantwortlichen Regierungs­stellen in Peking, ist China mit einem Mal in die Reihe ber Nationen getreten, bereu bloßes Dasein der Welt Kopfzerbrechen madjt.

Ich weiß nicht, ob der Schuß von «erajeroo schon einen Dramatiker veranlaßt hat, über bie tiefen Zu- . sammenhänge zwischen einem Browning und Got- " tes furchtbarem Feuerstrahl nachzudenken. Ich sah vor einigen Tagen den bisherigen Polizeikommissar von Schanghai, unter dessen verantwortlicher Lei­tung die Schießerei am 30. Mai ftattgefunben hatte, tn die Verbannung gehen. Armer Teufel! 200 Jahre internationaler Schuld hat er auf seinen Schultern !u tragen gehabt. 200 Jahre internationaler Buße iat er heraufbeschworen, als er seinen Untergebenen, eldst nur ein kleines Rädchen an einer großen, olles zermalmenden Maschine, den Befehl gab: Shoot to kill,Schießt und tötet".

Und doch leiteten diese Schüsse die neue Epoche in China ein.

Die Internationale U n t e rs u ch u n g s k o m - Mission der Schießerei vom 30. Mai ist so un- rühmlich auseinandergegangen, wie zusammengetre­ten war. Die Chinesen hatten von vornherein eine Beteiligung abgelehnt, da sie bereits, 4 Tage nach dem Roten Samstag, alle notwendigen Aufklärun­gen beisammen hatten, und befürchteten, daß die neue Untersuchung nichts weiter als eine Mohren­wäsche darstelle. Sie haben nicht Unrecht behalten. Der japanische Richter betrachtete es als seine wich­tigste Ausgabe, die Unruhen in den japanischen Spinnereien, welche die eigentliche Veranlassung zu den Demonstrationen im Settlement gewesen roaren, nicht zur Sprache bringen zu lassen. Der englische Richter hütete sich sorgsam vor zwei Fragen: ob man bei irgend einem beteiligten Demonstranten Schleßroaffen gefunden habe oder nicht dasselbe Er­gebnis, das mit den tödlichen Schüßen erjielt worden (ei, auch durch Schreckschüsse hätte hervorgebrackt werden können. Und zwischen diesen beiden Rich­tern thronte als Vorsitzender ein freundlich-fetter Amerikaner, der die Unterhandlungen mit launischen Scherzen neckisch würzte. Der Geist, der alle Polizei- rcgulatlonen in Schanghai und alle Fnedensvertrage mit China durchweht, ist immerhin ein grandioser Despotismus aus der Cäsarenzeit, da man besiegte Völker auf den Sklavenmarkt schickte und die Frauen ihres Haarschmuckes beraubte. Der Geist, in dem die Verhandlungen der Untersuchungskommission geführt wurden, diebonmots", die bei dieser Gelegenheit von ber Richterbank fielen, sind im günstigsten Falle brauchbare Titel in einem Kriminalfilm. Und die Urteile, deren Abfassung unb Veröffentlichung drei Monate auf sich hatte warten lassen, könnten im Simplizissimus erscheinen. Sind eigentlich die Verse überliefert, die der kaiserliche Komödiant Nero beim Brande Roms sang? Es muß das Hohe Lied ge­wesen sein im Vergleich zu den Tiraden der inter­nationalen Richter beim Ausbruch des Feuersbran-

2 Ter,