Klabund spricht.
Schon im Januar hatte Klabund hier sprechen sollen: der Abend wurde abgesagt wegen mangel- yaften Kartenverkaufs. Diesmal war der kleine Saal des Goethebundes überfüllt. (Dies sei nur Feststellung, nichts weiter, wäre Fülle oder Leere des Zuschauerraums Wertsymbol, stünde ein Boxabend im Berliner Sportpalast in der kulturellen Rang ordnnng obenan.)
Alfred 5)enfd)fe, geboren 1891 in Crossen, hat einen guten Wegbereiter gehabt: Alfred Kerr. Immerhin begann seine literarische Laufbahn mit einer Gerichtsoerfolgung, wegen einer Publikation in Kerrs „Pan". 1913 erschien die erste Lyrik-Sammlung: „Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern!" Seitdem heißt Alfred Herrschte Klabund. Seitdem streift er durch Menschen, Völker und . Zeiten, und seine Gesichte erfüllen sich im Roman, im Drama, im Gedicht. Im tiefsten Herzen ist er wohl bis heute Lyriker geblieben. Ob er Eulenspiegel verklärt oder Pjotr, den großen Zaren, ob er den „Kreidekreis" nachdichtet oder Li Tai pe, ob er zu Hafis schweift oder Rostands „L'alglon" im „Jungen Aar auf die deutsche Bühne stellt, ob er das „Lasterhafte Leben des Christoph Wagner" aus faustischer Renaissance beschwört oder eine grausame Sowjctlegende von der brennenden Erde ersinnt ... Die jedenfalls, alle die den Kreidekreisdichter zu hören (und zu sehen!) gekommen waren: sie sahen eine schmale Gestalt, unscheinbar fast; große Brillengläser vor einem blaffen Gesicht ... und hörten einen, deffen Vision zuerst, am einfachsten und drängendsten im Lyrischen Gestalt annimmt; in den Gedichten nicht nur, auch wo im Roman das Erlebnis aus Alltäglichem sich erhebt, von der Erdschwere sich löst, spricht der lyrische Dichter Klabund. (Der „Kreidekreis" hat, nicht überall, doch zuletzt gleiches erwiesen.)
Der erste Teil begann mit neuen Gedichten. Dekenirerisch offenbaren sich die Eingangsverse „Ich würde sterben, hält' ich nicht daS Wort.. volMredhaft, innig und weich, die kurzen Strophen „Alles, waS geschieht..." Leidenschaftlich bittet das Liebeslied „O gib mir deine Hände
bei einem anderen („Vergib mir...") scheint der echte Heineton nachzuklingen, bei einem dritten der Zauberrhythmus der „Braut von Korinth"; hier aber — dies scheint wesentlicher - bricht der Herzton des echter Lyrikers am melodischsten durch, im Wiegenlied „Einen Sommer lang ...“ Die Balladen um Franziskus, reich, blühend, bildergeschmückt, wirken ganz ähnlich; unballadesk, wiederum lyrisch. Ebenso jene von der seltsamen Geburt des Lao Tse, die die chinesischen Gleichnisse einleitet. Alles ist klar, einfach fast primitiv und volkstümlich erzählt in diesen zugespihten Dialogen östlicher Bergpredigt und uralter Weisheit. Seltsame, farbige Bilder bauen sich auf; auch in den Nachdichtungen. Beim Lied vom großen Räuber denkt man an die buntklirrendeni Kriegslieder aus der Sammlung „Dumpfe Trommel und berauschtes Gong". Die schönsten Strophen sind überschrieben „ö mein Heimatland". Die Stimmung fernöstlicher Landschaft ist spürsinnig erlebt uiti) gebannt. Aber die Heimweh- sehnsucht dieser Börse umspannt allmenschlich die Welt.
Zweiter Teil: Szenen aus dem Eulenfpiegel- roman „Bracke" (1918). Um 1500 erschien, zuerst niederdeutsch, der früheste Druck. Seitdem sind immer wieder die Dichter zu der Schelmen- sigur zurückgekehrt. Grabbe nahm seinen Eulenspiegel mit ins Grab, de Coster ließ ihn herrlich auferstehen. Klabund kleidete den Kneitlinger ins Gewand jenes märkischen Eugenspiegels Hans Clauert und siedelte ihn an in der Gegend von Trebbin zur Zeit Karls V. und des Kurfürsten Joachim. Abermals wurde der alte Stofs neu gefaßt; lyrisch auch hier, wo der Dichter aus Eigenstem schöpft. Mit einer musikalischen Beschwörung wird das Kind Eulenspiegel in seinen Lebeiwgang eingeführt... Lieber schwankhafte Arsoden, grobianische Intermezzi und boshafte Lugcnnrärchen t Eulenspiegel spricht Recht und hält eine Laienpredigt, verkündigt seine Schalksweisheit durch Säue und einen Ziegenbock), über solche Szenen führt zu tieferem Erlebnis der Dichter Klabund. wenn er erzählt, wie Sankt Peter mit der Geige über Land geht, dem Eulen
Nr. 106 Zweites Blatt
Der weg zum Generalstreik.
Don unserem K-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
London, 6. Mai 1926.
Urplötzlich ist England in den Mittelpunkt des Interesses der ganzen Welt gerückt. Die nun schon seit neun Monaten schleichende K o h l e n k r i s e, die damals von dem nicht kampseslüsternen Premierminister Baldwin mit einer großen Geste abgetan wurde — der Zahlung der Kohlensubsidien — hat dem englischen Staate bis heute die niedliche Summe von 23 Millionen Pfund Sterling oder fast eine halbe Milliarde Goldmark gekostet, und selbst die größten Anstrengungen des fähigen Finanzministers Churchill haben in dem am 1. April 1926 abgelausenen Staatshaushalt des Jahres 1925 ein Defizit von 14 Millionen Pfund Sterling offen gelassen.
ös ist kurz vor Ausbruch der jetzigen Krise einmal von englischer Seite darauf hingewiesen worden, daß Baldwin mit der Zahlung der Unterstützung sehr recht getan hat, denn ein Generalstreik von längerer Dauer hätte dem Lande mehr als 25 Millionen Pfund Sterling gekostet. Dieses selbe Bedenken besteht doch auch heute noch. Warum ist es deny nun doch zum Generalstreik gekommen?
Die Regierung war sich darüber klar, daß eine weitere Zahlung der Unterstützung eine Durchlöcherung des Goldstandards zur Folge haben wird, denn weitere 35 Millionen Pfund Sterling Subsidien im nächsten Etatsjahr aufzubringen, ist ohne ein ganz rigoroses Anziehen der Steuerschraube nicht möglich. Mit dem Defizit aus 1925 wären rund 50 Millionen Pfund Sterling oder eine Milliarde Goldmark zu decken, und das ist selbst für englische Verhältnisse ein schwer verdaulicher Brocken. Die Ansprüche der Bergarbeiter hinsichtlich der Unterstützung waren zudem im Wachsen begriffen, denn vom 1. August 1925 bis Ende Dezember 1925 zahlte die Regierung nur 2j sh. pro Tonne, während sich dieser Satz im abgelaufenen ersten Quartal 1926 sogar auf 3 sn. belief.
Die große Probe der Mobilmachung der Gewerkschaften, das Wirtschaftsleben des ganzen Landes auf einmal stillzulegen, ist wirklich geglückt, und die Regierung befindet sich, da 4—5 Millionen Menschen tatsächlich streiken, in einer Lage, wie sie in England noch niemals eingetreten ist. Im übrigen ist es kein Zufall, daß sich dieser Kampf — der ja in Wirklichkeit ein Kampf um die Gewinnung von stärkerem politischen und wirtschaft- Nchen Einfluß aus die Regierung ist — gerade in der Kohlenindustrie abspielt, denn diese ist in der Tat diegrößteArbeitgeberinimLande,hat aber infolge ihrer rückständigen Organisation und ihren vielerorts vorsintflutlichen Betriebseinrichtun- gen viel mehr unter den Kriegsfolgen zu leiden, als andere moderner organisierte Industrien. Die Entwicklung der englischen Kohlenausbeute und des Exports sind jeweils ein Barometer für das gesamte englische Wirtschaftswesen. Im Jahre 1800 betrug die englische Kohlenausbeute bereits 10 Millionen Tonnen, 1913 erreichte sie ihren höchsten Stand mit 287 Millionen Tonnen. Die Exportquote belief sich seinerzeit auf 98 Millionen Tonnen. Im selben Jahre förderte Deutschland 190 Millionen Tonnen und exportierte 45 Millionen Tonnen. Diese Exportquote betrug ein Zehntel des englischen Ausfuhrwertes und machte rund vier Fünftel des Rauminhalts der gesamten Ausfuhr aus. Auf Grund des sich von Jahr zu Jahr steigernden Kohlenexports konnte die englische Handelsflotte ihre von Jahr zu Jahr steigende Entwicklung nehmen, so daß sie 1913 an der Spitze aller Handelsflotten stand.
Dieses Blatt hat sich aber gründlich gedreht. Im Jahre 1920 betrug der englische Export noch nicht ei nmaldie Hälfte von 1913, fast 44 Millionen Tonnen. Aber noch einmal wurde England durch ein Wunder für kurze Zeit aus seinen Kohlennöten gerettet. Der Retter hieß P o i n c a r ö! Als er Anfang 1925 in das Ruhrgebiet einfiel, da kam für den englischen Kohlenbergbau noch einmal eine Blüteperiode sondergleichen und der Export — vornehmlich nach Deutschland — stieg auf' fast 70 Millionen Tonnen an. Doch mit dem Wiederbeginn der Vollarbeit im Ruhrgebiet hörte diese Erleichterung für den englischen Markt auf. Das beweisen am besten die Zahlen der arbeitslosen Bergarbeiter
April 1924: 25 000, April 1925: 146 000, Juni 1925: 315 000.
Die Zahlung der Subsidie hat in den folgenden Monaten die Lage wesentlich erleichtert. Dies hat zu den bekannten deutschen Schwierigkeiten im Ruhr-
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
bergbau geführt, wo die Arbeiterzahl von 560000 im Jahre 1922 auf 370 000 zurückgegangen ist.
Die Regierung hat die große kommende Auseinandersetzung gefürchtet und hat unter Führung des Mitte vorigen Jahres aus Palästina zurückgekehrten Oberkommijsars Sir Herbert Samuel eine Kommission eingesetzt, die die schwierige Frage der Neuorganisation des Bergbaus lösen sollte.
Die Kommission, die keinerlei Vollmachten besaß, sondern nur beratende Vorschläge machen konnte, löste den ersten Teil ihrer Aufgabe — die Unter suchungen des englischen Kohlenbergbaus und feine Arbeitsbedingungen — zweifellos in befriedigender Weife. Bei den Vorschlägen, die sie zur endgültigen Sanierung des Kohlenbergbaus zu machen hatte, ließ sie einen Mangel an Geschlossenheit und Initiative erkennen, die Baldwin, auf dem als Premierminister nun alle Verantwortung lastet, zu dem verzweifelten Ausruf hinrissen, er wäre kein so guter Mathematiker, daß er Gleichungen mit zwei Unbekannten glatt lösen könnte.
Die Durchführung der zu ergreifenden Maßnahmen war nicht bis ins einzelne ausgearbeitel. und um sie entbrennt nunmehr der erbitterte Kampf, von dem niemand sagen kann, wie er enden wird.
Die Arbeiter weigern sich, die Kosten der zukünftigen Sanierung der Bergwerke durch eine längere Arbeitszeit oder Lohnkürzung allein zu tragen, und die 3000 Unternehmer der Kohlenindustrie weigern sich ebenfalls, Zugeständnisse zu machen, da sie das Wertloswerden oder gar die völlige Stillegung ihrer veralteten Anlagen fürchten, und wollen die erforderlichen Organisationsmaßnahmen, die zum mindesten nach einer vorgenommenen Vorausberechnung 100 Millionen Pfund Sterling oder zwei Milliarden Mark erfordern, aus eigener Straft nicht ergreifen. Heute stellen die Ergebnisse des veralteten Werkes den Standpunkt der Preisbemessung der ganzen Industrie bar. Noch 1919 in dem „Sankeybericht" wurde eine Nationalisierung durch den Staat vorgeschlagen. Heute aber will niemand etwas davon wissen. Durch den bisher in England nie erlebten Uebergriff der Setzer der „Daily Mail", die einen scharfen Artikel gegen den Streik nicht setzen wollten, kam der Stein ins Rollen, und inzwischen ist eine ungeheure Lawine von 5 Millionen Streikenden dar aus geworden, die das ganze Wirtschaftsleben des Landes stillgelegt hat. Der Gewerkschaftskongreß, der bisher die vermittelnde Rolle zwischen Regierung und Bergarbeiter spielte, steht jetzt als Organisator des Generalstreiks selber in der ersten Kampffront. Wohin die anscheinend aus der Sowjetorganisation übernommenen „Exekutivkomitees" führen, muß man abwarten. Jedenfalls ist über England eine Schicksalsstunde ernstester Natur hereingebrochen, die dem Wirtschaftsleben des Landes schwere Wunden schlägt.
Die Diktatur in Spanien.
Von unserem U. 8t.-Korrespondenten.
Madrid, Mai 1926.
Der König von Spanien, Don Alfonso der Dreizehnte von Bourbon und Habsburg, ist der erste Kavalier seines Reiches, der es kaum wie ein anderer versteht, mit leicht ironischer Reserve vor den politischen Ereignissen zurückzutreten, der, wenn von einem Staatsstreich die Rede ist, oder wenn Politiker und Generäle sich streiten, auf die Jagd geht, Auto fährt oder die Provinzen besucht. Der König ist immer klug, liebenswürdig und unaufdringlich. Und doch ist er immer der König, der Statthalter der monarchischen Macht, die allein der Diktatur die Möglichkeit zu leben und zu regieren gibt. Don Alfonso steht niemals im Mißklang zu seiner Umgebung. Wenn er in einfachem blauem Anzug wie jeder andere Besucher die Arena betritt, interessiert am blutigen Schauspiel sich über die Balustrade beugt, dabei Stullen aus der Tasche zieht und sie seinen Nachbarn anbietet, ober wenn er sreunbschaft lich, ohne alle Herablassung, mit einem seiner Untertanen plaubert, so vergißt boch niemanb, baß er feinen König vor sich sieht. Er erscheint auch bisweilen auf Volksfesten. Der schlanke, jugenbliche König tanzt bann wohl auch ohne alle Affektiertheit mit einem ber Mäbchen, schenkt ihr eine Rose als Anbeuten unb besteigt dann wieder lächelnd sein Automobil.
Derselbe König, der sich so einfach als Mensch gibt, ist wieder ganz Majestät, wenn er den Thron- feffel besteigt, wenn sich die Hohen und Höchsten um ihn versammeln, wenn der ganze mittelalterliche Prunk des spanischen Hofes entwickelt wird. Gold- strotzenbe Garden besetzen die Zugänge. Der Diktator tind die Minister stellen sich an. Granden mit weltbekannten Titeln und Ritter in wallendem Ornat
reihen sich auf. Kardinale in seidener Purpurtracht, der Patriarch von Indien, Erzbischöfe und Bischöfe, große Herren mit feingeschnittenen Römergesichtern, huldigen dem katholischen König. Die Königin Donna Viktoria, eine geborene Prinzessin von Battenberg, repräsentiert ernst und freundlich. Die hübschen, jungen Infantinnen lächeln, aber ernste und würdevolle Hofdamen stehen an ihrer Seite.
Man meint bisweilen, daß die Stellung des Königs im Reiche durch die Diktatur oerblaffe. Das ist nicht der Fall. Gewiß führt Don Alfonso kein persönliches Regiment. Primo de Rivera regiert, aber er regiert im Schatten des Thrones, er ist selbst ein königstreuer General. Man soll Primo dc Rivera, Marquis von Estella, nicht mit Muffolini verwechseln, mit dem Diktator, den die Volksmaffen in ihrem Triumphzug nach Rom emporhoben, der sich auf die Schwarzhemden stützt, ber sich vom Sozialisten unb Revolutionär zum Ultranationalisten entwickelte. Primo be Rivera ist Aristokrat seinem Empfinden unb seinem Wollen nach. Er will wohl bie Volksmaffen glücklich machen unb sie erziehen, aber er will sich nicht von ihnen tragen lassen. Der Gehorsam ist für ihn eine selbstverstänbliche Untertanenpflicht.
Primo be Rivera ist Optimist unb hat ein be- neibensroertes Selbstvertrauen in seinen Stern. Er ist des Erfolges, ber ihn begleitet, im voraus sicher. Sein Wahlspruch ist, baß es nichts Unmögliches gibt, unb demgemäß hanbelt er. Er ist ein scharmanter Diktator, liebensroürbig unb fröhlich, ber bie Frauen, den Wein unb bie Karten liebt, ber bie Zäsaren- pofe haßt, unb ber jeben, soweit es angeht, nach seiner Art leben läßt. Er rebet viel unb gut, bis weilen zu viel, er meibet ben Mißbrauch seiner Allgewalt, aber er weiß immer, was er will, und mit bewunderungswürdiger Energie und Klugheit, ohne unnötige Härten, fetzt er seinen Willen durch. In den zweiundeinhalb Jahren, in denen er an der Spitze ber Geschicke Spaniens steht, hat er Drbnung unb Ruhe im Königreiche wieberhergestellt unb bas An sehen Spaniens in ber ganzen Welt gehoben.
Das Volk hat sich ber Diktatur gefügt unb läßt sich willig regieren. Abgesehen von einer Reihe ab- qesetzter Machthaber aus den parlamentarischen Zeiten unb murrende, Redakteure liberaler Zeitungen, die von demokratischem Zorn und Revolutionen träumen, kümmert man sich wenig um Politik. Man freut sich der Sonne, der Ruhe und der unbehinderten persönlichen Freiheit. Stierkampf, Sport, Theater und Cafes, Kirchenfeste und Prozessionen genügen dem öffentlichen Bedürfnis. Wozu soll man sich da um die leidige Politik kümmern, die das Volk sooft in Blut und Elend gebracht hat? Man glaubt an den Genius der spanischen Raffe, an seine Zukunft, an seine Weltbedeutung. Man freut sich noch immer über den kühnen Flug Francos nach Südamerika, der das Mutterland wieder mit den spanischen Republiken vereinigte, unb sieht mit ein wenig Geringschätzung auf bie von parlamentarischen Lei- denschasten burchwühlten Staaten Europas herab, bie weber Ruhe noch ihr Gleichgewicht finben können.
Man würbe in einem glücklichen Lanbe leben, das sich selbst genügt unb besser, Zukunft wolkenlos erscheint, wenn nicht ber Marokkoalp auf Spanien lasten würbe. Man faßt ben Rifkrieg als einen schicksalgewollten Fluch auf, von bem man sich nicht befreien kann. Man traut auch jetzt ben Friedens- nerhanblungen in Ubschba nicht, bie von ben Delegierten Spaniens unb Frankreichs mit ben Bevollmächtigten Abb el Krims geführt werben. Die Zensur verhindert bie meisten Veröffentlichungen, man will Abb el Krim zerschmettert sehen, aber nicht mit ihm von gleich zu gleich verhandeln. Die Generale wollen einen Siegerfrieben, mit donquijottristischer Eifersucht wachen sie über das Prestige Spaniens in Nordafrika unb stellen sich baburch in Gegensatz zu ben Franzosen, bie, von finanziellen unb politischen Sorgen gebrängt, nur zu gern zu einem Ueber- einfommen im Rif gelangen möchten. Für Spanien ist bas Rif kein Staat unb demzufolge keine kriegführende Partei. Rebellen aber müssen gebemütigt werden. Nun scheint aber Abb el Krim keineswegs bereit, sich oernichtenbe Bebingungen biftieren zu lasten; denn wenn er auch militärische Schlappen erlitten hat und die Spanier seine Hauptstadt Adsch- dir an ber Bucht von Alhucemas besetzt haben, so kann er seinen Wibersachern boch noch beträchtlichen Wiberstand leisten. Man behauptet, Abb el Krim verfüge über wenigstens 7000 vortrefflich bewaffnete unb bisziplinierte reguläre Truppen unb über etwa 30 000 irreguläre Scharfschützen, bazu über einige Batterien, bie von kriegsgeübten Abenteurern manövriert werden. Im wilden, unzugänglichen Gebirge bedeutet bas eine große Kriegsmacht, bie zu
spiegel zum Hochzeitstanz aufspielt unb himmlische Heimkehr häU über die Milchstraße. Ober wenn er über den in Wintereinscunkeit Sterbenden: einen Heiligenschein wirst, und ganz zuletzt, ehe er grüßend vorn Leser scheidet, wenn er den Rarnen dieses unsterblich--deutschen Menschen tiefsinnig zu deuten sucht... — y—
Der gefangene Pfarrer.
..... Ich faste mein Leben im Licht ber Ewigkeit auf. Ich halte es für einen funbamentalen Glaubensartikel, baß Gott uns im Leben führt unb auch mit bem Schwersten im Leben, gegen bas wir nichts können, große Dinge vor hat. Freilich geht es babei absonderlich her. Etliche läßt Gott ewig in der «chützenschule sitzen. Sie haben ein geruhiges Leben, tun ihre Arbeit, freuen sich ihres Daseins. Wenn sie sterben, weint Weib unb Stinb über ben guten Menschen, ber ganz für sie lebte, unb in bem ihnen so viel stirbt. Andere nimmt Gott in die Hochschule. Er gibt ihnen große Gedanken und reiches Können. Sie haben ein bewegtes Leben, müssen mit ben falschen Gebauten unb schlechten Künsten allezeit im Felb liegen unb suchen, baß sie obsiegen mit ihren Gebauten unb ihren Künsten. Wenn ihr Stündlein vorhanden ist, und sie ihre Straßen ziehen, bann weint eine kleine ober große Welt über ben klugen Menschen, der ganz für sie lebt, unb in bem ihr soviel stirbt. Uno zuletzt wählt Gott einige aus ber Schützenschule unb etliche aus ber Hochschule aus, bie er für tüchtig befindet, und versetzt sie in die Kreuzschule. Er schickt ihnen Kreuz und Widerwärtigkeiten, beschwerliche Krankheiten bes Leibes, hohe schwere Leiben bes Gewissens, wie solche Leiben unb Trübsal alle zusammen gekommen sinb an bem heiligen Hiob. Unb bann stellt er ihnen bie Kreuzleiter frommer Christen hin unb sagt: steig hinauf, von ber ersten Staffel, so ba ist bie Trübsal selber, zur zweiten Sprosse, ber Gebulb, unb von ber zweiten zur brüten, so ba if^bei Erfahrung, unb von ber britten zur vierten, der Hoffnung. Die in der Kreuz- schule sitzen, haben ein hartes Leben, denn die Lehre vom Kreuz ist also beschaffen, daß sie aus ber Vernunft nicht kann gelernt werben. Wenn aber in
Sreltag, 7. Mai 1926
überwinden viel Geld unb Blut kosten wirb. Für die Rifer aber, für bie Nachkommen ber Vanbaien, ha« ber Krieg keine Schrecken. Wenn sie nicht gegen bie Ungläubigen ins Felb ziehen, so kämpfen bie Stämem untereinander. Seit den Zeiten der Römer hat im nie eroberten Gebirgsland, da» auch bie Sultane von Fez nicht unterwerfen kannten, nie mal? wirklicher Frieben geherrscht. Die Spanier ' haben vielleicht recht, wenn sie auch jetzt ben Per hanblungen in Ubschba nicht trauen unb sich keinen trügerischen Frieden aufbrängen lassen wallen.
Marokko Ist die Achillesferse der Monarchie unb der Diktatur. Das Volk ist marotfomübe, durch lange Jahre haben seine Söhne an ben rauhen 'Bergen von Beni Hozrnar karnpsen unb sterben wüsten, bie Felsen um Melilla sinb mit bem spani ichem Blut getränkt. Marokko legt bem spanischen Staatsschatz unerschwingliche Opfer auf, bie bie Finanzen aus bem Gleichgewicht bringen, unb boch vermag es Primo be Rivera, ber sonst alle» kann, nicht, sich vom Marokkobruck zu befreien. Unüber winbliche Schwieriokeiten der Inneren unb ber äußeren Politik stehen bem Diktator entgegen. Aber ber General ist Optimist, und er vertraut auf seinen Glücksstern. Das friebliche, in seiner Weltbebeutung auffteigenbe Spanien wirb schließlich unb enblich auch bie Marokkojchwierigkeiten überroinben können, selbst wenn diesmal die Friebeneoerhandlungen scheitern sollten.
Amerikanisches Kapital und europäische Arbeit.
Don Otto Corbach.
Die Lage auf den europäischen Arbeit» - Märkten bereitet führenden amerikanischen Staats- unb Wirtschaftsmännern seit Monaten viel Kopfzerbrechens. An unb für sich ist das mittel- und westeuropäische, zum Teil auch baß osteuropäische Wirtschaftsleben in großem Umfange zu einer Funktion amerikanischen Anleihesegens geworden. Ein Stocken amerikan. Kreditbereitschaft würde ohne weiteres die europäischen Arbeitslosenheere um neue Millionen anschwellen lassen. Zum Glück für die Alte Welt sind aber die Interessen des amerikanischen Finanzkavitals schon zu stark an die mühsam zustanbegebrachte verhältnismäßige Stabilität der wtrtschastlichen unb politischen Verhältnisse des europäischen Kontinents gebunden, als bah man es darauf ankommen lassen konnte, diese wiederum ernsthaft erschüttert zu sehen Nun ist zwar vorauszusehen, daß nach dem Zustandekommen der Fundierungsabkommen mit Italien und Frankreich amerikanische Kapital- Überschüsse weiter beträchtlich zunehmen werden, bie zur Dermeidung eigener JnslationSgefahren auf auswärtigen Märkten vorteilhafte Anlage suchen müssen, aber anttrer- seits geraten bie amerikanischen Exportinter- essen in immer stärkeren Streit mit dem Wett- bewerb europäischer Industrien, die gerade amerikanische Kredite instand setzen, ihre Maschinerie und ihre Methoden nach amerikanischem Muster zu vervollkommnen. Ohne eine solche Rationalisierung industrieller Detriebe, die in immer größerem Umfange menschliche Arbeitskräfte frei- seht, die Arbeitslosenheere also immer weiter an- schwellen läßt, könnten toi:herum die europäischen Wirtschaften den Druck ihrer Nachkriegsverschuldung gar nicht ertragen. Unter den herkömmlichen Verhältnissen bleibt also dem amerikanischen Finanzkapital nichts übrig, als immer neues Geld in das Danaidenfah des europäischen Kreditbedürfnisses zu schütten, trotzdem dadurch die Interessen des amerikanischen Export- industrialismus schließlich In einem Maße geschädigt zu werden drohen, daß für das amerikanische Gesamt-Dolksvermögen die Gewinne aus Kapital- anlagen in der Alten Welt illusorisch machen würde.
Das Problem, das es für das amerikanische Finanzkapital zu lösen gilt, besteht also darin, europäische Menschen in einer Weise zu beschäftigen, bie, anstatt die Wettbewerbsspannung auf dem Weltmark e zu vergrößern, sie im Gegenteil abzuschwächen geeignet wäre. Das aber ist nur auf kolonisatorischem Wege möglich. Wenn amerikanisches Kapital europäische Devölkerungsüberschüsse nach noch dünn besiedelten, klimatisch für sie geeigneten Ländern lenkte, so würden dort durch ihre Arbeit bald ganz neue Märkte entstehen, nicht nur für die Erzeugnisse ber Kolonisten, sondern auch für den Absatz sowohl europäischer wie amerikanischer ihrem Leben ber Sonnenschein hinuntergeht, unb bie bunkle Nacht bes Tobes start hereinbricht, bann meinen bie lieben Englein im Himmel unb alle Heiligen auf Erben über ben frommen Menschen, ber ganz für Gott lebte, unb in bem ihnen allen so Diel stirbt." Diese Worte sinb zu lesen im 11. Kapitel (2. Teil) eines Buches vom Prälaten D. Dr. Wilhelm Diehl, bas vor nicht langer Zeit in neuer Auflage erschienen Ist: „Der gefangene Pfarrer", eine geschichtliche Erzählung aus ber Zeit bes 30jährigen Krieges. (Dritte Auflage: 5. bis 7. T., L. C. Wittichsche Hofbuchbruckerei, Uarmftabt 1926.) In biefen Sätzen, bie bem Butzbacher Hof- prebiger Martin Helwig in ben Munb gelegt wer ben, umschließt sich bas, was vom Verfasser her als Bekenntnis hinter bem Buche steht unb was sich eindringlich richtet an bie besinnlichen Leser, bie ber Verfasser sich wünscht, an Männer unb Frauen unb vor allem auch an bie heranwach- fenbe Jugenb. Wer zu solcher Lebenskonfession, zu solchem Grunbglaubensartikel sich bekennt (wie ber gefangene Pfarrer unb Magister Hermann Schipper getan hat), ber kommt „trotz allem Brast unb Elena auf bes Lebens Höhen". Dieses: Trotz Tob unb Tränen! — bas mannhafte unb kernige Aufrechtstehen unb Kopfhochhalten im unerschütterten Glauben, bas ist ber ethische Kern unb bleibenbe Wert in ber Historie aus bem 30jährigen Kriege, in ber Lebens- unb Leibensgeschichte bes Magisters in Christo unb seiner getreuen unb liebreichen Ehefrau Kunigunbe ... Es ist eine Menge von Quellen, eine Fülle historischen Willens in bieses Buch hin eingearbeitet, bas sich, gleichwohl, nicht trocken ober nüchtern anläßt, sondern überall lebendig unb bich- terisch bleibt. (Ein klarer, einfacher, gebiegen-gegen- stänblicher Stil verstärkt biefen Eindruck.) Von besonderem Reiz ist überdies bie ausgesprochene, aus intimer Kenntnis unb herzlicher Liebe geschaffene Heimatfarbe unb Heimatstimmung, bie bie Schilde rung zu einer Hessenchronik im Rahmen des großen Krieges werden läßt. Aus allem Elend und Wirrsat einer traurigen und wüsten Zeit aber hebt sich, klar, herzhaft unb wegweisenb, bie bekennerische Ge statt bes gefangenen unb im rechten unb starken Glauben gestorbenen Pfarrers. 152


