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Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhrssen)

Nr. 5 Zweites Blatt

Donnerstag, 7. Zanuar 926

wirtschaftlich vorbereitet. Neben die Wehrmacht ist

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Landes getreten, und nur das Land wird im Falle

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die Nächte werde ich niemals vergessen!

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III. 3n der Taurischen Steppe.

Fast drei arbeitsreiche Monate lagen uns, als wir eines Tages den Entschluß dem gastsreundlichen Odessa den Rücken zu

du mein Sohn Brutus?! Die Sache wird brenz­lich, der Kapltän nimmt ab und zu einen Schluck aus der Flasche und wir fangen an zu singen. Als deutsche Lieder in diesen wilden Sturm hinaus- schallen, schaut der Kapitän sich um und sagt aus vollster Ueberzeugung:Ich habe es immer gesagt, die Deutschen haben den Teufe! im Leibe." Er hält unser Singen für Ausgeburten einer guten Laune. Wenn er gewußt hätteDer Sturm hält weiter an; unsere NußschaleSinowjew" hält sich aber er­staunlich, trotz des vielen Wassers, das sie schluckt. Gegen Mitag faßt uns der Sturm von der Seite. Wir fuhren wahre Tänze auf dem Schwarzen Meer auf, 45 Grad nach Steuer- und Backbord leet v unsereSinowjew". Alles an Bord rollt, Menschen, Kisten, Koffer. Ein. furchtbares Chaos.

Gegen Abend wird es ruhiger, wir kommen in die Bucht von Cherson. Alles atmet auf, furchtbar verkaterte Gesichter erscheinen an Deck. Man ver­sucht die Ordnung wieder herzustellen. Was das Meer nicht bereits von Deck gespült hat mit seinen gewaltigen Spritzern, wird mit Besen beseitigt. Mil leidenden Mienen erwarten die Russen das Ende der Fahrt.Einmal und nicht wieder" ist das allge­meine Urteil dec Passagiere. Lieber wollen sie vier Wochen auf der Eisenbahn liegen, als noch einen solchen Tag auf dem Schwarzen Meer erleben. Alle Gesichter erstrahlen in innerer Freude, als am Abend die Lichter von Cherson erscheinen. Wir müssen hier umsteigen, um den Dnjepr aufwärts zu fahren. In größter Eile nehmen wir unsere Sachen und laufen auf den Ponton, denn wir Haden 4 Stunden Verspätung. Selbst für russische Verhältnisse etwas viel. Der Pontonwärter emp­fängt uns lächelnd:Der Anschlußdampfer ist vor 10 Minuten weggefahren, denn hier bei uns in Cherson herrscht Pünktlichkeit! Der nächste geht in drei Tagen!!" Zunächst allgemein verblüffte Gesich­ter und dann folgt rasendes Geschimpfe, so wie es nur der Russe kann. Man schimpft auf alles, auf die neue Zeit mit ihrerPünktlichkeit", auf den Pon­tonwärter, den Sturm, den ftapitän, kurz auf alles. Nach einer Stunde ist die Ruhe wieder hergestellt, man hat sich in fein Schicksal ergeben. Die schönste Ueberraschung aber kam für uns Ausländer erst bei unserer Frage nach einem Hotel.Hotel" ist die

Reihe charakteristischer Stimmen aufweisen muß. Sie soll das Zarte und Düstere mit dem Heilen und Kraftvoll-Freudigen in sich vereinigen und in ihrem Klange das widerspiegeln, was in der Seele des Kirchenbesuchers vorgeht. Cs wäre aber fatsch, der Orgel nicht auch andere Aufgaben zuzuweisen. Selbst in den kleinsten Gemeinden kann man heule rein musikalische Veranstaltungen kirchlichen Charak­ters hören. Sie stellen an die Orgel besondere An- forderungen. Noch vor nicht allzu langer Zeit aber war ehf solcher Gesichtspunkt einfach undenkbar. Erst mit dem Aufkommen der Kirchsngesangvereine begann auch die außergottesdienftliche Verwendung der Orgel in größerem Maße. Solistische Darbietun­gen schlossen sich an und heischten von dem Orga­nisten besondere Schattierungen im Einzelspiel und zur Begleitung, Forderungen, die leider ost bet dem vielfach mangelhaftem Zustande der Orgeln nicht erfüllt werden konnten. Heute denkt man von vornherein anders. Man stellt sich bei der Disposi­tion einer Orgel auf die Nebenzwecke ein. So auch in Langsdorf. Die Zusammenstellung der Register ist dort glanzend und allen Anforderungen entsprechend durchgeführt, daß selbst verwöhnte Organisten ihre Freude an all den Möglichkeiten, die eine ver­ständige Ausnutzung gewährt, Haden müssen. Man vermag die neue Orgel vom zartesten Pianissimo bis zur brausenden Tonflut zu steigern. Ein Tritt

Der FlußdampferKarl Marx", der uns Ablauf unseres unfreiwilligen "Aufenthalts Dnjepr aufwärts bringt, ist ein fast vornehm gerichtetes Schiff, auf dem es wirklich ein Genuß ist, zu reifen. In Kachowka nehmen wir an einem eiskalten Hsrbstmorgen vorn breiten Dnjeprstrom Abschied, um unsere Reise in die Taurische Steppe anzutreten. Hier harrt unser wieder eine der vielen

Antwort,gibt es hier nicht mehr, sie sind ent­weder zerschossen oder ausgeplündert, wir müssen hier zwischen den Getreidesacken schlafen, auf dem Ponton im Fluß!!" Jetzt haben wir geschimpft, und zwar greulich, auf Rußland, auf die neue Zeit, auf die Zustände, besonders aber auf unseren Un­ternehmungsgeist, der uns in diese Lage gebracht hat. Zugleich habe ich aber begriffen, warum der Russe selbst auf kleinen Reifen so gewaltige Men­gen von Koffern, Kisten und Decken mitschleppt. Er kennt diese Art vonZwischenfällen" und sieht sich vor. Bald entsteht in der schaurigen Kalte, an der Mündung Dnjepr ein richtiges Nachtlager von Granada, zwischen den Säcken auf dem Landungs­steg von Cherson. Diese 3 Tage, besonders aber

Eine Meile durch deutsche Kolonien in Nutzend.

Von unserem ?-.Mitarbeiter^).

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willigte die Mittel, der Ortspfarrer einer der besten Musiker des Hessenlandes vereinbarte in vielen Unterredungen mit dem Orgelbauer und den Sachverständigen die kleinsten Einzelheiten, die ausführende Firma selbst setzte ihren ganzen Stolz darein, allen Anregungen zu entsprechen und die schließlich kontraktmäßig festgelegten Bedingungen aufs genaueste zu erfüllen.

So konnte das Werk entstehen, von dem wir hier sprechen. Die Kirche bot als einzigen Aufstel­lungsplatz die alte Sakristei, einen sehr beengten Raum. Der hessische Denkmalpfleger und das Kreis­bauamt zu Gießen besorgten die äußere Ausstel­lung, die Orgelbaufirma Förster & Nicolaus in Lich konstruierten in den gegebenen Raum ihr neuestes Werk, wobei sie in der Ausführung der Schreinerarbeiten von dem ortsansässigen Schrei­nermeister Krämer aufs beste unterstützt wurden.

Förster & Nicolaus" ist ein in kirchlichen Krei­sen guf bekannter Name. Deralte Förster", Jo­hann Georg Förster (18181902) ließ sich 1842 in Lich als Orgelbauer nieder. Er halte bei Drei- mann in Mainz und Bürge in Gießen sein Hand­werk erlernt und erwies sich in seinem langen Leben als ein denkender, mit der Zeit fortschrei­tender Meister und Künstler. Seine erste Orgel steht in Gettenau. Er, bekam dafür 596 fl als Ho­norar. Dann folgten in 60 Jahren (also bis 1903) hundert andere Orgeln, darunter als größte (mit 24 klingenden Registern) die zu Großen-Buseck. Zu seinen Ehren habe ich bei der Ablieferung der hun­dertsten Orgel (1903) einen kleinen Artikel in der Darmstädter Zeitung" erscheinen lassen, in dem die meisten dieser Werke namentlich aufgeführt sind. Wer sich dafür interessiert, möge ihn Nachlesen. Zu seinem Mitarbeiter und Nachfolger wählte sich der alte Meister seinen späteren Schwiegersohn, Karl Nicolaus, der den meisten Pfarrern und ihren Gemeinden als ebenso tüchtiger Vertreter seines Faches wohlbekannt ist. Er hat auch an dem Bau der Langsdorfer Orgel wesentlichen Anteil, wenn­gleich er infolge seines Alters die Hauptarbeit seinem hochbegabten Sohne, dem Orgelbaumeister Ernst Nicolaus überlassen mußte.

Seit jenem Jubiläum der 100. Orgel (1903) sind nun in rascher Folge noch 234 Werke hinzugekom- men. Die Langsdorfer Orgel ist das 235. Bemer­kenswerte Orgelwerke aus dieser Periode stehen in

nf, A. f*

interessantesten Klangzusammenstellungen sind durch sogenannte frei Kombinationen auf jede gewünschte Zeit hin sestzuhallen. Das Werk reagiert auf die kleinsten Willensäußerungen. Nur muß man dos alles gut verstehen und in diesem Studium seine besondere Freude finden. Denn eine moderne Orgel ist ein Kunstwerk, bei dem das eigentlich Handwerk­liche nicht unbeträchtlich in den Hintergrund tritt Sie ist die Quelle einer langen Reihe von Möglich­keiten des Gefühlsausdrucks, ein Lebendiges, bei dem es auf die Erschließung seines tiefsten Wesens ankommt.

Doch genug. Es bleibt nur noch übrig, zu diesem Werke nicht nur die Firma Förster und Nicolaus in Lich, sondern auch die Gemeinde Langsdorf, die mit idealem Sinne und vorbildlicher Tatkraft diese Zierde Oberhessens geschallen hat, zu beglück­wünschen. Dr. Karl Schmidt- Friedberg.

Die neue Orgel in Langsdorf.

In der freundlichen Dorfkirche zu Langsdorf in Oberhessen steht seit einigen Wochen ein neues Or­gelwerk, das nicht nur den Gemeindeangehörigen Gegenstand berechtigten Stolzes ist, sondern auch manchen Freund der musica sacra in seinen Bann ziehen wird.

Lang ist der Weg, ehe ein solches Dokument heimischen Fleißes und heimischer Künstlerschaft fertig an Ort und Stelle steht. Denn eine richtige neue 'Orgel ist das Resultat gemeinsamer liebe­voller Arbeit von Ortspfarrer und Kirchenvorstand, von Sachverständigen verschiedener Gebiete (Mu­siker und Architekt) und der die Aufgabe ausführen­den Orgelbauanstalt. Sie verlangt von allen ein groß Teil persönlichster Anteilnahme, wenn das Werk vom ersten Augenblick an bis zur llebergabe an die Gemeinde so gedeihen soll, wie es er­wünscht und nötig ist. Insbesondere muß dem Kir­chenvorstand ein solches Unterilehmen heilige Sache fein. Er hat für die Kosten aufzukommen, er muß all die Schwierigkeiten überwinden, die sich in den meisten Fällen ergeben; er darf beim Stocken des Ganzen nicht verzagen und damit vorhandene Hemmnisse verstärken. Ihn darf nur der eine Ge­danke leiten: Wir schaffen ein Werk, auf das wir stolz sind, und an dem noch unsere Kinder und Kindeskinder ihre Freude haben sollen. Wir über­nehmen Verpflichtungen, die, so schwer sie auch sein mögen, überwunden werden müssen, weil das Ganze unter dem Zeichen steht Soli Deo gloria.

Aber auch die Sachverständigen müssen die Liebe zur Sache, ohne die kein Gedeihen ist, in reichem Maße aufbringen. Der Architekt hat für den kunstgemäßen äußeren Einbau zu sorgen, dabei nicht selten die Wünsche des Denkmalpflegers zu be­achten und darf doch auch dem Orgelbauer keine unüberwindlichen Aufgaben stellen. Der Musiker rntwirft in großen Zügen die zukünftige Gestalt des Werkes unter Berücksichtigung der gegebenen Ver­hältnisse und besonderer Wünsche. Der Orgelbauer stlbst aber bringt den [eftgelegten Plan zur Aus­führung und muß dabei mit den Neuerungen oer- lraut sein, ohne die seine Arbeit modernen An- i°rberungen nicht entspräche.

All diese Faktoren haben bei der Langsdorfer Or9d zusammengewirkt. Der Gemeindeoorstand be-

Ueberrafthungen, an denen die Reisen im Osten so reich find. Die Pferde, auf die man hier doch bei dem völligen Fehlen jedes anderen Verkehrs­mittels angewiesen ist, sind furchtbar knapp. Die Kämpfe und Requisitionen der Weißen und Roten Armeen haben hier unter den Pferden stark auf­geräumt. Es herrscht ein ausgesprochener Mangel an Zugkräften. Kein Bauer erklärt sich bereit, seine Pferde für die weite UeberlanbrCife, die wir vor-

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haben, herzugeben. Endlich werden wir nut bim Besitzer von 2 Dromedaren hanbelseiuig, er will die Fahrt unternehmen. Wenn ich bis dahin von Dromedaren, als denedlen Rennern der Wüste" eine hohe Meinung gehabt habe, so ist dies jetzt end» gültig vorbei. Diese Bestien gingen trog aller Auf» inumerungsversuche mit Stock und Peitsche immer nur unter grauenhaftem Geblöke langsam Schritt und das während einer Reise von fast -1 Tagen in der weiten cinsamen Steppe bei bitterer Kälte. So find denn diese beiden edlen Wüstentiere auch Schuld daran, daß wir unser Reiseziel nicht mehr vor Eintritt der großen herbstlichen Regenperiode erreichten und so unfern ganzen Reiseplan Um­stürzen mußten.

Hier im Jekalerinoslawer Gouvernement, in­mitten der Taurischen Steppe, wohnen die inter­essantesten Kolonisten deuljcrer Abstammung, die Mennoniten. Ursprünglich aus Holland ftammcnb, wohnten sie im 17. und 18 .Jahrhundert auf den Weichselwerbern in der Umgegend von Danzig. Hier mürben die Mennoniten, die eine besondere Selle bilden und den Eid sowohl wie die militä­rische Dienstpflicht als mit der Heiligen Schrift nicht vereinbar verwerfen, von der barnals sehr unduld­samen Landeskirche als Ketzer und Abtrünnige be­handelt, so daß sie der Slufforbcrung Katharinas II., nach Rußland zu kommeii, gerne Folge leisteten, um so mehr, als ihnen hier Land und volle Aner­kennung chrer Grundsätze versprochen wurde. Hier find sie treue Untertanen des russischen Reiches ge­worben unb haben besonders in ihrer Eigenschaft als überaus fleißige unb begabte Landwirte in Sübrußland eine vorbildliche Tätigkeit entfaltet, die bedeutende Teile der Taurischen Steppe über­haupt erst in Kultur nahm. Ihre Wirtschaften, die mit Recht als Musterwirtschaften gelten, sind die Heimat des heute über ganz Sübrußland verbrei­teten roten deutschen Viehs, das wegen seiner guten Eigenschaften unb hohen Milcherträge bas einhei­mische Vieh mehr und mehr verdrängt und sicher einmal die alleinige Rinderrasse Südnißlands sein wird. Unter der Einwirkung vonJBürgertrieg unb Revolution sind auch hier in ber Taurischen Steppe bebeutenbe Kulturwene gewaltsam vernichtet wor­den, die es nuh im Laufe der kommenden Jahr- zehnte wieder aufzubauen gilt.

Ein besonders deutliches Bild der heute dort herrschenden Zustande gab das Dorf Marianowka, das wir nach etlichen Kreuz- und Ouerfahrten mit unserenschnellfüßigen" Dromedaren erreichten. Ein kleines deutsches Dorf in ber weiten einsamen russischen Ebene zerstreut, weit entfernt von jeder Kultur, ganz auf sich allein angewiesen. Die einzige Verbindung mit ber Außenwelt stellt bie alle 8 Tage einmal fommenbe Post her, bie mit großem Inter­esse erwartet wird. Das Auftauchen eines beutschen Lanbsmannes inmitten biefer Einöbe ließ alle Dorf- emwohner zusammenlaufen. Erst am Abend, als wir in ber Klasse ber kleinen Dorfschule saßen, an bereu Tafel sich noch die ersten beutschen Echreid- versuche ber Dorfjugenb befanden und eine lebhafte Unterhaltung im Gange war, glaubte man mir wirklich, daß ich ein Deutscher aus dem fernen Deutschland unb kein Spion sei, ber bie politische Gesinnung ber Bauern ausforschen wolle. Durch bie traurigen Erlebnisse sinb bie Menschen hier furchtbar mißtrauisch geworben und erst als wir Zutrauen zueinander gewonnen hatten, haben sie mir von ihren Freuden und Leiden erzählt. Hierbei über­wiegen die Leiden aber bei weitem. Vor dem Kriege war das Dorf recht wohlhabend, jedgr Bauer hatte Pferde und Rinder in Hülle und Fülle. Der Bürgerkrieg mit seinen Plünderungen zusammen mit den hohen Steuern hat vollständige Verarmung hervorgerufen. Der einzelne Bauer kann fick allein nicht mehr helfen. Das ganze Dorf hat zusammen nur noch 6 Pferde, so baß man heute auf gemein­schaftlicher Basis, in einem sogenanntem Dvrfartjell leben unb arbeiten muß, in welchem alle Trümmer des einstigen Wohlstandes zursammengetragen sind. Die Feldslur wird vom ganzen Dors gemeinsam mit den geretteten Pferden und Geräten, an denen es besonders fehlt, bearbeitet und auch gemeinsame Ernte gehalten. Das ist praktischer Agrarkommu- nismus! Erfrischend ist es, den trotz allem nicht er­loschenen Mut dieser deutschen Bauern hier zu sehen, die auf bessere Zeiten hoffen und ihnen auch hoffentlich entgegengehen werden. Denn verdient haben sie es wahrlich. Als ich nach fast 3 Tagen, die ich hier festgehalten wurde, meine Reise fort setzte, fang mir bie Schuljugenb unter ihrem Leh­rer, einem einfachen Bauern, das alte Adschiebs-

Auerbach, Eberstabt bei Darmstabt, Roßdorf, Gu- staosburg, Bechtheim, Alsfeld (Walpurgiskirche), Lich, sowie in Hohenhaus bei Eisenach und Dittels- rode in Unterfranken, odjon aus diesen kurzen Angaben läßt sich ersehen, welchen Aufschwung in­zwischen bie Firma Förster & Nicolaus nahm, zu­gleich auch, welchen Anforberungen sie genügen konnte.

Seit ungefähr 1900 datiert ein neuer Auf­schwung ber Orgelbaufunft insgemein. Die alten Meister, ein Esajas Compenius, Zacharias Hilde- branb, bie Silbermann unb bie vielen anberen, bie unsere Kirchen mit Werken geziert, bie zum Teil noch heute unsere Bewunberung erregen, würben staunen, wenn sie heute einmal sehen könnten, was ihre Nachfolger, wie Cavaills-Col, Labegast, Walcker, Weigle, Sauer und wie sie alle heißen, als ein Orgelwerk ihrer Zeit bezeichnen. Sie wür­ben aber auch ber kleineren Firma Förster & Ni­colaus bas Zeugnis ausstellen, baß sie mit ber Zeit gegangen, bie überaus zahlreichen Neuerungen der letzten Jahre sich zu eigenn gemacht und gar selbst bei ber Entwicklung mitgeroirft hätte. Karl Nicolaus nämlich (ber Vater) ist ber Erfinder des freifchwe- benben Ventils unb ber Windlade mit den frei» schwebenben, nach unten schließenben Ventilen, einer Vorrichtung, die sich seinerzeit gut bewährte. Unb was ber Vater begonnen, setzt ber jüngere Nicolaus, ber ein ausgesprochenes Talent für feine Kunst besitzt, im Verein mit tüchtigen Mitarbeitern unentwegt fort.

So nimmt es nicht wunber, wenn bie Langs- borfer Orgel ein kleines Juwel ist. Sie besitzt 19 flingenbe Register, 5 Koppeln, 4 feste Kombinatio­nen, 1 freie Kombination, 1 Crescendo und De- crescenbo-Walze, Echowerk, ein besonderes Piano- Pedal und manches andere, was nur den Fachmann interessiert. All die Pfeifen, Laden, Röhren usw. mußten auf einen unglaublich engen Raum zusam- mengepreßt werden, eine Leistung, die früher, als man noch mit Stangen, Abstrakten, Winkelhaken u. a. operieren mußte, einfach unmöglich gewesen wäre und erst gelöst werden konnte, seitdem man mit Pneumatik oder Elektropneumatik arbeitet.

Im allgemeinen dient nun eine Orgel den gottesdienstlichen Zwecken, für die sie, gemäß den Forderungen des Kirchenjahres ober anberer kirch­lichen Einrichtungen, eine kleinere ober größere

unb bie deutschen Kolonisten in ber Taurischen Steppe nördlich unb östlich ber Krim aufzusuchen, bie hier inmitten ber freien Steppe ein halbver­gessenes Dasein leben. Es ist im höchsten Grade zu verwundern, daß, wenn man von deutschen Bauern im Osten sprechen hört, bie Kolonisten an ber Wolga unb im Kaukasus wohl bekannt zu sein pflegen, man aber selten ber deutschen Bauern Süd- rußlands gedenkt. Dies ist um so erstaunlicher, wenn man bedenkt, daß bie südrussischen Kolonisten nicht nur rein zahlenmäßig (z Millionen Seelen), son­dern auch wirtschaftlich unbestreitbar die stärkste Gruppe aller deutschen Kolonisten in Rußland dar­stellen. Eine Erklärung findet diese Erscheinung einmal durch das im höchsten Grade mangelnde Interesse für deutsche Landsleute im Ausland- überhaupt, sondern aber durch die überaus schlech­ten Verkehrsverbindungen, unter denen die Kolo­nien in der Taurischen Steppe so besonders stark zu leiden haben. Gerade diese Reise durch die süd- russische Steppe zum Besuch deutscher Landsleute wird mir durch ihre fast grotesken Verkehrsverhält­nisse zeitlebens im Gedächtnis bleiben und gibt ein echtes Bild östlicher Reiseverbindungen,. die sich ab­seits ber großen Schnellzugslinien an Saumselig­keit unb Verspätungen gerabezu überbieten.

Eine recht kräftige Morgenbrife, die den kom­menden Winter ahnen läßt, weht im Odessaer Ha­fen, als wir um 8.30 Uhr morgens unfern kleinen DampferSinowjew" besteigen. Fahrplanmäßig soll er zwar schon um 8 Uhr abgefahren sein, aber wir kennen russische Gemütlichkeit bereits zur Ge­nüge und haben eine halbe Stunde zugerechnet. Trotzdem geht es aber erst nach 9.30 Uhr los, denn ber Kapitän war noch nicht ba unb ben können wir boch kaum zurücklassen. In stolzem Bogen verläßt unserSinowjew" ben Dbeffaer Hafen unb hinaus geht es aufs Schwarze Meer mit Kurs nach Cherson an ber Mündung des Dnjepr. Die frische Morgenbrife geht allmählich in einen ber wilben stürme über, für die das Schwarze Meer so berüchtigt ist. Mit prüfenden Augen beschaue ich unfern kleinen Dampfer mit dem stolzen Namen, der früher ein kleiner Fluß- bampfer war unb burch unbekannte Verbienste zu einem Schwarzenmeerbampfer avancierte. Er macht einen wenig vertrauenerweckenben Einbruck; ber Sturm spielt mit ihm wie mit einer Nußschale. Bald sinb wir in einem Wellental, bald oben auf einem Wellenberg. Ein wilder Tanz beginnt. Das Vorderdeck wird geräumt, die Passagiere werden im Mittel- unb Hinterbeck zusammengebrängt. Ein furchtbares Elenb unter ben Passagieren, wie man es auf bem Atlantischen Ozean nicht schlimmer er­leben kann, beginnt. Die Russen, reine ßanbratten unb sehr wasserscheu, opfern in ungeahntem Um­fange dem Meergotte,nach Riga fahren" wie es im Russischen heißt. In einer Stunde sind sämtliche Fahrgäste ergriffen, ein furchtbares Gewimmer be­ginnt, jeder opfert, wo er gerade steht, in der Kajüte, auf Deck, zwischen Koffern und Kästen dem Neptun. Ein furchtbarer Schmutz allenthalben, in ben sich bie Wellenspritzer mischen. Auch bei uns, die wir sonst erproot seefest sinb, regt sich Sympathie. Der Sturm ist auch zu arg geworben, man taumelt von einer Wcmb zur anberen. Der Russe hat recht, wenn er sagt: Das Schwarze Meer hat ben Teufel. Wir flüchten aus bem Chaos bes Mittelbecks oben zur Kommanbobrücke hinauf, um wenigstens irsiche Luft zu bekommen unb nicht burch den Anblick weich zu werden. Der Steuermann steht hinter dem Windschutz und macht seltsame Verrenkungen. Auch

*) Vergl. Nr. 273 unb 289, Jahrgang 1925 bes Gießener Anzeigers".

Wirtschaftliche Mobil­machung.

Von unserem militärpolitischen Mitarbeiter.

Auch das neue Werk des Reichsarchivs,Der Weltkrieg 1914/18", 1. Teil, läßt keinen Zweifel darüber, daß die deutsche Mobilmachung, so vor­züglich sie fn ihrem rein militärischen Teil sich be- wahrt hat, in wirtschaftlicher Beziehung versagte. Das 3. Heft dieses Werkes behandelt eingehend die Frage derKriegsduuer und Wirtschaft". Es geht deutlich daraus hervor, daß die wirtschaftliche Vor­bereitung Deutschlands für ben Krieg unzulänglich war. Es waren zwar Gelbmittel für ben Ausbruch des Krieges bercitgefteUt in Form bes sog. Neichs- kriegsschatzes. Die Frage ber Volksernährung war jedoch praktisch nicht geklärt. Auch war nichts ge­schehen, um bie anberen, für eine lange Kriegs­führung notmenbigen Rohstoffe (Metall, Wolle, Baumwolle, Salpeter) in genügenben Mengen sicherzustellen. Es ist kein Zweifel, baß bie Wiber- stanbskrast bes deutschen Heeres mit infolge Mate­rialmangels zusammengebrochen ist.

Durch den Versailler Vertrag ist uns Deut­schen jede Vorbereitung auf einen künftigen Krieg untersagt. Es müssen daher die aus bem unglück­lichen Äriegsausgang zu ziehenben Schlußfolge­rungen in bezug auf Mobilmachung unseren Geg­nern überlassen werben, unb ba ist es in erster Linie Frankreich, das zahlenmäßig und hin­sichtlich der Ausrüstung das stärkste Heer der Welt besitzt, bas bie Mobilmachung in wirtschaftlicher Beziehung am besten vorbereitet hat.

DasOberste Lanbesverteibigungsarnt" ist bie neugeschaffene Stelle, unter deren Leitung alle mit der "wirtschaftlichen Kriegführung zusammenhängen­den Fragen bearbeitet werben. Alle wirtschaftlichen Kräfte unterstehen ber alleinigen Verfügung bes Obersten Landesverteibigungamts". Dieses gibt jchon im Frieden für jebe Fabrik bestimmte An­weisungen, welche Lieferungen sie im Kriegsfälle zu leisten hat. Im Augenblick ber Mobilmachung rfolgt bann die Ueberführung aller Inbustrieunter- nehmungen, ebenso wie bie ber Banken, in ben Kriegszustand. Sollen diese Umstellungen reibungs­los und rasch vor sich gehen, so müssen schon im Frieden gewisse Vorbereitungen dazu getroffen sein. Auch drückt dasOberste Landesverteidigungamt" darauf, daß Gerät, das sowohl im Frieden für wirtschaftliche wie im Kriege für militärische Zwecke benötigt wird, in einer, beiden Zwecken ent­sprechenden Form hergestellt wird.

Besonderen Wert legt dasLandesverteidigungs- amt" darauf, baß alle Metalle und chemischen Er­zeugnisse, bie für bie Kriegführung notwenbig sinb, rn genügenden Mengen schon im Frieden bereit- gestellt sind. Frankreich stellt ausgedehnte Versuche an, um völlig unabhängig von ausländischen Roh­stoffen zu werden. Durch hohe Subventionen unter­stützt der Staat alle für die Kriegführung wichtigen Industrien.

Auch die Wirtschaft ist in Mobilmachungsbezirke eingekeilt, die die Unterverteilung der Ausgaben unb ihre Durchführung zu überwachen haben. Jeber einzelne französische Staatsbürger, ohne Rücksicht auf Geschlecht unb Alter, ist verpflichtet, im Inter­esse ber Landesverteibigung bie Aufgaben zu er­füllen, die ihm vom Staat zugewiesen werden. So tritt neben die militärische gleichberechtigt die wirt­schaftliche Dienstpflicht. Dadurch ist von Anfang an der Zwiespalt zwischen Pflicht und Entschädigung ber waffentragenden Bevölkerung einerseits und Pflicht und Entschädigung ber arbeitsbienstpflich- tigen Bevölkerung ausgeschaltet, ber bei uns so unheilvolle Folgen hatte.

Frankreichs Beispiel ist eine Reihe von Staaten gefolgt, allen voran natürlich die französischen Vasallenstaaten. Aber selbst bie Vereinigten Staaten, bie boch aus eigener Kraft ihren Kriegsbebarf sich verschaffen können, haben sich ein- gehenb mit dem Problem ber wirtschaftlichen Mobil­machung befaßt. Eine große Anzahl von amerikani­schen Fabrikbetrieben haben im April vorigen Jah­res eineProbemobilmachung" über sich ergehen lassen müssen, bie zur Zufriebenheit ber staatlichen Stellen ausgefallen ist.

So wirb, während in Genf der Abrüstungs- gebanfe in die Welt hinausposaunt wirb, hinter den Kulissen klarer unb cinbringlidjer beim je ber Krieg

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