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Nr. 285 Erstes Blatt

U6. Jahrgang

Montag, 6. Dezember 1926

Erlchelnl raglich,außer Sonntags und Jwertags

Beilagen.

Gietzener Jamilienblättei Heimat im Bild Die Scholle

Monatt.kezvgrxreis.

2 1Retd)smarh und 20 Reichspfennig für Träger, lohn, auch bei dichter« Keinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernfprechanl chlSlfe: 51, 54 und 112.

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Gietzeim AWiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Vrvck und Verlag: vrühl'jche Unioerfilälr-Vuch- und Stcinörudcret L Lange in Gietzen. Zchriftleitung und Sefchäftrftelle: Zchulftralfe 7.

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Chefredakteur

Dr Fnedr Wilh Lange. Serantroortlid) fürPolitik Dr. Fr Wilh. Lange, für Feuilleton Dr H.Tbyriot; für den übrigen Teil Ernst Slumschein; für den An« zeigenteil i.Vertr. H.Deck« sämtlich in Dietzen.

Das Ergebnis des Volksentscheids in Hessen.

Die Landtagsauflösung bei schwacher Wahlbeteiligung mit 219 453 gegen 202 657 Stimmen abgelehnt.

Der Volksentscheid über die Auflösung des »fsischen Landtages hat n i ch i den dollen Erfolg »babt. den seine Veranstalter erhofft hatten. Wohl haben in der Provinz Oberhessen, und Ker namentlich in dcn überwiegend ländlichen Kreisen, wie z. D. Schotten, Lauterbach, Als- M> und Büdingen, die Parteien des TBirt- s Hafts- und Ordnungsblocks einen glatten Sieg davongelragrn, und auch in den anderen beiden Provinzen gelang es ihnen, eine erhebliche Htimmenzahl auf sich zu vereinigen. Doch in den industriellen Gebieten Starkenburgs und in Rheinhessen, namentlich in Mainz, dem Haupt- lltz des Zentrums, sind diese Erfolge des Wirt- fchafts- und Ordnungsblocks durch die Stimmen der KoalitonSporteien erheblich überholt wor­den. Immerhin ist bei Betrachtung der Der- gleichszisfern von der Landtagswahl des Jahres 1924 zu sagen, daß es der Rechten diesmal in den meisten Fällen besser gelungen ist, ihre Anhänger an die Wahlurne zu bringen als den Linksparteien, die im Allgemeinen bisher über eine erheblich bessere Parteid sziplin verfügten. Das wird, soweit man dieS heute schon beurteilen kann, vor allem daran gelegen haben, daß die rheinhessischen Dauern sich wohl in der Hebcr- zahl der Stimme enthalten haben dürsten. Das bedeutete natürlich ein erhebliches Desizst auf lxm Konto deS Zentrums.

Die W a h l b e t e i I i g « n g im allgemeinen niufj mit ungefähr 45 Prozent als überaus schwach bezeichnet werden. Die Wahlmüdigkeit des hefsi- 'chen Volkes h.tt mit d'efem Volksentscheid einen Rekord erzielt. Die Gründe dafür liegen auf verschiedenen Gebieten. Einmal ist damit ein neuer Beweis erbracht, daß man mit vielen Abstiinmungen, wie sie das parlamentarische Re­gime mit sich gebracht hat, bei der breiten Masse deS Volkes .ineswegS ein erhöhtes Interesse für die Politik erzielt. Ach der sich seiner Ver­antwortung gegenüber Staat und Volk durchaus bewußte Slaalsbürger wird abgestumpft durch die Vielhest und die Vielfältigkeit der Wahlaste. Die ßtofjc Schar der Richtinteressierten, um die ja in jebem Wahlkampf die Parteien in allererster Linie zu ringen haben, wird von Wahl zu Wahl immer größer. Auch der erbittertste Wahlkampf zieht nur ganz wenige in seinen Dana, und zwar im allgemeinen nur die, dir nicht mehr über­zeugt zu werden brauchen: die große Menge der volitisch Urteilslosen steht zumeist gleichgültig beiseite. Diese Gruppe erhält von Jahr zu Jahr mehr Zuzug von denen, die der heute in Deutsch­land üblichen Herrschaft der Parteien überdrüssig änd, weil sie meinen. baf3 diese Lleberspitzung des Parlamentarismus die schöpferische Kraft deS einzelnen tötet, daß die parlamentarische Wstimmimgsmaschinc bedeutende Kopse, neue Ideen niederwalzt.

In unserem speziellen Falle hat nun die außerordentlich lange Zeitspanne, über die sich die Aition des Wirtschaftund Ordnungsblocks erstreckt hat, auf die Beteiligung am Volksent­scheid gewiß nicht sördernd gewirrt. Wir müssen uns daran erinnern, daß bereits im Sommer vorigen JahreS in einer Reihe von Zeitungs- aussähen n;it der Kritik an der Finanzpolitik der hessischen Regierung begonnen wurde. Schon int vergangenen Winter setzte die große Protest­bewegung unter den Dauern Oberhesfens und Starkenburgs ein. die im Frühjahr in großen Versammlungen, wie wir auch hier in Gießen eine erlebt haben, ihren Höhepunkt erreichte. Obwohl das dann auf Antrag der im Wirt- schasts. und Ordnungsblock zusammengcschlossenen 'Parteien cingeleikete Volksbegehren das -Lehrsache der erforderlichen Stimmenzahl ergab, gelang es der regierenden Koalition durch eine rücksichtslose Verschleppungstaktik in dem berüch- .tigten LandeSabstimmungsauLschuh, die Entschei­dung über He Zulassung des Volksentscheids biÄ in den Spätherbst hinein hinzuhalten. So war bei weiten Kreisen der Devölkerung das Interesse an der zur Entscheidung gestellten Frage der Landtagsaullösung bereits stark er­lahmt, als endlich Ende Oktober der Tag des Volksentscheides von der Regierung festgelegt wurde. Gleichzeitig setzte der .Kampf um die ISeele des Wählers ein, der, ie näher der Termin der Abstimmung rückte, um so erbitterter wurde. Wir sind der festen üeb.r^ugunq. daß die außerordentlich scharfe Form dieses Wahllompses. die in manchen Fällen das zulässige Maß weit Iüberschritt und sogar das politisch Gebotene nicht mehr im Auge behiest, der Sache selbst nicht gedient hat. Weite KrMse der Devölkerung in Stadt und Land waren nicht in der Lage, diesen Weg des politischen Kampfes mitzumacher.

Uebcrblitfl man die politische Lage in Hessen, wie sie sich nach diesem Volksentscheid ergibt, so wird man davon ausgehen müssen, daß die Abstimmung im Vergleich xu den letzten Landtagswahlen im ganzen mit 202 657 Stimmen gegen 251 339 im Jahre 1924 für die Parteien der Rechten ver- hältnismäßig einen erheblichen Zuwachs bedeutet, gegenüber den 219 453 Stimmen, die die Koalition»- Parteien von 373 793 Stimmen im Jahre 1924 für sich erhalten konnten. Dabei sind natürlich die fae- 'onöeren Umstände in Rechnung zu stellen daß die Kommunisten für die Landtagsauflösung ge­stimmt haben, spater jebodjjür eine Regierungsbil- trtng der Rechten nicht in Frage gekommen wären,

und daß auf der anderen Seite, wie schon gesagt, die Stimmenchaltung unter der rheinhessischen Bauernschaft dem Zentrum gewiß erheblich Ab­bruch getan hat. Das Ergebnis des Volksentscheids ist also für die Regierung der Weimarer Koalition ein Menetekel, das sie nicht aus dem Winde schlagen darf, wenn sie nicht bei den Landtags- wählen im lammenden fjerbft sich auf ihr gewiß unliebsame Ueberraschungen gefaßt machen will. Sie wird also gut daran tun, mit allem Ernst und unter Zurücksetzung aller parteipolitischen Interessen an die Durchführung ihres Sparprogramms zu denken, das ja nach den Mitteilungen des Herrn Finanzministers dem Kabinett bereits zur Beschluß­fassung vorliegt. Das Plus von 17 000 Stimmen gegenüber einem früheren Uebergewicht von über 120 000 Stimmen sollte den Regierungsp irteien eine nachdrückliche Warnung fein, den Bogc. nicht zu

überspannen, sondern sich mit der Opposition trotz aller Schärfen, die dieser Wahlkampf faedauerlichcr- roeife gezeitigt hat, zu fruchtbringender Arbeit im Intereste des ganzen Volkes zuiammenzufinden. Wir sind überzeugt, daß auch die Parteien der Opposition die gebotene Hand nicht ablehnen wer­den, hat doch die Rechte bisher schon in vorbildlicher Weise gezeigt, daß man auch in der Opposition posi­tive Arbeit leisten kann, ohne auf seine grundsätz­liche Einstellung der derzeitigen Regierung zu verzichten. Wenn eine derartige Politik auf beiden ©eiten die im Wahlkampf leider aufs äußerste zugespitzten Gegensätze abschleift und min- dert, wenn auf beiden Seiten wieder rein sach­liche Momente in den Vordergrund gerückt werden, bann ist zu hosfen, daß auch dieser unent­schiedene Wahlkampf unserem Hessenvolke als Ge­samtheit zum Heile dienen wird.

Das Abstimmungsergebnis.

Kreise bzw. Provinzen

Opposition

Koalition

Vergleichs­ziffer Landtags­wahl 7.12.24

Ja

Vergleichs»

Ziffer Landtags­wahl 7. 12. 24

Nein

Kreis Darmstadt ..................

36 124

29 320

42 596

27 860

Bensheim...................

11 678

9 310

18 686

9 618

Dieburg....................

12 499

9 631

17 227

9 984

Erbach....................

10 075

8 013

10 594

6 530

Groß-Gcrau..................

11 451

10 588

19 249

10 097

-Heppenheim..................

6 391

3 748

14 829

6711

Offenbach a. M.................

31 300

24 755

57 556

35 816

Provinz Starkenburg.................

119 518

95 365

180 737

106 516

Kreis Gießen....................

24 759

18 498

21 622

14 643

.. Alsfeld....................

10 571

7 781

4 861

2 980

Büdingen...................

10 984

8 246

6 872

3 432

Friedberg...................

19 124

15 460

24 194

16 858

Lauterbach..................

8 803

6 335

4 190

1 823

Schotten...................

8 680

6 928

3 272

1 757

Provinz Oberhessen.................

82 821

63 248

65 011

41 493

Kreis Mainz....................

13 377

12 965

58 984

33 491

Alzey.....................

6 000

4 820

12 386

6 744

Bingen....................

4 160

4 079

15 517

6 393

Oppenheim..................

6 850

5 980

14 502

7 379

Worms....................

18 613

16 007

26 656

17 110

Provinz Rheinhessen..................

49 000

43 851

1£8 045

71 117

Hessen Gesamt...................

251 339

202 657

373 793

219 453

Tie Dergleichszahlen find bet vorigen Land­tagswahl vom Z. Dezember 1924 entnommen. Unter der Rubrik ^Koalition" (Rein") sind die gegenwärtigen Regierungsparteien (Sozialdemo­kraten, Demokraten und Zentrum), unter der Rubrik'Opposition" (3a) alle übrigen Par­teien deS Landtags, einschließlich der Kommu­

nisten, die ja erklärt haben, für die Auflösung zu stimmen, zusammengefaßt.

Die Zahl der Stimmberechtigten betrug bei der Landtagswahl am 7. Dezember 1924 nach der amtlichen Feststellung 846 196 Personen, die Wahlbeteiligung bezifferte sich auf 67 Prozent.

Die Genfer Ratstagung.

Die PariserVorkonserenz

In der französischen Hauptstadt haben sich die Minister des Auswärtigen von England, Frantreich, Belgien und Polen ein Stelldichein gegeben, um die Fragen zu besprechen, die in Genf auf der Ratstagung die Hauptrolle spielen werden. Tie Meldungen der Pariser und Lon­doner Presse gehen über das Ergebnis dieser Aussprachen, namentlich über die zwischen Eham- berlain auf der einen, Briand und Poincars auf der anderen weite, sehr stark auseinander. Geflissentlich wird betont, daß stets die größte Herzlichkeit an den Tag gelegt worden sei. aber während die einen darüber hinaus von völliger Einmutigke.it der Auffassungen sprec^n, lassen die anderen deutlich durchblickrn, daß nach wie vor große MeinungSverfchieden- Heiken vorhanden sind. Die Krone seht allem unser polnischer Freund Zaleski auf, der mit echt polnischer Unverfrorenheit erHärte, er be- glückwünschte sich zu der glücklichen Wendung, die die deutsch-polnischen Handelsvertragsver- banMungen genommen hätten welche Wen­dung darin besteht, daß der polnische Delegations- führer seit einigen Wochen in Warschau wellt und nichts von sich hat hören lassen.

Es kann wohl keinem Zweifel unterlegen, daß Briand und Chamberlain nicht zu einer vorherigen Einigung über die beiden wichtigsten Fragen gelangt sind, die zur Zeit erledigt wer­den müssen, über die Militärkontroll- und über die Jnvestigationsfrage. Dieses negative Ergebnis läßt zwar nicht allzuviel von den Verhandlungen in Gens erbosten, hat aber für uns immerhin wenigstens den Dortell, daß wir unter diesen llmständen nicht von vorn­herein einer geschlossenen Front enuoecstehen. Es muh überhaupt in Deutsch­land höchst eigenartig berühren, wenn sich die maßgebenden Minister der anderen Ratsmächte vorher am dritten Ort treffen und zu verab­reden versuchen, welche Stellung sie zu den deutschen Forderungen einnehmen wollen. Das

ist ein sehr gefährliches Beginnen, denn es schließt ein wirkliches Verhandeln unter Gleichberechtigten aus und läßt Deutschland, wenn auch in höflicher Form, wieder einmal in der Rolle des Außenstehenden erscheinen, dem man bestimmte Beschlüsse a l s Diktat mit­te 111, wie anno dazumal in Versailles, Spa und London. Daß sich Deutschland eine derartige Behandlung unter keinen llmständen gefallen lassen dürfte, liegt klar auf der Hand. Heber die Folgen eines solchen Beginnens müßten sich die Herrschaften, die jetzt in Paris zu palavern ver­sucht habem vollkommen ttar sein. Cs gibt auch npch andere Leute in der Welt, mit denen man sich verständigen Tonnte. Deutschland hat wirtschaftlich unb politisch seine alte Stellung zwischen West unb Ost wiedergewonnen, und es ist vielleicht kein bloßer Zufall, daß sich Herr Tschitscherin mit Minister Dr. ötrefemann unmittelbar vor dessen Abreise nach Genf ein­gehend über die politische Lage ausgesprochen hat.

Man versteht eigentlich nicht recht, zu wel­chem Zweck die große Ministerzusammenkunft in Paris stattgefunden hat und warum sie offenbar ergebnislos verlausen ist, denn die Militärkon- troll- und die Jnvestigationsfrage liegen wahr­haftig einfach genug. Es muh in der ganzen Welt einen Eindruck machen, wenn man sich dar­über herumstreitet, ob die Militärkontrollkom­mission, deren Arbeit erledigt ist, am 1. Januar, am 1. Marz oder am 1. April abberufen wer­den soll. Sie hätte längst abberufen wor­den sein das ist des Pudels Kern. Run wird sogar zu allem lleberfluh noch gemeldet, man hätte einige neue Beanstandungen ent­deckt, die als Vorwand für die Verlängerung der Kontrolle dienen könnten. Freilich wird das schleunigst wieder dementiert, und die Blamage wird dadurch noch viel größer. Heber die sogeg. Restforderungen, die sich im wesentlichen um Klei­nigkeiten drehen, könnte man sich bei allseitigem gu'en Willen binnen wenigen Tagen verständigen, und gerade zu diesem Zweck ist General v. Pä­rn e l s, der deutsche Sachverständig« hierfür, nach

Paris gereift. Was soll also die Mlliiärkontroll- wmmission noch länger in Berlin sitzen?

Aednlich steht es mit der Investiga­tion s s ra g e. Mit einer Hartnäckigkeit, die einer besseren Sache würdig ist, und mit e;ner Aengstlichkeit, die für einen Mann mit gesundem Menschenverstand unbegreiflich ist, llammern lich die Franzosen an die Forderung, daß zwischen Aus hören der Militärkontrolle und Beginn der Investigationen durch den Völkerbund keine Pause entstehen dürfe. Wenn man diese so­genannten Investigationen so auffaßt, wie sie im Völkerbundsstatut ursprünglich von unseren damaligen Feinden gedacht gewesen sind, bann ist eine solche Pause ganz selbstverständlich, denn eine Investigation soll nur von Fall z u Fall ein treten. Mit anderen Worten, die Mili­tärkontrolle hört in dem Augenblick aus. in dem vom Völkerbund sestgestellt wird, daß die Ent­waffnung Deutschlands vollzogen ist. Koiwnt dann später irgendwie ein Fall zur Sprache, der eine angebliche Verletzung des Abrüstungs- zustandes bedeutet, dann tritt eine Investigation, allo Untersuchung durch eine ad hoc vom Völkerbunds rat entsandte Kommission ein, "Die über das Ergebnis zu berichten hat. Das ist einfach, klar und logisch. Wenn man statt dessen durch allerlei Winkelzüge bestrebt ist, die Militär­kontrolle in der Form einer Jnvestigattonskom- mission zu verewigen, bann handelt man unaufrichtig, dem Sinn und Geist von Locarno und Thoiry zuwider. Augenblicklich sehen to.r den kommenden Verhandlungen in Genf nicht gevade mit großen Erwartungen entgegen. Die Vorzeichen jedenfalls sind alles andere als gün­stig. Aber wir wollen in Ruhe abwarten, was sich entwickeln wird und int entscheidenden Augen­blick die Folgerungen ziehen. Entweder führt der Weg weiter über Locarno und Thoiry zur Verständigung oder er wendet sich nach rückwärts. Wenn letzterer Fall eintritt, ist eS sicherlich nicht unsere Schuld.

Erste Fühlungnahme in Gens.

Stresemann bei Chamberlain und Briand.

Gens. 6. Dej. (WB.) 3m Laufe des Sonn­tage sand die erste Fühlungnahme zwischen einzelnen Mitgliedern der nunmehr vollzählig anwesenden De­legationen der vierzehn Ratsstaaten statt, von denen sieben, nämlich Deutschland, England, Frankreich, Belgien, Holland, Tschechoslowakei und polen, durch ihre Minister des Auswärtigen vertreten sind. Rach einer längeren Unterredung zwischen Bänder- oelde und Lhamberloin hatte nachmittags Reichsminister Dr. 5 trefem an n beim Tee mit Briand eine anderthalbstündiae Besprechung Jladj 6 Uhr abends begab sich Strefemann zu Cham­berlain, mit dem er zwei Stunden einen Ge­dankenaustausch pflegte.

Ueber die Gesichtspunkte, die bei diesen Unter­redungen eine Ralle spielten, bewahren die Staats­männer vollkommenes Sttllschweigen. Immerhin ließ Briand bei einem presseempfang erkennen, daß nach feiner Auffassung für die Frage der inter­alliierten Kontrolle in Deutschland die morgen in parts wieder zusammentretende Bot- schafterkonferenz zuständig sei. Eine Ber­fa i n bu n g der Frage der interalliierten Wilitär- fonfrolle mit dem vom Bölkerbundsrat Im Septem­ber 1924 genehmigten, aber von Deutschland inzwi­schen unter Berufung auf Artikel 213 des BerfaiUer Betlrageg angefochtenen Znvestigationsvi-o- gramm scheine dem französifchen Minister kes Aus. wärtigen im Rahmen der Tagesordnung der morgen beginnenden Ratstagung nicht nur möglich, sondern erwünscht. Gr glaube, daß eine llebereinfunft über diese beiden Punkte bei beiderseitigem gutem Willen möglid) wäre.

Bon deutscher Seite wird daraus hingewiesen werden, daß es von größter Bedeutung war, zu­nächst feslzustellen, wie weit die Bariser Borkonseren; tatsächlich eine FronlderalliiertenAußen- m i n i ft e r ergeben hat, und in welcher Richtung nunmehr die Absichten der Alliierten in bezug auf die Aufhebung der Rlltttärkontrolle sowie die Durch­führung des 3nvesiigationsprogrammes verlaufen. Die Berhandlungen am gestrigen Sonntag bildeten nur den Auftakt zu weiteren fortlaufenden Beratun­gen, zu denen in den nächsten Tagen au-reichend Gelegenheit fein dürfte, da die offiziellen Sifpmocn des BolFerbunbes in den nächsten Tagen nur roei-ig Zeit in Anspruch nehmen werden. 3n untcrridjtelen Kreisen wird der am heutigen Wontag in Paris zu- fommentrelenben B o t f dj a f t e r konserenz große Bedeutung beigelegt. Ls verlautet nunmehr, daß von alliierter Seit- die Aushebung der interalliierten Kontrollkommission zu einem gewissen Zeitpunkt er­wogen werde, und dann das 3nvefliqafion?fnf(em des Bel'erbundsrates in feiner gegenwärtigen Form möglichst unbeschränkt sofort in Kraft sehen zu können.

Optimismus in England.

London, 5. Dez. (XH.) Am Vorabend der Genfer Ratstagung beurteilt man in London die Aussichten für eine Einigung in der deutschen Abrüstungs- und Kontrollfrage verhältnismäßig opttmistisch. Der relative Ovtimismus stützt sich allerdings weniger auf positive Ereignisse als auf die Tleberzeugung, daß man in Genf in ge­meinsamer Aussprache der Hauptbeteiligten schließlich au einer Lösung gelangen wird, die für Deutschland tragbar ist. Die D e r e ch t i ' g u n g des deutschen Standpunkt - wird ziemlich freimütig anerkannt und der Hoff­nung Ausdruck gegeben, daß schließlich auch Frankreich dem englischen Beispiel folgen werde. DerO b s e r v e r hält es in einer beachtens­werten Betrachtung über die bevorstehende Rats­tagung für ausges«Zossen, daß von irgendeiner