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General-Anzeiger für Oberhessen
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Gietzener Anzeiger
Der katalanische Putsch.
Don Carcassonne im Audetal, der trutzigen, viel- getürmten Marchenseste des heiligen Ludwig an der großen Heerstraße zwischen Atlantik und Mittel- meer fahren wir im bequemen Relseauto des chem'in de fer du midi durch die üppigen Wein- felber des Roussillon den grau in der Ferne schimmernden Bergketten der Pyrenäen zu. Es ist nur eine kleine Reisegesellschaft, ein paar Amerikaner und Holländer, die zu so früher Jahreszeit mit dem ersten „trip“ die Fahrt in das Hochgebirge wagt. Bald liegt das Audetal hinter uns, und schon geht es auf schmalen Talwegen, zwischen grünen Hängen, an rieselnden Bächen vorbei in die Dorberge. Die Junisonne brennt auf die staubige, weiß blendende Straße, Bauern begegnen uns in breitrandigem schwarzem Filz, zum offenen Hemd die kleine schwarze Samtiacke mit gepufften, Aermeln und weite Hosen, ihre langgehörnten Ochsengespanne schleppen die schweren Eichbäume zu Tal an die Sagemühlen drunten am Fluß, in einer uns unverständlichen Sprache, nicht französisch, nicht spanisch, rufen sie uns laut ihren Gruß zu. Dann tauchen wir ein in die herrlichsten Laubwälder, wie man sie in ganz Südfrankreich vergebens sucht, in kühnen Serpentinen geht die stundenlange Fahrt weiter hinan. Immer gewaltiger türmen sich die Berge auseinander, immer dürftiger wird die Vege- tatton, längst haben Eichen und Buchen strengem Nadelwald und karger Heide Platz gemacht, immer armseliger werden die Dörfer. Am Wegrande grasen stattliche Rinderherden, berittene Hirten, jeder einzelne ein Don Quixote, halten ihre Tiere mit langen Stangen und lautem Geschrei zusammen. Weite Rarzissenselder kündigen das Hochplateau an, das sich dem Pyrenäenkamm diesseits vorlagert. Mont Louis, ein kleines, ärmliches Lergstädtchen, bann etwas weiter ein fast schon verfallenes Fori, über ihm die französische Trikolore, bas letzte Hoheitszeichen Frankreichs vor der spanischen Grenze. Hier, unter dem gewaltigen Massiv der schneebedeckten Pyre- näengipfel, in diesen vielfach zerklüfteten Berg- schluchten, diesen armseligen Grenzstädtchen und Hiriendörsern. hier ist der Schauplatz der aUer- Ken politischen Ereignisse, an denen die drei chnermächte des westlichen Mittelmeerbeckens, Spanien, Frankreich und Italien, beteiligt und alle drei auf das engste interessiert sind.
Spanien und Frankreich, die sich in den Besitz dieses Grenzberglandes seit Jahrhunderten teilen, kennen beide eine separatistische Bewegung. In Frankreich ist es die Provence, die sich auch heute noch, allen zentralistischen Bestrebungen der Pariser Regierungen zum Trotz, dank ihrer uralten Kultur, dank ihrer durch Jahrhunderte lang treu erhaltenen und sorgsam gepflegten Sprache und einer Geschichte, di- sich an den entscheidenden Punkten vielfach im Gegensatz zum französischen Königtum entwickelte, durch ein starkes landschaftliches Eigen- gesühl auszeichnet. Hier in Avignon, fast hundert Jahre Sitz der Päpste, in Arles und Rimes, den Hauptstädten des allen Königreichs Arelat der römischen Kaiser deutscher Ration, fühlen sich die Bewohner auch heute noch, trotz allem Gemeinsamen mit Frankreich, zuerst als Provenzalen, bann erst als Franzosen. Gerade hier pflegt man nicht sonderlich gut zu sprechen von der Pariser Regierung und dem Zentralismus des modernen Frankreich. Aber man ist weit davon entfernt, diesen Separatismus der Kultur, der Idee, der schließlich doch nicht viel mehr als ein besonders stark ausgeprägter Lokal- patriotismus ist, auf das politische Gebiet zu übertragen.
Ganz anders drüben in Spanien. Hier ist Katalonien, die Küstenprovinz in der Nordostecke her Halbinsel, der Sitz einer separatistischen Bewe- aung, die schon fast so alt ist, wie die Geschichte des spanischen Reiches selbst. Aus den Tagen, da Katalonien der wichtiEste Pfeiler der sog. „spFnischen Mark" Karls des Großen war, bewahrt es bis in die Neuzeit eine eigene Sprache, die dem Prosen- gälischen ähnlicher ist als dem Spanischen. Nur gezwungen läßt es sich dem geeinten spanischen Reiche Ferdinands und Isabellas eingliedern und bildet, seitdem Philipp V., der erste Bourbone auf Spaniens Thron, ihm seine liberale Verfassung nahm, einen Herd politischer Unruhen und empörerischer Umtriebe gegen die kastilische Herrschaft. Kein Mißerfolg in der äußeren Politik Spaniens, keine Niederlage in Marokko, keine inneren Schwierigkeiten, ja kein Regierungswechsel, ohne daß es nicht in Katalonien gärte, ohne daß nicht die Katalanen geheime Verschwörungen oder gar offenen Aufstand versucht hätten, um das verhaßte kastilische Joch abzuschüb teln ober wenigstens im Rahmen des spanischen Reiches eine Autonomie für ihr Land zu erringen. So ist die katalanische Frage zum wichtigsten Problem der inneren Politik Spaniens geworden, das für die heute Regierenden um so schwieriger wird, als gerade Katalonien mit seiner Hauptstadt Barcelona der Sitz der wichtigsten Industrien des Reiches und infolgedessen auch der größten Zu- fammenbalhmgen des modernen Jndustrieproleta- riats ist. Dadurch bekommt heute die katalanische Bewegung eine stark soziale Färbung. Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit läuft den Kämpfen um die politische Befreiung parallel; neben die politischen Kampsformen der Verschwörung und des Militärputsches treten die gewerkschaftlichen des Generalstreiks. Die Ursachen dieser eigenartigen Entwicklung liegen einmal tief in den geographischen Besonderheiten Kata- Ioniens begründet und zum andern in derDolks - vsyche des Katalanen, die ihn von den Bewohnern Des übrigen Spaniens mehr trennt, als Sprache, geschichtlicher Werdegang und wirtschaftliche Entwicklung cs je vermocht hätten.
Die katalanische Landschaft, die zwischen dem Riesenwall bet Pyrenäen unb ber Küste einge- zwängt ist, wendet ihren Blick dem Meere zu. Die
Italien und die Affäre Garibaldi.
Garibatdis Verhaftung.
Paris, 5. Aov. (WT2.) Der „Marin" teilt über die Ursachen der Verhaftung des Obersten Ricciotti Garibaldi mit: Die Pariser Polizei erhielt Ende Oktober von offizieller italienischer Seite Kenntnis, daß ein Italiener namens Scievoli. der angeblich im Dienste des Vruders Ricciotti Garibaldis in Paris stand, sich nach Italien begeben habe und beabsichtige, Mussolini zu ermorden. Er traf am 17. Oktober in Nizza ein und setzte sich dort mit Garibaldi in Verbindung. Dieser stellte ihn in antifaszistischen Kreisen mit der Bemerkung vor, daß er einen vertraulichen und wichtigen Auftrag habe. Am 24. Oktober stieg in Nizza unter dein Namen Pisacane ein angeblicher Kaufmann aus Florenz ab, der in Wirklichkeit de r Generalinspekteur der Mailander Polizei Lapolla War. La- polla gab sich auf dem französischen Polizei- lommissariat zu erkennen und erklärte, die französische Grenze ohne Genehmigung überschritten zu haben, um Scievoli zu beobachten. Bei Durchsicht des Gepäcks Lapollas taufte jedoch ein a u f den Hamen Scievoli lautender Pah und eine Anzahl neuer Tausend- lirescheine gefunden. Lapolla wurde daraufhin ausgefordert, Frankreich zu verlassen. Er empfing jedoch in seinem Hotel kurz vor seiner Abreise zur Tleberraschung der franzöfischen Geheimpolizei den Besuch des Ober st en Garibaldi. Garibaldi gab dieser gegenüber zu, daß er von Lapolla 100000 Franken erhalten habe. Garibaldi stand nod) mit Beamten des italienischen Ministeriums des Innern in Verbindung und hatte wahrscheinlich auch D e - Ziehungen z u dem katalonischea Separatistenkomplott. Auf Grund dieser Verdachtsmomente wurde Garibaldi verhaftet.
Die Vernehmung.
Paris, 6. Nov. (WTV. Funkfpruch.) Bei der gestrigen Vernehmung des Obersten Garibaldi durch die französische Sicherheitsbehörde soll dieser laut „Journal“ gestanden haben, daß er durch Vermittlung des italienischen Polizeibeamten Lapolla, der in Nizza von der französischen Sicherheiisvölizei ersucht wurde, schleunigst nach Italien zurückzurehren. der italienischen Regierung ver- pflichtet gewesen sei. von der er im ganzen ungefähr 500 000 Franken erhalten habe. Garibaldi habe auch zugegeben, in freundschaftlichen Beziehungen zu den, Chef der katalanischen Separatisten, Ober st Francesco Maria gestanden zu haben. Hebet die Angelegenheit des in Nizza festgenommenen Scievoli befragt, dessen Pah in dem Gepäck des italienischen Polizeibeamten Lapolla gesunden worden ist, hat Garibaldi ausweichend geantwortet.
Nach dem „Petit Parisien“ scheint Scievoli der Verbindungsmann zwischen Garibaldi und den italienischen Behörden gewesen zu sein. Ein Waffengefährte erklärte übrigens dem „Petit Parisien", daß nach seiner Ansicht Garibaldi sich aus Geldnot der italienischen Polizei zur Verfügung g e jt eilt habe. Er habe aber keine Geheimnisse ausplaudern können. Offenbar habe er gleichzeitig der italienischen und der französischen Regierung gegenüber, wie auch anderen Ländern Versprechungen gemacht.
Garibaldi ist übrigens gestern nachmittag in Paris angekommen unb sofort vor den Direktor der Sicherheitspolizei geführt worden. Bei seiner Ankunft in Paris waren die Mitglieder der Vereinigung der G a r i b a t d i a n e r, die in den begonnen ?ieEämpft haben, am Bahnhof anwesend und erklären: „Riciotti Garibaldi ist niemals unser 0 b e r ft gewesen. Sein Bruder P e p p i n o war cs, der die Mission führte. Garibaldi ist schon seit zwei Jahren aus unseren Listen gestrichen worden, da er unsere Mitglieder zu politischen Zwecken habe benutzen wollen. Mir haben im Jahre 1924 von Schriftstücken Kenntnis bekommen, nach denen Riciotti eine bedeutende Geldsumme von einer ausländischen Partei erhalten
haben soll, um gegen die Führer des Faszismus ein Komplott zu schmieden, wir legen wert daraus, zu betonen, daß wir nichts mit ihm zu tun haben.“
Garibaldis Ziele.
Erklärungen Minister Sarrauts.
Aach Schluß deS heurigen Ministerrates erklärte Ömrennnmfter ©arraut, daß. sobald die polizeiliche Llntersuchung gegen den Obersten Garibaldi abgeschlossen sein werde, das Gericht darüber zu befinden haben werde, ob Anlaß vorliege, gegen ihn ein Verfahren einzuleiten. Bereits jetzt scheine ein Zusammenhang mit den Vorgängen in Aizza und dem Komplott an der spanischen Grenze festzustehen. Der „Qyorid'.en" will wissen, daß Minister Sarraut weiter erklärt haben soll, der katalonische Putsch sei durch Garibaldi angezettelt worden, dadurch, daß er eine Organisation in Spanien habe schaffen wollen, die ähnliche Ziele wie der italienische Faszismus haben sollte, habe er versucht, die Verantwortung für diese Ereignisse auf Frankreich abzuwälzen, um dann die italienisch-spanische Entente wieder zu f e st i- aen, die sich seit einiger Zeit etwas gelockert habe.
Die katalanischen Verschwörer.
Aussagen Marias.
Paris, 5. Aov. (WTB.) Wie aus Perpignan berichtet wird, ist der separatistische Staatsstreich brs ins einzelne sorgfältig vorbereitet gewesen. 600 Separatisten hätten am Mittwoch früh unter ^leberschreitung der Grenze die Feindseligkeiten gegen d i e regulären spanischen Truppen eröffnen sollen, um auf diese Weise die spanischen Streitkräfte längs der ©ren^e abzulenken und Barcelona von regulären Truppen zu ent bloßen, während dort Anhänger bereit gewesen wären, einzugreisen. In Roussillon ieiert drei oter vier Waffen- un d Muni- tionsverstecke angelegt, worden. Die festgenommenen Separatisten seien weder gefangen, noch befinden sie sich in Tlntersuchungshaft. Sie werden lediglich seitens der Verwaltungsbehörden in Gewahrsam gehalten, damit ihre Identität nachgeprüft und sie über ihre Pläne befragt werden formen. Die Sicherheitspolizei teilt übrigens mit, daß Oberst Macia bei seiner Vernehmung erklärt habe, er sei die Seele der Bewegung gewesen, und er übernehme die volle Verantwortung. Alle anderen Persönlichkeiten hätten nur seine Befehl: ausgeführt. Im übrigen erHärte Macia dem Präfekten, seine Anhänger seien eine Gruppe katalanischer Separatisten und Idealisten und hätten nichts gemein mit Revolutionären. Er machte weiter Angaben darüber, wo sich auf französischem Boden Waffen- und Munitionsverstecke befänden. Oberst Maria hat sich ehrenwörtlich verpflichtet, leinen Fluchtversuch zu unternehmen und wird daher seinem Wunsche entsprecheird zusammen mit seinem Generalstab nur in der Präfektur von Perpignan in Gewahrsam gehalten.
Aus den Aussagen bei den noch immer andauernden Verhören hat sich ergeben, daß die Beziehungen zwischen Garibaldi st en und Kataloniern durch den ehemaligen General der faszistischen Miliz, Deltramie, angeknüpst worden sind, der sich unter den in Perpignan verhafteten Personen befindet und der sid) von Mussolini getrennt hat, als dieser begann, die Freimaurerlogen zu bekämpfen. Aach den Aussagen der Verhafteten soll sich ergeben haben, daß die Gelder für die Verschwörung hauptsächlich aus dem Auslande stammten.
Ruhe in Spanien.
Paris, 6. Aov. (Wolff.) Aach einer Ha- vasmeldung aus Barcelona soll in Spanien alles ruhig fein. Die Regierung habe strenge
Maßnahmen getroffen. Zwei Regimenter feien an die Grenze abgegangen, zum Terl nut her Aufgabe, nach verborgenen Wasfendepots zu forschen. Die Grenze werde streng überwacht. Keine französische Zeitung ginge nach Barcelona, und die spanischen Zeitungen, dre streng zensiert würden, sprächen nicht von dem Separatistenkomplott. Die katalonischen Kreise blieben der Bewegung des Obersten Macia gegenüber gleichgültig.
Verschärftes Regime in 3ta ien.
Die Todesstrafe für Attentäter.
Rom, 5. Aov. (LU.) Der heute vormittag zusammengetretene Ministerrat beschloß einstimmig auf Vorschlag des Innenministers Federzoni weitgehende, sofort in Kraft tretende Polizei- mahnahmen gegen die Antifaszisten. Die Polizeimaßnahmen umfassen u. a. folgende Punkte:
1. Die Suspendierung aller oppositionellen Tageszeitungen und Zeitschriften;
2. die Auflösung aller oppositionellen Parteien, Vereine und Organisationen;
3. eine Aufenthaltsbeschränkung für alle diejenigen Personen, die gegen den Staat und dessen Organisationen konspirieren;
4. alle Ausiandpässe für Italiener sollen ein- gezogen werden;
5. es wird eine strenge Ueberwachung der' Grenzen angeordnet und bei den Kommandos der Miliz ein politischer Polizeidienst eingeführi.
Der Ministerrat nahm ferner die vom Justiz- minifter Rocco auSgearbcitete Gesetzesvorlage über die Verteidigung des Staates an. Die wichtigsten Bestimmungen dieser Ge^tzeSvoriage sind die Einführung der Todesstrafe für Delikte gegen das Geben und die Freiheit deS Königs, der Königin, des Kronprinzen und des Ministerpräsidenten. In ber Gesetz eVorlage sind ferner Zuchthausstrafen für Anstif - tung und Begünstigung und Beihilfe zu den vorerwähnten Delikten vorgesehen. Zuchthausstrafen sind weiter vorgesehen gegen diejenigen, die versuchen sollten, die aufgelösten Parteien und Vereine, sei es auch in anderen Ländern und in anderer Form, toicjer ins Leben zu rufen. Auch für diejenigen, die vom Auslande aus falsche, übertriebene Aach- richten, die die Sicherheit und die Interessen des Staates gefährden, verbreit?n, sind Zuchthausstrafen vorgesehen. Der wichtigste Punkt der Gesetzesvorlage Roccos ist derjenige, daß über die im Gesetz vorgesehenen Delikte Kriegsgerichte entscheiden, deren Vorsitzende aus der Generalität und deren Deisitzende aus der Miliz gewählt werden. In der AachmittagLsitzung des Ministerrats wurde ein vollständiges R.Virement aller Präfekten beschlossen. Die Präfekten sollen in Zukunft nuraus der faszistischen Partei, die von allen unsicheren Elementen gereinigt wird, entnommen werden.
Der „Tribuna" zufolge hat ber Unterrichts- minifter auch eine Untersuchung gegen die als Gegner des Faszismus bekannten Universitäts- professorcn angeordnet. Pro. Cosmo, Mitarbeiter der „Stampa" von Turin, ist im Zusammenhang mit dieser Untersuchung in den Ruhestand verseht worden. Im „Corr'ere d'Italia" verlangt ein Abgeordneter, daß alle Professoren, die der Freimaurerei angehört haben oder noch angehören, ihres Amtes enthoben werden.
Mussolini übernimmt das Innenministerium.
Rom, 5. Noo. (WB.) Im Ministerrat teilte Mussolini mit, daß Federzoni und D i s c a l e a ihn gebeten haben, ihre Demission als Innenminister bzw. Kolonialminister anzunehmen. Mussolini hat die Demission angenommen und dem König oorgeschlagen, Federzoni zum Kolonial- minifter zu ernennen. Das Jnnenministe-
Weite des Meeres, die Verbindungen mit den auf weit höherer wirtschaftlicher Stufe stehenden Nachbarvölkern, die großartigen Häfen, ein für Landwirtschaft und Weinbau günstiges Hinterland, reiche Erzvorkommnisse aller Art im niedrigen Küstengebirge, das alles waren Vorbedingungen für eine wirtschaftliche Entwicklung, die Katalonien weit über die übrigen spanischen Provinzen heraushob. Dazu kommt, daß das katalanische Volk fleißig und strebsam, gut vorgebildet und wirtschaftlich tüchtig eine moderne Industrie aufgebaut hat, die in dem übrigen Spanien, nicht ihresgleichen findet. Das hat dem Katalanen gegenüber dem Kastilianer oder dem Aragonefen die außerordentliche wirtschaftliche Ueberlegenheit gegeben, der sein mit großer Leidenschaft und großem persönlichen Mut geführter Kamps die gefährliche Stoßkraft verdankt.
Wenn wir nun hören, daß in der wildzerklüfteten Berglandschaft, die wir oben kurz zu skizzieren versuchten, einige hundert katalanische Führer s e st - genommen wurden, weil sie eine Verschwörung gegen Spanien und das Regiment Primo de Riveras planten, so ist bas an sich kein besonderes Ereignis in der an derartigen Umfturzver- sucken reidien Geschichte Spaniens. Interessant ist dabei jedoch, wie schnell die französische Polizei — die Verschwörer hatten im französischen Grenzgebiet ihre Vorbereitungen getroffen und woll- | ten bann einen bewaffneten Vorstoß über bie Py
renäen unternehmen — mit großer Energie z u - gegriffen hat unb sich bes Obersten Macia und seiner Komplizen bemädjtigte. Man hat es in Paris nicht immer so eilig gehabt und oft recht gern spanischen Verschwörern willkommenes Asyl gewährt, um der Madrider Regierung keine Ungelegenheiten zu ersparen. Diesmal scheint jedoch den französischen Behörden die bisher geübte Politik des laissez faire bedenklich zu sein, l^ißt es doch, daß auch Bewohner Perpignans, der südlichsten französischen Hafenstadt an der Ostküste, und französische Katalanen des Gebirges mit den Verschwörern Hand in Hand gingen. Das Ziel war also offenbar weniger ein Sturz der Diktatur Primo de Riveras als der alte katalanische Separatismus, der auch vor der französischen Grenze nicht Haltmacht, sondern über die Pyrenäen hinweg auf die zumeist von Katalanen bewohnten französischen Grenzdepartements übergreift.
Interessant ist weiter noch an dieser begreiflicherweise schon im Keim erstickten Bewegung die Beteiligung zahlreicher Italiener, und die damit in Verbindung gebrachte Verhaftung Ricciotti G a - ribaldis in Nizza. Der Name Garibalds hallt feit den italienischen Unabhängigkeitskämpfen überall da wieder, wo ein Volk um Recht und Freiheit ringt Hier jedoch bekommt die Beteiligung Ricci- ottis einen anderen Anstrich. Garibaldi spielte in italienischen Emigrantenkreisen eine Hauptrolle. Er
galt als ausgesprochener Feind des Faszismus und glühender Republikaner. Er fall auch wegen seiner republikanischen Einstellung den katalanischen Verschwörern Hilstruppen aus den Reihen seiner Freunde zur Verfügung gestellt haben. Nun ist die französische Polizei durch Zufall auf enge B e - Ziehungen Garibaldis zu einem hohen italienischen Polizeibeamten gestoßen, von dem er in den letzten Tagen 100 000 Franken erhalten hat. Weniger diese Tatsache, als die Gründe für die Geldüberweisung aus dem faszistischen Lager haben zu seiner Vernehmung und späteren Verhaftung geführt. Es wird zwar vorläufig behauptet, daß Garibaldi der römischen Negierung alles verraten habe, was in den Kreisen der Emigranten vorgehe. Viel naheliegender ist aber der Gedanke, Garibaldi sei von faszistischer Seite benutzt worden, um durch Unterstützung der Katalanen der französischen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten. Bis jetzt liegt noch ein undurchsichtiger Schleier über der Garibaldi-Affäre, den man erst lüften wird, roenn1 man in Paris genau weiß, in welcher Richtung der Verhaftete für die Faszisten gearbeitet hat. Sollte es sich allerdings bestätigen, daß Garibaldi beauftragt war, Frankreich Unannehmlichkeiten zu bereiten, dann ist wohl damit zu rechnen, daß die Pariser Regierung, die sich bisher Italien gegenüber auffallend zurückhielt, eine andere Tonart anschlagen wird.


