Ver Gustav-Adols-Verein in Düsseldorf.
Ter Reichsminister Stresemann und Külz ans der Tagung.
Düsseldorf, 6. Okt. (TU.) Vor Eintritt in die Tagesordnung der heutigen ersten öffentlichen Hauptversammlung des Gustav-Adolf-Vereins begrüßte der Vorsitzende die versammelten Delegierten und vor ollem die Reichsminister Dr. Stresemann und Dr. Külz. Dr. Stresemann sprach dann dem Verein den Dank für seine besonders dem Auslanddeutschtum gewidmete Tätigkeit aus. Es fei die Eigenart der deutschen Seele, sich in der Not immer fester zu schließen. Das habe Deutschland gerade in der schweren Zeit der Not nach dem verlorenen Kriege dankbar empfunden. Die Arbeit, wie die der von Idealismus getragenen konfessionellen Organisationen, und unter ihnen der vom Gustav-Adols- Verein geleisteten, würde vom Auswärtigen Amt mit dem größten Interesse verfolgt. Auch diese Arbeit sichere das lebendige Verbundensein mit dem Deutschtum in der Welt. In diesem Sinne spreche er seine aufrichtigen Wünsche für den Erfolg der Arbeiten des Vereins auf diesem Gebiet aus.
Relchsinnenminisler Dr. Külz
wies in seinem breiter angelegten Vortrag auf die Wesensverbundenheit der Arbeiten des Völkerbundes und beispielsweise der Stockholmer Weltkirchenkonferenz hm. Beide Bewegungen seien durch den furchtbaren geistigen Zusammenbruch hervvrgetrieben worden, der eine der schwersten Folgen des Weltkriegs ivar. Die Vachwehen des Weltkrieges und der Zerrissenheit des deutschen Volkskörpers durch den Versauter Vertrag lasteten auf den Gemütern von^ Mu° lionen Auslanddeutschen. Es sei Wille und Ziel der Reichsregierung, innerhalb der verringerten Grenzen keine berechtigte Klage religiöser oder volllicher Minderheiten unberücksichtigt zu lassen. Es ist mir daher auch eine besondere Genugtuung, das Auslandsamt des deutschen evangelischen Kirchenbundes nach Kräften fordern zu dürfen. Diesem Amt tritt als unentbehrliche Stühe der evangelische Verein der Gustav-Adols- Stiftung zur Seite. Ich habe einst persönlich im Kolonialdienst gestanden und daher die Bedeutung deutscher Arbeit im Auslande beurteilen gelernt. Daher habe ich mich als Minister jener Anstalten mit besonderer Sorgfalt angenommen, die im weitesten Sinn des Wortes die Kulturarbeit an den Auslanddeutschen vor- bere'cken sollen.
Das Wahlrecht der Ausland- Deutschen.
Berlin, 5. Okt. (VDZ.) lieber den Referenten- cntwurf zur W a h l r e f o r m werden voraussichtlich schon im Spätherbst die Besprechungen mit den Landerregierungen und den Parteien stattfinden. In bezug auf die Aenderung des Reichstagswahlrechts haben die Verbände der A u s l a n d d e u t - dien in Eingaben an die Regierung das aktive und passive Wahlrecht für die Auslanddeutschen gefordert. Die Ausübung des Wahlrechts soll an dem Sitze der Gesandtschaften und Konsulate im Auslande erfolgen. Die maßgebenden Stellen haben dazu noch nicht Stellung genommen. Das Wahlrecht der Auslgnddeutschen würde aber die Bekanntgabe des Wahlergebnisses erheblich verzögern, da rund 30 Millionen Auslanddeutsche vorhanden sind, von denen etwa die Hälfte das Stimmrecht ausüben könnten.
Die Flaggensrage.
Berlin, 5. Okt. (VDZ.) Auf Wunsch der Reichsregierung wird der Reichstag einen Ausschuß aus Vertretern aller Parteien, Künstlern, Heraldikern und Kunstsachoerständigen zusammensetzen, der die Flaggensrage behandeln soll. Von Den eingegangenen rund 1000 Vorschlägen sollen 40, die vom Reichskunstwart gemeinsam mit dem Heraldiker Kekuls und von Siradonitz ausgewählt sind, in die engere Wahl kommen und dem Ausschuß yor- gelegt werden.
Das ReichsverwaUungsgerrchl.
Berlin, 5. Okt. (VDZ.) Die Ausschüsse des Reichsrats werden am 5. Rvvember mit der Beratung des Gesetzentwurfes über das Reichsverwaltungsgericht beginnen, das nach Artikel 170 der Aeichsverfassung vor geschrieben ist. Trotz des Widerspruches von Bayern und Württemberg legt man in RegierungSkretsen auf die baldige Verabschiedung des Gesetzes größten Wert, da im Jahre 1927 das Gesetz über den Staatsgerichts- - Hof außer Kraft tritt und seine verwaltungsgerichtliche Tätigkeit zu Ende fein wird. Voraussichtlich wird man vorher die Mittel zur Errichtung zweier Verwaltungssenate beim Reichsgericht anfordern.
Reform des Strafrechts und des Untersuchungsverfahrens.
Berlin, 5. Okt. (VDZ.) Die Ausschüsse des Reichsrates haben am 6. Oktober den neuen Strafrechtsentwurf in Beratung genommen. Der Reichsrat wird voraussichtlich bis zum Frühjahr des nächsten Jahres seine Beratungen darüber beendet haben. Der Entwurf geht dann sofort an den Reichstag. Die Arbeiten der neuen Strafprozeßordnung sollen so gefördert werden, daß die gesetzgebenden Körperschaften sich im Laufe des Jahres 1927 damit beschäftigen können. Das neue Strafrecht und die neue Strafprozeßordnung sollen zu m gleichen Termin in Kraft treten. Die letztere wird das gesamte Untersuchungsverfahren gründlich umgestalten. Wegen bestimmter aktueller Fälle, die die Reform des Untersuchungsoerfahrens als dringend erscheinen lassen, soll gemäß einem Wunsche des Rechtsausschusses biira) eine besondere Novelle alsbald schon Im Untersuchungsverfahren die mündliche Verhandlung vor dem Richter unter Z u - hilsenahme eines Rechtsbeistandes zugelassen werden.
Eine amerikanisch-europäische Wirtschaftskonferenz.
Paris, 6. Okt. (TU.) Die von Präsident Coolidge für diese Woche beabsichtigte Einberufung einer Konferenz der maßgebendsten amerikanischen Wirtschaftler, auf der das Problem der Schuldensrage diskutiert werden soll, um möglicherweise in einiger Zeit nach der Ratifizierung des französischen Schuldenabkommens eine ähnliche Konferenz unter Beteiligung der Vertreter der europäischen Schuldner st aalen einzuberusen, erregt hier
begreiflicherweise großes Interesse. Die erste Folgerung, die man aus dieser Nachricht zieht, ist die Erwartung einer allgemeinen Revision der alliierten Schulden. In linksstehenden Kreisen verweist der „Paris Soir" darauf, daß nicht nur Frankreich zögere, das Schuldenabkommen zu ratifizieren, andern daß selbst die englische Presse das bereits m Wirkung befindliche Abkommen Baldwin-Mellon in Frage stellt.
DieAbstimmungindenengUschen Bergwerksbezirken.
London, 6. Okt. (WTD. Funkspruch.) Rach dem „Daily Herald" ergab die Abstimmung in den Dergwerksbezirken bisher, daß sich sechs Bezirke mit ungefähr 480 000 Bergleuten gegen den Regelungsvorschlag der Regierung ausgesprochen haben und nur 40 000 Bergleute in Leichestershire dafür. Die Gesamtzahl der Bergleute beträgt ungefähr 1 Million. Rach bem parlamentarischen Berichterstatter der „Limes werde der Vorschlag der Regierung, wenn er von der morgigen nationalen Delegierlen-Konferenz der Bergleute abgelehnt wird, automatisch z u» rückgezogen werden. Rach Ansicht des Blatts nimmt doch allmählich die äleherzeugung zu daß der Kohlenstreik durch die Rückkehr der Bergleute zur Arbeit erlöschen wird. Die Anzahl der arbeitswilligen Bergleute vergrößert sich denn auch von Tag zu Tag. Aus Cardiff wird berichtet, daß die Rotstands- arbeiter in verschiedenen Gruben von der Dergarbeitergewerkschaft zurückgezogen wurden, weil diese Rotstandsarbeiter für die Kohlenproduktion herangezogen worden seien.
Noch kein Zusammentritt des Hessischen Landtags.
D a r m st a d t, 5. Okt. (Wolff.) Die für den 12. Oktober vorgesehene Einberufung des Plenums des Hessischen Landtags mußte auf unbestimmte Zeit verschoben werden, da die Akten über das Volksbegehren auf Auflösung des Landtages dem Hause bisher noch nicht zugegangen sind.
Aus aller Wett.
Die Berliner Spritschmugqelaffäre.
Vor Ueberführung der drei Brüder Lindemann, die in der Spritschmuggelaffäre verwickelt sind, in das Untersuchungsgefängnis hat Gustav Lindemann im. Polizeipräsidium zugegeben, daß er mit dem noch immer flüchtigen Ingenieur Bauer gemein» fam den Spritschinuggel mit Hilfe der Pachten „Pelikan" und „Inge", Nixe" in Szene gesetzt habe, und zwar will er von Bauer, der ihm durch eine noch unbekannte dritte Person zugeführt sein soll, zu dieser Straftat verleitet worden fein. Bauer habe das ganze Unternehmen selbsttätig vvr- bereitet und habe vor allen Dingen den Ankauf der Motorsegeljacht „Pelikan" von den Deutschen Werken in Kiel vermittelt. In diesem Zusammenhang betonte Gustav Lindemann, daß seine Brüder, Kommerzienrat Karl und Otto Lindemann, vom wahren Sachverhalt und vor allen Dingen von der Bestimung des „Pelikan" nicht unterrichtet gewesen seien, wie sie überhaupt von seiner, Gustav Lindemanns, Mittlertätigkeit nichts gewußt hätten.
Die Beamten des Grenzkommisfariats Berlin haben, wie weiter gemeldet wird, einen Schiffer Otto aus Swinemünde, der mit einer Warenladung von 2000 Liter Sprit, die wahrscheinlich von der „Pelikan" stammten, in Berlin eingetroffen war, verhaftet. Allem Anschein nach sind die an Bord der Pacht „Pelikan" befindlichen Spritmengen durch kleinere Boote nach Swinemünde gebracht und dort von Otto zum Weitertransport nach Berlin übernommen worden.
Das Unglück im R ckentnnuel.
- Das älnglück im Rickentunnel bei St. Gallen hat bereits zu einer Interpellation im schweizerischen Rationalrat geführt. Die Bundesbahn hat das gerichtsmedizinische Institut der Universität Zürich beauftragt, ein Sachverständigengutachten Über die Gasverhältnisse im Rickeirttmnel abzugeben. Rachdem mit einem Versuchszuge der Tunnel durchfahren worden war, wurde der Verkehr wieder freigegeben. Das Fahr- Personal wird mit Gasmasken ausgerüstet. Damit die Züge den Tunnel rascher passieren können, soll die Höchsten nnage erheblich herabgesetzt werden. Dasselbe gilt für Personenzüge. Zum Abfangen der von den Schiefer- und Draunkohlen- lagern herrührenden Erdgase brennt im Tunnel ein sogenanntes ew iges Licht, das aber an dem Anglückstage plötzlich versagte, wodurch die Erdgase in den Tunnel drangen und sich mit den Rauchgasen vermischten. Der Tunnel besitzt keine Entlüftungsvorrichtung. In der Oefsentlichkeit wird erneut dringend gefordert, die Elektrifizierung der Strecke, obwohl sie noch nicht auf dem Programm der schweizerischen Bundesbahn steht, baldigst zu beginnen.
Das Wefer-Main-Kanal-Projekl.
Durch die Sprengung der beiden Schutzdämme in der Rähe des Werra-Kraftwerkes Spichra bei Eisenach ist in diesen Tagen eine Teilstrecke des Weser—Main-Kanals fertiggestellt. Mit den Arbeiten, bei denen lediglich Rotstandsarbeiter beschäftigt wurden, wurde am 29. März dieses Jahres begonnen. 2n dieser Zeit wurden mit einem Kostenaufwand von rund 220 000 Mark 75 000 Kubikmeter Erdmassen bewegt. Das neue Werrabett umfaßt 22 000 Quadratmeter, während durch Zuschüttung des alten Flußbettes 18 000 Quadratmeter neue Anbaufläche geschaffen wurden. Die Fertigstellung bedeutet einen wesentlichen Fortschritt des Werra—Weser—Main- Kanalprojektes.
Eine Autostraße Bingerbrück—Köln.
In Bingerbrück fand eine Besprechung über Autostraßen unter Beisein des Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Dr. Fuchs, und der Bürgermeister der Städte Koblenz, Bonn, Köln, der Regierungspräsidenten und Landräte statt. Anschließend daran fand eine Besichtigungsfahrt der Straße Bingerbrück—Köln statt. Die Hauptaussprache galt dem sogenannten Rheinhöhenstraßenproblem.
Reichskanzler Dr. Luther in Bolivien.
Der Empfang des früheren Reichskanzlers Dr. Luther während seines achttägigen Aufent- halrs in Bolivien gestaltete sich zu einer ungewöhnlichen herzlichen Kundgebung für Deutschland. Die Rede des Staatspräsidenten Dr. B. Saavedra während des Banketts, das zu Ehren Dr. Luthers gegeben wurde, gipfelte in warmen Worten der Aner
kennung für das deutsche Volk, das der Präsident als Ruhm und Stolz der europäischen Zivilisation bezeichnete. Ebenso zollte der Präsident der deutschen Art und der deutschen Arbeit hohes Lob. Dr. Luther ist nach Antofagasta (Chile) weitergereist.
Amerikanischcr Besuch in Hamburg.
Die Gattin des Dürgerme.sters von Reuyork, Walker, ist auf dem Dampfer „Reliance" nach Hamburg abgereist, wo sie die Taufe des neuen Hapagdampfers „Reuyork' vornehmen wird. In ihrer Degle'tung befinden sich der Sekretär des Bürgermeisters und der Sekretär des Polizeidepartements von Reuyork. Zum Abschied hatte sich auch der deutsche Konsul in Reuyork. Heuser, eingefunden.
Der Typhus in Hannover.
Die Zahl der Typhuserkrankungen beträgt am Dienstagvormittag 1676, die der Toten 185. Im Laufe des gestrigen Tages sind 20 Neueinlieferungen, 28 Entlassungen, 9 Todesfälle zu verzeichnen.
Ein Riesenbrand im Spessart.
Auf dem Hofgut „Weiberhöfe" bei Aschaffenburg brach Großfeuer aus, das die gesamten Ernte- und Heuvorräte, darunter viel ungedroschenes Getreide, ferner eine neue Dreschmaschine, den Elevator, sowie zahlreiche Wagen und landwirtschaftliche Geräte vernichtete. Mit Hilfe von 12 Feuerwehren aus Aschaffenburg und den nahe gelegenen Dörfern gelang es schließlich, das Feuer auf feinen Herd zu beschränken. Der Schaden wird auf etwa 100 000 Mark geschätzt und ist nur zum Teil durch Versicherung gedeckt. Das Feuer soll durch Selbstentzündung entstanden fein.
Wettervorcr-rs^gc.
Rachts sehr kühl, tagsüber nur vorübergehend Aufklaren bei ansteigenden Temperatu- ren, außer stellenweisem Rebelregen trocken.
Gestrige Tagestemperaturen: Maximum: 17,3 Grad Celsius, Minimum: 4,2 Grad Celsius. Heutige Morgentemperatur: 6,5 Grad Celsius.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 6. Oktober 1926.
Professor Dr. Gustav Roloff.
Der ordentliche Professor für neuere Geschichte an der Landesuniversität Gießen, Dr. Gustav Roloff, kann morgen seinen 6 0. Geburtstag begehen. Prost Dr. Roloff wurde am 7. Oktober 1866 zu Ober-Röblingen (Provinz Sachsen) geborem Er besuchte die Gymnasien in Eisleben und Berlin und bestand Ostern 1886 am Joachimthalschen Gymnasium in Berlin die Reifeprüfung. Seinen Studien oblag er in Tübingen und Berlin, 1891 wurde er 5 um Doktor der Philosophie promoviert, 1898 habilitierte er sich in Berlin, wo er vom Wintersemester 1898 bis zum Wintersemester 1908/09 als Privatdozent an der dortigen Universität wirkte. Zum 1. April 1909 wurde er als ordentlicher Professor an die Landesuniversität Gießen berufen. Vom 1. Oktober 1921 bis dahin 1922 stand er als Rektor an der Spitze unserer Alma mater Ludoviciana.
Prof. Dr. Roloff kann seinen morgigen Geburtstag in bester Frische und Schaffenskraft begehen. Der Gelehrte erfreut sich als älniversi- tätslehrer und in weiten Dürgerkreisen großer Beliebtheit. Er hat bereits einen großen Kreis von Schülern herangebildet, aus dem sehr tüch- ttge, von ihm angeregte Dissertationen über die Geschichte unserer engeren Heimat hervorgegangen sind. Als Mttglied der historischen Kommission des Volksstaates Hessen und der historischen Kommission für Hessen und Waldeck in Marburg, sowie als Vorstandsmttglied des Ober- hessischen Geschichtsverems hat er der Erforschung der hessischen Geschichte re'ch-e Förderung angedeihen lassen. Seine Vorlesungen, die sich über das weite Gebiet der modernen Geschichte vom Zeitalter der Reformation bis in unsere Tage erstrecken, werden ihres heutzutage besonders im Vordergrund des Interesses stehenden Inhalts wegen nicht nur von den Studenten, sondern auch von den politisch interessierten Gebildeten der Bürgerschaft gern besucht. Mit ganz besonderer Liebe behandelt der Gelehrte stets die Zeit des ersten Rapoleons, die Kriegsgeschichte und die Geschichte der europäischen Kolonisation. Lieber seine Tätigkeit als Dozent und Lehrer hinaus hat Prost Dr. Roloff aber auch als sehr geschätzter Mitarbeiter des „Gießener Anzeigers" der breitesten Oeffentlichkeit in Stadt und Land viele wertvolle Erkenntnisse und Anregungen zur politischen Llrteilsbildung und nationalen Willensstärkung vermittelt. In diesem Zusammenhänge sei besonders auf seine Arbeiten über die Vorkriegsgeschichte und die Klarstellung der Kriegsschuldfrage verwiesen, durch die er vaterländische Aufbauarbeit im besten Sinne des Wortes geleistet hat.
Gustav Roloff ist ein Schüler Hans Delbrücks, des Verfassers der „Geschichte der Kriegskunst". Seinem Lehrer verdankt er das lebhafte Interesse für die Kriegsgeschichte, der er zahlreiche größere und kleinere Arbeiten gewidmet hat. Gleich seine Erst- lingsschrift „Politik und Kriegführung während des Feldzugs von 1814. Ein Beitrag zur Geschichte der Freiheitskriege" (1891), wendet sich diesem Gebiet zu. In ihr fetzt er sich vornehmlich mit Wilhelm Dudens Anschauung über einige der Ursachen, die zum Sturze Napoleons geführt haben, auseinander. Hat ihn diese Arbeit zu intensiver Beschäftigung mit dem gewaltigen Korsen geführt, wovon nachher, die Rede fein soll, so ist er doch feinen kriegsgeschicht- lichen Studien treu geblieben, hat sie auf eine breite Grundlage gestellt und auf einen großen Kreis ausgedehnt. Kromayers „Antike Schlachtfelder in Griechenland" reizte ihn zu einer Nachprüfung der in diesem Buche gegebenen Schlachtenbeschreibungen, die er in einer Schrift „Probleme aus der griechischen Kriegsgeschichte" (1913) mit scharfer Kritik als verfehlt bezeichnete. Dann untersuchte er die Organisation des fränkischen Heeres von Chlodwig bis zu Karl d. Gr., beschäftigte sich mit der Schlacht bei Tagliacozzo, mit Moritz von Dranien und der Begründung des modernen Heeres und mit der Kriegsgeschichte des 18. Jahrhunderts. In diesen zahlreichen Arbeiten und Aufsätzen behandelt er das Kriegswesen nicht als gesonderte Erscheinung, sondern sieht es im großen Zusammenhang und in der Entwicklung des staatlichen und sozialen Lebens. Indessen, mehr und mehr wendet sich sein Blick der neuen Geschichte zu, und zwar zunächst wieder zu Bonaparte. Veranlaßt durch das Buch des Franzosen Vandal über Napoleon und Alexander I. untersucht er „Die Kolonialpolitik Napoleons I." (1899), in dem er — weit mehr als der Titel anbeutet —
die gesamte überseeische Politik Napoleons der Betrachtung unterzieht. Im nächsten Jahre läßt er in der Sammlung „Vorkämpfer des Jahrhunderts" eine Biographie Napoleons folgen, die auf 215 Seiten in gedrängter Fassung ein lebendiges Bild des Imperators und feiner Zeit entwirft. Damit ist er zum Spezialisten der Napoleonforfchung geworden, an dessen Arbeiten keiner vorübergehen kann, der sich mit demselben Gegenstand befaßt. Erst im vergangenen Jahre hat er eine Neubearbeitung jenes Werkes in Gotha erscheinen lassen. In gewissem Sinne an sein Buch über die Kolonialpolitik Napoleons anknüpfend, erschien 1915 eine Schrift über „Napoleons ägyptische Expedition als Kampfmittel gegen England" und 1916 eine solche, „Die Orientpolitik Napoleons I." betitelt. In einem Bändchen der Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt" schildert er schließlich Preußens Wiedergeburt unter dem Titel „Von Jena bis zum Wiener Kongreß" (1914) in einer knappen, die großen Linien klar yerausarbeitenden Darstellung. Schon die hier kurz angeführten Bücher könnten ein Lebenswerk bedeuten, aber die rastlose Feder des Gelehrten hat sich nicht damit begnügt. Ein Buch „Geschichte der europäischen Kolonisation seit der Entdeckung Amerikas" (1913) rückt ihn in die Reihe der Autoritäten der Kolonialg^schichte, die er im Gegensatz zu seinen Vorgängern von der Geschichte des Mutterlandes aus verstehen lehrt, wobei ihm dessen Kolonialpolitik als leitender Faden dient. — Es ist selbstverständlich, daß einen Historiker mit so starker politischer Veranlagung die Probleme, die der Weltkrieg und der Zusammenbruch Deutschlands aufgewühlt haben, stark beschäftigen müssen. So verdanken wir seinen eindringenden kritischen Untersuchungen mehrere Studien verschiedenen Umfangs über Kriegführung und Politik Deutschlands und der ihm, feindlichen Mächte, sei es, daß er „Deutschland uno Rußland im Widerstreit feit 200 Jahren" (1914) zeigt ober „Die Bilanz des Krieges. Ursprung. Kampf. Ergebnis" (1921) zieht. Neben dieser reichen Wirksamkeit als historischer Schriftsteller hat er sich lange Jahre als Herausgeber des „Staatsarchivs" (feit 1893) und des Schultheßschen „Europäischen Ge- schichtskalenders" (1894—1909) in ebenso wertvoller wie entsagungsreicher Arbeit betätigt.
Nur mit raschem Blick konnten hier die Werke Roloffs überschaut werden, die vielen in Zeitschriften verstreuten Abhandlungen und Aufsätze, in denen er sich häufig zu den die Gegenwart bewegenden Fragen äußert, mußten sich mit einem Hinweis begnügen. Ihnen allen eignet eine einbringenbe, ruhige unb besonnene Kritik, eine einfache und klare Darstellungsweise, die sich ebenso fernhätt von Farblosigkeit wie von Phrasen, denen bas ganze Wesen des Mannes, auch in feinen Reben, von Grunb aus abholb ist. Um so stärker ist bie Wirkung, bie von ihnen ausgeht. Sie finb nicht allein für den Gelehrten unb Forscher von Wert, viele von ihnen wie „Napoleon" unb bie „Geschichte ber europäischen Kolonisation" fesseln auch ben gebilbeten Laien in hohem Maße. So dienen sie ber Wissenschaft unb sind zugleich im besten Sinne populär.
Wenn wir bem auf ber Höhe feines Schaffens stehenben Gelehrten zu seinem 60. Geburtstage unsere Glückwünsche aussprechen, geschieht es zugleich mit bem Ausbruck des Wunsches unb ber Hoffnung, baß er noch viele Jahre im Dienste ber Wissenschaft zum Wohle unseres Volkes wirken möge.
Die Ernte des Jahres 1926 im Vogelsberg.
Zwei ausgesprochen schlechte Ernten wurden in den Jahren 1924 und 1925 in Oberhessen gemacht. Das Wachstum des Getreides war gut, aber das Erntewetter vernichtete durch Regen, was während des Frühjahrs und Sommers üpvig gewachsen war. Da zu der schlechten Ernte 1924 noch Kapitalnot hinzugetreten war. mußte seitens der Regierung mit Rotstandskredit Hilfe geleistet werden. So schlimm wie im Erntejahr 1924 war es mit der 1925er Ernte nicht. Die Preise aller Getreidearten und auch der Kartoffeln waren aber zu gering, so daß die Erhöhung der Steuern, die Rückzahlung des Rotstandskredites. die Preissteigerung mancher Bedarfsartikel wieder den Landwirt seines Lebens nicht froh werden ließ, und entweder noch mehr fremdes Kapital in die Betriebe eingeführt werden muhte, oder nicht die unbedingt nötigen Ausgaben für Instandhaltung und Reuanschaffung von Maschinen, für bauliche Anlagen, Düngemittel, Saatgut und Kraftfuttermittel gemacht werden konnten.
Die Ernte 19 2 6 hat nun endlich dem Druck, der auf der Landwirtschaft lastet, ab» geholfen, so daß nun wieder normalere Verhältnisse eintreten können. Wenn auch der starke Rostbesall den Weizenertrag, je nach dem Zeitpunkt, an welchem er auftrat, schmälerte — einwandfreie Zahlen sind uns nicht bekannt — so ist doch das Sommergetreide trotz Lagerfrucht gut. Der Roggenertrag ist durch den Blasen- fuh verhältnismäßig stark beschädigt worden, wie dieses Infekt auch auf Hafer und Gerste stellenweise 10 Prozent und mehr Aehrenschaden hervorrief. Im großen Durchschnitt kann man je Morgen an Zentnern rechnen: Roggen 10, Weizen 11,5, Hafer und Gerste 15. Die Kartoffelernte ist mittelmäßig: es werden 80 Zentner je Morgen geerntet. Wer eine für seine Verhältnisse geeignete Sorte hat und nicht an Kunstdünger glaubte sparen zu müssen, hat erheblich mehr geerntet. Häufig werden entartete, sogenannte abgebaute Sorten ausgepflanzt, wodurch die Erträge ganz wesentlich sinken. Die Runkel- und Kohlrübenernte ist z. Zt. in vollem Gang. Die Erträge sind auf 200 Zentner je Morgen zu schätzen, was nicht das Mittel übersteigt, wenigstens nicht bei den Runkeln. Die Hülsenfrüchte ergaben ausnahmsweise hohe Erträge. Es wurden von Pferdebohnen 15 Zentner und von Erbsen 12 Zentner je Morgen ausgedroschen. Die Anbauflächen sind bei der Unsicherheit dieser Früchte gering, so daß eine wesentliche wirtschaftliche Stärkung durch die Hülsenfrüchte nicht erfolgt.
Die Erträge der Heuernte waren sehr verschieden. Spätfröste hatten in den Tallagen den Ertrag stark beeinflußt. Viele gute Wiesen- gräfer kamen nicht zur Entwicklung. So fehlten von den Untergräfent das W.e'enrispengras und Straußgras, ferner von den Ober* gräfern der Wie>enschwingel und der Glatthafer. Dagegen war der Goldhafer, eines unserer besten Obergräser, außergewöhnlich stark vertreten und ferner die schlechten Gräser Honiggras und Ruchgras. Das Heu konnte gut hereingebracht werden, was für die Gebirgsgegend von größter Bedeutung ist. Grummet gab es sehr viel, denn nun hatten die vom Maifrost beschädigten Gräser sich erholt. Die Ernte kam gut herein. Da es auch sehr viel Stroh gab. so stehen große Rauhfuttermengen zur Verfügung.


