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Nr. 182 Erstes Blatt

116. Jahrgang

Zrettag, 6. August 1926

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Gießener Famüier.blätter Heimat im B'ld

Die Scholle.

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr Wilh. Lange Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; tor den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An- zeigenteil Hans Füstel, sämtlich in Gießen.

zu unterstützen, die sich für d i eedle Sache der Unabhängigkeit und für die fran­zösische Freundschaft" eingesetzt haben (mit anderen Worten die rheinischen Separatisten). Diele von diesen Rheinländern hätten sich, da sie im Rheinland schikaniert und ruiniert worden seien, nach Paris flüchten müssen. ,La Halle" will im Rahmen ihrer Mittel die Versprechen einlösen, die jenen Leuten von Frankreich gemacht, aber nicht gehalten worden sind. Die Liga will ihnen Mittel zur Verfügung stellen, ein Flücht­lingsheim schassen und ihnen bei der Naturali­sierung behilflich sein.

Dertrauens^undgebung für Professor Rosss.

Paris, 5. August. (Abendblätter.) Die elsäs­sische Lehrergemeinschaft hat als Protest gegen das Urteil gegen Professor Rosss, der, wie schon gemeldet, von der Diszivlinarkammer wegen Unterzeichnung des Manifestes des Heimatbundes seines Amtes enthoben worden ist, Pro­fessor Rossö zu ihrem Generalsekretär ernannt.

Vie Tagung der deutschen Einzelhandels

Paris, 5. Aug. (WB.) Don dem deutschen Botschafter v. Hoesch und Ministerialdirektor Posse einerseits und dem französischen Außen­minister B r i a n d und Handelsminister Boka - n o w s k y andererseits sind heute nachmittag im französischen Außenministerium zwei Verträge unterzeichnet worden. Der eine dieser Verträge ist ein auf die Dauer von sechs Monaten abge­schlossenes vorläufiges Handelsabkom­men, der andere eine Teilvereinbarung über den Warenaustausch zwischen Deutschland und dem Saargebiet. Durch den ersteren Vertrag wird der Warenverkehr zwischen Deutschland und Frankreich für eine bestimmte Anzahl, die Ausfuhr beider Länder interessieren­der Waren geregelt. Außerdem enthält dieser Vertrag Klauseln über das Statut der Personen und Gesellschaften. In den Teilvertrag über die Saar sind eine Anzahl der in dem vor einem Jahr abgeschlossenen, aber nicht in Kraft getre­tenen Saarabkommen geregelten Fragen des Warenverkehrs zwischen Deutschland und dem Saargebiet, die teilweise in einem besonderen Zusammenhang mit der für die entsprechenden Warengruppen im Handelsabkommen getroffenen Regelung stehen, übernommen worden.

Von unterrichteter Seite werden über den Vertragsabschluß folgende Einzelheiten mitgeteilt: Das Handelsprovisorium stellt nur ein Teilab- fommen dar, das nur einen Teil des deutsch­französischen Handelsverkehrs regelt. Don fran- ?ösischer Seite war bereits von Beginn der zu- etzt eingeleiteten Handelsvertragsverhandlungen an ein großer Wert auf die Unterbringung ver­schiedener Konzessionen für die land­wirtschaftlichen Erzeugnisse, insbe­sondere für Gemüse, Obst und Weintrauben ge­legt worden. Diesen Wünschen ist von deutscher Seite Rechnung getragen worden. Weiterhin sind gewisse Konzessionen für die Einfuhr von Sei­denwaren, Automobilen und Vorzugs- sähe für Seifen, Parfümerien und Kon­sektionswaren den Franzosen gemacht wor­den. Abgewiesen wurden die französischen Wünsche soweit sie Wolle. Baumwolle und Eisen betreffen.

Diesen Konzessionen, die von deutscher Seite den französischen Wünschen gemacht wurden, steht eine umfangreiche Liste der deutschen vielgestaltigen Aus­fuhr gegenüber. Die Kvnzessionen, die Deutschland erhält, erstrecken sich auf alle Gebiete der deutschen Industrie, vorzugsweise aus elektrische und chemische Produkte und Maschinen. Wei­ter seien unter den Deutschland gewährten Kon­zessionen folgende Warengruppen erwähnt: Leder, Papier, die gesamte Holzproduktion, Möbel, Spiel­waren, Glas, Dieselmotoren und Fayencen sowie Produkte der Kleinindustrie.

Das heute abgeschlossene Handelsprovisorium enthält auch Klauseln allgemeiner Statur, und zwar sind die Bestimmungen über das Rieder- lassungsrecht im Provisorium erschöpfend geregelt. Deutschland ist in dem Abkommen in bezug auf das Riederlassungsrecht Deutscher das volle Meistbegünstigungsrecht eingeräumt wor­den. Demnach werden in Zukunft deutsche Einzel­personen und deutsche Gesellschaften in steuer­rechtlicher und auch zivilrechtlicher Beziehung dasselbe Recht genießen wie andere Staatsange­hörige. Diese Bestimmungen beziehen sich in gleicher Weise auf die Kolonien und Mandats­gebiete, demnach auch auf Kamerun, Togo und Syrien. Im Handelsprovisor'.um ist ferner der deutsche Schiffsverkehr mit Frankreich uab den französischen Kolonien und Mandatsgebieten geregelt.

Das zweite heute unterschriebene Saarabkommen stellt keine umfassende Regelung des äußerst schwie­rigen Saarproblems dar, sondern bedeutet vielmehr nur eine Teilregelung, die in keiner Weise den enbgültigen Regelungen der deutsch-saarländi­schen Handelsbeziehungen vorgreist. Die deutsch-fran­zösischen Handelsvertragsverhandlungen werden durch Abschluß eines endgültigen Abkommens fort­gesetzt werden, sobald der neue französische Zoll­tarif von der französischen Regierung veröffent­licht worden ist.

Die Genfer Abrüstungs- Verhandlungen.

Genf, 6. Aug. (TA.) Die militärische Unter- lornmiffion der vorbereitenden Aorüstungskom- mission hat m ihrer zweiten Tagung bereits fünf Sitzungen abgehalten. In der Diskussion über Punkt 4 des bekannten Fragenprogramms: De­finition des Begriffes offensiver und defensiver Rüstungen kam es zu einem scharfen Zusammen­stoß zwischen Amerika und Frankreich. Ame­rika verlangte, daß grundsätzlich bei der Be­urteilung des Charakters der Rüstungen der technische Standpunkt allein maßgebend sein soll, und hatte bisher mit dieser Anlich: die Mehrheit für sich gegen Frankreich. F r a n 1 - reich verlangte b an n die Einfügung eines Zu­satzes. wonach bei Beurteilung des Rüstungs­grades auch die internationalen, Ver­pflichtungen eines Staates berücksichtigt werden sollen.

Bei der ''"'-'"♦immuag hierüber erzielte dann der französische er. ..i.punkt 7 gegen 0 Stimmen bei 11 Stimment'.'n;tungen. Amerika zeigte sich über die Durchkreuzung feiner Anschauung recht ungehalten und England fetunbierte. Am Don­nerstag nachmiii insofern eine bemerlens- wertk Entscheidung gefallen, als erklärt wurde,

Düsseldorf, 5. Aug. (WB.) Den Mittel­punkt der diesjährigen Tagung des deutschen Einzelhandels bildete eine große Kundgebung in der Rheinhalle auf der Ausstellung, zu der sich über 5000 Personen eingefunden hatten. Als Vertreter der Reichs- und Staatsregierung war der preußische Handelsminister Schreiber er­schienen. Ferner waren anwesend: Oberbürger­meister Dr. Leh r, Vertreter des Reichsland­bundes, der Industrie und der übrigen gewerb­lichen Verbünde. Der Vorsitzende vanRorden- K ö l n begrüßte die Versammlung, die veranstal­tet fei, um Sin Bild von dem Wesen und Streben des deutschen Einzelhandels zu geben.

Handelsminister Schreiber

überbrachte die Grüße der Reichsregierung und der Staatsregierung. Cs habe sich immer mehr eingebürgert, daß die wirtschaftlichen Verbände auf ihren Haupttagungen über die internen An­gelegenheiten hinaus sich in großen Kundgebun­gen an die breite Oeffentlichkeit wen- beten. Wenn das auch der deutsche Einzelhandel tue, so zeige die gewaltige Veranstaltung deut­lich, wie lebhaft in allen Kreisen des Einzel­handels das Bedürfnis empfunden werde, sich mit feinen Führern zu vereinen und dadurch ge­schlossen und stark den Lebenswillen dieses wichtigen Gewerbezweiges zum Ausdruck zu brin­gen. Der Minister erinnerte daran, daß die Düsseldorfer Ausstellung eine Ermahnung fei, d i e soziale Rot unserer Tage zu lindem, gleichzeitig aber auch eine Ermutigung, weil sie zeige, welche großen Kräfte am Werke seien, um die Schaden des Krieges und der Rachkriegszeit auszumerzen. In diesem Sinne möge auch die Tagung des Einzelhandelsver­bandes eine Ermahnung zur pfleglichen Behand­lung dieses Gewerbezweiges fein und eine Er­mutigung, weil sie den festen Willen aller Ver­bandsmitglieder zeige, Hilfe in erster Linie nicht von anderen, sondern von sich s e l b st zu er­warten. Der Einzelhandel habe die Auswirkun­gen de6 Währungsveksalles mit am stärksten zu spüren bekommen. Er habe den Zorn und die Verbitterung des letzten Verbrauchers aushalten müssen. Daö sei jetzt besser geworden, und mit der

Aushebung der Preiskreibereioerordnung

sei die letzte Erinnerung an diese dunkle Zeit gefallen. Zu der Frage der Selbstversor- gungsorganisationen führte der Minister aus, daß der Einzelhandel mit Recht verlangen könne, daß die Konsumvereine in keiner Weise bevorzugt würden. Das gleiche gelte für den Behördenhandel, der sich allerdings nur ganz vereinzelt durch die schwierige Zeit in unsere heutigen Tage habe hinüberretten können. Der Einzelhandel werde auch durch den be­hördlichen Einkauf beunruhigt. Er könne erwarten, daß dieser behördliche Einkauf nicht übertrieben werde. Den berechtigten Wünschen des Einzelhandels in bezug auf den ® ii e n - bahnhandel werde in nächster Zeit Rechnung getragen werden. Zwar sollen für jeden nicht über den unmittelbaren Bedarf des Reifenden hinaus- gehenden Handel die gleichen Vorschriften zur Durchführung kommen, wie sie für den Einzel­handel bestehen, ausschlaggebend für die Lage des Einzelhandels werde aber stets die Kauf­kraft der Bevölkerung bleiben. Sie sei in der heutigen Zeit stark geschwächt. Der Einzel­handel müsse daher darauf finnen, alle Mittel, die zur Hebung der Kaufkraft führen könnten, an­zuwenden. Es müsse auch auf einen allge­meinen Preisabbau hingearbeitet werden. Dieser werde zur Hebung des Reallohnes und damit zu größerem Tims ah und zu besseren Ge­schäften führen. Der Minister gab zum Schluß der Hoffnung Ausdruck, daß die im Preußischen Handelsministerium stehende Stelle für Fragen des Cinzelhandelswesens auch weiter zur gedeih­lichen Entwicklung des Einzelhandels beitragen und damit dem Allgemeinwohl dienen möchte.

Der Vorsitzende der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels,

ßeinrti) Grünseld

gab dann ein Bild von dem Aufbau und den Aufgaben der Hauptgemeinschaft. Sie umfasse jetzt etwa 80 000 kaufmännische und über 300 000 Kleinbetriebe. Ihre Tätigkeit fei der Wahr­

nehmung derjenigen Interessen gewidmet, die über das Gebiet der angeschlossenen Verbände hinausgingen oder deren Vertretung für ange­messen erachtet werde. Die Hauplgemeinschaft stehe auch in enger Verbindung mit den Einzel- handeIsverbänden im Saargebiet, in Danzig. Oberschlesien und in Deutsch-Oesterreich. Der Einzelhandel verlange nach keiner Richtung hin eine Dezorzugung, wolle aber auch nicht schlechter behandelt werden, als andere Organe. In der Warenverteilung wünsche man auch nicht ausgeschaltet zu sein. Ebenso ver­lange er das Recht, sich an Ausschreibun­gen zu beteiligen, wie jeder andere. Was den Werkhandel angeht, so müßte dafür gesorgt werden, daß der Einzelhandel immer in der Lage sei, mit ihm in Wettbewerb zu treten. Wichtig sei

die Wiedergewinnung des alten Vertrauens­verhältnisses zur Kundschaft,

das in der letzten Zeit der Inflation leider ver­loren gegangen sei. In seinen Beziehungen zu den L i e f e r'a n t e n wünsche der Einzelhandel volle Freiheit unb Gleichberechtigung. Einseitige Bindungen durch Lieferantenverbände müßten ab­gefeimt werden. Mit der Landwirtschaft und dem Handwerk bilde der Einzelhandel die tragende Schicht des Mittelstandes. Daraus ergebe sich eine gemeinsame Vertretung der In­teressen. Die Hauptgemeinfchaft strebe die abso­lut paritätische Vertretung aller Gruppen des Einzelhandels an, der kleinsten wie der größten. Zum Schluß wies der Redner darauf hin, daß es in erster Linie gelte, den guten Ramen des deutschen Kaufmanns aufrecht zu er­halten. Die Hauptgemeinfchaft wolle nach dieser Richtung hin ein Ehrengericht sein und auch bleiben.

Im Auftrag des Reichslandbundes begrüßte Landtagsabgeordneter H i l g e r die Ta­gung. Oberbürgermeister Dr. Lehr hieß die Gäste in Düsseldorf willkommen. Den Schluß der Tagung bildete ein Vortrag des Geschäfts­führers der Industrie- und Handelskammer

Dr. WUden

der über den deutschen Einzelhandel in Staat und Wirtschaft sprach.

Die Einzelhändler, so führte Dr. Wilden u. a. aus, befriedige innerhalb der Wirtschaft den persönlichen Bedarf. Für die Gemeinde fei der Kleinhandel die Quelle, die die Gemeinde belebe und Fremde anziehe. Aus diesem Ver­hältnis erwachse dem Staat und der Gemeinde die Ausgabe, einen gesunden und leistungsfähi­gen Einzelhandel zu erhalten. Beider Pflicht sei es, für einen gerechten Ausgleichder Steuerlasten zu sorgen und dem Einzel­handel nicht mehr aufzubürden, als er zu tragen vermöchte. Der natürliche Lauf der Wirtschaft lasse sich nicht durch Gesetze regeln. Die Ver­waltung müsse es sich angelegen fein lassen, das Verkausswefen zu ordnen und den unlauteren Wettbewerb fernzuhalten. Hierbei müsse aber die Selbsthilfe des Einzelhandels vor allem wirksam werden, und zwar durch die Sorberung der Standesehre, durch die Be­kämpfung von Mißständen im Handel, sowie durch die gute Erziehung des kaufmännischen Rachwuchses durch Organisation der Beteiligten. Zum Schluß kam der Redner auf die wertvolle Tätigkeit des Einzelhandels nicht nur im Dienste der Wirtschaft, sondern auch im Dienste der Kul­tur zu sprechen. Rach dem verlorenen Kriege, so schloß er, mühten alle Kreise vereint dahin wirken, die Volkswirtschaft wieder gesund und stark zu machen. Dazu sei bte Achtung vor b em Vermögen, auch dem kleinsten, erforderlich. Diese Achtung fei leider vielfach geschwunden. Weite Dollskrelse sähen es sogar als ihr höchstes Ziel an. das Vermögen zu zerstören und die Der- mögensblldung zu verhindern. Diese _ Ein­flüsse seien für die Wirtschaft überaus schädlich, beim bie Wirtschaft könne nur gedeihen, wenn nicht nur ein ausreichendes Volksvermögen vor­handen sei, sondern wenn auch möglichst viel An­gehörige des Dolles in der Form von Privat­eigentum Anteil am Volksvermögen hätten. Um dieses Ziel zu erreichen, sei es unbedingt erforderlich, die vermögenbildenden Kräfte zu fördern, nämlich Fleiß und Sparsam­keit.

daß bei Rüstungen jeder Art die unbeweglichen Teile als defensive anzusehen seien, während die beweglichen als offensive angesehen wer­den können. Befestigungen an Landes- grenzen, von denen auf große Entfernung geschossen werden kann, wurden für offensiv er­klärt. ausgenommen solche Befestigungen, die wichtige Teile' des eigenen Landes schützen. Es scheint aus den bisherigen Beratungen hervor- zugehen, daß bie französische Delegation weiter danach strebt, selbst möglichst stark an­griffsfähig zu bleiben, um Deutschland möglichst wehrlos gegen Angriffe von Ost und West zu machen. Das plötzliche Eintreffen des französischen Dölferbundsreserenten. des Grafen C l a u z e l, machte beträchtliches Aufsehen. Er erschien in der Sitzung der Tlnterkommission, beteiligte sich aber nicht an der Verhandlung

Frankreichs Schützlinge.

Paris, 5. August. (Wolff.) Wie die Zeitung La Lanterne" mitteilt, ist in Paris eine neue Liga, genanntLa 5)alle", gegründet worden, die cs sich zur Aufgabe gemacht hat, diejenigen Rheinländer

Viemitteleuropäische Gefaht".

Frankreich gegen Oesterreichs Anschluss

Paris, 5. Aug. (WTB.) Die Wiedergabe eines Interviews mit Driand in der Wiener Reuen Freien Presse" veranlaßt die Abend­presse zur Präzisierung des französischen Stand­punktes in der Anschluhsrage. DerTemps" wendet sich Dagegen, daß gewisse österreichische Kreise eine Aenderung in der Haltung Frank­reichs in der Anschluhsrage aus den Aeußerun- gen Driands entnehmen zu können glauben. Er schreibt, bie 2 ebenken Frankreichs be­stäuben in ihrem ganzen bisherigen Umfang fort unb basReue Wiener Tage­blatt", bas dieses Interview kommentierte, täusche sich ganz und gar, wenn es annehmen wolle, daß Frankreich infolge des Abkommens von Lo­carno seine Haltung in einer Frage von derart überragender Wichtigkeit geändert habe. Qlb- gesehen von den Frankreich unmittelbar be­treffenden Argumenten beständen noch viele an­dere ausschlaggebende Bedenken gegen einen An­schluß Oesterreichs an Deutschland, so bie Be- brohung, bie sich für Italien aus einer neuen Entwicklung der deutschen Macht in Mittel­europa ergeben würde und die Gefahr, die diese Entwicklung für die Tschechoslowakei, für Jugoslawien unb für Rumänien, Frankreichs Verbündete, bedeuten würde, denn

Deutschland könne von Wien aus auf jede Ge­fälligkeit der Ungarn bei der Einleitung eines neuen Vorstoßes nach dem Balten rechnen. Der Anschluß würde gewiß der Ausgangs­punkt eines Dranges nach Osten fein, der sofort den Begrif Mitteleuropa, eines der großen Kriegsziele des kaiserlichen Deutsch­lands, verwirklichen würde.

Was Frankreich betreffe, so könne es sich zu keiner Politik bergeben, die dazu angetan sei, die durch den Sieg der Alliierten geschaffene neue Ordnung zu verhindern. Frankreich habe Oester­reich stets seine Fürsorge bewiesen; man müsse aber in Wien nicht übersehen, daß die günstige Stimmung Frankreichs nur einem unab­hängigen Oesterreich gelte und daß die französische Opposition gegen den Anschluß in vollem Umfange bestehen bleibe. DasJour­nal des Debats" bezeichnet die Worte Briands, der Augenblick fei nicht dazu angetan, die Frage Oesterreichs aufzurollen, als zweideutig und etwas beunruhigend, denn sehr viele Leute in Deutschland und Oesterreich würden nicht verfeh­len, sie in dem Sinne auszulegen, daß Frank­reich eines Tages den Anschluß Oesterreichs an Deutschland zu lassen tonnte. Derartige Ge­danken selbst aus Unvorsichtigkeit zu vertreten, sei außerordentlich gefährlich.

Reform Des völkerbundrrates.

Ein spanischer Vorschlag ans Abschaffung der ständigen Ratssitzc.

Genf, 6. Aug. (TU.) Das Völkerbunds- fefretariat veröffentlicht ein Schreiben des spa­nischen Mitgliedes der Studienkommissivn für die Ratsreform, des Botschafters Palacios, der die Einberufung dieser Kommission zu einer zweiten Tagung verlangt. In dem am 2. August ausgegebenen Arbeitsprogramm des Völkerbun­des figuriert diese Kommission bereits, allerdings für das Sihungsende. Die Einberufung dürfte nunmehr für die letzte Augustwoche angeseht werden. Wie hier verlautet, beabsichtigt angeb­lich Spanien die Abschaffung der stän­digen Ratssihe und die Gleichstellung aller Ratsmitglieder zu beantragen. Dies wäre natür­lich nur durch eine Satzungsänderung möglich. Es läßt sich leicht ermessen, von welchen Schwie­rigkeiten eine neue und so folgenschwere Abän­derung begleitet wäre. Es muß angenommen werden, daß die Aufnahme Deutschlands voi dem Eintreten in eine solche Diskussion durchgeführt wird.

Frankreichs Zinanzsorgen.

Paris, 5. August. (TU.) Die Kammer trat heute nachmittag um drei Uhr zusammen. Minister­präsident P o i n c a r 6 und die Minister Briand, Tardieu, Herriot und Albert Sarraut waren an­wesend. Der Kammerpräsident eröffnete sofort die Diskussion über die beiden Gesetzesprojekte. Als erster Redner erstattete

der Berichterstatter der Ainanzkommission Ehappedelaine

den Bericht über die Arbeiten der Finanzkommis­sion. Er wies darauf hin, daß die zu schassende Amortisationskasse die fälligen 2700 Millionen Franken Zinsen der Bons der nationalen Verteidi­gung mit den Einnahmen des Tabak­monopols bezahlen würde, die sich auf der gleichen Höhe hielten, und die nach dem Gesetzes­projekt der Amortisationskasse zur Verfügung stän­den. Ferner sei in dem Entwurf eine vorläufige Konsolidierung der Bons des Schatzamtes vorgesehen. Die Finanzkommission der Kammer habe den Wunsch geäußert, daß die Amortisation^- käste nicht nur mit der Tilgung der schwebenden. Schulden, sondern der gesamten öffentlichen Schulden beauftragt werde. Die Tilgung durch die Amortisationskasse werde zunächst mit einem Be­trag von 3,5 Milliarden begonnen, und zwar jähr­lich. Der Berichterstatter betonte die Notwendig- ieit einer beschleunigten Durchberatung des Finanz- projektes. Eine sofortige Jnangriffnah ie der Til­gung der schwebenden Schuld würde dem gesamten Lande das verlorengegangene Vertrauen wieder- acben.