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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Nr. <C5 Zweites Blatt

Die Rote Armee.

I (Don unserem militärpolitischen «.-Mitarbeiter.) Die bolschewistische Revolution hatte unter

I Lnberem die Zerschlagung des russischen Heeres I iinö die Abschaffung der Dienstpflicht -um Ziel I 3n Wirklichkeit schuf sie die Rote Armee.

Damit ist von neuem der Beweis erbracht Vaß kein großes Volk trotz Völkerbund und Frie° kxnsschalmeien ohne grobes Heer leben kann. Durch die Verkündigung der sogenannten Rechte per Soldaten war das Gefüge der alten russischen Armee: Disziplin und unbedingter Gehorsam in Trümmer gelegt. Zunächst versuchte Trotzky durch Bildung von Freiwilligen - Formatio­nen ein neues Heer zu schassen. Dieses erwies s-ch als ungeeignet sowohl für die Durchsetzung des Regierungswillens im Innern als gegen­über den äuheren Feinden. Daher kamen die bolschewistischen Machthaber schon im Frühjahr 1918 auf die allgemeine Wehrpflicht zurück; je- doch sollten in den eigentlichen Kampftruppen nur die Arbeiter und Bauern ausge­nommen werden, während die Angehörigen der Vourgeosie Arbeitstruppen bilden sollten An­stelle derfreien revolutionären Disziplin" trat tic unbedingte Unterordnung unter den Willen Cer Führer, zu deren Kontrolle kommunistische 2äte beordert wurden.

Diese Rote Armee hatte nun Zähre hindurch k>m Kampf gegen die verschiedenenWeihen" Armeen zu führen. Während diese Kämpfe im allgemeinen siegreich verliefen, endete der pol­nische Feldzug im Zahre 1920 nach kurzen anfäng­lichen Erfolgen mit einer kläglichen Riederlage. Der Grund der Riederlage lag in dem Mangel an tüchtigen Unterführern. Alle Mittel wurden mm angewendet, um die Führerausbil­dung zu vervollkommnen und das Heer mit modernen Hilfsmitteln auszustatten. Die Kops- sl-ärke dieses neuen Heeres wurde im Zahre 1923 auf rund 400 000 Mann herabgesetzt: die Der- pflegungsstärke hatte im polnischen Feldzug im Zahre 1920 noch über 5 Millionen Mann be­tragen. In dem Dierhunderttausendmannheer konnten natürlich nicht alle Wehrfähigen Auf- i nähme finden. Man führte daher die verkürzte Einstellung der Wehrfähigen ein, d. h man machte aus dem stehenden Heer ein Miliz­heer. Heute ist dieses System soweit durchge- ! führt, dab von den ehemaligen 49 Schützen- ! Divisionen nur noch 28 bestehen. Aus den übrigen 21 Divisionen sind sogenannte Territorialdivisio- nen gebildet worden, in denen in verkürzter 1 Dienstzeit der gesamte Heberschuß an Wehr­fähigen ausgebildet wird.

So wesentlich die Fortschritte in der Organisa- t'vn und Ausbildung des russischen Heeres smd, so rückständig ist noch heute die technische Aus- r ü st u n g der Armee. Die mangelnde. Leistungs­fähigkeit der Industrie verhindert die Versorgung mit dem nötigen Kriegsmaterial: Beschaffung aus dem Ausland ist wegen Geldmangels unmöglich.

Nicht unerwähnt darf die Rolle bleiben, die die Politik in der russischen Armee spielt. Kommu­nistische Ideen sollen Führer und Mann bei der Arbeit leiten. Doch scheint die Regierung von ihren 'Bestrebungen auf diesem Gebiet sich nicht viel Er- folg zu versprechen, denn sie hat für die Verwen­dung bei inneren Unruhen sich S o n d e r t r u p - ;> t n geschaffen, weil sie der eigentlichen Armee in politischer Beziehung nicht traut.

Beachtenswert ist das Dekret desAllrussischen Zrntral-Exekutivkomitees" über die allgemeine Mili- U icirpflicht vom September 1922, das in seinen iSrunbzügen folgende Bestimmungen enthält: Alle männlichen Angehörigen der Sowjetrepublik sind M wehrpflichtig vom 21. bis 40. Lebensjahr. Dor dem U 21. Lebensjahr sind sie zur Teilnahme an der sog. H sfugendnorbereitung verpflichtet, die bis zum M 15. Lebensjahr in der Schule, bis zum 18. Lebens- jafyr von Behörden, politischen oder Sportvereinen ober anderen zivilen Organisationen betrieben wird, j i'om 19. bis 21. Lebensjahr wird die Iugendvor- M dsreitung durch die Militärbehörden betrieben mit y- dem Ziel, den künftigen Soldaten in der Ausbil- N düng soweit zu fördern, daß er bei Einstellung so- !)s flleich in Reih und Glied verwendet werden kann.

Die eigentliche, ununterbrochen bei der Truppe am leistende Dienstzeit beträgt bei Linientruppen Iber Infanterie und Artillerie 1$, der Kavallerie und technischen Trppenteilen 2$, Luftflotte 31, Marine 4b Jahre: bei Territorialformntionen sind von In­fanteristen und Artilleristen 5, von Kavalleristen und Angehörigen der technischen Truppen 8 Monate innerhalb von 4 Jahren abzudienen. Die Einstellung toi Freiwilligen ist heute nicht mehr möglich.

Adolf v. Harnack.

8 u feinem 75. Geburtstage am 7. Mai. Von Paul Wittko.

Weisheit, Verstand, Gelehrsamkeit und die Schreibfeder, die sollen die Welt regieren, nach Martin Luthers Meinung. Wenn für jemanden, s» ist für Harnack, diese zu wahrer Welthöhe gelangten, strahlenden Leuchte deutscher Gelehr- lcnnkeit, die Wissenschaft Wesens- und Gesin- mmgsofsenbarung. Wenige besitzen einen so weiten Geist, einen solchen Scharfblick, eine solche Erspahungsfähigkeit des Kernes der Dinge, eine l> das Zweckmäßige erfassende, groß angelegte und groß empfindende Art, ein solches seelisches Bleigewicht wie er. Als Richtung gebender, vor- lorgender und fachlich schöpferischer Geist war er jiim Organisator berufen, als befruchtender Tat- ciensch hat er sich auch auf Gebieten bewährt, bi.t weitab von seinem urfprünglichen Detäti- cuagsfelde, der von ihm hochüberlegen freigeistig beherrschen Kirchenforsch.! ng. liegen, nämlich auf dem bedeutsamen Gebiete der Kulturpolitik eis Generaldirektor der preußischen Staatsbiblio- Ih ck (190521) sowie als Präsident der Kaiser- Dilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissen- IHaften. Er hat nicht nur den nach allen Rich- fogen seine Strahlen aussendenden Riesenlicht- bau theologischer Forschung errichtet, von dessen Sinne aus er die gesamte moderne geistige For- Ihung überschaut: er hat sich auch in seinen heute beispiellosen Vielseitigkeit durch tricblräf- llge Datenfreude die bedeutendsten Verdienste cnoorben als Vorkämpfer und Wegebaumeister bet Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in deren schwie­riger Werdezeit, sowie als Mitbegründer und tetcr des evangelisch-sozialen Kongresses, 3pm werd die Gabe zuteil, mit unbegrenztem An- schauungsreichtum zahllose Erkundungen und Be- vbichtungen sch teil zu einer grohlinigen Einheit iL'annnenzuschlichen und neue Forschungs­ergebnisse in unvermutete Wechselbeziehungen zu bringen. Für die großen Aufgaben, die ihm die

So unbequem es der Sowjetregierung ist, so kann sie ohne Verwendung ehemaliger Offiziere und Unteroffiziere des Zarenheeres die Rote Armee nicht in Ordnung halten. Um sich jedoch der alten Offiziere und Unteroffiziere möglichst bald entledigen zu können, wurde mit allem Nachdruck versucht, ein aus Arbeiter- und Bauernkreisen stammendes Führerkorps heranzuziehen. Naturgemäß be­stehl zwischen den beiden Klassen von Offizieren eine große Menge von Gegensätzen, die nicht auf» hören werden, iolange die beiden Schichten im Heere vertreten sind. Don den neuen Führern bis zum Regimentskommandeur entstammen 80 Proz. Arbeiter- und Bauern kreisen, von Divisionskomman- beuren nicht ganz 50 Prozent, von den höheren Führern 25 Prozent. Natürlich ist entsprechend der

Vergangenheit stellte, fand er zumeist aus der Kraft eigenen Erlebens die rechte Lösung. Om» mer hat er es sich angelegen sein lassen, selbst! bei der Behandlung strenger gefchichtswissen- schaftlicher Gegenstände, grundsätzliche Gegen- wartserwägungen anzustellen. Sehr am liegt ihm der Gedanke einer großen Volkskircye, deren schwierigen und mühereichen ilm= und Ausbau er nach Kräften vorbereitet hat. nicht ohne dabei in Rücksicht zu ziehen, d- nur mit vernunftbestimmter Mäßigung uferloser Emp­findungen. mit leidenschaftsloser und langmütiger Besonnenheit und Beharrlichkeit und auch einer gewissen Rachgicbigkeit dem Ziele näher zu kom­men ist. und daß die bestehende Zwangslage mit Fassung überstanden werden muh. Er hält es für eine der obersten Obliegenheiten des zur Rächstenliebe. zu hilfsbereiter menschlicher Teil­nahme berufenen Geistlichen, die Kirchentür für jedermann weit zu öffnen durch eine von allen unzeitgemäßen Vorstellungen entburdete Welter­klärung. und beseitigte damit Gewisfensbeunruhi­gungen vieler im Kirchendienste stehender, freierer Geister. Die Teilnahme der Kirche an der Lösung der sozialen Fragen hat er früh als die wichtigste und dringlichste, als eristenzentscheidende Ausgabe für den Protestantismus erkannt. Allen grund­stürzenden Strömungen und allem Hnsachverstand im tiefsten feind, hat er Kirche und Gesell­schaft immer wieder darauf hingewiesen, an hilssbedürftigen und bedrängten Volkskreisen ihre Schuldigkeit zu tun, alles hochfahrende Wesen verabscheut und durch freundliche und einsichts­volle Annäherung gesellschaftlichen Ausgleich wahre Volksgemeinschaft anzubahnen sich be­müht. Obwohl kein Preuße, sondern ein Balte, hat er, wie der S. chse Heinrich v. Treitschke, die Werte des Preußengeistes, de sen hochgcrich- teten, ernsten politischen Idealismus. dessen Dienst- und Pflichtgefühl in vollen Akkorden ge­priesen.

Tiefgründig und mitfühlsam. vereinigt er in sich eine schöne Verbindung unbeirrbar entschie­dener, eigener Auffassung und unbeengter, hem-

Stand der Allgemeinbilbung des Ossizierkorps ein recht nichtiger. Hochschulbildung, die bei den meisten Heeren Vorbedingung ist, besitzen in der Roten Ar- mee nur 5 Prozent der Offiziere. Das Ossizierkorps ist das jüngste von allen Armeen: wer bis zum 40. Lebensjahr nicht Regimentskommandeurstellung erreicht hat. wird verabschiedet. Eine Reihe von Schulen sorgt für die Ausbildung der Führer.

Neben der eiaentlidjen Roten Armee gibt es noch eine Anzahl von Truppen zu beson­derer Derwendung, nämlich je 50 000 Mann der staatl.-politischen Verwaltung und des Grenz, wachlko'rps, endlich der sog. Tschon. Diese Truppe wird aufgeboten im Falle innerer Unruhenr sie besteht nur aus Angehörigen der kommunistischen Partei.

mungsfreier intellektueller Geschmeidigkeit und Gewandthett, und genügende Regsamkeit, Ansicht und Standpunkt anderer nachzufühlen, Hneinge- schränkt selbstsicher steht er. ein tätiger Mitge- nosse der großen Ratschlüsse des Schicksals, in einer geistigen Welt von großartiger Klarheit und Festigkeit, die, voll Dranges nach allseitiger Erkenntnis, weit über die Gegenwart hinausragt und die nicht unähnlich ist der des alten Goethe, den er, gleich seinem unglücklichen jüngeren Bruder Otto, dem vorzeitig aus dem Leben ge­schiedenen Stuttgarter Literaturhistoriker, wieder und wieder als die höchste Verkörperung deut­schen Geisteslebens überquellend gepriesen hat. Als Sachverständiger für Kirchen- und Schul- fragen Hut er an der Beratung der Weimarer Verfassung, auch an der Reform des Mädchew- schulwesens teilgenommen, und ist vor einigen Zähren für den Posten eines preußischen Kultus­ministers in Aussicht genommen gewesen...

Zn feiner Hanptschaffensperiode hat Harnack ziemlich alljährlich ein neues Buch erscheinen lasten. Seine erste große Ruhmestat war das dreibändige .Lehrbuch der Dogmenge­schichte", ibaS schon der blutjunge Leipziger Privatdozent vorbereitete, und das im wesent­lichen während seiner Gießener Lehrtätig­keit (187986) entstand. Cs erbrachte den da­mals die Orthodoxen erbitternden Rachweis. daß die Dreieinigkeitslehre und die Lehre von der Gottmenschheit Christi auf griechischen, nament­lich platonischen Einflüssen beruhen, das kirch­liche Dogma also als ein Werk griechischen Geistes anzusehen ist. Das Werk veranlaßte seine Be­rufung von Marburg, wo er nur ein Zahr ge­wirkt hat, an die ilniberfltät Berlin. Als der preußische Oberkirchenrat dagegen Einspruch er­hob. griff Bismarck persönlich ein und setzte einen Kabinettsbeschluß durch, der ihm die Ber­liner Professur zusprach. Alskmld entbrannte eine heftige Fehde um .Das apostolische ©lau- bensbekenntni s". eine kleine Schrift, worin Hauck erklärte, an den Verkündigungen über Christi seltsame Geburt müsseein gereifter, an

Donnerstag, 6. Mai 1926

Hördenapparat, mit anderen Worten organische Zusammenlegung von Be­hörden.

Wie der Re.chsinnenmir.i er neulich erflärle. plant das Rcicy eine Zusainmcnz ehung deS ge­samten Gesctzmaierials in fünf Samme.bänden. Aber wir brauchen mehr. Wir haben nach dem Kriege viel zu viel Gesetze und Verord­nungen geschas en. die die Arbeit der Behörden mehr erschweren und mehr kosten, als sie nützen. Richt jede neue Kultuierscheinung braucht in ein Gesetz gepreßt zu werden. Cs wird Ausgabe der nächsten Zeit sein, die Gesetze und Ver­ordnungen zu benennen, die verschwinden können. Hand in Hand h.ermit muß der schwie­rigere Tell der Sparmaßnahmen gehen: Aus­wüchse des BehördenapparatS zu be­seitigen. Richtig ist, daß ein schematischer Ab­bau von Ausgaben ebenso schaden würde, wie ein unorganischer Abbau von Amtspersonen. Solche Abbauverordnungen von oben her sind aussichtslos, weil sie unten in ihrer praktischen Wirkung ins ®:genteil verkehrt werden können. Deshalb muß eine Umgestaltung von innen heraus versucht werden Eine große Zahl von Reichs-, Staats-, Gemeinde- und anderen Behörde ! ?e; Se.bst e n al ung (Handelskammern usw.) bearbeiten heute v.elsach gleiche oder ver- wandte Arbeilsgeb e e > e encinanber. H ec wäre viel zu erreichen, wenn eS den OrganisationS- trägern erleichtert würde, durch Vereinbarun­gen ihre Behörden zusammenzulegen. Beispiele dafür sind leicht zu finden. (Gemeindebehörden arbcilen im Dienst der Reichs inanzverwaltung. häufiger ist staatlichen Verwaltungskörpern (Ka- tasteroecwaltun..e,i) die Be.Wallung gemeindlicher Grundsteuern und ähnliä er Ausgab.n durch Ver­einbarung übertragen worden. Ein größere- Deifpiel ist die llcbertragung von Aufgaben der Reichswasserstrasenrerwallung auf Landes­behörden im SlaatSvertraq vom 29. Zull 1921 betr. den Liebergang der Wasserstraßen auf daS Reich (RGBl. 6. 961, 1921, und 222. 1922, §11). Derselbe Gedanke wirkt in der Propaganda für eine gemeinsame Kassenverwaltung in Reich, Ländern und Gemeinden. Er ist aber auch aus­zudehnen auf die großen Zentralbehörden des Reichs und der Länder. Es lohnt die Mühe, einmal festzustellen, well'e von den preußischen Ministerien durch StaatSvertrag einem RcichS- ministerium in Verwaltung gegeben werden kön­nen. Do fremd der Gedanke im Anfang, na­mentlich wegen feiner Rückwirkungen auf die parlamentarischen Verhältnisse und politischen Fragen scheint: in ihm scheinen mir die Anfänge zu liegen für eine wirkliche Verein­fachung unserer deutschen Verwaltung, die vielleicht auch der natürliche Weg zu der Ver­einfachung des politischen und par­lamentarischen Aufbaues ist, dessen unser Volk dringend bedarf.

Evangelischer Landesllrchentag.

(Von unserer Darmstädter Redaktion.)

Darmstadt, den 5. Mai.

Heute vormittag trat im Landeskirchentags­gebäude in Darmstadt der Evangelische Landeskirchentag zu seiner 14. Sitzung zu­sammen. Auf der Tagesordnung steht die Vor­lage der Kirchenregierung, betr. den Voran­schlag für die Rechnungsjahre 1926 bis 1928.

Der Prä ident des Landeskirchentags D. Dr. Freiherr Hehl z u HerrnSheim eröffnete die Sitzung um 9.15 Uhr. Das EröffnungSgebet sprach Pfarrer Schrimpf.

Präsident D. Dr. Freiherr Hehl z u Herrnsheim wies in feiner Eröffnungsrede auf die Vorlage der Kirchenregierung hin: er führte die mifilid.cn finanziellen Verhältnisse der Landeskirche zum Teil auf die Veranlagung zu­rück. die aus dem Zahre 1922 stammt und völlig veraltet ist. Die Kirchenverwaltung ist an diesen Verhältni sen unschuldig. Die Finanzmisere ist hauptsächlich entstanden, weil der Staat seinen Verpflichtungen nicht nach­kommt. Der Staalszuschufi ist keine Ablösung, sondern er charakterisiert sich als ein pflicht­gemäßer Beitrag deS <3taa:ei, damit die Landes­kirche ihre Verwaltung durchführen kann. Dieser sogenannte Staalszuschufi ist nicht erhöht wor­den: andere Länder haben dies getan und auch eine regelrechte Au7e nandersehung zwischen Staat und Kirche herbe: geführt. Hätte der hessische Staat einen Zuschuß von einer Million Mark gewährt, so wäre die Finanzmisere nicht ein-

dem Verständnis des Evangeliums und an der Kirchengeschichte gebildeter Christ Anstoß neh­men". Das hinderte aber nicht, daß er bald danach zur Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften berufen wurde. Zhm ward die Ehre zuteil, daß M o m m s e n ihn in dies Ehren­amt einführte ..als den Mann, der die Entwicklung des orientalischen Wunderkeimes zur weltge­schichtlichen llniDerfalrcligion uns erschlossen hat", und bariegte,wie die griechisch-römische Zivili­sation eben durch ihre meistenteils gegensätzliche Verschmelzung mit dem im Oriente wurzelnden Christenglauben zu einem notwendigen Bestand­teil der heutigen wurde".

Zum Ehrentage des 200jährigen Bestehens der Akademie ward er als der Berufenste ausersehen, deren Geschichte zu schreiben, und er hat es meister­lich oerftanben, die ganze Aufeinanderfolge wissen­schaftlicher Entwicklung von der Monadologie des Leibniz bis zu der Protozoenkunde Haeckels gründ­lich und feinspürig wertend zu betrachten und zu be­leuchten. Sein oerbreitetstes Werk sind die gesam­melten Vorlesungen überDas Wesen des E h r i ft e n t u m s", ein in olle Kultursprachen übersetztes, erleuchtetes Buch der Weihe von Welt­geltung, ein Buch hochsinnigen Edelgeistes über die Ertüchtigung der Denk- und Handlungsweise und des Lebensgefühls durch das Gottesmenfchentum. Christi.

Ein Säemann und Wegebereiter hinaus über alle Leibeigenschaft des Staubes, hat er, von Goethe- schem Geiste durchdrungen, sich selbst erkannt in dem Gefühl der Pflicht gegenüber derForderung des Zages" (Sergi. GoethesMarimen und Re- flerionen"). Wenn Shakespeare ,m .Lear" das Reif­sein als Höchstes bezeichnet, so ist Harnack ein Mu­sterbeispiel dafür, daß ein Menschenleben ein halbes Jahrhundert hindurch dauernde Edelreife auf der Menschheit Höhen sein kann. Und ein anderes Shakespeare-Wort ist man versucht auf unsere zeit- genössischen Gottesgelehrtengestrrne anzuwenden:

. Der Himmel prunkt mit Funken ohne Zahl, Und Feuer sind sie all und jeder keuchtet. Doch einer nur behauptet feinen Stand."

Der Spargedanke in der öffentlichen Verwaltung.

Von Gustav Böß, Oberbürgermeister der Stadt Berlin.

D. S. D. Linser Volk ist verarmt. T.ese Hm- wälzungen in unserem politischen Ausbau sowie in der wirtschaftlichen und sozialen Stellung der einzelnen Bevöllecungsschichten, schwere Ein­bußen an Dolksvermögen durch Krieg, Blockade, Boykott, Requisitionen, endlich das Dawes-Ab­kommen bezeichnen den Weg zur harten Gegen­wart. Auf dem Weltmarkt haben sich tiefe Ver­änderungen der Absatzverhältnisse angebahnt, d'.e selbst Siegervöller w.e England vor die bange Frage stellen, was mit den großen unbeschästig- ten Arbei.ermassen im Lande werden soll. Etwa 5,5 Millionen Menschen mehr als 1907 er­scheinen heute in Deutschland auf dem Arbeils- markt. Richt alle können ausre chend be chäftigt werden, denn die Wellwirtschaft hat sich noch nicht den neuen politischen und wirtschaftlichen Aenderungen angepaht, und noch ist n'.cht die Formel gefunden, die al'e Völler zu vertrauens- voller Gerneinschaftsarbe t zusammen'ührt. Hoch- schuhzölle, Handelskriege und Roiimpe alismus bestimmen zur Ce'.t noch das weltwirtschaftliche Bild. Zmmer deutlicher hebt sich die Ahnung einer großen internationalen Wanderbewe­gung ab, in ganz neuen Formen. 2n der Vor­kriegszeit folg en die Me.ifo en den Wanderungen des Kapitals, namentlich der Kapitalien ihres eigenen Mutterlandes. Die europäische Aus­wanderung nach Amerika war begleitet von einer gewaltigen Kapitalausfuhr Europas nach dort­hin, die für die neuen Menschenmassen drüben Arbeitsgelegenheit schuf. Heute besteht die Ge­fahr. daß besitzlose Massen, ohne Rdtckhalt am Kapital oder der politischen Macht des Mutter­landes zu haben, auswandern müssen und ge­zwungen werden, sich ihren Wirt.svöllern, so­fern sie diese überhaupt aufnehmen, unter Verzicht auf i h r Volkstum auf Gnade und Üngnaöe zu ergeben. Es ist Pflicht aller Deutschen, durch äußerste Sparsamkeit diese Gefahr von ihrem Volk abzuwenden. Keine Arbeitsstunde darf aufgewendet, kein Stein darf verbaut werden, ohne dafi damit die denkbar größte Ruhleistung erzielt wird. Das Sparproblem ist nichts anderes als die große Frage, wie es gelingen soll, deutsche Menschen der heimatlichen Erde zu erhalten. Zn dieser tiefmenschlichen und nationalen Bedeutung sind alle die Bemühungen zu verstehen, die man heute unter den SchlagwortenSpar- und Ver­einfachungsmaßnahmen. Rationalisierung usw." zusammenfaßt.

Hier soll von der Vereinfachung in der öffentlichen Verwaltung de Rede fein. Cs ist das schwierigste Gebiet, weil nicht, wie in der Privatwirtschaft, allein wirtschaftliche Erwägungen, sondern staatspolitische, berufs- ständilche Gedanken, viel Tradition und wohl­erworbene Rechte die Lösung mitEeftimmen. Die Aufgabe ist schwieriger als zur Zeit des Frei- Herrn vom Stein. Denn die 100 Zahre seit Steins Tagen haben Menschen von einer bis dahin ungekannten Be vuhtheit gefchafsen. Zeder Berufsstand von einiger Bedeutung hat sich heute zusammengeschlossen. Mit aufmerksamen Augen verfolgt jeder, sei es selbständig, sei es durch seine Führer, die Vorgänge der Gegenwart. Jede Handlung wird in ihrer Wirkung auf die Znteressdn bestimm er Gruppen ge geriet. Auch die Form, in der heute die Znteressengegensähe ausgekragen werden, ist anders als früher. Zm

Zeitalter des Parlamentarismus entscheidet nicht das Diktat von oben her, sondern ilebercin- kunft Gleichberechtigter, die Stimmenmehrheit gibt den Ausschlag. Auf diesem langen Weg zur Verwirklichung von Zdeen geht oft viel von dem urfbrüngli:l;en Zdeal verlo .en. iinö so wird es auch mit der Sparidee in der öffentlichen Verwaltung sein.

ilnfer Verwaltungsaufbau ist etwas historisch Gewordenes. Wenn es sich heute darum handeln würde, die deutsche Ver­waltung neu einzurichten: kein Mensch würde die Phantasie haben, sie so zu ersinnen, wie sie ist. geschweige denn sie einem Parlament als Muster anjubieten; so verwickelt und teuer ist sie. Wäre man heute in der Gage, auf der Grundlage eines einheitlichen Staatsgefühls einen völlig neuen Verwaltungsapparat für das Reich zu schaf­fen, so würde diese Verwaltung in anderem Ländern mit drei Instanzen bequem aus­kommen können. Der untersten Znstanz einem größeren, für moderne Aufgaben finan­ziell leistungsfähigen Verband mindestens vom ilmfang unserer heutigen Stadt- und Landkreise würde das Recht freier Selbstver­waltung aller örtlichen Angelegen­heiten einschließlich der Ortspolizei zustehen. Der mittlere Verband wäre zur Wahrnehmung der Aufgaben, die über den Rah­men der unteren Verbände hinausgehen, eben­falls nach dem Recht der Selbswerwaltung be­rufen, während die Z e n t r a l i n st a n z in Fach­ministerien alle gemeinsamen Fragen zu bearbei­ten hätte. Zeder der unteren Verbände würde gegebenenfalls Aufgaben eines höheren Ver­bandes auftragsweise wahrzunehmen haben.

Aber dieses Zdeal liegt leider in weiter Ferne. Es müssen nunmehr alsbald die Formen gefunden werden, in Denen es am besten gelingt, auch über politische und persönliche Hindernisse hinweg den Verwaltungsapparat den Rotwendig- feiten der Gegenwart anzupassen. Cs handelt sich hier nicht um die Gehälter allein. Die Kostenersparnis z. B. bei einer Zusammenlegung von Ministerien ist, wenn man die ersparten Gehälter usw. zusammenrechnet, nicht so er­heblich, dafi sie den Staatshaushalt grundlegend ändern. Aber Verwaltungskörper und Parla­mente sind lebendige Kraftzentren: in ihnen stehen Menschen mit Sa'enörang und Sehnsucht nach sich, baren Erfolgen, die sich Ausgaben schaf­fen, wenn sie keine haben. So entsteht Heber- Organisation und Ressortpartikula- r i s m u s und damit Kraftverzettelung, Dei- bungsmöglichkeiten, Doppelarbeit und Mehrkosten. Wir sind heute soweit, daß kein Mensch mehr das komplizierte Getriebe unseres öffentlichen Verwaltungsapparates in allen Tellen überleben kann. Ebenso ist bei der Erledigung örtlicher Geschäfte oft eine solche Fülle von unnötigen Gesehen und zentralen An­weisungen zu beachten, dafi der untersten Zn­stanz eine an sich leichte Arbeit häufig erschwert wird.

Diese Hnübersichllichkeit und Mehrkosten müssen fortsallen. Zwei Wege gibt es hierfür:

Abbau der V e r w a 11 u n g s a r b e i t durch Beseitigung überflüssi­ger Gesetze und Verordnungen.

Beseitigung der viel zu vielen Kraftzentren in unserem Be-