Ausgabe 
6.2.1926
 
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

nr.!31 Zweites Blatt

Samstag, 6. Februar 1926

Von Rh

Engländer ziehen jetzt durch die Straßen unleret lieben betriebsamen Rheinstadt. 2m De­zember sind die Franzosen nach und nach weg- geglitten. Eines Tages waren sie fort, nur in den Kasernen hatten sie noch kleine braune und graue Landsleute zurückgelassen. Die wurden dannentwest" mittels reichlicher Anwendung von Blausäure .... Die Engländer sind noch nicht lange da, aber schon hört man in allen Städten und Städtchen im Wiesbadener Bezirk: Am liebsten wären wir natürlich auch die Kakhi- männer los, aber wenn wir nun mal noch besetzt bleiben sollen, dann lieber Engländer als Fran-

ODic haben hier in sieben Jahren allerhand Franzosen gehabt. Spahis mit silbernen Spor­nen und fantastisch farbenen Kostümen, die an Bernhard Shaws berühmten Pralineesoldaten erinnerten, Tonchinesen. Anamiten, Marokkaner, die im Waisenhaus einige kleine dunkle Erin­nerungen zurückgelassen haben.

Endlich kamen auch weiße Franzosen. Zu­nächst Elsässer, also deutsche Franzosen. Das war eigentlich eine schmerzlich-schöne Zeit, als wir die ehrlichen alemannischen Laute hörten und abends, wenn man an den Kasernen vorbei­ging, elsässische Volkslieder. Einmal sangen sieZu Straßburg auf der Schanz'", das Herz im Leibe zersprang einem fast. Aber diese Alemannen in der blaugrauen französischen tim- form hatten auch starke Fäuste wie die Schwarz­wälder Bauern, mit denen sie ja innigst ver­wandt sind. tind mitunter gerieten diese starken Fäuste ins Handgemenge mit ihren Landsleuten in der gleichen Kaserne. tind es waren nicht die letztem, die obsiegten, denn es waren keine Eng­länder und Amerikaner da. Sie waren allein den starken Alemannenfäusten gegenüber. In diesen brannte ein schlagkräftiger, heißer Zorn, das sah man nicht ohne Freude, wenn man vorüberging.

Eines lieben treuherzigen Jungen mit den sonnigsten blauen Augen gedenk' ich gerne. Er kehrte jeden Morgen die Straße vor der Coo- perative und er kehrte sie sehr sauber. Wir plau­derten gern miteinander, wenn mich Morgen für Morgen mein Weg zur Arbeit vorüberführte. Eines Morgens strahlte er:Morgen geht es heim!" tind ein Heimatglück ohnegleichen leuch­tete aus dem lieben Iugendgesicht und ein er­löstes Schamgefühl. Es quälte ihn, hier am Rhein den Büttel spielen zu müssen. Sein letzter Händedruck war Treue.

Run kamen Vollblutfranzosen. Dunkeläugige und schwarzhaarige. Ein anderer kehrte die Straße. Er sah mich immer miß­trauisch und feindselig an. Und ich nicht ihn, aber seine gekehrte Straße. Die gefiec fort­an den Hunden besser als den vorübergehenden Menschen. Die Vollfranzosen sind dann lange unsereGäste" geblieben. Lange genug, um sie genau zu studieren, um die Wesensfremd­heit bis in alle Einzelheiten des täglichen Le­bens zu empfinden. In diesen Jahren steter un­mittelbarer Rahe von Franzosen haben wir die ganze Tragödie des deutsch-französischen Gegen­satzes gefühlt. Es ist beileibe nicht nur die Poli­tik, die uns trennt, sondern das Wesen. Wir sind anders als sie. Das ist der tirgrund der tiefbohrenden Abneigung hüben und drüben, die sich dämpfen, durch europäische Vernunftgründe beschwichtigen, aber nicht aus den Seelen aus­reihen läßt. Die Jahre der Besetzung haben uns die melancholische Wahrheit gelehrt: wir sind uns innerlich fremd und werden uns inner­lich immer fremd bleiben, auch wenn was Gott gebe der politische Haß einmal erlöschen solllte.

Germanisches und romanisches Wesen stoßen hier aufeinander und ziehen sich nicht an. Diese tragische Tatsache erlebt Frankreich in sich selbst. Ein nordfranzösischer Schriftsteller, dessen Ra- men D. K. Huysmanns schon auf seine Rasse deutet, läßt in einer ErzählungDort unten seinen Helden bedauern, daß 6ie Jung­frau von Orleans den Engländer verjagt und so die Rordfranzosen mit den Südfranzosen ver­einigt habe: sie habe dadurchein Frankreich ohne Zusammenhang, ein absurdes Frankreich geschaffen.....die widerspenstigsten Rationali­

täten, die feindlichsten Rassen aneinander ge­heftet. Sie hat uns diese Wesen mit dem Ruh­

en anus. teint und dein Lackaugen geschenkt, diese Schoko­ladenreiber und Knoblauchfresser, die ganz und gar keine Franzosen sind, sondern vielmehr Spa­nier und Italiener .... dieses Geschlecht prah­lerischer und lärmender, windiger und treuloser Leute, diese verdammte lateinische Rasse, die der Teufel hole ....

Wenn so ein Rordfranzose urteilt, zugestan­den zu scharf, so mitleidslos, zu übertrieben, wie soll man da von Deutschen Sympathie ver­langen oder auch nur Duldsamkeit? Es ist nun einmal so, der Vollfranzose hat eine andere Auf­fassung von Sauberkeit. tind das scheidet sehr. tinD dann das Parfum! Auch der franzö­sische Unteroffizier gefällt sich in den Wolken von irgendwelchenDüften". tinö das kommt uns unsagbar lächerlich und weibisch vor, die wir bei un[ern braven Unteroffizieren ganz andere Gerüche gewöhnt waren. Der Franzose empfin­det diese Durchparfumierung des Mannes zwei­felsohne nicht als eines Kriegers unwürdig. Sie ist alter Brauch. Ich las gerade einen Roman aus dem 18. Jahrhundert. Der Held besteht am Genfer See ein Liebesabenteuer und kommt in Konflikt mit einem französischen Offizier, einem im übrigen schneidigen und ritterlichen Manne. Aber dem andern fällt es auf. dah dieser Fran­zoseauf zehn Meter nach Moschus roch". Das ist so geblieben. Wie oft bin ich auf dem Rhein­höhenweg Zivilisten begegnet, die sich in nichts von unseren Wanderern unterscheiden. Aber wirrochen" immer gleich den Franzosen und waren erstaunt, so manchen männlichen Wann so parfumdurchtränkt zu finden.

Dann die Frauen der Franzosen! Man verwechselt sie leicht. . ., meinte einmal ein Freund, der es sonst gut mit unfern westlichen Rachbarn meint. Denke ich an die brave tüchtige Frau Feldwebel von einst oder an die Frau Sergeant oder Frau Unteroffizier und seh' ich dann die gleichenChargen" im französischen Besatzungsheer, herrlich geschminkt und mit blut­roten Lippen, dann sieht man: e s i st eine andere Welt. Wir brauchen uns nicht hassen, aber wir kommen nicht zusammen. Die Franzosen haben sich alle Mühe gegeben, uns durch Schnel­ligkeit zu imponieren, aber wenn sie in atem­loser Hast, mit nervösem Kurzschritt anmar­schierten, dann klang es, wie wenn man trockene Walnüsse auf ein Trommelfell schüttet. Aber es dröhnte nicht. Dort Elan, der sich gern zur Schau stellt, hier Wucht, die oft zweifelsohne ungefüge und ungeschickt war. Zwei Welten . . .

Das Wesen der Franzosen ist uns fremd ge­blieben. Wenn wir es nicht verachten gelernt haben, so vermochten wir es doch auch nicht zu achten. Schließlich ist es so gekommen, daß Deutsche und Franzosen am Rhein anein­ander vorbeisehen. Sie begegneten sich, möchte man sagen, mit einer gegenseitigen achtungs­vollen Richtachtung. Und mit dem sinken­den Franken sank dann die Geltung der Fran­zosen immer mehr. Welche Uniformen sah man da, sofern man diese zusammengeflickten Sachen noch Uniformen nennen wollte! Und das Schuh­zeug, selbst an Sonntagen Schnürschuhe, die schon 1870 mitgemacht zu haben schienen. Mir toten diese ärmlichen Opfer eines abwegigen Milita­rismus immer leib. Und was fürKerle" steck­ten zum Teil in diesen schlechten Schuhen und den dürftigsten Drillichfachen, zum Umblasen!

Je schlechter das französische Geld wurde, um so mehr schwand dann auch für die Offiziere die Möglichkeit, aufzutreten, die siegreiche Ration zu repräsentieren. Ich sehe noch vor mir manchen goldbetreßten Offizier am Rhein auf- und ab- spazieren, wenn wir an schönen Sommerabenden beim Rheinwein saßen und mit einem Gemisch von Reid und Verlegenheit zuschauen. Zu mehr langte es nicht mehr.

Ich glaube sagen zu können, daß mancher feiner organisierten Ratur der Aufenthalt am Rhein zur Hölle geworden ist. Ich kannte einen französischen Akademiker hier, der maßlos unter dieser schrillen Dissonanz litt. Als er fortging, sagte er mir, er möchte am liebsten nicht mehr nach Frankreich zurückkehren, sondern in irgend­ein neutrales Land gehen, in die Schweiz oder nach Holland oder in Deutschland bleiben. Ein tragischer Ausklang, ein melancholischer Ab­schluß eines übermäßig stolz begonnenen Unter­

Franzosen

und Engländer am Rhein.

Chodowiecki.

Zu seinem 12 5. Todestage.

Achtzehntes Jahrhundert das ist ja nicht ein eindeutiger Begriff, das ist nicht nurWeimar und Jena", nicht nur Klassizismus, erleuchtetes Geistestum, Lebensveredelung und Sehnsucht nach griechischer Form: es bedeutet auch Aufklärung, die von Leipzig (Gottsched) und von Berlin (Ricolai) diktiert ward, es bedeutet ebenso Sieg- wart-Tränen und Werther-Melancholie wie Sturm und Drang, ebenso absolutesten Despotis­mus wie französische Revolution, Pietismus, Hexenverbrennung und finstersten Aberglauben, der sich auch in dem kabbalistischen Treiben der Cagliostro und St. Germain offenbarte. Wil­helm Meister ist in diesem Jahrhundert heimisch und Rinaldo Rinaldini.

Dennoch: wenn wir diese Epoche in unserer Phantasie erstehen lassen, sie ist eine Zeit aus einem Guß ohne Spaltungen und Schichtungen: wir sehen sie unwillkürlich mit den Augen Daniel Rikolaus Chodvwieckis, der dieses durch- klüftete Jahrhundert in feiner Ganzheit durch­lebte. Als gr am 10. Oktober 1726 in Danzig geboren wurde, war Gottsched gerade aus der benachbarten östlichen Großstadt Königsberg nach Leipzig geflohen: noch vier Jahre, und er wird seineKritische Dichtkunst" in die Welt senden und mit diesem Werk feine literarische Diktatur begründen. Wie Chodowiecki 1801 als Direktor der Berliner Akademie, hochgeehrt von den Zeit­genossen, starb, hat er diese gesamte Evolution erlebt und schloß feine Augen kurz nach der Jahr­hundertwende, als sei es jetzt Zeit, zu gehen, als sei das Schönste empfangen, als käme nun eine anders geartete und keine bessere Zeit.

Unö wir sehen heute noch diese Zeit mit seinen Augen, weil wir sie in der Dichtung sehen, und weil es kaum ein großes Werk dieser Epoche gibt, daß er nicht illustriert hätte. Die Wissenschaft er schuf die Tafeln zu Lavctters Fragmenten": das Drama er illustrierte Shakespeare, SchillersRäuber",Minna von

Darnhelm", dazu Gellerts Fabeln und Voß' Luise": er hielt die Modenarrheiten, die buhle­rischen Torheiten, die Verdrehtheiten seiner Tage in feinen Stichen fest, er erfand die senti­mentalen arkadischen Landschaften, in denen Lie­bespaare wandeln und mit gerührtem Blick zu den Gestirnen aufschauen. Rachdein er etwa um die Jahrhunderthälfte bekannt geworden war, hat es kaum eine Reuerscheinung oder eine modische Reuausgabe in der Tagesliteratur gegeben, zu der er nicht wenigstens den Titel entworfen und eine Vignette gezeichnet hätte. Mit seinem Werk, das über dreitausend Blatt umfaßt, ist er der deutsche Hogarth und der Bild gewordene Aus­druck des achtzehnten Jahrhunderts geworden.

Wunderbar spielen Anlage und Vererbung in seiner Familie. Sein Vater war, obwohl Kunstenthusiast, Kaufmannn: Daniel Rikolaus, frühzeitig in der Miniaturmalerei unterrichtet, war dem gleichen Beruf bestimmt. Er lieh ihn und endete als Direktor der Berliner Akademie. Aber sein Sohn Wilhelm war so tief in die väterliche Form eingedrungen, dah der Vater des Sohnes Zeichnungen unbedenklich für eigene ausgeben konnte. Der Sohn starb wenige Jahre nach dem Vater, als wollte das Schicksal andeuten, dah das Jahrhundert und damit die große Zeit der berühmten Chodvwieckis abge- toufen sei.

Wegener-Gastspiel im Frankfurter Schauspielhaus.

Die faszinierende Gestaltungskunst Wege­ners zeigte sich auch diesmal wieder im schil­lernden Lichte dreier Abende. Der erste brachte Max Mohrs neues SchauspielRamper". Ein Flieger ist mit seinem Maschinenmeister nach Grönlands Eis und Schnee verschlagen. Keine Menschenseele weit und breit, nur er und sein treuer Gefährte Hausen in einem alten ver­lassenen Depot, mit Proviant reich versehen. Der Maschinenmeister stirbt, Ramper bleibt in der Eiswüste allein zurück: er will nicht sterben,

nehmens. Ich dachte zurück, als ich diese Worte I hörte, an die klirrenden SilbersPoren der Spahis I und an die sausenden Reitpeitschen schwarzer und weißer Franzosen.

Run sind sie fort, die Franzosen, aus unfern gesegneten Rheingaugebieten. Unsere Achtung haben sie nicht gewonnen, verstehen haben wir sie nicht gelernt und sie uns nicht. Fremd und fern sind sie uns geblieben, von uns geschieden in ihrem ganzen Wesen. Was in uns zurückgeblieben ist, das kann man wohl am besten als ein Gefühl gänzlicher Furchtlosigkeit be­zeichnen. Das sich noch mehrt in Erinnerung an manche Lächerlichkeiten gelegentlich der Jahr­tausendfeier. Diese Feier hatte die Franzosen ganz fassungslos gemacht. Ein seltsames Gemisch von dreister Ueberhebung, die noch die Straf­gewalt in Händen hat, und heilloser Angst vor dem riesenhaften Auswachsen deutscher Stimmung am Rhein, die die Franzosen bis dahin nur als Berliner Mache angesehen hatten, führte zu höchst komischen Ge- und Verboten. Da kommt ein großer Gesangverein aus Rordeutschland, singt Volkslieder.In einem kühlen Grunde", darin beginnt ein VersIch möcht als Reiter fliegen wohl in die wilde Schlacht". Muß gestrichen wer­den, ist Aufforderung zum Kampf! Auf einer alten Burg will man Hebbels Ribelungen auf­führen. Darf nicht sein. Begründung: es tritt der deutsche Held Siegfried auf mit einem großen Schwert. Das regt die Menge auf!

So gabs unendlich viele gleich merkwürdige Aktionen zur Dämpfung der angeblich von Berlin befohlenen deutschen Stimmung. Die Beispiele genügen. Man hat uns zu drücken, aber nicht zu imponieren verstanden.

Run sind die Engländer eingerückt. Sie kamen, breit, gelassen, ein wenig phlegmatisch, ein wenig anspruchsvoll. Aber das ist Völker- pshchologisch merkwürdig sie werden sofort menschlich angenehmer empfunden. Ihre Sauber­keit und ihre Straffheit fiel sogleich auf. Den alten Soldaten gefiel es, dah sie marschierten, stramm und schwer, wie wir einst. Wir mögen sie nicht leiden, aber wir fühlen uns ihnen doch wesensverwandter. Eine Dame, die einen eng­lischen Offizier im Quartier hat, erzählt mir, daß er alle zwei Tage badet. Das macht zwar viel Arbeit, aber immer noch besser als der vorauf­gegangene französische Offizier, der . . . Und der Engländer habe gute gediegene Sachen, bei dem Franzosen seien alle Schuläden leer gewesen. Ich kann von meutern Fenster in einen Kasernenhof blicken. Da werden sogar am Sonntag Tische und Bänke blitzblank gescheuert, die Franzosen verzichteten sogar an Alltagen gern darauf.

Das sind einige erste Cindrü de. Ich hüte mich, nach kürzester Beobachtungszeit mehr zu geben. Aber es ist sicher, dah nach der un­abänderlichen R i ch t a ch t u n g, mit der sich Franzosen und Deutsche begegneten, sich zwischen Engländern und Deutschen alsobald eine freund­lichere Atmosphäre gebildet hat.

Ich lese gerade Edward Greys Memoiren, ein lehrreiches Buch, das mit allem Scharfsinn die Kriegslegende vom kriegtreibenden preußischen Militarismus aufrechtzuerhalten sucht. Und ich erstaune erneut über die kalte Feindseligkeit der englischen Politik gegen Deutschland und den eiskalten Vernichtungswillen der englischen Di­plomatie. Gr bekennt: ohne England hätteDeutsch- land gesiegt. Und doch will heute der politische Haß nicht mehr lodern. Woran liegts? Daran, daß die Feindschaft und der Reid ein Verhängnis für beide Völker waren? Daran, daß im tiefsten Wesen Gemeinsamkeiten sind, die poli­tische Gegensätze auch wieder erlöschen lassen? Es sind offene Fragen. Wir wollen sie nach mög­licher Beobachtung zu beantworten suchen.

Jedenfalls ist es so, dah eine Politische Ver­ständigung mit England leichter und tiefer in völkische und rassige Gemeinsamkeit verankert wer­den könnte als eine Verständigung mit den romanischen Franzosen. Shakespeare und Dickens werden uns immer näher sein als Racine und Maupassant.

Aus dem Amtsverkündiguttgsblatt.

** Das Amtsoerkundig ungsblatt M. 10 vom 2. Februar enthält: Gewerbesteuer des Kreises Gießen. Die neue Fassung der Fünften Ausführungsverordnung zur Erwerbslosenfürsorge. Provinzialtagswahl 1925. Maul- und Klauen­seuche in Daubringen, Muschenheim und Rüddings- hausen. Feldbereinigung Gröningen. Dienst­nachrichten.

Oberhessen.

Landkreis Gießen.

Großen-Linden, 6. Febr. Die An­meldungen zur Dorfkirchen vor st eher- t a g u n g Hierselbst am Montag sind überaus zahlreich sowohl aus Hessen als auch aus Preu­ßen erfolgt, so daß mit einer großen Teilnahme zu rechnen ist. Die Gemeindeglieder rechnen es sich zur Ehre, in den Kirchenvorstehern ihre Mittagsgäste zu sehen: trotz der großen Anzahl der Gemeldeten haben sich fast mehr Einladun­gen gesunden als nötig waren. Es sei hier noch einmal daran erinnert, daß der Beginn deS Got­tesdienstes am Montagmorgen 1/2H tihr ist. Prälat D. Dr. Diehl hält die Predigt, tim V-3 ist Versammlung der Kirchenvorfteher in der zu diesem Zwecke überlassenen geräumigen Turn­halle.

h. Mainzlar, 6. Febr. Der hiesige Schaf- Händler und Landwirt Heinrich Kreiling und seine Ehefrau Elisabethe, geb. Kern, feiern in körperlicher und geistiger Gesundheit im Kreise ihrer Familie die goldene Hochzeit.

t Grünberg, 5. Febr. Der Bürger- Verein hatte für Mittwoch abend eine Haupt­versammlung einberusen, um eine Entscheidung darüber herbeizuführen, ob eine Statutenände­rung oder eine Vereinsauflösung statt­finden soll. Die Mitglieder waren erschienen. Es wurde einstimmig der Beschluß gefaßt, den Verein aufzulösen. Man ging dabei von der Erwägung aus, daß sich der Verein doch nicht politisch betätigen könne, weil alle Parteien in ihm vertreten sind, und daß ja auch die Mittel­standsvereinigung, die sich vor nicht allzu langer Zeit zu diesem Zwecke gebildet habe, der poli­tischen Seite Rechnung trage. Ferner wurde be­schlossen, den Kassenbestand, ungefähr 100 Mark, dem Verkehrsverein zu überweisen und den Mitgliedern zu empfehlen, diesem Ver­ein beizutreten. Zum Schluß dankte Direktor Angelberger Herrn Schweißguth für seine achtzehnjährige Tätigkeit als Vorsitzender.

is. Steinbach, 5. Febr. In der letzten Gemeinderatssitzung wurde die Anschaf- sung einer Kücheneinrichtung für die Mädchen fortbildungsschule nach schar­fer Debatte mit 10 gegen 2 Stimmen abge - lehnt. Ferner wurde beschlossen, das in diesem Winter gefällte Fichten- und Kiefern- stammholz mit Ausnahme der ©langen dem­nächst auf dem Submissionswege zu vergeben. Bei der gestrigen Brennholzversteige­rung im hiesigen Gemeindewald wurden Preise bezahlt, wie man sie bis jetzt nicht für möglich gehalten hat. Es kamen 2 Meter Buchenscheit bis zu 45 Mk., Buchenknüppel 36 bis 38 Ml., Buchenstock 18 bis 24 Mk., 50 Duchenwellen 20 bis 26 Mk., also mehr als das Dop­pelte der Vorkriegszeit. Die hohen Preise, die gerade für Buchenholz dieses Jahr bezahlt wer­den, kommen daher, daß infolge Windfalles mehr Fichtenholz geschlagen wurde, was am Buchen­holz in Abzug kam. Wenn man bedenkt, daß man heute für den Preis von 2 Meter Buchen­scheit 22 bis 25 Zentner Kohlen bekommt, diese aber beim Verbrauche zwei- bis dreimal so lange ausreichen, so kann man begreifen, daß bei dieser Versteigerung mancher seinem Holzofen den Ab­schied gab.

J_ 21 u s dem unteren Seental, 4. Febr. Wie so viele Nebenbahnen gehört auch die Strecke Mücke Laubach Hungen zu den stief- mütterlich bedachten Kindern der Deutschen Reichsbahngesellschast. Am meisten haben an dieser Strecke die Orte Stockhausen. Weickartshain und Freienseen unter den schlechten Reisemög­lich k e i t e n zu leiden. Abhilfe ist hier dringend am Platze. Hoffentlich schafft die Bahnverwaltung bald Anschlußmöglichkeiten an die Abendzüge von Gießen. .

:/: Utphe, 5. Febr. In den drei Gemeinden unseres Kirchspieles, Trais-Horloff, Utphe und Inheiden, die infolge ihrer kirchlichen Zu­sammengehörigkeit auch viele Berührungspunkte in schulischer Hinsicht haben, wurden im Laufe der vori­gen Woche auch die endgültigen Beschlüsse zur Ein­richtung des Kochunterrichts in der Mädchenfortbildungsschule gefaßt. In Heiden hatte von vornherein die Möglichkeit, seine Schülerinnen nach Hungen zu entsenden. Nun bot sich aber für alle drei Gemeinden eine weitere Lö­sung, nämlich gemeinsam eine Kochgelegenheit in dem neuerbauten geräumigen Konfirm anden-

nur vergessen, alles, was einst war. Rach 20 Jahren treffen wir Ramper als Q3arietenummer wieder. Er ist zum Tier geworden, als Tier hat man ihn in Grönland gefangen und das Artistenpaar Chvcolat zeigt ihn als gefühllos Menschen-Tier. Ein berühmter Arzt kauft ihn, will wieder einen Menschen aus ihm machen, es gelingt auch, aber Ramper will wieder zurück in seine Einsamkeit, wieder ein Tier unter Tieren werden. Die Frau des Arztes bekennt sich zu ihm, der Assistent, der ihm die Passage verwehrt, wird kurzerhand von Ramper erwürgt. Der letzte Akt spielt am Hafen. Sehnsüchtig verfolgt Ramper alle nach Rorden fahrenden Schiffe, er ist völlig mittellos, die Frau krank. Die gutmütige Artistenfrau, die durch Ramper reich geworden ist, bringt ihnen Geld. Jetzt könnte er fahren, auch die Frau will sich opfern, aber er hat den Ruf der Tiere vergessen, die Er­innerung ist zu stark an die Menschen, die Frau steht zwischen ihm und seiner Sehnsucht. Ur bleibt mit den Worten:Kann alles seine wahre Heimat nicht mehr finden... ~ie'5r Ramper in der Darstellung Wegeners abelt Die Dichtung Max Mohrs. - Der zweite Abend brachte Leonid Andrejews(SeDanfe , em Drama, das in die Tiefe einer menschlichen Tragödie vorstöht. Wohl ist im ..Gedanken das rein äußerliche Geschehen kraß und effett- haschend, aber das Problem, welches dem Drame zu Grunde liegt, hebt es auf ein höheres Wveaiu Ein Arzt und Forscher beschließt, an sich die Macht und Kraft des Gedankens 5" erproben, ein Experiment am eigenen Gehirn. Er will iur kurze Zeit den Wahnsinnigen spielen, un gespiel­ten Wahnsinn seinen Freund den Gatten der Frau, die er hoffnungslos hebt, totCT, man wird ihn freisprechen und er wird spater als vollkommen vernünftiger Mensch fern ^^en fort­sehen. Aber er überschätzt Die Kraft des Gedan­kens, er überschreitet Die Grenze, tote wert ist Der Wahnsinn nur gespielt? Sft

Hirn, das scheinbar ruhig dieses Experiment er­sinnt, schon krank? 3n der JrrenhauszeNe grü­

belt ein völlig Gebrochener Darüber nach, war die Tat schon Wahnsinn, wann hörte Der Wille auf zu wirken? Geistige timnachtung ist fein Los. In dieser Gestalt ward Wegener zum Er­lebnis, feine große Kunst ward unheimlich in Der alles Spiel vergessen machenden Verkörperung des Arztes. Das ganze Haus war im Banne feiner Darstellung, die die Grenzen zwischen Kunst und Wahrheit zu verwischen schien.

Der dritte Abend des Gastspiels brachte StrindbergsVater". Wir kennen diesen Rittmeister in Wienerischer Gestaltung, voll erschütternder Menschlichkeit zeichnet er eine in den Wahnsinn gehetzte Seele. Antonie Straß- mann, Die schon in den vorhergehenden Abenden auffiel stand ihm voll unsagbarer Grausamkeit als vollwertige Partnerin zur Seite. Erwähnt sei noch, daß das gesamte Wegener-Ensemble einen künst­lerisch geschlossenen Hintergrund für diesen wahr­haft tieberragenden der deutschen Schauspiellunst bildete. Richt endenwollender Beifall dankte Wegener für die starken Erlebnisse Der Abende.

L. W.

Uraufführung in Darmstadt.

Im Hessischen Landestheater fand Die tir- aufführung von Hans Francks Tragödie in drei AktenKanzler und König" statt. Es ist fein straff geformtes Drama, sondern die Hand­lung vollzieht sich in 9 Bildern: sie behandeln das tragische Schicksal des dänischen Kanzlers ©truenfee, der unter dem Willensschwächen König Christian VH. die Herrschaft des Landes an sich gerissen hatte und in Beziehungen zur Königin trat, aber von Christians Stiefmutter m Verbin­dung mit den Großen des Landes gestürzt und hingerichtet wurde. Francks Tragödie hat Vor­läufer in Struenses-Dramen von Michael Beer (einem Bruder des Komponisten Meyerbeer), Laube und Otto Erler: sie zeigt nicht das See­lenleben des Helden und vermochte nicht zu er­wärmen. Aus diesem Grunde errang Die Auf­führung, trotz ausgezeichneter Darstettung und Bühnenausstattung, nur einen Achtungserfolg.