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Nr. 253 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Dienstag, 5. Oktober (926

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Eichener Anzeiger

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Chefredakteur

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THynot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An- zeigenteil i. Dertr. H. Deck, sämtlich in Gießen.

Europäische Umgruppierung.

Dow D. Dr. Dr. I. V. Bredt, 0 Professor des Staatsrechts an der Universität Marburg, M.d.R.

lZs scheint, daß die jüngsten Ereignisse in Genf zu weiteren Folgen führen, als man bisher an» nahm. Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund war nach der Entwicklung der internationalen Be­ziehungen allmählich in das Stadium getreten, daß er zu einer europäischen Notwendigkeit wurde; da­her hat er sich auch jetzt in Genf ohne alle Schwie­rigkeiten vollzogen. Es kann aber kein Zweifel be­stehen, daß die Umstände, unter denen er schließ­lich erfolgte, ganz andere waren als die, unter denen er ursprünglich erfolgen sollte.

Der treibende Teil für einen Eintritt Deutsch­lands in den Völkerbund war England. Dieses ist nach dom Weltkriege keineswegs in die sichere Lage eines Siegers gekommen, sondern es hat sich sehr schwierigen Fragen gegenüber befunden. In Indien ist keine Ruhe eingekehrt, und immer be­drohlicher erhebt sich an der afghanischen Grenze das Gespenst des Bolschewismus. Rußland hat nach seinem ersten Mißerfolg in Polen sein Augen­merk auf Asien gerichtet, sowohl auf den Osten wie auf den Süden; und bei letzterem stößt es zusammen mit England. Ob es einmal zu wirklichen Zusammen­stößen kommen wird, muß die Zeit lehren. Aber England mußte sich vorsehen und aus dem Grunde alle Neibungsflächen im nahen Europa beseitigen. Aus dem Grunde betrieb der kluge englische Bot­schafter Discount d' A b e r n 0 n den Eintritt Deutschland in den Dölkerbund, und zwar anfäng- lick mit gutem Erfolge. Dann aber scheiterte der Plan an dem unerwarteten Einspruch Brasiliens. Dadurch änderte sich die Lage völlig. Es meldeten sich die Russen und mit ihnen kam jener Vertrag zustande, der Deutschland nach Osten hin wieder neue Beziehungen schafft, der aver Deutschland offensichtlich unbrauchbar macht als Werkzeug eng­lischer und anti-russischer Politik. England hat zwar äußerlich sein Ziel erreicht; Deutschland gehört dem Völkerbünde an. Der eigentliche Zweck aber ist ver­fehlt; Deutschland hat n i ch t optiert für Eng­land gegen Rußland!

Die kluge englische Diplomatie hat es ver­mieden, in Genf auf diese Fragen auch nur mit einem Worte einzugehen; sie Hot aber gehandelt. Sie hat mit einer gewissen Sorge gesehen, daß sich durch das Gespräch von Thoiry eine weitere Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich linbahnte und hat hier offenbar weitere Möglich­keiten gesehen. An sich dürfte diesem Gespräch keine sehr große Bedeutung beizumcssen sein, wie sich aus der unmittelbar darauf folgenden Rede von PoincarL ergibt. Es scheint aber, daß die englische Regierung aufmerksam geworden ist durch die etwas reichlich unkluge Reklame, die mit diesem an­geblichen deutschen Erfolge von der deutschen Regie­rung gemacht wurde. Jedenfalls mißt die englische Regierung zum mindesten den deutschen Absichten große Bedeutung bei und daraus erklärt sich ihr folgender Schritt.

Zwischen Chamberlain und Mussolini haben Besprechungen stattgefunden, deren Zweck nur in einem neuen Mittelmeerabkommen ge­funden werden kann. Gerade wegen des Gegensatzes mit Rußland in Indien muß England alles daran setzen, sich den Seeweg nach Indien offen zu halten; dieser aber führt durch das Mittelmeer. Ist Frank­reich dort fein Bundesgenosse, so ist genügende Deckung vorhanden; gerät aber Frankreich auf andere Bahnen, dann muß ein anderer Bun­desgenosse gesucht werden, und dieser ist nur in Italien zu finden. Eine Verständigung mit Italien ist aber auch noch aus einem ' weiteren Grunde geboten. Der Weg nach Indien führt auch durch das Rote Meer und an diesem liegt die ita­lienische Kolonie Erythrea, mit der England immer­hin zu rechnen hat. Daher ist eine solche Verstän­digung geboten, nicht nur für bas Mittelmeer, son­dern auch für das Rote Meer.

Italien wiederum hat ein Interesse an der Verständigung mit England, weil es einen star- len Bundesge.os.en sucht, der ihm garantiert, daß eine Bereinigung Deutsch-Oe st er reichs mit dem Deutschen Reiche nicht zustande kommt. Die Unterdrückung der Deutschen in Südtirol glaubt Italien sich erlauben zu dürfen gegen­über dem kleinen Oesterreich; es scheut sich aber, bem großen Deutschland gegenüber ähnlich auf­zutreten. Es fürchtet nun eine französische Zu- stimmung zu dieser Bereinigung und nimmt des­halb die englischen Pläne auf.

Wieweit nun die englisch-italienische An­näherung führen wird, bleibt abzuwarten. Es gt noch ungeklärt, ob England damit einver­standen ist^ daß Italien sich auch auf dem Ost- c ^?ten Meeres, in dem zur Zeit ziern- ^tenlofen fernen festseht; es ist nicht ausgeschwssen, daß an einem solchen selbständigen Italiens die Freundschaft sofort scheitert. Wahrscheinlich ist es aber nicht, denn beiden Teilen muh auch hier an einer Berständigung

.. fann aifo fein, daß eine neue eur 0 - b a 1 f d) e @ r u p b i e r u n g herauskommt, wobei englanb^tahen eine starke Macht darstellen tourbe. Deutschland würde dadurch zweisel- os weiter zu Rußland hingedrängt wer­ben Die Annäherung Frankreich-Deutschland vollen wir einstweilen nicht allzuhoch bewerten- fCIn- daß Frankreich schließlich allein ieht. Aber auch für Deutschland ist die Lage nicht ehr günstig. Das im Kriege wohlwollend neu» itale Spanien ist durch die Umstände unter Jenen sich der Eintritt Deutschlands in den -Völkerbund vollzog, gekränkt und steht uns nicht mehr sehr freundlich gegenüber. England stellt

polen bietet Rückgabe vanzigs an.

Ein Warschauer Versuchsballon. - Deutschland fordert Gesamtlösung des Ostproblems.

Warschau, 5. Off. (TU.) Die polnische amtliche Telegraphenagentur (PAT.) gibt ohne jeden Kommentar eine Meldung aus dem pariser BlattJournal de Jinance wieder, in der etwa folgendes gesagt wird: Danzig wird an Deutschland zurückgegeben. Polen und Frankreich stimmen dieser Rückgabe zu unter der Voraussetzung, daß Polen eine bedeutende Ent­schädigung dafür erhält. Auch die Zustimmung anderer Signatare des Versailler Vertrages sei wahrscheinlich. Deutschland müßte dafür verspre­chen, einen Druck aus Washington auszu­üben, damit sich diese mit einer für Frankreich zweckmäßigeren Revision des Schuldenabkommens einverstanden erkläre. Eine hiesige (Warschauer) Per­sönlichkeit, die gut unterrichtet sein will, erklärt zu dieser Meldung: von ernsten Besprechungen über eine eventuelle Rückgabe Danzigs könne noch nicht die Rede sein. Allerdings sei dieser Gedanke nicht ganz aus der Lust gegriffen, von einigen maßgebenden Persönlichkeiten der europäischen Po­litik sei ein solcher Akt tatsächlich ins Auge gefaßt worden. Man dürfe den Ursprung dieses Gedankens wohl auf Thoiry zurückführen, wozweifellos Stresemann in seiner Unterredung mit B ri- and dieses Thema angeschnitten habe". Briand habe wiederum mit Z a 1 e s k i, dem polnischen Außenminister, denselben Fall erörtert. Polens Stellung zu diesem plan sei wohl die, daß pilsudskl auf Danzig ohne Bedenken verzichten würde, um sich dadurch Deutschlands Freundschaft zu erkaufen, was ihm die Möglichkeit geben würde, Rußland gegenüber kräftiger oorzugehen.

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In Berliner politischen Kreisen hat man die von der PAT. verbreitete Meldung desJournal de Finance" außerordentlich be­achtet, weil man in dem Borgehen der PAT. den Versuch sieht, durch eine offiziöse polnische Stelle den Versuchsballon des reichlich unbedeu­tenden französischen Blattes erhöhte Beachtung zu sichern. Man verfolgt dabei zweifellos den Zweck, den Eindruck hervorzurufen, daß sich Deutschland finanziell stark genug fühle, außer den Verhandlungen über vorzeitige Räumung des Rheinlandes und des Saargebiets gegen finanzielle Opfer noch ein ähnliches An­gebot an die polnische Regierung über die Rück­gabe des Freistaates Danzig an Deutschland zu machen. Mit anderen Worten, es dürfte sich hier um einen ziemlich plumpen Versuch handeln, Deutschlands nur zu berechtigtes Argument, daß zusätzliche Bela st ungen über den Dawes­plan hinaus nicht tragbar seien, durch eine solche Tendenzmeldung wirkungslos zu machen.

Daß die PAT. diesen offiziösen Versuchs­ballon nur zu gern aufsteigen läßt, begreift man deutscherseits sehr gut, da es ja verständlich ist, wenn Polen die unhaltbare Korridorfrage auf seine Weise mit Behelfsmitteln zu lösen versucht. In Berliner diplomatischen Kreisen ist man dem­gegenüber aber der Ansicht, daß für Deutsch­land, so dringend es auch eine baldige Verbin­dung mit dem kerndeutschen Freistaatsgebiet wünscht, nur eine Gesamtbereinigung des unhaltbaren Ostgrenzproblems in Frage kommen kann, die sämtliche dem Selbstbestimmungsrecht der Völker widersprechen­den Bestimmungen des Versailler Vertrages über den Korridor Danzigs und Ostoberschlesien be­seitigen. Wenn das Vorgehen der PAT. die Bereitwilligkeit der polnischen Regierung zur In­angriffnahme derartiger Verhandlungen bekunden soll, wird Deutschland, das eine grundsätzliche

Verständigung mit Polen natürlich begrüßen würde, gern bereit fein, am Verhandlungs­tisch zu erscheinen.

Vie Ejsenbcchnobligatronen.

Die Ttclluttg dcö Weiszcn Hauses.

Paris, 4. Okt. (TU.) lieber die Haltung der Vereinigten Staaten zu einer Mobilisierung der deutschen Eisenbahnobligationen wird demNeu- york Herald" aus Washington weiter berichtet, daß die amerikanische Regierung die Mobilisierung der Obligationen voraussichtlich weder verbieten noch direkt dazu ermutigen werde. Es wird daran er­innert, daß Mellon ebenso wie Präsident C 0 0 l i d g e der Ansicht sei, die Zeit zur Derwer- tung der Obligationen sei noch nicht reif. Die amerikanischen Bankiers wollten jedoch in dieser Angelegenheit freie Hand haben. Die Regierung halte die Mobilisierung der Obligationen nicht für eine einfache Handelstransaktion, sondern für ein Ereignis auf dem Gebiet der internationalen Poll- tik, und Präsident Coolidge wünsche nicht, daß die amerikanische Regierung darin verwickelt werde. Der Berliner Korrespondent desJournal" teilt mit, in Washington feien bisher keine diplo­matischen Schritte unternommen worden, aber es sei sicher, daß sich Frankreich und Deutsch­land, bevor sie mit amerikanischen Finanzkreisen in Verbindung treten, sich zunäch st mit d e m Weißen Hause in Verbindung setzen würden.

Lhamberlsins Besprechungen.

Thoiry und die Begegnungen von Livorno und Paris.

London. 4. Okt. (TU.) Sir Austen Cham- be rlain har den Vertretern der Presse gleich nach feiner Ankunft Erklärungen über seine Begegnung mit Mussolini und Briand abgegeben. Er sagte u. a.: Die Unterredung zwischen mir und Musso­lini ist nichts anderes als eine Begegnung von Freunden und eine Begegnung von Außenministern. Wenn man in einigen Zeitungen unsere Unterredung als Gegengewicht zu der Unterredung zwischen Briand und Stresemann in Thoiry bezeichnet hat, so brauche ich kaum zu betonen, daß eine derartige Feststellung ein gänzliches Miß - verstehen unserer Beziehungen darstellt. Wenn die Begegnung zwischen Briand und Stresemann nicht ftattgefunben hätte, fo hätte ich mich trotz­dem mit Mussolini in Livorno getroffen. Es ist völlig irrig anzunehmen, daß Mussolini oder ich die geringste Eifersucht oder den geringsten Verdacht über die Begegnung zwischen den Außenministern von Deutschland und Frankreich hege. Derartige Ge­rüchte bedeuten ein völliges Mißverständnis der Politik von England und Italien. Chamberlain be­tonte, die Politik von England und Italien fei darauf gegründet, den Frieden zu erhalten und den Handel zu entwickeln im Interesse der wirtschaft­lichen Wiederherstellung der Welt.

In Paris habe er mit Briand eine Unter­redung gehabt und Briand habe ihm über die Un­terredung mit Dr. Stresemann berichtet. Ich brauche nicht zu betonen, daß kein neues Abkommen ge­schlossen oder projektiert wurde. Was in den neuen Unterredungen in Paris und Livorno vor sich ge­gangen ist, war eine vollständige und offenherzige sowie freundschaftliche Unterredung über die Pro­bleme, die uns alle interessieren. Ich möchte be­tonen, daß ich auf freundschaftlichem Fuß mit Dr. Stresemann stehe. Meine persönliche Ansicht ist, daß diese freundschaftlichen persönlichen Be­ziehungen zwischen den Außenministerv, die von Zeit zu Zeit erneuert werden, dem Frieden dienen. Unsere Länder sollten darüber zufrieden fein, wenn sie sehen, wie wir uns von Zeit zu Zeit treffen, ob­wohl sie nicht erwarten dürfen, daß die ganze Welt von Grund auf geändert wird, weil wir eine Un­terredung veranstalten.

seine Berechnungen ohne uns auf. Frank­reichs guter Wille ist noch sehr zweifelhaft. Es ist eine schwere Aufgabe unserer Diplomatie, hier Das deutsche Staatsschiff gut zu steuern.

Die Opposition bei den russischen Kommunisten.

Moskau, 4. Okt. (Telegraphenagentur der Sowjetunion.) Die Oppositionsführer Sinow­jew, Trotzki, Radek, Pjatakow, Smilga und Sapronow begaben sich trotz der Be­schlüsse der Kommunistischen Partei über die Unzulässigkeit von Diskussionen über die Partei in eine Moskauer Fabrik, um dort eine Diskussion einzuleiten. Die kommuni- strschen Arbeiter dieser Fabrik verurteilten aber in einer Entschließung das Auftreten der Op- positionssührer. Das Moskauer Komitee fordert das Zentralkomitee aus, gegen die Mitglieder des Zentralkomitees, die die Parteibeschlüsse ver­letzt haben, Maßnahmen zu treffen.

In zahlreichen Moskauer Betrieben fanden Massenversammlungen statt, in denen Resolu­tionen angenommen wurden, die das rationelle Auftreten der Opposition mit Sinowjew und Trotzki an der Spitze verurteilen.

Es heißt, man dürfe nicht überrascht fein, wenn in den nächsten Tagen bereitsscharfe Maßnahmen" gegen Trotzki, Sinowjew und andere erfolgen würden.

Vom Paneuropäischen Kongreß.

Wien, 4. Okt. (WTB.) Am Schluß der politischen Aussprache auf dem Paneuropäischen Kongreß begründete Reichstagsabgeordneter Dr. Mittelmann folgenden von ihm eingebrach­ten Antrag: Der erste paneuropäische Kongreß wolle die Einsetzung eines Ausschusses beschließen, der die Stage öer nationalen Minder­heiten zum Gegenstand eingehender Prüfung macht und auf Grund dieser Prüfung im Einver­nehmen mit der Interparlamentarischen Union und der Union der Völker­bundsligen genaue Vorschläge zur Sicherung des kulturellen Le­bens der nationelen Minderheiten in Europa ausarbeitet. Der Kongreß geht dabei von der Voraussetzung aus, daß ohne eine be­friedigende Regelung dieser Frage die paneuro­päische Bewegung bei der heutigen Führung der europäischen Grenzen nicht den gewünschten Er­folg haben kann.

Eeneraidirettor Vogler zur Wirtschaftslage.

Köln, 4. Okt. (Sil.) Als Aus klang des Parteitages der Deutschen Doltspartei fand am Montag unter außerordentlich starker Beteiligung aus dem ganzen Reiche eine Sitzung des In­dustrie- und Handelsausschusses der Partei statt. Der Vorsitzende des Ausschusses, Reichstagsabgeordneter Dr. Hugo begrüßte be­sonders die Minister Dr. Stresemann. Dr. C u r t i u s und Kröhne sowie den Staatssekre­tär Schmid vom Ministerium für die besetzten Gebiete. Generaldirektor Dr. V ö g I c r betonte, daß die Hauptaufgabe der Wirtschaft heute in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bestehe. Dazu sei eine Preissenkung auf «allen Gebieten erforderlich und mit allen Mitteln zu erstreben. Eine grundlegende Tatsache sei es, daß heute in der öffentlichen Meinung; sich bereits der Standpunkt durchgesetzt habe: Wenn man wirtschaften will, muh auch ein R u h- e f f e 11 da sein Der Redner stellte fest, daß es der Wirtschaft gelungen fei, die Voraussetzungen zu schaffen, von denen aus wir zu einer besseren, wirtschaftlichen Arbeit zu gelangen hoffen. Mehr als die Grundlage sei aber auch noch nicht da. Von einer Blüte der Wirtschaft, wie man etwa aus den Kursen erkennen könnte, könne keine Rede sein Wenn auf gewissen großen Gebieten zur Zeit eine starke Belebung eingetre­ten sei, so seien das in erster und letzter Linie die Auswirkungen des gewaltigen Streikes in England. Der Streik gehe aber einmal zu Ende. Der Kampf wird wceder beginnen und toerm wir nicht auf der ganzen Linie gerüstet sind, dann wird die hinter uns liegende Episode schwerer Zeit nicht die letzte gewesen fein. Man könne aber verzeichnen, daß die deutsche Industrie auf der ganzen Linie trotz verkürzter Arbeits­zeit eine bessere Arbeitsleistung habe als vor dem Kriege. Der Redner erklärte über ein in­ternationales Kohlenabkommen, daß man auf deutscher Seite vor Jahren versucht habe, zu einer internationalen Verständigung zu gelangen, daß aber die Engländer diese Verstän­digung abgelehnt hätten. Lieber den Abschluß des Stahltrusts äußerte sich Dr. Vogler opti­mistisch und gab der Ansicht Ausdruck, daß dieser Verständigung, aus der ein starker wirtschaft­licher Iinpuls entstehen werde, auch eine politische Verständigung folgen müsse.

Der Reichswirtschaftsrat.

Berlin, 5. Okt. Dem Reichskabinett wird heute der Gesetzentwurf über den endgülti­gen Reichswirtschaftsrat zugehmr. Die jetzt vorliegende Raffung unterscheidet sich nur in wenigen Punkten von den früheren Ent­würfen des Reichswirtschaftsmimsteriums. Die Zahl der Mitglieder soll etwa 130 betragen. Eine wesentliche Reuerung ist bie Einsetzung einer permanenten Kommission zur Dorberet- tung von Enqueten. Die in der Reichsverfassung vorgesehene Gliederung nach Dezirkswirtschafts- räten ist in dem Gesetzentwurf nicht enthallen. Der Reichswirtschaftsrat soll im weiteren Umfange als bisher in die Lage versetzt werden, feine Vorschläge und Bedenken vor dem Reichstag zu vertreten. Da der Gesetzentwurf in der jetzi­gen Fassung als verfasfungsändernd angesehen wird, bedarf es zur Verabschiedung -der Zwei­drittelmehrheit des Reichstages.

Die Untersuchung des Germersheimer Zwischenfalls.

Paris, 5. Okt. (WTB. Funkspruch.) Die Agentur Havas veröffentlicht in Bezug auf die Untersuchung des Germersheimer Zwischen­falls durch die deutschen und französischen Be­hörden folgende Auslassung: General © u i 11 a u- m a t, der Befehlshaber der französischen Be­satzungsarmee hat dem Kriegsminister wissen lassen, daß er den Berichterstatter des Kriegs­gerichtes von Landau aufgesordert habe, in der Germersheimer Angelegenheit als Zeugen den deutscherseits mit der Führung der Untersuchung beauftragten deutschen Beamten sowie die von ihm genannten Zeugen zu vernehmen. Dies fei die einzige Form deutsch-französischer Zu­sammenarbeit, die ins Auge gefaßt werden könne. Der Reichskommissar habe diese Formel angenommen. Die Angelegenheit fei nun­mehr eine rein gerichtliche und die Untersuchung werde alles berücksichtigen und absolut unpar­teiisch sein.

Ein neuer Zwischenfall in Neustadt a. d. Hardt.

Paris, 5. Okt. (WTB. Funtspruch.) Die französischen Blätter berichten von einem neuen Zwischenfall in Reustadt a d. H. Uebere in stim­mend melden die Zeitungen, daß am 4. Oktober ein deutscher Zivi 1 ist in einem Restaurant der Friedrichstraße mit einem französi­schen Unteros f izier vom 12. Fliegerregi­ment namens Audigu in einen Streit ge­riet, in dessen Verlauf der Deutsche den Fran­zosen mit einem Dolchstoß schwer verletzte.(Jour­nal1' gibt dazu noch folgende Einzelheiten: Der deutsche Zivillst, ein Kaufmann aus Reustadt und .früherer Offizier, trat an den Unteroffizier heran und zwang ihn, aus seinem Glase zu trinken. Darauf zeigte ihm der Deutsche einen Dolch und erklärte, daß er seine Frau töten wolle. Ohne jede weitere Erklärung stieß er darauf dem Unteroffizier den Dolch in die Herz­gegend. Darauf verließ der Deutsche das Lokal